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Was 1996 mit ein paar kleinen Hanselen im kalten Finnland begann, entwickelt sich rasch zu einer waschechten Hysterie. In jenem Jahr hebt Ville Hermanni Valo (was auf Deutsch so viel wie Wilhelm Licht bedeutet) zusammen mit ein paar guten Kumpels die Band HIM aus der Taufe.
HIM steht für "His Infernal Majesty". Obwohl sich der charismatische Frontmann darum bemüht, immer wieder zu betonen, es handele sich bei HIM um eine "richtige" Band, steht und fällt alles mit Valos Erscheinung und seinen Songwriterqualitäten. Höchstens noch Villes Kumpan Mikko Henrik Julius Paananen (besser bekannt als Migé Amour) fungiert bei Interviews als weiterer Sprecher der Combo. Alle anderen Mitglieder halten sich eher im Hintergrund.
Bevor Ville jedoch mit seiner Band an den Start geht, ist er des Öfteren hinter dem Tresen des väterlichen Sex-Shops anzutreffen, wo er als Verkäufer jobbt. Das muss den guten Jungen ziemlich kirre gemacht haben: In HIMs musikalischem Universum dreht sich alles um Liebe, Tod und Sünde. Sägende Gitarren, dazu die schmachtende Stimme seiner Majestät, ausgestattet mit etwas Morbidität und ein klein wenig nach Gruft müffelnd.
Bald sind HIM nicht nur in ihrer finnischen Heimat absolute Superstars. Auch in Deutschland sind sie für etliche ohnmächtige Mädels verantwortlich, die in schöner Regelmäßigkeit bei ihren Konzerten ins Reich des Morpheus kippen.
Kurz nach Bandgründung bringen HIM einen Vertrag bei der finnischen BMG unter Dach und Fach. Das Debüt "Greatest Love Songs Vol.666" erscheint flugs danach und beschert der Band zwei Top Ten-Singles und eine Goldene Schallplatte in Suomi. Deutschland bleibt, was HIM betrifft, zu diesem Zeitpunkt noch jungfräulich.
Das soll sich nicht entscheidend ändern, als auch hierzulande die Scheibe erscheint. Mit dem Isaak-Cover "Wicked Game" gibt es zwar einen kleinen Hit, aber das war es dann auch fürs Erste.
Der entscheidende Schachzug folgt erst im Jahr 2000. Zu Roland Emmerichs Science-Fiction-Thriller "13th Floor" steuern HIM für den deutschen Sprachraum den Titelsong ("Join Me") bei. Die dazugehörige Single klettert Anfang 2000 bis nach ganz oben, das Album folgt und belegt wochenlang die Pole Position.
Ausverkaufte Konzerte allenthalben, kreischende Mädels und Dauerpenetration in allen Medien sorgen für einen kollektiven Freak-Out, egal, wohin es die Band verschlägt. Nach erfolgreich bewältigtem Konzert- und Interviewmarathon überrascht Valo mit der Ankündigung, schon bald mit den Aufnahmen für eine neue Platte beginnen zu wollen. Dabei hatte man während des Festival-Sommers den Eindruck, HIM wären ihrer eigenen Omnipräsenz überdrüssig.
Im Herbst 2001 erscheint das dritte Longplay-Werk "Deep Shadows And Brilliant Highlights", bevor die Band sich Anfang 2002 entschließt, eine (hochverdiente) Pause einzulegen. Zumindest die Bühnenpräsenz soll ein wenig zurückgefahren werden, nicht zuletzt, um wieder mehr Zeit für die kreativen Tätigkeiten zu gewinnen.
Den Fans gewährt die Band indes keine Ruhepause. Die bisher veröffentlichten Singles kommen in einem Box-Set auf den Markt, und bevor die HIM-Jünger sich lange nach ihrem Idol verzehren, spazieren die Finnen bereits wieder mit einem neuen Album ("Love Metal") um die Ecke. Im Vergleich zum Vorgänger rocken HIM jetzt wieder verstärkt das Haus.
2004: Zeit, die HIM-Geschichte Revue passieren zu lassen. Die Best Of "And Love Said No" komprimiert mit 14 bekannten und zwei neuen Songs die bisherige Karriere Valos und seiner Band. Nach diesem Release sagen HIM ihrer langjährigen Plattenfirma Gun/Supersonic Adé und wandern mit Groll zu Warner ab, nachdem Gun/Supersonic laut Valo mit Drohbriefen eine Vertragsverlängerung erzwingen wollten. Beim Major erscheint im Sommer 2005 "Dark Light".
Das Erfolgsrezept ist dasselbe geblieben. Nicht mehr ganz so rockig wie "Love Metal" mit einer erheblich poppigeren Schlagseite, kredenzen Valo und Co. ihren Fans wieder morbide angehauchte Rocksongs. Die alte Plattenfirma veröffentlicht im Herbst 2006 eine Compilation mit Alternativ-Versionen bekannter Titel: "Uneasy Listening Vol. 1".
2007 schiebt Ville ein Duett mit der Schauspielerin Natalia Avelon hinterher. Die beiden singen den alten Lee Hazlewood-Gassenhauer "Summer Wine". Der Song findet als Titeltrack des Uschi Obermeier-Biopics "Das Wilde Leben" Verwendung, in dem Natalie die Rolle der 60er-Ikone spielt. Im September erscheint "Venus Doom", ein neuer Longplayer, der sich im Gegensatz zu "Dark Light" noch mehr auf die rockigeren Anfangstage der Band besinnt. Thematisch bleiben HIM sich treu und besingen weiterhin die Liebe in Theorie und Praxis.
2008 veröffentlichten die Finnen "Digital Versatile Doom - Live At The Orpheum" und runden ihr Album mit einer Live-DVD und -CD ab. Mit dem "Screamworks - Loves in Theory and Practice" 2010 geben sie ihrer Musik einen neuen Schliff. Wie der Titel schon erahnen lässt, durchsetzen Schreie von Ville die Songs.
Nach ihrem siebten Studioalbum wird es zunächst still um die Band, nachdem sie sich von ihrem Label Sire/Warner getrennt haben. Wie Ville in einem Interview verkündet, haben HIM schon ein neues Projekt in Angriff genommen. Da Drummer Gas gesundheitliche Probleme hat, gerät jedoch der Zeitplan aus den Fugen. Bis November 2012 arbeiten sie an ihrem neuen Album "Tears On Tape".
HIM haben sich mit all ihren Werken einen klassischen und unverkennbaren Sound angeeignet und zeigen in ihrer Bandgeschichte immer wieder Bereitschaft, neue Dinge auszuprobieren. Melancholische Liebestexte stehen im Kontrast zu ihrer meist härteren Musik.
Ville Valo und Mikko Paananen über harte Zeiten, Dankbarkeit und eingefahrene Hörgewohnheiten.
Ohnmacht, banges Warten und zittrige Hände: Viele Jünger der finnischen Liebesmetaller HIM waren im Anschluss an die Veröffentlichung des letzten Albums "Screamworks: Love In Theory And Practice" zwei Jahre lang kaum ansprechbar.
Denn nach dem Release des siebten Longplayers der Band verschwand das Quintett um Aushängeschild Ville Valo erst einmal komplett im Dunkeln. Nun ist aber endlich Schluss mit dem Versteckspiel, Ende April ist "Tears On Tape" erschienen. Von Schulband-Touraktivitäten und einigen wenigen Interview-Schnipseln abgesehen, gab es von "His Infernal Majesty" lange Zeit so gut wie nichts zu sehen oder zu hören. Und so brodelte natürlich die Gerüchteküche wie selten zuvor. Gibt es unerwartete Spannungen innerhalb der Band? Braucht man einfach nur eine Auszeit vom jahrelangen Nomadenleben? Oder noch viel schlimmer: Gibt es HIM überhaupt noch?
Am 15. Februar 2012 brach Ville Valo das Schweigen und erklärte zur Überraschung vieler, dass die Band an einem neuen Album arbeite. Fortan färbte sich die Anhänger-Welt wieder rosarot. Viele Fragen standen aber immer noch unbeantwortet im Raum. Allen voran: Was war der Grund für das zweijährige Verschwinden von der Bildfläche? Wir trafen uns einige Wochen vor der Veröffentlichung des neuen Albums mit Sänger Ville Valo und Bassist Mikko Heinrik Julius Paananen in Berlin und hakten nach.
Hi, ihr zwei. Zwischen 2010 und 2012 staute sich bei vielen eurer Anhänger Grundlegendes an. Ihr wart kaum auf Tour und habt auch sonst nicht viel von euch preisgegeben. Wie wichtig war demnach der 15. Februar 2012 für euch?
Ville: Du meinst die Bekanntgabe, dass wir an einem neuen Album arbeiten?
Genau.
Ville: Wir waren, ehrlich gesagt, ziemlich überrascht, als wir merkten, was für ein gewaltiges Echo dieses Statement nach sich gezogen hat. Ich meine, es war ja nicht so, dass wir uns irgendwo verbarrikadiert haben. Wir haben zwar nicht viel gespielt zu der Zeit, aber wir ja trotzdem am öffentlichen Leben teilgenommen. Jeder von uns war präsent. Jeder ging vor die Tür. Mikko: Naja, vielleicht nicht wirklich jeder von uns (grinst).
Ville: Klar, außer Mika natürlich. Der hatte zu der Zeit ziemlich zu kämpfen, was ja auch der Hauptgrund für unsere Ruhepause war. Aber wie gesagt, von außen haben wir da relativ wenig mitbekommen. Es gab keine Fan-Horden vor unseren Häusern, die mit Wie-geht-es-weiter-mit-euch-Schildern Alarm machten. Wir spürten nur unsere eigene Ohnmacht.
Es kam also zu gesundheitlichen Problemen bei Mika – was war denn genau los?
Ville: Nun, wir befanden uns gerade in der Pre-Production-Phase fürs neue Album, als er an einem zwar seltenen, aber bei Drummern häufig vorkommenden Nervenleiden in den Armen erkrankte. Das traf uns alle wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die Diagnose bedeutete letztlich eine mehr als achtmonatige Zwangspause für ihn.
Ville: Er ist wieder ok, alles im grünen Bereich.
Mikko: Ich habe ihn erst letztens beim Einkaufen beobachtet. Da schleppte er mehrere schwere Tüten und Kisten zum Auto. Das ist, denke ich, ein gutes Zeichen (lacht).
Mika sitzt seit nunmehr fast fünfzehn Jahren hinter euren Drums. Wie seid ihr damals mit der Situation umgegangen?
Mikko: Es war ein absoluter Schock für uns, keine Frage.
Ville: Man fühlt natürlich mit jedem Menschen, dem so etwas widerfährt. Aber wenn es dann auch noch jemanden trifft, mit dem du seit Ewigkeiten dein Leben teilst und diese Diagnose praktisch von heute auf morgen alles in Frage stellt, was deinen Alltag als Musiker betrifft, dann haut es einen natürlich noch mehr um. Wir hatten richtig Angst – um Mikka und um die Band. Es stand wirklich viel auf dem Spiel.
Mikko: Zuerst haben wir alle noch Scherze gemacht. Wir sagten uns: Ach, alles halb so wild. Dann kaufen wir uns eben eine amtliche Drum-Machine für die Aufnahmen und die Shows oder heuern irgend einen Studiodrummer an. Dieses Geflachse hat aber nicht lange geholfen, denn irgendwann haben wir gemerkt, dass es wirklich ernst ist. Umso glücklicher sind wir natürlich, dass er mittlerweile wieder voll am Start ist.
Ville: Es war anfangs auch so, dass man uns sagte, dass er sich lediglich etwas auskurieren müsse. Das ging dann einen Monat lang gut. Danach gab es aber zunehmend Komplikationen und es wurde von Woche zu Woche schlimmer. Wir hatten während dieser Phase alle irgendwann einen Nervenzusammenbruch, kein Witz.
Gab es irgendwann einen Punkt, an dem ihr am liebsten alles hingeschmissen hättet?
Mikko: Bei mir definitiv nicht. Natürlich macht man sich so seine Gedanken, aber tief in mir hatte ich immer ein Gefühl, das alles gut ausgehen wird.
Ville: Wir haben zu der Zeit alle unheimlich viel miteinander geredet. Wir sind näher zusammengerückt. Immer wieder haben wir uns Mut gemacht und tonnenweise Phrasen voller Hoffnung in den Äther gepustet. Das hat wirklich geholfen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Es war schwer, aber es hat sich gelohnt.
Ville: Es ist einfach ein tolles Gefühl für alle Involvierten. Wenn man schon so lange im Business ist, dann schleicht sich irgendwann zwangsläufig ein gewisses Business-as-usual-Feeling ein, verstehst du? Man ist natürlich immer aufgeregt und angespannt, wenn neues Material in den Startlöchern steht, aber diese Nervosität, die man beispielsweise in den Wochen vor dem Debütalbum verspürt hat, die ist nach fünf, sechs oder sieben Alben einfach nicht mehr richtig da.
Man kennt mittlerweile die Abläufe genau, hat schon hunderte Promo-Termine wahrgenommen und weiß genau, wie der Hase läuft. Diesmal fühlt sich aber alles wieder exakt so an wie früher. Das liegt natürlich in erster Linie an der Genesung von Mika.
Mikko: Man kann es in etwa mit einem liebgewonnenen Auto vergleichen. Stell dir vor, du fährst seit Jahren immer den gleichen Schlitten. Und plötzlich stockt der Motor oder irgendein anderes wichtiges Teil, dass die Karre laufen lässt. Du merkst, dass sich das Problem nicht innerhalb absehbarer Zeit löst und bekommst natürlich zwangsläufig Muffensausen. Kriegst man das Auto je wieder richtig in Schuss? War's das jetzt?
Und wenn dann irgendwann alles wieder passt, gibt es doch nichts Schöneres, oder? Die erste Fahrt um den Block ist dann ähnlich berauschend wie die erste Fahrt mit dem Auto überhaupt. Und genauso fühlt es sich mit dem neuen Album an. Wir sind einfach nur dankbar und happy darüber, dass der Herrgott unseren Motor wieder zum Laufen gebracht hat (lacht).
Im Wesentlichen geht es auf dem Album wieder um Liebe, Tränen und Tod. Was bedeutet Zweisamkeit und alle damit verbundenen Segen und Flüche für euch persönlich?
Ville: Für mich steckt die Antwort darauf schon in der Art und Weise, wie du die Frage formuliert hast. Denn diesen ständigen Wechsel zwischen Licht und Schatten findet man, meiner Meinung nach, nirgendwo sonst auch nur annähernd so geballt wie in der Liebe. Es gibt Täter und Opfer und man weiß nie genau, zu welcher Gruppe man am nächsten Tag zählt. Liebe ist einfach die Kraft des Lebens. Ohne Liebe geht gar nichts. Die Menschen, die hasserfüllt durch die Straßen laufen, tragen auch massenhaft Liebe in sich.
Niemand kann ohne Liebe existieren. Viele können aber auch nicht mit Liebe existieren. Das mag widersprüchlich klingen, ist aber so. Es gibt für mich nichts auf der Welt, was eine ähnliche Faszination auf mich ausübt. Und ich kann diese Magie auch noch zum Mittelpunkt meines Berufslebens machen. Was kann es Schöneres geben?
Mikka: Ich sehe das ähnlich – vielleicht nicht ganz so ausschweifend (lacht).
Die Balance zwischen hart und weich steht ja bei euch seit jeher im Mittelpunkt. Auf dem neuen Album geht ihr, wie ich finde, aber noch einen Schritt weiter. So kommen einige Strophen fast schon folkig daher. Da dürften die Stimmen derer, die euch seit jeher Kalkül vorwerfen, noch lauter werden. Schließlich spielen Banjo-Sounds und akustische Elemente momentan eine große Rolle in den Charts. Wie seht ihr das?
Ville: Das ist mir völlig egal. Ich meine, wir spielen ja nicht erst seit gestern mit harten und weichen Elementen. Es mag sein, dass es diesmal noch mehr in diese Richtung geht, aber an den Basics hat sich nichts verändert. Diese Kalkül-Typen vergessen immer, dass wir das schon immer so gemacht haben. Ich glaube, jedesmal, wenn wir ein neues Album herausgebracht haben, war ein anderes Genre gerade hip. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass wir schon einmal ein Punkrock-, Crossover-, oder Hip Hop-Album aufgenommen haben, nur weil es zu der Zeit gerade angesagt war. Insofern kümmern mich diese Stimmen herzlich wenig. Ich habe während der Aufnahmen für dieses Album ziemlich viel Neil Young, Roy Orbison und Cat Stevens gehört. Das hört man auch, wie ich finde.
Mikka: Die Drei hörst du aber auch schon seit ich dich kenne.
Ville: Stimmt (lacht).
Ville Vallo über die Farbe Pink, Aggression in der Musik und Horrorfilme wie "Spermula".
HIM-Frontmann Ville Valo spricht u.a. über seine Vorlieben für alte Gruselfilme und den Einfluss der achtziger Jahre.
Vor dem Gesprächstermin mit Ville Valo ist noch Zeit, und spaziere daher ein wenig über die Hamburger Reeperbahn. Auch am Docks komme ich vorbei, über drei Stunden vor dem Einlass zum abendlichen HIM-Konzert. Bereits zu dieser Zeit windet sich eine Besucherschlange, die die Tausendergrenze längst überschrittenen hat, über die angrenzenden Wartemöglichkeiten der Vorplätze. Dass der Event längst ausverkauft ist, war mir bekannt - doch es ist faszinierend zu beobachten, wie die Finnen immer wieder ihre Fans mobilisieren.
Im verabredeten Hotel führt nimmt mich ein Betreuer in Empfang, und wir entern einen weiträumigen, ruhigen Lounge-Bereich, wo in gedämpftem Licht Ville Valo bereits wartet. Schlank ist er geworden, wirkt beinahe asketisch. Den Kopf ziert eine anthrazitfarbene Strickmütze. Trotz des herannahenden Konzerts gibt sich der Sänger aufgeräumt und unaufgeregt - von einem unnahbarem Dunkelmann keine Spur.
Ich bin vorhin noch ein wenig herumspaziert auf der Reeperbahn - da warten schon Heerscharen von Fans auf euch!
Tatsächlich? Jetzt schon? Tolle Sache! Lacht Ja, Hamburg ist immer ein gutes Pflaster. Wir haben bereits öfter z. B. in der Großen Freiheit gespielt, hier läuft das einfach immer gut für uns.
Wie kamst du auf das Begriff "Screamworks" für das neue Album? Mich erinnert das ein wenig an eine Verballhornung von "Dreamworks" ...
Ja, es ist ein Wortspiel, das sich in erster Linie auf Spielbergs Firma Dreamworks bezieht. Aber ebenso auf Edvard Munchs berühmtes Gemälde "Der Schrei", das ich da ebenfalls vor Augen hatte. Ich mag es, wie Worte wirken, wenn man sie - aus bekannten Bereichen heraus - in einen neuen, anderen Kontext mit einbezieht, sie gewissermaßen variiert und ihnen so einen neuen Sinn verleiht.
Du hast einmal angemerkt, dass für dich Geschichten und Bilder wichtig sind, was das Schreiben und spätere Erleben deiner Songs angeht. Wie ist das zu verstehen?
Es gibt für mich in der Musik nicht nur das reine Hören, es ist ebenso wichtig, dass dabei auch Bilder entstehen. Man muss gleichermaßen Ohren wie Augen öffnen. Mir ist es wichtig, da nicht nur eindimensional zu verfahren, sondern in den gesamten Prozess viele verschiedene Dinge einzubringen, sie miteinander zu kombinieren. Songs schreiben, einzuspielen und auch beim Hörer etwas auszulösen, sind für sich genommen ja ganz unterschiedliche Dinge. Und ich versuche, aus all diesen verschiedenen Zutaten etwas in sich Stimmiges, Rundes zu bilden. Keine Einbahnstraßen, sondern mehr Wege, die sich kreuzen und schon mal zu etwas völlig anderem hinführen. Ich liebe es, wenn Musik etwas Bildhaftes sein kann. Oder auch Farben, meinetwegen - beim Songschreiben habe ich manchmal auch Farben in meinem Kopf. schmunzelt
Und die sind nicht ausschließlich dunkel?
Oh nein. Pink ist da auch sehr stark vertreten! Ich las einmal eine verrückte Geschichte von einem Burschen, der einen Kuchen in seinem Kopf hatte. Und der sah Farben, aber gleichzeitig auch Zahlen, alles, was ihm im Leben begegnete, wurde in abstrakte Eindrücke umgewandelt. Musik ist ebenfalls einfach Leben, in diesem Falle mein Leben, ganz klar. Ich setze die Eindrücke, die mich angehen und in mir entstehen, auch immer ganz unterschiedlich um, gerade, was die Bilder im Kopf zum jeweiligen Song angeht. Es hat irgendwie was von einem Kompass, dessen Nadel sich bewegt. Jeder Sound, jedes Gitarren-Riff kann mich mich an etwas erinnern oder auf etwas hinweisen, etwa an ein altes Photo, da sind so viele Sachen. Du kannst immer etwas finden, an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit, was dich besonders berührt und mit dir in Verbindung steht. In gewisser Weise sehe ich mich da als Sammler.
Im Vergleich dazu bedienen wir tatsächlich ein anderes Segment vom HIM. "Venus Doom" war sicher aggressiver. Ich mag Aggression - was Musik angeht, weil man damit ganz besondere Stimmungsbilder erzeugen kann, und in dem Falle ist der Begriff für mich nicht negativ besetzt. Unsere Musik wirkt in erster Linie durch die Gitarren und die Drums. "Dark Light" war ein sehr erfolgreiches Album für uns, das mir persönlich auch sehr gefällt, gerade was die Atmosphäre angeht. Das wollte ich gern fortsetzen, aber nicht als eine Wiederholung von früheren Arbeiten. Schau, du arbeitest z. B. rund zwei Jahre an einem kompletten Album. In der Zwischenzeit gehst du auf Tournee, spielst viele ganz alte Sachen, und wirst dadurch auch immer ganz neu damit konfrontiert. Und dir kommen so wieder neue Ideen - das Vergangene inspiriert dich und du denkst: Mensch, da ist ein ganz neuer Faden, der sollte aufgenommen und weitergeführt werden! Und dann notiere ich in mir das in einer Art imaginärem Notizbuch. Ich mag es, wenn Leute einen ihnen unbekannten Titel hören, und dann erkennen: "Das sind HIM!" Wiedererkennungswert ist für mich nichts Negatives - nimm doch einfach ein Album von U2, da läuft das ähnlich. Auch wenn man die Titel vielleicht nicht kennt, hört man doch heraus, hey, das sind U2.
Ich las einmal, dass du ein großer Fan von Horror-Filmen bist. Ist da was dran, und in welchen Bereichen? Ich persönlich mag sehr die klassischen Schinken wie etwa die alten Hammer-Movies mit Christopher Lee und Peter Cushing.
Horror ist wie Rock'n'Roll! Da sind sind auch so viele Stillrichtungen, da gibt es harte Gitarren-Riffs ebenso wie romantische Momente. In dem Bereich sind gerade die Sachen mit Peter Cushing höchst interessant, auch diese vielen Streifen von Roger Corman, der es verstand, mit kleinem Budget Mittel stimmungsvolle Filme zu gestalten. Gerade in Zusammenarbeit mit Vincent Price, den ich sehr schätze. Die beiden - das passte einfach zusammen! Z. B. ein Film wie "Masque Of The Red Death" (dt.: "Satanas - Schloß Der Blutigen Bestie"). Klassisches Erzählkino - und so unterschiedlich zu anderen Filmen des Genres. Spannend ist auch, wie im Laufe der Jahrzehnte die Stoffe aus unterschiedlicher Sichtweise erzählt werden. So wie mit "Nosferatu", der durch Werner Herzog und Klaus Kinski ja eine interessante, und, wie ich finde, sehr gelungene Neuauflage erfuhr. Das war alles so surreal, so spooky. Auch der Gegensatz zwischen dem damaligen Schwarz/Weiß und dem heutigen Farbfilm gibt der eigentlich identischen Geschichte einen besonderen, eigenen Touch. Und ich liebte damals Isabelle Adjani ... so eine wundervolle Frau!
Kennst Du vielleicht die "Dracula"-Version von Ende der Siebziger mit Frank Langella?
Huh, nein, das sagt mir jetzt gar nichts. Aber wenn es ein Tipp ist, dann her damit, auch in dem Bereich bin ich gern Sammler! Gerade all diese unterschiedlichen Dracula-Versionen - es gibt da einen Film, "Zoltan - Hound Of Dracula" (dt.: "Zoltan - Draculas Bluthund", der höchst unterhaltsam ist. Ebenso wie "Blacula", das war die erste Version mit einem farbigen König der Vampire. Und dann gab es noch "Spermula" ...
"Spermula"? Was ist das denn? Klingt so pornomäßig.
Als ich den entdeckte, arbeitete ich gerade in einem Sex-Shop. Die hatten natürlich eine Menge Core-Zeug unterschiedlichster Thematiken. Der Streifen ist zwar nicht sonderlich gut, auch kein eigentlicher Horror, aber war so was von schräg und überdreht. Meine Güte, was man sich im Lauf der Zeit so alles anschaut ...
Unsinn muss sein! Hier bei uns gibt es dieser Tage eine DVD-Veröffentlichung mit dem vielversprechenden Titel "Lesbian Vampire Killers", den ich mir schon auf den Notizzettel gesetzt habe ...
... klingt gut! Kann nur ein guter Film sein! Lacht
Das weiß ich wirklich nicht. Ich glaube, das hat was mit der Magie des Rock'n'Roll überhaupt zu tun. Da sind so viele Bands, die im Lauf der Jahrzehnte gestartet sind, und die immer noch da sind, irgendetwas Besonderes steckt immer dahinter. Aber was es nun ist, eine Formel, oder ein Rezept - keine Ahnung. Und die Zahl derer, die nach einer gewissen Zeit noch immer da ist, ist fraglos geringer als die, auf einmal für kurze Zeit ganz groß auftauchen - und ebenso rasch wieder verschwinden. Auf jeden Fall gehört eine ganz loyale Fan-Basis dazu. Ich glaube, dass das Ganze etwas mit einer Art von Mystery zu tun. Es ist schwer, so etwas eigentlich Mysteriöses wie Erfolg ganz genau aufschlüsseln und definieren zu können. Auch für sich selbst. Und: wonach und wie will man so etwas überhaupt messen? Warum sind z. B. Coldplay über einen so langen Zeitraum erfolgreich? Das Geheimnis ist das Geheimnis selbst, und ich glaube, man sollte es auch ein Geheimnis sein lassen. Es gibt nichts Schlimmeres als Entzauberung.
Wie läuft das mit den Fans in verschiedenen Ländern bei euren Konzerten? Gibt es da spezielle Unterschiede?
Ja. Die gibt es, was daran liegt, dass unterschiedliche Länder unterschiedliche Kulturen haben. In Deutschland ist es so, dass die Leute bei den Konzerten Bier trinken, mitsingen und einfach nur ausgelassen feiern. In Amerika findet mehr Stage-Diving statt. In Südeuropa ist der Mitsingfaktor besonders hoch, und speziell in Mexico City ist das Ganze einfach von vorne bis hinten nur laut, die ganze Zeit über. Das macht schon Spaß, zu beobachten, wie die Musik auf die unterschiedlichsten Leute wirkt. Entscheidend ist, das man die Besucher erreicht, aber es ist schon eigenartig, wie unterschiedlich sich das dann äußert. Aber Party ist eben etwas, was die Fans erwarten, wenn sie ihr Ticket gekauft haben. Und das ist ihr gutes Recht.
Auf dem neuen Album sind - im Gegensatz zu früheren Werken - eine Menge Eighties-Einflüsse zu hören. Hat das einen speziellen Hintergrund?
Das liegt daran, dass ich ein Kind der Achtziger bin. Aufgewachsen mit David Hasselhoff und seinem "Knight Rider", "Miami Vice" habe ich sehr gern gesehen, "Beverly Hills Cop" und all diesen wunderbaren Unsinn. Dann die dazugehörige Film-Musik, etwa von Jan Hammer. Und viele Sachen, die Jean-Michel Jarre gemacht hat. Sehr beeindruckt haben mich Ultravox, Nik Kershaw, Depeche Mode und natürlich A-ha. Du konntest dem nicht entfliehen, ob nun in einem Club, beim Radiohören oder sonstwo. Ich halte die Achtziger nicht für ein vertanes Jahrzehnt im Bereich Musik, wie heute viele Leute meinen. Von vielen der genannten Künstler habe ich schließlich auch selbst Platten gekauft. Kiss habe ich sehr bewundert, das waren richtige Vorbilder für eine ganze Weile, eben wegen der ganzen Atmosphäre, die diese Band umgab und immer noch umgibt. Weil diese ganzen Einflüsse in mir immer noch drinstecken, lag es nahe, einiges als Remininiszenz zu bringen, aber schon in einem zeitgemäßen Style. Und: ich habe in den Achtzigern auch begonnen, meine ersten eigenen Sachen zu schreiben. Diese Erinnerungen stecken einfach immer in einem drin, und warum soll man sie nicht in seine eigene Musik mit einfließen lassen?
Am 23. September steht die neue Him-Scheibe in den Läden. Grund genug, sich mal zu erkundigen, was der Love Metal-Barde so treibt.
Alles klar auf dem Him-Dampfer. Im Vorfeld zum Release von "Dark Light" hielt Frontmann Ville Valo in Köln Hof, um sein neues Album zu promoten. Während des Gesprächs kamen einige interessante Sachen zur Sprache. Unter anderem die wahren Hintergründe des Label-Wechsels sowie das Gerücht, er sei schon verheiratet. Außerdem entpuppte sich beispielsweise die Behauptung, Villes Verlobungstattoo laute "DILLIGAF", als blanker Unsinn. Seine Angebetete ist mit einem simplen "J" auf seinem Ringfinger verewigt.
Manche Sachen ändern sich aber auch nach fünf Jahren nicht. Wie beim letzten Interview mit laut.de zeigte Ville Valo wieder einen deutlichen Hang zum Kettenrauchen. Lediglich der Umstieg auf Marlboro Lights bleibt zu verzeichnen. Dazu noch ein paar kühle Drinks, und vor dem malerischen Panorama des Kölner Doms ließ sich gut plaudern. Während Ville zwei Halbe mit Eiswürfeln runter stürzte, hielt sich die laut.de-Fraktion an Weißwein und Cola.
Der Veröffentlichungstermin eurer neuen Platte rückt näher. Bist du nervös?
Well, aufgeregt, nervös, und es juckt im positiven Sinne. Jeder in der Band und jeder, der sie bislang gehört hat, scheint wirklich glücklich mit der Platte zu sein. Aufregend wird es sein, was damit in den Staaten, Japan und den Orten passieren wird, an denen man uns noch nicht so gut kennt.
Was ging in den Staaten bislang? Wenn ich mir die einzelnen Fanpages anschaue, scheint sich da was für euch zu bewegen.
Das ist so ein Grassroots-Ding. Bam Margeras hat einen Teil dazu beigetragen. Er hat unsere Musik verwendet. Geholfen hat auch das wunderbare Internet. Leute lernen neue Bands schneller kennen. Das war natürlich richtig gut für uns. Wir haben zwei Touren gespielt und haben beide ausverkauft. Wir füllen dort bereits Hallen mit einer Kapazität von dreieinhalb tausend. Man kennt uns dort. Unser Backkatalog hat sich über 300.000 mal verkauft. Das ist wirklich gut.
Ist das neue Album euer erster offizieller Release dort?
Universal hat unsere alten Alben lizenziert, aber weder sie noch wir haben irgendeine Promo oder Werbung dafür gemacht. Jetzt sind wir dort bei Sire unter Vertrag, die wesentlich enthusiastischer an die Sache rangehen. Wir machen dort jetzt auch Interviews und bekommen einiges an Presse, das ist wie ein neuer Anfang für uns. Das einzige Interview, das wir vorher gegeben haben, haben wir selbst initiiert. In Australien und Neuseeland waren wir auch noch nicht, in Japan nur einmal bei zwei kleinen Festival-Gigs. Das ist sehr aufregend für die Band, schließlich sind wir schon eine ganze Ecke lang in Europa unterwegs
Ihr hattet in den USA ja Streitigkeiten mit einer Band, die sich Him nennt. In der Presse ging dann rum, dass ihr euch in Her umbenennt.
Das war so. Wir wollten Promos von "Razorblade Romance" pressen und durften den Namen Him nicht verwenden, da die ganze Sache beim Gericht lag. Wir haben dann eine Einigung erzielt und den Typen eine Abfindung gezahlt. Das war's dann. So was würde in Europa niemals passieren. Die machen experimentelle Musik, so Jazz-Zeugs, wir spielen Hardrock. Die zogen mit dem Argument vor Gericht, dass eine zweite Band Him die Leute verwirren würde, was für ein Schwachsinn. Also haben wir die ersten Promo-Kopien unter dem Namen Her verschickt, nur um zu sehen, wie die Leute auf die Band reagieren.
Du hast Bam Margera erwähnt. Er hat euch in der Vergangenheit geholfen und auch beim Video zu "Buried Alive By Love" Regie geführt. Wie ist euer Verhältnis jetzt? Da gehen ja die unterschiedlichsten Gerüchte rum. Einige Fans haben sogar einen dicken Hals auf ihn.
Ich kann es nachvollziehen, dass ihn einige Leute nicht respektieren. Er kommt ja aus einer ganz anderen Welt wie wir. Alles was wir zusammen mit Bam in der Vergangenheit gemacht haben, entstand aus gegenseitiger Freundschaft. Wir haben uns getroffen, weil er die Band mag. Er kam nach Europa, um uns live zu sehen. Daraus entstand eine Freundschaft. Das war sehr hilfreich und es hat auch enorm viel Spaß gemacht. Daran kann ja nichts Falsches sein, wenn man Freunde hat.
Und er ist nach wie vor dein Freund?
Ja ja. Ich vermisse ihn, habe ihn jetzt schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Er hat einen ähnlichen Lebensstil wie wir. Er reist viel in der Gegend herum, ist musikverrückt, skatet gerne, schmeißt Partys. Es ist schwer, mit solchen Typen eine Freundschaft zu unterhalten. Ganz speziell, wenn er auf der anderen Seite der Welt wohnt. Zwischen uns besteht eine Verbindung, die uns eint. Ich respektiere ihn sehr, er ist so eine Art kleiner Bruder für mich
Ich habe eure neue Platte jetzt einige Male gehört. Im Vergleich zu "Love Metal" ist sie ja um einiges glatter produziert.
Du hast noch nicht den Endmix gehört. Die Promo ist in der Tat etwas glatter als die endgültige Version, die fertigen Masters hauen mehr rein.
Als ich mir die Tracks angehört habe, kam es mir so vor, als ob du versuchen würdest, wie ein Gothic-Crooner zu singen. Dein Gesangsstil hat sich etwas verändert. Du singst emotionaler und lässt das Rock-Element ein wenig außen vor.
Bevor "Love Metal" entstand, waren wir mit "Deep Shadwos And Brilliant Highlights" sehr lange unterwegs und hatten schlechte Zeiten innerhalb der Band hinter uns. Als wir dann anfingen, an "Love Metal" zu arbeiten, das eines unserer rauesten Alben wurde, mussten wir uns selbst etwas beweisen. Ich wollte ein richtig heftiges Album, wollte schreien und aggressiv sein. Aber das wollten wir diesmal nicht, du kannst ja nicht immer nur dasselbe machen. Ich wollte, dass die Band geradeheraus rockt, so AC/DC-mäßig, wie ein Uhrwerk im positiven Sinne. Die Vocals sind aber mehr an meine Stimme angepasst. Ich bin ja ein Bariton mit einer relativ tiefen Stimme, das gibt's nicht allzu häufig im Rockbereich. Leonard Cohen und Mark Lanegan sind zwei meiner Idole. Bei der letzten Platte war das eher eine Huldigung an Robert Plant, die neue ist dann eine an Mark Lanegan.
Bei euren Albentiteln spielt ihr ja stets mit Gegensätzen. "Dark Light" macht da keine Ausnahme. Ich habe im Netz gelesen, dass man einen Zusammenhang zu einer Geschichte von Terry Pratchett ziehen kann. Kennst du Pratchett?
Lustig, dass du das erwähnst. Heute waren wir auf dem Flughafen in Stockholm und haben uns nach Büchern umgeschaut. Mige zeigte mir ein Buchcover und hat mich gefragt, ob ich Terry Pratchett kenne, aber ich hatte keine Ahnung.
Also hat "Dark Light" nichts damit zu tun? Da gibt es nämlich einen seltsamen Vampir, der mit einer gleichnamigen Materie rumfummelt.
Was für eine Art von Autor ist Pratchett?
Übertrage "Der Herr Der Ringe" oder "Fantasy" ins Satirische, dann hast du eine ungefähre Ahnung.
Ah, ich hab mich gefragt, was für Zeugs er schreibt. Den Namen hab ich nämlich schon öfters gehört. Was wir machen, beinhaltet ja auch viel Satire.
Glaubst du nicht, dass viele eurer Fans euch zu ernst nehmen?
Nö, glaube ich nicht. Ich halte unsere Fans für so gescheit, dass sie das unterscheiden können. Manche sehen den schwarzen Humor, manche nicht, aber das ist ja nicht der Sinn in der Musik und auch egal. Das ist das selbe wie bei den Sisters Of Mercy: die sind wirklich lustig, weil sie es so übertreiben. Oder nimm Black Metal-Bands wie Cradle Of Filth. Die sind wirklich gut darin, ironisch zu sein. Das Zeug, das Danni schreibt ist sehr gut, und er weiß, dass er kein zweiter Shakespeare ist. Das gefällt mir und deshalb versuche ich, das auch bei uns unterzubringen.
Bei der Recherche für diese Interview ist mir aufgefallen, dass sich einige jetzt schon mit der Bedeutung der Lyrics zu "Wings Of A Butterfly" auseinander setzen und sich fragen, was wohl der tiefere Sinn dahinter sei.
Das ist doch wundervoll, oder? Es gibt nicht so viele Rockbands, die ihre Fans so zum Rätseln bringen. Ich mag das. Ich mag keine Texte, die von der Message her zu direkt sind. Nimm zum Beispiel "More Or Less" von den Screaming Trees, ein herrlicher Text.
Witzig, dass du ausgerechnet die Screaming Trees erwähnst, ich habe erst vor ein paar Wochen die alten Platten aus dem Schrank gekramt und sie für mich wieder entdeckt.
Cool. Die sollte man eigentlich jedes Jahr mindestens einmal für sich wieder entdecken. Ich mag auch Mark Lanegans Solo-Zeug, die Songs sind aber nicht so stark. Sein Gesang wird mit jedem Jahr besser, aber für meinen Geschmack macht er ein wenig zu freakige und experimentelle Sachen.
Auf eure neue Single "Wings Of A Butterfly" gab es ja auch negatives Feedback. Manche beschwerten sich, dass sie zu weichgespült klingt. Kannst du solche Reaktionen nachvollziehen?
Nein, nicht wirklich. Als ich meinen Freunden den Song vorspielte, waren die Reaktionen eher wie "Ah ja, das ist typisch Him. Viel eingängiger, zugänglicher und poppiger". Dann meinten andere, dass es härter sei, energetischer. Ich kümmere mich da aber nicht so sehr drum.
Speziell die Single würde mir mehr reinlaufen, wenn sie ein wenig härter rüber käme. Aber die Hookline ist ziemlich gut.
Oh, danke. Das ist ja immer eine Frage des Kompromisses, um die richtige Balance zu finden. Wir saßen über eine Woche an dem richtigen Mix. Da ist es schwer, die Ausgewogenheit zwischen Aggression und Sentimentalität zu finden. Wir haben versucht, ungefähr so wie The Cult zu ihrer 80er-Zeit zu klingen.
Wie bei "Electric"?
Noch weiter zurück. Oder U2. So zu klingen, dass man hört, dass da viel in den Songs passiert. Dazu gehören eben aber auch Kompromisse. Ich glaube nach wie vor, dass die Qualität eines Albums nicht von der Lautstärke der Gitarre abhängt.
Meiner Meinung nach habt ihr auf "Dark Light" einige coole Songs geschrieben, aber gleichzeitig Sachen drauf gepackt, die zum schlechtesten gehören, die von euch bislang zu hören waren. Der Titeltrack ist das cheesigste, das ich von euch kenne.
Oh echt? Das ist ulkig. Gerade "Dark Light" mochte eigentlich jeder. Das ist unsere Interpretation des Twin Peaks-Themas. Die Akkorde sind fast dieselben, aber die Story ist ziemlich derb. Und da der Text so heftig ist, sollte der Sound sehr leicht sein. Die Geschichte dreht sich um ein zwölfjähriges Mädchen im 16. Jahrhundert, das an der Pest erkrankt ist. Sie muss in ein Pest-Krankenhaus. Die ganze Welt meidet das Hospital und keiner will dorthin. Das Mädchen muss in den zwei Jahren, die sie noch zu leben hat, alles über das Leben lernen. Dabei begibt sie sich auf die Suche nach Gott oder irgendetwas, das ihr dabei hilft, in Frieden zu sterben. Der Song ist so etwas wie Billy Idols "Eyes Without A Face", kombiniert mit dem Twin Peaks-Thema und einem heftigen Text. Wenn du dir das ganze Album anhörst, brauchst du auch ein gewisses Gefühl für Theatralik. Ich mag keine Alben, die nur ein Gesicht haben und von vorne bis hinten genau gleich klingen. Aber jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung.
Danke sehr. Zu eurer Ehrenrettung muss man auch anmerken, dass manche Hooks die besten sind, die ihr bislang zu Rande gebracht habt.
Das ist doch cool. Es gibt doch immer mehrere Wege, sich den Songs zu nähern. Bei manchen macht's dann klick, bei anderen nicht. Die Hauptsache ist ja, dass jeder in der Band damit zufrieden ist, und dass wir die Scheibe mögen. Aber auch da braucht es seine Zeit, bis wir mit den Liedern auf Tour vertraut sind. So wird es auch mit den Fans sein. Es kann sein, dass sie "Dark Light" hassen oder es verdammt noch mal lieben werden. Das ist auch das, was darüber entscheidet, was wir live spielen werden. Da gibt es Songs, die auf einem Album nicht so gut funktionieren, aber live durchaus. Nimm "Razorblade Kiss", in meinen Augen ein simpler Rocksong, mehr nicht. Aber die Leute wollen ihn hören, deshalb nehmen wir ihn ins Set mit auf.
Habt ihr in eurer Setlist Platz für Variationen?
Ein Stück weit. Wir legen vorher fest, womit wir anfangen und das Set beschließen. Wir beobachten das Publikum, wie die Spannungskurve verläuft. Danach richten wir uns. Da gibt es immer eine Handvoll Tracks, die wir jeden Abend variieren.
Wie beurteilst du eure Live-Performance über die Jahre im Rückblick?
Zu Beginn war das alles noch sehr leblos. Ich wusste nicht, wie ich performen, keine Ahnung, was ich auf der Bühne machen sollte, um mich auch wohl zu fühlen. Die Band wusste immer schon, wie das geht. Mit der Zeit wurde das besser. Mittlerweile spielen wir kaum ruhige Sachen, um das Adrenalin-Level hoch zu halten. Hochs und Tiefs? Nun, es gibt Montage und Freitage, nicht wahr?
Ich frage deshalb, weil ich schon zwei Konzerte gesehen habe, bei denen ihr euch nicht gerade in Topform präsentiert habt, um es mal vornehm zu sagen.
Wir haben beschissene Konzerte gespielt, aber auch richtig gute. Als wir die Deep Shadows-Tour gespielt haben, waren wir richtig angepisst. Die Konzerte zu "Love Metal" haben wir die meiste Zeit sehr genossen. Manchmal waren wir aber auch echt bescheuert, haben zu viel getourt. Das macht dich müde, du kommst ja nie nach Hause, sondern rennst von einem Hotel zum nächsten. Selbstverständlich hat das Auswirkungen. Dazu kommt noch, wenn jemand krank wird. Wenn einer Dünnpfiff hat, haben ihn alle, und deshalb haben alle einen Horror davor, dass ich flach liege. Als Bassist kannst du selbst dann spielen, wenn du Fieber oder Bronchitis hast, aber als Sänger ist das was anderes.
Als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, meintest du, du würdest es mögen, wie Bands in den Sechzigern und Siebzigern aufzunehmen und zu touren und wieder von vorne. War das nicht ein wenig übertrieben?
Ja schon, aber der Unterschied von früher zu heute ist, dass die Bands damals keine Promotion gemacht haben, die Touren waren lange nicht so ausgedehnt. Led Zeppelin spielten zehn Gigs in den Staaten, kamen zurück nach Europa für eine Woche und dann noch mal zurück in die USA. Sie spielten nicht in Osteuropa, machten nur ein paar wenige Dates in Deutschland oder Südeuropa und kaum welche in Skandinavien. Wir sind mit unserem zweijährigen Rhythmus - während dem wir insgesamt zwei Monate Pause haben - ganz gut dabei. Das ist ok für mich. Wenn du Erfolg hast, macht dich das zufrieden. Wenn du eine Frau und Kinder hast, die zuhause auf dich warten, gibt dir das Kraft, weiter zu machen. Dann kannst du das, was du machst, auch besser genießen.
Wo du Frau und Kinder gerade erwähnst ...
Mige und Linde sind verheiratet, ich bin verlobt.
Es kursieren ja Gerüchte, dass du deine Freundin schon geheiratet hättest.
Oh nein. Ich kenne sie schon einige Jahre, offiziell wohnen wir jetzt zwei Jahre zusammen. Es fühlt sich gut an, aber verheiratet sind wir nicht.
Hat Joana eigentlich böse Briefe von erbosten weiblichen Fans bekommen?
Ich habe eigentlich gar keine Reaktion erwartet, aber was sie letztendlich bekommen hat, war ein ganzer Haufen Gratulationen und viele Geschenke. Die Fans gehen respektvoll mit ihr um, das ist sehr schön.
Eure Fans sind ja mit euch älter geworden. 2000 war das ja noch viel eher ein Teenie-Ding als heute.
Das kommt auch immer darauf an, wo wir spielen. Das geht vom Alter her, sagen wir von 12 bis 45, was schon recht cool ist. Da gibt es Mütter, die mit ihren Töchtern kommen, das umfasst eine große Spannbreite an Menschen, die das gut finden, was wir machen.
Was ganz anderes. Ihr seid ja von Gun/Suersonic zu Warner. Was steckt dahinter? Oder war das ein ganz normaler geschäftlicher Schritt?
Der ursprüngliche Deal mit BMG ging über vier Alben und eine Compilation. Wir hatten das Gefühl, dass sie alles getan haben, was sie konnten. Und äh, ich respektiere, oder die Band respektiert einige Leute bei der Firma, die die Jahre über für uns gearbeitet haben, wir hatten aber auch einige Probleme.
Weshalb Probleme?
Mhhh.
Schweigen im Walde
Lass es mich so sagen. Wenn du eine Band hast, die ihren Vertrag erfüllt hat, dann fängst du nicht an, ihr Drohbriefe zu schreiben, um sie zu einem neuen Deal zu drängen.
Was immer das auch heißen mag ...
Lass es mich so formulieren: Sie meinten, sie würden keinerlei Arbeit und Geld in die Compilation stecken, wenn wir nicht einen neuen Vertrag unterschreiben. Das sind doch Kindereien. So ist das nun mal. Sie sind Geschäftsleute und haben ihren Job gut gemacht, aber sonderlich gut klar gekommen sind wir mit ihnen nicht. Wir sind nie wirklich Freunde geworden. Wir haben ursprünglich bei der BMG in Finnland unterschrieben und hatten mit diesen Leuten immer eine sehr enge Beziehung. Das Problem war aber, dass die in Finnland nichts zu sagen hatten, wenn es um den Rest der Welt ging, deshalb hatten wir in Ländern wie Japan oder den Staaten nie eine vernünftige Unterstützung. Warner machen das besser, deshalb sind wir jetzt auch dort. Und ich mag Ole, der Typ, der hier in Deutschland alles für uns regelt. Er ist ein Mitglied der Turbojugend, genau wie ich. Wir haben die selben Interessen. Ja, wir haben bei Warner unterschrieben, weil Ole bei der Turrrrbojugend ist. Haha.
Sprachs und verschwand zu weiteren anstehenden Interviews. Später, als sich nach und nach die Band um den Tisch versammelt, bringt Hims PR-Managerin die Sprache auf die Bloodhound Gang, die zufällig ebenfalls in Köln weilte. Damit war die Abendplanung nach dem Auftritt bei Top Of The Pops gebongt: Jägermeister saufen mit Jimmy Pop und co..
Das Interview führte Alexander Cordas
Am Rande ihres letzten Deutschlandkonzerts in Stuttgart erzählten Ville und Mige von HIM im LAUT-Interview über Death, Metal, kreischende Mädels, den "Fluch der Teeniepresse", seine Selbstgebrannten u.v.a.
Wie sieht es mit den neuen Bandmitgliedern aus, haben sie sich gut in den Bandkontext eingelebt?
Mige: Es ist immer schwer, neue Leute zu integrieren, aber wir sind ja schon einige Zeit auf Tour und haben viele Konzerte gespielt, das hilft. Die Tour lief bislang prima für uns. Wir haben in großen Hallen vor vielen Leuten gespielt. Bis jetzt waren wir in Deutschland, Österreich, in der Schweiz, Luxemburg, Belgien und Holland.
Ville: Wir haben jetzt einige Tage Ruhe, danach gehen wir nach England, Spanien, Italien und Portugal.
Ihr habt davon gesprochen, dass das neue Album auch im Rest von Europa veröffentlicht wird.
Ville:
Ich glaube die Platte wird in England im Juni veröffentlicht. Es ist ein bisschen merkwürdig. Durch den plötzlichen Erfolg von "Join Me" wurden auf einmal alle Plattenfirmen hellhörig. Wir versuchen die dritte Platte überall gleichzeitig zu veröffentlichen. Das erste Album wurde ja außerhalb von Finnland, Deutschland, Österreich und der Schweiz nirgendwo veröffentlicht und deshalb kennt niemand die Band. Wir fangen dort praktisch noch mal von vorne an, was aber auch seinen Reiz hat.
Wie ist das mit den kleinen kreischenden Mädels, die jetzt überall dort auftauchen, wo Ihr seid. Ist das nicht ein wenig seltsam?
Ville: Das ist der Fluch der Teeniepresse. Wir dachten aber, dass es wesentlich schlimmer sein würde. Aber unser Publikum hat sich eigentlich gar nicht verändert. Da sind immer noch die gleichen Goth- und Pop-Fans, genauso wie die Rocker oder die Metal-Freaks. Sogar viele ältere finden unsere Musik gut. Aber insgesamt gesehen war es nicht so seltsam. Es ist nicht so schlimm wie wir erwartet hatten.
Ist Euer großer Erfolg nicht gefährlich für Eure Glaubwürdigkeit?
Ville: Auf was es ankommt ist letztendlich die Musik. Wir haben "Razorblade Romance" gemacht, bevor wir wussten, dass wir auf dem Cover der Bravo sein werden. Wir haben die Platte nicht für spezielle Leute gemacht. Wir wollten einfach nur ein gutes Album machen und damit auf Tour gehen. Es ist ja auch nicht so, dass ich zum Second Hand CD-Laden gehe und meine CDs von den Bands verkaufe, die erfolgreich geworden sind, auf die Musik kommt es an. Madonna schreibt gute Songs und auch Savage Garden haben ein paar verdammt gute Lieder.
Die Metal-Szene könnte man aber als sehr konservativ bezeichnen
Ville: Ich glaube nicht, dass das heute noch so ist. Die Metal-Szene hat sich ziemlich ausdifferenziert. Ich weiß schon gar nicht mehr, was heute eigentlich noch Metal ist. Da gibt's dieses New-Metal Zeugs wie Limp Bizkit. Das halte ich aber eher für Scheiße als Metal. Für mich ist Metal eher so etwas wie Iron Maiden, W.A.S.P. und der ganze 80er Kram wie Black Sabbath.
Was inspiriert Dich, Deine Texte zu schreiben?
Ville: Ich versuche einfach meine Idole zu imitieren. Ich habe einfach viele Texte von guten Bands gelesen.
Und was ist der Grund dafür, dass Du Dich so sehr mit diesem Liebe, Tod und Sünde Kram beschäftigst?
Ville: Die Sachen, in denen das Wort "Death" vorkommt sind sehr alt, so um die drei Jahre. Aber das ist sowieso eher symbolisch gemeint. Nicht in dem Sinne, dass man sich selbst oder jemanden anderen umbringt. Eher in dem Sinne, dass ich kleine Tode in Beziehungen beschreibe. Als wir die Band gründeten war ich von den Wortspielen der Gothic-Szene beeindruckt und ich habe ziemlich viele Horrorfilme gesehen.
Es ist aber nicht so, dass Du so emotional bist, dass Du über diese Sachen unbedingt schreiben musst?
Ville: Irgendwie handelt jeder Song, den ich bisher geschrieben habe, von Liebe. Das ist einfach ein Thema, das ich sehr mag. Normalerweise ist es so: je persönlicher die Sachen sind, die du schreibst, desto universeller werden sie. Jeder hat so seine Vorstellungen über Liebe und Liebe ist ja ein großes Wort und bedeutet für jeden etwas anderes und wenn Du so etwas behutsam beschreibst und vieles offen lässt, dann bleibt auch Raum für Interpretationen und das ist sehr wichtig.
Wie sieht es in Finnland aus? Hat Euer Erfolg hier in der finnischen Musikszene etwas verändert?
Mige: Es gibt viele Musiker in Finnland aber bislang ist noch nicht viel von dort gekommen. Das hängt sicher mit unserer Kultur zusammen. Die Plattenfirmen trauen sich aber auch nicht, Bands ins Ausland zu bringen. Vielleicht sollte man den entsprechenden Leuten nur mal ordentlich in ihre fetten Ärsche treten.
Ville: Ich habe gehört, dass da jetzt Interesse besteht, finnische Bands, die englisch singen, im Rest von Europa bekannt zu machen und das ist gut für die Szene dort.
Gib doch mal einen kleinen Überblick über die finnische Musikszene, denn hier sind außer den Leningrad Cowboys kaum andere Bands bekannt.
Ville: Das sind doch alte Fürze und eher Komödianten als richtige Musiker.
Mige: Es gibt viele Alternative-Bands dort. Die schielen aber nicht ins Ausland, weil sie denken, dass das sowieso nicht passieren wird, dass sie mal raus kommen.
Ville: Die Finnen sind wahrscheinlich zu verrückt, um normale Sachen zu machen. Es gibt viele Alternative- und Black Metal-Bands und auch viele Künstler, die elektronische Musik machen, die auch in der ganzen Welt bekannt sind, aber ein großer kommerzieller Erfolg war bislang nicht dabei, keine Ahnung, warum.
Mige: Vielleicht wollen sie einfach nur zu originell sein.
Ville: Es gibt aber eine ganze Reihe von guten Bands. Die machen eher so Hardrock Sachen oder Stoner Rock wie Kyuss.
Mige, weißt Du, dass es im Internet eine Adresse gibt, wo sie Nacktfotos von Dir veröffentlicht haben?
Mige:
Oh ja, das ist cool. Ich habe mich in einer Dokumentation über HIM so gezeigt.
Ville: Er war noch nie sonderlich schüchtern. Er ist der Hippie der Band. Er kümmert sich gar nicht darum. Ich wäre gerne so extrovertiert wie er. Die haben diese Dokumentation in der Hauptsendezeit in Finnland gebracht, somit hat jeder fünfte in Finnland seinen Schwanz gesehen.
Mige: Ja, mein Schwanz ist berühmter als ich es bin.
Hier in Deutschland wurde Eure CD zusammen mit der neuen von Phillip Boa als erste mit einem Kopierschutz versehen. Was sagt Ihr dazu?
Ville: Das ist schon komisch. Ich habe selbst sehr viele gebrannte CDs weil ich nicht viel Geld hatte, um mir neue zu kaufen. Ich habe in den 80ern auch viele Platten auf Kassetten kopiert und das hat die Musikindustrie in keinster Weise getroffen, es hat einfach die Musik unter die Leute gebracht. Es gibt genug, die sich die CDs kaufen, wenn ein Album rauskommt. Mit dem Originalcover, Bildern und dem ganzen Zeugs. Klar verlieren sie dadurch Geld, wir ja auch, aber mir ist das eigentlich egal. Es ist wichtiger, dass die Leute die Platten haben, dann kommen sie auch zu Konzerten, wenn ihnen die Musik gefällt. Nicht jeder hat die Kohle, um sich Platten zu kaufen. Mit den Tapes war es doch auch so, dass man sich die Sachen von Freunden kopieren ließ und dann mal reingehört hat, ob einem das gefällt und dann hat man sich das dann auch gekauft.
Mige: Das ist doch auch eine Art von Promotion, um die Musik unter die Leute zu bringen.
Was macht Ihr eigentlich im Internet?
Ville: Ich habe mit Computern eigentlich nichts am Hut.
Mige: Ich mag es, E-Mails zu verschicken. Das ist eine sehr nette Art, zu kommunizieren, speziell auf Tour.
Ville: Für die Musik ist es ein verdammt guter Weg, ein Album zu gestalten. Zum Beispiel kann man mehrere Covers anbieten, kleine Filmchen einbauen, aber ich selbst mag es lieber, in einem Plattenladen herumzulaufen und ein wenig zu stöbern.
Das Internet wird wohl in Zukunft eine große Rolle beim Vertrieb von Musik spielen.
Mige: Ja klar, aber man muss es auch kontrollieren können und da frage ich mich wie?
Ville: Das kann aber auch kompliziert werden, wenn jeder seine Sachen über das Internet vertreibt. Das wird dann schnell ziemlich unübersichtlich. Man braucht dann Jahre, um zu schauen, was wirklich abgeht.
Aber für neue Bands ist es doch eine gute Möglichkeit, sich zu präsentieren.
Ville: Ja, das stimmt. Aber der beste Weg, sich über Musik zu informieren, ist immer noch, am Freitag in einen Club zu gehen, gute Musik zu hören und Leute zu treffen.
Du hast gemeint, dass Du die Rob Zombie-Remixes magst. War das auch der Grund dafür, dass Ihr mit John Fryer zusammengearbeitet habt?
Ville: Nein nicht wirklich. Die Plattenfirma hat da einen Typen vorgeschlagen, den ich gar nicht kannte. Wir haben ihn dann in London getroffen und auf einem Zettel stand dann, was er bislang alles gemacht hat. Ich hatte zuerst Bedenken, dass wir zu elektronisch klingen könnten, weil er viel mit Sequenzern arbeitet aber er hat viele verschiedene Sachen gemacht, sogar Weltmusik.
Ist das auch Deine Philosophie von Musik, immer ein offenes Ohr zu haben?
Ville: Mhh, es ist einfach gut zu wissen, was vor sich geht. Das macht es auch einfacher, gute Riffs zu klauen. Ha ha
Mige: Aber ein bisschen umändern. Ha ha
Ville: Mit Fryer, das war ein wirklich glücklicher Umstand, dass wir mit ihm zusammengearbeitet haben. Er ist ein wirklich netter Zeitgenosse und mittlerweile ein guter Freund geworden. Ich würde gerne das nächste Album mit ihm aufnehmen. Im Juli nehmen wir Demos von neuen Songs mit ihm auf.
Ihr habt schon neue Songs geschrieben?
Ville: Von acht Songs stehen die Riffs, der Chorus und die Melodien aber es gibt noch keine Texte und richtig arrangiert sind die Sachen auch noch nicht. Es gab ja eine große Zeitspanne zwischen dem ersten und dem zweiten Album. "Greatest Love Songs" ist ja in Finnland schon '97 erschienen. Das sind über zweieinhalb Jahre und für einen Künstler ist das ziemlich lang. Du fängst an, dich zu langweilen, wenn Du immer den alten Kram spielst. Wir werden die neuen Sachen im November aufnehmen und im Frühjahr kommt die nächste Platte.
Schon?
Ville: Ja, dann bleibt die Sache für uns und auch für die Fans interessant. Wir brauchen dazu keine drei Jahre. Wir wollen ein Album so schnell wie möglich aufnehmen. Platten sind ja immer Momentaufnahmen einer Band und deswegen interessiert mich "Razorblade Romance" schon gar nicht mehr. Das war unser Sound vom letzten Jahr.
Dann habt Ihr ja einen richtigen kreativen Lauf.
Ville: Das haben wir immer. Man ändert sich auch und das hat Auswirkungen auf das, was Du machst. Speziell in der Musik. Wenn ich zum Beispiel traurig bin, hört man das auch. Wir wollen das so machen wie in den 70ern. Album aufnehmen, Promotion machen, auf Tour gehen und wieder ein Album aufnehmen. Wenn man die Sachen schnell macht, gibt einem das die Möglichkeit auch mal ein Scheißalbum zu machen. Wenn du an einer Platte ein ganzes Jahr arbeitest, dann dauert es letztendlich drei, um sie zu veröffentlichen und das erzeugt einen immensen Druck, auch von der Plattenfirma und dann muss man mit einem verdammten Meisterstück rüberrücken, um das zu rechtfertigen. Für uns sind die Aufnahmen immer etwas sehr spontanes. Man denkt zwar vorher immer an die Möglichkeiten, die man hat, aber zum Schluss geht man einfach hin und legt los. Die Songs müssen natürlich zu einem Großteil stehen. Ich halte die Sache gerne kompakt. Man wird ja schizophren, wenn man an einem Ding drei Monate ununterbrochen arbeitet.
Greatest Love Songs Vol. 666 (1998)
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