12. Dezember 2011

"Dämonen treibe ich mit Musik aus"

Interview geführt von

Die Opeth-Fangemeinde hat ihren Schuldigen gefunden. Steven Wilson wars, der Mikael Åkerfeldt zu einem Stilwechsel animiert hat. Was der Gute sonst noch zu sagen hatte, verriet er uns vor seinem Gig in der Münchner Muffathalle.Da Steven Wilson ein sehr umgänglicher Zeitgenosse ist, der sich gerne auf Plaudereien einlässt, dachte ich mir, dieses Mal wird improvisiert. Ohne Zettel oder vorformulierte Fragen setze ich mich mit dem Multiinstrumentalisten und Porcupine Tree-Mastermind zusammen, um lose über das zweite Solo-Album des Musikers zu reden.

Gab es eigentlich so etwas wie einen Masterplan, wie dein zweites Solo-Album klingen sollte?

Es gab ein paar Sachen, die ich einbringen wollte. Ich wollte mehr Jazz drin haben. Ich wollte, dass Jazzmusiker Rockmusik spielen. Ich bin ja ausgesprochener Fan der frühen 70er und den ambitionierten experimentellen Alben und Musik dieser Zeit. Und genau in dieser Zeit spielten Jazzmusiker und klassisch ausgebildete Musiker zum ersten Mal Rock und das macht das so speziell. Denk mal an Robert Fripp, Bill Bruford von Yes oder Jeff Beck und Jimmy Page. Die hatten einen Blues, Jazz oder Klassik-Background. Die sind nicht mit Rock'n'Roll aufgewachsen; ok, mit Elvis vielleicht. Das war der Nährboden für eine wundervolle Verschmelzung. Ein großes Problem der heutigen Rock- und Pop-Musik ist, dass Musiker zum Beispiel mit Led Zeppelin groß werden und dann so spielen wie Led Zeppelin oder Black Sabbath. Diese wunderbare Mischung der damaligen Zeit entstand ja, weil diese Typen nie zuvor Pop- oder Rockmusik gespielt haben. Die sind mit Jazz-Tonleitern groß geworden und haben gelernt, wie man Blues, Jazz oder Klassik spielt.

Meine Intention war deshalb, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die außerhalb der Rockmusik stehen. Nimm zum Beispiel den Schlagzeuger. Ein Jazz-Drummer spielt ganz anders wie ein Rock-Drummer. Einem Rock-Schlagzeuger geht es hauptsächlich darum, den Beat und den Groove zu halten, die Jazzer denken nicht so. Die meinen, sie wären nur da, um die ganze Zeit Soli zu spielen. Das ist großartig, denn das kreiert dieses schöne gegensätzliche Eigendynamik, die du mit einem Rock-Drummer nicht bekommst. Das war mein Hauptanliegen. Daneben hab ich einfach neue Songs geschrieben, so wie immer.

Kannst du dann vielleicht verraten, warum du die Musik auf "Grace For Drowning" auf zwei CDs verteilt hast, denn wenn man nur ein bisschen gekürzt hätte, hätte ja alles auf eine einzige CD gepasst.

Das war nicht mein Ansatz. Ich wollte eine zufriedenstellendes Hörerlebnis erschaffen. Viele der Klassiker-Alben aus der Vinyl-Ära hatten ein natürliches Limit von ca. 40 Minuten. Das ist kein Zufall, denn es gibt eine gewisse Aufmerksamkeitsgrenze für den Verstand, sich für eine bestimmte Zeit auf Musik konzentrieren zu können. Es scheint so, dass das ungefähr 40 Minuten sind, also ungefähr zwei Seiten einer Schallplatte. Nach dieser Zeitspanne ist es vollkommen egal, wie gut ein Album ist, da geht die Konzentration flöten. Ich habe das wirklich so konstruiert. Ich hatte viel Material, das mir auch gefallen hat, aber ich wollte es so halten. Ich hätte es auch auf eine einzige gigantomanische CD quetschen können, aber das wäre doch eher ermüdend geworden. Jedes der zwei Alben hat ja einen eigenen Titel und eine eigene Atmosphäre, einen eigenen Aufbau und ist auch für unterschiedliche Stimmungen gedacht.

Also quasi so lange wie eine Unterrichtsstunde in der Schule?

Sozusagen. Für mich sind das einfach zwei Alben in einer einzigen Verpackung.

Das Grauen, das an der nächsten Ecke lauert ...


Mir kommt das Album so vor wie ein Film-Soundtrack, bei dem weniger die einzelnen Songs wichtig sind, sondern der Wert auf die kolportierte Stimmung legt.

Filme waren und sind eine große Inspiration für mich. Da gibt es ja auch einige Referenzpunkte. Der Songtitel "Belle De Jour" ist ja der Name eines Luis Buñuel-Films. Solche Bezugspunkte tauchen immer wieder auf, speziell im Artwork, aber auch in der Musik.

Auf der Blu Ray-Disc des Albums sind einige Filmchen als Untermalung im Menü zu sehen, die wirklich etwas sehr Verstörendes und Erschreckendes haben. Wie bei einem Horrorfilm.

Ich würde eher Geisterfilm sagen. Für mich sind Geister-Sachen viel erschreckender als wenn Blut spritzt und Körperteile durch die Gegend fliegen. Das hat man doch alles schon gesehen. Anders sieht das beim Unbekannten aus, beim Gespenstischen, Geisterhaften, beim Grauen, was an der nächsten Ecke lauert. Ich denke da am ehesten an die asiatischen Horrorfilme. "Ringu" und all die fantastischen Filme transportieren diese Stimmung perfekt.

Hattest du im Vorfeld eigentlich geplant, dass dein zweites Album anders klingen muss als dein erstes?

Es wäre ja komisch, ein Solo-Ding zu machen, wenn es sich nicht von dem unterscheiden würde, was ich mit Porcupine Tree, No Man oder Blackfield mache. Aber ich muss das nicht zu sehr intellektualisieren, denn das passiert automatisch, wenn ich alle Facetten meiner musikalischen Persönlichkeit heraus lasse. Das ist bei meinen Solo-Projekten der Fall, sonst aber nirgends, denn bei all den anderen Sachen schreibe ich für eine bestimmte Gruppe von Musikern und weiß auch, was diese mögen oder gerne spielen.

Ich habe in meiner Review geschrieben, dass wieder Leute geben wird, die vermeintlich zu wissen glauben, wie ein Steven Wilson-Album zu klingen habe, und dass die sich sicher wieder beschweren werden.

Es gibt immer Leute, die sich beschweren. Was ich schon vor langer Zeit bemerkt habe ist, dass du nicht alle Fans zufrieden stellen kannst. Das geht einfach nicht. Jeder entdeckt die Musik mit einem anderen Album und das wird immer das spezielle Album bleiben. Das war einfach die Platte, bei der es geklickt hat. Sei es "Stupid Dream", "Signify" oder "In Absentia". Man kann das später nicht mehr genauso hinbekommen, also habe ich beschlossen, es gar nicht erst zu versuchen. Der andere Punkt ist, dass jeder seine Meinung äußert und diese als objektive Tatsache hinstellt. Wenn du ein Album machst und jemand sagt, dass das kacke wäre. Das ist ok, aber es ist eben einfach nicht sein Ding, aber allzu oft stellt so jemand seine Meinung als Fakt hin. Das ist doch das gleiche, wie wenn ich jemanden fragen würde, was er vom neuen Metallica-Album hält und er sagt "Oh, das ist wirklich scheiße". Ja, es ist scheiße (lacht), aber ich will auf etwas anderes hinaus. Ich habe aus Fanreaktionen gelernt, dass jeder mit einer anderen Erwartungshaltung an eine Platte heran geht, zum Beispiel mag vielleicht jemand den Jazz-Aspekt der neuen Scheibe ganz und gar nicht.

Der nimmt aber doch gar nicht einen so großen Raum ein.

Nein, aber manche fühlen sich davon wirklich persönlich beleidigt. Der Punkt ist aber, dass ich nichts falsch oder einen Fehler gemacht habe. Manche stellen es aber so hin, als wäre das der Fall. Man muss sich eben von dieser Erwartungshaltung lösen. Das ist einfach Krach. Das ganze Internet ist voll mit dieser Art Krach.

Das brauchst du mir nicht zu erzählen.

Überall. Auf Fanforen, bei Amazon-Reviews ...

Liest du das wirklich?

Nein. Jedermann auf der ganzen Welt hat eine Meinung, kann diese äußern und andere lesen das dann. Das ist der große Unterschied zu früher, als Journalisten die einzigen waren, die ihre Meinung veröffentlichen konnten. Heutzutage ist jeder ein Musikjournalist. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so toll ist.

Meinungen sind wie Arschlöcher ...

Und jeder hat eine ... das sagt man auch im Englischen. Ich weiß ja, wovon ich rede, ich war ja selbst Musikjournalist und habe Reviews geschrieben. Man neigt einfach dazu, die eigene Meinung als Tatsache hinzustellen.

"Künstler sind egoistische und isolierte Personen"


Was ist denn nach dieser Tour geplant?

Wir machen noch einen zweiten Teil im neuen Jahr und besuchen Orte, wo wir noch nicht vorbeigekommen sind. Die amerikanische Westküste, Mexiko, Israel, Italien, Spanien, Skandinavien. Im neuen Jahr erscheint ein Kollabo-Album mit Mikael von Opeth. Das wird der nächste große Release und danach habe ich dann hoffentlich Ideen für das nächste Porcupine Tree-Album.

Du hast ja beim letzten Opeth-Album mitgearbeitet.

Ich habe den Mix gemacht.

Ist schon komisch mit denen. Die Weise, wie sie sich weiterentwickeln, ähnelt dem, wie du Musik angehst, schon sehr.

Mikael ist einer meiner besten Freunde. Wir spielten uns unsere neuen Songs vor und wir haben uns gegenseitig immer ermutigt, noch weiter zu gehen.

Ich musste beim Hören der neuen Opeth-Sachen innerlich kichern, denn der Ansatz ist ja ähnlich, nicht allzu viel darauf zu geben, was Hardcore-Fans denken könnten.

Es gibt viel zu wenig Musiker im 21. Jahrhundert, die bereit sind, ein Risiko einzugehen. Wenn dem so wäre, wäre die Musikszene in einem besseren Zustand. Mir kommt es oft so vor, als ob viele Bands drei oder vier Jahre brauchen, um ein Album einzuspielen, das genauso klingt wie das, was vorher veröffentlicht haben. Viel hat damit zu tun, dass sie ihr Standing nicht aufs Spiel setzen und ihre Hardcore-Fans nicht enttäuschen wollen. Meine Definition eines richtigen Künstlers bedeutet, dass man Musik für niemanden anderen macht als für sich selbst. Kunst ist etwas sehr Selbstsüchtiges, Entertainment hingegen nicht, aber das ist ja etwas ganz anderes. Mikael ist kein Entertainer. Es gibt großartiger Entertainer, die sich danach richten, was die Öffentlichkeit von ihnen verlangt und geben ihnen genau das - Robbie Williams, Madonna oder wer auch immer. Künstler hingegen sind eher egoistische und isolierte Personen, die auch ihren Status aufs Spiel setzen, um ihre eigene Kunst weiterzuentwickeln.

Und nichts anders macht Mikael. Und weil seine Arbeit so gut ist, wird er immer die meisten Fans mitnehmen. Natürlich werden es einige hassen und den Tod der Death Metal-Opeth bejammern, aber Mikael ist jetzt 37 und hat drei Kinder. Ich finde es ein bisschen armselig, Slayer zuzusehen, wie sie mit 50 immer noch Songs über Dr. Mengele spielen. Es klingt vielleicht hart, aber die musikalische Entwicklung ist gleich null.

Ich glaube aber kaum, dass sie sich selbst als große Künstler ansehen.

Wahrscheinlich nicht. Das ist wohl eher so etwas wie AC/DC, die auf Tour nie ihre Setlist ändern, und vielleicht wollen das ihre Fans ja gar nicht.

Ich hab mich auch gefragt, worin der Witz liegt, anderthalb Jahre lang jeden Abend die gleiche Setlist zu spielen. Da muss man doch blöde werden.

Ich würde definitiv verrückt werden. Das widerspricht der Idee, kreativ und künstlerisch tätig sein zu wollen.

Vielleicht ist das ja eine neue Kunstform?

Ha ha, ja genau, Konzeptionskunst. Minimalismus, Minimale Entwicklung. Aber es gibt ja für alles einen Platz in der heutigen Welt. Aber schau dir doch einmal David Bowie an, die Beatles, Pink Floyd oder Led Zeppelin, diese Künstler haben ihren Sound von Album zu Album immer wieder neu definiert und hatten keine Angst davor, das zu tun. Die allermeisten ihrer Fans haben das mitgemacht. So entwickelt sich Musik weiter und bleibt lebendig. Ich habe Mikael Beifall geklatscht für seine Entscheidung, das Risiko einzugehen.

Also dürfen enttäuschte Opeth-Fans dir die Schuld geben?

(lacht) Ja.

Mir läuft die auch besser rein. Ich bin kein Fan von Growls.

Ich denke, er wird damit viele neue Fans finden. Das Problem dabei ist, dass du bei so etwas immer einige Hardcore-Fans verlieren wirst. Gleichzeitig wirst du einige neue hinzu gewinnen, weil du eben was Neues gemacht hast.

Du arbeitest seit einigen Jahren fest mit Lasse Hoile zusammen, der für das komplette Artwork verantwortlich zeichnet. Wie bindest du ihn in deine Arbeit ein?

Das fängt schon relativ früh an, bereits beim Schreiben der Stücke. Wenn ich Demo-Versionen habe, schicke ich sie ihm und teile ihm mit, welche visuelle Idee ich damit verbinde. Wir bereden das dann und kommen meist mit Ideen an, die auf Filmen des europäischen Kinos beruhen. Daraus entwickelt sich meist eine Konzept, das Lasse dann umsetzt. So einfach. In neun von zehn Fällen kommt er mit etwas an, dass passt. Wir haben so eine starke Verbindung, dass es meist beim ersten Mal schon stimmt. Eine fantastische Situation für mich.

Eine art Symbiose

Ich denke schon. Ich hoffe, irgendwann läuft es auch einmal andersrum. Wenn Lasse mal einen Film machen sollte, würde ich gerne die Filmmusik dazu schreiben.

Ist da schon was spruchreif?

Es ist unglaublich schwierig, einen Film zu machen. Es ist einfacher von meinem Standpunkt aus, weil ich als Musiker schon etabliert bin, aber Lasse gefällt es, am Artwork für die Special Editions und den Booklets zu arbeiten und die Fans mögen es auch.

Wenn ich mir das Artwork deiner Scheiben so anschaue, frage ich mich immer wieder, welche Dämonen dich denn so quälen.

Was sind meine Dämonen? Hm ... du kannst das in meiner Musik hören. Meine inneren Dämonen treibe ich mit meiner Musik aus.

Wirklich?

Ich bin eine sehr glückliche Person. Leute sind oft überrascht, denn sie denken, ich wäre unglücklich und depressiv.

Bislang kamst du mir nicht unbedingt so vor

Dir nicht, aber Leute, die mich zum ersten mal Treffen, denken, ich sei manisch, wenn sie meine Musik und die Texte hören. Aber das bin ich gar nicht, weil ich all das Negative in meiner Musik verarbeite. Ansonsten hab ich die gleichen Probleme wie jeder andere auch. Unsicherheit, was Beziehungen anbelangt, Melancholie, Furcht, Paranoia, Stress ... Der Albumtitel "Grace For Drowning" kommt von diesem Gefühl des Ertrinkens im 21. Jahrhunderts und der Geschwindigkeit des Lebens. Ich bin auf der Suche nach einem Platz, wo man in Frieden leben kann in dieser übersättigten Informations-Welt. Das war die Idee hinter dem Album, einen Freiraum der Stille zu finden in all diesem Bombardement. Wir werden ja tagtäglich bombardiert mit Nachrichten, Politik, Wirtschaft, Technologie, Pornografie und Musik. Was auch immer es ist, es gibt von allem zu viel. Man wird ständig zugebombt und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Es wird immer schwieriger aber auch immer wichtiger, in all dem eine Oase zu finden, wo man so etwas wie Frieden für sich selbst findet und den ganzen Bullshit draußen lassen kann. Darin geht es mir in dem Album.

Es war übrigens das erste, das ich außerhalb einer Stadt geschrieben habe, ich bin nämlich vor zwei Jahren aus London raus gezogen. Es ist großartig. Ich schau aus meinem Fenster und sehe Bäume, Pferde und den Fluss, Kühe etc. Wenn ich früher rausgeschaut habe, war da nur die Vorstadt, Menschen, Autos. Ich denke, das hört man dem Sound auch an.

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