Porträt

laut.de-Biographie

Screaming Trees

Wenn es ein Ranking der unterschätztesten Bands des Planeten gäbe, die Screaming Trees würden locker die Top Ten knacken. Wie viele andere Musikerkollegen konnten sie die Früchte ihrer Arbeit nie ernten, über den Status eines Geheimtipps kamen sie zu keiner Zeit hinaus, selbst wenn Mark Lanegan nach dem Ende der Band eine kommerziell erfolgreichere Karriere einschlug.

Im Kaff Ellensburg im Staate Washington, unweit der Metropole Seattle treffen sich die Gebrüder Van (Gitarre) und Gary Lee Conner (Bass) sowie Sänger Mark Lanegan an der örtlichen Highschool. Gemeinsame musikalische Vorlieben treiben das Trio zusammen. Nach Ende der Schulzeit gehen sie getrennte Wege. Gary startet unter seinem Kampfnamen The Butcher eine kurze Karriere als Wrestler. Bruder Van schnappt sich 1983 den Sänger Mark Pickerel und setzt Lanegan hinter die Schießbude. Gary Lee schließt sich den dreien nach kurzem Hin und Her an. Nachdem die beiden Marks die Instrumente tauschen, steht auch schon das Line Up der Screaming Trees; den Bandnamen klauen sie sich von einem Gitarren-Effektgerät.

Schon zu Beginn der Bandgeschichte machen sie mit zwei Sachen auf sich aufmerksam. Zum einen ist das ihr eigenwilliger stilistischer Cocktail aus Folk-Versatzstücken, Punk, 70er-Rock, Psychedelica. Zum anderen tragen sie ihre Zwistigkeiten lautstark und handfest untereinander aus. Eigentlich komisch, ruft man sich vor Augen, dass speziell Lanegan gegenüber seinen Bandmates einem Hungerhaken gleicht. Anscheinend macht er dies mit Agilität wieder wett, wenn er seiner Meinung Nachdruck verleihen will.

Zwei Jahre streichen ins Land, ehe die Trees ihr erstes Demo aufnehmen. Auf Initiative ihres Produzenten Steve Frisk erhalten sie einen Deal mit dem kleinen Label Velvetone Records, wo das Album-Debüt "Clairvoyance" 1986 erscheint. Im Vergleich zu späteren Werken klingt alles noch recht unausgereift und roh. Lanegans unverwechselbare Stimme hat noch nicht ihren vollen Umfang, was die Scheibe zwar nicht uninteressant macht, aber auch nicht allzu großartig. Ein Erstlingswerk eben.

Mit einem Album und Frisks Unterstützung im Rücken ergattern sie einen Vertrag beim SST-Label, das "Even If And Especially When" auf den Markt wirft. Mit diesem Release beginnen Screaming Trees ihre Ochsentour durch die Clubs. Der nächste Labelwechsel zu Sub Pop drängt die Band in die Nähe von Bands der nahenden Grunge-Explosion. Mit der EP "Change Has Come" geben sie dort ihr Debüt. Mit Grunge haben sie jedoch wenig bis gar nichts gemein. Textlich beschäftigen sie sich zwar auch mit den negativen Seiten des menschlichen Daseins, aber ihr musikalischer Background ist ein anderer als der von Soundgarden, Nirvana und co..

Das Verhältnis der Bandmitglieder entwickelt sich umgekehrt proportional zum wachsenden Bekanntheitsgrad. Prügeleien - oft unter heftigstem Drogeneinfluss - nehmen zu und belasten das Gefüge bis an den Rand der Auflösung. Um sich nicht der Gefahr auszusetzen, den anderen den Schädel einzuschlagen, trennen sie sich auf Zeit und arbeiten an verschiedenen Projekten. So nimmt Mark Lanegan sein erstes Soloalbum ("The Winding Sheet") auf, bei dem ihn Krist Novoselic und Kurt Cobain unterstützen, während die Conner-Brüder jeweils eigene Bands an den Start bringen (Solomon Grundy, Purple Outside). Die Zukunft der Screaming Trees bleibt weiter im Dunkeln, bis schließlich ein Angebot des Majors und Sony-Ablegers Epic ins Haus flattert und die Entscheidung etwas erleichtert, ob man zusammen noch weitermachen soll.

Bei der Produktion von "Uncle Anesthesia" steht ein gewisser Chris Cornell hinter den Reglern und kitzelt zum ersten Mal in der Bandhistorie alle Stärken der Trees heraus. Lanegan versucht nicht mehr, stimmliche Höhen zu erklimmen, sondern spielt gekonnt die Stärken seines heiseren und bluesigen Organs aus und verfeinert beatleske Harmonien, Punk-Elemente und Metalriffs der Instrumentalfraktion. Trotz des hervorragenden Materials und Majorlabel-Power gelingt ihnen der Durchbruch nicht. Geheimtipp Number One - auf diesem Status scheinen sie sich einzupendeln, auch wenn die Platte sich besser verkauft als alle vorangegangenen Veröffentlichungen. Van nimmt sich eine Auszeit während der er mit J. Mascis' Dinosaur Jr. als Tourbassist unterwegs ist.

Das Quartett rauft sich zwar wieder zusammen, um an einem Nachfolger zu basteln, Mark Pickerel hat die Schnauze aber voll und gibt den anderen den Laufpass. An seiner Stelle setzt sich Barrett Martin hinter die Schießbude. Mittlerweile ist mutiert Seattle zum Nabel der Musikwelt. Nach Nirvanas "Nevermind" scheint jede Band - und sei sie noch so untalentiert - einen Plattenvertrag zu erhalten. Der dazugehörige Szene-Film "Singles" mit Matt Dillon in der Hauptrolle folgt auf dem Fuße, Soundtrack inklusive. Auf ebenjenem ist auch die Nummer "Nearly Lost You" zu hören, die im Schlepptau des Filmes zu einem veritablen Hit heranreift. "Sweet Oblivion", aus dem der Track stammt, schwingt sich zwar zu einem mittelschweren Seller auf, aber auch die über ein Jahr andauernde Tour bringt Screaming Trees keinen entscheidenden Schritt vorwärts.

Erneut nehmen sie eine Auszeit. Lanegan nutzt die Zeit, sein zweites Solo-Werk aufzunehmen. Auf dem 1994er "Whiskey For The Holy Ghost" zelebriert er sein Lonesome Cowboy-Image mit ruhigen, balladesken Kompositionen. Drummer Barrett schlagwerkelt ein Jahr später auf dem Allstar-Album von Mad Season, einem Zusammenschluss von Seattle-Musikern ähnlich dem Temple Of The Dog-Projekt von 1991.

Erst drei Jahre nach Erscheinen des letzten Albums scheint die Zeit für neue Songs im Screaming Trees-Kontext reif zu sein. 1996 erscheint "Dust", aber auch diesem Album ist dasselbe Schicksal beschieden wie seinen Brüdern und Schwestern. Trotz hervorragender Kritiken und Lob von allen Seiten will der Großteil der Käuferschaft dem Vierer kein Gehör schenken. Daran ändert auch "All I Know" kaum etwas. Die Single läuft auf diversen Radiosendern hoch und runter, kurbelt die schleppenden Verkäufe jedoch nicht an.

"Dust" markiert den Schlusspunkt der Screaming Trees-Historie. Im Juni 2000 geben sie auf einem Konzert das Ende der Band bekannt. Posthum erscheinen noch zwei Sampler, von denen jedoch nur "Ocean Of Confusion" mit zwei unveröffentlichten Songs erwähnenswert ist. Mark Lanegan tüftelt weiter an seiner Solo-Karriere ("Scraps At Midnight", 1998; "I'll Take Care Of You", 1999; "Field Songs", 2001; "Bubblegum", 2004) und ist loses Mitglied der Queens Of The Stone Age. Pickerel nimmt mit der Band The Dark Fantastic zwei Alben auf ("The Dark Fantastic", "Goodbye Crooked Scrap"), die Conners verschwinden aus dem Rampenlicht.

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