Porträt

laut.de-Biographie

Mr. Bungle

Die TV-Macher hatten solch hehre Absichten. Ihr nett produziertes Filmchen, das Anfang der Achtzigerjahre auf HBO ausgestrahlt wird, soll Kinder zu gutem Benehmen anhalten. Als schlechtes Beispiel dient dabei ein ominöser Mr. Bungle: "Ihr wisst, was ein Mr. Bungle ist? Jemand mit schrecklichen Manieren!" Bloß nicht so werden wie dieser unsittliche Kerl, so lautet die einfache Botschaft. Doch in den Augen einiger High-School-Kids aus dem kalifornischen Eureka wirkt dieser Mr. Bungle stattdessen wie ein strahlendes Vorbild.

Mr. Bungle - Disco Volante Aktuelles Album
Mr. Bungle Disco Volante
Pattons Wahnsinnsbande dreht durch - nix für Rabatzophobiker.

Besagte Halbstarke sind Trey Spruance an der Gitarre, Trevor Dunn am Bass, Danny Heifetz am Schlagzeug, ein gewisser Mike Patton als Stimme des Wahnsinns und Keyboarder, dazu die beiden Saxophonisten Theo Lengyel (Alt) und Clinton McKinnon (Tenor). Das Sextett formiert sich 1985 und macht sich flugs daran, dem Konzept der 'schrecklichen Manieren' musikalisch nachzueifern.

Im Wesentlichen bauen sie auf der rasenden Wut und Angepisstheit des Metal auf und fügen Elemente aus allen denkbaren Genres hinzu, von Funk über Folklore und Jazz hin zu Zirkus- und Filmmusik. Stürmisch, polternd, zeternd, disharmonisch und generell verstörend geht es zu. Hauptsache, das Ganze klingt nie allzu angenehm.

Die Jungspunde bringen einige Demos in Umlauf, wovon eines großen Anklang bei Jim Martin findet: Der Gitarrist von Faith No More zeigt sich von Pattons Gesangsakrobatik derart beeindruckt, dass er den Bungle-Fronter gleich für die eigene Kapelle rekrutiert. Patton sagt zu, wird 1988 neuer Sänger bei FNM, und der Rest dieser Geschichte steht auf einem anderen Blatt.

Parallel dazu hält Patton aber auch Mr. Bungle am Laufen. Auch für diese Formation zahlt sich sein plötzlicher Ruhm aus: Das Label Warner Music nimmt die wilde Bande unter Vertrag, wo 1991 ihr schlicht "Mr. Bungle" benanntes Debütalbum erscheint. Auf der folgenden Tournee macht die Band, passend zum Sound, mit schrägen Auftritten in Masken und Kostümen von sich Reden und gewinnt stetig neue Anhänger hinzu.

Nach der Tour wird es still um Mr. Bungle, weil vornehmlich Faith No More Pattons Zeit beanspruchen. Seinen Spezi Trey Spruance holt er immerhin für die Aufnahmen zum 1995er-Album "King For A Day, Fool For A Lifetime" an Bord des auf Stadion-Format angewachsenen FNM-Kreuzers.

Doch 1995 lässt dann auch wieder Zeit für Mr. Bungle: "Disco Volante" heißt der sehnlichst ersehnte Nachfolger, ein Meisterwerk, das noch eine ganze Rille düsterer, unberechenbarer und irritierender klingt. Ein Kritiker des Kerrang-Magazins vergleicht das Hörerlebnis damit, einem Haufen College-Kids gegenüber zu sitzen, die 69 Minuten lang Insider-Witze herausprusten und sich beständig ins Fäustchen lachen. "Würden Sie für so etwas bezahlen? Natürlich nicht, außer man wäre masochistisch veranlagt oder schlicht bescheuert. "

Immerhin sehen das nicht alle Kritiker so, die eingeschworenen Fans schon gar nicht. Feiern können sie ihre Helden auf einer ausgedehnten Welttournee, die Mr. Bungle 1995/96 durch die USA, Europa und Australien führt. Für Saxophonist Theo Lengyel ist es danach aber wohl genug des Wahnsinns: Er quittiert seinen Dienst.

Nach längerer Funkstille steht im Juni 1999 Bungles Drittwerk in den Regalen: "California". Die Band, nun nur noch zu fünft, überrascht mit wesentlich melodischerem, ja geradewegs zugänglichem Sound. Ein Hawaii-Feeling durchweht das Album, Beach Boys-Anleihen sind auszumachen, die Songs fallen harmonischer, weniger vertrackt komponiert aus.

Die Veröffentlichung wird jedoch wegen schon seit längerem schwelenden Anfeindungen mit den Red Hot Chili Peppers um eine Woche nach hinten verschoben, um nicht deren "Californication" ins Gehege zu kommen. Spätestens hier eskaliert der Streit zwischen den beiden Bands so richtig, und RHCP-Frontmann Anthony Kiedis nutzt seinen Einfluss, um Mr. Bungle in der Folge aus dem Programm mehrerer Festivals zu kippen. Mr. Bungle wiederum revanchieren sich mit einem Halloween-Auftritt, bei dem sie die Chilis imitieren und lächerlich machen.

Das Ende von Mr. Bungle ist damals schon nah. Im Herbst 2000 spielt die Gruppe ihr letztes Konzert und schaltet danach einmal mehr in den Standby-Modus. Patton hat mit seinem Label Ipecac und zahllosen anderen Projekten (Tomahawk, Fantomâs etc.) ohnehin genug zu tun, Spruance widmet sich vermehrt seiner bereits 1995 gegründeten Avantgarde-Gruppe Secret Chiefs 3. Trevor Dunn hilft seinen Ex-Kollegen in dieser und jener Band aus und hat mit dem Trio Convulsant ebenfalls ein eigenes Ding am Laufen.

... und was ist mit dem Bungle? Interview-Aussagen lassen darauf schließen, dass kein Comeback zu erwarten steht. Offiziell verkünden Mr. Bungle das Band-Aus aber nie. Sich einfach ohne Verabschiedung von der Party zu stehlen, ist wahrlich nicht die feine Art. Passt ja zu Mr. Bungle, diesem unverbesserlichen Tunichtgut.

Alben

Mr. Bungle - Disco Volante: Album-Cover
  • Leserwertung: 5 Punkt
  • Redaktionswertung: 5 Punkte

1995 Disco Volante

Kritik von Gil Bieler

Pattons Wahnsinnsbande dreht durch - nix für Rabatzophobiker. (0 Kommentare)

Surftipps

  • Bungle Fever!

    Coole Fansite, wenn auch nicht mehr ganz à jour.

    http://www.bunglefever.com
  • My Face Is On Fire!

    Irgendwie hat sich die Truppe auch auf Facebook gehangelt.

    https://www.facebook.com/ou818

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