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Azads Hip Hop-Roots lassen sich bis ins Jahr 1988 verfolgen. Als kurdisches Flüchtlingskind findet er schwer Anschluss in den kalten deutschen Landen. Einzigen Bezugspunkt für Azad bildet die Hip Hop-Kultur. Bereits mit 14 Jahren rockt er zusammen mit A-Bomb, Combad und D-Flame als Cold-N-Locco so manche Shows, später benennt sich die Crew in Asiatic Warriors um.
Der martialische Name ist durchaus Programm für das roughe Auftreten der Frankfurter. Die Mixtur aus harten, englisch-, deutsch- und türkischsprachigen Reimen und brachialen Beats steht stellvertretend für die Ghetto-Attitude der Headz aus der Mainmetropole. Die Warriors sorgen 1994 mit der beim Ruff'n'Raw-Label gedroppten EP "Told Ya!" überregional für Aufsehen. Ehe man aber die FRüchte der eigenen Arbeit ernten kann, kommt es zum Streit. Die Asiatic Warriors lösen sich auf.
Azad verschwindet eine Zeitlang in der Versenkung. Erst Ende 1997 taucht sein Name wieder in der Hip Hop-Presse auf - unter der Rubrik Tratsch und Klatsch. Azad unterschreibt bei Moses Pelhams 3p-Label. Zu einer Zeit, in der Moses P noch als prolliger Pop-Rapper gilt, sorgt dieser Schritt eines Oldschool-Underdogs für Unverständnis in der dogmatischen Szene. Nicht nur sein Ex-Partner D-Flame findet es ein bisschen komisch.
Im Nachhinein klären sich die Fronten jedoch. Azad kennt Moses P und Thomas H (Rödelheim Hartreim Projekt) schon aus alten Basketball-Tagen, damals bildete man die lockere Hip Hop-Crew Final Frontier. Zudem erobert Moses seine Streetcredibility zurück, indem er Kollabos mit Leuten wie den Stieber Twins, Eißfeldt oder den Spezializtz startet.
Azad profitiert vom 3p-Umfeld und präsentiert seinen Rapstyle als Feature-Artist bei den Labelkollegen Bruda Sven ("Front") und Illmatic ("Trauma"). Zudem hört man ihn immer wieder auch auf Mix-Tapes ("First There Waz The Word", "Ming" von Roey Marquis). Aber Azad rappt nicht nur, er kreiert auch deepe Beats. Die Remixe für Moses Pelham ("Mein Glück") und Bruda Sven ("Ein und Alles") belegen dies.
"Die Beats, die ich damals haben wollte, gab es nicht", erinnert er sich auf seiner MySpace-Seite. "Also habe ich sie selbst gemacht." Selbst an den Turntables beweist Azad sein Talent. Gemeinsam mit seinem seit Jahren erfolgreich rollenden Turntablism-Team "Transformers" (mit DJ Drago, Twister und Release) gewinnt er 1998 "Da Swing DJ Battle".
Nach den Maxis "Napalm" und "Gegen den Strom" steht ab Ende Mai 2001 sein Debütalbum "Leben" in den Läden und beeindruckt mit einer großen Skillsbreitseite. Azad scratcht, produziert und rappt, dass es eine wahre Freude ist. Dass er sich auch viele Gedanken über seine eigenen Aussagen macht, stellt dieses lesenswerte Statement über die Benutzung des Begriffes "schwul" dar:
"Klar sag ich solche Sachen, aber es kommt darauf an, wie du sie auffasst. Man kann auch ein Bild aus etlichen Richtungen betrachten, und aus jeder Richtung sieht es anders aus. Ich hab nichts gegen Schwule, und gerade als Kurde will ich der letzte sein, der in irgendeiner Form diskriminierend ist. Ich will, dass jeder sein Leben leben kann, ohne dass irgendwie klassifiziert wird. Für mich sind solche Worte halt Alltag, Straßenjargon."
2003 erscheint das zweite Soloalbum "Faust Des Nordwestens" und beweist, dass "Leben" kein Zufallstreffer war. Mit Linda Carriere und "Drama" verzeichnet er einen der größten Hits der Labelgeschichte. "Mein Licht" gilt noch Jahre später als eine der schönsten Liebeserklärungen in diesem Genre - an seine Tochter.
Scheinbar symptomatisch für den Frankfurter ist es, sich während seiner Albenreleases in schwelende Battles zu begeben. War es bei "Leben" noch Samy DeLuxe ("Samy DaBitch") und bei "Faust Des Nordwestens" das Urgestein MC Rene ("MC U-Reen"), ist 2004 pünktlich zu "Bozz" der Berliner Durchstarter Sido dran. Der beleidigt auf einem Konzert Azads Mutter - dafür bekommt er zwar keinen Disstrack, aber auf die Maske. Im Nachhinein rügt der Veranstalter der Hip Hop Open beide Beteiligten.
Zum Release gründet Azad, inzwischen zu Urban gewechselt, sein eigenes Sublabel: Bozz Music. In Rekordzeit signt er aus alten Weggefährten eine schlagkräftige Truppe: Jonesmann, Jeyz, Chaker, Sezai, Lunafrow, Martelli und Sti, der wegen seiner Beats für "Der Bozz" und verschiedener Remixe zum gefeierten Produzenten-Newcomer der Jahres wird.
Im gleichen Jahr erscheint auch mit "Bozz Music Vol.1" der erste Labelsampler. Nebenher steuert er zu Bushidos "Electro Ghetto" einen der besten Parts bei. Gemeinsam mit seinem Arbeitstier-Seelenverwandten Kool Savas releast Azad im März 2005 mit "One" einen ersten Höhepunkt des Jahres.
Für Azad und Savas soll die Veröffentlichung nicht die letzte gewesen sein. Schon die erste Single "Monstershit" ballert sich dank Monroe-Beat in die Herzen der Fans. Einen drauf legt schließlich "All 4 One", das mit Kinderchor in der Hook in die Top fünf der deutschen Charts wandert: bislang Azads größter kommerzieller Erfolg.
Anfang des Jahres 2006 kündigt Azad sein neues Solo-Album an und bezeichnet es kurzerhand als "das beste Werk, das ich je geschaffen habe". Mit tatkräftiger Major-Unterstützung von Universal Music und der aggressiv nach vorne gehenden Single-Auskopplung "Alarm" schickt Azad im April 2006 "Game Over" ins Rennen. Das vierte Soloalbum klettert bis auf Platz 8 der Albencharts, womit Azad sich - zumindest kommerziell - konsequent von Platte zu Platte steigert.
In Deutschland wenig beachtet, darf Azad im Winter des selben Jahres auf der Scheibe des russischen Rap-Superstars Seryoga einen Part zu "2 Könige" spitten, was ihm erstmals nennenswerten überregionalen Ruhm verschafft - und das in Staaten des ehemaligen Ostblocks, für die deutscher Rap vermutlich bis dato völliges Neuland darstellte. Passend zu seinem spätestens jetzt erworbenen Status als Dinosaurier im deutschen Rapgame landet er 2007 einen Coup, mit dem wohl niemand gerechnet hätte.
Am 17. August ist es soweit: Zum dritten Mal in der Geschichte zischt ein Song eines deutschen Rap-Acts auf Platz 1 der Singlecharts. Gemeinsam mit Sänger Adel Tawil beschert er der Fox-Serie "Prison Break" die deutsche Titelmusik - und sich selbst eine Goldplatte. Vor ihm durften nur die Fantastischen Vier ("Die Da") und Schwester S. ("Du Liebst Mich Nicht") mal ganz nach oben - und das ist zehn bzw. zwölf Jahre her. Für Azad bedeutet der Erfolg kolossale Promotion für sein fünftes Album "Blockschrift", das er im Dezember mit publikumswirksamen Gästen wie Joy Denalane, Gentleman und J-Luv veröffentlicht.
Für sein Streetalbum "Azphalt Inferno", das das Rap-Jahr 2009 einleitet und den Weg für das nächste Album "Assassin" bereitet, treten - neben den üblichen Verdächtigen 439 und Jeyz - Kool G Rap, Tone, Manuellsen, die Franzosen Savant Des Rimes und Freeman, Reggae-Legende Capleton und der einst so geschmähte Samy Deluxe an. Azad setzt seine Zeilen offenbar in die Tat um: "Ich such' mein Glück, lass den Hass hinter mir zurück."
Die Verbindung aus roher Naturgewalt und kritischer Selbstreflektion, die Azad verkörpert, bleibt unerreicht. Er überragt sein Umfeld, wie der Messeturm ein Pfadfinderzeltlager.
Der Frankfurter Rapper Azad spricht über sein neues Collabo-Album mit Kool Savas, amerikanische Produzenten und Xavier Naidoo.
Produzent, Labelboss, hervorragender Rapper - Azad hat in der deutschen Rapszene einen derzeit kaum zu überbietenden Stellenwert. Nun erscheint die - von vielen schon seit langem erhoffte - Monster-Collabo mit Kool Savas "One". Zu diesem freudvollen Anlass steht der Azazin laut.de Rede und Antwort.
Ihr beide featuret euch schon seit Jahren gegenseitig. Wie habt ihr euch damals kennen gelernt?
Wir haben uns in Berlin kennen gelernt, ich war dort bei einer Show. Ein Kumpel hat uns einander vorgestellt, wir haben uns sehr gut verstanden - das war's auch schon. Das war 1999.
Wann kam der Punkt, an dem ihr sagtet: "Jetzt muss ein gemeinsames Album her"?
Der Punkt kam eigentlich schon sehr früh. Wir hatten da von Anfang an Bock drauf, mal ein größeres Projekt zusammen zu starten, schon damals, 1999. Dadurch, dass wir beide erst mal unsere eigene Karriere nach vorne gebracht haben, hat das eine Weile gedauert und sich ein paar Jahre verzögert. Aber gut Ding will letztendlich auch Weile haben. Jetzt haben wir es ja endlich geschafft.
Ihr habt euch einige Beats von amerikanischen Produzenten geholt. Wo lag die Intention? Sollte so ein Album nicht genutzt werden, um die Beatbastler von Bozz und Optik in den Vordergrund zu stellen, zumal mit Sti und Melbeatz zwei der derzeit angesagtesten deutschen Produzenten am Start wären?
Die Intention war natürlich in erster Linie, ein gutes Album zu machen, und nicht, gewisse Namen nach vorne zu bringen. Wir haben uns natürlich auch ein bisschen einen persönlichen Traum erfüllt, indem wir nach New York geflogen sind und uns dort Beats ausgesucht haben, was für uns natürlich eine andere Dimension war, die wir erst mal ausprobieren wollten. Das haben wir getan, und wir haben, denke ich, auch unsere Erfahrung gesammelt, das war sehr gut. Wir haben auch sehr gute Beats mitgebracht. Wir haben in einer Woche circa 150 Beats angehört, um von diesen 150 ungefähr ein Dutzend zu picken. Sti hat ja dennoch einen Beat auf dem Album, ich habe einen, nein, sogar zwei, Savas hat einen Beat, also werden Bozz und Optik auch von der Produzentenseite her repräsentiert. Die Hälfte ist von New Yorkern produziert, die Hälfte von Deutschen.
ASD, Samy und Afrob - sich Beats bei amerikanischen Stars zu holen, liegt derzeit im Trend. Woran liegt das?
Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Amis einfach schon sehr weit voraus sind mit dem, was sie tun, dass sie das schon eine längere Zeit tun. Amerika ist sehr groß, womit die Auswahl natürlich sehr viel größer ist als in Deutschland. Man kann mit mehr Leuten quatschen und auch auf einen viel größeren Pool zurückgreifen. Das ist der eine Grund, zum anderen sind wir natürlich auch Hip Hop-Fans, und New York ist einfach eine Art Mekka des Hip Hop, somit ist es auch sehr interessant, dort rüber zu gehen und einfach an Ort und Stelle zu beobachten, Leute zu sehen, die man auch schon seit je her gefeiert hat, und von denen dann auch etwas kriegen zu können.
Wie kam es zu der Entscheidung, Xavier Naidoo als Gast einzuladen?
Es ist genau dasselbe wie eben. Ich und Savas sind Fans von Xavier, und somit lag das einfach auf der Hand, mit ihm ein Feature zu machen, weil wir ihn ohne Ende schätzen. Als Mensch so wie als Künstler. Ich bin ein ungemeiner Fan von ihm und habe sehr lange darauf gewartet. Glücklicherweise war es auf der anderen Seite so, dass Xavier, wie er mir erzählte, immer noch zwei MCs auf der Liste hatte, mit denen er ein Feature machen wollte, zum einen Savas, zum anderen mich. Somit hatte er sich auch seinen Wunsch erfüllt, wir haben zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, und natürlich sind wir alle sehr glücklich, dass wir auf der "One"-Platte endlich einen Track mit Naidoo haben.
Savas hat innerhalb von zwei Jahren vier Alben veröffentlicht, du selbst auch zwei innerhalb eines Jahres. Wie erklärst du dir diesen kreativen Output im Vergleich zum gängigen "ein Album alle zwei Jahre"-Schnitt?
Ich denke, das liegt einfach daran, dass wir beide viel auf unserer Seele und auf unseren Zungen haben, und auch durch das Talent, das uns geschenkt wurde, die Möglichkeit, schnell gut zu arbeiten, im Gegensatz zu den meisten. Die meisten brauchen für gute Arbeit längere Zeit, wir sind mit dem Talent gesegnet. Auch die Erfahrung spielt da mit rein, Savas und ich sind schon über zehn Jahre im Musikgeschäft, nach einiger Zeit hat man das dann auch drin und kann dann schnell gut arbeiten. Wir können das jetzt einfach so schnell, dass jetzt das Album von Savas und mir erscheint und dann noch ein Soloalbum von mir in diesem Jahr.
Wie ist heute das Gefühl für dich, wenn Savas Tracks mit Samy DeLuxe aufnimmt?
Das Gefühl ist völlig okay, wenn wir uns sehen, sagen wir uns Hallo, er grüßt, ich grüße, wir geben uns die Hand, es ist all love, alles gute Vibes, alles cool. Der, ich sage mal, künstlerische Stress, die künstlerische Auseinandersetzung, die wir hatten, ist begraben, jetzt ist alles okay.
Wieso hast du auf diesen Diss in Flers "Hollywoodtürke" ("Ich brauche keinen Ghostwriter, guck her | du bist wie A Z A D nur ein Hund, yeah") nicht reagiert?
Weil ich bis heute diesen Song "Hollywoodtürke" nicht gehört habe, aber Fler ist eh ein Niemand für mich, was rappen angeht, ein Nichts. Wenn er unbedingt Stress haben will, kriegt er ihn, wann und wo er will, kein Problem. Ich habe es noch nie gehört, ich höre es mir dann mal wohl an. "Hollywoodtürke", ich dachte, das sei an Eko Fresh gerichtet. Ich bin auch kein Typ, der im Internet herumwuselt, wahrscheinlich ist der Song im Internet zu hören, dadurch habe ich ihn noch nie gehört. Aber das werde ich dann demnächst tun - Fler, du wirst schöne Grüße kriegen.
Wäre nun, nachdem Savas in "Untergang" gewissermaßen Frieden mit Bushido geschlossen hat, auch ein Monster-Deutschrap-Trio denkbar?
Keine Ahnung, diese Frage müsste an Savas gerichtet werden.
Das Interview führte Philipp Gässlein.
Azad, Rapper aus der Frankfurter Nordweststadt, ist derzeit in vieler Munde. Nach dem kleinen Scharmützel mit Aggro Berliner Sido während der Hip Hop Open findet sich sein Name sogar in Teenie-Magazinen wieder. Doch das soll nicht der einzige Grund sein, mit Azad ins Gespräch zu kommen.
"Can't stop hip hop running through these veines." Dieser verheißungsvolle Spruch prangt am Unterarm des selbsternannten König des Streetraps. So viel Dedication hätte ich Azad gar nicht zugetraut. Genauso wenig hätte ich erwartet, dass ich einen redefreudigen, entspannten und vor allem sympathischen Interviewpartner am Rande des Splash!-Festivals in Chemnitz antreffen würde. Mit seinem neuen Album "Der Bozz" im Gepäck und dem Major-Label Universal im Rücken lud der Frankfurter während der Auftritte von C.L. Smooth und Kool Savas zum Plausch.
Leider wies die Plattenfirma gleich im Vorfeld deutlich darauf hin, dass Fragen über die Hip Hop Open, das Thema Sido und sogar Sammy Deluxe zu unterlassen seien. Es sei sowieso schon alles geredet worden. Außerdem wolle die Plattenfirma ihren Künstler auch ein wenig erziehen. Er müsse mal über seine Beef-Geschichten hinwegkommen. Eine Sache, die Azad selber wahrscheinlich eher nicht so gefallen würde, gilt er doch als einer der Künstler, die sich von nichts und niemanden etwas sagen lassen.
Letztlich muss man dem Label aber zugestehen, dass es Wichtigeres über den Mann aus der Frankfurter Nordweststadt zu berichten gibt.
Lass uns über das Album sprechen. Hattest du ein Konzept für das Album?
Das Konzept war, keines zu haben. Machen was man fühlt, und wenn das gut ist, dann nimmt man es, ohne groß zu überlegen.
Du hast einfach drauf los gearbeitet?
Genau. Ich habe gearbeitet. Und was mir gefallen hat, habe ich genommen und gar nicht groß nachgedacht. Am Ende hab ich gesehen, wow ein Killer-Album, und war sehr zufrieden. Das war eigentlich schon das Konzept. Ich hab einfach frei rausgelassen, auf was ich gerade Bock hatte.
Wie unterscheidet sich das Album für dich persönlich von den vorigen?
Dadurch dass 70 Prozent Street-Tracks sind und 30 Prozent Deepness, ist das Album härter als die anderen. Das fühlt sich für mich so an, obwohl das Andere auch schon anders aufgefasst haben. Meiner Meinung nach hat sich alles auch noch einmal ein Stück weiterentwickelt. Ich befinde mich in einer Entwicklung von einem Album zum nächsten. Raptechnisch als auch beattechnisch. Das ist jetzt der höchste Stand.
Hast du schon während der Produktion gefühlt, dass es härter ist?
Nein. Weil ich ja am Anfang überhaupt kein Konzept hatte und kein Ziel, wo ich hin wollte, einfach nur Track für Track gesammelt habe, der mir gefallen hat. Nach einer Weile, als die Hälfte des Albums da war, hat man schon erahnen können, dass es ein bisschen rougher wird. Ich hab auch keinen unfassbaren Trieb gehabt, langsamere oder melancholische Tracks zu machen. Ich hatte einfach im Moment mehr Bock drauf, Abgeher zu machen. Deshalb habe ich gesagt, das wird mein Street-Album, bei dem ich einfach knallhart versuche, noch einmal zu unterstreichen, dass ich der King im Streetrap bin.
Hast du dann noch versucht, ein paar deepere Tracks mit drauf zu packen?
Versucht habe ich es nicht. Es ist einfach noch dazu gekommen. Anderen ist aufgefallen, dass weniger Tracks auf dem neuen Album sind, bei denen man mein Schmerz spürt, bei denen ich über Problematiken, über Leid rappe. Diese Deepness-Tracks sind nicht so Leid-belastet wie bei den anderen Alben. Ich gehe schon mit Problematiken um, aber hoffnungsvoll. Alles wird gut.
Du hast dich auch dazu geäußert, dass du versucht hast, dieses Hass- oder Schmerz-Thema etwas abzulegen.
Das wurde halt sehr überbewertet. Ich konnte das einfach nicht mehr lesen. Da liest du dann, dass du total am Arsch bist. Dem gehts so schlecht. Die Welt bricht über ihm zusammen. Der Traurige. Schmerz erfüllt. Das bin ich aber nicht wirklich. Ich habe schon meine Probleme und fühle auch Schmerz und Wut, aber es ist nicht so stark, wie es dargestellt wurde von den Medien. Deswegen hab ich auch versucht, dagegen zu arbeiten. Ich habe meine Probleme, aber die hat jeder. Ich hab auch meine traurigen Tage, darüber rappe ich auch. Aber das zeigt dann nur eine Facette aus meinem Leben. Das ist aber nicht die einzige, bei weitem nicht.
Wie sind deine Erwartungen für die Platte?
Die Erwartungen, die ich immer habe. Natürlich hoffe ich, dass die Platte abgeht. Ganz ehrlich erhoffe ich mir von jeder Platte, dass sie von Null auf Eins geht. Mein Wunsch ist, dass die Leute, besonders die Fans, die vorher schon Azad gemocht haben, der Meinung sind, ich hätte ihnen was gegeben, was sie glücklich macht. Meine größte Hoffnung gilt den Leuten, die das annehmen, dass ich die glücklich mache, nachdem ich mich selbst schon glücklich gemacht habe.
Du bist davon überzeugt, dass du auf deinem Label die besten Artists hast. Du bist ziemlich überzeugt von den Leuten.
Oh ja. Ich bin ziemlich überzeugt. Natürlich gebe ich ihnen den Titel 'beste' – aber das ist ja auch nur meine subjektive Meinung. Ich natürlich nicht sagen, dass sind offiziell die besten, aber es ist meine persönliche Meinung. Im künstlerischen Bereich kann man den Titel 'bester' nicht verleihen. Du kannst auch nie Bilder gegeneinander vergleichen. Man kann gewisse Sachen wie Technik, Rhythmus oder Pattern werten, aber am Ende spielt der eigene Geschmack eine große Rolle. Ich kann nur meinem Geschmack nach sagen, das sind die besten.
Savas oder Curse sagen eben auch, dass sie die besten haben. Glaubst du, es gibt ein so großes Angebot an guten Leuten, oder wie kann man das bewerten?
Wie gesagt, das ist eine subjektive Entscheidung. Ich vergleiche einfach Produkt A, B und C. Produkt C ist zufällig bei mir. Gefällt mir besser als A und B, also sag ich, es ist das beste. Man sollte das einfach nicht so überbewerten. Man kann solche Sachen nicht gegeneinander werten.
Als du mit deinem Label angefangen hast - bist du da konkret auf die Suche gegangen nach irgendwelchen Leuten, oder sind das die, mit denen du abhängst?
Ich glaube sehr stark an das Schicksal, und das hat uns zusammen geführt. Mit den meisten Jungs hänge ich auch ab, andere sind einfach aus dem gleichen Umfeld, man kennt sich schon seit einigen Jahren und hat sich auch schon beobachtet. Man weiß einfach, der hat das Niveau und der jenes. Bis auf Sti. Sti kannte ich vorher so gut wie gar nicht. Ich habe entdeckt, was er kann, und so kamen wir dann zusammen.
Was sind deine Erwartungen an dein eigenes Label?
Das ist natürlich mein Haus, das ich baue. Deswegen suche ich mir die Steine sehr sorgfältig aus. Ich mache keine Larifari-Sachen. Das ist für mich keine kurzzeitige Sache, die ich mal kurz probieren will, sondern es ist meine Firma, auf die ich 15, 20 hingearbeitet hab, um sie gründen zu können und jetzt werde ich 15 bis 20 Jahre arbeiten, um sie aufzubauen.
Viele Leute, die ein Label gründen, ziehen sich aus dem aktiven Rap-Geschäft zurück ...
An dem Punkt bin ich noch lange nicht angelangt. Ich bin noch lange nicht müde. Ich habe noch genug Biss.
Ich habe gelesen, dass du dich selber als "Kämpfer des Guten" bezeichnest. Bei einem Kampf gibt es auch immer Leidtragende. Gegen wen richtet sich dein Kampf?
Das ist wieder so eine Auslegungssache. Man sagt einen Satz, und den kann man ganz verschieden auslegen. Generell würde ich es so auslegen, dass ich versuche, ein guter Mensch zu sein. Ich versuche, keinem Leid zuzufügen. Ich versuche, zu jedem gerecht zu sein. Ich versuche, einfach positiv zu sein und keine negativen Sachen zu verbreiten. Ich bin halt so ein Mensch, wenn ich sehe, Typ A ist schwächer als Typ B, Typ B hakt auf Typ A rum, dann geh ich zu Typ B hin und sag: "Fuck den nicht ab, sonst muss ich einschreiten!" So könnte ich das vielleicht beschreiben. Ich versuche, ein positiver Mensch zu sein und keinen Scheiß zu bauen, keinem anderen Menschen wehzutun ohne Grund.
Es kommen natürlich Situationen, in denen man sich verteidigen muss, in denen man anderen hilft. Da muss man kämpfen und auch jemanden Leid zufügen. Da versucht halt jemand, einem selbst Leid zuzufügen. Da habe ich mich zur Wehr gesetzt, und das natürlich mit den Mitteln, die nötig sind. Generell versuche ich, nichts Böses zu machen. Allah schaut überall zu, und ich möchte ihn nicht enttäuschen. Ich möchte ein guter Mensch sein und in Himmel kommen. Sagen wir es so.
So etwas spielt bei vielen Leuten keine große Rolle mehr.
Mein Glaube spielt da schon eine große Rolle. Außerdem bin ich auch ein starker Gewissens-Mensch. Ich habe ein großes Gewissen. Wenn ich etwas mache und erkenne, das war nicht rechtens, dann plagt mich mein Gewissen, dann fühle ich mich nicht wohl. Deswegen pass ich auf, was ich mache, damit ich immer in Spiegel gucken kann, meine Zufriedenheit mit mir selber habe und sagen kann, ich habe kein Scheiß gebaut. Wenn ich Scheiß gebaut habe, hatte das einen Grund: jemand hat dich mehr oder weniger dazu gezwungen.
Hast du wegen gewisser Vorkommnissen kein schlechtes Gewissen?
Definitiv nicht. Natürlich ist das nicht angenehm, weil ich nicht heiß auf so Sachen bin. Aber wenn gewisse Sachen passieren und Grenzen überschritten werden, dann ist man zu bestimmten Sachen gezwungen. Spaß oder Bock drauf habe ich nicht. Ich kann gerne auf so etwas verzichten. Es hätte definitiv auf einer anderen Ebene bleiben sollen, das wäre mir lieber gewesen. Das war einfach eine Ebene, auf der ich sehr verletzt wurde, etwas wurde getan, was mich sehr verletzt und mir Schmerzen zugefügt hat. Ich habe mich zur Wehr gesetzt. Aber das ist keine Sache, mit der ich mich brüsten will.
Welche musikalischen Einflüsse hast du? Gibt es Leute zu denen du aufschaust? Vorbilder?
In meiner Jugend, als ich angefangen habe zu rappen, war Rakim mein Vorbild. Ich hatte nie Vorbilder. Auch als Jugendlicher nicht. Ich hatte nie das Gefühl, ich will sein wie Rakim. Er hat mich begeistert und ich habe ihn bewundert. Aber ich wollte nie sein wie irgendjemand. Ich wollte immer mein eigenes Ding. Es war mir sehr wichtig, dass ich sage, ich bin nicht ein Abklatsch von irgendjemand. In der Anfangszeit war Rakim aber eine große Inspiration für mich.
Und was sind derzeit deine musikalischen Einflüsse?
Das nimmt immer mehr ab. Mit den Jahren siehst du immer deutlicher deinen eigenen Film, und das festigt sich irgendwann so sehr, dass du nicht mehr so starke Einflüsse hast. Es gibt zwar so kleine Dinge, die einen auf Ideen bringen. Aber, dass ich jetzt sage, der beeinflusst mich in meiner Kunst, die Zeiten sind vorbei. Als ich mich noch selber gesucht und gefunden habe, waren Rakim, Big Pun, Nas die Leute, die mich auf den Weg geführt haben, auf dem ich jetzt bin.
Was hörst du jetzt so für Zeug?
Alles mögliche. Besonders gerne natürlich immer noch roughe Scheiße, Streetmucke, harte Beats. Ich höre alles, was den Vibe hat, mit dem ich mich identifizieren kann. Was mir irgendeinen Kick gibt, das kann ein klassisches Stück sein, das neue Lloyd Banks-Album oder was weiß ich sein.
Hört man sich auch sein eigenes Zeug an?
Ja klar. Am Anfang höre ich meine Songs sehr oft. Gerade weil ich sie selber produziere.
Schmeißt du deinen eigenen Sound z. B. im Auto rein?
Nur in der Entstehungsphase. Wenn ich ein Album gemacht und es sehr oft gehört habe und es mir gefällt, genieße ich es eine Weile. Aber der Kick legt sich dann. Dann höre ich das Album nicht mehr. Nach zwei Jahren oder so höre ich durch Zufall wieder rein. Dann denk ich mir schon, wie krass, damals war das so und so.
Ein Zitat von dir lautet: Deutschland ist eine Klassengesellschaft. Kannst du das konkretisieren?
Es ist halt so. Jedes Volk hat seine Mentalität. Was ja auch positiv ist, denn sonst wären wir alle gleich. Deswegen hat auch jedes Volk seine Stärken. Und ich denke, hier in Deutschland herrscht schon ein starkes Ordnungsbedürfnis. Alles muss eine gewisse Ordnung haben, ein gewisses Schema, und auf alles muss am besten eine bestimmte Schablone drauf passen, damit es in eine bestimmte Kategorie passt. In der Kunst ist es aber sehr wichtig, frei zu denken. Musik und Kunst sind Sachen, die man nicht einschränken oder eingrenzen kann. Sie sind freie Sachen, die keine Grenzen kennen. Hier wird stark in Schubladen gedacht. Irgendwas muss einfach immer in eine bestimmte Schublade passen, damit man es abhaken und einordnen kann. Das ist aber bei manchen Sachen gar nicht machbar. Dinge, die sich ständig weiterentwickeln und verändern, kannst du einfach nicht in eine Schublade ordnen, weil sie im nächsten Moment vielleicht schon in eine ganz andere Schublade gehören. Es ist schwierig, künstlerischen Sachen ein Etikett zu verpassen.
Du hast auch gesagt, dass du früher aufmüpfig zum Beispiel gegenüber deinen Eltern warst. Jetzt zeigst du Reue. Wodurch hat sich deine Einstellung geändert?
Ich bin älter geworden. Ich war ganz einfach jung und dumm. Ich habe Fehler gemacht, die mir, als ich älter geworden bin, bewusst geworden sind. Weil ich reifer im Kopf war und klarer, mit einem erwachseneren Auge sehen konnte. Als junger Bursche ist man noch in der Pubertät und hat noch nicht selber zu sich selbst gefunden. Da macht man halt einige Sachen, weil man noch nicht weiß, was richtig und was falsch ist. Irgendwann lernst du aber, alles einzuordnen, was scheiße und was richtig ist.
Spielst du deinen Eltern deine Musik vor?
Ja. Die sind sehr interessiert und involviert. Bei jedem Telefonat fragen sie, wie es bei der Arbeit läuft und ob alles gut ist. Läuft wirklich alles gut mit deiner Musik? Sie sind schon sehr involviert. Wie, du hattest ein Auftritt, warum hast du mir nichts gesagt? Ach, in der Zeitschrift ist ein Interview, die muss ich mir kaufen. Sie sind da sehr hinterher und stolz. Wenn ein Album rauskommt, muss ich sofort daheim eines abliefern. Die werden dann den Freunden gezeigt. Am Anfang hatte ich meine Hemmungen, weil es schon Textpassagen gibt, bei denen man sich schämt, wenn die Eltern das hören. Aber sie wissen damit umzugehen. So lange ich nicht dabei bin, ist das natürlich auch ein bisschen einfacher. Das erste oder zweite Album habe ich ihnen vorgespielt, und da habe ich halt die Stellen, die etwas prekär waren, geskippt. Oder da musste ich einfach laut husten.
Deine Texte sind oft sehr persönlich. Wie gehst du mit diesem Seelenstriptease um? Hast du ein Problem damit, dich der breiten Masse so zu öffnen?
Nein. Ich hab damit kein Problem. Ich finde das selber toll, wenn ich was von Eminem höre, was sehr persönlich und manchmal auch schockierend ist. Das entertained mich in dem Moment dann schon sehr, dass es sich echt anfühlt. Dass ist wie, wenn ich einen Film schaue und davor sehe, dass der Film auf wahren Begebenheiten basiert. Das Gefühl ist einfach viel stärker, wenn du weißt, das ist echt passiert. Mir als Konsument und Rap-Fan ist es wichtig, so etwas im Rap zu haben. Rap ist für mich: ehrlich sein. Und 'Realness', diese Wort, das ich nicht mehr hören kann, heißt für mich eigentlich nur: ehrlich sein. Wenn jemand die ganze Zeit nur fiktives Zeug erzählt, dann ist das für mich langweilig. Die interessantesten Gefühle, sind die wahren, die aus der Wirklichkeit gegriffen sind. Ich rappe auch, um mein Leben zu verarbeiten. Für mich persönlich wäre es nichts, irgendwelche fiktiven Stories zu erzählen, etwas, das nicht der Wahrheit entspricht. Ich kann auch aus meinen Leben genügend schöpfen. Es gibt vielleicht manche, die das nicht können und deswegen auf Fiktives zurückgreifen, aber in meinem Leben gibt es so interessante Themen, die ich aufgreifen kann. Man macht ja auch, was einem bei anderen gefällt. So ist auf jeden Fall naheliegend, dass ich solche Sachen erzähle, auch wenn sie schockierend sind. Ich will nicht alles abstumpfen und glatt halten. Ich schreibe ja auch Sachen, bei denen ich manchmal sage, das kann so und so aufgefasst werden. In den Anfangsjahren habe ich mich oft selbst zensiert. Dann hab ich aber irgendwann gesehen, dass das nicht Kunst ist. Kunst ist provozieren. Kunst ist vor den Kopf schlagen. Kunst ist ausgeflippt und macht, was sie will. Ich habe mich irgendwann einfach selber frei gemacht von meinen eigenen Ketten. Ich habe gesagt, ich mache, was aus mir herauskommt. Wie ein Tagebuch. Rap kann auch wie ein Tagebucheintrag sein, in dem ich sage, das ist an dem Tag passiert oder mir total auf den Sack gegangen und macht so eine Emotion in mir, und irgendwie kommt das in den Texten wieder. Seele und Blatt, das tauscht sich irgendwie aus.
Das heißt, du brauchst Musik, um bestimmte Dinge zu bewältigen?
Ich brauche sie nicht. Es gibt auch andere Wege, wie ich es rauslassen könnte. Aber diesen Weg habe ich und den nutze ich. Ich könnte nur mit Freunden darüber reden, was ich auch mache. Es ist aber auf jeden Fall wie eine Therapie. Das Blatt ist mein Therapeut. Ich erzähl ihm, was so abgeht.
Das Interview führte Alexander Engelen
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