2. Juli 2007

"Mich kotzt der Einfluss des Hip Hop an"

Interview geführt von

Steven Wilson vergleicht den aktuellen Hip Hop mit dem Rock der 80er und hofft auf die kommende Rap-Generation, die das Genre erneuern könnte - wie damals Nirvana oder Pearl Jam die Rockmusik.An diesem Abend rocken Porcupine Tree das Capitol in Offenbach. Dabei spielen sie erst ihr neues Album "Fear of A Blank Planet" in voller Länge und dann eine erlesene Auswahl ihres Backkataloges. Vor dem Gig zerrt laut.de den Sänger von seinem Laptop weg, mit dem er scheinbar gerade im World Wide Web unterwegs war.

Wie lief die Tour bislang?

Bislang sehr gut. Wir haben Mitte April in Großbritannien angefangen, die letzten paar Wochen waren wir auf dem Festland unterwegs. Bis jetzt macht es Spaß.

Ich habe mir die Charts-Einstiege eures neuen Albums angesehen. Sieht so aus, als ob ihr mittlerweile überall auch von den Alben-Verkäufen her gut ankommt.

Ja, für uns ist das alles jetzt auf einem höheren Level. Die Albenverkäufe, die Anzahl der Leute, die zu den Konzerten kommen, die Größe der Konzerthallen, die Aufmerksamkeit der Presse und so weiter. Weshalb? Das kann ich nicht so richtig einschätzen, aber wir sind sehr dankbar, dass sich das so entwickelt hat.

Ist doch aber eigentlich ironisch, wenn man bedenkt, dass ihr vom Major Warner zum Indie Roadrunner gewechselt seid. Haben die euch eigentlich gedroppt?

Nein nein, die haben uns nicht gedroppt. In Amerika sind wir immer noch bei Warner, aber in Europa haben sie nicht wirklich gut für uns gearbeitet. Nicht überall. In Deutschland zum Beispiel waren wir ganz zufrieden, aber in einigen anderen Ländern, wie England, Spanien oder Frankreich war das nicht so.

Nicht einmal in England, eurer Heimat?

Nein, die haben da überhaupt nichts gemacht. Wir hatten unseren Vertrag also erfüllt, und sie wollten uns nach wie vor haben, aber wir beschlossen, dass wir nur in den Staaten bei Warner bleiben wollen. So haben wir ihnen die Lizenzen dort überlassen. Währenddessen haben sich viele Labels, die eigentlich harte Musik vertreiben, bei uns gemeldet. Roadrunner war eines davon. Ich war ziemlich beeindruckt von dem, was sie mit Opeth vollbracht haben. Sie scheinen zu kapieren, was wir machen wollen, haben eine gutes Verständnis für Underground-Musik und sind in der Lage, Bands in den Mainstream zu führen. Schau dir Nickelback oder Slipknot an, die verkaufen Millionen von Platten. Das Problem mit Plattenfirmen wie Warner ist, dass sie den Underground überhaupt nicht verstehen und für sie so etwas wie die Treue einer Fanbase keine Rolle spielt. Sie wollen nur unglaublich viele Platten verkaufen, wo immer das möglich ist. Roadrunner sind vertrauter damit, eine loyale Fangemeinde aufzubauen und das dann auf ein höheres Level zu hieven. Bislang sind wir mit ihnen sehr zufrieden. Sie machen ihre Sache sehr gut.

Gratulation übrigens, dass ihr den beliebtesten Progressive Rock-Drummer in euren Reihen habt. Bist du auch ein bisschen stolz? (Gavin Harrison wurde von den Lesern des Modern Drummer Magazins zum beliebtesten Progressive Rock-Schlagzeuger gewählt, Anm. des Autors)

Sehr stolz. Er ist definitiv einer der besten Schlagzeuger der Welt, und es wurde langsam mal Zeit, dass das jemand bemerkt. Viele andere Schlagzeuger haben das schon vor langer Zeit gesagt, und deshalb ist es schön, dass man das endlich auch einmal gedruckt lesen kann.

Dann musst du jetzt noch als bester Gitarrist nachziehen

(lacht) Keine Chance!

Euer Support auf der Tour sind Pure Reason Revolution. Du musst ja sehr überzeugt von ihnen sein, wenn du sie jetzt zum zweiten Mal als Vorband engagierst, bei Blackfield waren sie auch schon dabei.

Ja, ich wollte ihnen eine weitere Möglichkeit geben, da wir mit Blackfield ja eher in kleinen Häusern gespielt haben. Sie verdienen es auf jeden Fall, von viel mehr Leuten gehört zu werden. Ich habe sie vor ein paar Jahren getroffen, nachdem sie bei Sony unterschrieben und sich nach einem geeigneten Produzenten umgeschaut haben. Wir haben darüber gesprochen, ob ich es eventuell mache, aber ich war viel zu beschäftigt, da ich zu der Zeit gerade mit Porcupine Tree auf der Deadwing-Tour unterwegs war. Sie haben das Album dann mit Paul Northfield aufgenommen, was auch eine sehr gute Wahl war. Seitdem habe ich ihre Entwicklung verfolgt - sie hatten übrigens auch so ihre Probleme mit dem Label. Das sind wirklich klasse Typen, machen interessante Musik, die mit der von Porcupine Tree kompatibel ist. Deshalb hoffe ich, dass unsere Fans das mögen, was sie machen.

Mich haben sie ja als Support für Blackfield beeindruckt. Was ganz anderes: Wie sieht es denn mit dem Re-Release von "Lightbuld Sun" aus? Das ist ja das einzige Album eures Back-Kataloges - außer "Recordings" - das nicht mehr erhältlich ist.

Da kann ich dir gerade nicht viel Neues erzählen. Der Re-Release wird kommen, ich habs bislang nur noch nicht in Angriff genommen. Vielleicht habe ich über den Sommer einmal Zeit, den Surround-Mix zu machen, denn das ist das Einizge, was das Projekt aufhält. Das Album erscheint dann mit einer Stereo-CD und einer DVD-Audio. Ich werde an der Stereo-CD nichts ändern, höchstens noch einmal mastern.

Also dürfen wir trotz deines Arbeitsrhythmus' nicht mit einem neuen Blackfield-Album am Ende des Jahres rechnen.

Oh je, nein, auf keinen Fall.

Mal was Banales. Warum gehst du eigentlich immer barfuß auf die Bühne?

Ich laufe eigentlich immer barfuß rum. Nur wenn ich wirklich wirklich wirklich wirklich muss, ziehe ich mir Schuhe an. Ok, ich geh nicht barfuß auf die Straße, nur manchmal.

"Gangsterrap ist ein kommerzialisierter Witz"


Der Albumtitel "Fear Of A Blank Planet" ist ja von Public Enemys "Fear Of A Black Planet" entlehnt. Hast du irgendwelche Beziehungen zum Hip Hop?

Ich bin ja in den Achtzigern aufgewachsen und eines der Alben, das ich damals mochte, war "Fear Of A Black Planet" von Public Enemy. De La Soul, A Tribe Called Quest, es gab da eine Menge guter Musik aus dieser Ecke. Damals war es eine wundervolle, experimentelle, reichhaltige und originelle Zeit im Hip Hop. Ich hasse, was daraus geworden ist. Hip Hop heutzutage ist das banalste, formelhafteste, gewöhnlichste Musikgenre, das es gibt. Nicht alles, aber der Großteil davon ist einfach scheiße. Mich kotzt der Einfluss an, den Hip Hop hat. Ich mag keinen einzigen Aspekt von dem, was Hip Hop in den letzten zehn, fünfzehn Jahren der Musik, der Kultur und der Mode gebracht hat. Aber! Ich mochte es als Kind, und in den Achtzigern entstanden einige wichtige Sachen. Hip Hop hat ja auch einen enormen Einfluss auf die Rockmusik gehabt; höre dir nur mal Rage Against The Machine an. Bis Anfang der Neunziger habe ich sehr gerne Hip Hop gehört, aber dann missfiel mir, was daraus wurde. Aber das Album von Public Enemy war sehr wichtig.

Wenn du jetzt auf den Gangster abzielst, diese Entwicklung zeigt sich ja überall auf der Welt, wo Hip Hop zur Alltagskultur gehört.

Ich habe keine Ahnung, woran das liegt. Hip Hop war ja eine eminent wichtige musikalische Bewegung mit einem entsprechend großen Einfluss. Mittlerweile scheint es, als ob das alles ausgebrannt ist. Der Kommerz hat das Ruder übernommen, als die großen Plattenfirmen sich des Hip Hop angenommen haben. Viele der Musiker kommen von der Straße und stammen aus armen Verhältnissen. Sobald sie dann die Gelegenheit haben, kommerziell erfolgreich zu sein und Millionen von Platten zu verkaufen, ergreifen sie diese auch. Es scheint, dass sie darüber die Musik vergessen.

Nimm als Beispiel Ice-T und Ice Cube. Die waren klasse als sie angefangen haben. Dann spielten sie auf einmal in Filmen mit, gingen nach Hollywood und kauften sich riesige Häuser in Beverly Hills. Ich war zwar kein Riesenfan der beiden, aber wenn, dann wäre ich schon enttäuscht von diesem ganzen Zeugs gewesen. Darüber erzählen, dass man von der Straße kommt und gleichzeitig in einem Riesenschuppen in Beverly Hills wohnen, das klingt für mich schon etwas nach Verrat an der Philosophie. Hip Hopper sind aber selbst an dieser Banalisierung schuld. Ich höre immer noch gerne instrumentalen Hip Hop wie DJ Krush oder DJ Shadow, aber die Gangsterrap-Szene ist eher ein kommerzialisierter Witz.

Als ich "Fear Of A Black Planet" hörte, gab es einige wegweisende Platten aus dieser Ära. "Master Of Puppets" von Metallica, "3 Feet High And Rising" von De La Soul, "Reign In Blood" von Slayer: Diese Platten waren so kraftvoll. Zu der Zeit waren sich Hip Hop und Rock sehr nahe. "Reign In Blood" ist ja auf Def Jam rausgekommen. Man hatte damals das Gefühl, dass da etwas sehr Starkes mit einer großen Dynamik entsteht. Heute scheint es, dass die Rock- und Hip Hop-Welt sich nicht ferner sein könnten. Die Verschmelzung der Stile, die es einmal gab, hat sich wieder aufgelöst.

Vielleicht braucht es wieder einen neuen "Judgement Night"-Soundtrack?

Einen was?

Einen Sounudtrack wie zu "Judgement Night"

Kenn ich nicht.

Das war ein Soundtrack zu einem Horrorfilm, auf dem Rockmusiker mit Hip Hoppern jeweils gemeinsam einen Song gespielt haben. Zum Beispiel Pearl Jam und Cypress Hill oder Slayer und Ice-T. Aber egal. Vielleicht ist die von dir angesprochene Entwicklung ja so etwas wie evolutionär.

Alle Entwicklungen der Musikszene scheinen wellenförmig zu sein, es gibt Höhen und Tiefen. Hip Hop scheint zur Zeit an einem Tiefpunkt angekommen zu sein, aber ich bin mir sicher, dass es auch wieder bergauf geht. Das ist mit den späten Achtzigern vergleichbar, als Rap sehr stark war. Damals war Rockmusik in der Gosse angekommen, und auf einmal tauchten Soundgarden, Nirvana, Smashing Pumpkins und Pearl Jam auf und Rock war stärker als je zuvor. Ich bin mir sicher, dass das auch bei Hip Hop der Fall sein wird.

Was für eine Entwicklung würdest du dir da wünschen?

Keine Ahnung. Das Schöne daran ist doch, dass man überhaupt nichts vorhersagen kann. Wenn man das könnte, würde ich es selbst machen. Ich hoffe nur, dass irgendwo da draußen ein paar junge Musiker stecken, die sich lieber von De La Soul und Public Enemy als von den Eminems, Jay-Zs und dem ganzen Mainstream-Mist dieser Welt inspirieren lassen. Die werden sich die richtigen Quellen ihrer Inspiration suchen und hoffentlich etwas anstoßen, das in einen lebendigen Hip Hop mündet. Die Parallelen zur Rockmusik in den späten Achtzigern sind offensichtlich. Abgesehen von Metallica war ja kaum Interessantes unterwegs. Seattle hat dem wieder Leben eingehaucht. Zwischendurch ist er zwar wieder etwas abgetaucht, aber derzeit ist Rock wieder mit einer Reihe spezieller Bands am Start.

Welche meinst du denn genau?

Tool oder The Mars Volta. Rockmusik ist ja breit gefächert. Von den heavy Bands bin ich ein großer Fan von Mastodon, Meshuggah, dann auch Oceansize, Pure Reason Revolution oder Sigur Ros. Die sind fantastisch.

"99,99% benutzen das Internet, um sich Musik und Pornos runterzuladen"


Euer neues Album befasst sich mit der geistigen Leere der heutigen Jugend. Glaubst du wirklich, dass es so schlecht um sie bestellt ist?

Das Thema ist ja nicht direkt die Jugend von heute. Ich konzentriere mich auf junge Leute, weil sie die wichtigste Personengruppe für die Zukunft der Welt darstellt. Sie werden in die Ära der Informationstechnologie hinein geboren. Sie kennen gar nichts anderes. Es ist ja noch gar nicht so lange her, dass es noch keine Playstations, Mobiltelefone und Ipods gab. Ich kann es durchaus schätzen, was sich in den letzten zehn Jahren verändert hat, aber jetzt wächst ja eine Generation nach, die mit diesen Dingen aufwächst. Ich frage mich dann einfach, wie diese Dinge das Leben der jungen Leute beeinflusst. Darüber machen sich zu wenige Menschen Gedanken.

Wie erzeugen wir bei Kindern Neugierde? Neugierde ist doch eine der wichtigsten oder die wichtigste menschliche Eigenschaft. Ohne Neugierde würden wir nie tiefer schauen als das, was uns die Majorlabels als Musik verkaufen möchten. Wir würden nichts anderes schauen als große Hollywood-Blockbusterfilme, wir würden nie schauen, was der Underground macht, wir würden nie hinter die Oberfläche schauen. Wir würden alle am selben Platz Urlaub machen, wir würden alle in denselben Geschäften einkaufen.

Ohne Neugier würden wir alle einem einzigen Pfad folgen und deshalb ist sie so wichtig. Sie lässt uns innehalten und sagen 'Moment, da muss es mehr geben und ich muss danach suchen.' Das Problem mit der Informationstechnologie aus meiner Sicht ist, dass sie einem vorgaukelt, dass sie eine Möglichkeit bietet, um unter die Oberfläche zu schauen, aber dass es nicht viele Menschen gibt, die sie dazu benutzen, tatsächlich in die Tiefe zu gehen. Stattdessen benutzt es die Mehrheit, um sich von den eigentlichen Möglichkeiten zu entfernen.

Aber gibt es da nicht ebenfalls Parallelen zum Fernsehen? Es gab und gibt ja auch konträre Meinungen zu diesem Thema. Es heißt ja auch "Fernsehen macht die Dummen dümmer und die Klugen klüger". Denkst du nicht, dass es auch junge Leute gibt, die die Technologie richtig einsetzen?

Das ist doch das Problem, ich glaube nicht, dass sie das tun. Das Internet ist eine so unglaublich riesige Quelle der Information, dass am Ende nur noch weißes Rauschen übrig ist und nichts hängen bleibt. Was ich meine ist, dass die Dinge im Leben, die am interessantesten sind, auf die wir die meiste Zeit - und oft auch das meiste Geld - investieren, um sie zu finden. Wenn aber Dinge über das Internet nun so einfach zu haben sind, ist die Wertschätzung dafür nicht mehr sehr hoch. Das Internet ist eine wunderbare Ressource, aber sind wir doch mal ehrlich, 99,99% benutzen das Internet dazu, um sich Musik und Pornos runterzuladen und das wars. Das entspricht leider der Wahrheit. Sie nutzen die Möglichkeiten nicht. Das lässt sich auf viele Lebensbereiche ausdehnen. Wir neigen dazu, bis zu einem gewissen Punkt nur durch technisches Spielzeug zu leben: Ipods, Mobiltelefone ... Ich nehme mich da nicht aus.

Früher habe ich zum Beispiel ständig Bücher gelesen. Mittlerweile kann ich das nicht mehr. Ich habe seit ungefähr zehn Jahren kein richtiges Buch mehr gelesen. Als Kind habe ich morgens ein Buch zur Hand genommen und war abends fertig. Mittlerweile kann ich kaum zwei Seiten lesen, bis ich wieder zappelig werde und meine Emails checke. Ich denke, da geht es vielen Leuten so wie mir, Erwachsenen wie Kindern. Die heutigen Kinder werden in Zukunft die Verantwortung tragen müssen und ich sorge mich eben ein wenig darum und genau darum geht's in dem Album.

Ich würde gerne daran glauben, dass die Kids letzten Endes beweisen, dass ich mich geirrt habe. Bislang hat ja jede jüngere Generation gegen die Normen der älteren rebelliert. Die jetzige Norm besteht darin, sich in einer technologisierten Welt zu behaupten. Vielleicht gibt es in Zukunft ja eine junge Generation, die von dem ganzen technischen Kram die Schnauze voll hat, sich davon abwendet und von anderen Dingen inspirieren lässt.

Die Geschichte von Porcupine Tree hat ja gezeigt, dass das möglich ist. Zu unseren Konzerten kommen ja immer mehr junge Leute - ok, in Deutschland jetzt vielleicht nicht so. Der Grund dafür ist Mundpropaganda und ein Zeichen dafür, dass die Kids auch etwas, was ein wenig anspruchsvoller ist, wertschätzen können.

Also haben dich die Jungen ja bereits mit deiner Theorie widerlegt.

Ja, einige, eine Minderheit. Ich hoffe, dass diese Minderheit größer wird - jetzt nicht unbedingt im Bezug auf Porcupine Tree, sondern im Bezug darauf, dass sie hinter das Oberflächliche sehen und seelenvollere Dinge im Leben entdecken.

Ich teile jetzt nicht unbedingt deine Einstellung.

Worüber?

Über die junge Generation. Man kann z.B. das Internet ja auch dazu benutzen, um sich zum Beispiel über fremde Länder zu informieren, um dann dorthin zu reisen.

Ach was, das machen doch die Kids nicht. Die gehen ins Netz, um sich Musik und Pornos runterzuladen, schauen auf ogrish.com, um Unfalltote zu begaffen. Ich wünschte, ich läge da falsch aber ich glaube es nicht. Die Mehrheit zumindest.

Na gut, das kann man unterschreiben.

Als Kind war ich sehr neugierig, aber die Mehrzahl meiner Mitschüler hat zum Beispiel lediglich die Musik gehört, die gerade in den Charts war. Man muss eben etwas neugieriger sein, um tiefer dringen zu wollen. Meine Befürchtung ist es, dass das Internet die Menschen zur Passivität verleitet.

Aber es gab doch zu jeder Zeit junge Menschen, die diese Neugier gezeigt haben.

Es wird einem aber heutzutage einfacher gemacht, einfach blöd zu sein, oder zu beschließen, dass man einfach blöd sein möchte. Die Welt wird wegen des Internets immer kleiner. Alle wissen jederzeit Bescheid, was überall auf der Welt vor sich geht. Du musst nur ins Netz gehen und kannst schauen, was gerade in Israel, Mexiko oder Japan los ist. Das ist ja eigentlich nichts Schlechtes, erzeugt aber so etwas wie eine universelle Paranoia, da sich die Leute immer mehr wie ein kleiner Punkt auf dieser großen Welt fühlen.

Als ich in den Achtzigern aufwuchs, fühlte ich mich sicher nicht wie ein Teil einer großen weltweiten Gemeinschaft, wie es den Jugendlichen heute geht, wenn sie mit Gleichaltrigen in Japan oder Amerika kommunizieren können. Was wir derzeit beobachten können, und übrigens auch diesen Typen in Virginia betraf (Wilson bezieht sich auf den Amoklauf an der Virginia Tech in den USA, bei dem ein Student 32 Menschen getötet hat, Anm. des Autors) , ist ein unglaubliche Bedürfnis, etwas Bedeutungsvolles zu schaffen, ein Zeichen zu hinterlassen. Schau dir doch mal dieses ganze Big Brother und American Idol-Zeugs an. Da wird einem suggeriert, dass man nichts wert ist, solange man nicht für irgendwas berühmt ist. Und dieser Umstand wird von Technologien wie dem Internet noch gefördert.

Du hast gerade gemeint, es sei heute einfacher, zu beschließen, dass man einfach blöd sein möchte. Wie kann ich das verstehen? Ich beschließe ja auch nicht eines Tages, von nun an klug zu sein.

Wa sich meinte ist, dass wenn jemand von Natur aus dazu neigt, passiv zu sein, dann sind es Gadgets wie Mobiltelefon, Ipod oder Playstation, die dich dazu verführen, den ganzen Tag in deinem Bett abzuhängen und eine passive Rolle zur Welt da draußen einzunehmen. Das war bei meiner Generation anders, ich hatte nicht einmal einen Fernseher in meinem Zimmer oder wäre auch nie auf die Idee gekommen, meine Eltern zu fragen, ob ich einen für mich bekommen könnte; das ist erst 20 Jahre her. Und heute besitzen die jungen Leute nicht nur Fernseher, Mobiltelefon, Ipod, Internet, Xbox, Playstation und 500 digitale Fernsehprogramme, sie erwarten das auch. Mach heute die Glotze an und du wirst mindestens einen Kanal empfangen, der "Friends" oder "Frasier" zeigt. Das deprimiert mich irgendwie.

Deprimierend. Gutes Stichwort. Auf der DVD-Audio zu "Fear Of A Blank Planet" finden sich Bilder der Kinder wieder, die einen aus dem Booklet so apokalyptisch anstarren. Wo hast du nur die ganzen schaurig aussehenden Kids her?

Das Idee dazu stammt von Regisseuren wie Larry Clark und aus Büchern von Autoren wie Bret Easton Ellis, die die Slacker-Generation thematisieren. Larry Clarks Filme haben mich sehr beeinflusst. Seine Werke zeigen, wie die Kids sich Heroin spritzen und in Einkaufszentren abhängen, nur weil sie keine Ambitionen haben, irgendetwas anderes zu machen als sich sinnlos zu besaufen. Seine Filme gehören ganz sicher zu den Highlights des Genres.

In Easton Ellis' Buch "Lunar Park" gibt es die Figur zehn Jahre alten Jungen Robby, der als Vorlage für vieles auf dem neuen Album gedient hat. Der Junge verbringt den ganzen Tag in seinem Bett, bekommt Medikamente gegen sein ADS, er spielt Playstation, quatscht mit seinen Kumpels übers Internet, lädt sich Musik und Pornos aus dem Netz und starrt mit einem ausdruckslosen Gesicht in den Fernseher. Den ganzen Tag sind die Vorhänge zugezogen, man sieht nicht einmal, ob es Tag oder Nacht ist und vegetiert einfach nur dahin.

Zum Schluss noch eine Frage: Was steht in naher Zukunft an Projekten an?

Für mich oder für die Band?

Sowohl als auch

Ah, ok.

Wie wärs mal mit Urlaub?

(lacht) Ja, Urlaub, das wäre gut. Dieses Jahr besteht hauptsächlich aus Touren. Über den Sommer hab ich ein wenig frei. Hoffentlich bekomme ich in der Zeit die "Lightbulb Sun"-Geschichte hin. Dann wollen wir noch drei Songs fertig aufnehmen, die wir während der Aufnahmesessions zu Fear Of A Blank Planet" begonnen haben. Die EP soll dann hoffentlich im Herbst kommen. Danach sind wir von Oktober bis Dezember unterwegs. Und nächstes Jahr? Keine Ahnung. Vielleicht mal was ganz anderes. Vielleicht mein erstes Solo-Album, eventuell auch ein paar Shows mit meinem Ambient-Projekt Bass Communion. Es gibt viele Dinge, die ich gerne machen würde, wie zum Beispiel ein Projekt mit Mikael von Opeth. Ich habe da eine Liste von Vorhaben, vielleicht fange ich nächstes Jahr einmal an, mich durch diese Liste durchzuarbeiten.

Dann führen wir doch einfach den 48-Stundentag für dich ein.

Ja, ich hätte nichts dagegen, wenn das Leben ein wenig länger dauern würde. Ich denke immer, ich habe zu wenig Zeit auf diesem Planeten zur Verfügung, um alles zu machen, was ich gerne täte. Aber es ist trotzdem fantastisch, was manche in kurzer Zeit erreichen. Nimm zum Beispiel Zappa. Er ist mit 53 gestorben und hat unglaublich viel gemacht. Ich bin mir sicher, er hatte noch viele Sachen im Hinterkopf, die er gerne gemacht hätte.

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