Porträt

laut.de-Biographie

Mike Patton

Mike Patton ist wahrlich Amerikaner (Imdb.com weist ihn gar als "Native American" in der 20. Generation aus). Jedoch viel wichtiger: Der Mann weiß wie Showbiz respektive Rock-Kunst ticken (ohne sich sklavisch um deren Regeln zu kümmern). Eine davon lautet Provokation. Das Außergewöhnliche tun, aus dem alltäglichen Mainstreambrei herausragen. Da reckt er auf deutschsprachigen Bühnen im Affekt schon mal den Arm zu Adolfs Gruß - Selbstzensur war gestern. Anything goes, Kunst muss unterhalten. Und so firmiert der Ex-Faith No More-Frontmann wie selbstverständlich im nächsten Projekt als General Patton, dem berühmten US-Militär, der im zweiten Weltkrieg Hitlers Truppen bekämpfte.

Doch Patton kann mehr. Er gilt als einer der talentiertesten Sänger der Alternative/Metal-Szene. Seine Platten hat er vor den eigentlichen Studiosessions bereits fertig im Kopf durchkomponiert und darf deshalb ein musikalisches Schwergewicht genannt werden - mit starkem Hang zur Avantgarde. Der Name eines seiner zahlreichen Projekte, Maldoror, ein Duo mit dem Japaner Masami Akita, bezieht sich beispielsweise auf den französischen Vorläufer des Surrealismus, Comte de Lautréamont. Die Songtitel des von ihm produzierten Norwegers Kaada rühren aus der französischen Romantik. Zum Soloalbum "Pranzo Oltranzista" inspiriert ihn ein italienisches Futuristen-Kochbuch. Beim Zweitling seiner Rockband Tomahawk, "Mit Gas", horchen Deutsche auf. Patton und seine Bandkumpels finden das lustig und denken an Sprudelwasser.

Seine unorthodoxe Art geht mit einem eigensinnigen Geschäftssinn einher. Als Sänger einer der berühmtesten Alternative Rock/Crossover-Bands löst er Faith No More auf der Höhe des Erfolgs auf und kümmert sich auf der Basis dieser Reputation von nun an einzig um seinen persönlichen Geschmack. Der American way of life mal andersrum. Der Grund: nur an eine Band gebunden zu sein, engt die künstlerische Freiheit zu stark ein. Patton ist hier, um Musik zu produzieren. Manchmal geht sie leicht ins Ohr, dann wieder nicht, so sein lapidarer Kommentar.

Geboren am 27. Januar 1968 im kalifornischen Eureka gründet Michael Allan Patton 1985 mit High School-Kumpels Mr. Bungle. Die Band, die später nie offiziell aufgelöst wird, erreicht schnell lokalen Ruhm. Als Faith No More in der Stadt weilen, drückt ihnen der Sänger ein Demo in die Hand. Gitarrist Jim Martin ist hellauf begeistert und 1988 engagieren ihn die Bay Area-Jungs, die zu dem Zeitpunkt ein Sänger-Problem plagt. Patton stellt allerdings klar, dass er Mr. Bungle nicht verlassen will. Bereits mit dem ersten gemeinsamen Album "The Real Thing" (1989) beginnt der weltweite Aufstieg FNMs. Patton bricht sein Englisch-Studium an der Humboldt State University ab und Mr. Bungle erhalten im Zuge seines Ruhms 1991 einen Warner-Deal.

Die eigene künstlerische Selbstverwirklichung gilt dem verheirateten Musiker bei aller Professionalität aber stets als heilige Kuh. Diese reicht von kontemplativer Elektronik, über Pop und Beats bis zu kompromisslosen Thrash-Attacken. Mit seinem Vorbild, dem experimentierfreudigen Konzept-Jazz-Rocker John Zorn, produziert und tritt er seit Beginn der 90er kontinuierlich auf, u.a. als "Weird Little Boy". Pattons Output erweist sich schon früh als zu umfangreich und zu vielseitig, um mit einer einzigen Band zu Rande zu kommen: Bald beginnt die Zahl der Releases und Projekte unübersichtlich zu werden. 1996 veröffentlicht er mit "Adult Themes For Voice" eine Solo-Platte, die nur auf Voice-Effekten beruht. "Pranzo Oltranzista" folgt ein Jahr später und featured Instrumentalisten aus Zorns Umfeld. Die Platte erscheint ebenfalls auf dessen Label Tzadik. Weitere Releases (wie Li Chin Sng) kommen hinzu.

Im Jahr der FNM-Auflösung gründet Patton gemeinsam mit Greg Werckman, dem früheren Alternative Tentacles-Manager, das eigene Label Ipecac Recodings (bei einigen der gesignten Acts ist er involviert). Einzige Bedingung für einen Deal: Die Musik muss im wahrsten Sinne des Wortes einzigartig sein, unabhängig vom Genre. Kommerz, Mainstream oder Underground - alles Begriffe, mit den er nichts anfangen kann. Patton bevorzugt einen Mix aus den verschiedensten Genres - Purismus ist nicht seine Sprache. Das Debüt seiner neuen Band, dem unberechenbaren Metal-Fusion-Vierer Fantômas, wird der erste Ipecac-Release. 1999 erscheint das dritte Mr. Bungle-Album bei Warner ("California"). 2001 gründet Patton mit Jesus Lizard-Gitarrist Duane Denison die Alternative-Rockband Thomahawk und hebt mit Dan The Automator das Elektronik-Pop-Projekt Lovage aus der Taufe. Auf das Debüt seines zweiten Projekts mit Dan, Peeping Tom (mit Kid Koala und Jennifer Charles), wartet die Fangemeinde seit 2002.

Abseits der Bühne und der Medien bleibt Patton ein hellwacher und zielstrebiger Berufener. Ein Labelmacher mit musikalischen Langzeitprojekten und Ad hoc-Kollabos, mal im Duo, mal mit komplettem Line-up oder solo. Sein Organ macht im Laufe der Jahre eine erstaunliche Entwicklung durch. FNMs Abschieds-Platte "Album Of The Year" präsentiert ihn 1997 mit voll ausgeprägter Stimme. Die Palette reicht von nahezu operntauglichen Passagen bis zu stimmschädlichen, fiebrigen Gebrüll. In die unterschiedlichen Projekte steckt er aber dasselbe Herzblut und ist gleichermaßen stolz: ob auf den Welterfolg und den stilprägenden Einfluss Faith No Mores oder die Zusammenarbeit mit einem unbekannten Musiker.

Ungezählt bleiben seine Gastauftritte und Veröffentlichungen, z.B. mit Björk, Handsome Boy Modeling School, Sparks, dem Ipecac-Signing Melvins, The Dillinger Escape Plan, Sepultura oder The Kronos Quartet. Patton versucht sich daneben als Schauspieler (u.a. im wilden Undergroundmovie Firecracker oder Amnesia). Hinzu kommen Avantgarde-Events, die extra für einen oder mehrere Live-Gigs aus dem Boden gestampft werden (Moonraker, u.a. mit Buckethead oder House Of Disciples, u.a. mit Bob Ostertag). Patton beteiligt sich auch an Tributes für Burt Bacharach, Serge Gainsbourg, Marc Bolan oder Black Flag. Nebenbei steht er einer New Orleans-Kapelle namens Flat Earth Society vor und schreibt Soundtracks. Auf wen könnte das Label "Workaholic" besser zutreffen als auf den Mann aus der Bay Area?

Im Januar 2005 veröffentlicht er mit den Turntable-Artista X-Ecutioners ein Album, im April folgt die fünfte Fantômas-Platte "Suspended Animation". Im Jahr zuvor verkauft sich deren Album "Delìrium Còrdia" bereits unerwartet gut und steigt in die Billboard-Charts ein: kontinuierliche Arbeit zahlt sich am Ende eben aus. Patton tourt zudem mit dem The Roots-Beatboxer Rahzel durch Europa und veröffentlicht die Platte mit dem Avantgarde-Elektroniker Kaada. Im Oktober 2005 führen Fantômas beim Vibration Walls-Festival, einem U-/E-Musik-Crossover-Event, Pattons Komposition "Metal And Orchestra" in Stuttgart auf. Danach gehts wieder in die andere Richtung: Im Mai 2006 erscheint mit "Peeping Tom" Mike Pattons lange angekündigtes 'Pop-Projekt'.

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Alben

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Live 2003 Mit Tomahawk live in der Kantine Köln 2003

Mit Tomahawk live in der Kantine Köln 2003, Live 2003 | © LAUT AG (Fotograf: Martin Mengele) Mit Tomahawk live in der Kantine Köln 2003, Live 2003 | © LAUT AG (Fotograf: Martin Mengele) Mit Tomahawk live in der Kantine Köln 2003, Live 2003 | © LAUT AG (Fotograf: Martin Mengele) Mit Tomahawk live in der Kantine Köln 2003, Live 2003 | © LAUT AG (Fotograf: Martin Mengele) Mit Tomahawk live in der Kantine Köln 2003, Live 2003 | © LAUT AG (Fotograf: Martin Mengele) Mit Tomahawk live in der Kantine Köln 2003, Live 2003 | © LAUT AG (Fotograf: Martin Mengele) Mit Tomahawk live in der Kantine Köln 2003, Live 2003 | © LAUT AG (Fotograf: Martin Mengele)

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