Porträt

laut.de-Biographie

Sensational

Jedes musikalische Genre hat seine Vertreter, die die Grenzen des Erlaubten erst austesten, dann in Stücke schlagen, und sich schließlich kalt lächelnd über die Trümmer hinwegsetzen. In den seltensten Fällen wird die Angelegenheit dadurch uninteressanter. Lee Perry hat auf diese Weise den Reggae verlassen, Sun Ra den Jazz in neue Dimensionen geführt. Ob Freakstyler Sensational tatsächlich ähnlich bahnbrechende Entwicklungen für den Hip Hop einleitet oder ob er es erstmal beim Zertrümmern der Regeln belässt, wird die Zeit zeigen; letzteres beherrscht er allerdings recht gut.

Sensational - Speaks For Itself Aktuelles Album
Sensational Speaks For Itself
Experimentierfreude wird erwartet - und geboten.

Seine ersten Schritte auf dem Rap-Parkett (das sich in diesem speziellen Fall immer eher nach nacktem Betonfußboden denn nach Parkett anfühlt) macht nicht Sensational, sondern ein gewisser Torture. Bereits im zarten Alter von 15 Jahren schert er sich einen Dreck um gängige Hörgewohnheiten und setzt seine heiseren Rhymes über die sperrigen Werke des deutschen Musikwissenschaftlers und Komponisten Karlheinz Stockhausen. Etwa zur gleichen Zeit, um 1993, stößt Torture als neues Mitglied zu den Jungle Brothers. Diese veröffentlichten bis dato zwei Alben, "Straight Out The Jungle" (1988) und "Done By The Forces Of Nature" (1989), die getrost der Sparte "klassischer Hip Hop" zugerechnet werden dürfen. Mit dem Zuwachs Torture entsteht die dritte LP, "Crazy Wisdom Masters", die in der ursprünglichen Form allerdings nicht das Licht des Marktes erblickt. Egal, ob der Zeit zu weit voraus oder schlicht zu krank - Warner Music befindet: So nicht. Teile aus "Crazy Wisdom Masters" ("Ra Ra Kid") kommen als 10" auf Black Hoodz, WordSounds Vinyl-only-Unterlabel, heraus. Das eigentlich geplante Album wird allerdings zu "J Beez Wit Da Remedy" (1993) zusammengestaucht. Tracks mit 180 Beats pro Minute: kein Problem für Rapper Torture. Nach "J Beez Wit Da Remedy", das auch nach dem Eingreifen der Plattenfirma noch reichlich Experimente mit Instrumental- und abstrakten Noise-Tracks bereit hält, geben sich die Jungle Brothers, wohl auch nicht ohne Blick auf den kommerziellen Erfolg, ein wenig gemäßigter.

Mäßigung ist nun aber Tortures Sache gar nicht. Es ist Bassist und Produzent Bill Laswell, der auf den jungen MC aufmerksam wird und ihn 1995 in die heiligen Hallen von WordSound einführt. Skiz Fernando aka Spectre gründete im Dezember 1994 aus Frust über die im Musikgeschäft herrschende Ausbeutung das New Yorker Untergrundlabel, das für die nächsten zehn Jahre düsterem Dub und abseitigem Hip Hop eine Heimstatt bieten soll. Wie geschaffen für Torture: Er ändert seinen Namen in Sensational und gehört fortan zur Familie.

Sensational tritt zunächst auf diversen WordSound-Label-Compilations in Erscheinung. 1997 folgt mit "Loaded With Power" sein Solo-Debüt. Lo-Fi genügt nicht, um die finstere Kelleratmosphäre zu beschreiben: No-Fi trifft es besser. Sensational produziert sich selbst, seine technische Ausstattung (wenn man das überhaupt so nennen kann), beschränkt sich auf einen Plattenspieler, einen billigen Drumcomputer und einen alten Vierspurrekorder. Ein Mikrofon - wozu? Sensational benutzt (ohne Witz!) über die gesamte Länge des Albums einen Walkman-Kopfhörer, um seine Vocals einzuspielen. Alle Sounds entstehen live, auf Samples und anderen technischen Firlefanz wird komplett verzichtet. Das Resultat aus dubinspirierten, schrägen Beats und noch schrägeren Reimen spaltet die Hörerschaft: Genie und Dilettantismus liegen manchmal sehr nahe beieinander.

Für sein zweites Album, "Corner The Market" von 1999, begibt sich Sensational auf die nächste Stufe. Die Anschaffung eines Mikrofons, ein Upgrade auf acht Spuren sowie die Aufrüstung seines Kellerstudios "The Bomb Shelter" läuten zwar kein neues technisches Zeitalter ein, führen aber immerhin dazu, dass man (wie ein entnervter Rezensent es ausdrückte) "nicht ständig den Eindruck hat, im Hintergrund würde jemand Hühnchen braten". Abgesehen davon erfüllt auch "Corner The Market" problemlos gehobene Ansprüche an Illness. "Die Beats auf diesem verdammten Longplayer sind so trocken, dass sie selbst nach zwei Tagen unter Wasser noch verstaubt wären", so Markus Hablizel, damals noch beim Magazin Leeson (Nr. 10).

Nach einem kleinen Intermezzo beim Indie-Rock-Label Matador, bei dem Sensational mit "Party Jumpin'" und "Beats, Rhymes & Styles" zwei Singles veröffentlicht, folgt, zurück zu Hause bei WordSound, das dritte Album "Heavyweighter". Schon die leiseste Annäherung an den Mainstrem wäre ein Zeichen von Schwäche - und davon ist nichts zu spüren. Sensational ersetzt Songstrukturen durch schwärzeste Drones, gesamplet wird immer noch nicht (immerhin darf ein Freund bei der Erwähnung von Fritz The Cat im Hintergrund miauen), die billigste Beatbox der Welt liefert dreckigen, verzerrten Output: "This is Bomb Shelter material, not entertainment." "Heavyweighter" bewegt sich, denkbar ungeeignet für zarte Seelen, zwischen minimalistischem Dub und krachigem Industrial.

Für "Get On My Page" unternimmt Sensational mit gewohnt verzerrten Beats und hypnotischen, übersteuerten Raps 2001 einen Ausflug auf Mike Pattons Label Ipecac, die Kollaboration "Parts Unknown" (2002) mit Spectre sowie Gastvocals auf dessen "Retrospectre" erscheinen bei Quatermass. Eine Rückkehr zu WordSound steht allerdings außer Frage. 2002 ist Sensational nicht unerheblich in das Filmprojekt "Crooked" eingebunden: Er spielt in dem dokumentarischen Spielfilm über einen Exzentriker, der auf der Bühne des Mainstream-Hip Hop seinen Platz zu finden versucht, sich selbst in der Hauptrolle. WordSound-Boss Skiz Fernando realisiert "Crooked" mit Hilfe zahlloser befreundeter Künstler (und mit einem extrem knappen Budget) innerhalb von knapp vier Wochen. Sensational, der seine eigene Geschichte darstellt, erntet für seinen Auftritt wohlwollende Kritiken. Zum Film entstehen der Soundtrack "Crooked" sowie "Crooked - Original Score", letzterer ausschließlich mit neuem Material, das im Zusammenhang mit "Crooked" aufgenommen wird. Neben Sensational und Spectre treten unter anderen Scotty Hard, Mentol Nomad, Bimos, Mr. Dead, Leon Lamont, Antipop Consortium, Prince Paul, Ish, Bill Laswell und Drum'n'Bass-Newcomer UV Ray musikalisch in Erscheinung.

"Natural Shine" von 2003, Sensationals letztes Album auf WordSound, gilt als sein bisher eingängigstes Werk. Raps und Beats sind besser aufeinander abgestimmt, im Vergleich zu den vorangegangenen Veröffentlichungen verbreitet "Natural Shine" geradezu entspannte Stimmung. So entspannt Musik eben sein kann, die als "Bastard aus den frühen Werken Trickys und denen der Einstürzenden Neubauten" beschrieben wird. Sensational arbeitet auf "Natural Shine" nicht mehr alleine sondern erhält Unterstützung von Spectre, DJ Karlos und dem japanischen Noise-Künstler Kouhei. "Speaks For Itself" erscheint (nach dem Ende von WordSound) 2005 bei Quatermass. Hinter "The Ill Saint", der als Executive Producer aufgeführt wird, verbirgt sich ein alter Bekannter: Skiz Fernando, der mittlerweile als Krankenpfleger arbeitet, ist immer noch mit von der Partie.

Alben

  • WordSound-Labelpage

    Der Tempel für finsteren Dub und abseitigen Hip Hop.

    http://www.wordsound.com/sensational.html

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