Porträt

laut.de-Biographie

Techno Animal

"90 Prozent aller Musik ist scheiße. Es ist das eine Prozent Hardcore, das in jeder Musikrichtung steckt, das mich anzieht." Dieses eine Prozent aufzuspüren, zu extrahieren und in all seiner Macht zur Geltung zu bringen, liegt sehr im Sinne von Kevin Martin und Justin Broadrick. Techno Animal ist eines der zahllosen Projekte, mit denen die beiden diesem Ziel nachjagen, und auf das sich eine Zeit lang ihre Hauptaufmerksamkeit konzentriert.

Wir befinden uns in den frühen 90er Jahren. Kevin Martin, die entscheidende Kraft hinter dem Freejazz-Noise-Ensemble God und Betreiber des Labels Pathological Records, bucht den ersten Gig von Godflesh. Ex-Napalm Death-Gründer Justin Broadrick hat sich mit dieser Formation ein neues Betätigungsfeld erschlossen.

Aus einer gemeinsamen Show von God und Godflesh werden erst mehrere Gigs, dann eine ganze Tour. Tracks von Godflesh finden auf Martins Label-Sampler "The Pathologigal Compilation" Platz. Eine Hand wäscht die andere: Broadrick lässt sich nicht lange bitten und produziert im Gegenzug die ersten Aufnahmen von God. Die Debüt-Single "Breach Birth" entsteht bereits als Martin/Broadrick-Koproduktion.

Bei all der Zusammenarbeit verwundert nicht, dass die beiden Herren unaufhaltsam übereinstimmende Vorlieben entdecken. Dazu zählen auf jeden Fall akustische Extreme: Zeitgenössische Klassik, abstruse Soundtracks, Dub, Electro und eine nicht unerhebliche Portion Anarcho-Punk finden allerdings weder im metallischen Umfeld von Godflesh noch bei God ausreichende Entfaltungsmöglichkeiten. Hierfür bedarf es eines eigenen Ventils.

Das gemeinsame Baby Techno Animal stößt 1991 mit "Ghosts" bei Pathological Records seinen ersten Schrei aus. Samplingexperimente machen auch vor in "Freak Fucker" verwursteten Versatzstücken aus Hitler-Reden nicht Halt. Im Gegensatz zum in aller Regel lärmenden späteren Output des britischen Duos spielen Techno Animal hier mit der kreativen Spannung, die durch das genaue Gegenteil von Krach, durch nahezu vollkommene Stille, aufgebaut wird - eine eigenwillige Antwort auf das vorherrschende Prinzip des härter - schneller - lauter. Kid 606 nennt "Ghosts" nichtsdestotrotz regelmäßig als Inspirationsquelle für seine Splatterpunk-Aufnahmen.

Die Jahre vergehen, Martin und Broadrick widmen sich neben ihren Haupt-Projekten diversen Ablegern. 1993 veröffentlichen sie als Ice ein Album ("Under The Skin"), kurz darauf eine Remix-Platte, verschwinden dann für einige Jahre in der Versenkung, um 1998 mit "Bad Blood" musikalisch vollkommen umgekrempelt (und mit einem Gastauftritt von Blixa Bargeld) wieder aufzutauchen.

Sidewinder, ein anderer Nebenkriegsschauplatz, wird 1996 eröffnet und bringt "Colonized" (1996) und "Implant" (1997) unters Volk. Kevin und Justin firmieren daneben auch als KMart und JK Flesh, Sub Species, White Viper, E.A.R., Eraser und Zonal und widmen sich, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, dem Mash-Up von Techno, Jungle, Dub und Hip Hop.

Techno Animal selbst melden sich erst 1995 wieder zu Wort. Das - wenn man so will - Comeback-Album trägt den sinnigen Titel "Re-Entry" sowie die Handschrift von Bill Laswell und Brian Eno, allerdings eingebunden in "klaustrophobische Finsternis von Ambient-Dub", wie die Kritik befindet. Unter anderem findet sich Jon Hassell als Gast an der Trompete ein.

Ebenfalls 1995 hinterlässt das Tribal Gathering-Festival seine Spuren im Sound von Techno Animal. Der Einfluss Jeff Mills', Plasticmans und der Interpreten auf der Jungle-Bühne manifestiert sich in "Babylon Seeker" von 1996. Der Club-Aspekt gerät ein klein wenig stärker in den Fokus. Daneben findet sich zunehmend Hip Hop als Basis der düsteren Dub-Beats.

Dieses Überdriften in Mutant Hip Hop-Gefilde erregt die Aufmerksamkeit Achim Szepanskis: Als Strippenzieher hinter Force Inc und Mille Plateaux arrangiert er Techno Animals Teilnahme an der Mille Plateaux-Labeltour. Techno Animal sind im Winter 1997 mit Alec Empire, Porter Ricks, DJ Spooky und DJ Rush unterwegs. Eine Hand voll Musiker, zusammen gesperrt in einen Tourbus: Da ergeben sich natürlich wieder ungeahnte Möglichkeiten für neue Kollaborationen. Techno Animal beginnen mit "Techno Animal Vs. Reality". Der Sound-Clash erscheint 1998 auf City Slang und umfasst Remixe von Porter Ricks, Alec Empire, Spectre und Tortoise.

Gemeinsam mit Alec Empire nehmen Techno Animal - zunächst als "Animal Empire" - ein gemeinsames Album auf. Das Ergebnis "The Curse Of The Golden Vampire" (1998, City Slang) stellt die Kritik erneut vor das Problem, eine geeignete Schublade finden zu müssen. Schwierig, man behilft sich einstweilen mit "Death Jungle" und "Scrum'n'Bass".

Mit Beans vom Anti Pop Consortium geht zum ersten Mal seit langem wieder ein Rapper an den Start. Das gab es bei Martin und Broadrick nicht mehr, seit God mit New Kingdom und Gunshot sowie Godflesh mit Sensational zusammen arbeitete. Das zweite Curse Of The Golden Vampire-Album folgt - mit dem Titel "Mass Destruction", dafür ohne Alec Empire - 2001 auf Mike Pattons Label Ipecac. Zunächst aber vereinen Techno Animal 1998 diverse Singles und Tracks, die auf Compilations erscheinen, auf "Radio Hades". Vocalsamples, geloopte Percussion und verzerrte Beats bestimmen das Bild der Sammlung, die bei Position Chrome unterkommt.

Daneben etablieren sich die beiden Technotiere als gefragte Remix-Künstler und werden unter anderem für Iggy Pop, The Rootsman, die Einstürzenden Neubauten, Jon Spencer's Blues Explosion, DJ Vadim und 2nd Gen tätig. Die Bekanntschaft mit Porter Ricks resultiert 1999 in der Kollaboration "Symbiotics" (Mille Plateaux) und einer gemeinsamen Europatour mit den WordSound-Abgesandten Spectre und Sensational.

Nach etlichen anders lautenden Gerüchten wird schließlich doch ein Deal mit Matador unter Dach und Fach gebracht. Hier kümmert man sich 2000 zunächst um eine Split-Single mit den Newarker Untergrund-Hip Hoppern von Dälek ("Classic Homicide/Megaton"). Im Jahr darauf folgt eine weitere Single ("Dead Man's Curse") sowie das Album "Brotherhood Of The Bomb".

Techno Animal lassen ihre experimentelle Variante des Hip Hop auf Trümmer aus Jazz, Industrial und Dub treffen. Etwa die Hälfte der Tracks sucht Unterstützung durch MCs, während sich der Rest auf instrumentalen Wahnsinn beschränkt.

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