Porträt

laut.de-Biographie

El-P

Definitive Jux stellt in Zeiten, da sich Hip Hop mehr und mehr in Bling-Bling und Gangstertum zu verlieren scheint, eine wahre Bastion dar. Künstler wie Aesop Rock, Mr. Lif oder Murs finden unter dem Dach des Musikers, Rappers und Produzenten El-P eine Heimat, in der leicht-seichte Kost keine Chance bekommt.

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Als Sohn eines Jazz-Pianisten wird Jamie Meline die Liebe zur Musik in die Wiege gelegt. Er kommt in New York City zur Welt und betrachtet sich rückwirkend seit mindestens seinem zehnten Lebensjahr als der Musik verfallen. Run DMC avancieren zu seinen Superhelden, die mit "Raising Hell" eine nicht mehr aufzuhaltende Welle der Begeisterung lostreten. "Hip Hop war für mich immer die aufregendste Musikrichtung, die es gibt. Hier tut sich am meisten, es gibt kaum Regeln, dafür aber reichlich Inspiration", resümiert er Jahre später im Interview mit urbansmarts.com.

Diverse Händel mit Autoritätspersonen stellen den 16-jährigen Jamie 1991 vor eine Entscheidung. Nach zwei Highschool-Ausschlüssen innerhalb von acht Monaten müsste man sich entweder am Riemen reißen und einen ernsthaften Versuch unternehmen, sich in ein geregeltes Schulsystem einzugliedern. Oder man wirft die Brocken hin. Jamie entscheidet sich für letzteres und absolviert eine Ausbildung zum Toningenieur: ein Fundament, das seiner Karriere im Musikgeschäft festen Stand verleiht. El Producto, kurz El-P, startet durch.

Auf der Party anlässlich seines 18. Geburtstags trifft er erstmals auf Mr. Len, der zu dieser Gelegenheit als DJ angeheuert wurde. Die Gründung von Company Flow, der Crew, die sich zu Gallionsfiguren des Independent Hip Hop aufschwingen wird, folgt kurz darauf. Eine erste 12" erscheint unter dem Titel "Juvenile Technics" beim befreundeten Label Libra Records.

Die Freundschaft erledigt sich allerdings recht schnell. Wie so oft hört sie beim Geld auf. Ein Beschäftigter von Libra steckt El-P das Vorhaben des Labels, sämtliche Finanzmittel aus dem Projekt Company Flow zurückzuziehen. Grund genug, diesem Laden den Rücken zu kehren.

El-P und besagter (nun Ex-)Angestellter Bigg Jus beziehen gemeinsam ein Loft und stürzen sich in die Arbeit. Mittlerweile befindet sich auch Mr. Len an Bord von Company Flow. Zwei Jahre lang schuften El-P und Bigg Jus tagsüber bei einem Mailorder-Versand und investieren das so verdiente Geld in ihr eigenes Label-Projekt.

"Wir haben Official Recordings in erster Linie gegründet, um unsere Musik herauszubringen. Wir wollten die Kontrolle darüber haben, wie unser Zeug vermarktet wird und was damit geschieht. Nicht zuletzt ist es für uns auch profitabler. Du kannst ja auch nicht dein ganzes Leben lang MC bleiben, sondern musst früh genug eine Basis schaffen, um nicht wie viele andere plötzlich mit leeren Händen dazustehen, wenn es mit der Karriere vorbei ist." Vorausschauende Worte, die El-P gegenüber dem Konstanzer Fanzine Leeson fallen lässt.

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Mit der EP "Funcrusher" setzen Company Flow 1995 dann auch gleich einen Meilenstein. In Eigenregie bringen sie mehr als 30.000 Einheiten unter begeistertes Volk und verschaffen sich so bei einigen Hip Hop-Rundfunkgrößen Respekt. Ihre Präsenz im Radio lenkt wiederum die Aufmerksamkeit etlicher New Yorker Labels in Richtung Company Flow. Der Indie Rawkus bietet einen Vertriebs-Deal zu den Bedingungen des Trios an. Man kommt ins Geschäft.

Als Company Flows Album-Debüt erscheint "Funcrusher" um einige Tracks erweitert unter dem Titel "Funcrusher Plus" 1997 ein zweites Mal. Spätestens jetzt betrachtet man El-P weithin als den aufstrebenden Star der unabhängigen Hip Hop-Szene. In seinem Fahrwasser machen Mos Def, Talib Kweli, High & Mighty, Pharoahe Monch und andere Rawkus zu einer ernst zu nehmenden Größe. El-P wird zum gern gesehenen Gast: Er ist unter anderem auf Veröffentlichungen von Del Tha Funkee Homosapien, Handsome Boy Modeling School, DJ Krush, Alec Empire und auf Techno Animals "Brotherhood Of The Bomb" zu hören.

Zwei Jahre lang stellen Company Flow über intensives Touren den direkten Kontakt zu ihrer Fanbase her. "Über die Vinyl-Qualitäten der Co-Flows ist schon viel geschrieben worden, doch wer sie einmal live erlebt hat, für den ist nichts mehr wie es vorher war. El-P(roducto) und Bigg Jus sind zwei Ausnahme-MCs erster Güte. Egal ob Freestyle oder regulärer Track, die beiden produzieren komplett durchgeknallte Styles wie am Fließband, und das anderthalb Stunden am Stück. Doch das ist noch nicht alles: Company Flow bringen den DJ zurück in die Hip Hop-Show! Mr. Len dient nicht bloß als gutaussehende Plattendreher-Staffage, wie dies bei vielen Shows leider immer noch der Fall ist. Er jugglet, cuttet und scratcht sich seine verdammte Seele aus dem Leib. Hier kommt kein Stück vom DAT, alles ist Handarbeit. Die Grundlage für El-Ps und Bigg Jus' Reimsalven (was für ein Wort) bilden Mr. Lens Backspins und seine Beat-Juggles, die er mit rohen Scratches noch verfeinert. Umwerfend, ihm bei seiner fulminanten Arbeit zuzusehen." Man möchte damals-noch Leeson-Redakteur Markus Hablizel die Tränen der Begeisterung aus dem Gesicht wischen.

Company Flow teilen sich die Bühne mit den Beastie Boys. Sie erreichen eine Popularität, von der andere Indie-Acts nicht einmal zu träumen wagen. "Wenn du dich plötzlich in der Situation wiederfindest, dass fünfzig- oder sechzigtausend Kids deine Platten kaufen und dir zuhören, dann ist das schon ein ziemlich direkter Weg der Kommunikation, ein Sprachrohr. Ab und zu denke ich dann, es ist meine Pflicht, mein eigenes Ego und meinen eigenen Bullshit zu vergessen und versuchen, etwas mitzuteilen, das über 'Ich bin dope' hinaus geht." (urbansmarts.com)

Gesagt, getan. 2000 spielen Company Flow bei einer Wahlveranstaltung für Ralph Nader, dem Mann, der für die amerikanischen Grünen gegen George W. Bush und Al Gore um die Präsidentschaft kandidiert. "Das war gleichzeitig aber auch meine vermutlich einzige Chance, jemals im ausverkauften Madison Square Garden aufzutreten. Ehrlich gesagt, hätte ich das vielleicht auch für Bush getan. Fuck it! Ich hätte es für Bush getan, aber ich hätte die Scheiße sabotiert. Ich hätte das ganze Event sabotiert, Mann!"

Die Hochphase von Company Flow währt nicht ewig. Big Juss erklärt in der Absicht, sich eigenen Projekten zu widmen, seinen Ausstieg. Im Zuge künstlerischer Differenzen kommt es zum Bruch mit Rawkus. Nahezu die komplette Indie-Fraktion verlässt das Label, nachdem hier die "umsatzarme Sparte" geschlossen werden soll.

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Meline wendet sich an Ozone Records und bringt 1999 gemeinsam mit Mr. Len das zweite Company Flow-Album heraus. Die Verkaufszahlen halten sich dank lausiger Promotion in Grenzen. Trotzdem bauen die beiden mit "Little Johnny From The Hospital" ihren Status als Innovatoren des Rap weiter aus. Kurz darauf trennen sich ihre musikalischen Wege. Schon während der Aufnahmen reift in El-P der Entschluss, wieder einmal ein eigenes Label zu gründen.

Definitive Jux knüpft nahtlos da an, wo Company Flow aufgehört hat. Der ursprüngliche Name Def Jux muss verlängert werden, da man ihn im Hause Def Jam weniger gern sieht. Möglicherweise handelt es sich aber auch um die Verkaufszahlen der neuen unabhängigen Konkurrenz, die Def Jam der eigentliche Dorn im Auge sind. El-P beschert seinem Label mit der EP "Definitive Jux Presents" und mit Mr. Lifs "Enters The Colossus" einen fulminanten Start. 2001 folgen "The Cold Vein" von Cannibal Ox (El-P zeichnet für die Produktion verantwortlich) sowie Aesop Rocks "Labour Days".

2002 ist die Zeit dann mehr als reif für El-Ps Solo-Debüt. "Fantastic Damage" begeistert Fans wie Kritiker und löst ausgiebiges Jonglieren mit Vokabeln wie "intelligent", "innovativ", "emotional", "lustig" und dabei "immer noch Hardcore" aus. Wie auch schon zu "The Cold Vein" bringt El-P die Instrumentals zu "Fantastic Damage" extra heraus.

Seine Absicht hinter "FanDam Plus": "Ich glaube, dass die Instrumentals Leute ansprechen können, denen vielleicht die Texte zu kontrovers, zu derbe oder zu schwer zu handhaben sind. Es ist eine Sache, ein Rap-Album herauszubringen. Ein Album mit Musik, das ist etwas ganz anderes. Und es gibt eine Menge Leute, die auf die Musik abfahren." "FanDam Plus" wie auch die "Oxtrumentals" verkaufen sich blendend.

El-P produziert und rappt neben seinen Label-Genossen für Cage, Prefuse 73, Del Tha Funkee Homosapien, Mike Ladd, Aceyalone, Zack de la Rocha von Rage Against The Machine, Dan The Automator und zahllosen anderen. Schon seit jeher ein Film-Fan (bei seiner ersten selbst gekauften Platte handelt es sich der Legende nach um den "Star Wars"-Soundtrack), trägt er die Verantwortung für die musikalische Ausgestaltung des Graffitistreifens "Bomb The System". Gemeinsam mit William Parker, Matthew Shipp, David Carter und weiteren Mitwirkenden bringt er 2004 nach einer eigenen Welt-Tournee bei Thirsty Ear das Free Jazz-Album "High Water" heraus.

Als gefragter Remixer arbeitet er an Tracks von Cornershop, Charlie Parker, Anti Pop Consortium, und und und. Obwohl kein begnadeter Turntablist, tritt El-P gelegentlich an die Plattenteller. So ist er im November 2004 im Team mit Stones Throw-Boss Peanut Butter Wolf und im Jahr darauf mit Jones Mc New von Yo La Tengo zu hören.

"Ich wollte mit meinem Label immer erreichen, dass Rap expandiert, seine Grenzen überschreitet. Immer den Bereich, mit dem wir uns beschäftigen, ein wenig ausdehnen, die Fanbase erweitern, Menschen für unsere Arbeit interessieren und ihnen eine Welt nahe bringen, die sie möglicherweise bisher nicht kannten. Und dabei gleichzeitig diejenigen zufrieden stellen, die von Anfang an down mit uns waren."

Ein ehrgeiziges Ziel, das wenig Zeit zum Schlafen lassen dürfte. Der lange erwartete Nachfolger von "Fantastic Damage" schürt Aussichten auf ungewöhnliche Features von The Mars Volta und Trent Reznor von Nine Inch Nails, trägt den passenden Titel "I'll Sleep When You're Dead" und erscheint im März 2007. Natürlich auf Def Jux, denn: "Wenn ich nicht bei meinem eigenen Label veröffentlichen würde, wieso sollte das sonst jemand tun?"

Doch auch EL-P ist nicht gegen Abschwung und Wandel in der Musiknutzung immun. 2010, der Hype um den Def Jux-Sound verebbt, und der Labelchef kündigt eine neue Ausrichtung seiner Firma an. Backkatalog und Merchandise bleiben erhalten, er selbst kümmert sich seitdem jedoch vorrangig um seine Solokarriere.

Wie in seiner ganzen Karriere, kann sich das Ergebnis sehen lassen. Neben dem Solowerk "Cancer 4 Cure" steigt er besonders wegen seiner Arbeit mit Killer Mike ("Rap Music", "Run The Jewels") zu neuer Bekanntheit auf. Für den Atlanta-Emccee drosselt er seinen Industrial-Hip Hop auf minimalistisches Maß und erhöht die Schlagkraft seiner Synthie-Scratches-Sample-Seeungeheuer immens.

Oder, wie es Killer Mike auf dem gemeinsamen "Banana Clipper" formuliert: "Producer gave me a beat / Said it's the beat of the year / I said El-P didn't do it / So get the fuck outta here."

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