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Ähnlich bescheuert wie Fredl Fesels humoresker Ausflug in das tragische Leben des Stachelschweins beginnt auch die Geschichte der Band Porcupine Tree 1987, auf deutsch: Stachelschweinbaum. Mastermind Steven Wilson, Jahrgang 1967, ist schon geraume Zeit in der britischen Musikszene unterwegs und hat gerade seinen ersten Plattenvertrag mit seiner Formation No-Man bei One Little Indian unterschrieben, als ihm aus einer Bierlaune heraus die Idee kommt, eine virtuelle Band ins Leben zu rufen.
Daraufhin kreiert Wilson eine fiktive Geschichte um die 70er Progrock-Band Porcupine Tree mit einer gefaketen Diskografie und biografischem Trallala. Im Alleingang spinnt er sich Musik zusammen, die er in Form einer Kassette mit dem Blödsinns-Titel "Tarquin's Seaweed Farm" ("Tarquins Seetang-Farm") verschickt. Die Kassette soll laut Info die verloren gegangenen Aufnahmen der 'legendären Band' enthalten. Eine Kopie dieses Tapes fällt in die Hände eines gewissen Richard Allen, der ein Fanzine namens Freakbeat vertreibt und gerade daran werkelt, ein eigenes Label (Delerium) aufzubauen. Am Ende bittet er Steven, einen Song ("Linton Samuel Dawson") für die Psychedelic Rock-Compilation "A Psychedelic Psauna" beizusteuern, die 1991 erscheint. Der Sampler ist - wie es sich für einen zünftigen Drogentrip gehört, in die Parts A, C, I, und D unterteilt. Laut Platteninfo sind an den Aufnahmen folgende Musiker beteiligt: Porcupine Tree (Guitar, Bass, Voice), Sir Tarquin Underspoon (Organ, Expanding Flan, Drums), JC Camillioni (Psychedelic Landscapes).
Wilson treibt es auf die Spitze, strickt die Geschichte weiter und veröffentlicht noch eine Kassette ("The Nostalgia Factory"), die in Insider-Kreisen die Runde macht. Schließlich landet die Band, die es eigentlich gar nicht gibt, auf Delerium und veröffentlicht die beiden Tapes als Debüt-Album unter dem Namen "On The Sunday Of Life" 1992. Die auf der Platte enthaltenen Songs und Kollagen erreichen - obwohl ursprünglich lediglich als Joke gedacht - ein künstlerisches Level, das mit seinen spacigen 70er Reminiszenzen weit über das hinaus geht, was viele Bands Zeit ihres Daseins zustand bringen. Ursprünglich nur in einer Winzauflage von 1.000 Kopien gefertigt, muss Delerium bald nachlegen.
Der über 30-minütige Monstertrack "Voyage 34", der noch im selben Jahr als EP erscheint, soll ursprünglich ein Vorbote des kommenden Albums "Up The Downstairs" sein, landet letztendlich aber nicht auf der LP, die einen weiteren Schritt in Richtung Perfektion des Porcupine Tree-Klangkosmos darstellt. Die humoresken Anflüge des Debüts verschwinden, an ihre Stelle treten elektronischere Einflüsse wie Acid-Beats und Synthie-Loops, die sich jedoch in die Rock-Elemente perfekt einbetten. Die Scheibe schlägt in Fankreisen ein und macht die Band auch darüber hinaus bekannt. Bislang war das Projekt Porcupine Tree identisch mit der Person von Steven Wilson. Da aber immer mehr Leute nach Live-Auftritten schreien, und Wilson selbst auch nicht ganz abgeneigt zu sein scheint, muss eine Band her, die diesem Namen auch gerecht wird. Colin Edwin (Bass), Chris Maitland (Schlagzeug) und Richard Barbieri (Keyboard) sind die Mannen, die die ersten Tree-Konzerte bestreiten.
"The Sky Moves Sideways" entsteht zwar zu einem großen Teil im Studio mit der ganzen Band, aber bis auf die Vorab-Single "Moonloop" wächst wieder einmal alles auf Wilsons Mist. Spacerock meets Ambient ist das Motto, mit einem 35-minütigen Titeltrack als zentralem Thema. Mit diesem Status ist weder Steven noch die Band zufrieden, und so machen sie sich bald nach der Veröffentlichung wieder an die Arbeit, um nach drei Alben endlich einmal ein Gemeinschaftswerk vorzulegen. "Signify" unterscheidet sich deutlich von seinen Vorgängern. Porcupine Tree verzichten auf halbstündige Mammut-Songs und abgedrehte Soundschnipsel, sondern lenken ihren Fokus auf eingängigere Strukturen, die deutlich deftiger auf den Punkt kommen als noch in der Vergangenheit. Dies kommt dem Live-Sound der Band weit mehr entgegen als die elektronischen Spielereien, die auf "Up The Downstairs" noch einen nicht unerheblichen Anteil ausmachten.
Auch wenn der neue Sound nicht bei allen alten Fans gleichermaßen gut ankommt, die Band als Einheit hat sich gefestigt, was nicht zuletzt die Live-Aufnahmen aus Rom beweisen, die unter dem Namen "Coma Divine" 1997 den Weg auf Platte finden. Mit "Stupid Dream" kommen endlich auch die deutschen Fans in den Genuss eines offiziellen Studiowerkes der Engländer, denn bislang sind ihre Platten lediglich als teure Importe zu haben. Der kompaktere Einschlag der Songs setzt sich auch auf diesem Output fort, auch wenn die Stücke nicht mehr ganz die Härte von "Signify" aufweisen. Auch "Lightbulb Sun" führt diese Tendenz fort. Träumerische, teilweise sehr melancholische Melodien treffen auf progressive Elemente. Stets von Stevens charismatischem Gitarrenspiel geprägt schwingen sich die Songs jedoch in Höhen hinauf, die den Hörer in andere Sphären entführen. Für Chris Maitland ist dieser Studio-Release der letzte mit der Band, denn 2002 nimmt er seinen Hut. An seiner statt setzt sich Gavin Harrison auf den Drums-Stuhl.
Porcupine Tree legen bei ihren Aufnahme-Sessions die Messlatte für die Tracks, die auf die Alben kommen, ziemlich hoch. Dass dabei der eine oder andere unter den Tisch fällt, ist nicht verwunderlich. Überraschend ist aber allemal, was die Combo 2001 als Überbleibsel präsentiert. Unter dem Titel "Recordings" werfen die Trees ganz nebenher erstklassiges Songmaterial auf den Markt, das aus den Sessions zu "Lightbulb Sun" und "Stupid Dream" übrig blieb. Viele andere Gruppen würden für solch eine qualitativ hochstehende Resteverwertung dankbar sein. Die Compilation "Stars Die" hingegen wirft einen Blick zurück und zeichnet die Anfänge nach. Ein dickes Booklet und die stilvolle Songauswahl lassen Abzocke-Rufe erst gar nicht aufkommen. 2002 vollzieht sich auch erste Line Up-Wechsel; für Chris Maitland steigt Gavin Harrison ein.
Mittlerweile sind PT bei Warner und dessen Sublabel Lava gelandet. Mit dem ersten Album für den Major ("In Absentia") präsentiert sich der ehemalige Witz in Band-Form in absolut professioneller Verfassung. Wunderbar rockige Songs verbinden sich mit Balladeskem zu einem wahrhaftigen Feuerwerk des Prog-Rock. Erstaunlich, dass der Band trotz der Umtriebikeit die Kreativität nicht auszugehen scheint.
Nach den Touren zum Album nutzt Steven Wilson die Zeit, um Aufnahmesessions mit dem Israeli Aviv Geffen zu mastern. Zwischen 2001 und 2003 entstehen zehn Songs, die unter dem Projektnamen Blackfield im August 2004 auch in Deutschland das Licht der Welt erblicken, nachdem das Album in Israel zu diesem Zeitpunkt bereits Goldstatus besitzt. Die beiden Musiker treffen sich zum ersten Mal in Tel Aviv, als Porcupine Tree auf Einladung Geffens in der israelischen Hafenstadt spielen. Das Duo sitzt aber nicht nur im Studio herum und pfriemelt an Songs, sondern geht auch auf Tour. Im Januar 2005 erscheint bei Snapper die PT Live-Scheibe "Warszawa". Zuerst nur auf der offiziellen Homepage erhältlich, steht das Album jetzt auch in normalen Plattenläden.
Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach "In Absentia" legen Porcupine Tree die Messlatte wiederum höher und veröffentlichen mit "Deadwing" ein Meisterwerk. Weniger verspielt, härter als alle Alben davor und straighter nach vorne abgehend, präsentieren sich PT Anno 2005. Die sich anschließende Tour durch Deutschland avanciert zur erfolgreichsten der gesamten Bandgeschichte. Die meisten Dates sind ausverkauft, der Laden brummt und endlich erhalten PT auch hierzulande die Aufmerksamkeit, die sie schon lange verdienen.
Auf ebendieser Tour lässt die Band bei zwei Konzerten in Chicago die Kamera laufen. Das Ergebnis erscheint als erste DVD der Bandgeschichte unter dem Namen "Arriving Somewhere ..." im Herbst des Jahres. Die Aktivitäten rund um Porcupine Tree sind für das Jahr 2006 aber noch lange nicht zu Ende. Im Sommer erscheint nach langem Warten endlich die überarbeitete CD/DVD von "Stupid Dream", das in der alten Auflage schon lange vergriffen ist und für die Verkäufer auf Ebay unverschämt hohe Preise forderten. Zudem stehen weitere Live-Dates auf dem Programm. Bei diesen Konzerten bestreitet die Band die Hälfte der Spielzeit mit brandneuem Material. Nebenbei kündet Wilson mit dem schlicht "II" betitelten Werk ein weiteres Blackfield-Album an. Er kann den Hals anscheinend nicht voll bekommen - zum Glück für seine Fans.
PTs neues Label Roadrunner kündigt den Release des nächsten Album "Fear Of A Blank Planet" für den 19. April an. Die Tracklist gerät äußerst kurz, denn lediglich sechs Songs befinden sich auf dem Werk. Deren Spielzeit pendelt sich jedoch zwischen fünf und 17 Minuten ein. Sie gehen vertrackter denn je vor. Eingängige Songs, die sofort im Ohr hängen bleiben, sucht man vergebens. Aber Porcupine Tree waren noch nie dafür bekannt, leicht verdauliche Kost auf den Hörer loszulassen. Neben King Crimson-Saitenhexer Robert Fripp ist Rush-Gitarrero Alex Lifeson im Studio zu Gast und steuert ein Solo für den Song "Anesthetize" bei.
Da Wilson außer arbeiten scheinbar nichts zu tun hat, fummelt er mit seinen Kollegen vier Songs zusammen, die thematisch nicht zu "Fear Of A Blank Planet" passen, aber in derselben Session entstehen. So erscheint Ende September die EP "Nil Recurring" via Mailorder, ehe sie im April 2008 auch offiziell im Laden zu haben ist. Kurz darauf ist über den Bandeigenen Shop noch die Akustik-Radioaufnahme "We Lost The Skyline" zu haben, ehe dann endlich der langersehnte Re-Release von "Lighbulb Sun" ins Haus steht.
Auf die faule Haut legt sich Wilson dennoch nicht. So erscheint Ende des Jahres 2008 zum ersten Mal ein Solo-Album unter seinem eigenen Namen. Derweil er Aviv Geffen auf dessen erster Solo-Tour begleitet, laufen bereits die ersten Sessions für den Nachfolger von "Fear Of A Blank Planet". "The Incident" heißt das gute Stück und erweitert den musikalischen Horizont noch etwas mehr. Was da wohl noch so kommen mag?
Nach der Tour zum Album wird es jedoch ruhig um Porcupine Tree. Wilson veröffentlich sein zweites Solo-Album "Grace For Drowning" und geht damit ausgiebig auf Tour. Eigentlich waren danach neue Aufnahmen mit PT angedacht, die der Bandleader jedoch zugunsten seiner Solo-Karriere verwirft und stattdessen gleich an seinem nächsten Werk arbeitet, das er mit seiner Live-Band in Los Angeles aufnimmt. Porcupine Tree wandern somit in den Winterschlaf.
Steven Wilson über "Grace For Drowning" und das Bombardement im 21. Jahrhundert.
Die Opeth-Fangemeinde hat ihren Schuldigen gefunden. Steven Wilson wars, der Mikael Åkerfeldt zu einem Stilwechsel animiert hat. Was der Gute sonst noch zu sagen hatte, verriet er uns vor seinem Gig in der Münchner Muffathalle.
Da Steven Wilson ein sehr umgänglicher Zeitgenosse ist, der sich gerne auf Plaudereien einlässt, dachte ich mir, dieses Mal wird improvisiert. Ohne Zettel oder vorformulierte Fragen setze ich mich mit dem Multiinstrumentalisten und Porcupine Tree-Mastermind zusammen, um lose über das zweite Solo-Album des Musikers zu reden.
Gab es eigentlich so etwas wie einen Masterplan, wie dein zweites Solo-Album klingen sollte?
Es gab ein paar Sachen, die ich einbringen wollte. Ich wollte mehr Jazz drin haben. Ich wollte, dass Jazzmusiker Rockmusik spielen. Ich bin ja ausgesprochener Fan der frühen 70er und den ambitionierten experimentellen Alben und Musik dieser Zeit. Und genau in dieser Zeit spielten Jazzmusiker und klassisch ausgebildete Musiker zum ersten Mal Rock und das macht das so speziell. Denk mal an Robert Fripp, Bill Bruford von Yes oder Jeff Beck und Jimmy Page. Die hatten einen Blues, Jazz oder Klassik-Background. Die sind nicht mit Rock'n'Roll aufgewachsen; ok, mit Elvis vielleicht. Das war der Nährboden für eine wundervolle Verschmelzung. Ein großes Problem der heutigen Rock- und Pop-Musik ist, dass Musiker zum Beispiel mit Led Zeppelin groß werden und dann so spielen wie Led Zeppelin oder Black Sabbath. Diese wunderbare Mischung der damaligen Zeit entstand ja, weil diese Typen nie zuvor Pop- oder Rockmusik gespielt haben. Die sind mit Jazz-Tonleitern groß geworden und haben gelernt, wie man Blues, Jazz oder Klassik spielt.
Meine Intention war deshalb, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die außerhalb der Rockmusik stehen. Nimm zum Beispiel den Schlagzeuger. Ein Jazz-Drummer spielt ganz anders wie ein Rock-Drummer. Einem Rock-Schlagzeuger geht es hauptsächlich darum, den Beat und den Groove zu halten, die Jazzer denken nicht so. Die meinen, sie wären nur da, um die ganze Zeit Soli zu spielen. Das ist großartig, denn das kreiert dieses schöne gegensätzliche Eigendynamik, die du mit einem Rock-Drummer nicht bekommst. Das war mein Hauptanliegen. Daneben hab ich einfach neue Songs geschrieben, so wie immer.
Kannst du dann vielleicht verraten, warum du die Musik auf "Grace For Drowning" auf zwei CDs verteilt hast, denn wenn man nur ein bisschen gekürzt hätte, hätte ja alles auf eine einzige CD gepasst.
Das war nicht mein Ansatz. Ich wollte eine zufriedenstellendes Hörerlebnis erschaffen. Viele der Klassiker-Alben aus der Vinyl-Ära hatten ein natürliches Limit von ca. 40 Minuten. Das ist kein Zufall, denn es gibt eine gewisse Aufmerksamkeitsgrenze für den Verstand, sich für eine bestimmte Zeit auf Musik konzentrieren zu können. Es scheint so, dass das ungefähr 40 Minuten sind, also ungefähr zwei Seiten einer Schallplatte. Nach dieser Zeitspanne ist es vollkommen egal, wie gut ein Album ist, da geht die Konzentration flöten. Ich habe das wirklich so konstruiert. Ich hatte viel Material, das mir auch gefallen hat, aber ich wollte es so halten. Ich hätte es auch auf eine einzige gigantomanische CD quetschen können, aber das wäre doch eher ermüdend geworden. Jedes der zwei Alben hat ja einen eigenen Titel und eine eigene Atmosphäre, einen eigenen Aufbau und ist auch für unterschiedliche Stimmungen gedacht.
Also quasi so lange wie eine Unterrichtsstunde in der Schule?
Sozusagen. Für mich sind das einfach zwei Alben in einer einzigen Verpackung.
Filme waren und sind eine große Inspiration für mich. Da gibt es ja auch einige Referenzpunkte. Der Songtitel "Belle De Jour" ist ja der Name eines Luis Buñuel-Films. Solche Bezugspunkte tauchen immer wieder auf, speziell im Artwork, aber auch in der Musik.
Auf der Blu Ray-Disc des Albums sind einige Filmchen als Untermalung im Menü zu sehen, die wirklich etwas sehr Verstörendes und Erschreckendes haben. Wie bei einem Horrorfilm.
Ich würde eher Geisterfilm sagen. Für mich sind Geister-Sachen viel erschreckender als wenn Blut spritzt und Körperteile durch die Gegend fliegen. Das hat man doch alles schon gesehen. Anders sieht das beim Unbekannten aus, beim Gespenstischen, Geisterhaften, beim Grauen, was an der nächsten Ecke lauert. Ich denke da am ehesten an die asiatischen Horrorfilme. "Ringu" und all die fantastischen Filme transportieren diese Stimmung perfekt.
Hattest du im Vorfeld eigentlich geplant, dass dein zweites Album anders klingen muss als dein erstes?
Es wäre ja komisch, ein Solo-Ding zu machen, wenn es sich nicht von dem unterscheiden würde, was ich mit Porcupine Tree, No Man oder Blackfield mache. Aber ich muss das nicht zu sehr intellektualisieren, denn das passiert automatisch, wenn ich alle Facetten meiner musikalischen Persönlichkeit heraus lasse. Das ist bei meinen Solo-Projekten der Fall, sonst aber nirgends, denn bei all den anderen Sachen schreibe ich für eine bestimmte Gruppe von Musikern und weiß auch, was diese mögen oder gerne spielen.
Ich habe in meiner Review geschrieben, dass wieder Leute geben wird, die vermeintlich zu wissen glauben, wie ein Steven Wilson-Album zu klingen habe, und dass die sich sicher wieder beschweren werden.
Es gibt immer Leute, die sich beschweren. Was ich schon vor langer Zeit bemerkt habe ist, dass du nicht alle Fans zufrieden stellen kannst. Das geht einfach nicht. Jeder entdeckt die Musik mit einem anderen Album und das wird immer das spezielle Album bleiben. Das war einfach die Platte, bei der es geklickt hat. Sei es "Stupid Dream", "Signify" oder "In Absentia". Man kann das später nicht mehr genauso hinbekommen, also habe ich beschlossen, es gar nicht erst zu versuchen. Der andere Punkt ist, dass jeder seine Meinung äußert und diese als objektive Tatsache hinstellt. Wenn du ein Album machst und jemand sagt, dass das kacke wäre. Das ist ok, aber es ist eben einfach nicht sein Ding, aber allzu oft stellt so jemand seine Meinung als Fakt hin. Das ist doch das gleiche, wie wenn ich jemanden fragen würde, was er vom neuen Metallica-Album hält und er sagt "Oh, das ist wirklich scheiße". Ja, es ist scheiße (lacht), aber ich will auf etwas anderes hinaus. Ich habe aus Fanreaktionen gelernt, dass jeder mit einer anderen Erwartungshaltung an eine Platte heran geht, zum Beispiel mag vielleicht jemand den Jazz-Aspekt der neuen Scheibe ganz und gar nicht.
Der nimmt aber doch gar nicht einen so großen Raum ein.
Nein, aber manche fühlen sich davon wirklich persönlich beleidigt. Der Punkt ist aber, dass ich nichts falsch oder einen Fehler gemacht habe. Manche stellen es aber so hin, als wäre das der Fall. Man muss sich eben von dieser Erwartungshaltung lösen. Das ist einfach Krach. Das ganze Internet ist voll mit dieser Art Krach.
Das brauchst du mir nicht zu erzählen.
Überall. Auf Fanforen, bei Amazon-Reviews ...
Liest du das wirklich?
Nein. Jedermann auf der ganzen Welt hat eine Meinung, kann diese äußern und andere lesen das dann. Das ist der große Unterschied zu früher, als Journalisten die einzigen waren, die ihre Meinung veröffentlichen konnten. Heutzutage ist jeder ein Musikjournalist. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so toll ist.
Meinungen sind wie Arschlöcher ...
Und jeder hat eine ... das sagt man auch im Englischen. Ich weiß ja, wovon ich rede, ich war ja selbst Musikjournalist und habe Reviews geschrieben. Man neigt einfach dazu, die eigene Meinung als Tatsache hinzustellen.
Wir machen noch einen zweiten Teil im neuen Jahr und besuchen Orte, wo wir noch nicht vorbeigekommen sind. Die amerikanische Westküste, Mexiko, Israel, Italien, Spanien, Skandinavien. Im neuen Jahr erscheint ein Kollabo-Album mit Mikael von Opeth. Das wird der nächste große Release und danach habe ich dann hoffentlich Ideen für das nächste Porcupine Tree-Album.
Du hast ja beim letzten Opeth-Album mitgearbeitet.
Ich habe den Mix gemacht.
Ist schon komisch mit denen. Die Weise, wie sie sich weiterentwickeln, ähnelt dem, wie du Musik angehst, schon sehr.
Mikael ist einer meiner besten Freunde. Wir spielten uns unsere neuen Songs vor und wir haben uns gegenseitig immer ermutigt, noch weiter zu gehen.
Ich musste beim Hören der neuen Opeth-Sachen innerlich kichern, denn der Ansatz ist ja ähnlich, nicht allzu viel darauf zu geben, was Hardcore-Fans denken könnten.
Es gibt viel zu wenig Musiker im 21. Jahrhundert, die bereit sind, ein Risiko einzugehen. Wenn dem so wäre, wäre die Musikszene in einem besseren Zustand. Mir kommt es oft so vor, als ob viele Bands drei oder vier Jahre brauchen, um ein Album einzuspielen, das genauso klingt wie das, was vorher veröffentlicht haben. Viel hat damit zu tun, dass sie ihr Standing nicht aufs Spiel setzen und ihre Hardcore-Fans nicht enttäuschen wollen. Meine Definition eines richtigen Künstlers bedeutet, dass man Musik für niemanden anderen macht als für sich selbst. Kunst ist etwas sehr Selbstsüchtiges, Entertainment hingegen nicht, aber das ist ja etwas ganz anderes. Mikael ist kein Entertainer. Es gibt großartiger Entertainer, die sich danach richten, was die Öffentlichkeit von ihnen verlangt und geben ihnen genau das - Robbie Williams, Madonna oder wer auch immer. Künstler hingegen sind eher egoistische und isolierte Personen, die auch ihren Status aufs Spiel setzen, um ihre eigene Kunst weiterzuentwickeln.
Und nichts anders macht Mikael. Und weil seine Arbeit so gut ist, wird er immer die meisten Fans mitnehmen. Natürlich werden es einige hassen und den Tod der Death Metal-Opeth bejammern, aber Mikael ist jetzt 37 und hat drei Kinder. Ich finde es ein bisschen armselig, Slayer zuzusehen, wie sie mit 50 immer noch Songs über Dr. Mengele spielen. Es klingt vielleicht hart, aber die musikalische Entwicklung ist gleich null.
Ich glaube aber kaum, dass sie sich selbst als große Künstler ansehen.
Wahrscheinlich nicht. Das ist wohl eher so etwas wie AC/DC, die auf Tour nie ihre Setlist ändern, und vielleicht wollen das ihre Fans ja gar nicht.
Ich hab mich auch gefragt, worin der Witz liegt, anderthalb Jahre lang jeden Abend die gleiche Setlist zu spielen. Da muss man doch blöde werden.
Ich würde definitiv verrückt werden. Das widerspricht der Idee, kreativ und künstlerisch tätig sein zu wollen.
Vielleicht ist das ja eine neue Kunstform?
Ha ha, ja genau, Konzeptionskunst. Minimalismus, Minimale Entwicklung. Aber es gibt ja für alles einen Platz in der heutigen Welt. Aber schau dir doch einmal David Bowie an, die Beatles, Pink Floyd oder Led Zeppelin, diese Künstler haben ihren Sound von Album zu Album immer wieder neu definiert und hatten keine Angst davor, das zu tun. Die allermeisten ihrer Fans haben das mitgemacht. So entwickelt sich Musik weiter und bleibt lebendig. Ich habe Mikael Beifall geklatscht für seine Entscheidung, das Risiko einzugehen.
Also dürfen enttäuschte Opeth-Fans dir die Schuld geben?
(lacht) Ja.
Mir läuft die auch besser rein. Ich bin kein Fan von Growls.
Ich denke, er wird damit viele neue Fans finden. Das Problem dabei ist, dass du bei so etwas immer einige Hardcore-Fans verlieren wirst. Gleichzeitig wirst du einige neue hinzu gewinnen, weil du eben was Neues gemacht hast.
Du arbeitest seit einigen Jahren fest mit Lasse Hoile zusammen, der für das komplette Artwork verantwortlich zeichnet. Wie bindest du ihn in deine Arbeit ein?
Das fängt schon relativ früh an, bereits beim Schreiben der Stücke. Wenn ich Demo-Versionen habe, schicke ich sie ihm und teile ihm mit, welche visuelle Idee ich damit verbinde. Wir bereden das dann und kommen meist mit Ideen an, die auf Filmen des europäischen Kinos beruhen. Daraus entwickelt sich meist eine Konzept, das Lasse dann umsetzt. So einfach. In neun von zehn Fällen kommt er mit etwas an, dass passt. Wir haben so eine starke Verbindung, dass es meist beim ersten Mal schon stimmt. Eine fantastische Situation für mich.
Eine art Symbiose
Ich denke schon. Ich hoffe, irgendwann läuft es auch einmal andersrum. Wenn Lasse mal einen Film machen sollte, würde ich gerne die Filmmusik dazu schreiben.
Ist da schon was spruchreif?
Es ist unglaublich schwierig, einen Film zu machen. Es ist einfacher von meinem Standpunkt aus, weil ich als Musiker schon etabliert bin, aber Lasse gefällt es, am Artwork für die Special Editions und den Booklets zu arbeiten und die Fans mögen es auch.
Wenn ich mir das Artwork deiner Scheiben so anschaue, frage ich mich immer wieder, welche Dämonen dich denn so quälen.
Was sind meine Dämonen? Hm ... du kannst das in meiner Musik hören. Meine inneren Dämonen treibe ich mit meiner Musik aus.
Wirklich?
Ich bin eine sehr glückliche Person. Leute sind oft überrascht, denn sie denken, ich wäre unglücklich und depressiv.
Bislang kamst du mir nicht unbedingt so vor
Dir nicht, aber Leute, die mich zum ersten mal Treffen, denken, ich sei manisch, wenn sie meine Musik und die Texte hören. Aber das bin ich gar nicht, weil ich all das Negative in meiner Musik verarbeite. Ansonsten hab ich die gleichen Probleme wie jeder andere auch. Unsicherheit, was Beziehungen anbelangt, Melancholie, Furcht, Paranoia, Stress ... Der Albumtitel "Grace For Drowning" kommt von diesem Gefühl des Ertrinkens im 21. Jahrhunderts und der Geschwindigkeit des Lebens. Ich bin auf der Suche nach einem Platz, wo man in Frieden leben kann in dieser übersättigten Informations-Welt. Das war die Idee hinter dem Album, einen Freiraum der Stille zu finden in all diesem Bombardement. Wir werden ja tagtäglich bombardiert mit Nachrichten, Politik, Wirtschaft, Technologie, Pornografie und Musik. Was auch immer es ist, es gibt von allem zu viel. Man wird ständig zugebombt und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Es wird immer schwieriger aber auch immer wichtiger, in all dem eine Oase zu finden, wo man so etwas wie Frieden für sich selbst findet und den ganzen Bullshit draußen lassen kann. Darin geht es mir in dem Album.
Es war übrigens das erste, das ich außerhalb einer Stadt geschrieben habe, ich bin nämlich vor zwei Jahren aus London raus gezogen. Es ist großartig. Ich schau aus meinem Fenster und sehe Bäume, Pferde und den Fluss, Kühe etc. Wenn ich früher rausgeschaut habe, war da nur die Vorstadt, Menschen, Autos. Ich denke, das hört man dem Sound auch an.
Steven Wilson über 'beschissene' Formate und das erste Album unter seinem Namen.
Mit dem Israeli Aviv Geffen verbindet Steven Wilson eine jahrelange enge Freundschaft, die über das gemeinsame Musizieren in der Band Blackfield hinaus geht. So ist es für ihn selbstverständlich, seinen Kumpel bei dessen erster Solo-Headliner-Tour durch Europa auf der Gitarre zu begleiten.
Da Wilson gerade unterwegs durch die Land zieht, bietet es sich auch an, über sein neues Baby zu sprechen, nämlich über das erste Album unter seinem eigenen Namen. Zu diesem Behufe trifft man sich im Münchner Ampère-Club zum lockeren Plausch.
Wilson veröffentlicht jedes Jahr mindestens ein Album. Entweder mit seiner Hauptband Porcupine Tree oder unter dem Namen eines seiner Projekte. Nebenbei produziert der schmächtige Tausendsassa zahlreiche Bands, ist immer wieder live zu sehen und scheint auch sonst kein Leben abseits der Musik zu besitzen. Zumindest kommt einem das in den Sinn, wenn man das Schaffen des Engländers etwas näher verfolgt.
Aviv ist auch ein politischer Aktivist. Beeinflusst das deine eigene Arbeit in irgendeiner Art?
Im politischen Sinne? Nein. Der Grund, warum die Zusammenarbeit mit Aviv so gut funktioniert ist, dass wir so unterschiedlich sind. Er ist ein Pop-Star im traditionellen Sinne. Sehr charismatisch und energiegeladen. Ich bin da eher der Musiker und kümmere mich weniger um Image und solche Sachen. Wir bewundern uns gegenseitig für die Eigenschaften, die wir jeweils nicht besitzen. Das bezieht sich auch auf das Politische. Ich bin in einem sehr behüteten Umfeld aufgewachsen, ohne große politischen Turbulenzen. Das war also nie Teil meiner Geschichte. Sicher habe ich meine Ansichten über die Situation im nahen Osten. Aber es liegt mir nicht im Blut, dieses Bedürfnis zu kämpfen, ich bin eben einfach nicht in dieser Umgebung aufgewachsen. Wenn ich in Israel geboren wäre, bin ich mir sicher, dass das dann anders wäre. Aviv und ich unterscheiden uns da, ergänzen uns aber auch.
Du begleitest Aviv auf seiner ersten Solo-Tour durch Europa. Hierzulande hat er bislang sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, er war sogar im Fernsehen. Ist es nicht schade, dass er hauptsächlich aufgrund des Krieges im Gaza-Streifen für die Medien interessant ist?
Ja, stimmt, aber niemand kauft deswegen seine Platten. Um aber eine Persönlichkeit in den Medien zu sein, musst du jede sich bietende Möglichkeit wahrnehmen, dich in Szene zu setzen. Bislang hat er - nicht zuletzt aufgrund des Krieges - einige tolle Presse-Reaktionen bekommen. Man kann jetzt zwar sagen, dass der Grund unglückselig ist, aber das bedeutet für das nächste Mal, wenn er seine Platte veröffentlicht, kennt man seinen Namen. Das kann ja den Unterschied ausmachen, dass Journalisten sich seiner annehmen. Das ist wohl Teil des Spiels mit den Medien, einen Namen bekannter zu machen. Deshalb wechseln wohl auch viele Leute, die sich im Reality TV rumtreiben, ins Pop-Business. Man kennt eben ihre Namen. Paris Hilton oder ... Aviv Geffen ... oh nein, ich sollte die zwei wohl lieber nicht miteinander vergleichen, Aviv hat wenigstens Talent. (lacht)
Kommen wir auf dein Album zu sprechen
Oh ja genau, mein Album. Ich bitte darum.
Beschreibt der Name "Insurgentes" (span. für 'Rebellen', Anm. d. Red) dich selbst?
Lass mich ein wenig ausholen. Das Album entstand an verschiedenen Orten. Als es darum ging, ein Solo-Album aufzunehmen, wollte ich daraus eine Art Road-Trip machen und Länder besuchen, wo ich entweder noch nicht war oder wo ich nicht genug Zeit verbracht habe. Eines dieser Länder war Mexiko. In Mexiko City waren wir einmal für zwei Tage, und was ich dort in der kurzen Zeit gesehen habe, hat mich fasziniert. Ich habe mich in die Stadt verliebt wie ich mich vor einigen Jahren in Tel Aviv verliebt habe. Durch Mexiko City verläuft diese Straße, die "Avenida De Los Insurgentes", ich glaube, es ist die längste Straße der Welt. Und wann immer du dich durch Mexiko City bewegst, liest du dieses Wort: "Insurgentes". Auf Bushaltestellen, Bahnhöfen, Straßenschildern, diese Straße ist einfach eine der größten Orientierungshilfen in der Stadt. Irgendwann hat sich das in meinem Kopf eingebrannt.
Ich bin zwar nicht wirklich ein Rebell, aber die Art, wie ich Musik mache und wie ich mich innerhalb der Musikindustrie positioniere, ist schon unkonventionell. Ich war nie Teil des Mainstreams, ich habe nie Musik gemacht, um jemandem zu gefallen außer mir selbst. In diesem Sinne bin ich schon so etwas wie ein Rebell.
Liegt hier auch der Hase im Pfeffer, warum du so viele Projekte am Start hast?
Ich möchte eben nicht in eine bestimmte Schublade gesteckt werden. Ich mag es nicht, wenn mich Leute als 'der Typ von Porcupine Tree' bezeichnen. Das gefällt mir nicht wirklich, Porcupine Tree ist nur ein Teil dessen, was ich mache. Es gibt zahlreiche andere Sachen, die ich als Teil meiner musikalischen Persönlichkeit betrachte. Das Solo-Album jetzt ist einfach eine treffendere Spiegelung dieser Persönlichkeit. "Insurgentes" ist eine umfassender klingende Scheibe als das, was ich mit meinen anderen Projekten bislang gemacht habe. Es beinhaltet Elemente aus all diesen, man kann Porcupine Tree heraus hören, man erkennt Blackfield, Bass Communion und hoffentlich hört man auch einige neue Sachen heraus.
Auf der neulich erschienenen DVD von Klaus Schulze hast du mit ihm ein sehr ausführliches Interview gemacht. Wie kam es denn dazu?
Das kam über seinen Manager Michael zustande. Ihn kannte ich von InsideOut, als ich mit ihnen wegen Paatos zu tun hatte. Michael managt Klaus jetzt und er weiß, dass ich ein großer Klaus Schulze-Fan bin, da ich ihn immer nach den Wiederveröffentlichungen der alten Schulze-Scheiben angegangen bin. Klaus ist dann nach England in die Real World-Studios gekommen. Das war nicht so sehr ein Interview als vielmehr eine Unterhaltung. Ich hatte gar keine Fragen vorbereitet und habe einfach angefangen, indem ich Klaus gesagt habe, wie ich seine Musik entdeckt habe. Ich habe die Aufnahme noch gar nicht gesehen und will es mir auch gar nicht anschauen. Es ist immer hart, sich selbst in einem Film zu sehen.
Das befindet sich auf der Bonus-DVD, du kannst dir das Teil also ruhigen Gewissens zulegen und das Interview weglassen.
Das Konzert habe ich ja schon gesehen, nur das Interview nicht. Ich erinnere mich nur, dass das eine sehr informelle und zwanglose Konversation mit einem meiner musikalischen Helden war. Das war Kommunizieren auf gleicher Augenhöhe und darauf kam es mir in erster Linie an.
Ne, es gibt auch keinen. Ich habe zwar ein paar Phrasen ins Booklet aufgenommen, aber die Texte lasse ich nicht drucken. Der Grund ist, dass sich das Album auch in textlicher Hinsicht von Porcupine Tree-Alben unterscheidet. PT-Texte sind sehr durchdacht und sehr sorgfältig strukturiert. Diesmal war das komplett anders. Die meisten Texte sind improvisiert. Ich bin einfach zum Mikro hin, um ein paar Melodien zu singen. Die Worte sind dann aus dem Unterbewusstsein heraus gesprudelt. Einige waren scheiße und einige gut. Die beschissenen habe ich ersetzt und solange herum gemacht, bis ich genügend beisammen hatte. Das lief eben auf dieser improvisierten unterbewussten Ebene ab und sollte nicht zwingend einen Sinn ergeben und wenn du mich jetzt fragst, was sie bedeuten sollen? Was immer du dir vorstellen magst. Ich habe zwar einige Phrasen ins Booklet drucken lassen, die mir gefallen, kann dir aber trotzdem nicht sagen, was sie im Speziellen bedeuten. Ich bin mir sicher, ob das irgendwas zu bedeuten hat, aber das liegt wohl irgendwo in meinem Unterbewusstsein begraben.
Die Arbeit an den Texten unterschied sich eben sehr von anderen Werken. Manchmal sind Texte eben ein weiterer Aspekt der Musik und müssen nicht zwingend poetisch sein. Der Singer/Songwriter John Martyn zum Beispiel hasst Lyrics so sehr, dass er manchmal so singt, dass du kaum verstehen kannst, was er da überhaupt von sich gibt. Auch wenn er Texte in einem Song nicht mag, mag er das Gefühl und den Ausdruck der Stimme. Manchmal ist mir dieser Ansatz sehr sympathisch. So kann man die Stimme auch als ein weiteres Instrument einsetzen.
Du hast dich also eher darauf konzentriert, eine bestimmte Atmosphäre aufzubauen?
Ich denke schon. Dieses Album ist vom spieltechnischen her gesehen nicht sonderlich ausgeklügelt. Der "Twilight"-Song vielleicht, aber der Rest des Album ist von der Performance her recht simpel gehalten, die Komplexität kommt mit der Produktion, mit der Art, wie die Klänge übereinander geschichtet sind und wie das Sound-Design ausgestaltet ist; im Mix sind immer interessante Dinge zu hören. Das ist ebenfalls wieder ein Unterschied zu Porcupine Tree, wo es eine starke Betonung des musikalischen Könnens gibt. Speziell beim Drummer. Gavin spielt hier zwar auch mit, aber ich habe ihm extra gesagt, er soll nichts Extravagantes sondern nur die puren Rhythmen spielen. Es klingt zwar immer noch nach ihm, weil er so ein einzigartiger Musiker ist, aber es ging mir diesmal viel mehr um den Aufbau, das Gefühl und die Atmosphäre der Musik.
Bei den Einflüssen, die man auf "Insurgentes" heraus hören kann, fallen einem zuerst Nine Inch Nails ein ...
Absolut. Auf jeden Fall! Speziell der Trent Reznor-Einfluss. Trent ist als Produzent einer meiner größten Einflüsse. Seine Verwendung von purem digitalen Krach ist so etwas wie ein filmisches Instrument. Ein Song, auf den ich besonders stolz bin, "Get What You Deserve", beginnt als sehr einfache Piano-Ballade, die schrittweise von dieser größer werdenden Wand aus Krach zerstört wird. So etwas zu machen hat etwas sehr Filmisches. Etwas Zerbrechliches und Schönes nehmen und darauf herum zu trampeln. Das sieht man auch oft in Filmen, wenn eine vormals harmonische Stimmung in Traurigkeit oder Wut abgleitet. In der Musik gibt es das nicht allzu oft. Die Stimmung ist entweder fröhlich oder traurig. Was ich an Trents Sachen so mag ist das Nebeneinanderstellen von Schönheit und Brutalität im selben Song. Im Kontext meiner Musik ist das etwas Neues.
Der iPod ist eher ein Symbol. Ich hasse iPods jetzt nicht zwangsläufig, ich hasse eher das, was sie repräsentieren. Musik ist heutzutage vielmehr ein simples Verbrauchsgut, das nicht unbedingt für Qualität steht. Um fair zu bleiben, dank dieser Dinger wird heute mehr Musik gehört. Aber 90% der Musik wird heutzutage als komprimierte Datei über beschissene kleine Kopfhörer oder beschissen klingende Laptop-Boxen gehört. Das stimmt mich schon traurig. Denn auch wenn es normal ist, Musik auf diese Weise zu hören, die Qualität ist doch um einiges geringer. Dass ich im Film iPods verbrenne und zerstöre ist eher in dem Sinne gemeint, dass ich ein Statement abgebe. Ich will sicher nicht, dass die Leute aufhören, mit iPods Musik zu hören, aber gleichzeitig ist es wichtig, daraus Diskussions-Stoff zu machen. Speziell für die Jüngeren, die denken, dass Musik eben genauso wie auf iPods klingen muss. Produzent Trevor Horn ist in dem Film zu sehen und bringt es auf den Punkt. Wenn du bislang immer MP3s gehört hast und dir das Zeug zum ersten Mal auf einer CD oder eine Vinyl-Schallplatte anhörst, bekommst du den Schock deines Lebens, du wirst den Unterschied kaum glauben können.
Den Jüngeren ist das gar nicht wirklich klar. Die denken, dass sie Musik so hören, wie es vom Künstler beabsichtigt ist, und das ist einfach nicht wahr. Es ist ungefähr so, als ob du auf eine Fotokopie eines Picassos schaust. Es ist einfach nicht dieselbe Erfahrung.
Der Qualitätsaspekt steht dabei gar nicht mal so sehr im Vordergrund. Die Frage ist doch eher, wie die Kids Musik erfahren. Heutzutage ist das Hören von Musik ja nur mehr Konsum und keine künstlerische Erfahrung.
Das ist der andere Aspekt. Du kannst ja mittlerweile den kompletten Katalog eines Künstlers ratzfatz runterladen und genauso schnell wieder löschen. Da gibt es keinerlei Investition mehr, weder was Zeit Energie oder Geld betrifft. Wie ich im Film gesagt habe, als Jugendlicher musste man da schon einigen Aufwand betreiben, um neue Musik zu entdecken. Du musstest das Zeug kaufen, du musstest Plattenläden durchstöbern. Ich bin in einem kleinen Kaff aufgewachsen und konnte froh sein, wenn sie ein Album von Frank Zappa im örtlichen Laden stehen hatten. Wie finde ich also den Rest der Zappa-Alben? Ich musste mein Taschengeld beisammen halten und nach London fahren. Jetzt kann man sich das Zeug mit einem Klick aus dem Netz runterladen. Ist das etwas Positives? Es scheint so zu sein, denn die ganze wunderbare Welt der Musik ist sehr einfach erhältlich. Das Problem liegt in der Natur des Menschen. Wenn du nichts dafür investieren musst, wirst du es auch nicht wertschätzen. Das fehlt den Kids heute einfach. Für die ist Musik ein Wegwerfartikel.
Du verkaufst deine Mucke aber auch als Download.
Natürlich! Wir müssen. Am Ende des Tages möchte ich, dass so viele Leute wie möglich meine Musik hören. Ich mache Musik nicht nur für Leute mit Plattenspielern oder für diejenigen mit Surround-Anlage. Ich mache 5.1.-Mixe für die, die das mögen, aber ich bin mir trotzdem im Klaren darüber, dass die meisten "Insurgentes" als digitalen Dowanload hören werden. Sollte ich es lieber verbieten? Natürlich nicht! Ich möchte, dass meine Musik gehört wird. Wenn ich die Wahl hätte, ob man meine Musik im beschissenen MP3-Format hört oder gar nicht, soll sie sie doch im beschissenen Dateiformat gehört werden. Auch wenn ich auf der einen Seite für bessere Soundqualität kämpfe, muss ich die Leute doch erst einmal für meine Musik begeistern. Wenn mir das gelingt, dann habe ich sie an der Angel und kann sie vielleicht auch mit Hilfe des Films davon überzeugen, die Musik in einer besseren Qualität zu hören. Die meisten werden einen Scheiß drauf geben, aber einige eben nicht. Ich verfolge beide Extreme. Ich mag MP3s einfach nicht. Vielleicht bin ich einfach zu altmodisch.
Jep, wir sind beides alte Fürze
Aber weißt du was? Es gibt Kids da draußen, die sich sehr wohl für Vinyl interessieren. Ich weiß das, weil ich selbst Exemplare dieser Spezies kennen gelernt habe. Speziell die Metal-Kids stehen komplett auf Vinyl und Tonträger, die in einer schönen Verpackung daher kommen.
Eigentlich schade, dass das so wenige Bands machen.
Es scheint so zu sein, dass eher die kreativen Künstler so etwas machen. Radiohead, Trent Reznor, Portishead. Kanye West und P. Diddy interessieren sich nicht dafür. Die sind ohnehin keine kreativen Musiker. In meinen Augen sind das keine Musiker, sondern nur Entertainer. Deshalb interessieren sie sich auch nicht für die Verpackung. Wir kreativen Künstler - ich bin so frei und bezeichne mich mal so - beschränken uns nicht nur auf die Musik. Das schließt das Artwork, Videos, die Art, wie die Live-Show aussieht, die Homepage ein. Kreativität hört ja nicht auf, wenn du die fertige Musik bei der Plattenfirma oder wem auch immer ablieferst. Ebendies sieht man aber nur bei wirklichen Künstlern und nicht bei den ganzen Bullshit-Entertainern.
Ihr seid ja mit Porcupine Tree schon wieder dabei, ein neues Album aufzunehmen. Hast du noch ein paar Worte über, wohin die Reise diesmal gehen soll?
Ja, wir haben gerade angefangen. Ich bin mir noch nicht sicher. Ich habe einen 55-minütigen Song-Zyklus geschrieben. Kann sein, dass daraus das Album entsteht. Ein bisschen weniger Metal und dafür ein wenig von dem, was auf dem Solo-Album ist. Wir werden sehen, ich bin mir noch nicht so ganz schlüssig. Aber es wird nach Porcupine Tree klingen.
Steven, danke für das Gespräch.
Es war mir ein Fest.
Steven Wilson über Rap, die Welt der Slacker, iPod und Pornos im Netz.
Steven Wilson vergleicht den aktuellen Hip Hop mit dem Rock der 80er und hofft auf die kommende Rap-Generation, die das Genre erneuern könnte - wie damals Nirvana oder Pearl Jam die Rockmusik.
An diesem Abend rocken Porcupine Tree das Capitol in Offenbach. Dabei spielen sie erst ihr neues Album "Fear of A Blank Planet" in voller Länge und dann eine erlesene Auswahl ihres Backkataloges. Vor dem Gig zerrt laut.de den Sänger von seinem Laptop weg, mit dem er scheinbar gerade im World Wide Web unterwegs war.
Wie lief die Tour bislang?
Bislang sehr gut. Wir haben Mitte April in Großbritannien angefangen, die letzten paar Wochen waren wir auf dem Festland unterwegs. Bis jetzt macht es Spaß.
Ich habe mir die Charts-Einstiege eures neuen Albums angesehen. Sieht so aus, als ob ihr mittlerweile überall auch von den Alben-Verkäufen her gut ankommt.
Ja, für uns ist das alles jetzt auf einem höheren Level. Die Albenverkäufe, die Anzahl der Leute, die zu den Konzerten kommen, die Größe der Konzerthallen, die Aufmerksamkeit der Presse und so weiter. Weshalb? Das kann ich nicht so richtig einschätzen, aber wir sind sehr dankbar, dass sich das so entwickelt hat.
Ist doch aber eigentlich ironisch, wenn man bedenkt, dass ihr vom Major Warner zum Indie Roadrunner gewechselt seid. Haben die euch eigentlich gedroppt?
Nein nein, die haben uns nicht gedroppt. In Amerika sind wir immer noch bei Warner, aber in Europa haben sie nicht wirklich gut für uns gearbeitet. Nicht überall. In Deutschland zum Beispiel waren wir ganz zufrieden, aber in einigen anderen Ländern, wie England, Spanien oder Frankreich war das nicht so.
Nicht einmal in England, eurer Heimat?
Nein, die haben da überhaupt nichts gemacht. Wir hatten unseren Vertrag also erfüllt, und sie wollten uns nach wie vor haben, aber wir beschlossen, dass wir nur in den Staaten bei Warner bleiben wollen. So haben wir ihnen die Lizenzen dort überlassen. Währenddessen haben sich viele Labels, die eigentlich harte Musik vertreiben, bei uns gemeldet. Roadrunner war eines davon. Ich war ziemlich beeindruckt von dem, was sie mit Opeth vollbracht haben. Sie scheinen zu kapieren, was wir machen wollen, haben eine gutes Verständnis für Underground-Musik und sind in der Lage, Bands in den Mainstream zu führen. Schau dir Nickelback oder Slipknot an, die verkaufen Millionen von Platten. Das Problem mit Plattenfirmen wie Warner ist, dass sie den Underground überhaupt nicht verstehen und für sie so etwas wie die Treue einer Fanbase keine Rolle spielt. Sie wollen nur unglaublich viele Platten verkaufen, wo immer das möglich ist. Roadrunner sind vertrauter damit, eine loyale Fangemeinde aufzubauen und das dann auf ein höheres Level zu hieven. Bislang sind wir mit ihnen sehr zufrieden. Sie machen ihre Sache sehr gut.
Gratulation übrigens, dass ihr den beliebtesten Progressive Rock-Drummer in euren Reihen habt. Bist du auch ein bisschen stolz? (Gavin Harrison wurde von den Lesern des Modern Drummer Magazins zum beliebtesten Progressive Rock-Schlagzeuger gewählt, Anm. des Autors)
Sehr stolz. Er ist definitiv einer der besten Schlagzeuger der Welt, und es wurde langsam mal Zeit, dass das jemand bemerkt. Viele andere Schlagzeuger haben das schon vor langer Zeit gesagt, und deshalb ist es schön, dass man das endlich auch einmal gedruckt lesen kann.
Dann musst du jetzt noch als bester Gitarrist nachziehen
(lacht) Keine Chance!
Euer Support auf der Tour sind Pure Reason Revolution. Du musst ja sehr überzeugt von ihnen sein, wenn du sie jetzt zum zweiten Mal als Vorband engagierst, bei Blackfield waren sie auch schon dabei.
Ja, ich wollte ihnen eine weitere Möglichkeit geben, da wir mit Blackfield ja eher in kleinen Häusern gespielt haben. Sie verdienen es auf jeden Fall, von viel mehr Leuten gehört zu werden. Ich habe sie vor ein paar Jahren getroffen, nachdem sie bei Sony unterschrieben und sich nach einem geeigneten Produzenten umgeschaut haben. Wir haben darüber gesprochen, ob ich es eventuell mache, aber ich war viel zu beschäftigt, da ich zu der Zeit gerade mit Porcupine Tree auf der Deadwing-Tour unterwegs war. Sie haben das Album dann mit Paul Northfield aufgenommen, was auch eine sehr gute Wahl war. Seitdem habe ich ihre Entwicklung verfolgt - sie hatten übrigens auch so ihre Probleme mit dem Label. Das sind wirklich klasse Typen, machen interessante Musik, die mit der von Porcupine Tree kompatibel ist. Deshalb hoffe ich, dass unsere Fans das mögen, was sie machen.
Mich haben sie ja als Support für Blackfield beeindruckt. Was ganz anderes: Wie sieht es denn mit dem Re-Release von "Lightbuld Sun" aus? Das ist ja das einzige Album eures Back-Kataloges - außer "Recordings" - das nicht mehr erhältlich ist.
Da kann ich dir gerade nicht viel Neues erzählen. Der Re-Release wird kommen, ich habs bislang nur noch nicht in Angriff genommen. Vielleicht habe ich über den Sommer einmal Zeit, den Surround-Mix zu machen, denn das ist das Einizge, was das Projekt aufhält. Das Album erscheint dann mit einer Stereo-CD und einer DVD-Audio. Ich werde an der Stereo-CD nichts ändern, höchstens noch einmal mastern.
Also dürfen wir trotz deines Arbeitsrhythmus' nicht mit einem neuen Blackfield-Album am Ende des Jahres rechnen.
Oh je, nein, auf keinen Fall.
Mal was Banales. Warum gehst du eigentlich immer barfuß auf die Bühne?
Ich laufe eigentlich immer barfuß rum. Nur wenn ich wirklich wirklich wirklich wirklich muss, ziehe ich mir Schuhe an. Ok, ich geh nicht barfuß auf die Straße, nur manchmal.
Ich bin ja in den Achtzigern aufgewachsen und eines der Alben, das ich damals mochte, war "Fear Of A Black Planet" von Public Enemy. De La Soul, A Tribe Called Quest, es gab da eine Menge guter Musik aus dieser Ecke. Damals war es eine wundervolle, experimentelle, reichhaltige und originelle Zeit im Hip Hop. Ich hasse, was daraus geworden ist. Hip Hop heutzutage ist das banalste, formelhafteste, gewöhnlichste Musikgenre, das es gibt. Nicht alles, aber der Großteil davon ist einfach scheiße. Mich kotzt der Einfluss an, den Hip Hop hat. Ich mag keinen einzigen Aspekt von dem, was Hip Hop in den letzten zehn, fünfzehn Jahren der Musik, der Kultur und der Mode gebracht hat. Aber! Ich mochte es als Kind, und in den Achtzigern entstanden einige wichtige Sachen. Hip Hop hat ja auch einen enormen Einfluss auf die Rockmusik gehabt; höre dir nur mal Rage Against The Machine an. Bis Anfang der Neunziger habe ich sehr gerne Hip Hop gehört, aber dann missfiel mir, was daraus wurde. Aber das Album von Public Enemy war sehr wichtig.
Wenn du jetzt auf den Gangster abzielst, diese Entwicklung zeigt sich ja überall auf der Welt, wo Hip Hop zur Alltagskultur gehört.
Ich habe keine Ahnung, woran das liegt. Hip Hop war ja eine eminent wichtige musikalische Bewegung mit einem entsprechend großen Einfluss. Mittlerweile scheint es, als ob das alles ausgebrannt ist. Der Kommerz hat das Ruder übernommen, als die großen Plattenfirmen sich des Hip Hop angenommen haben. Viele der Musiker kommen von der Straße und stammen aus armen Verhältnissen. Sobald sie dann die Gelegenheit haben, kommerziell erfolgreich zu sein und Millionen von Platten zu verkaufen, ergreifen sie diese auch. Es scheint, dass sie darüber die Musik vergessen.
Nimm als Beispiel Ice-T und Ice Cube. Die waren klasse als sie angefangen haben. Dann spielten sie auf einmal in Filmen mit, gingen nach Hollywood und kauften sich riesige Häuser in Beverly Hills. Ich war zwar kein Riesenfan der beiden, aber wenn, dann wäre ich schon enttäuscht von diesem ganzen Zeugs gewesen. Darüber erzählen, dass man von der Straße kommt und gleichzeitig in einem Riesenschuppen in Beverly Hills wohnen, das klingt für mich schon etwas nach Verrat an der Philosophie. Hip Hopper sind aber selbst an dieser Banalisierung schuld. Ich höre immer noch gerne instrumentalen Hip Hop wie DJ Krush oder DJ Shadow, aber die Gangsterrap-Szene ist eher ein kommerzialisierter Witz.
Als ich "Fear Of A Black Planet" hörte, gab es einige wegweisende Platten aus dieser Ära. "Master Of Puppets" von Metallica, "3 Feet High And Rising" von De La Soul, "Reign In Blood" von Slayer: Diese Platten waren so kraftvoll. Zu der Zeit waren sich Hip Hop und Rock sehr nahe. "Reign In Blood" ist ja auf Def Jam rausgekommen. Man hatte damals das Gefühl, dass da etwas sehr Starkes mit einer großen Dynamik entsteht. Heute scheint es, dass die Rock- und Hip Hop-Welt sich nicht ferner sein könnten. Die Verschmelzung der Stile, die es einmal gab, hat sich wieder aufgelöst.
Vielleicht braucht es wieder einen neuen "Judgement Night"-Soundtrack?
Einen was?
Einen Sounudtrack wie zu "Judgement Night"
Kenn ich nicht.
Das war ein Soundtrack zu einem Horrorfilm, auf dem Rockmusiker mit Hip Hoppern jeweils gemeinsam einen Song gespielt haben. Zum Beispiel Pearl Jam und Cypress Hill oder Slayer und Ice-T. Aber egal. Vielleicht ist die von dir angesprochene Entwicklung ja so etwas wie evolutionär.
Alle Entwicklungen der Musikszene scheinen wellenförmig zu sein, es gibt Höhen und Tiefen. Hip Hop scheint zur Zeit an einem Tiefpunkt angekommen zu sein, aber ich bin mir sicher, dass es auch wieder bergauf geht. Das ist mit den späten Achtzigern vergleichbar, als Rap sehr stark war. Damals war Rockmusik in der Gosse angekommen, und auf einmal tauchten Soundgarden, Nirvana, Smashing Pumpkins und Pearl Jam auf und Rock war stärker als je zuvor. Ich bin mir sicher, dass das auch bei Hip Hop der Fall sein wird.
Was für eine Entwicklung würdest du dir da wünschen?
Keine Ahnung. Das Schöne daran ist doch, dass man überhaupt nichts vorhersagen kann. Wenn man das könnte, würde ich es selbst machen. Ich hoffe nur, dass irgendwo da draußen ein paar junge Musiker stecken, die sich lieber von De La Soul und Public Enemy als von den Eminems, Jay-Zs und dem ganzen Mainstream-Mist dieser Welt inspirieren lassen. Die werden sich die richtigen Quellen ihrer Inspiration suchen und hoffentlich etwas anstoßen, das in einen lebendigen Hip Hop mündet. Die Parallelen zur Rockmusik in den späten Achtzigern sind offensichtlich. Abgesehen von Metallica war ja kaum Interessantes unterwegs. Seattle hat dem wieder Leben eingehaucht. Zwischendurch ist er zwar wieder etwas abgetaucht, aber derzeit ist Rock wieder mit einer Reihe spezieller Bands am Start.
Welche meinst du denn genau?
Tool oder The Mars Volta. Rockmusik ist ja breit gefächert. Von den heavy Bands bin ich ein großer Fan von Mastodon, Meshuggah, dann auch Oceansize, Pure Reason Revolution oder Sigur Ros. Die sind fantastisch.
Das Thema ist ja nicht direkt die Jugend von heute. Ich konzentriere mich auf junge Leute, weil sie die wichtigste Personengruppe für die Zukunft der Welt darstellt. Sie werden in die Ära der Informationstechnologie hinein geboren. Sie kennen gar nichts anderes. Es ist ja noch gar nicht so lange her, dass es noch keine Playstations, Mobiltelefone und Ipods gab. Ich kann es durchaus schätzen, was sich in den letzten zehn Jahren verändert hat, aber jetzt wächst ja eine Generation nach, die mit diesen Dingen aufwächst. Ich frage mich dann einfach, wie diese Dinge das Leben der jungen Leute beeinflusst. Darüber machen sich zu wenige Menschen Gedanken.
Wie erzeugen wir bei Kindern Neugierde? Neugierde ist doch eine der wichtigsten oder die wichtigste menschliche Eigenschaft. Ohne Neugierde würden wir nie tiefer schauen als das, was uns die Majorlabels als Musik verkaufen möchten. Wir würden nichts anderes schauen als große Hollywood-Blockbusterfilme, wir würden nie schauen, was der Underground macht, wir würden nie hinter die Oberfläche schauen. Wir würden alle am selben Platz Urlaub machen, wir würden alle in denselben Geschäften einkaufen.
Ohne Neugier würden wir alle einem einzigen Pfad folgen und deshalb ist sie so wichtig. Sie lässt uns innehalten und sagen 'Moment, da muss es mehr geben und ich muss danach suchen.' Das Problem mit der Informationstechnologie aus meiner Sicht ist, dass sie einem vorgaukelt, dass sie eine Möglichkeit bietet, um unter die Oberfläche zu schauen, aber dass es nicht viele Menschen gibt, die sie dazu benutzen, tatsächlich in die Tiefe zu gehen. Stattdessen benutzt es die Mehrheit, um sich von den eigentlichen Möglichkeiten zu entfernen.
Aber gibt es da nicht ebenfalls Parallelen zum Fernsehen? Es gab und gibt ja auch konträre Meinungen zu diesem Thema. Es heißt ja auch "Fernsehen macht die Dummen dümmer und die Klugen klüger". Denkst du nicht, dass es auch junge Leute gibt, die die Technologie richtig einsetzen?
Das ist doch das Problem, ich glaube nicht, dass sie das tun. Das Internet ist eine so unglaublich riesige Quelle der Information, dass am Ende nur noch weißes Rauschen übrig ist und nichts hängen bleibt. Was ich meine ist, dass die Dinge im Leben, die am interessantesten sind, auf die wir die meiste Zeit - und oft auch das meiste Geld - investieren, um sie zu finden. Wenn aber Dinge über das Internet nun so einfach zu haben sind, ist die Wertschätzung dafür nicht mehr sehr hoch. Das Internet ist eine wunderbare Ressource, aber sind wir doch mal ehrlich, 99,99% benutzen das Internet dazu, um sich Musik und Pornos runterzuladen und das wars. Das entspricht leider der Wahrheit. Sie nutzen die Möglichkeiten nicht. Das lässt sich auf viele Lebensbereiche ausdehnen. Wir neigen dazu, bis zu einem gewissen Punkt nur durch technisches Spielzeug zu leben: Ipods, Mobiltelefone ... Ich nehme mich da nicht aus.
Früher habe ich zum Beispiel ständig Bücher gelesen. Mittlerweile kann ich das nicht mehr. Ich habe seit ungefähr zehn Jahren kein richtiges Buch mehr gelesen. Als Kind habe ich morgens ein Buch zur Hand genommen und war abends fertig. Mittlerweile kann ich kaum zwei Seiten lesen, bis ich wieder zappelig werde und meine Emails checke. Ich denke, da geht es vielen Leuten so wie mir, Erwachsenen wie Kindern. Die heutigen Kinder werden in Zukunft die Verantwortung tragen müssen und ich sorge mich eben ein wenig darum und genau darum geht's in dem Album.
Ich würde gerne daran glauben, dass die Kids letzten Endes beweisen, dass ich mich geirrt habe. Bislang hat ja jede jüngere Generation gegen die Normen der älteren rebelliert. Die jetzige Norm besteht darin, sich in einer technologisierten Welt zu behaupten. Vielleicht gibt es in Zukunft ja eine junge Generation, die von dem ganzen technischen Kram die Schnauze voll hat, sich davon abwendet und von anderen Dingen inspirieren lässt.
Die Geschichte von Porcupine Tree hat ja gezeigt, dass das möglich ist. Zu unseren Konzerten kommen ja immer mehr junge Leute - ok, in Deutschland jetzt vielleicht nicht so. Der Grund dafür ist Mundpropaganda und ein Zeichen dafür, dass die Kids auch etwas, was ein wenig anspruchsvoller ist, wertschätzen können.
Also haben dich die Jungen ja bereits mit deiner Theorie widerlegt.
Ja, einige, eine Minderheit. Ich hoffe, dass diese Minderheit größer wird - jetzt nicht unbedingt im Bezug auf Porcupine Tree, sondern im Bezug darauf, dass sie hinter das Oberflächliche sehen und seelenvollere Dinge im Leben entdecken.
Ich teile jetzt nicht unbedingt deine Einstellung.
Worüber?
Über die junge Generation. Man kann z.B. das Internet ja auch dazu benutzen, um sich zum Beispiel über fremde Länder zu informieren, um dann dorthin zu reisen.
Ach was, das machen doch die Kids nicht. Die gehen ins Netz, um sich Musik und Pornos runterzuladen, schauen auf ogrish.com, um Unfalltote zu begaffen. Ich wünschte, ich läge da falsch aber ich glaube es nicht. Die Mehrheit zumindest.
Na gut, das kann man unterschreiben.
Als Kind war ich sehr neugierig, aber die Mehrzahl meiner Mitschüler hat zum Beispiel lediglich die Musik gehört, die gerade in den Charts war. Man muss eben etwas neugieriger sein, um tiefer dringen zu wollen. Meine Befürchtung ist es, dass das Internet die Menschen zur Passivität verleitet.
Aber es gab doch zu jeder Zeit junge Menschen, die diese Neugier gezeigt haben.
Es wird einem aber heutzutage einfacher gemacht, einfach blöd zu sein, oder zu beschließen, dass man einfach blöd sein möchte. Die Welt wird wegen des Internets immer kleiner. Alle wissen jederzeit Bescheid, was überall auf der Welt vor sich geht. Du musst nur ins Netz gehen und kannst schauen, was gerade in Israel, Mexiko oder Japan los ist. Das ist ja eigentlich nichts Schlechtes, erzeugt aber so etwas wie eine universelle Paranoia, da sich die Leute immer mehr wie ein kleiner Punkt auf dieser großen Welt fühlen.
Als ich in den Achtzigern aufwuchs, fühlte ich mich sicher nicht wie ein Teil einer großen weltweiten Gemeinschaft, wie es den Jugendlichen heute geht, wenn sie mit Gleichaltrigen in Japan oder Amerika kommunizieren können. Was wir derzeit beobachten können, und übrigens auch diesen Typen in Virginia betraf (Wilson bezieht sich auf den Amoklauf an der Virginia Tech in den USA, bei dem ein Student 32 Menschen getötet hat, Anm. des Autors) , ist ein unglaubliche Bedürfnis, etwas Bedeutungsvolles zu schaffen, ein Zeichen zu hinterlassen. Schau dir doch mal dieses ganze Big Brother und American Idol-Zeugs an. Da wird einem suggeriert, dass man nichts wert ist, solange man nicht für irgendwas berühmt ist. Und dieser Umstand wird von Technologien wie dem Internet noch gefördert.
Du hast gerade gemeint, es sei heute einfacher, zu beschließen, dass man einfach blöd sein möchte. Wie kann ich das verstehen? Ich beschließe ja auch nicht eines Tages, von nun an klug zu sein.
Wa sich meinte ist, dass wenn jemand von Natur aus dazu neigt, passiv zu sein, dann sind es Gadgets wie Mobiltelefon, Ipod oder Playstation, die dich dazu verführen, den ganzen Tag in deinem Bett abzuhängen und eine passive Rolle zur Welt da draußen einzunehmen. Das war bei meiner Generation anders, ich hatte nicht einmal einen Fernseher in meinem Zimmer oder wäre auch nie auf die Idee gekommen, meine Eltern zu fragen, ob ich einen für mich bekommen könnte; das ist erst 20 Jahre her. Und heute besitzen die jungen Leute nicht nur Fernseher, Mobiltelefon, Ipod, Internet, Xbox, Playstation und 500 digitale Fernsehprogramme, sie erwarten das auch. Mach heute die Glotze an und du wirst mindestens einen Kanal empfangen, der "Friends" oder "Frasier" zeigt. Das deprimiert mich irgendwie.
Deprimierend. Gutes Stichwort. Auf der DVD-Audio zu "Fear Of A Blank Planet" finden sich Bilder der Kinder wieder, die einen aus dem Booklet so apokalyptisch anstarren. Wo hast du nur die ganzen schaurig aussehenden Kids her?
Das Idee dazu stammt von Regisseuren wie Larry Clark und aus Büchern von Autoren wie Bret Easton Ellis, die die Slacker-Generation thematisieren. Larry Clarks Filme haben mich sehr beeinflusst. Seine Werke zeigen, wie die Kids sich Heroin spritzen und in Einkaufszentren abhängen, nur weil sie keine Ambitionen haben, irgendetwas anderes zu machen als sich sinnlos zu besaufen. Seine Filme gehören ganz sicher zu den Highlights des Genres.
In Easton Ellis' Buch "Lunar Park" gibt es die Figur zehn Jahre alten Jungen Robby, der als Vorlage für vieles auf dem neuen Album gedient hat. Der Junge verbringt den ganzen Tag in seinem Bett, bekommt Medikamente gegen sein ADS, er spielt Playstation, quatscht mit seinen Kumpels übers Internet, lädt sich Musik und Pornos aus dem Netz und starrt mit einem ausdruckslosen Gesicht in den Fernseher. Den ganzen Tag sind die Vorhänge zugezogen, man sieht nicht einmal, ob es Tag oder Nacht ist und vegetiert einfach nur dahin.
Zum Schluss noch eine Frage: Was steht in naher Zukunft an Projekten an?
Für mich oder für die Band?
Sowohl als auch
Ah, ok.
Wie wärs mal mit Urlaub?
(lacht) Ja, Urlaub, das wäre gut. Dieses Jahr besteht hauptsächlich aus Touren. Über den Sommer hab ich ein wenig frei. Hoffentlich bekomme ich in der Zeit die "Lightbulb Sun"-Geschichte hin. Dann wollen wir noch drei Songs fertig aufnehmen, die wir während der Aufnahmesessions zu Fear Of A Blank Planet" begonnen haben. Die EP soll dann hoffentlich im Herbst kommen. Danach sind wir von Oktober bis Dezember unterwegs. Und nächstes Jahr? Keine Ahnung. Vielleicht mal was ganz anderes. Vielleicht mein erstes Solo-Album, eventuell auch ein paar Shows mit meinem Ambient-Projekt Bass Communion. Es gibt viele Dinge, die ich gerne machen würde, wie zum Beispiel ein Projekt mit Mikael von Opeth. Ich habe da eine Liste von Vorhaben, vielleicht fange ich nächstes Jahr einmal an, mich durch diese Liste durchzuarbeiten.
Dann führen wir doch einfach den 48-Stundentag für dich ein.
Ja, ich hätte nichts dagegen, wenn das Leben ein wenig länger dauern würde. Ich denke immer, ich habe zu wenig Zeit auf diesem Planeten zur Verfügung, um alles zu machen, was ich gerne täte. Aber es ist trotzdem fantastisch, was manche in kurzer Zeit erreichen. Nimm zum Beispiel Zappa. Er ist mit 53 gestorben und hat unglaublich viel gemacht. Ich bin mir sicher, er hatte noch viele Sachen im Hinterkopf, die er gerne gemacht hätte.
Sprach's und zog sich seine Schuhe an
Ein Gespräch über Politik und Musik.
Ein Gespräch mit den Blackfield-Musikern Aviv Geffen und Steven Wilson über Politik, emotionale Musik, den Touralltag und seine Tücken sowie die geselllschaftliche Relevanz des iPods.
Ungemütlich ist es an diesem Samstag Ende Februar. Regnerisch, windig, schlicht und ergreifend grau in grau. Das passt auch ganz gut zur Umgebung des Z7, das sich im Industriegebiet des Schweizer Dörfchens Pratteln in der Nachbarschaft von Ikea und Co. befindet. Dort treten am Abend Blackfield auf, die mit ihrem melancholischen Sound auch ganz gut in dieses Ambiente passen. Aviv Geffen, Steven Wilson und Co. werden später ein wunderbares Set auf die Bühne legen. laut.de packte die Gelegenheit beim Schopfe, der Israel/England-Connection mal ein wenig auf den Zahn zu fühlen.
Aviv, in Israel bist du ja eine große Nummer. Wie ist es dann, in Europa zu touren?
In Israel bin ich für die junge Generation so etwas wie ein Symbol. Hier in Europa sind die Zuschauerzahlen aber höher. Jetzt sind wir eine Woche unterwegs und spielen jeden Abend im Schnitt vor 800 bis 1.000 Leuten. Schau zum Beispiel auf unsere MySpace-Seite. Da haben sich Leute aus der ganzen Welt eingetragen. Das lässt sich doch alles sehr gut an.
War es eigentlich zum Zeitpunkt des Releases der ersten Scheibe geplant, ein weiteres Album zu machen?
Als Steven und ich uns zum ersten Mal getroffen haben, war das so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Er fand meine Songs toll, ich bewundere seine Producer-Fähigkeiten und er ist ein großer Gitarrist. Wir haben mit vier Songs angefangen, die auf einer EP landen sollten. Die Reaktionen auf die Tracks waren überwältigend. Deshalb wollten wir dann ein Album machen. Nach der 2004er Tour unterschrieben wir bei Warner einen Deal und bekamen einen Vorschuss, mit dem wir unsere zweite Platte finanzieren konnten. So hatten wir ein größeres Budget zur Verfügung, so dass wir unter anderem auch ein Orchester engagieren konnten etc., was man der CD auch anhört.
Blackfield-Songs sind ja eher simpel strukturiert und relativ kurz. Stevens Background ist da ein anderer. Er schreibt ja teilweise epische Tracks. War die Herangehensweise an die Songs von vorneherein so angelegt, dass ihr die Kompositionen so straight haben wolltet?
Ja, das war Stevens Herangehensweise an dieses Album, mit schönen Balladen. Er wollt es unbedingt so machen. Es gibt ganz hervorragende, progressive Rockmusik, versteh mich nicht falsch, aber es ist viel schwerer, einfach strukturierte, gute Songs zu schreiben. Das ist ja eher mein Ansatz und deshalb habe ich auch ungefähr 80% der Songs geschrieben.
Kannst du uns verraten, wo Steven seine Zeitmaschine versteckt hält? Wir haben uns gefragt, wo er all die Zeit hernimmt, um seine zahlreichen Projekte zu realisieren?
Wir beide sind sehr fleißig. Ich selbst bin mit meiner Solo-Karriere in Israel beschäftigt. In meiner Heimat habe ich ungefähr zwei Millionen Platten verkauft und habe viele Fans. Aber Steven und ich denken, dass Blackfield die Zukunft gehört. Wen wir zusammen schreiben, bekommen wir einen Song in 20 Minuten fertig. Bis jetzt gab es euphorische Reviews und ich kann dir garantieren, dass Steven und ich Blackfield sehr ernst nehmen. Das ist eine richtige Band und kein einmaliges Projekt.
Können wir also davon ausgehen, dass es weitere Platten geben wird?
Klar. Wir werden in den nächsten Monaten damit beginnen, neues Material für die dritte Scheibe zu schreiben.
Wird es eigentlich jemals einen fröhlichen Blackfield-Song zu hören geben?
(lacht)Nie im Leben! Auf keinen Fall! Das Ding dabei ist, Blackfield beschäftigt sich mit der Schwachheit und der Traurigkeit in der Welt: Steven und ich bewundern Bands wie Pink Floyd, die ebenfalls dieses Thema beschäftigt. Es gibt nicht so viele Bands, die Musik über die Kälte in der Welt machen; Radiohead vielleicht. Blackfield steht für Traurigkeit und Einsamkeit. Aus der persönlichen Perspektive, dafür, Gott zu kritisieren, oder wie es ist, ich selbst zu sein, eine romantische Person in einer kalten Welt.
Ich kenne die israelische Musikszene überhaupt nicht. Gibt es da Gemeinsamkeiten oder Unterscheide zu der in Europa?
Es gibt sehr gute Musik. Rock, Indierock, Progrock, Elektro oder Industrial. Aber ich bin der einzige, der ins Ausland gegangen ist und durch die Welt tourt. Ich bin aber auch der einzige, der aktivistisch tätig ist. Ich bin gegen die Besatzung und halte die besetzten Gebiete für Krebsgeschwür im Körper Israels, ich kritisiere meine Regierung. Es gibt keinen anderen Weg. Zum Beispiel ist es komplett idiotisch, überhaupt nicht mit Syrien zu reden. Wir müssen alles für den Frieden tun.
In Deutschland wäre es heikel, Israel offen für seine Politik zu kritisieren.
Ich weiß. Ich denke, dass wir aufgrund des Holocausts paranoid geworden sind. Wir fürchten uns davor, noch einmal vernichtet zu werden. Manchmal sind wir sehr hart, härter als wir eigentlich sein müssten, um unser Leben zu schützen. Zum Beispiel beim Militär, die Sache mit den besetzten Gebieten. Das ist alles so hässlich und entspringt dieser Paranoia. Die Juden haben sehr gelitten und trauen keinem mehr. Das ist das eine. Auf der anderen Seite müssen wir die Besatzungen stoppen, uns zurück ziehen und den Palästinensern ihr eigenes Land geben, auch Ostjerusalem.
Eine revolutionäre Idee ist ja die von Palästina und Israel auf einem Staatsgebiet.
Nein, zwei Staaten, so dass sie ihr Leben leben können, mit ihrer eigenen Wirtschaft usw. Das ist nicht der einfach Weg. Der einfache ist, in den Krieg zu ziehen, sich gegenseitig umzubringen und Blut zu vergießen. Das Leiden dauert jetzt schon so lange.
Auch auf dem neuen Album hast du mehr Songs geschrieben als Steven. Woher kommt das?
Wir haben uns zusammen gesetzt und gemerkt, dass meine Songs besser in den Kontext des Albums passen. Das Material befindet sich ungefähr in der Mitte dessen, was uns als Songwriter ausmacht. Es ist kein Prog-Rock und deshalb gibt es auch keine langen Soli. Auf der anderen Seite sind es auch nicht die Songs, die ich typischerweise schreibe, sondern eher klassische, cheesige Piano-Balladen. Die Arbeit mit Steven ergibt einfach eine perfekte Mischung. Journalisten haben gemeint, es klingt, als ob Gilmour seinen Waters gefunden hat.
Kennen gelernt habt ihr euch, nachdem du ihn nach Israel eingeladen hast?
Ja. Ich kannte seine Porcupine Tree-Sachen und fand, dass die Band in Israel spielen sollte. Daraufhin habe ich ihm gemailt und so spielten sie in meiner Heimat. Als wir uns getroffen haben, habe ich ihm ein paar meiner Songs zum Anhören gegeben und er fand sie gut. Ah, da ist Steven. Steve! Die haben hier noch ein paar Fragen an dich!
Über Gott, Weltpolitik und den tieferen Sinn des Lebens.
Ah, so so. Ihr sagt mir dann bescheid, worüber ihr mit mir reden wollt, oder? (lacht)
Ich habe Aviv gerade gefragt, ob er weiß, wo du deine Zeitmaschine versteckt hast, um all die Projekte zu realisieren, die du machst.
Ähm, ... ich habe momentan einfach kein Privatleben, um es mal so auszudrücken. Ich arbeite immer.
Schön für deine Fans.
Ja, aber nicht so gut für mich, aber so ist das eben, ich kann mich selbst nicht davon abhalten.
Du bist jetzt zum zweiten Mal mit Blackfield und insgesamt zum vierten Mal in der Schweiz. Die Zuschauerzahlen bei Porcupine Tree wurden immer größer. Denkst du, dass das mit Blackfield ebenfalls so gut funktioniert?
Ich hoffe doch, denn das letzte Mal, als wir mit Blackfield hier gespielt haben, waren ungefähr fünfzig Leute da. Ich hoffe, dass sich das ein Trend ist, zumindest war es bislang überall in Europa so. Die meisten Shows waren sogar ausverkauft. Hier sind wir ein wenig besorgt, weil es beim letzten Mal so schlecht lief. Aber wie du erwähnt hast, hat Porcupine Tree die Zuschauerzahlen bei jedem Mal verdoppelt. Ich hoffe sehr, dass sich das jetzt fortsetzt.
Da hilft dir die Porcupine Tree-Fangemeinde mit Mund zu Mund-Propaganda sicher.
Das schon, aber Blackfield macht sich langsam aber sicher einen eigenen Namen. Es gibt sicher einige, die Blackfield mögen aber keine Ahnung haben, was Porcupine Tree betrifft. Vor allem dort, wo wir schon mit dem ersten Album eine Hitsingle hatten wie Griechenland oder Polen.
Warum habt ihr eigentlich eure Tour so gelegt, dass ihr im Süden Deutschlands überhaupt nicht spielt?
Keine Ahnung. Ich persönlich hätte gerne dort gespielt. Mit PT sind wir eigentlich relativ oft in Stuttgart oder München. Ich denke aber, dass man das gerne missversteht, wenn eine Band auf Tour geht. Da wählt man nicht, wohin man gerne gehen möchte. Wir sind auf Angebote von Promotern oder Agenten und auf die Route angewiesen. Wenn ein Venue in einer Stadt zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht in den Plan passt, geht das eben nicht. Wenn es dann hinhauen würde, ist man eventuell schon auf der anderen Seite Europas. Manchmal gibt es auch einfach kein gutes Angebot. Mit PT lief das so, dass sich das entwickelt hat. Mittlerweile können wir Touren wesentlich effektiver organisieren. In den Anfangstagen haben wir gespielt, wann und wo es nur ging.
Danke für diesen Einblick.
Hast du gedacht, Bands suchen sich aus, wo sie gerne spielen wollen? Ich wünschte, es wäre so einfach.
Stimmt es, dass ihr eine Blackfield-Show für eine DVD aufgenommen habt?
Ja, wir haben eine mitgeschnitten aber wir nehmen nächsten Monat noch eine in New York auf, denn mit der einen, die wir schon auf Band haben, waren wir nicht so zufrieden. Ja, es gibt Pläne für eine DVD. Ein weiterer Punkt auf meiner To Do-Liste.
Die letzten Porcupine Tree-Releases habt ihr ja auch im Surround-Sound veröffentlicht. Können wir mit etwas Ähnlichem auch bei Blackfield rechnen?
Würde ich gerne machen. Ich mag Surround Sound-Discs. Porcupine Tree eignet sich von der Detailfülle der Produktion und vom Sound her am besten für Surround Sound, die Tracks sind sehr lange und es passiert einiges. Perfekt also für 5.1. Blackfield ist da ein wenig einfacher und direkter strukturiert, würde sich aber trotzdem gut im Surround-Sound anhören. Ob du etwas in der Richtung erwarten kannst? Hm ... ich habe noch nicht darüber nachgedacht, aber das heißt nicht, dass da nicht auch etwa passieren könnte. Aber erwartet es nicht, seid überrascht, wenn es so weit ist.
Auf "Blackfield II" hat Aviv wieder die meisten Songs geschrieben. Habt ihr bei der Auswahl der Songs keine Probleme zu entscheiden, welche auf das Album kommen sollen?
Aviv ist da produktiver. Oder besser: Er ist produktiver, wenn es darum geht, Songs in diesem Stil zu schreiben. Im Gegensatz zu den langen, komplexeren Stücken, schreibe ich kurze, in sich geschlossene Lieder eher weniger. Das ist quasi die Ausnahme. Das ist eher das Ding von Aviv und das macht er sehr gut. Das Verhältnis ist auf der neuen Scheibe 7:3. Von Beginn an war der Ansatz bei Blackfield, Avivs Begabung für Melodien und das Songwriting mit meinem Sound und meiner Produktion zu verbinden. Für mich ist das die Magie, die von Anfang an zwischen uns bestand. Wir haben das jetzt einfach fortgeführt.
Wenn man "1.000 People" zum ersten Mal hört, denkt man eventuell, dass du nicht gerne auf der Bühne stehen würdest.
Das ist einer von Avivs Songs und mein Lieblingstrack der Scheibe. Für mich geht es darin um das Thema Einsamkeit. Er zielt darauf ab, dass Einsamkeit nichts damit zu tun hat, ohne Menschen zu sein, es ist eher ein Seelenzustand. Wenn du dazu neigst, eine einsame Person zu sein - was wir beide sind - ist es egal, wie viel Liebe dir entgegengebracht wird, vor wievielen Leuten du spielst und wie viele Menschen deinen Namen schreien.
Du kannst dich in diesen Momenten trotzdem einsam und vom Rest der Welt entfremdet fühlen. Das wollte Aviv ausdrücken und er hat das sehr gut gemacht, wie ich finde. Du kommst von der Bühne und fühlst dich wie ein Nichts. Umgeben von Leuten, die dich lieben und dir erzählen, wie wunderbar sie dich finden und du fühlst dich trotzdem einfach nur scheiße. Einsamkeit hat nichts mit der Realität zu tun, es ist ein Geisteszustand.
In unserem letzten Interview hast du erwähnt, dass Sachen nicht gerne erklären möchtest, um einen Freiraum für Interpretationen zu lassen. Wie ist es dann, über die Bedeutung eines Songs zu philosophieren?
Das ist aus zwei Gründen schwierig. Erstens ist sich die Person, die den Text schreibt, manchmal gar nicht über tiefere Bedeutungen im Klaren. Das ist mir über die Jahre oft passiert, wenn ich einen Song oder Lyrics geschrieben habe. Dann kommt es vor, dass jemand eine Interpretation parat hat, die ich nie vorausgeahnt habe, die aber einen perfekten Sinn ergeben. Dann erst bemerke ich, dass ich zu der Zeit, als ich das schrieb, in der Tat so ähnlich empfunden habe, obwohl ich mir darüber gar nicht bewusst war. Und zweitens - das habe ich dir wahrscheinlich beim letzten Mal erzählt - die Erklärung, die eindeutige Definition dessen, was die Texte für den Songwriter zu diesem bestimmten Zeitpunkt bedeuteten, beraubt den Hörer der Möglichkeit, sie für sich zu interpretieren.
Deshalb glaube ich immer noch, dass genau aus diesem Grund Musik die größte Kunstform ist, denn sie verlangt dem Hörer genauso etwas ab wie von Demjenigen, der sie geschaffen hat. Das kann man zum Beispiel von Filmen nicht sagen, denn alles ist erklärend dargestellt. Man kann das auch von Büchern nicht behaupten, alles ist deutlich buchstabiert und erklärt. Aber für Musik gilt, dass sie Interpretationen und Input vom Hörer erfordert. Sich dann hin zu setzen und zu sagen "ich habe dies und jenes so und so gemeint", ist ein wenig beschämend, denn damit raubt man dem Hörer die Beziehung zu demjenigen, der die Musik erschaffen hat. Das ist der Grund, weshalb ich darüber nicht so gerne rede. Wie ich gesagt habe, bin ich mir manchmal selbst nicht so sicher, worüber ich da gerade getextet habe.
Willst du meine Interpretation von "1.000 People" hören?
Klar.
Als ich den Text gelesen habe, kam es mir so vor, als ob die beschriebene Person wunderschöne Momente erlebt, aber nicht fähig ist, diese auch zu hundert Prozent zu genießen, da hinter jeder Ecke irgend ein Unglück lauern könnte.
Hmm ... ok. Wie ein Pessimist oder eine fatalistische Person? Ja, stimmt, lass ich so stehen, ist ebenso gültig.
Well, ich habe eine persönliche Sicht, aber auch eine von dem Standpunkt aus, dass ich Menschen erreichen und die Musik vermarkten möchte. Persönlich hasse ich es. Ich besitze keinen iPod. Ich hasse diese ganze Jukebox-Mentalität der iPods. Man lädt sich ein paar Songs herunter, aber das zugehörige Album bleibt außen vor. Ich hasse es! Aus Marketing-Sicht war das Internet bei all meinen Projekten hingegen essentiell wichtig. Insbesondere bei Blackfield und Porcupine Tree. Für Porcupine Tree hat es lange überhaupt keine Aufmerksamkeit von medialer Seite gegeben.
Die meisten Leute sind über das Internet und Filesharing-Plattformen auf die Band aufmerksam geworden und sind dann in die Läden gegangen, um die Alben zu kaufen. Am Ende kommt es darauf an, dass du mit deiner Musik so viele Menschen wie möglich erreichst und sie mit deiner Musik berührst. Du kannst es mögen oder nicht, der Geist ist bereits aus der Flasche. Das ist eben die Art und Weise, wie die Mehrheit Musik in Zukunft konsumieren will. Ich hoffe aber, dass es immer eine starke Minderheit - zu der ich mich selbst zähle - geben wird, die etwas Greifbares in den Händen halten möchte. Ich selbst habe keinerlei Bedürfnis, mir jemals einen iPod zuzulegen. Manchmal denke ich, ich stehe damit alleine da.
Es gibt aber auch eine gegenläufige Tendenz, dass in Blogs oder ähnlichen Seiten auf Künstler und deren Musik aufmerksam gemacht wird, die zwar Tracks veröffentlichen, aber dennoch die Musiker unterstützen.
Wenn es das Internet nicht gäbe, würde Porcupine Tree sicher nicht mehr existieren. Denn jahrelang hat keiner über uns berichtet oder unsere Musik gespielt. Da hat die Mund zu Mund Propaganda geholfen, zu überleben. Es wäre deshalb kindisch, zu behaupten, ich würde das Internet hassen, denn ohne es würde ich wohl nicht hier sitzen. Auf der anderen Seite mag ich nicht, was das Internet aus der Musik gemacht hat, wenn man den ästhetischen Punkt betrachtet. MP3s klingen furchtbar, aber gerade heute wächst eine Generation junger Menschen auf, die denkt, das Musik genau so klingen müsste. Schrecklich! Dei Kids wachsen heute auf und verstehen das Konzept gar nicht, wie ein Album entsteht, den kreativen Fluss und die musikalische Reise durch 40, 50 oder 60 Minuten. Nach dem Motto "ich lad mir den Song runter, den ich neulich im Radio gehört oder von dem ich das Video gesehen habe. Das finde ich sehr traurig.
Gut, ich finde viele Dinge traurig, aber das ganz besonders. Das neue Porcupine Tree-Album dreht sich ja gerade um dieses Thema. "Fear Of A Blank Planet" stellt ja die Frage, ob wir eine Generation aufziehen, die innerlich total leer ist. Eine Generation, die mit Mobiltelefonen, iPods, Playstation, Internt, Reality TV, Big Brother, Anerican Idol und dem ganzen Scheißdreck aufwächst. Was für eine Art Mensch zieht man da groß? Aber gleichzeitig weiß ich, dass meine Eltern wahrscheinlich das gleiche über meine Generation dachte. Vielleicht dachten sie, dass das Fernsehen unsere Gemüter verdirbt. Das ist natürlich auch Teil des Älterwerdens, missbilligend auf die nächste Generation herab zu schauen.
Als wir das letzte mal gesprochen haben, hast du die Fanreaktionen erwähnt, als ihr bei Warner unterschrieben habt. Jetzt seid ihr in Europa bei Roadrunner untergekommen. Rate mal, was eure Fans gesagt haben.
Ja, die dachten alle, wir mutieren zu einer Heavy Metal-Band. Ich weiß, ich weiß. Das Ding ist ja, dass Fans sich immer beschweren, egal, was man tut. Es ist wohl Teil des Fanseins, sich zu beschweren, dass die Band nicht das macht, was du gerne hättest. Ich beachte das einfach nicht mehr sonderlich. Das absurde an der Geschichte ist ja folgendes: Als wir bei den Labels Warner und bei Roadrunner unterschrieben haben, waren die jeweiligen Alben schon lange geschrieben. Wir machten den Deal im Oktober mit Roadrunner, das Album schrieben wir aber bereits im Januar. Da hieß es dann "oh mein Gott, sie sind jetzt bei Roadrunner und machen ein Heavy Metal-Album!". Nein! Das war schon lange fertig. Das ist einfach albern.
Stell dir mal vor, was passiert, wenn sich der Release verschieben würde.
Das wird nicht passieren. Das wird nicht passieren. Nein ehrlich, das passiert nicht. Oder glaubst du, dass das geschieht? Nein, das passiert nicht.
Keine Ahnung, ich steck nicht drin.
Nein, das passiert nicht. Wir haben ja die Tour schon gebucht, es darf nicht passieren. Wir fangen am 18. April in London an und spielen dann weiter und im Sommer auf einigen Festivals.
Ihr werdet ja immer größere Probleme beim Zusammenstellen der Setliste bekommen, zumal die neuen Songs ja auch wieder sehr lang geraten sind.
Wir haben noch nicht diskutiert, was wir spielen wollen. Wir werden das komplette neue Album spielen und dann müssen wir aus unserem mittlerweile ansehnlichen Backkatalog eine weitere Stunde füllen. Wieder ein Ding mehr, über das man sich beschweren kann: "Sie haben meinen Lieblingssong nicht gespielt!" Aber du hast recht, es wird schwerer und schwerer. Je mehr Alben man hat, desto weniger kannst du aus diesen auswählen. Außer du spielst verrückt lange Shows. Rush zum Beispiel drei Stunden, nur um so viel wie möglich aus ihrem Back-Katalog spielen zu können und selbst da kratzen sie nur an der Oberfläche.
Du erwähnst Rush, wie war eigentlich die Arbeit mit Alex Lifeson?
Fantastisch. Liebenswerter, großartiger Kerl. Ein wunderbarer Musiker. Das war eine Ehre für mich, ich bin ja mit Rush aufgewachsen.
Welches ist dein Lieblingsalbum von Rush?
"Moving Pictures" oder "Farewll To Kings" oder "Permanent Waves" oder eine der anderen. (lacht) Nein, "Moving Pictures".
Ich kam zum ersten mal mit der "A Show Of Hands" mit ihnen in Berührung und mag die Synthesizer-Ära.
Ist nachvollziehbar. Sie haben ja bislang auch noch nie ein schlechtes Album gemacht. Ich bin da aber eher der 77er bis Anfang Achtziger-Typ. Damals habe ich sie für mich entdeckt.
Das hört man der neuen Scheibe auch an.
Ja klar, sicher.
Gibt es eigentlich einen Künstler, mit dem du unbedingt mal zusammen arbeiten würdest?
Nicht unbedingt so, dass ich mir das verzweifelt wünschen würde, aber es gibt einige, bei denen ich gespannt wäre, was bei einer Kollabo heraus käme. Meshuggah zum Beispiel, Trent Reznor ...
Andere alte Helden?
Ich habe ja mit Robert Fripp und Alex gearbeitet. Gut, die sind nicht so alt, aber du weißt, was ich damit meine. Das Problem mit den alten Helden, wie du sie bezeichnest ist, dass die meisten von ihnen das beste schon vor langer Zeit gemacht haben. Als ich in den Achtzigern aufgewachsen bin und mir 70er-Sachen angehört habe, liebte ich Sachen wie Tangerine Dream und so Zeugs aber die haben seit über 20 Jahren nichts lohnenswertes mehr rausgebracht und ich glaube nicht, dass sie nochmals etwas in der Richtung hinbekommen.
Wenn ich eine Maschine hätte und in der Zeit zurück reisen könnte, dann gerne, aber nicht in der Gegenwart. Da gäbe es einige: Can und die ganzen deutschen Bands. Aber in ihrer Glanzzeit. Klaus Schulz, Faust, Neu, Amon Düül II, die ganzen Progressive-Bands der frühen Siebziger, Jimi Hendrix - wer würde das nicht gerne wollen. Mit einer Zeitmaschine wäre es sehr einfach, ohne wird das ein wenig schwieriger.
Steven Wilson, sympathisches Aushängeschild von Porcupine Tree, stellt sich den Fragen über das neue Album "Deadwing", Ebay, Fans und religiösen Größenwahn.
Ortstermin in München. Das Warner-Büro in der bayerischen Hauptstadt liegt ziemlich unprätentiös zwischen Animierbars und seltsamen Läden. Den Kopf tief in den Mantel gezogen, klingle ich. Nicht etwa, um der bitteren Kälte zu entgehen, sondern eher, damit ich nicht mit dem Schuppen daneben in Verbindung gebracht werde. "Men Only" prangt da. Nichts wie weg! Rin inne gute Stube und ... was ist das denn? Sämtliche Wände der Warner-Außenstelle sind mit goldenen oder Platin-Schallplatten bzw. CDs gepflastert. Kaum ein Quadratzentimeter, den nicht eine Auszeichnung von Phil Collins, Peter Maffay oder den Scorpions ziert.
Und hier soll ich mit Steven Wilson über die neue Porcupine Tree-Platte palavern? Nun ja, wenn der sich durch die gülden blitzenden Vorgaben seiner Label-Kollegen nicht unter Druck setzen lässt, von mir aus. Mit zehnminütiger Verspätung erscheint ein vom Mittagessen satter, äußerst sympathischer und allem Anschein nach in sich ruhender Wilson, um gut gelaunt ein Schwätzchen zu halten.
Steven, du hast in einem Interview im Zuge der Promotion zu eurem letzten Album gemeint, dass "In Absentia" für Porcupine Tree-Verhältnisse ein sehr hartes Album sei. Was musst du dann erst über "Deadwing" sagen?
(lacht) Nun, es ist eben noch ein wenig härter. Nein, das ist einfach die logische Weiterentwicklung unseres Sounds. Schon "In Absentia" war ja eine sehr songorientierte Platte. Die psychedelischen Sounds und die Flächen von unseren früheren Alben waren da schon nicht mehr vertreten. Die Schwerpunkte haben sich einfach in Richtung einer Musik entwickelt, die mehr "in your face" geht.
Hast du nicht Angst, einige alte Fans zu vergraulen? Manch einem war schon "In Absentia" zu hart, die konnten damit nicht viel anfangen.
Nicht wirklich. Es ist doch immer so, dass man mit jeder Platte Fans verliert. Die können den eingeschlagenen Weg nicht nachvollziehen. Aber so lief das in der Porcupine Tree-Geschichte ja ständig. Wir haben alte Hörer verloren, konnten uns aber immer neue Hörerschichten erschließen. Wenn du dich als Künstler entwickeln und ausdrücken möchtest, darfst du darauf nicht zu viel Rücksicht nehmen.
Ihr habt ja mit eurem letzten Album bei Warner unterschrieben. Wie wirkt sich das auf eure Arbeit aus?
Auf die Arbeit selbst gar nicht. Wir sind jetzt aber zum ersten Mal in der glücklichen Situation, Promotion in einem größeren Rahmen zur Verfügung gestellt zu bekommen.
Ich frage auch deshalb, weil die Geduld vieler Majors nach ein, zwei Alben, die sich nicht so gut verkaufen, ausgereizt ist. Habt ihr nicht Angst, wieder ohne Deal dazustehen, wenn "Deadwing" nicht die Erwartungen der Firma erfüllt?
Eigentlich nicht. Es ist schön, die Power eines großen Konzerns im Rücken zu wissen. Die Intention hinter dem Vertrag mit Porcupine Tree seitens Warner war aber auch nicht unbedingt die, mit der Band Plattenverkaufs-Rekorde zu brechen. Wie zum Beispiel (zeigt hinter mich auf eine goldene Phil Collins-Scheibe) der da. Wir sind in der tollen Situation, dass wir auf der einen Seite bei einer große Firma sind, die aber andererseits auch hinter der Band und ihrer Musik steht. Die, mit denen ich zu tun habe, hängen sich echt rein und sind Fans der Band und ihrer Musik. Besser kann man es eigentlich nicht haben.
Und im Gegensatz zu früher, wo wir in Deutschland nicht einmal einen richtig funktionierenden Vertrieb hatten, haben sich auch die Verkaufszahlen für unsere Platten enorm verbessert. Wenn wir früher ein paar hundert absetzen konnten, bewegt sich das jetzt im Bereich von 15.000 und das ist doch ein gutes Zeichen. Wer weiß, was kommt. Wenn es nicht hinhaut, werden wir unsere Platten eben wieder über einen Independent heraus bringen. Mir ist da nicht bange.
In Deutschland erscheint "Lazarus" als erste Single. Der Song ist eher eine konventionelle Ballade, spiegelt das Album aber nicht wirklich wider. Warum also ausgerechnet dieser Song? Weil er das größte kommerzielle Potential hat?
Vielleicht. Aber so wichtig ist das ja auch nicht. Es kommt halt eine Single vorab heraus und macht eventuell einige Leute neugierig auf das Album.
Ist ein Video dafür geplant?
Das habe ich die Label-Leute auch gefragt. Das macht aber immer weniger Sinn. Wenn du dir MTV oder Viva anschaust, dann spielen die dort ja überhaupt keine Musik mehr. Das Video als Promotion-Instrument wird also immer unwichtiger. Wenn du dann noch bedenkst, was der Dreh eines Clips an Geld kostet, und das fertige Produkt dann gar nicht gespielt wird, überlegst du es dir zweimal. Auf den ehemaligen Musiksendern senden sie ja sowieso nur noch Reality-Shows und Werbung. Wenn du Glück hast, läuft dein Video irgendwann nachts um drei und zehn Leute schauen zu.
"God is in my fingers god is in my head" heißt es auf einem Track des neuen Albums. Ein Anfall von Größenwahn?
Das stammt aus "Halo" und ist einer der Songs, den ich im Laufe der Jahre geschrieben habe, und der sich um die organisierte Form der Religion dreht. Ich bin kein großer Fan organisierter Religion. In diesem speziellen Fall spricht der Text aus der Perspektive eines Menschen, der sehr selbstgerecht ist, was seine Religiösität angeht. Die Art von Zeitgenosse, die einem erzählen wollen, dass ihr Leben besser sei aufgrund ihres Glaubens, der eine Art der Überlegenheit begründet, die du selbst nicht besitzt. Einer meiner früheren Freunde konvertierte zu den wiedergeborenen Christen. Es ist sehr schwer, mit diesen Leuten eine Freundschaft aufrecht zu erhalten, nachdem sie in diese "andere Welt" übergetreten sind. Sie fangen an, dich zu bevormunden, denn sie glauben etwas zu besitzen, das du nicht hast: Glaube, Wissen ...
Die absolute Antwort auf alles?
Ja, genau das. Ich fand das immer beleidigend, aber das ist mir mit einem Freund passiert, und hat dann dann "Halo" inspiriert. Wenn ich mit ihm zu tun hatte, trat er so auf, als würde er einen Heiligenschein auf seinem Kopf spazieren tragen. Er gab mir das Gefühl, dass ich mich nicht mehr auf demselben Niveau befinde wie er. Er war von dieser Überzeugung so sehr durchdrungen.
"Halo" ist ein ziemlich starker Song auf der Platte. Welcher gefällt dir eigentlich am besten?
Ich mag "Halo", aber jetzt, nachdem ich gerade mit dem Album fertig bin und ich mir schon seit Monaten die Lieder anhöre, fällt es mir schwer, wirklich objektiv zu sein. Als die Arbeiten abgeschlossen waren, hatte ich keine Ahnung, ob das jetzt gut, mittelmäßig oder schlecht ist. Versteh mich nicht falsch, ich bin sehr stolz auf das Album, aber mir fällt es nicht leicht, Abstand zu gewinnen und die Emotionen darin zu beurteilen. Wenn ich es jetzt höre, dann eher von einem technischen Standpunkt aus. Ist die Produktion in Ordnung, was ist mit dem Mastering? Befindet sich alles im Einklang? Ich bin sehr stolz auf die Songs. Man muss bedenken, dass noch viel mehr Material entstanden ist, das es nicht aufs Album geschafft hat. Die neun Tracks sind die Quintessenz dessen, was wir als Band ausgewählt haben. Ich finde schon, dass es starke Stücke sind.
Kann man davon ausgehen, dass die Stücke, die es nicht auf das Album geschafft haben, separat erscheinen?
Zwei davon werden auf der Single sein, eventuell noch zwei auf einer anderen Single. Weitere werde ich vielleicht über das Internet als Download zur Verfügung stellen und irgendwann wird es das auch als Album oder Box-Set zu kaufen geben.
Du hast den Re-Release von "Up The Downstairs" geplant ...
Ja, das kommt im Mai, ist aber mehr als nur eine Wiederveröffentlichung. Wir haben das Album eigentlich nochmals komplett neu aufgenommen. Es war das zweite Album im Porcupine Tree-Katalog und entstand damals, als die Band eigentlich nur aus meiner Person bestand. Das Equipment war billig, ich benutzte Drum-Machines und Drum-Samples. Deswegen ist es für mich immer noch schwer, das Album zu hören, denn da stand immer dieser "Wenn ich doch nur"-Gedanke dahinter. Wenn ich doch nur eine Band hätte, wenn ich doch nur ein richtiges Schlagzeug oder Equipment hätte. Als die Überlegungen anstanden, den Back-Katalog neu aufzulegen, wollte ich "Up The Downstairs" als letztes machen, weil ich es neu einspielen wollte. Jetzt ist es fertig, mit richtigem Schlagzeug, einigen neu eingespielten Gitarren-Parts, neuem Mix und Mastering. Das Ganze klingt jetzt um einiges voller, mehr ...
Nach der Band von heute?
Ja und nein. Es hat immer noch die Atmosphäre von damals ,aber die Produktion entspricht dem Porcupine Tree-Standard von heute.
Ich frage deshalb, weil du deinen Fans wahrscheinlich einen riesen Gefallen tust. Die alten Scheiben sind ja zum Teil nicht mehr erhältlich, was die Preise auf Plattenbörsen oder bei Ebay (Wilson stöhnt auf) in unverschämte Höhen treibt.
Ja. Ich hasse es, dass manche Leute bei Ebay daraus Profit schlagen wollen, weil die Scheiben nicht mehr erhältlich sind. Das einzige Problem, das es dabei gibt, ist der Faktor Zeit. Wir haben es geschafft, einige der alten Platten mit Extra-Songs und dem ganzen Zeug wieder zu veröffentlichen. "Up The Downstairs" ist die letzte der ganz alten Platten. Die nächsten, die an die Reihe kommen, sind "Stupid Dream" und "Lightbulb Sun". Diese Scheiben werden nicht mehr gepresst. Als wir bei Warner unterschrieben haben, haben sie auch die Rechte an den alten Alben mit der Absicht erworben, sie wieder auf den Markt zu bringen. Dadurch, dass wir mit "In Absentia" und jetzt "Deadwing" so beschäftigt waren, hatten wir einfach keine Zeit. Das Nächste was also ansteht, wenn wir die Touren zu "Deadwing" hinter uns gebracht haben, ist das Remastern von "Stupid Dream" und "Lightbulb Sun". Eventuell gibt es auch Surround Sound-Mixe davon, hoffentlich schon Ende des Jahres.
Im Internet gibt es ja einige Fanseiten, die von sehr engagierten Leuten betrieben werden. Das hat etwas von Guerilla-Promotion. Große Pressekampagnen für die Band gab es ja bislang noch nicht. Welchen Wert hat das für dich?
Wir hatten teilweise eine ziemlich seltsame Beziehung zu den Fans. Das ganze Internet-Ding fing an, lange bevor ich das überhaupt zur Kenntnis genommen habe oder wir selbst eine offizielle Seite hatten. Die Band fand in den Medien ja kaum statt, und so teilten die Fans gegenseitig ihre Begeisterung für die Musik von Porcupine Tree, was ich fantastisch finde. Es gibt polnische, libanesische oder israelische Websites. Das passt sehr gut zu der Entwicklung der Band und half uns dabei, ohne die Unterstützung der Musikindustrie zu überleben. Wir kommunizieren über das Internet nicht sehr intensiv mit unseren Fans. Wir haben das früher gemacht, über Foren und News-Seiten, haben das aber eingestellt.
Manchmal ist es besser, etwas Distanz zu wahren, denn die Fans mögen es gar nicht so sehr, wenn man alles erklärt und eventuelle Missverständnisse aufklärt. Sie lieben es, über gewisse Dinge zu spekulieren. Wenn du dann als Künstler einschreitest und sagst "Nein, da liegst du falsch", stört das eher. Ich gebe den Fanzines aber nach wie vor Interviews und unterstütze unsere Anhänger, denn wir sind ja auf sie angewiesen. Die Beziehung Künstler-Fan ist aber schon seltsam. Sie wissen alles über dich, aber du hast überhaupt keine Ahnung, wer sie sind. Man denkt schon manchmal, dass sie vielleicht zu viel über einen Bescheid wissen, deshalb ist es auch schwer, ein Gleichgewicht zu finden.
Es gibt Einige, die euch sehr verehren. Für die seid ihr ja die Größten. Wie kommt man mit so einer Verehrung zurecht?
Meistens ist es toll, Anhänger zu haben, die so leidenschaftlich sind und für die Porcupine Tree oder mein Schaffen anscheinend sehr wichtig ist. Mit einigen, die sich schon seit Jahren engagieren, stehe ich in Email-Kontakt. Die meisten sind sehr sensibel und respektieren deine Privatsphäre, und erwarten zum Beispiel nicht, dass man sofort antwortet. Es gibt da aber eine ganz kleine Minderheit, die Probleme macht. Diese Leute stürzen sich auf jede Kleinigkeit, um zu beweisen, was für ein aufgeblasenes Arschloch man doch sei oder dass man seine Fans wie Scheiße behandeln und nicht wertschätzen würde. Das ist wirklich nur eine kleine Gruppe, die aber unverhältnismäßig viel Krach schlägt.
Wir hatten ja sogar ein Forum auf unserer offiziellen Seite, in dem Interessierte Fragen an die Band richten konnten. Das haben wir jetzt geschlossen, da ungefähr fünf User ständig nur das Negative gesucht haben. Du musst dir das mal vorstellen. Wir haben angekündigt, dass sich der US-Release verschiebt. Das führte zu der Diskussion, wie böse doch Plattenfirmen sind und dass Porcupine Tree sich an die Major-Labels verkauft hätten. Dieser ganze lächerliche Mist eben. Da diese Fünf aber über 50 Prozent der Posts verfassten, machte das dann den Eindruck, als ob alle unsere Fans ständig nur mosern würden. Wir hatten einfach die Nase voll davon. "Geht woanders hin, macht das auf einer anderen Webseite", und so haben wir das Forum geschlossen. Die Fans, mit denen ich mich bei den Shows unterhalte, sind aber wunderbar und mit denen habe ich ein sehr gutes Verhältnis.
Ihr kommt im April auf Deutschland-Tour. Geplant sind momentan nur sechs Shows. Wird es mehr geben. Und habt ihr Pläne, auf Festivals aufzutreten?
Pläne gibt es. Das Problem dabei ist, dass wir nur bei wenigen Festivals ins Line-up passen. Wir haben gerade mit einem Agenten geredet und da kam genau dieses Thema auf den Tisch. Über den Sommer spielen wir hoffentlich auf ein, zwei Festivals. Aber selbst wenn das nicht hinhauen sollte, kommen wir im Herbst wieder nach Deutschland. Dann wird es hoffentlich noch eine Single oder EP geben, die wir vorher veröffentlichen.
Ehe ich noch weitere, psychologisch wertvolle Fragen stellen kann, winkt der freundliche Mann von der Plattenfirma. Es sei an der Zeit, jetzt zum Schluss zu kommen. Schade eigentlich, denn mit einem wie Wilson würde man gerne mal bei ein paar Bierchen über dies und das philosophieren.
Das Interview führte Alexander Cordas.
Warszawa (2005)
In Absentia (2003), Stars Die (2002), Lightbulb Sun (2000), Stupid Dream (1999), Coma Divine (1997), Signify (1996), The Sky Moves Sideways (1995), Up The Downstairs (1993), On The Sunday Of Life (1992)
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