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Schon 1993, bei der Veröffentlichung des Albums "Extra Width", jubelt die englische Presse die Jon Spencer Blues Explosion (JSBX) zu Innovatoren eines neuen Stils hoch, irgendwas zwischen Neo-Blues in Verbindung mit Soul, Funk, Rap und Punk. Was einmal mehr unterstreicht, wie wenig der Blues Explosion-Sound in Begriffe gefasst werden kann. In diesem Fall trifft es die Aussage von Leadsänger Jon Spencer schon klarer: "The bottom line is, for fuck's sake, it's just Rock'n'Roll!"
Die Band liebt schließlich sowohl John Lee Hooker und die Stooges als auch Run DMC oder die Beastie Boys.
Ende der 80er treffen sich Gitarrist Judah Bauer und Drummer Russell Simins in New York zu Jam-Sessions, bis ihnen der durch die Auflösung der in der Indie-Szene heiß geliebten Krawall-Combo Pussy Galore bandhungrige Sänger Jon Spencer in die Hände fällt. Schnell kristallisieren sich die energiegeladenen Liveshows zu den bandeigenen Stärken heraus, denen JSBX bis heute hauptsächlich ihren Bekanntheitsgrad zu verdanken haben.
1993 ist man mit dem Video zu "Afro" erstmals auf MTV zu sehen. Nicht wenige Beobachter sehen das '94er Album "Orange" dank seiner rauen Experimentierfreude im geordneten Chaos als kreativen Höhepunkt des Blues Explosion-Katalogs an. Zwei Jahre später engagiert die Band den durchgeknallten Regisseur Weird Al Yankovic ("Fat") für den Videoclip zum Wickie-Riffheuler "Wail" (mit großartigem Ergebnis). Der US-Durchbruch will trotz ordentlichem Indie-Airplay nicht gelingen.
1998 erscheint mit "Acme" eine deutlich weniger kantige Rockplatte, die erstmals mit zeitgemäßen Sample-Gimmicks experimentiert. Zur Belohnung versüßt die schöne Winona Ryder das Video zur Single "Talk About The Blues". Nebenher hilft Spencer seiner Frau Christina Martinez (u.a. Background Vocals auf "Acme") bei deren Hauptband Boss Hog an der Gitarre aus.
Drummer Simins beschäftigt ebenfalls ein Sideproject namens Butter 08, mit dem er beim damaligen Beastie Boys-Label Grand Royal unter Vertrag ist. Judah Bauer schrammelt unterdessen mit Bruder Donovan (dr) zusammen als 20 Miles vor sich hin. Jon wiederum zerrt derweil die Detroit Soul-Legende der 50er und 60er Jahre Andre "Mr. Rhythm" Williams aus der Gosse ins Plattenstudio und produziert ein Album mit dem Altstar.
Im Juli 1999 wird der Blues Explosion während einer Tournee in Kanada des nachts das komplette Equipment aus dem Bus gestohlen, woraufhin bald darauf das Outtakes-Album "Acme Plus" auf den Markt geworfen wird (u.a. mit Andre Williams). Im Jahr 2000 bleibt es ruhig um die Blues Explosion. Spencer ist mit Christina und Boss Hog auf Welttournee, vom Rest hört man nichts.
Ende Dezember 2000 gibt das Trio fünf Gigs in den USA, von denen das Silvester-Konzert auf einer Bühne der Country-Metropole Nashville stattfindet. Anfang 2001 erscheint Drummer Simins' Debütalbum "Public Places" unter dessen eigenem Namen. Gleichzeitig gehört die Scheibe zu einer der letzten Veröffentlichungen des Grand Royal-Labels. Im Juli 2001 wird bekannt, dass die Band sich wieder zusammen in einem New Yorker Studio versammelt hat, um den Nachfolger von "Acme" aufzunehmen. Im April kommt "Plastic Fang" schließlich in die Regale, gerade richtig zum Jubiläum: 10 Jahre Blues Explosion.
Anschließend wird es wieder etwas ruhiger um die Jungs. Im Sommer 2004 macht die Neuigkeit die Runde, dass Jon Spencer kurzerhand eine Bandnamenverkürzung vorgenommen hat. Fortan soll von seiner Band nur noch als Blues Explosion (BX) gesprochen werden. Klingt nach Neuanfang, und tatsächlich hört man dem siebten BX-Studioalbum "Damage", das Ende September erscheint, sowohl die Hip Hop-Wurzeln als auch die ungestümen Gitarrenpassagen der Frühphase an.
Der Frischzellenkur waren zudem illustre Gaststars behilflich: Dan The Automator (Gorillaz), Chuck D., David Holmes, DJ Shadow und Martina Topley-Bird besuchten die Explosion im Studio.
Bis Ende 2006 bleibt es dann relativ ruhig im Blues Explosion-Stall. Mit seinem Kumpel Matt Verta-Ray bastelt Spencer am Rockabilly-Projekt Heavy Trash (Vorbilder: Stray Cats und Johnny Cash), die 2005 auch ein gleichnamiges Album veröffentlichen. 2006 tourt er mit Heavy Trash in Europa. Im selben Jahr erscheint mit "The Man Who Lives For Love" ein Album unter dem Namen Spencer Dickinson. Dahinter verbergen sich sinnigerweise sowohl Jon Spencer als auch die Herren Luther Dickinson und Cody Dickinson, die ihrerseits die Band The North Mississippi Allstars betreiben.
Ursprünglich ein Spaßprojekt, dessen Resultate nur das Licht des japanischen Plattenmarktes erblickten, kommt Ende 2006 auch der europäische Markt in den (allerdings limitierten) Genuss des neuesten Rock'n'Roll-Manifests aus dem Hause Jon Spencer. Der elektronisch-psychedelische Blues-Bolzen wurde auf der Ranch des Produzenten und Musikers Jim Dickinson in Memphis aufgenommen. Außer diversen Dickinsons und eben Spencer scheint wirklich niemand für dieses Projekt zugelassen worden zu sein.
2007 erscheint ohne größeren Promo-Aufwand die Compilation "Jukebox Explosion", die 18 ausgewählte, meist rare und ganz sicher einflussreiche Songs aus den 90er Jahren versammelt, darunter die fünf JSBX-Singles fürs In The Red-Label. Passenderweise erscheint auch die Scheibe über das kultige Punk-/Noise-Label aus Los Angeles.
Hotel Crown Plaza. Köln. c/o Pop. Ringfestalarm. Schade, dass die Neu-Berliner nicht auch diese öffentliche Freakshow mit in die Hauptstadt genommen haben.
Die Blues Explosion, bestehend aus Jon Spencer, Judah Bauer und Russell Simins hat derweil andere Sorgen. Sie kommen gerade aus Berlin und promoten fleißig ihr neues Album "Damage". Leicht gequält sitzen sie in ihren Sesseln der Hotel-Lobby. Das Spätstück liegt noch angefressen auf den Tischen herum. Jetzt ist Bierlaune angesagt. Mr. Spencer fragt mich nach einem Getränk, steht auf und bestellt ein Kölsch für mich. *Freu*.
Danach sitzen wir gemeinsam mit Russell am Tisch und warten auf Judah, der mal eben auf die Toilette musste. Simins sitzt wie ein rockiger Brummbär im Sessel und schaut zum Fenster raus. Jon sieht ganz entspannt aus. Na, dann fange ich doch mal mit einem kleinen Small Talk an, bevor ich meinen Kassettenrecorder anschmeiße und einen wilden Soundbrei vorspiele, den ich kurzfristig für die Jungs vorbereitet habe. "Wie lange bleibt ihr in Köln? - Jon: Nur noch diese Nacht. - "Habt ihr von der c/o Pop gehört, die zur Zeit hier statt findet?" - Jon: Ja, gibt es irgendwo heute Abend gute Musik? - "Klar, nicht weit von hier im Stereo Wonderland und im gegenüber liegenden Blue Shell. Da spielen einige Gitarrenbands. Ich freue mich vor allem auf Motocrotte und Clayton Farlow!" - Jon: Was machen die für Musik? - "Rock'n'Roll!" - Jon: Yeah, hört sich gut an.
Dann fragt der Promoter noch nach einem guten Brauhaus, wo man gutbürgerliches Essen bekommt. Da stehen die New Yorker drauf. Meine Empfehlung: "Oma Kleinmann's". Da gibt es tellergroße Schnitzel mit einem Haufen Beilage, und damit sind die smarten Rockrüpel wohl nicht fertig geworden. Wahrscheinlich sind sie ins Hotel gerollt und haben den Weg am Abend leider nicht mehr in die angesagten Clubs gefunden.
Aber genug der lokalen Genuss-Intimitäten. Mr. Bauer scheint ein längeres Geschäft machen zu müssen. Russell brummt schon lauter herum, dass er endlich Musik hören will. Mr. Spencer entschuldigt sich noch einmal höflich und gibt dann sein Okay. Mein lieber Kollege Paul Greco, der mich seelisch unterstützen wollte, hat mich entweder vergessen oder er kommt mal wieder zu spät ...
Gut. Fangen wir an. Ich habe hier ein Mixtape und spiele euch jetzt ein paar Songs vor.
Jon: Und wir sollen dann erraten, wer das ist?
Genau. Und dann können wir uns darüber unterhalten oder auch nicht. (die Begeisterung steht Russell ins Gesicht geschrieben. Ich bin mir nicht sicher, ob er das jetzt gut oder scheiße findet. Seine Mimik verrät nur Langweile und Coolness. Jetzt nur nicht die Fassung verlieren. Hätte nicht gedacht, dass mir ein Glas Kölsch mal so gut schmecken würde).
The Dirtbombs - Ode To A Black Man
Russell: Yeah.
Jon: Ich liebe diesen Song. Der ist gigantisch. Das ist mein Lieblingsstück auf dieser Platte. ("Ultraglide In Black"). Großartiges Album.
Mögt ihr auch die anderen Bands von Mick Collins?
Jon: The Screws sind sehr gut und The Gornies waren einer der Größten, yeah!
Franz Ferdinand - Take Me Out
Jon: Tatsächlich mag ich diese Platte.
Russell: Der Song ist gut.
Jon: Das ist Franz Ferdinand? Yeah! Meine Frau liebt dieses Album. Sie hat sie ständig gespielt und es ist einfach catchy. Ich habe sie nie live gesehen. Sind sie gut?
Sie sind fantastisch.
Jon: Warum?
Es macht einfach Spaß, sie auf der Bühne zu sehen. Dir bleibt nichts anderes übrig, als zu tanzen.
Jon: Es ist gut, eine Band zu sehen, die selber Spaß hat. Allerdings ist das Video zu diesem Song geklaut. Das haben Freunde von mir gemacht.
(Ah, Mr. Paul Greco enters the building)
Was für eine Beziehung habt ihr zum Hip Hop?
Jon: Auf unserem neuen Album sind ein paar Gastmusiker dabei. Wir respektieren und schätzen sie.
Habt ihr euch schon vorher gekannt?
Jon: Nein, Chuck D. haben wir vor der Session getroffen. Wir spielten zusammen auf dem "Tribute Festival for the Blues" in der Radio City Music Hall. Wir haben uns die Garderobe mit Chuck D. geteilt. Dort haben wir ihn getroffen, und das war eine sehr günstige Gelegenheit zusammen zu kommen. So geschah es auch. Hip Hop hat sicherlich Einfluss auf die Blues Explosion. Aber das ist nichts Neues.
Unser letztes Album "Plastic Fang" ist klassisch gesehen ein straightes Rock'n'Roll-Album. Für mich ist da aber auch schon immer ein Einfluss von verschiedenen Leuten dabei, wie Chuck D., Ice Cube und unzähligen anderen. Nicht nur MCs, auch Produzenten. Für mich werden diese Bands immer eine Rolle spielen und meine Musik beeinflussen. Das heißt nicht, dass ich mir alle neuen Hip Hop-Sounds anhöre, aber es gab mal eine Zeit in meinem Leben, wo ich mich sehr für den Old School interessiert habe und mir diese Musik sehr nahe ging.
Und wie war letztendlich die Zusammenarbeit mit Chuck D.?
Jon: Das war gut. Ich war etwas verängstigt und nervös, aber es war o.k.
(Tja, da hätte mein lieber Kollege Johannesberg jetzt mit Sicherheit die Könige der Hip Hop-Szene vorgespielt. Meine Kenntnisse in dem Bereich sind eher bescheiden. Mal sehen, was sie davon halten.)
Absolute Beginner - Hammerhart
Russel: Deutscher Hip Hop? Kenne ich nicht.
Jon: Wer ist das? Ist das eine aktuelle Band?
Das ist eine Band aus Hamburg. Sehr aktuell.
Russel: Ich weiß nicht, ist vielleicht etwas engstirnig von mir, aber ich denke immer, deutscher und französischer Hip Hop ist ein wenig albern.
(Und jetzt bitte Kollege Paul Greco)
Französischer Hip Hop entstand genauso wie der amerikanische Hip Hop aus einer Gesellschaft von entrechteten Menschen. Ursprünglich waren das die Farbigen in Amerika, und in Frankreich kommen die meisten Bands ebenfalls aus schwarzen Communities. Viele kommen auch aus Afrika und der Karibik.
Jon: Und deutscher Hip Hop ist weiß?
Die Mehrheit der deutschen Hip Hop-Bands sind weiße Kids aus der Mittelklasse. Der französische Hip Hop hat mehr Legitimität. Das Ding ist aber, dass deutsche Hip Hop-Bands musikalisch gesehen sehr gut sind.
The Pharcyde - She Said
Russell: Was auch immer das ist, it's WACK! Wieso spielst du nicht Jay-Z oder so was? Das ist gut.
Jon: Wer ist das? Pharcyde? Welches Album? Sie hatten eine gute Platte …
Russell: Das erste Album war großartig, man. It's alright to the Pharcyde.
Beastie Boys - So Watcha Want
Russell: Ahhh, shit!
Jon: Lass mich raten, das sind Kids aus der weißen Mittelklasse? Check this out! Live muss man die gesehen haben.
Russell: Das verstehen wir, so wie Public Enemy. Das ist eine großartige Kunstform.
Jon Spencer Blues Explosion - She said
Russell: This is us on speed!
Jon: It's speed-up, man.
Russell: It's definitely speed-up, man. Speed-Up! (grins)
Jon: Das ist viel zu schnell abgespielt.
Jon Spencer Blues Explosion heißt jetzt nur noch Blues Explosion, wieso?
Jon: Unsere Band gibt es schon sehr lange. In einer Band zu spielen, bedeutet mir sehr viel. Im Laufe der Zeit ändern sich natürlich auch einige Dinge. Den Namen zu kürzen war ein Weg, um unsere musikalische Bindung hervorzuheben. Die Beziehung, die zwischen uns existiert.
The Strokes – Someday
Russell: Das sind die Strokes. Das ist die zweite Single. "Last Night" mag ich noch viel lieber. Und vor allem die Videos dazu. Hey, die erste Platte, die ich mag.
Habt ihr New Yorker Lieblingsbands?
Jon: Ja, aber du hast sie bisher noch nicht gespielt. The Velvets, The Dolls, Suicide, The Ramones, ...
Russell: The Yeah Yeah Yeahs.
(Judah hat sein Geschäft endlich erledigt und entdeckt Pauls Bass)
Jon (zu Paul): Und du willst dich als Bassist vorstellen?
Paul: Braucht ihr einen?
Jon: Ich weiß nicht wie gut du bist. Du musst mal spielen, damit ich es bewerten kann.
Ich benutze immer nur eine Saite.
Jon: Also, dein erster Fehler war schon mal, dass du nicht mit einem 6-saitigen Bass angekommen bist.
Und mein zweiter Fehler?
Jon: Du hast deinen Mund aufgemacht. Bassplayer, you stay in the back! (Gelächter)
Alan Vega - Be Bop A Lula
Jon: Oh, das ist Alan Vega.
Russell: Erste Platte, erste Soloplatte.
Jon: Ich weiß nicht, ich kann mich nicht erinnern, welche Platte das ist.
Russell: Das ist nicht die erste Soloplatte. Keine Ahnung wie die heißt. Das ist eine erstaunliche Platte.
New York Dolls - Bad Girl
Jon: Vielleicht werden wir mit denen in Portugal spielen. Wir sind sehr gespannt, wie das wird.
Russell: Ist nicht gerade jemand von denen gestorben?
Jon: Mehr als einer.
Russell: Nein, jetzt vor kurzer Zeit?
Nancy Sinatra - These Boots Are Made For Walking
Jon: Nancys Tochter wohnt in Hoboken, New Jersey. Sie kümmert sich um die Karriere ihrer Mutter. Sie hat mich gefragt, ob ich mit ihrer Mutter ein paar Songs zusammen singe in Maxwells, ein kleiner Punkrock-Laden in Hoboken. Danach war ich mit Nancy im Studio, und wir haben ein paar Songs aufgenommen. Ich denke, das wird im Herbst veröffentlicht (4. Oktober, Anm. d. Red.). Nancy Sinatra ist eine tolle Frau. Sie hat eine sehr gute Liveband. Tom Berkley spielt Schlagzeug und irgend jemand aus Guns 'n Roses spielt da auch mit. Das ist eine richtige Rockband. Nancy ist wirklich großartig.
Gibt es noch andere Künstler, mit denen du gerne mal arbeiten möchtest?
Jon: Tony Joe White. Ein amerikanischer Swamp Rock-Typ. Er hat "Pope Salade" gesungen. Das war sein größter Hit.
Boss Hog - Whiteout
Wird es demnächst ein neues Album von Boss Hog geben?
Jon: Nein. Christina schreibt gerade an neuen Stücken. Sie jammt mit dem Produzenten, mit dem sie zusammen aufgewachsen ist. Er heißt Wolf und kommt aus Washington D.C. Sie macht mit ihm eine Platte. "Whiteout" wurde von Tore Johansson produziert. Wir spielen morgen auf einem Festival in Malmö, in Schweden, da wohnt Johansson.
Du hast gesagt, dass euer neues Album "Damage" die Mutter aller Blues Explosion-Platten sei. Was genau bedeutet das?
Jon: Die Beste!
Das letzte?
Jon: Die Mutter aller Platten. Heavy! Great! Big! Stupendous! Musik, mit dem meisten Bass.
Elliott Smith - Son of Sam
Jon: Mit ihm haben wir was auf unserer letzten Platte gemacht … Das war der Anfang unserer Freundschaft. Wir hatten ein paar Sessions mit ihm in New York und andere bei ihm in L.A. Einige Aufnahmen werden wir in Zukunft sicherlich benutzen. Aber es war sehr sehr traurig ... Eine Tragödie. (Elliott Smith beging im Oktober 2003 Selbstmord, Anm. d. Red.)
Welche Platte habt ihr euch zuletzt gekauft?
Russell: Ich weiß was das war.
Jon: Ich weiß was die nächste Platte sein wird, die ich kaufen werde. "How The West Was Won" von Led Zeppelin. Live Aufnahmen aus den 70er Jahren. Die wurde schon vor ein paar Jahren veröffentlicht.
(Und dann wendet sich Jon noch mal Pauls Bass zu, den Judah die ganze Zeit im Hintergrund gespielt hatte und offensichtlich weit spannender fand als mein Interview.)
John: Spielt ihr in einer Band zusammen? Wie heißen die?
La More.
Jon: L'amour? Oh la la!
Das Interview führte Jasmin Lütz.
Im Vorfeld des Album-Releases "Plastic Fang" setzte sich die Blues Explosion in New York in den Flieger, um in Köln eine Runde Interviews und ein Clubkonzert im Gebäude 9 zu geben. So weit, so interessant. Wären da nicht diese von außen schwer zu beeinflussenden Ungereimtheiten.
Als die Blues-Bande schwer gejetlagged frühmorgens im Kölner Hotel einmarschiert, mag der gewitzte Hotelboy vielleicht "Hallo Spencer" gegrüßt haben, die gebuchten Hotelzimmer konnten jedenfalls nicht sofort freigegeben werden. Also mussten die Jungs hundemüde im Foyer herum lungern, um nach einem kurzen Nickerchen den lieben langen Tag Interviews zu geben. Rockstar-Leben, unglamourös. Vor allem wenn man nicht zu den redseligsten Persönlichkeiten gehört, wie unser Herr Spencer. Als um 17 Uhr schließlich LAUT den Fragebogen zückte, hätte Jon vermutlich lieber bei seinen Eltern den Rasen gemäht, als erneut den Wiederkäuer zu geben.
Ihr spielt morgen einen Club-Gig im Gebäude 9. Ist es das erste Mal, dass ihr Songs des neuen Albums live spielt?
Nein, die Songs existierten schon lange bevor wir sie aufgenommen haben. Die ersten wurden bereits im Herbst 2000 geschrieben. Vor dem Studiotermin waren wir dann lange auf Tour in den USA, zweimal in Südamerika und auch in Japan. Nicht zu vergessen die Handvoll Festivals in Europa im letzten Sommer. Wir hatten also genug Gelegenheiten, die neuen Songs auf der Bühne auszuprobieren.
An Silvester 2000 habt ihr dann in Nashville gespielt. War das schon ein Warm Up für die Aufnahmen?
Das war sozusagen der erste Schritt. Nashville war eine Station unserer Mini-Tour und wir probierten da bereits neue Songs aus. Die Blues Explosion hatte zu dem Zeitpunkt ein gutes Jahr Pause hinter sich.
Welche Gefühle empfindest du für das neue Material?
Oh, ich liebe es. Es hat großen Spaß gemacht, die Songs öfter zu spielen, bevor wir sie letztlich mit ins Studio geschleppt haben.
"Plastic Fang" ist im Verglich zu "Acme" ja bedeutend rauer und kantiger. Purer Rock'n'Roll eben.
Es ist in vielerlei Hinsicht eine Art Rückbesinnung auf alte Blues Explosion-Tugenden. Ich liebe dieses Album und bin sehr stolz darauf. Wir sind eine Rock'n'Roll-Band und "Plastic Fang" ist eine Rock'n'Roll-Platte.
Yeah, ich finde sie auch gut.
Damn, bist du sicher? (lacht)
Trotzdem: Wie kam es zu dem Wechsel von der "Acme"-Sample-Power zum R'n'B-infizierten Rock'n'Roll der neuen Scheibe?
Also ich finde, auf "Acme" war der R'n'B-Anteil wesentlich höher. Obwohl "Acme" im Nachhinein eigentlich als Experiment angesehen werden muss. Die Platte war eine Art Frankenstein, ein Monster.
War es demnach einfacher, die neue Scheibe aufzunehmen? Wusstet ihr, dass es diesmal wieder rauer ausfallen würde?
Das ist schwer zu sagen. Die Grundlage beider Alben sind wir drei Typen, die live im Proberaum spielen. Wir haben es auch diesmal so gehalten wie wir es immer tun. Man trifft sich, jammt zusammen und beginnt, Songs zu schreiben. Da redet man nicht darüber, wie etwas klingen wird. Bei uns wird sowieso nicht so viel diskutiert, sondern eher impulsiv gearbeitet. Wobei wir dieses Mal tatsächlich länger nachgedacht haben, welchen Produzenten wir dazuholen sollen. Unsere einzige Zielsetzung lautete: wir wollen DIE Platte aufnehmen. Kein Trash. Wir wollten eine Platte machen, an der niemand vorbei kommt.
Welche Einflüsse würdest du im Hinblick auf den Album-Sound zulassen?
Für mich persönlich gab es keinen direkten Einfluss, den ich mit dem Aufzählen einiger Bands erläutern könnte. Es ging eher um meine Idee vom Blues Explosion-Gesamtsound. Dinge, die eine große Rolle für unser Album gespielt haben sind aber zweifellos das Erinnern, die Rückbesinnung.
'Halbmast' ist eine schwer euphorische Umschreibung für den Zustand von Jon Spencers Augenlidern. Vielleicht taut er ein wenig auf, wenn ich ihn mit seinen Idolen konfrontiere, von denen zumindest zwei bei "Plastic Fang" mitgewirkt haben.
Anstelle von Andre Williams habt ihr dieses Mal Legenden wie Bernie Warrell von Funkadelic oder den unglaublichen Dr. John ins Studio gelotst ...
Vergiss nicht Elliott Smith!
Ok, und Elliott Smith. Fallen dir diese Leute ein, während neue Songs langsam Form annehmen?
Also, die Idee mit Dr. John und Bernie Warrell hat unser Produzent Steve Jordan angeschleppt. Und er hat nicht blind irgendwelche Leute vorgeschlagen. Nein, es machte alles Sinn. Sie haben die Songs definitiv weiter gebracht. Yeah. Und ... äh, wie war deine Frage nochmal?
Es ging um Kollaborationen. Ob die Blues Explosion bei manchen Songs Einflüsse von außen braucht.
Aah, beim Komponieren? Nein! Aber es macht einfach viel mehr Spaß! Und wenn ich was nicht spielen kann, müssen wir sowieso jemand anderen dazu holen. (lacht)
Und wie verlief die Studio-Arbeit mit solch großen Namen?
Es war cool. Mit Dr. John zu arbeiten gehört natürlich zu den besonderen Erlebnissen. Er ist einfach ein total verrückter Typ. Was das Thema Leute treffen angeht, bin ich von Natur aus eher der schüchterne Typ. Da kann es natürlich schnell peinlich werden, wenn man jemanden trifft, von dem man auch Fan ist. Aber es war aufregend und ja, very nice.
Den Songwriter Elliott Smith einzuladen war dann aber deine Idee?
Yeah. Elliott ist ein guter Bekannter von mir.
Hat Russell eigentlich dich oder Judah letztes Jahr gefragt, ob ihr zu seinem Soloalbum "Public Places" etwas beitragen wollt?
Ich weiß nicht, ob er Judah gefragt hat. Mich jedenfalls nicht.
Mochtest du das Ergebnis?
Ähm ....
... oder hat es dich überrascht?
Genau, ich war überrascht.
Vielleicht noch ein Wort zu der fiesen Geschichte von 1999, als euer gesamtes Equipment auf Tour geklaut wurde. Hat man den Dieb je erwischt?
Nein.
Aber ihr bekamt Geld von der Versicherung, oder?
Ja, schon. Aber du musst wissen, dass die Sachen einfach unersetzlich waren, beinahe Antiquitäten wenn du so willst. Der emotionale Wert ist mit Geld nicht aufzuwiegen.
Wir merken: Jon wird zunehmend einsilbiger. Die eben gestellte Frage stocherte außerdem nochmal zielgenau in nicht verheilten Wunden, was die Situation nicht entspannter gestaltet. Es scheint also angebracht, nach einem kleinen JSBX-Ausblick in Frieden auseinander zu gehen.
Mal angenommen, "Plastic Fang" stürmte plötzlich die Charts. Würde sich massiver Erfolg auf die Arbeitsweise oder die Gewohnheiten der Blues Explosion auswirken?
Yeah, das könnte durchaus sein. Aber man kann das nicht vorhersagen. Wir machen das Ganze schließlich schon sehr lange.
Wen würdest du denn gern von der Charts-Spitze verdrängen?
Ähm, keine Ahnung. Wer ist denn an der Spitze der Charts?
Puh. Wahrscheinlich jemand, den du nicht besonders schätzt.
Das mag sein. Aber ich will hier ja niemanden runtermachen. Ich bin hier, um über die Blues Explosion zu reden.
Richtig. Und das hat der gute Mann getan. Allein heute schon ein Dutzend Mal. Artig bedankt er sich, das mit Koteletten überwucherte Gesicht zeigt ein erschöpftes Lächeln und wendet sich dann in Richtung seiner Kollegen Judah und Russell. Die sind schon eifrig dabei, die Interviewpause für einen Imbiss zu nutzen, der an einem Nebentisch gerichtet wurde. Auch Jon wird sich gleich Obst in den Mund schieben und am Folgeabend im Gebäude 9 dann wie üblich sein Mikro. Der Club ist ausverkauft und die Blues Explosion spielt einen coolen, routinierten Gig, der nebenbei verdeutlicht, wofür die Jungs eigentlich die Reise nach Europa angetreten haben.
Jukebox Explosion (2007)
Now I Got Worry (1996), Experimental Remixes (1995), Orange (1994), Extra Width (1993), Mo Width (1993), Crypt Style (1992), The Jon Spencer Blues Explosion (1992)
Interview, Penthouse, 1997.
http://www.jimdero.com/OtherWritings/Spencer.htm
US-Labelseite zur Power-Kollabo.
http://www.yeproc.com/artist_info.php?artistId=10902
Und noch eine Spielwiese von Jon Spencer: sein Rockabilly-Projekt mit Matt Verta-Ray.
http://www.heavytrash.net
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