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Wie Patrick Süßkind in seinem Ein-Mann-Theaterstück "Der Kontrabass" einleuchtend dargestellt hat, müssen sich Spieler großer Streichinstrumente mit einem harten Los abfinden: Im Schatten der Geiger fristen sie innerhalb des Orchesters ein ruhmloses Begleiterdasein, das vom trostlosen Mangel an überzeugenden Solokompositionen nur noch verstärkt wird.
So nicht, denken sich Eicca Toppinen, Paavo Loetjoenen, Max Lilja und Antero Manninen, vier junge Cello-Schüler der Sibelius Akademie in Helsinki, eines Abends,w als sie über ihre berufliche Zukunft sinnieren. Sie machen, was viele Jugendliche in der gleichen Situation tun: Sie gründen eine Band.
Unter dem Namen Apocalyptica adaptieren sie die bekanntesten Lieder ihrer Lieblingsgruppe Metallica. Schon bei ihren ersten Auftritten lenken sie mit der originellen Kombination die Aufmerksamkeit der lokalen Musikszene auf sich. Das 1996 veröffentlichte Album "Apocalyptica Plays Metallica By Four Celli" macht sie auch außerhalb Finnlands zu Stars und wird im Laufe der Zeit zu einem echten Exportschlager.
Vor allem live geben sie den Metallica-Songs jene Härte und Bosheit zurück, die den Originalen mit der Zeit abhanden gekommen war. Allerdings sind sie zunächst noch wenig mehr, als ein Geheimtipp. Auf ihrer ersten Tour wundern sich noch recht überschaubare Massen über die headbangenden Cellisten.
In den heimischen Charts landen Apocalyptica zwar zunächst nur mit den nicht auf dem Album stehenden Weihnachtsliedern "Oh Holy Night" und "Little Drummer Boy", doch das Interesse ist geweckt. Auch Schweisser erkennen die Klasse der Band und verpflichten sie für ihr "Heiland"-Album.
Auf der Erfolgswelle reitend schieben sie 1998 mit "Inquisition Symphony" einen würdigen Nachfolger hinterher, der den Erfolg des Debütalbums bestätigt. Neben Metallica spielen sie Slayer, Pantera, Sepultura oder Faith No More nach, auch finden drei Eigenkompositionen Eicca Toppinens Platz.
Auftritte auf großen Open Airs in ganz Europa und Mexiko sowie als Opener für Metallica in Helsinki festigten ihren Ruhm so sehr, dass sie 1999 als Gäste bei "S&M" dabei sind. Auf dem holländischen Headbanger's Heaven Festival spielen Apocalyptica ein Medley aus "Mandatory Suicide" und "South Of Heaven" mit Unerstützung von Dave Lombardo.
Dadurch dürften sie das Selbstvertrauen getankt haben, um im Oktober 2000 ihr drittes und bis dato bestes Werk herauszubringen. "Cult" beweist, dass Apocalyptica auf dem Weg zur musikalischen Emanzipation sind und versuchen, auf eigenen Füßen zu stehen: Die Coverversionen beschränken sich auf zwei Metallica-Lieder und ein "Hall Of The Mountain King" von Edward Grieg. Der Rest besteht aus Eigenkompositionen, die wieder von Toppinen stammen.
Allerdings sitzt für Antero inzwischen ein junges Kerlchen namens Perttu Kivilaakso am vierten Cello. Antero hat ein Angebot des Tahu Symphonie Orchestrers angenommen. Perttu ist aber ein echter Gewinn - sowohl was den Sound angeht, als auch für die Bühnenshow und vor allem die Damenwelt.
2001 werden die Kollaborationen mit Sandra Nasic und Matthias Sayer zu kommerziellen Erfolgen. Davon lassen sich Sepultura inspirieren und wagen eine Kooperation auf ihrem Album "Nation". Im Sommer begleiten Apocalyptica Megadeth auf ihren Dates in England.
Anfang 2002 ist das Quartett bereits knapp zweieinhalb Jahre ununterbrochen auf Tour. Erschöpfung und Meinungsverschiedenheiten sind die Folge. Aus persönlichen Gründen kehrt Max Lilja seinen Kameraden überraschend den Rücken, um sich Hevein anzuschließen. Die Arbeiten am neuen Album gehen aber trotzdem weiter.
Das erste komplett aus eigenen Liedern bestehende Album erscheint Anfang 2003. Anstatt sich auf Metal-Riffs zu beschränken, schaffen die drei Finnen ein absolut eigenständiges Meisterwerk: "Reflections" bietet dem Hörer eine Vielfalt an musikalischen Richtungen, die so schnell nicht überboten werden kann.
Mit einiger Unterstützung anderer Musiker, die sich hauptsächlich auf klassische Instrumente beschränkt, zeigen Apocalyptica, wie individuell Musik sein kann. Dave Lombardo von Slayer gibt ihnen bei insgesamt fünf Songs Schützenhilfe und sorgt damit dafür, dass der Metal keinesfalls zu kurz kommt.
Live springt immer wieder ihr ehemaliger Kollege Antero ein, die Drums bedient während den Auftritten Mikko Sirén. Im Laufe des Jahres erscheint ein weitere Single, auf der sie mit Nina Hagen den Rammstein-Klassiker "Seemann" neu interpretieren. Diverse weitere Kooperationen der einzelnen Musiker oder der ganzen Band folgen. In Japan wird sogar ein Werbespot mit ihren Klängen unterlegt.
Hat man sich auf "Reflections" vielleicht erst noch an die Drums gewöhnen müssen, so fügen diese sich auf dem selbstbetitelten "Apocalyptica" bereits perfekt ins Klangbild ein. Tribalartiges Drumming, ein Tapping als Grundmelodie - und da ist sie, die akustische Melancholie, die in dieser Art nur aus Finnland stammen kann.
Der CD geht die Single "Bittersweet" voraus, auf der sich Ville Valo von H.I.M. und Lauri Ylönen von The Rasmus ein tolles Duett liefern. Lauri singt noch einen weiteren Song ein, und auch Marta Jandova lässt ihre Stimme erklingen. Ihr Song erscheint sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache.
Im Februar 2005 begleiten die Finnen Rammstein auf ihrer Europatour und setzen anschließend zum ersten Mal über den Atlantik, um in den Staaten aufzutreten. Im September sind sie erneut in den USA, dieses Mal aber schon als Headliner mit Support von Eyes Of Fire.
2006 ist es an der Zeit für eine Retrospektive. So erscheint die Doppel-CD/DVD "Apocalyptica - A Decade Of Reinventing The Cello". Darauf sind auch ein paar neue Tracks, unter anderem ein Song mit Max Cavalera von Soulfly und einer mit Matt Tuck von Bullet For My Valentine. Nebenher steuern sie auch ein paar Spuren für die Single "Die Schlinge" von Oomph! bei.
Dann wird es einige Zeit relativ ruhig um die Band. Erst im August 2007 dringen Gerüchte an die Öffentlichkeit, dass auf der neuen Scheibe sowohl Corey Taylor (Slipknot/Stone Sour) und Till Lindemann (Rammstein) als auch Cristina Scabbia (Lacuna Coil) und Adam Gontier (Three Days Grace) das Mikro schwingen.
Damit nicht genug, haben sich Apocalyptica auf dem Mitte September erscheinenden "Worlds Collide" von externen Produzenten und Songwritern unter die Arme greifen lassen und setzen für einen Song einmal mehr Dave Lombardo hinter die Drums. Der Versuch geht auf, die Finnen sind mit der Scheibe erfolgreich wie nie. Mittlerweile sind sie weltweit eine bekannte Marke, trauen sich aber nach wie vor nicht so recht, auch mal bei Metallicas James Hetfield für einen Song anzufragen.
So holen sie sich für "7th Symphony" erst einmal gesangliche Unterstützung von Gavin Rossdale (Ex-Bush), Brent Smith (Shinedown), Lacey von Flyleaf und Joey Duplantier von Gojira. Um aber vor allem ihren Liveauftritten eine neue Dimension zu geben, holen sie sich mit Richard Gustaf Johnson den ehemaligen Leningrad Cowboys-Fronter in die Band. Der wird die Skandinavier auf ihren Dates im Herbst auch in Deutschland begleiten.
Paavo über "7th Symphony", den neuen Sänger (Ex-Leningrad Cowboys) und langweilige Interviews.
Mit "7th Symphony" steht das neue Album von Apocalyptica an, und es wird Zeit, bei den Finnen mal nach zu hören, was denn der Stand der Dinge ist.
Die Cellisten und ihr Drummer treiben sich gerade zu Promozwecken in Berlin rum und bekommen von ihrem Label einen straffen Zeitplan aufgedrückt. So geht der Interviewmarathon bereits um neun Uhr morgens los - mein Telefon klingelt punktlich um halb zehn.
Am anderen Ende zunächst noch der zuständige Promoter, der mich - nach einer kurzen Verzögerung - schließlich mit einem der Vier-Stringer verbindet. So ganz ausgeschlafen scheint Paavo Loetjoenen allerdings noch nicht zu sein.
Hey Paavo, wie gehts dir?
Hmmm, nicht so wirklich gut. Wir haben gestern auf Wacken gespielt und danach noch jede Menge Promotion gemacht und ein bisschen gefeiert. Wir sind erst heute Morgen um zwei in Berlin angekommen. Und dann um neun gleich wieder Interviews machen, ist da schon ne harte Nummer.
Wie war der Wacken Gig?
Oh, wirklich cool. Vor allem haben die schon ein paar Bands für das Line-Up im nächsten Jahr bekannt gegeben, und wir werden einer der Headliner sein. Gestern haben wir nur einen ganz kleinen Überraschungsgig auf dem Dach von einem Bus gespielt, nur ne halbe Stunde lang. Am Anfang waren nur ein paar Leute da, aber das hat sich dann doch ganz schnell gefüllt vor dem Bus. Allerdings war das auch ne ganz schöne Herausforderung, weil da oben nicht wirklich viel Platz war und die Soundanlage war auch eher spärlich. Aber wir hatten auf jeden Fall unseren Spaß und das Publikum wohl auch.
Ok, dann lass uns mal über das neue Album sprechen. Auf der Scheibe hab ich mehr denn je das Gefühl, dass ihr euch immer stärker zu einer straighten Rock- oder Metal-Band hin entwickelt.
Hm, ich denke dass das Album sehr abwechslungsreich ausgefallen ist. Sowohl was Stile, als auch Emotionen angeht. Wir haben großen Wert darauf gelegt, dass sich die einzelnen Songs weitgehend voneinander unterscheiden, dass man sich nicht langweilt, wenn man die Scheibe anhört. Im einen Moment hast du noch den weitgehend klaren, akustischen Cello-Sound, im nächsten gibt es die totale Verzerrung und jede Menge anderer Effekte. Vor allem in den Tracks ohne Gesang gehen ein paar sehr wilde Sachen ab (lacht).
Das stimmt. Allerdings frag ich mich, ob ihr eurer Songwriting in den letzten Jahren verändert habt. Als ihr damals auf "Cult" angefangen habt eigene Songs zu schreiben, war das meiste doch wohl eher noch klassisch inspiriert. Heutzutage scheint ihr euch da eher an modernen Rock- und Metal-Bands zu orientieren. Zumindest bei den Sachen mit Gesang.
Ja, muss ich dir in gewisser Weise recht geben. Man hört in unserem Stücken die Musik, die wir lieben, keine Frage. Apocalyptica war schon immer so was wie eine Verbindung zwischen der Rock und der Klassik Welt. Wenn wir Songs schreiben, für die es letztendlich einen Gesang geben soll, unterscheidet sich das natürlich von den Instrumentalstücken. Schon allein vom Aufbau der Stücke her halten wir uns bei Ersteren eher an den traditionellen Songaufbau mit Strophe, Bridge und Refrain. An so was müssen wir uns in den Instrumentalen aber nicht halten und nehmen uns dann auch die Freiheit, entsprechend wild und progressiv zur Sache zu gehen. Sachen wie ein Chorus oder eine Strophe sind dann nicht so wichtig.
Das trifft auch auf den Opener "Gates To Mannala" zu. Und wenn man sich die erste Webisode auf eurer Homepage anschaut, habt ihr euren Drummer Mika mit dem Song ganz schön zur Verzweiflung gebracht.
Hahaha, ja, der hatte da ne harte Zeit mit. Wir haben ihn mit der Nummer ziemlich ins kalte Wasser geworfen. Die Nummer ist sehr komplex, auch vom Timing her. Aber es macht einfach Spaß unseren Drummer zu quälen, das sollten wir viel öfters machen (lacht).
Wie ist das eigentlich mit den Sängern auf euren Alben. Schreiben die ihre Texte und Melodien selber oder bekommen die von euch Vorgaben?
Dieses Mal hatten sie ein wenig Einfluss auf das Finetuning und eigene Ideen können sie schon mit einbringen, aber im wesentlichen schreibt Eicca die Texte und Gesangslinien. Die einzige Ausnahme war bislang Joe Duplantier von Gojira. Der hat die Sachen tatsächlich mit Eicca zusammen ausgearbeitet.
Ja, nicht nur du. Da warte ich auch schon lange drauf (lacht).
Habt ihr ihn denn jetzt wenigstens mal gefragt? Das letzte Mal in Wiesbaden habt ihr euch im Interview ja noch damit rausgeredet, dass es noch nicht an der Zeit wäre.
Ja, aber das ist ja auch schwierig. Frag du ihn doch einfach mal (lacht).
Ok, wenn ich mal die Gelegenheit habe, mit ihm ein Interview zu machen, werde ich das auf jeden Fall tun, versprochen!
Cool, gib kurz Bescheid, wenn du ne Antwort hast.
Auf jeden Fall! Was ist eigentlich 2008 aus der Sache geworden, als ihr für das Area 4 Festival per Wettbewerb einen Sänger gesucht habt. Wie lief das denn?
Naja, nicht so toll. Obwohl, Moment, in Deutschland war das auf dem Festival gar nicht so schlecht. Der Typ war ganz gut als Sänger. Allerdings haben wir das in den USA wiederholt, das war dann eher ein Schuss in den Ofen. Seitdem haben wir nicht mehr so viel Bock auf irgendwelche Competitions. Lession learnt, sozusagen.
Schade eigentlich, denn bislang habt ihr ja auf euren CDs immer mit Sängern gearbeitet, die mit ihren eigenen Bands schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Habt ihr mal darüber nachgedacht, mit einem eher unbekannten Sänger zu arbeiten, der aber mehrere der Nummern singen kann und auch mit euch auf Tour geht?
Du wirst lachen, aber genau das haben wir getan und der hat auch gestern schon mit uns auf Wacken gespielt. Der Typ heißt Richard Gustaf Johnson und hat schon jede Menge Sachen gemacht. Am bekanntesten war er wohl als Sänger der Leningrad Cowboys, wo er acht Jahre lang hinterm Mikro stand. Er hat eine echt gute Stimme und hat schon ein paar Shows mit uns gemacht. Wir werden ihn auch auf der Tour im Herbst dabei haben. Das wird dann noch mal ein neues, frisches Element in die Shows bringen.
Coole Sache, dann bin ich auf die Shows echt mal gespannt. Was jetzt nur noch fehlt, ist eine normale Metal-Band, die mit Gitarren und Bass Apocalyptica-Songs covert.
Da gibt es schon mindestens eine, so weit ich weiß. Ich hab auf jeden Fall schon mal was von einer gehört, kann mich aber nicht an den Namen erinnern. Ich wünschte, da gäbe es ein paar mehr, denn die Sachen haben sich echt nicht schlecht angehört.
Die müsstet ihr dann nur noch als Support mit auf Tour nehmen.
Ja (lacht), das wäre der absolute Apocalyptica-Overkill an einem Abend.
(Lacht sich halb schief) Jaja, das solltest du alles nicht so ernst nehmen. Wir haben da jede Menge Blödsinn abgedreht.
Das ist doch Fake, mit diesem Hillbilly-Typen, oder?
Ja klar. Wir haben noch jede Menge von so Material gefilmt und da kommt noch mehr Blödsinn dazu, macht euch auf einiges gefasst. Die meisten Interviews sind doch ziemlich langweilig, weil sich die Fragen oft wiederholen und es ist nur bedingt spannend, über die eigene Musik zu reden und sie zu erklären. Da kommt man schon mal auf blöde Ideen.
Hattet ihr denn tatsächlich auch schon solche Typen in Interviews sitzen, die erst mal fragen, wer ihr überhaupt seid und was ihr macht?
Ja, auf jeden Fall! Vor allem früher, als wir noch nicht sonderlich bekannt waren. Da gab es mitunter schon sehr absurde Situationen, in denen wir uns gefragt haben: Was machen die Typen überhaupt hier? Wenn die keinen Plan haben, wen sie interviewen, dann sollen sie es doch lassen. Wir sind ja jetzt mittlerweile auch schon 15 Jahre dabei, da bekommst du einige sehr schräge Sachen mit. Das ist einfach ärgerlich, wenn du es mit Leuten zu tun hast, die sich nicht auf ihre Arbeit vorbereiten. Andererseits machen wir uns dann auch den Spaß und erzählen einfach jede Menge Bullshsit. Die haben ja eh keinen Plan und drucken das dann ungeprüft ab (lacht).
"On The Rooftop" featured anscheinend einen Kerl names Quasimodo. Wer ist das und was macht er?
"On The Rooftop" ist ein Song von unserem Drummer Mika. Er hat die Nummer komponiert und arrangiert, was für uns eine ganz neue Herangehensweise an das Songwriting ist. Der Song ist deutlich rhythmusorientierter, als alles was wir bisher gemacht haben. Mika hat die Sachen mit Gitarren und Drums geschrieben und nachher mit den entsprechenden Synthies umgewandelt. Der Song wird gegen Ende ein wenig progressiver und die Idee dahinter ist eben vom Glöckner von Notre Dame beeinflusst. Deswegen das featuring Quasimodo. Wie gesagt, die Herangehensweise unterscheidet sich sehr von unseren bisherigen Sachen, aber das trifft auch auf das komplette Album zu. Wir haben zum Beispiel auch sehr viel mit analogen Aufnahmegeräten und Effekten gearbeitet. Unser Produzent Joe Baresi ist in der Beziehung echt ein absoluter Maniac und Soundwizard. Was wir alles an unterschiedlichen Sachen ausprobiert und genutzt haben, ist schon unglaublich. Wir waren ziemlich erstaunt, was da noch alles machbar ist. Da wird es für das nächste Album noch jede Menge Möglichkeiten geben.
Man darf also weiterhin gespannt sein. Was hat es denn mit dem Bild von euch auf sich, das euch vier und vier ältere Damen vor euch zeigt. Sind das eure Muttis?
Nein (lacht), das war so ne Spontanaktion. Wir hatten einen Gig in der Ukraine und sind Nachmittags noch durch die Gegend gelatscht. Die vier Ladies saßen eben an einem Sonntagnachmittag zusammen und hielten ein Schwätzchen ab. Wir sind an ihnen vorbei gekommen und dachten uns, dass das mal ein cooles Bandfoto wäre. Die meisten Bandfotos sind doch alle gleich. Immer versuchen die Jungs so cool und heavy wie möglich auszusehen. Wir wollten mal was anderes und haben die Damen dann gefragt, ob es ok wäre, wenn wir mit ihnen ein Bild schießen.
Coole Sache. Wissen die Damen denn, dass sie jetzt berühmt sind?
Keine Ahnung, aber wir haben sie auf jeden Fall erst um Erlaubnis gefragt.
Ok, dann wäre es toll, wenn du unseren Lesern vielleicht noch ein gutes Buch empfehlen könntest.
Momentan lese sich die Stig Larsson-Trilogie, den ersten Teil "Verblendung". Das ist ganz ok, aber jetzt nichts Weltbewegendes. Wenn jemand mal was von einem finnischen Autor lesen will, würde ich Mika Waltari empfehlen. Der schreibt historische Romane, viele davon wurden auch in andere Sprachen übersetzt.
Die Finnen über Celli, Verzerrer und eine Kollabo mit James Hetfield.
Mit "Worlds Collide" scheinen Apocalyptica konsequent den Weg zu einer gestandenen Rock/Metal Band zu gehen. Die Anfangstage als reine Metallica-Coverband sind lange vorbei, inzwischen stehen etablierte Künstler Schlange, um mit den Finnen zusammen zu arbeiten. Grund genug also, auf der laufenden Tour mal bei den Herren vorbei zu schauen und ein paar Fragen zu stellen.
Vor dem Wiesbadener Schlachthof steht eine ansehnliche Menschenmasse, und beinahe kommen meine Begleitung Andreas Fischer und ich zu spät zum vereinbarten Termin. Als wir reinkommen, sitzen uns Eicca und Paavo in so etwas wie dem Schlafzimmer des Schlachthofs gegenüber. Jedenfalls stehen an der Wand mehrer Etagenbetten. Die zwei haben gerade erst unsere Vorgänger verabschiedet und sind sichtlich gut gelaunt und entspannt.
Wie geht’s euch beiden?
Paavo: Toll.
Eicca: Ok. Ihm geht’s toll, mir geht’s ganz okay. Ich bin wohl grad dabei mir ne Erkältung zu holen, aber ansonsten geht’s mir auch ganz gut. Wir sind jetzt seit drei Wochen unterwegs und das ist immer so der Zeitraum, in dem man sich irgendeine Erkältung zuzieht. Aber wir sind zufrieden und hatten ein paar tolle Shows. Die gestern war echt klasse, mal sehen, wie’s heute so wird.
Na, zumindest ist draußen schon ne ganze Menge los. Man schafft es kaum bis zum Parkplatz durchzukommen. Paavo, was macht der Bauch? Dieses Mal nicht zu viel gegessen?
Paavo: (guckt ganz erstaunt) Wieso?
Naja, zur vorletzten Platte hatten wir beide mit dir ein Interview in Darmstadt und da meintest du selber, dass du schon wieder zuviel vom Catering gegessen hättest.
Ecca: Ja, das glaub ich. Der frisst immer zuviel (lacht). Der ist schwanger, deswegen braucht er mehr Futter als wir. (Paavo grinst etwas beschämt in sich rein.)
Wie sind die Shows bisher gelaufen und wie waren die Reaktionen?
Eicca: Toll, stellenweise sogar fantastisch! Wir haben eine ganz neue Crew für Licht und Ton und das macht sich echt bezahlt. Wir haben inzwischen ne wirklich coole Lightshow und auch unser Bühnenaufbau ist echt geil. (Was man beides nach dem Gig nur bestätigen kann, d.Verf.) Wir haben es bisher immer geschafft, unseren Bühnenaufbau ein bisschen besser und professioneller als den vorherigen zu gestalten. Während wir an dem Album gearbeitet haben, arbeiteten wir gleichzeitig schwer daran, unseren Sound auch auf der Bühne weiterzuentwickeln.
Gerade in Sachen Abnahmetechnik, Verzerrer und all dem Kram haben wir sehr viel Neues mit dabei. Ich hoffe, dass man das auch im Publikum bemerkt, aber für uns ist der Sound inzwischen ein ganz anderer und deutlich besser. Das ist vor allem von daher cool, das wir den Leuten, die uns schon auf den letzten Touren gesehen haben, nicht nur neue Songs, sondern auch in Sachen Sound und Lightshow was Neues bieten konnten.
Paavo: Wir haben auf jeden Fall unser Bestes gegeben und versucht die Erwartungen zu erfüllen. Ob uns das gelungen ist, werden wir ja dann sehen. Das müsst ihr uns dann sagen. Außerdem haben wir ja noch zwei tolle Supportbands dabei. Stam1na und Sturm Und Drang. Ihr solltest auf jeden Fall Stam1na anchecken!
Eicca: Ja, Stam1na sind echt verdammt gut. Die haben wir für die Tour ausgesucht und die spielen heute als erste Band. Sie singen finnisch, aber das spielt eigentlich keine große Rolle. Die klingen so ein wenig nach einer Mischung aus alten Sepultura und System Of A Down. Die sind sowohl sehr heavy, als auch melodisch. Mir gefallen sie sehr gut.
Paavo: Das sind alles sehr gute Musiker, verdammt nette und witzig Jungs und der Sound ist einfach nur geil. Deswegen haben wir sie auch mit auf Tour genommen.
Wie seid ihr auf die Band aufmerksam geworden?
Eicca: Meine Frau kam mit dem letzten Album von ihnen an und meinte, ich solle mir das mal anhören. Das hab ich dann getan und war von Anfang an begeistert von der Band. Ich hab sie mir in Helsinki dann auch mal live angeschaut und war echt tief beeindruckt. Die haben einfach eine unglaubliche Live-Energie und gehen ab wie Sau. Das ist schon geil zu sehen, wie die auf Tour ankommen. Die kennt ja bisher keiner, weil die außerhalb Finnlands noch nie ein Album veröffentlicht haben. ("Uudet Kymmenen Käskyä" ist inzwischen erschienen, d.Verf.) Keiner weiß also, was ihn erwartet aber bisher haben es Stam1na jeden Abend geschafft, die Leute auf ihre Seite zu ziehen.
Die müssen aber vor Sturm Und Drang raus?
Eicca: Ja, wir hätten das gern geändert, aber ...
Das wird aber ganz schön hart dann für Sturm Und Drang, oder?
Paavo: (Grinst von einem Ohr zum anderen) Das kannst du aber laut sagen!
Eicca: Schon, aber die spielen diese Art Metal, der in Deutschland anscheinend ganz gut ankommt. Dieser Iron Maiden-Sound und so.
Naja, also sooo viele gibt’s davon hier auch nicht.
Paavo: Die Sturm Und Drang-Jungs sind ja noch sehr jung. Und man muss schon sagen, dass sie ihre Sache dafür ganz gut machen. Und dann sind sie auch auf dem selben Label wie wir ... (grinst wieder)
Haben die dann ihre Eltern dabei, oder müsst ihr da hin und wieder die Elternrolle übernehmen?
Eicca: Ein paar haben Elternteile dabei, aber manchmal müssen wir auch ein Auge auf die Kiddies haben (lacht). Aber die sind natürlich auch nicht anders als wir das in dem Alter waren.
Eicca: Nur das übliche, wir haben uns mit denen getroffen, ein wenig unterhalten, ein paar Sachen signiert und mit ihnen zusammen Fotos geschossen.
Ist das für euch eher ein notwendiges Übel oder macht euch sowas auch Spaß?
Eicca: Das ist kein notwendiges Übel oder sowas. Wir hatten die Idee selbst, das zu machen. Ich finde es einfach immer sehr interessant zu erfahren, was die Fans über unsere Alben denken und so hast du die Möglichkeit, dir willkürlich einen rauszupicken und dich mit ihm zu unterhalten. Die Möglichkeit hast du sonst nicht so ohne weiteres. Man muss ja auch drauf achten, den Kontakt zu seinen Fans zu wahren.
Paavo: Wir wollten auch ne Frage für das Gewinnspiel haben, die zeigt, dass sich derjenige auch mit der Band auskennt und sich ein wenig mit uns beschäftigt hat. Was bringt es zu fragen, welches Instrument wir spielen. Das kann ja fast jeder beantworten. Nachher hast du hier Leute sitzen, die überhaupt nicht wissen, über was sie sich mit dir unterhalten sollen, weil sie von uns gerade mal einen Song oder so kennen.
Eicca: Das stimmt. Die Frage sollte schon ein wenig präziser und nicht so leicht zu beantworten sein. Man sollte sich intensiv mit uns beschäftigt haben, um sie beantworten zu können, also eher was für unsere Hardcore-Fans. Und ich finde, ein Meet & Greet ist eigentlich auch nur was für Hardcore-Fans.
Und was denken diese Fans so von "Worlds Collide"?
Eicca: Eine davon hat gerade erst sehr detailliert beschrieben, wie sehr sie auf die sehr unterschiedliche Celli-Sounds auf der neuen Scheibe steht, und dass sie die Sachen als sehr farbenprächtig empfindet. Das war sehr interessant, was sie da erzählt hat. Was sie dafür absolut gehasst hat, war das Cover (lacht), das war ihr irgendwie zu pink und lila. Aber ich schätze es sehr, wenn Leute das aussprechen, was sie wirklich denken. Bisher waren die Reaktionen eigentlich ausgesprochen positiv.
Das sah aber vor der Veröffentlichung des Albums noch ganz anders aus, weil die Leute da nur die Single "I’m Not Jesus" kannten. Da gab es dann häufig Reaktionen wie: "What the fuck, ich werd mir nie wieder Apocalyptica anhören", und ähnlichen Kram. Viele meinten, dass man die Celli gar nicht mehr also solche identifizieren kann, aber es sind dennoch die selben drei Celli, die wir spielen.
Aber wir wollen uns nicht beschweren, wir wussten, dass wir damit einigen zwiespältige Reaktionen provozieren würden. Manche Leute sind eben immer noch der Meinung, dass wir nur eine Sektion eines symphonischen Orchesters wären und dass wir uns gefälligst auch so verhalten und viel mehr Wert auf klassische Arrangements legen sollten. Aber für uns sieht das eben anders aus.
Seht ihr euch eigentlich als eine Rock/Metal Band?
Paavo: (denkt kurz nach) Ja, eigentlich schon. Wir sehen uns auf jeden Fall eher als Rockband, denn als Teil eines klassischen Orchesters.
Okay, aber das ist wahrscheinlich auch Teil des Problems, welches ich mit dem neuen Album habe. Was ich immer an Apocalyptica geliebt habe, waren diese unvergleichlichen, melancholischen, herzzerreißenden Melodien. Die vermisse ich auf "Worlds Collide" einfach.
Eicca: Ich versteh schon, was du meinst, aber ich finde eigentlich auch, dass da immer noch ein paar tolle Melodien auf der Scheibe sind. Wir sind an "Worlds Collide" einfach mit einem anderen Augenmerk heran gegangen. Wir wollten der Scheibe mehr Energie und Power geben, ohne unsere Wurzeln ganz aus den Augen zu verlieren.
Ich habe bei vielen heutigen Metal-Produktionen das Gefühl, dass denen diese Energie und auch das Gefühl der Anarchie abhanden gekommen sind. Wir wollten da einfach was anderes, moderneres haben. Etwas, das ein wenig frischen Wind in die Szene bringt. Deswegen wollten wir auch unsere alte Arbeitsweise ändern, um die Möglichkeit zu haben, mal was anderes zu machen. Aber Songs wie "Last Hope" oder "Ion" haben immer noch diese Melodien.
Bei "Ion" stimme ich dir auf jeden Fall zu, aber die Melodie schwebt über einem recht simplen Metalriff. Das war früher anders.
Eicca: Stimmt, aber das ist genau das, was es moderner macht.
Deswegen hab ich auch gefragt, ob ihr euch eher als Rock/Metal Band fühlt.
Eicca: Klar, wir haben immer wieder versucht hier und da mit mehr Melodien zu arbeiten, waren aber letztendlich der Meinung, dass mehr Melodien bei bestimmten Songs einfach nichts gebracht hätten. Es war deutlich interessanter, einfach mit verschiedenen Sounds und Stimmungen zu experimentieren.
Paavo: Vor dem Mix war in diversen Songs tatsächlich mehr Melodie vorhanden, aber wir haben uns dann dazu entschlossen, sie stellenweise einfach wieder raus zunehmen. Wir waren einfach der Meinung, dass es ohne sie wesentlich interessanter klang. Das Ausschlaggebende bei diesen Songs liegt einfach in der Stimmung, in welche er dich versetzt.
Eicco: Außerdem haben wir ja vier Songs mit Gesang auf der Scheibe und da muss man sich natürlich mit den anderen Songs ein wenig zurücknehmen, allein schon aus Platzgründen. Da bleibt dann eben nicht mehr ewig viel Raum für Balladen oder anderes Zeug. Die Sachen mit Gesang sind ja auch schon alle sehr melodisch und da wollten wir eben noch ein paar Sachen mit richtig viel Power haben. "SOS" zum Beispiel war zuerst als Instrumental gedacht und die Version werdet ihr heut Abend auch noch hören. Die haben wir auch aufgenommen und sie wird irgendwann auf einer Single miterscheinen.
Wir spielen heut Abend auch "I’m Not Jesus" und auch "Helden" als Instrumentale. Vielleicht denkst du über die Sachen mit den Melodien etwas anders, wenn du heute Abend die Songs ohne den Gesang gehört hast. Die Sache ist einfach die: Wenn du bei den Riffs sehr auf die Power achtest und das richtig druckvoll machen willst, passiert es leicht, dass es ein wenig banal klingt, wenn du noch Melodien drüber kleistern willst. Wir wollen uns ja auch nicht wiederholen.
Eicca: Nein, irgendwie haben wir das Gefühl, dass die Zeit dafür noch nicht ganz reif ist. Wir wollen noch ein wenig warten, bis es wirklich der richtige Zeitpunkt für so eine Kooperation ist.
Aber ihr versteht euch doch mit Lars Ulrich soweit ganz gut. Das ist doch schon mal ein Ansatzpunkt.
Eicca: Der Kontakt ist schon da, es ist mehr ... äh ... (druckst ein wenig herum) es sollte schon einen guten Grund geben, um mit James zu arbeiten. Wir wollen einfach, dass das nicht nur eine weitere Kooperation mit einem Sänger wird, sondern das muss was ganz Besonderes sein, wenn wir mit Hetfield arbeiten.
Paavo: Die Sache ist ja auch die: Metallica sind nicht nur eine Band, die sind ein enorm großes Unternehmen. Die gehen keinerlei Risiko ein, egal in welcher Beziehung. Und bislang haben sie ja noch die strikte Devise: Keine Nebenprojekte! Wir fühlen uns einfach wohler damit, wenn wir warten, bis sie UNS fragen, ob wir nicht mal was zusammen machen wollen. Das ist einfach eine Respektfrage und Metallica sind nun mal nach wie vor unsere Helden.
Eicca: Wir wollen da auch nichts auf Teufel komm raus anschieben. Wenn es passiert, passiert es zur richtigen Zeit. Ich hab Lars letzten Sommer getroffen und er meinte die ganze Zeit, dass wir unbedingt was zusammen auf die Beine stellen müssen. Der Wille ist also definitiv da und es ist eigentlich auch nur noch eine Frage der Zeit, eben WANN es dazu kommen wird. Aber wir wollen da nichts zwingen, sondern warten einfach ab, bis es soweit ist. Mit Tool war das ähnlich. Die haben uns schon dreimal gefragt, ob wir sie auf ihren US-Touren begleiten wollen.
Paavo: Und wir haben jedes Mal nein gesagt! (grinst wieder von einem Ohr zum anderen).
Eicca: Jahaha, stimmt, aber auch nur, weil wir jedes Mal entweder gerade im Studio waren, oder schon eine entsprechende, andere Tour gebucht hatten. Ansonsten wären wir natürlich sofort mit Tool auf Tour gegangen und hoffen wirklich, dass das noch irgendwann klappt. Zum richtigen Zeitpunkt eben.
Wie läuft das denn eigentlich normalerweise ab? Fragt ihr die jeweiligen Sänger/Innen ob sie einen Song von euch singen wollen?
Eicca: Das kommt drauf an. Wir machen ja übers Jahr immer relativ viel und arbeiten auch für anderen Bands wie Bullet For My Valentine, Oomph! oder machen auch schon mal Remixes für Rammstein und 69 Eyes. Die fragen dann natürlich bei uns an, ob wir so was machen wollen. Da kommen schon jede Menge Anfragen. Wenn wir auf Festivals oder so auf bestimmte Bands treffen und mit deren Sänger/In gern was machen wollen, dann sprechen wir mal drüber und wenn wir den geeigneten Song fertig haben, dann fragen wir da gezielt nochmal an. Mit Till Lindemann wollten wir beispielsweise schon seit Jahren was machen, aber irgendwie hat sich nie der richtige Song ergeben. Das ist also fast schon Puzzlearbeit, wenn du so ein Album mit unterschiedlichen Sängern machen willst. Selbst, wenn der jeweilige Künstler von sich aus mit dabei wäre, heißt dass noch lange nicht, dass sein Management und das Label der selben Meinung sind (lacht).
Paavo: Da können dir so viele Leute noch in die Suppe spucken, das ist echt richtig Arbeit, bis da alles unter Dach und Fach ist und du von allen das Okay hast. Und dann ist ja noch nichts eingesungen.
Eicca: Wir haben beispielsweise auch mal mit Serj Tankian (dem System Of A Down-Sänger, d.Verf.) gesprochen. Mit ihm würden wir gern etwas experimentelleres machen, nichts was so singleorientiert ist. Aber der hat ja erst sein Soloalbum veröffentlicht und da will er sich natürlich nicht selbst in die Quere kommen, indem er noch bei was anderem singt. In etwa das Gleiche ist es mit Chris Cornell oder Jonathan Davis. Wir sind schon lucky bastards, so ein gutes Netzwerk zu haben. (Beide brechen in schallendes Gelächter aus) Man wird also noch einige, interessante Kollabos von uns erwarten können. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich hin und wieder von einigen Sachen ein wenig enttäuscht bin. Oder zumindest von den Reaktionen darauf. So bin ich eigentlich der Meinung, dass wir Till Lindemann mit "Helden" in eine ganz neue Situation gebracht haben, die sich von Rammstein doch ziemlich unterscheidet. Dennoch hören wir immer wieder, der Song würde nach Rammstein klingen und könnte auf einem Rammstein-Album stehen. Scheiße Alter, der Song klingt doch nicht nach Rammstein. Das Problem ist einfach, dass die Stimme einer Band so dominant ist, dass sie meist den Wiedererkennungswert einer Band bestimmt. Man könnte Till wahrscheinlich zu einem Panflötenkonzert singen lassen und die Leute würden nur sagen: 'Klingt doch wie Rammstein' (lacht).
Paavo: Das gleiche haben sie auch über "I’m Not Jesus" gesagt. Da hieß es sogar, dass der Song genau in der Art auch auf einem Stone Sour-Album stehen könnte und dass die Celli total nach Gitarren klingen. Come on, mit Gitarren klingt sowas nochmal ganz anders und auch die Art und Weise des Songwritings unterscheidet sich doch massiv.
Kann man wohl so oder so sehen. Aber es ist schon richtig, dass der jeweilige Sänger einem Song seinen Stempel massiv aufdrückt.
Eicca. Ja und man merkt dabei erst, wie oberflächlich viele Leute Musik wahrnehmen. Nur das, was eindeutig im Vordergrund steht, wird auch wahrgenommen. Die scheinen gar nicht zu hören, dass sich ein verzerrter Cello in der Klangfarbe doch ganz deutlich von einer verzerrten Gitarre unterscheidet. Okay, sobald du mit Verzerrung an einem Instrument arbeitest, kommt dir natürlich als erstes eine Gitarre in den Sinn, aber die Unterschiede sind doch maßgeblich und wir arbeiten auch mit so vielen, verschiedenen Sounds auf dem Album.
Ihr habt morgen ja nen freien Tag, verbringt ihr den hier oder fahrt ihr heute Nacht noch nach München und bleibt dann da? Fürs Oktoberfest seid ihr ja eh schon zu spät dran.
Eicca: Wir fahren heute Nacht nach München und machen uns da morgen nen lockeren Tag. Dass wir zu spät fürs Oktoberfest sind, ist wahrscheinlich gar nicht so schlecht für uns (lacht). Mit den Jungs von Stam1na hast du eh überall Party und wenn wir mit denen auf dem Oktoberfest gelandet wären, hätte das wohl keiner überlebt.
Paavo: Das sind echte Partyanimals und einfach nur verdammt nette Kerle.
Eicca: Die fahren mit dem beschissensten Bus dieser Erde! Die haben ein einziges Kingsize-Bett hinten im Bus, in dem alle vier Jungs pennen müssen. Ich frag mich echt, wie es der Bus überhaupt aus Finnland rausgeschafft hat. Der musste schon zweimal repariert werden. Letzte Nacht war der Auspuff defekt und hat sämtliche Abgase ins Auto geleitet (Paavo fällt beinahe vom Stuhl vor lachen).
Ihr seid sicher, dass die es bis München schaffen?
Eicca: Auf jeden Fall! Die Jungs wissen, wie man in der Wildnis und auf der Straße überlebt. Aber die fangen in fünf Minuten an, also ab mit euch vor die Bühne.
Als wir nach dem Konzert noch vor der Halle stehen, sehen wir hinter dem Schlachthof auch den Bus von Stam1na. Im hinteren Teil sind anstatt Fenstern Metallplatten festgenietet und das Gefährt sieht aus, als wäre es im letzten Terminator-Film von Arnie und Co. erst wieder gerade gebogen worden. Der deutsche TÜV würde sowas wohl aus purer Verzweiflung direkt sprengen!
Mit "Reflections" schufen die drei Finnen und Drummer Dave Lombardo von Slayer ein eigenständiges Meisterwerk. LAUT wollte wissen, wie viele Celli künftig auf der Bühne stehen.
Eigentlich muss man sich wundern, dass der Kerl nicht reingerollt kommt. So wie Paavo sich gerade am Catering vollgefressen hat, könnte ich nicht mehr laufen. Nach einer kurzen Verdauungspause legt er dann aber los.
Ok, wenn ich richtig informiert bin, hast du für "Reflections" keinen einzigen Song geschrieben. Woran liegt das?
Öh, na ja, hat sich irgendwie nicht ergeben, aber am nächsten Album werde ich mich wieder beteiligen.
Ihr habt dieses Mal komplett auf Coverversionen verzichtet. Werdet ihr das auch in Zukunft so handhaben?
Im Augenblick fühlen wir uns ganz gut mit den eigenen Songs. Es war einfach nicht notwendig, auf irgendwelche Coverversionen zurückzugreifen. Das war eigentlich eine ganz natürliche Entscheidung, ohne dass wir uns darüber großartig Gedanken gemacht hätten. Auf "Cult" ist der Anteil an Fremdkompositionen schon deutlich zurück gegangen und auf "Reflections" gibt's eben keine mehr. Die Möglichkeit kam gar nicht erst zur Sprache. Das heißt aber nicht, dass wir nie wieder welche machen werden.
Würdest du sagen, dass ihr beim Schreiben von eigenem Material immer noch stark von Metallica beeinflusst seid? Zumindest was die Riffs und den Anschlag angeht.
Ja, bei den Riffs hast du bestimmt recht, aber Sepultura sind da auch ein gewisser Einfluss. Solche Fragen solltest du wahrscheinlich eher Eicca und Perttu stellen. So weit ich das beurteilen kann, geht keiner von uns mit einer bestimmten Einstellung an den Prozess des Komponierens heran. Es ist immer wieder eine Überraschung, was letztendlich dabei heraus kommt. Musik sollte nicht kalkuliert werden und darf auch nicht kalkulierbar sein, sonst geht die Ehrlichkeit verloren. Es ging uns nie darum, möglichst viele Einheiten von unseren Alben abzusetzen. Du musst einfach alles außenrum abschalten und dich auf deine Musik konzentrieren.
Was spielt ihr live lieber: eigene Songs, das technisch versiertere Zeug von Metallica oder die Riff-betonten Sachen wie Sepultura?
Schwer zu sagen, das kommt ganz auf die Show und das Publikum an. Es ist einfach eine geile Sache, live zu spielen, egal was du gerade zockst. Natürlich ist es fantastisch, wenn du 'ne Metallica-Nummer spielst, das komplette Publikum mitgröhlt und du beinahe zur Karaoke-Band mutierst. Das macht natürlich jede Menge Spaß, aber wenn wir unsere eigenen Songs spielen, entwickeln sich dabei für mich schon beinahe transzendentale Gefühle.
Ihr habt auf "Reflections" ja bei beinahe allen Songs Drums dabei. Wie setzt ihr das live um?
Wir fangen wie immer als Streicher-Quartett an, machen mit ein paar Einspielungen vom Band weiter und schließlich kommt ein Bekannter von uns aus Finnland mit auf die Bühne, um uns auf den Drums zu begleiten. Das ist ein recht junger Kerl namens Mika. Na ja, so jung ist er eigentlich auch nicht, er ist in unserem Alter. Im Vergleich zu Dave Lombardo ist er halt ein Jungfuchs, haha. Das ist für uns eine ganz neue Erfahrung, schließlich sind wir die letzten sieben Jahre immer als Cello-Quartett durch die Lande gezogen. Damit passiert auf der Bühne für uns was ganz Neues, aber es ist toll.
Wann fiel der Entschluss, Drums zu verwenden und wie seid ihr an Dave gekommen?
Die Idee spukte uns schon länger im Kopf herum und auf "Cult" sind ja schon Ansätze zu hören. Dave kennen wir schon seit fünf Jahren und er hat uns das Angebot schon lange von sich aus gemacht. Er meinte einfach, wir sollen ihn anrufen, falls wir je einen Drummer benötigten. Das Angebot lässt man sich natürlich nicht entgehen. Wir haben ihn also angerufen und er war sofort dabei. Das ging ganz einfach. Leider war er aber durch die Slayer-Tour so beschäftigt, dass er nicht zu uns nach Finnland kommen konnte, sondern wir ihm unsere Aufnahmen zuschicken mussten.
Zu diesem Zeitpunkt waren eben die fünf Songs fertig, auf denen er letztendlich zu hören ist, und er hat sie bei sich im Studio eingespielt. Ich denke, man hört es den Songs an, wie viel Spaß ihm die Sache gemacht hat. Ich muss immer grinsen, wenn ich mir die Songs mit ihm anhöre. Ich kann mir richtig vorstellen, wie er sich hinters Schlagzeug pflanzt, die Baseballkappe rumdreht und mit einem feisten Grinsen im Gesicht los legt.
Ihr habt für die Gesangsparts auf "Path Vol. II" und "Hope Vol. II" auf zwei deutsche Sänger, Sandra Nasic von den Guano Apes und Matze Sayer von den Farmer Boys zurück gegriffen. Wie seid ihr gerade auf die gekommen? Schließlich gibt es doch in Finnland genügend großartige Sänger.
Es kam uns in erster Linie darauf an, eine Kooperation mit einem männlichen und einem weiblichen Sänger zu machen. Zuerst lief die Sache mit Sandra, die wir ebenfalls schon geraume Zeit kennen und die uns als die beste Möglichkeit erschien und das auch immer noch tut. Sie hat einen fantastischen Job erledigt. Ihre Einstellung zur Musik ähnelt unserer sehr, weshalb wir gut mir ihr zurecht kamen. Mit Matze lief das ähnlich. Die Frage, warum wir keinen finnischen Sänger verwendet haben, hmm ... Vielleicht sollte ich dazu besser nichts sagen, haha.
Ok. "Reflections" steht in den Läden als potentielle Doppel-CD, soll heißen, ihr habt Platz gelassen für eine zweite CD, mit sich die Leute mit einem speziellen Code auf eurer Homepage einloggen und weitere Songs aus dem Netz ziehen können. Was hat es damit auf sich?
Wir haben auf "Reflections" 13 Songs drauf, aber 16 oder 17 geschrieben und aufgenommen. Es war zu wenig Platz, um sie auf ein Album drauf zu packen und ehe wir eine halbherzige Doppel-CD veröffentlicht hätten, die wesentlich teurer geworden wäre, bieten wir den Leuten lieber die Möglichkeit, sich die zusätzlichen Songs kostenfrei zu ziehen.
Kommt da dann auch wieder was mit Gesang?
Wart's doch einfach ab, hihihi. Das ist noch geheim.
Warum ist Max eigentlich ausgestiegen?
Unsere Vorstellungen liefen einfach zu weit auseinander. Die Stimmung innerhalb der Band wurde immer angespannter, als wir zusammen auf Tour waren und letztendlich war klar, dass einer gehen musste. Eicca und ich waren beide kurz davor, aber es stellte sich dann heraus, dass Max das eigentliche Problem innerhalb der Band war. Er ist dann aber von sich aus gegangen und wurde nicht gefeuert oder so was. Ich versteh mich mit ihm nach wie vor sehr gut. Wir gehen gelegentlich zusammen Skifahren oder machen Langlauf. Das war ne traurige Sache mit seinem Ausscheiden, aber so etwas passiert nun mal.
Ihr habt "Reflections" ja zu dritt eingespielt, seid live aber mit Ur-Mitglied Antero wieder zu viert. Wie wird das weiter laufen?
Wir werden das wohl so beibehalten, dass wir fortan zu dritt die Songs schreiben und auch als Trio im Studio die Sachen einspielen. Live werden wir wohl auch in Zukunft einen vierten Mann benötigen und so wie es aussieht, steht uns Antero da gerne zur Verfügung. Er ist mit der Situation so sehr zufrieden. Er kommt mit auf Tour, bekommt seinen entsprechenden Anteil an der Kohle und kann sich sonst um seine anderen Sachen kümmern. Wir haben ihn gefragt, ob er auf dem Album mitspielen wolle, aber er hat abgelehnt. Stop, nein, in "Cortége" hat er sogar mitgespielt. Das war's dann aber auch.
Wie kommt ihr eigentlich auf die Titel für eure Songs?
Oh, das ist ne ziemlich spontane Sache und gelegentlich sehr willkürlich. Die eigentlichen Titel entstanden einen Tag vor der Veröffentlichung, als uns das Label anrief und meinte, sie müssten da noch irgendwas hinten drauf schreiben, haha. "Cokha" ist eine Ausnahme, denn der Titel ist ein Wort aus der Sprache der Sämen und bedeutet so viel wie die Stelle auf einem Berg oder einem Hügel, auf der dich der Wind voll erwischt und du dich nicht verstecken oder verbergen kannst. Es ist auch eine Metapher dafür, dass du dich dort mit dir selbst beschäftigen musst.
Eurer Song "Drive" wurde von Dunlop als Hintergrund-Musik zu einem japanischen Werbespot verwendet. Wie kam es dazu?
Das war eigentlich ganz einfach, denn der Regisseur des Werbespots wollte genau uns für diesen Kurzfilm haben und niemand anderen. Also hat er die Leute so lange bequatscht, bis die uns angerufen haben. Der Spot ist nicht schlecht, ich hätte nur gehofft, dass ich wenigstens auch 'nen Satz Winterreifen bekommen hätte, haha.
Was macht ihr, wenn ihr nicht gerade mit Apocalyptica durch die Gegend zieht?
Unterschiedlich. Ich gebe Cello-Unterricht, mein jüngster Schüler ist acht Jahre alt, und werde demnächst eine junge finnische Dichterin bei ihrer ersten öffentlichen Lesung auf dem Cello begleiten, was sehr interessant werden dürfte. Eicca arbeitet immer wieder für die finnischen Philharmoniker, für die er ja die Bühnenfassung von Fjodor Dostojewskis "Schuld und Sühne" geschrieben hat. Die haben ihn dann gleich gefragt, ob er so was nicht noch mal machen will. Ich habe insgesamt so um die 15 Schüler.
Das Interview führte Michael Edele
Apocalyptica - A Decade Of Reinventing The Cello (2006), The Life Burns Tour (2006)
Live (2001)
Inquisition Symphony (1998), Apocalyptica Plays Metallica By Four Celli (1996)
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Infos rund um die Band. Nicht annähernd so wild wie die Finnen selbst.
http://www.apocalyptica.com/
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