26. Oktober 2011

"Ich trug viele Ängste mit mir rum"

Interview geführt von

Die letzten fünf Jahre war es ziemlich still geworden um Evanescence, ehe sich Band um Frontfrau Amy Lee Anfang Oktober dieses Jahres mit einem selbstbetitelten Drittwerk zurückmeldete.Ein halbes Jahrzehnt verschwand der Little Rock-Fünfer quasi von der Bildfläche, und nicht wenige hatten den Glauben an ein Comeback der Band verloren. Der Einstieg auf Platz eins der Billboard-Charts sowie Platz fünf der hiesigen Album-Hitliste belegt allerdings, dass die Nachfrage nach opulentem Melancholie-Metal auch anno 2011 ungebrochen ist.

Wir sprachen kurz vor dem Album-Release mit Sängerin Amy Lee, die bereits vor den ersten Charts-News zu wissen schien, dass der Nachfolger von "The Open Door" einigen Staub aufwirbeln werde. Selbstbewusst und redselig präsentiert sich die zierliche Bardin am Telefon und spricht mit uns über die Kraft der Gemeinschaft, den Bund der Ehe und musikalische Zukunftsvisionen.

Hi Amy, ihr habt euch die letzten vier Jahre ziemlich rar gemacht. Wie fühlt es sich an, wieder im Konzert der Großen mitzumischen?

Amy: Es ist ein fantastisches Gefühl. Man kann es eigentlich gar nicht richtig in Worte fassen, wenn man nach so langer Zeit wieder eine Sache in den Händen hält, die uns unheimlich viel bedeutet.

Die letzten beiden "Sachen", die ihr präsentiert habt, wurden weltweit vergoldet, in Platin gegossen, und haben euch letztlich zu Superstars werden lassen. Hat man da nicht unterschwellig auch Angst, dass man nach einer vierjährigen Schaffenspause vielleicht den Anschluss verlieren könnte?

Amy: Nein, absolut nicht, ganz im Gegenteil. Wir wissen, dass wir eine treue Fanbase auf der ganzen Welt haben, die immer an uns geglaubt hat, und genau diesen Menschen ist das neue Album gewidmet. Ich glaube aber, dass wir auch viele neue Leute mit dem Album erreichen werden.

Im Vorfeld war oft von einer Art "Wiedergeburt" der Band die Rede. Wie siehst du das?

Amy: Das trifft es schon ganz gut, denke ich. Die letzten Jahre waren für uns alle eine sehr intensive und teilweise auch schwierige Zeit. Das meiste davon spielte sich allerdings abseits der Musik ab. Für mich persönlich war es wichtig mein Selbstwertgefühl zu stärken und mir bewusst zu werden, was ich will. Ich trug viele Ängste mit mir rum und wollte mich mit den neuen Songs davon befreien.

Die Frage liegt auf der Hand: Fühlst du dich nun besser?

Amy: Ja (lacht). Ich glaube, mit dem neuen Album schlagen wir ein völlig neues Kapitel der Bandgeschichte auf, und darauf bin ich verdammt stolz.

Für die Entstehung dieses neuen Kapitels bedurfte es neuer Ideen und Herangehensweisen. Wie dankbar bist du letztlich eurem Produzenten Nick Raskulinecz, der hinsichtlich der Umstrukturierung eures bisherigen Arbeitsprozesses als Ideengeber fungiert haben soll?

Amy: Nick war immens wichtig für die neue Platte. Wir hatten bereits im Vorfeld einen anderen Weg eingeschlagen, von dem wir überzeugt waren, dass es der Richtige ist. Diesmal haben alle an einem Strang gezogen. Jeder innerhalb der Band war involviert in das Songwriting, was das Bandgefühl unheimlich gestärkt hat. Natürlich gibt es auch einige Songs, die ich alleine geschrieben habe, aber das Gros an Material ist das Werk der Band. Als wir dann ins Studio gingen, bat uns Nick, uns nochmals mit allen Songs eingehend als Gemeinschaft zu beschäftigen. Das war ein ganz wichtiger Moment für uns, denn dadurch ergaben sich neue Möglichkeiten für Songs, von denen wir dachten, dass sie bereits fertig wären. Jeder brachte abermals Ideen mit ein, und so veränderten sich einzelne Parts wieder, bis letztendlich alle mit dem Ergebnis zufrieden waren.

Ihr hattet vorher zweimal mit Dave Fortman zusammengearbeitet. War es euch demnach wichtig, auch hinter den Reglern für frischen Wind zu sorgen?

Amy: Ja, wobei wir mit Daves Arbeit sehr zufrieden waren. Ich hatte eine Liste mit fünf möglichen Kandidaten für den Produzenten-Job. Als ich Nick in Nashville besuchte, merkte ich sofort, dass er derjenige ist, der uns dabei helfen könnte, das nächst höhere Band-Level zu erreichen. Er hat schon mit vielen großen Bands gearbeitet, aber er ist dennoch total geerdet, und es hat sich gleich zu Beginn ein freundschaftliches Verhältnis zwischen uns entwickelt. Als wir über die Demos sprachen, gab er mir das Gefühl, genau zu wissen, wohin die Reise der Songs gehen soll. Das hat mich sehr beeindruckt.

Ich war irgendwie immer das Herz der Band


Du hast eingangs das neue Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Band angesprochen. Woran lag es, dass ihr nicht schon in der Vergangenheit als Einheit gearbeitet habt?

Amy: Das ist schwierig zu beantworten. Um ehrlich zu sein, hat es viel mit meiner Stellung in der Band zu tun. Ich war irgendwie immer das Herz der Band, und ich tat mich in der Vergangenheit schwer, meine Visionen und den intimen Songwriting-Prozess mit mehr als einem Menschen zu teilen. Für mich persönlich war die neue Herangehensweise eine große Herausforderung. Sich mit allen an einen Tisch zu setzen, um die Karten offen zu legen, war eine Erfahrung für mich. Aber es hat funktioniert, und ich denke, dass mir dieser Prozess unheimlich gut getan hat.

"Stand and face the unknown", heißt es in eurer ersten Single "Do What You Want". Das passt ja demnach wie die Faust aufs Auge. Habt ihr deswegen gerade diesen Song als ersten Vorgeschmack fürs Album ausgewählt?

Amy: Ja, absolut. Ich denke, der Text spiegelt genau das wieder, wie die Band heute fühlt, denkt und sich empfindet. Außerdem gibt er auch musikalisch eine neue Richtung vor, die zeigt, dass wir uns auch künstlerisch verändert und entwickelt haben, ohne aber das Fundament zu ändern.

Ich finde, dass man diese Entwicklung allerdings noch stärker auf einem Song wie "Lost In Paradise" festmachen kann. Der Song versprüht zwar einen ähnlich epischen Touch wie seinerzeit "My Immortal", und dennoch bewahrt er sich Ecken und Kanten, die man so vielleicht von euch nicht erwartet hätte. Wie siehst du das?

Amy: Das ist exakt das, was wir erreichen wollten. Es ging uns nicht darum, uns komplett neu zu erfinden. Dennoch hatten wir das Verlangen, einen Schritt weiterzugehen. "Lost In Paradise" ist für mich mit der persönlichste und wichtigste Song auf dem Album, da er genau diese Entwicklung am ehesten aufzeigt. Der Song ist opulent und eingängig, keine Frage, aber dennoch hat er etwas Unvollkommenes in sich, was ihn von der Struktur her anders macht, als beispielsweise "My Immortal". Es geht auch darum, Kontrolle zu verlieren, loszulassen, um zu sehen, in welche Richtung ein Song sich bewegen kann, wenn man ihn nicht in ein gängiges Schema drückt. Das haben wir diesmal bei vielen Songs versucht.

Ein Soloalbum würde etwas werden, was keiner von mir erwarten würde


Du bist seit 2007 verheiratet. Inwieweit hat dieser Umstand die Art und Weise deines Songwritings verändert?

Amy: Ich denke, dass ich seitdem generell gefestigter bin, was sich natürlich auch auf meine Arbeit auswirkt. Josh (Josh Hartler, Ehemann von Amy) ist mein größter Unterstützer. Er ist der sichere Hafen, den ich gebraucht habe, um viele meiner Ängste und Zweifel in den Griff zu bekommen. Wenn du jemanden an deiner Seite hast, dem du vertraust und der ehrlich zu dir ist, dann ist das ein großes Geschenk, welches dir neuen Mut, Kraft und Glauben gibt.

Gab es Zeiten, in denen dir dieser Mut, diese Kraft und dieser Glaube besonders gefehlt hat?

Amy: Ja, die gab es. Ich kann mich erinnern, dass es nach der "Open Door"-Welttour eine Zeit gab, in der ich ziemlich ausgelaugt war und nicht wusste wie es weitergehen würde. Ich habe damals den Jungs gesagt, dass ich erst einmal Zeit für mich bräuchte, um mich mit mir als Person auseinanderzusetzen. Ich war mir nicht sicher, ob wir überhaupt noch ein weiteres Album machen würden. Ich wusste zwar, dass mein Verlangen, Songs zu schreiben und zu singen, ungebrochen war, doch ich wusste nicht, ob die Band noch Teil dieses Verlangens war. Das musste ich erst für mich herausfinden, was kein einfacher Prozess war.

Wäre diese Phase nicht ideal für ein Soloalbum gewesen? Ich denke, dass sich viele Leute über ein derartiges Schaffen freuen würden.

Amy: Vielleicht, wer weiß (lacht)? Mittlerweile habe ich so viele Songs in Schubladen, die sich außerhalb des Band-Bereiches bewegen, dass ich um ein Soloalbum irgendwann nicht mehr drum rum kommen werde. Das ist auf jeden Fall noch ein großer Traum von mir. Momentan ist das aber kein Thema, denn die Band genießt höchste Priorität. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

Wie würde das dann aussehen? Nur deine Stimme und ein Piano?

Amy: Ich glaube eher nicht, das wäre wohl zu simpel. Ich glaube, es würde etwas werden, was keiner von mir erwarten würde. Allerdings könnte ich mir sehr gut vorstellen, einmal alleine, nur mit dem Piano und einem Cello auf Akustik-Tour zu gehen.

Im Stile von Tori Amos?

Amy: Oh ja, so ähnlich. Ich liebe sie, sie ist fantastisch.

Vorher geht's aber erst einmal mit Evanescence auf Tour. Vorfreude pur?

Amy: Absolut! Wir können es kaum erwarten den Fans die neuen Songs zu präsentieren. Zunächst geht es nach Südamerika, dann in die Staaten und ab November nach Europa. Es wird intensiv, opulent und schweißtreibend. Macht euch also auf was gefasst.

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