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Hinter Evanescence ("das Dahinschwinden") stecken Sängerin Amy Lee und Gitarrist und Songschreiber Ben Moody. Kennen gelernt haben sich die beiden Ende der 90er im Ferienlager, als Amy Klavier spielt und Ben damit so begeistert, dass er sich ein Herz fasst und sie fragt, ob sie nicht mit ihm zusammen Musik machen wolle. Da beide ähnliche musikalischen Favoriten haben (Björk, Tori Amos, Type O Negative, Nine Inch Nails), ergänzen sie sich gut. Ihre Songs schreiben sich fast wie von selbst.
Erste Aufnahmen Ende der 90er bescheren ihnen in ihrer Heimat Little Rock (Arkansas) einen gewissen Bekanntheitsgrad, ohne dass sie bis dahin je auf der Bühne gestanden hätten. Einer ihrer Songs wird von einem lokalen Radiosender öfter gespielt. Der Bekanntheitsgrad der beiden wächst, ohne dass überhaupt jemand weiß, wer sich eigentlich hinter Evanescence verbirgt.
Ende 2000 erscheint bei einem kleinen Label ihre erste CD "Origin", die inzwischen jedoch längst vergriffen ist. Den großen Durchbruch erreichen Evanescence damit nicht, aber immerhin steht ein Plattenvertrag mit dem christlichen Label Wind-Up Records.
Für ihr erstes "richtiges" Album leisten sich die beiden anschließend dann auch ein "richtiges" Studio in Los Angeles und verpflichten weitere Musiker. So spielt unter anderem Josh Freese von A Perfect Circle die Schlagzeug-Parts ein.
Schon kurz nach der Veröffentlichung von "Fallen" schießt das Album in den amerikanischen Charts ganz nach oben und die erste Single "Bring Me To Life" erhält mehr Radio-Airplay als jeder andere Evanescence-Song zuvor. Binnen sechs Wochen erreicht ihre Platte Platin-Status. Live tritt das Duo als komplette Band auf. John LeCompt an der Gitarre und Rocky Gray am Schlagzeug unterstützen sie dabei.
Im Herbst touren Evanescene ausgiebig durch die USA, da werden die Fans von der Nachricht überrascht, dass Ben Moody ausgestiegen und nach Hause gefahren sei. Ersatz-Gitarrist Terry Balsamo spielt die Tour zuende. Ebenjener war noch bei der Band Cold angestellt, als diese 2003 im Vorprogramm von Evanescence unterwegs waren. Ein wenig mag die Szene an das Video zu "My Immortal", der dritten Single-Auskopplung, erinnern. In besagtem Clip nimmt nämlich Moody seine Jacke und zieht von dannen.
Evanescence lassen sich von dem Wechsel nicht beirren und gehen weiter auf ausgedehnte Tour. Währenddessen sind sie oft ziemlich weit weg von zu Hause. Quasi "überall, nur nicht daheim". Genauso ("Anywhere But Home") lautet dann auch der Titel des DVD/CD-Pakets, das im November 2004 erscheint. Die Disc zeigt eine Show, die beim Konzert im ehrwürdigen Pariser Zenith mitgeschnitten wurde. Der Release soll - vollgepackt mit Special Features - den Fans die Wartezeit bis zum nächsten Studio-Output überbrücken helfen.
Nach der Beendigung der Tour-Aktivitäten nehmen sie das nächste Album in Angriff. Es scheint ganz gut zu flutschen, wenn man den Nachrichten aus dem Evanescence-Camp Glauben schenken darf. Das Veröffentlichungsdatum ist für März 2006 anvisiert, eine Single soll bereits im Januar zu haben sein. Dann kommt aber alles anders als gedacht.
Im November 2005 erleidet Neu-Gitarrist Terry Balsamo einen Schlaganfall, was den kompletten Zeitplan über den Haufen wirft. Zum Glück handelte es sich nur um einen leichten Fall, so dass sich Terry relativ schnell wieder erholt und mit der restlichen Band zusammen am Album feilt.
So mal eben nebenher schreibt Amy Lee auch noch Musik für den zweiten Teil der "Narnia"-Saga. Was sie den Machern vorlegt, ist denen aber zu dunkel und episch. Amys Meinung dazu: "Wenn ich keine dunkle und epische Musik schreiben dürfte, wäre ich tot." Eindeutige Ansage.
So werkelt sie lieber am - entsprechend epischen und dunklen - Material für "The Open Door" (2006). Zuvor gibt allerdings Bassist William Boyd seinen Ausstieg bekannt. Wieder einmal befinden sich Evanescence im Umbruch: Im Mai 2007 wird bekannt, dass auch Gitarrist John LeCompt und Drummer Rocky Gray die Band verlassen müssen.
Nach der Rückkehr aus den Flitterwochen - Amy Lee heiratete inzwischen ihren Freund Josh Hartzler und nennt sich fortan auch Amy Hartzler - verteidigt die Frontfrau den Rausschmiss der beiden Bandmitglieder. Beide hätten klar gemacht, dass sie sich nicht wirklich für die Band interessieren und nur wegen der Kohle dabei blieben.
Lee/Hartzler habe das nicht mit ansehen wollen, da sie Evanescence zu sehr liebe, um die Band zugrunde gehen zu sehen. An die Stelle von LeCompt und Gray treten Will Hunt am Schlagzeug und Troy McLawhorn an der Gitarre.
Nachdem die personellen Wechsel innerhalb der Band vollzogen sind, entwickelt sich bei der Combo zunehmend ein Wir-Gefühl: "In dieser Konstellation haben wir eine neue Arbeitsweise entdeckt, die uns nach vorne gebracht hat. Alle sind mittlerweile involviert und jeder beteiligt sich am Songwriting", schwärmt die Frontfrau von den neuen Begebenheiten.
Demzufolge soll das langersehnte Drittwerk der Band nicht nur ein weiteres Album der Band, sondern vielmehr eine Art Wiedergeburt darstellen. So empfinden es zumindest die Verantwortlichen.
Produzent Nick Raskulinecz nimmt sich der neuen Ideen des Quintetts an und begibt sich im April 2011 mit der Combo ins Studio. Das selbstbetitelte Album findet im Oktober den Weg in den Handel.
Amy Lee über das neue Bandgefühl, den Bund der Ehe und Soloausflüge.
Die letzten fünf Jahre war es ziemlich still geworden um Evanescence, ehe sich Band um Frontfrau Amy Lee Anfang Oktober dieses Jahres mit einem selbstbetitelten Drittwerk zurückmeldete.
Ein halbes Jahrzehnt verschwand der Little Rock-Fünfer quasi von der Bildfläche, und nicht wenige hatten den Glauben an ein Comeback der Band verloren. Der Einstieg auf Platz eins der Billboard-Charts sowie Platz fünf der hiesigen Album-Hitliste belegt allerdings, dass die Nachfrage nach opulentem Melancholie-Metal auch anno 2011 ungebrochen ist.
Wir sprachen kurz vor dem Album-Release mit Sängerin Amy Lee, die bereits vor den ersten Charts-News zu wissen schien, dass der Nachfolger von "The Open Door" einigen Staub aufwirbeln werde. Selbstbewusst und redselig präsentiert sich die zierliche Bardin am Telefon und spricht mit uns über die Kraft der Gemeinschaft, den Bund der Ehe und musikalische Zukunftsvisionen.
Hi Amy, ihr habt euch die letzten vier Jahre ziemlich rar gemacht. Wie fühlt es sich an, wieder im Konzert der Großen mitzumischen?
Amy: Es ist ein fantastisches Gefühl. Man kann es eigentlich gar nicht richtig in Worte fassen, wenn man nach so langer Zeit wieder eine Sache in den Händen hält, die uns unheimlich viel bedeutet.
Die letzten beiden "Sachen", die ihr präsentiert habt, wurden weltweit vergoldet, in Platin gegossen, und haben euch letztlich zu Superstars werden lassen. Hat man da nicht unterschwellig auch Angst, dass man nach einer vierjährigen Schaffenspause vielleicht den Anschluss verlieren könnte?
Amy: Nein, absolut nicht, ganz im Gegenteil. Wir wissen, dass wir eine treue Fanbase auf der ganzen Welt haben, die immer an uns geglaubt hat, und genau diesen Menschen ist das neue Album gewidmet. Ich glaube aber, dass wir auch viele neue Leute mit dem Album erreichen werden.
Im Vorfeld war oft von einer Art "Wiedergeburt" der Band die Rede. Wie siehst du das?
Amy: Das trifft es schon ganz gut, denke ich. Die letzten Jahre waren für uns alle eine sehr intensive und teilweise auch schwierige Zeit. Das meiste davon spielte sich allerdings abseits der Musik ab. Für mich persönlich war es wichtig mein Selbstwertgefühl zu stärken und mir bewusst zu werden, was ich will. Ich trug viele Ängste mit mir rum und wollte mich mit den neuen Songs davon befreien.
Die Frage liegt auf der Hand: Fühlst du dich nun besser?
Amy: Ja (lacht). Ich glaube, mit dem neuen Album schlagen wir ein völlig neues Kapitel der Bandgeschichte auf, und darauf bin ich verdammt stolz.
Für die Entstehung dieses neuen Kapitels bedurfte es neuer Ideen und Herangehensweisen. Wie dankbar bist du letztlich eurem Produzenten Nick Raskulinecz, der hinsichtlich der Umstrukturierung eures bisherigen Arbeitsprozesses als Ideengeber fungiert haben soll?
Amy: Nick war immens wichtig für die neue Platte. Wir hatten bereits im Vorfeld einen anderen Weg eingeschlagen, von dem wir überzeugt waren, dass es der Richtige ist. Diesmal haben alle an einem Strang gezogen. Jeder innerhalb der Band war involviert in das Songwriting, was das Bandgefühl unheimlich gestärkt hat. Natürlich gibt es auch einige Songs, die ich alleine geschrieben habe, aber das Gros an Material ist das Werk der Band. Als wir dann ins Studio gingen, bat uns Nick, uns nochmals mit allen Songs eingehend als Gemeinschaft zu beschäftigen. Das war ein ganz wichtiger Moment für uns, denn dadurch ergaben sich neue Möglichkeiten für Songs, von denen wir dachten, dass sie bereits fertig wären. Jeder brachte abermals Ideen mit ein, und so veränderten sich einzelne Parts wieder, bis letztendlich alle mit dem Ergebnis zufrieden waren. Ihr hattet vorher zweimal mit Dave Fortman zusammengearbeitet. War es euch demnach wichtig, auch hinter den Reglern für frischen Wind zu sorgen?
Amy: Ja, wobei wir mit Daves Arbeit sehr zufrieden waren. Ich hatte eine Liste mit fünf möglichen Kandidaten für den Produzenten-Job. Als ich Nick in Nashville besuchte, merkte ich sofort, dass er derjenige ist, der uns dabei helfen könnte, das nächst höhere Band-Level zu erreichen. Er hat schon mit vielen großen Bands gearbeitet, aber er ist dennoch total geerdet, und es hat sich gleich zu Beginn ein freundschaftliches Verhältnis zwischen uns entwickelt. Als wir über die Demos sprachen, gab er mir das Gefühl, genau zu wissen, wohin die Reise der Songs gehen soll. Das hat mich sehr beeindruckt.
Amy: Das ist schwierig zu beantworten. Um ehrlich zu sein, hat es viel mit meiner Stellung in der Band zu tun. Ich war irgendwie immer das Herz der Band, und ich tat mich in der Vergangenheit schwer, meine Visionen und den intimen Songwriting-Prozess mit mehr als einem Menschen zu teilen. Für mich persönlich war die neue Herangehensweise eine große Herausforderung. Sich mit allen an einen Tisch zu setzen, um die Karten offen zu legen, war eine Erfahrung für mich. Aber es hat funktioniert, und ich denke, dass mir dieser Prozess unheimlich gut getan hat.
"Stand and face the unknown", heißt es in eurer ersten Single "Do What You Want". Das passt ja demnach wie die Faust aufs Auge. Habt ihr deswegen gerade diesen Song als ersten Vorgeschmack fürs Album ausgewählt?
Amy: Ja, absolut. Ich denke, der Text spiegelt genau das wieder, wie die Band heute fühlt, denkt und sich empfindet. Außerdem gibt er auch musikalisch eine neue Richtung vor, die zeigt, dass wir uns auch künstlerisch verändert und entwickelt haben, ohne aber das Fundament zu ändern.
Ich finde, dass man diese Entwicklung allerdings noch stärker auf einem Song wie "Lost In Paradise" festmachen kann. Der Song versprüht zwar einen ähnlich epischen Touch wie seinerzeit "My Immortal", und dennoch bewahrt er sich Ecken und Kanten, die man so vielleicht von euch nicht erwartet hätte. Wie siehst du das?
Amy: Das ist exakt das, was wir erreichen wollten. Es ging uns nicht darum, uns komplett neu zu erfinden. Dennoch hatten wir das Verlangen, einen Schritt weiterzugehen. "Lost In Paradise" ist für mich mit der persönlichste und wichtigste Song auf dem Album, da er genau diese Entwicklung am ehesten aufzeigt. Der Song ist opulent und eingängig, keine Frage, aber dennoch hat er etwas Unvollkommenes in sich, was ihn von der Struktur her anders macht, als beispielsweise "My Immortal". Es geht auch darum, Kontrolle zu verlieren, loszulassen, um zu sehen, in welche Richtung ein Song sich bewegen kann, wenn man ihn nicht in ein gängiges Schema drückt. Das haben wir diesmal bei vielen Songs versucht.
Amy: Ich denke, dass ich seitdem generell gefestigter bin, was sich natürlich auch auf meine Arbeit auswirkt. Josh (Josh Hartler, Ehemann von Amy) ist mein größter Unterstützer. Er ist der sichere Hafen, den ich gebraucht habe, um viele meiner Ängste und Zweifel in den Griff zu bekommen. Wenn du jemanden an deiner Seite hast, dem du vertraust und der ehrlich zu dir ist, dann ist das ein großes Geschenk, welches dir neuen Mut, Kraft und Glauben gibt.
Gab es Zeiten, in denen dir dieser Mut, diese Kraft und dieser Glaube besonders gefehlt hat?
Amy: Ja, die gab es. Ich kann mich erinnern, dass es nach der "Open Door"-Welttour eine Zeit gab, in der ich ziemlich ausgelaugt war und nicht wusste wie es weitergehen würde. Ich habe damals den Jungs gesagt, dass ich erst einmal Zeit für mich bräuchte, um mich mit mir als Person auseinanderzusetzen. Ich war mir nicht sicher, ob wir überhaupt noch ein weiteres Album machen würden. Ich wusste zwar, dass mein Verlangen, Songs zu schreiben und zu singen, ungebrochen war, doch ich wusste nicht, ob die Band noch Teil dieses Verlangens war. Das musste ich erst für mich herausfinden, was kein einfacher Prozess war.
Wäre diese Phase nicht ideal für ein Soloalbum gewesen? Ich denke, dass sich viele Leute über ein derartiges Schaffen freuen würden.
Amy: Vielleicht, wer weiß (lacht)? Mittlerweile habe ich so viele Songs in Schubladen, die sich außerhalb des Band-Bereiches bewegen, dass ich um ein Soloalbum irgendwann nicht mehr drum rum kommen werde. Das ist auf jeden Fall noch ein großer Traum von mir. Momentan ist das aber kein Thema, denn die Band genießt höchste Priorität. Mal sehen, was die Zukunft bringt.
Wie würde das dann aussehen? Nur deine Stimme und ein Piano?
Amy: Ich glaube eher nicht, das wäre wohl zu simpel. Ich glaube, es würde etwas werden, was keiner von mir erwarten würde. Allerdings könnte ich mir sehr gut vorstellen, einmal alleine, nur mit dem Piano und einem Cello auf Akustik-Tour zu gehen.
Im Stile von Tori Amos?
Amy: Oh ja, so ähnlich. Ich liebe sie, sie ist fantastisch.
Vorher geht's aber erst einmal mit Evanescence auf Tour. Vorfreude pur?
Amy: Absolut! Wir können es kaum erwarten den Fans die neuen Songs zu präsentieren. Zunächst geht es nach Südamerika, dann in die Staaten und ab November nach Europa. Es wird intensiv, opulent und schweißtreibend. Macht euch also auf was gefasst.
Amy Lee über Bandprobleme, den "Narnia"-Soundtrack und Raubkopien.
Köln ist mal wieder eine einzige Baustelle, und ich lande mehr aus Notwehr, denn aus fahrtechnischer Raffinesse vor dem Sofitel am Kölner Dom. Dort angekommen, wird Amy gerade noch von den Kameras eines in Köln ansässigen Senders verfolgt, die sich die erste Interviewposition an diesem Tag gesichert haben. laut.de hat es als einziges Online-Magazin auf die Liste geschafft und schickt dann ausgerechnet mich? Was ist nur aus der Welt geworden ...
Nach einem unterhaltsamen Gespräch mit Amys Manager und ihrem Bodyguard werde ich schon mal in die Habana Lounge gebeten, um dort auf die kleine Sängerin zu warten. Eine Zigarre bekomme ich zwar nicht angeboten, ein Kaffee ist mir aber eh lieber. Nach ein paar Minuten wird Amy Lee, ihres Zeichens Sängerin von Evanescence, von ihrem Manager in die Lounge geleitet und wir werden einander vorgestellt. Die Dame ist gut aufgelegt und geht erst einmal zur Bar, um sich dort einen Saft einzuschenken. Die Fensterfront bietet dabei einen schönen Blick auf den Dom, der natürlich wie immer eine Baustelle ist.
Hast du dir den Dom schon angeschaut?
Heute nicht, aber ich bin ja nicht das erste Mal in Köln. Als wir das letzte Mal auf Tour hier waren, habe ich ihn mir angeschaut, auch von innen. Sind sie gerade dabei, ihn zu renovieren?
Naja, eigentlich ist das eine fortlaufende Baustelle. Irgendwas gibt es da immer zu renovieren oder zu sanieren. Das Ding ist einfach zu alt und hat zu viele Ecken und Kanten und was weiß ich noch alles.
Ja, schade eigentlich, denn es ist ein so fantastisches Bauwerk. (Spricht's und setzt sich neben mich).
So, inzwischen bist du ja das einzige Urmitglied von Evanescence. Wie ist es, mit neuen Leuten zu arbeiten, sie in die Band zu integrieren, sie überhaupt erst mal zu finden.
Nun ja, man könnte meinen, dass so was alles total verändert und eine Band durcheinander wirft. Was man dabei aber nicht vergessen darf, ist dass man eine Band mit einem lebenden Organismus vergleichen kann. Sie wächst und verändert sich in diesem Prozess und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir mittlerweile eine bessere Einheit sind, als zu Beginn unserer Karriere. Daran gibt es für mich überhaupt keinen Zweifel. Die meisten Leute denken immer, dass es was Negatives ist, wenn jemand eine Band verlässt, aber dass Ben die Kurve gekratzt hat, war echt mit das Beste, was uns passieren konnte. Er hatte meist eine sehr negative Einstellung, und es war schwer, mit ihm zu arbeiten. Schon allein die Tatsache, dass er uns mitten in der Tour verlassen hat, weil er uns zeigen wollte, dass wir es nicht ohne ihn schaffen ...
Tja, da hat er sich wohl geirrt. Wir hatten einen freien Tag, haben an dem nur geprobt und wir mussten keinen einzigen Gig ausfallen lassen. Außerdem waren sämtliche Konzerte ausverkauft (richtet sich zu ihren vollen 1,60 auf und grinst dabei ganz stolz). Das hat uns auch sehr zusammen geschweißt. Wir wurden eine Einheit, weil wir sehr aufeinander angewiesen waren und diese schwierige Situation zusammen gemeistert hatten. Danach ging alles so viel leichter und harmonischer, weil wir auf einmal ohne Bens Urteil arbeiten konnten. Er hat immer versucht, alles unter seiner Kontrolle zu halten, das war schon sehr schwierig. Will hat die Band aus einer vollkommen anderen Situation heraus verlassen. Da er aber eh keinen großen Einfluss auf das Songwriting hatte, spielt das vom musikalischen Standpunkt her keine Rolle. Vom menschlichen her ist das natürlich was anderes, weil wir ja wirklich gute Freunde waren und sind.
Und wie sieht das mit eurem Neuzugang John LeCompt aus?
Das klappt bisher alles ganz toll. Wir haben allerdings noch nicht zusammen live gespielt, sondern ausschließlich geprobt. Er ist ein sehr relaxter Typ und ein guter, solider Musiker. Es macht Spaß, mit ihm zusammen Musik zu machen, er ist einfach ein sehr umgänglicher Kerl.
Du wurdest ursprünglich ja mal gefragt, ob du nicht die Musik für den ersten "Die Chroniken von Narnia"-Streifen schreiben möchtest. Was ist denn daraus geworden?
Ich war eh gerade dabei, Musik für ein neues Album zu schreiben, und die Firma trat schließlich an mich heran, ob ich nicht die Filmmusik schreiben wolle. Ich fand das auch ganz toll und aufregend, schließlich habe ich die Bücher alle gelesen und auch das Script. Für die Musik hatte ich mir was recht Düsteres und Atmosphärisches vorgestellt, vor allem für die Eishexe. Allerdings schien das mit der Vorstellung von den Verantwortlichen nicht so ganz übereinzustimmen. Denen war das zu düster und zu episch. Die haben sich wohl gedacht: 'Oh, da haben wir ein kleines Mädchen mit ihrem Klavier, und die schreibt uns ein wenig fröhliche Musik'.
Haben die jemals davor etwas von deiner Musik gehört???
Ich dachte eigentlich schon, aber wohl eher doch nicht, hahaha. Das ärgert mich echt, denn ich war wirklich überzeugt von der Musik, die ich da geschrieben hatte. Ich hab mich richtig gefreut, das war so schön düster und beklemmend. Zunächst dachte ich auch, dass sie genau so was von mir erwartet hatten, aber das stellte sich bald als Irrtum heraus. Die wollten irgendwas Leichtverdauliches, Fröhlicheres. Das hat aber ganz und gar nichts mit dem zu tun, was ich sonst schreibe und was einfach aus mir heraus kommt. Von daher haben wir das Ganze dann einfach sein lassen. Ich meine, was soll das? Der Film ist doch episch und oft auch sehr düster, warum soll die Musik das dann nicht auch sein?
Was ist denn aus der Musik geworden, die du für den Film geschrieben hast?
Den Hauptsong, von dem ich wirklich dachte, dass er es in den Soundtrack schafft, haben wir jetzt mit der Band aufgenommen. Er ist zwar nicht auf dem Album, und es ist auch noch nicht so ganz raus, was damit passieren wird, aber wir haben ihn zumindest aufgenommen. Ein anderer Song, der ursprünglich für den "Narnia"-Film gedacht war, ist "Lacrymosa", und der ist auch auf dem Album.
Die Nummer hat meiner Meinung nach etwas sehr Sakrales.
Ja, auf jeden Fall. Und ich finde, genaus so etwas hätte auch gut zu "Narnia" gepasst, aber die Produzenten waren da wohl anderer Meinung.
Das kannst du aber laut sagen. Hallo? Wir haben so viel Arbeit in dieses Album gesteckt. Nicht nur in die Musik, sondern auch in das Artwork und die komplette Aufmachung. Ich möchte einfach, dass jeder das Album zum gleichen Zeitpunkt hören kann und auch das Booklet dazu in den Händen hält. Das kotzt mich echt an, vor allem die selbstgefällige Art, mit der mir der Typ das unter die Nase gerieben hat. Er saß mir so gegenüber und meinte: 'Na, wie fühlt sich das an, dass man eure CD schon im Internet runterladen kann? Ich hab sie mir vorhin schon gezogen.' Und ich saß da, sah ihn an und meinte nur: 'That sucks!'
Hahaha, sorry.
Schon ok, inzwischen muss ich ja auch drüber lachen, aber ich hab ihn nur gefragt, ob er weiß, dass das illegal und uns als Band nicht gerade nützlich ist. Allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass er das so ganz verstanden hat. Es ist ja nicht nur das Geld, dass wir in das Album reingesteckt haben und das wir so nie wieder reinholen, sondern einfach auch die ganze Mühe, die wir uns gegeben haben. So was ärgert mich einfach zu Tode. Ich glaube so sehr an dieses Album, ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das eine verdammt starke Scheibe ist und die Leute sollten das einfach in seiner Gesamtheit zu würdigen wissen. Das kannst du aber nur, wenn du dir das Album eben mit allem Drumherum kaufst und nicht nur ein paar Sachen aus dem Netz ziehst. Aber ich glaube sogar so fest an das Album, dass ich denke, man kauft es sich auch, wenn man sich die Songs schon aus dem Netz gezogen hat.
Ich konnte mir die Scheibe ein, zweimal anhören, allerdings war das nicht die beste Qualität. Da sind ein paar wirklich gute Songs und vor allem auch ein paar Riffs drauf, die richtig heavy sind. Allerdings muss man das erst mal bemerken, denn deine Stimme ist einfach sehr prägnant und steht natürlich im Vordergrund. Zuerst hört man deine eher sanfte Stimme und denkt sich: 'Ok, wieder eher was Softeres', doch dann hört man auf die Riffs und denkt sich: 'Öha, wohl eher doch nicht'.
Das war genau das, was wir machen wollten. Wir wollten dafür sorgen, dass man unsere Musik nicht kategorisieren kann. Das haben wir in jedem einzelnen Song versucht. Du hast überall immer ein paar Wendungen, die du so nicht unbedingt erwartest, vor allem nicht von uns. Wir waren deutlich mutiger, was das Songwriting angeht. Wir haben einfach als Band sehr gut zusammen gearbeitet und sind auch deutlich enger zusammen gewachsen. Terry ist älter und weiser geworden und hat sich als Gitarrist enorm weiterentwickelt.
Und so ganz nebenbei noch einen Schlaganfall erlitten. Ist er nicht ein wenig zu jung für so einen Scheiß?
Das hab ich ihm auch gesagt, hahaha. (Ihre Stimme wird ganz leise und zart): Er hat so hart gearbeitet nach diesem Schlag, um überhaupt seine Beweglichkeit in den Fingern wieder hinzubekommen. Wir haben die ganze Zeit an ihn geglaubt, und ich hatte wirklich Tränen in den Augen, als ich ihn das erste Mal wieder mit uns proben sah. Das hatte was sehr Inspirierendes für mich, wie hart er gekämpft hat, um wieder mit uns spielen zu können. Er wird wieder mit uns touren und er hat sich wirklich den Arsch aufgerissen um wieder spielen zu können. Er lebt einfach für diese Band. Das hat uns sehr zusammen geschweißt, und wir sind daran gewachsen.
Und dennoch ist euer Basser ausgestiegen.
Ja, aber die eigene Familie hat einfach doch noch mal Vorrang. Selbst wenn die Band schon so was Ähnliches für dich ist - dafür haben wir vollstes Verständnis.
Findest du?
Schon irgendwie. Wie oft musstest du das schon zu einem Typen sagen?
So etwa 30 Mal.
Bitte?
Ja, echt. Ich musste das immer und immer und immer wieder sagen. Das war zu meinem Ex-Freund (Seether-Sänger/Gitarrist Shaun Morgan, Anm. d. Red.). Wir waren in etwa zweieinhalb Jahre zusammen. (Amy wird sehr nachdenklich und spricht nur zögerlich weiter): Weißt du, du verliebst dich in jemanden, und nachdem anfangs alles toll und super war, entdeckst du die dunklen Seiten an deinem Partner, die auf einmal Überhand nehmen und immer größer werden. Zuerst willst du das nicht wahrhaben und dagegen ankämpfen, schließlich liebst du denjenigen ja. Aber irgendwann gehst du entweder selber daran kaputt, oder du musst dich dagegen wehren und beendest die Sache. Gegen Ende war es sogar fast unmöglich, mit ihm im nüchternen Zustand zu sprechen.
Ich bin gar nicht mehr bis zu ihm durchgedrungen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ich musste mit seinem Tourmanager sprechen, um Shaun wissen zu lassen, dass zwischen uns Schluss ist. Das war sehr schwer, aber letztendlich bin ich froh, dass ich diesen Schritt getan habe. Ich habe viele negative Gefühle und Personen damit hinter mir gelassen. Dazu gehörte auch unser alter Manager und einige andere Menschen. Das war ein ganz schön großer Bruch in meinem Leben, und um das alles zu verarbeiten, schrieb ich dann eben "Call Me When You're Sober". Vor allem hat dieser Song was sehr Therapeutisches für mich. Was denn los, du schaust so komisch. Macht das keinen Sinn für dich?
Oh doch, mehr als du denkst. Ich kenne Situationen wie diese nur zu gut. Ich überlege mir nur gerade, wie der Videoclip das deiner Meinung nach optisch umsetzt.
Oh, ich finde, das haben wir ganz gut hinbekommen, zumal wir mit meinem absoluten Lieblingsregisseur Marc Webb zusammen gearbeitet haben. Ich habe ihm erzählt, wie es zu diesem Song und diesem Text gekommen ist, und wir waren uns relativ schnell einig, dass wir keine zu offensichtliche Umsetzung des Textes im Video haben wollten. Es sollte ein wenig metaphorischer werden. Er kann schließlich mit dem Konzept zu dem Clip an, und ich fand das toll. Wir haben uns dazu entschlossen, das Hauptaugenmerk auf die Nachgeschichte zu legen. Was passiert ist, nachdem die Frau in dem Clip so schlecht behandelt wurde und sich dagegen wehrt.
Mich hat der Clip ein wenig an Christina Aguilera erinnert.
Was? Wie soll ich das denn verstehen?
Naja, stilistisch ist das doch sehr ähnlich angesiedelt. Vor allem die Szenen, wenn du mit den Tänzerinnen die Treppe runter kommst und dann einen auf Matrix machst und durch die Gegend fliegst.
Ok, ich weiß was du meinst, aber ich bin über diesen Vergleich nicht sonderlich glücklich.
Wieso?
Na weil wir mit dieser Art Musik überhaupt nichts gemein haben.
Das sag ich ja gar nicht, es geht mir rein um das Video und ein wenig darum, dass ihr eure Stimme stellenweise ähnlich einsetzt.
Ok, das kann ich akzeptieren. Die Ähnlichkeit der Stimmen ist wohl damit zu erklären, dass wir beide mit sehr viel Attitude singen. Meine Stimme und meine Persönlichkeit hat sich sehr entwickelt, ich bin deutlich mutiger und selbstbewusster geworden, als noch auf dem ersten Album. Ich fühle mich einfach besser und positiver und setze das auch in meiner Stimme um.
Du hast einfach deutlich mehr Sex in der Stimme.
Danke, das höre ich nicht zum ersten Mal und nehme es mal als Kompliment. Was das Video angeht, da wird eben die Geschichte einer Frau erzählt, die sich emanzipiert und sehr viel Power hat. Von daher kannst du vielleicht schon ein paar Vergleiche zu Christina Aguilera ziehen. Aber die Mädels im Hintergrund sind keine Background-Tänzerinnen. Sie sind mehr so was wie ... (mit einem Glänzen in den Augen und träumerischem Blick) meine Spirits, meine Geister, ich finde die Mädels total den Hammer.
Äh ja, is klar. Wurden in dem Clip auch ein paar Ideen von dir mit eingebracht?
Nicht wirklich, das sind eigentlich alles Marcs Ideen, die da umgesetzt wurden. Wir haben natürlich ein paar Sachen durchdiskutiert und ein paar Dinge verändert, aber das meiste stammt von ihm.
Als Vertreter eines Online-Magazins habe ich mich natürlich auch mit eurem Netzauftritt beschäftigt und vor allem mit eurer MySpace-Seite.
Damit beschäftige ich mich eigentlich gar nicht. Klar kenne ich MySpace, aber ich bin da nicht unterwegs. Ich weiß, dass wir eine Seite haben, aber die wird von unserem Label oder dem Management betrieben.
Wie auch immer, ich habe da ein Mädel gefunden, die als ihren Profilnamen "The Open Door" gewählt hat und deren Bild auf der Startseite beinahe wie eine Kopie von dir aussieht. Was denkst du, wenn Mädels versuchen, so auszusehen wie du?
Das nehme ich als Kompliment, wenn sie sich von mir inspirieren lassen. Ich finde das süß.
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