laut.de-Kritik

Pattons Wahnsinnsbande dreht durch - nix für Rabatzophobiker.

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Leider ist nicht übermittelt, was für ein Gesicht die Label-Verantwortlichen bei Warner machten, als sie zum ersten Mal "Disco Volante" vorgeführt bekamen. Denkbar ist aber eine Mischung aus Grumpy Cat und vor Entsetzen verzerrten Zügen wie beim armen Beaker aus der Muppet Show. Mike Pattons Wahnsinnsbande hat nicht nur ein verstörendes, düsteres und gänzlich unkonventionelles Album geschaffen, nein, es verwehrt sich auch zu geschätzten 90 Prozent jeglicher Eingängigkeit – der Alptraum jeder Plattenfirma!

Und schlaflose Nächte kann Mr. Bungles Zweitwerk auch all jenen bescheren, die sich unvorbereitet darauf einlassen. Die Kalifornier legen sich nämlich gleich mit allen Genrepolizeien dieser Welt an: Sie verbacken ein gutes Pfund Alternative-Rock mit 500g Jazz, Metal und allerlei anderen Stilbestandteilen in einem Kuchen. Ein Bündel TNT-Stangen der Marke ACME als Kerzen obendrauf, dann wird die Kreation mit diabolischem Grinsen den Menschen vor der Stereoanlage überreicht.

Oh-oh. Das Ding geht hoch und die Mixtur ist all over the place, wie man so schön sagt. Das Ziel von Mike Patton (voc), Trey Spruance (g), Trevor Dunn (b), Danny Heifetz (dr) und den beiden Saxophonisten Clinton 'Bär' McKinnon und Theo Lengyel scheint klar: So viel Chaos wie nur möglich anzurichten. Und die Herren geben sich keine Blöße.

Als erstes nehmen die vom Knall noch dröhnenden Ohren ein schleppendes Trommeln wahr, dazu gesellt sich ein trauriger Chor, als würde man von einem Heer verdammter Seelen heimgesucht. Ab und an schreckt die Gitarre mit einem kurzen, lärmigen Einwurf auf. Hysterisches Lachen erklingt, dann eiert der Rhythmus plötzlich, es quietscht und pfeift ... schaurig! Aber ein Songtitel wie "Everyone I Went To High School With Is Dead" lässt ja keine leicht verdauliche Kost erwarten.

Mit Leidenschaft pflügt das Sextett in knapp 69 Minuten durch alle möglichen Stilrichtungen, von Death Metal über Free Jazz ("Platypus"), Kammermusik-Einlagen und Noise-Attacken bis hin zu Kirmesmusik. Die Songs sind zappelig, skizzenhaft, vollziehen die wildesten Verrenkungen, ohne sich darum zu scheren, ob der Hörer überhaupt noch folgen kann. Dass sich mittendrin mit "The Bends" ein über zehnminütiges Instrumentalstück findet, das als Unterwasserabenteuer in zehn Akten konzipiert ist? Nur der krönende Bruch auch mit den letzten Hörgewohnheiten.

All dies macht "Disco Volante" zu einem harten Stück Arbeit selbst für jene, die mit viel Wohlwollen an die Scheibe herangehen. Doch das Durchhalten lohnt sich: Irgendwann haben sich die komplexen Songstrukturen tief genug in die Hirnrinde gefräst und man weiß plötzlich, welcher Soundfetzen wohin gehört. Jeder Dynamikwechsel, jede Zuckung, jedes Gurgeln, Grunzen, Stöhnen und Schniefen hat endlich seinen Platz gefunden – oder man bildet sich das zumindest ein, als Versuch, diesem Biest von einem Albums nicht völlig hilflos gegenüberzustehen.

Wie, glaubt da jemand, mit dieser Bezeichnung werde übertrieben? Der soll sich "Disco Volante" einmal nachts in der leeren, dunklen Wohnung reinziehen. Und zwar in Gänze! Wollen ja mal sehen, wer dann bei "Violenza Domestica" noch auf harter Hund macht! Die Nummer beginnt mit dem Geräusch von Messern, die gewetzt werden – und wird danach auch nicht eben freundlicher. In der Ferne sind angsterfüllte Schreie zu vernehmen. Patton spricht auf Italienisch eindringlich auf den Hörer ein, sekundiert von zwei Schlägertypen namens Bandoneon und Piano. Der weitere Verlauf ist wie der Soundtrack zu einem Mafiafilm gehalten, wobei man bereits ahnt, dass das kein gutes Ende nehmen dürfte.

'Unbehagen' umschreibt die Grundstimmung des Albums wohl am treffendsten. Selbst im vergleichsweise munteren "Chemical Marriage" schwingt ein bedrohlicher Unterton mit. Da kann die Orgel noch so heiter dudeln, der Patton unschuldig pfeifen – prompt schlägt die Stimmung von Jahrmarkt zu schwarzer Messe um und ein Höllenschlund tut sich auf.

In "Carry Stress In The Jaw" wirf die Band dem Hörer Cartoonsounds, jazziges Saxophon und Thrash-Metal-Riffs um die Ohren – und dreht dann erst so richtig ab! Das hyperaktive "Ma Meeshka Mow Skwoz" kombiniert weitgehend dieselben Stilmittel, wobei hier noch Kleckse von Polka und Klezmer hinzukommen. "Tom & Jerry" auf Speed – dass Patton sich in einer Fantasiesprache austobt, macht den Irrsinn perfekt.

Selbst ein Songtitel wie "Desert Search For Techno Allah" verspricht nicht zu viel: Die Nummer klingt tatsächlich technoid und orientalisch – wobei sich jeder weitere Versuch einer Umschreibung verbietet. Das muss man schon selbst gehört haben. Definitiv ein Highlight der Platte, das auch 20 Jahre nach Veröffentlichung noch faszinierend futuristisch klingt. Ansonsten aber gilt: Welche Passagen wem gefallen und welche nicht, das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks und der Tagesform.

Bei all dieser Stilvielfalt fragt sich: Gibts überhaupt etwas, dass diese Freaks nicht können? Ja, nämlich versöhnlich. Zurücklehnen darf sich der Hörer höchstens in erwähntem Taucherepos "The Bends", das mit überraschend ruhigen Arrangements aufwartet. Droht die Musik sonst einmal allzu heilsam zu werden, zaubert der Mr. Bungle flugs fiese Lyrics aus dem Hut. Aufgefahren werden Themen wie Kindesmissbrauch (im Collegerock-artigen "After School Special") oder Suizid (im depressiven Surfrock von "Merry Go Bye Bye").

Immerhin: Auch ein absurder kranker Humor blitzt immer wieder auf, vorab im Hidden Track nach "Carry Stress In The Jaw". Trevor Dunn spricht dort in der Manier eines alten Mannes mit dem Hörer und klingt dabei überraschend nach Helge.

Müsste man "Disco Volante" vor Gericht verteidigen oder sagen wir gegenüber der eigenen Familie, die darin nur Krach erkennt und sich fragt, wie man sich so etwas bloß antun kann, man hätte einen schweren Stand. Selbst innerhalb der Diskographie von Mr. Bungle ist es der Bastard – anstrengend, fordernd, teilweise auch frustrierend und nervtötend. Es braucht so einiges an Geduld, bis aus dem Kopfschütteln endlich ein Kopfnicken wird. Doch dann beginnt das Ganze, Spaß zu machen und man sieht das Album mit anderen Augen. Man gewinnt diese gequälte Kreatur sogar ein klein wenig lieb, trotz all ihrer Niedertracht und ihrer ungehobelten Art.

Moment mal. Ist das etwa schon das Stockholm-Syndrom? Jetzt aber raus an die frische Luft. Und was Beruhigendes muss her. Von Slayer vielleicht, oder Death.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Everyone I Went To High School With Is Dead
  2. 2. Chemical Marriage
  3. 3. Carry Stress In The Jaw
  4. 4. Desert Search For Techno Allah
  5. 5. Violenza Domestica
  6. 6. After School Special
  7. 7. Phlegmatics
  8. 8. Ma Meeshka Mow Skwoz
  9. 9. The Bends
  10. 10. Backstrokin'
  11. 11. Platypus
  12. 12. Merry Go Bye Bye

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