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Legendäre Hip Hop-Gruppen gibt es wie Sand am Meer. N.W.A gelten als die Härtesten, Gang Starr bilden für viele das perfekteste Duo, und der Wu-Tang Clan dominierte die Neunziger. Der Native Tongue-Fan hält A Tribe Called Quest für das Maß der Dinge, die Alternative-Front schwört auf die Beastie Boys oder Cypress Hill, und Outkast prägen das noch junge Jahrtausend. Viele Headz aber sehen trotz deren längerer Durststrecke die Politrapper von Public Enemy als "The Greatest Hip Hop-Group Of All Time".
Der Leadrapper Chuck D gründet 1982 gemeinsam mit Flava Flav und Hank Shocklee die Formation Public Enemy. Später stoßen Professor Griff, Terminator X und die S1 WS-Sicherheitscrew dazu. Die Liebe zum Hip Hop und das Interesse am politischen Geschehen einen die Truppe. Ihre brandneue Version des Hardcore-Raps ist musikalisch und politisch revolutionär. Mit dem kontroversen Stil entwickeln sich Public Enemy zu der Rapgruppe, die Ende der 80er den größten Einfluss ausübt und eine prägende Rolle für nachfolgende Künstler wie Ice Cube und Busta Rhymes, aber auch für Tricky oder Gruppen wie Biohazard und The Chemical Brothers spielen soll.
Mit ihren Texten machen Public Enemy auf jede Art von sozialen Problemen und Ungerechtigkeiten aufmerksam. Natürlich sind dies oft Themen, mit denen sich die Black Community seit jeher auseinandersetzen muss. Rap sei das CNN der Schwarzen, erklärt Chuck D metaphernfest das Ansinnen eines ganzen Genres. Mit ihrer Musik erzeugen die New Yorker eine Art neues schwarzes Selbstbewusstsein, das besonders Anfang der 90er Jahre eine Rolle spielt. Als Blickfang dient der Rapper Flavor Flav, der durch seine ausgefallenen Sonnenbrillen und seine überdimensionale Uhr auffällt.
Das erste Demotape "Public Enemy No. 1" läuft in einer Radioshow noch unter den Pseudonym Chuckie D. Es gerät in die Hände von Rick Rubin, dem legendären Def Jam-Mitgründer. Das Debütalbum "Yo! Bum Rush The Show", das 1987 dort erscheint, erntet zwar von den Hip Hop-Kritikern Lobeshymnen, findet bei der breiten Masse aber wenig Anklang. Ihr zweites Album "It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back", heute ein Klassiker, lässt sich jedoch nicht mehr ignorieren, und so steigen Public Enemy zu einer bedeutenden Kraft auf. 1991 schlagen sie gar eine Brücke zum Metal und befördern die rüde Kollabo "Bring The Noise" mit Anthrax ans Tageslicht
Ab Mitte der 90er gönnen sich Public Enemy hin und wieder eine kleine Auszeit. Sie gründen ein eigenes Label und kehren erst 1998 mit dem Soundtrack zu "He Got Game" von Spike Lee ins öffentliche Bewusstsein zurück. Das Echo ist ungeteilt: Public Enemy sind und bleiben revolutionär. So veröffentlichen sie bereits 1999 die Single "Swindlers Lust" auf ihrer Webseite als Download, später kann man dort für schlappe acht Dollar auch die neue CD "There's A Poison Goin On" erstehen.
Anschließend tritt Flava Flav als Gast bei DJ Tomekk ("Rhymes Galore") und dem Wu-Tang Clan ("Soul Power") in Erscheinung. Chuck D dagegen nimmt eigene Leute unter seine Fittiche, leitet Workshops sowie einen weltweiten Remixcontest und baut das Label Slamjamz mit auf. Pünktlich zum 15. Rapgame-Geburtstag bringen PE 2002 ihr achtes Studioalbum "Revolverlution" heraus und knüpfen an alte kritische Härte in Sachen Sound und Lyrics an.
Erst 2004 hört man wieder etwas Neues von den Hip Hop-Innovatoren: gemeinsam mit Techno-Kollege Moby rufen Chuck D und Co. auf der Single "Mklvfkwr", dem Kürzel für "Make Love Fuck War", in deutlichen Worten zum Frieden auf. Der Song ist Teil des Soundtracks zur Olympiade in Athen und erscheint Ende Juli auch als limitiertes 12"-Vinyl. Die Kollaboration der unterschiedlichen Künstler soll Chuck D. zufolge die universale Sprache des Friedens in der Musik illustrieren.
Wo genau die Intention in Flavor Flavs neuer Lieblingsrolle als TV-Clown liegt, die er ab 2005 in Reality-Shows wie "Flavor Of Love", "Strange Love" oder "Surreal Life" auslebt, ist da schon schwieriger zu ergründen. Scheinbar der puren Ruhmessucht erlegen, lässt sich der Politrapper mit offensivem Hang zur visuellen Extravaganz etwa im MTV-Format "Flavor Of Love" von jungen Damen in privaten Gemächern umgarnen und nach alter Mittelalter-Art erobern.
Angesichts des Rollen-Stereotyps, das den Afroamerikaner hier pfauengleich als dauergrinsenden, hypersexuellen und teilweise gewalttätigen Hofnarr darstellt, verwundert es kaum, dass sich auch PE-Chef Chuck D. zum TV-Ruhm seines Kollegen geäußert hat: Er könne nicht behaupten, dass dies Werte seien, für die sein Rap-Kollektiv stünde, heißt es in einer Mitteilung knapp.
Der zwischenmenschlichen Beziehung zu Flav scheint dies jedoch nicht hinderlich gewesen zu sein, denn im September 2007 erscheint mit "How You Sell Soul To A Soulless People Who Sold Their Soul" ein weiteres neues Studioalbum der alten Politrap-Institution.
Anno 2009 setzen die New Yorker erneut auf die Karte Internet: Die Fans sollen das kommende Studioalbum finanzieren, man hoffe auf 250.000 Dollar - jeder Investor könne im Vorfeld Anteile erwerben und erhalte nach Fertigstellung ein exklusives, nummeriertes Exemplar. Zudem werde er auch an den künftigen Einnahmen beteiligt, schlagen Chuck D. und Kollegen vor.
Bisher sei das Musikbiz so strukturiert, dass eine Band versuche, mit Musik Fans zu gewinnen. Das neue Modell beginne bei den Fans, die die Platte finanzierten. Bei der konkreten Umsetzung steht die niederländische Firma Sellaband zur Seite.
Der Public Enemy-Gründer über Flavor Flav, Kunst, Kommerz und Rohrleitungen.
Mit ihrer neuen, ganz anderen Herangehensweise an Musik revolutionierten die Gebrüder Hank und Keith Shocklee Ende der 80er das Sampling und hoben Hip Hop auf das nächste Level.
Mit Public Enemy schrieb Hank Shocklee Hip Hop-Geschichte. Er arbeitete von KRS-One über Run DMC, Ice Cube, Rakim und Slick Rick bis hin zu LL Cool J mit den Größen des Genres, dessen Sound er revolutionierte. Zudem schoben er und sein Bruder Keith die Regler für diverse R'n'B- und Pop-Interpreten. Nach zwei Dekaden im Geschäft wildert The Bomb Squad 2009 immer noch unermüdlich in basslastigen Revieren.
Auch, wenn der Name nicht gleich jedermann geläufig ist: Ihren Output kennen sie alle. The Bomb Squad zählt ohne Frage zu den einflussreichsten Produzenten-Teams der Rap-Geschichte. Inzwischen haben sich die Uhren weiter gedreht, die krawallige Reise führt mittlerweile durch Dubstep-Gefilde. Für ein Telefonat mit einem ungebrochen umtriebigen Zeitzeugen bleibt man gerne mal ein bisschen länger im Büro.
'N Abend, Hank. Wie gehts Dir?
Mir gehts gut.
Du bist heute in Berlin?
Ja. Wir sind vor ein paar Stunden erst angekommen, und alle hier sorgen dafür, dass ich mich wie zu Hause fühle. Es ist echt großartig.
Ich wurde zu dem Interview überredet - was zugegebenermaßen nicht sehr schwierig war - mit den Worten: "Come on, fünfzehn Minuten mit dem größten Rap-Producer aller Zeiten ..."
Ooooh, wie nett! Danke schön! Das ist ein großer Titel, dem muss man erst mal gerecht werden ...
Denkst Du, Du hast ihn verdient?
Weißt du was? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob ich der größte Rap-Produzent aller Zeiten bin. Ich glaube, ich bin ganz gut. Ich bin ziemlich stolz drauf, aber ich denke nicht, dass ich der Größte bin. Das klingt immer so, als wolle man allen anderen erzählen, sie seien weniger gut.
Aber zweifellos hast Du Hip Hop zu einer Erfahrung gemacht, die Körper und Geist trifft.
Yeah. Aber das Lustige ist, dass ich nicht einmal vorhatte, so etwas zu tun. So etwas kann man sich gar nicht vornehmen. Du machst einfach irgendetwas, von dem du denkst, dass du es selbst gerne hören würdest. Und dann stellt sich heraus, eine Menge Leute sprechen extrem gut darauf an.
Ich denke mal, Du hast so ziemlich jeden beeinflusst, der nach Dir kam. Woher nahmst Du Deine eigene Inspiration?
Ich denke, es hängt alles mit dem richtigen Zeitpunkt zusammen. Ich hatte einige Ideen, die ich schon immer umsetzen wollte. Dann habe ich die Gelegenheit dazu bekommen. Ich verdanke das Jungs wie Rick Rubin und Russell Simmons, die mir gestattet haben, im Studio ziemlich genau das zu machen, das ich mir vorgestellt habe, anstatt mir vorzuschreiben, was sie sich vorstellen.
Du glaubst also, ein Großteil Deines Erfolgs beruht auf Zufall? Darauf, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein?
Ich glaube, das hat eine Menge damit zu tun. Mit Timing. Timing spielt fast überall eine große Rolle. Du kannst noch so gut sein, zur falschen Zeit merkt das niemand. Timing hat eine Menge mit Erfolg zu tun, ja.
Hattest Du damals eine Vorstellung davon, was Du lostreten würdest?
Oh, nein. Zweifellos nicht im Geringsten! Aber weißt du, was ich wusste? Ich wusste, dass ich mit einer richtig, richtig coolen Sache um die Ecke kam. Es ist überall gleich: Wenn du einen Artikel schreibst, dann weißt du vielleicht, dass du an einer richtig coolen Sache dran bist. Du denkst dir: "Wow, das gefällt mir wirklich!" Aber wie oft stimmt dir die Öffentlichkeit dann auch noch zu, hmm?
Oft genug stelle ich dann aber fest, dass die Artikel, die ich im ersten Moment für besonders gut gehalten habe, mit ein bisschen Abstand betrachtet nicht meine allerbesten sind.
(Lacht) Ja, das passiert auch. Das passiert dauernd, eigentlich öfter als alles andere. Aber manchmal, wenn du etwas richtig Gutes fabriziert hast, dann reagiert dein Publikum darauf. In diesem Moment, denke ich, fühlst du etwas. Du fühlst eine Verbindung, von der du nur sehr selten das Glück hast, sie erleben zu dürfen.
Ja. Wenn Du DJ bist und genau die richtige Platte im richtigen Moment auflegst ...
Genau.
Das passiert einem dreimal im Leben, schätze ich.
Yeah. Und dann fragen dich die Leute dauernd: "Warum kannst du das nicht wiederholen?" Warum können Leute ihre großen Erfolge nicht wiederholen? Ich sags dir: Weil es dann nicht mehr neu ist. Du erwischst die Leute nicht mehr so, weil du sie nicht so überraschst, wie du es vorher getan hast. Bevor ich Erfolg hatte: Wer war ich da? Es gab keinen Maßstab, an dem man mich hätte messen können. Es gab niemand, der entscheiden konnte, ob ich gut oder schlecht war - und es gab auch niemanden, den das interessiert hätte. Nachdem du etwas vorgelegt hast, schauen sich die Leute das an. Und wenn sie dann denken: "Das ist großartig!", dann wirst du fortan daran gemessen. Und dem kann man nie gerecht werden, weil es einfach ein bestimmter Moment war, der sich nicht wiederholen lässt. Wenn ich Aufnahmen mache, versuche ich niemals eine zu machen, die mit meiner letzten Platte konkurriert. Ich glaube nicht daran, den gleichen Sound wieder aufzuwärmen. Ich denke, eine Platte wird für einen bestimmten Moment, eine bestimmte Zeit aufgenommen, und dann muss man weitergehen. Genau wie ein Fotograf: Der kann einen bestimmten Moment auch kein zweites Mal festhalten, weil dieser Moment nicht wiederkehrt.
Ich schätze mal, Hip Hop-Heads heute kennen Deine Arbeit - aber kaum jemand kennt Deinen Namen. Du hast mal gesagt, als Produzent müsse man unsichtbar bleiben, hinter den Interpreten zurücktreten. Fehlt einem da nicht die Aufmerksamkeit?
Hmm, das kommt darauf an, was man unter Aufmerksamkeit versteht. Ich bin jetzt aus dem Schatten getreten, weil ich jetzt mein eigenes Projekt vorstelle. Also stelle ich mich ins Zentrum der Aufmerksamkeit, obwohl ich da eigentlich nie hin wollte. Ich habe immer gesagt, als Produzent sollte man sich im Hintergrund halten. Bei einem stylischen Haus, wie oft fragt man sich da schon, wer wohl die Rohrleitungen verlegt hat? Du fragst dich das niemals wirklich, aber irgendjemand muss es ja gewesen sein. Wenn der dann einen guten Job gemacht hat und alles in Ordnung ist, kümmert es keinen. Ich hab' mich immer ein bisschen als den Klempner betrachtet. Ich geh' einfach rein und mach' einen guten Job, weil man das von mir erwartet.
Ja. Weil wir inzwischen in anderen Zeiten leben. Um dein Projekt zu promoten, musst du im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Wir bewegen uns in einer Kultur, die sehr auf Berühmtheit bedacht ist. Alles basiert darauf, dass jeder irgendetwas verkaufen muss. Wenn ein Schauspieler in einem Film mitspielt, muss er danach rausgehen und Promo- und Pressearbeit machen und sich selbst zu Markte tragen, um den Film zu verkaufen. Ich bin der Schauspieler in meinem eigenen Film, also muss ich rausgehen und ihn verkaufen. Andernfalls würde ich das nicht tun. Ich würde auch lieber in meinem Studio sitzen, rumfrickeln, Platten machen und glücklich sein. Aber in so einer Welt leben wir nicht mehr.
Jetzt müssen die Klempner rausgehen und Werbung für ihre Betriebe machen?
Genau.
Du bist seit über zwanzig Jahren im Musikgeschäft und wirkst kein bisschen müde.
Weißt du was? Nein! Ich betrachte es als Privileg, Musik machen zu dürfen. Ich habe nie etwas anderes gedacht. Ich denke, wenn man spannend findet, was man tut, wird man nie müde. Ich durfte mir etwas aussuchen, das zu tun ich liebe. Ich liebe es, Musik zu machen. Ich liebe es, im Musikgeschäft zu arbeiten. Wenn man liebt, was man tut, fühlt es sich gar nicht wie Arbeit an. Ich werde es niemals satt bekommen.
Viele deutsche Rap-Künstler aus den frühen 90ern, als hier bei uns alles losging, scheinen vom Hip Hop inzwischen die Schnauze voll zu haben. Sie haben zwar nicht aufgehört, Musik zu machen, aber sie haben zum Funk gewechselt, zu Pop, zum Reggae, zu Electronica. Deine Musik scheint sich mehr und mehr in Dubstep zu verwandeln, richtig?
Yeah. Und soll ich dir was sagen: Das ist gut so. Ich denke das als Künstler. Eine Sache, die ich nie mochte, wenn man auf einem kommerziellen Level Platten macht: Wenn du einmal mit einem bestimmten Style bekannt geworden bist, wirst du beinahe gezwungen, darauf hängen zu bleiben. Ich denke aber, ein Künstler sollte in der Lage sein, zu tun, was immer er gerade will. Man sollte sich verwandeln, sich neu erfinden können. Man sollte an einem Tag ein Hip Hop-Album und am nächsten eine Rock-Platte machen können. Und wenn einem danach ist, am übernächsten eine Jazz- oder eine Dance-Platte. Oder Elektro. Es sollte einem gestattet sein, alle Facetten seiner Kreativität auszuleben, alle seine kreativen Bedürfnisse.
Denkst Du, dass Rap - oder Hip Hop als Ganzes - ein Teenager-Phänomen ist? Dass Leute mit zunehmendem Alter etwas schaffen wollen, das ... erwachsener ist?
Komisch, dass du das sagst. Rap war immer für die Jugend. Ich denke, das Problem, das wir heute haben, ist, dass es inzwischen nur noch für die Jungen ist. Dafür kann aber das Publikum nichts. Das liegt daran, dass die Plattenfirmen nicht daran glauben, dass Rap wachsen sollte. Wenn du eine Umfrage starten würdest, ich bin sicher, du würdest Leute aller Altersgruppen finden, die Rap mögen. Es gibt Sechzig-, Siebzigjährige, die auf Rap stehen. Über die wird nur in der Regel nicht nachgedacht, wenn entschieden wird, was veröffentlicht wird. Aus der Sicht der Plattenfirmen soll jeder, sollen alle Künstler nur Platten für 15-jährige Kids machen. Was man dann so hört, ist, was bei dieser Politik heraus kommt.
Ich bin ja auch überzeugt davon, dass ich für jeden eine Hip Hop-Platte finden kann, die ihm gefällt. Hip Hop ist so riesig, da ist für jeden, auch für den Metalhead oder den Reggae-Fan, irgendwas dabei. Das wissen die meisten nur nicht, weil sie nur das kommerzielle Zeug kennen, das auf MTV läuft, und dann denken, das sei Hip Hop.
Stimmt genau. Und es ist total schade, dass Popmusik heute genau so funktioniert. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem sich alles nur noch um Marketing und kaum noch um die Musik dreht. Aber ich denke auch, dass sich das gerade wieder ändert. Die Independent-Szene befindet sich gerade völlig im Umbruch. Die Art, wie Leute an ihre Musik drankommen, ändert sich, und damit auch, wer bestimmt, wer die neuen, aufstrebenden Künstler sein werden.
Denkst Du, dass im Zuge dieses Wandels positive Werte wie education, knowledge, understanding, wisdom - einst ja mal zentrale Begriffe im Hip Hop - wieder eine größere Plattform finden werden?
Ich glaube schon. Witzig ist, dass seit Barack, Barack Obama, Präsident wurde, weißt du, Präsident der Vereinigten Staaten ...
Ich hab' von ihm gehört, ja.
(Lacht) Sorry. Hätte ich mir denken können. Also, wirklich witzig: Danach kamen eine Menge MCs und Rapper zu mir und meinten: "Ich wollte eigentlich richtig kommerzielle, negative Musik rausbringen, aber seit Barack im Amt ist, hab' ichs mir anders überlegt. Ich will das doch nicht rausbringen. Ich will statt dessen lieber etwas Positiveres machen." Es ist schon lustig, dass solche Typen so denken. Das sagt mir, dass es noch Hoffnung für intelligentere Musik gibt. Für Musik, die mehr bedeutet, als es meist gerade der Fall ist.
Du befindest Dich also nach wie vor auf einer Mission?
Oh, zweifellos! Man muss doch! Zwar wurden schon viele Dinge getan, aber es ist noch so viel zu tun übrig! Wir haben die Reise doch gerade erst begonnen. Ich finde es ironisch: Wir werden gerade Zeugen der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten, nicht nur in den USA. Wir stehen vor einer globalen Umweltkatastrophe, mit all der Verschmutzung und dem Mist, den wir in die Atmosphäre blasen. Wir führen einen Krieg gegen den Terrorismus, bei dem niemand zu wissen scheint, wer überhaupt der Feind ist. So viele Dinge laufen gerade schief, und die Musik thematisiert nichts von alledem. Das zeigt doch, in welchem Maße da Zensur stattfindet. Wenn man auf die Sechziger oder die Siebziger zurückblickt, dann trifft man auf Künstler wie Bob Dylan, sogar die Beatles und die Rolling Stones: Diese Typen haben über Themen geschrieben, die gerade anstanden. Sie haben von ihrem Recht Gebrauch gemacht, einige der kranken Dinge, die sich abspielen, beim Namen zu nennen. So hat Musik die Welt verändert. Und jetzt redet oder schreibt niemand über diese ganzen verkorksten Sachen? Ich finde das ironisch, weil es heute noch viel mehr gibt, über das man sprechen müsste, als früher.
Musik sollte Deiner Meinung nach also immer einen politischen Bezug herstellen? Alles, das wir tun, besitzt einen politischen Bezug. Wenn man morgens aufsteht, und sich für Sneakers entscheidet statt für Schuhe, ist das schon politisch. Jede unserer Handlungen. Wir haben nur nicht gelernt, in diesen Kategorien zu denken. Wir haben statt dessen gelernt, die Politik-Muskeln in unseren Hirnen an- und auszuknipsen. Wir schalten sie an, wenn es politisch korrekt ist, und wir schalten sie wieder ab, wenn es politisch korrekt ist. Für mich ist das Schrott. Ich bin der Meinung, solange man atmet und solange man sich auf diesem Planeten aufhält, sollte man in irgendeiner Weise für Gerechtigkeit kämpfen. Es gibt schon genug Ungerechtigkeit um uns herum.
Ich weiß noch nicht mal, wie ich es nennen soll. Es ist basslastiger Dubstep. Reggae. Es hat diese Vibrations, verstehst du? Der Grund dafür ist: Das war die allererste Musik für mich. Als ich Hip Hop gemacht habe, kam ich aus dem Dance-Bereich. Ich kam vom House, von Disco ... aus dieser Ära. Ich kam aus einer Dance-Welt. Ich habe angefangen, Hip Hop zu machen, weil ich Hip Hop als fresh empfunden habe, als eine Alternative, als etwas, das aufregend und neu war. Genauso habe ich mich gefühlt, als ich angefangen habe, Dubstep zu hören. Ich betrachte plötzlich das als fresh, spannend und neu. So etwas weckt mein Interesse. Als ich Hip Hop gemacht habe, wollte ich Hip Hop nicht wie jede andere Hip Hop-Platte klingen lassen. Genauso möchte ich jetzt nicht, dass meine Dubstep-Platten klingen wie beliebige andere Dubstep-Platten. Wenn du dir Künstler wie die Soul Sonic Force oder Bambaataa und die Leute, mit denen alles angefangen hat, anschaust, stellst du fest: Hip Hop hat mit Electro-Platten angefangen.
Electro Boogie, ja.
Stimmt. Und dann begann die Wanderung. Hip Hop bewegte sich in Richtung Dance, dann zum R'n'B, zum Rap, und in alle anderen Richtungen, die er einschlug. Ich glaube, dann hat er sich in einem bestimmten Gebiet niedergelassen und blieb da. Von da ab hat sich meiner Meinung nach alles nur noch wiederholt. Schau dir die ganzen alten Hip Hop-Künstler doch an: Jeder macht die selbe Platte wie beim letzten Mal. Jeder einzelne! Sie denken, was einmal funktioniert hat, wird wieder funktionieren. Für mich geht das in Ordnung, aber dafür mach' ich keine Kunst. Ich mach' keine Kunst, weil ich denke, es habe schon einmal funktioniert. Ich dachte nicht, dass die Kunst, die ich mit Public Enemy geschaffen habe, funktionieren würde. Deswegen habe ich das nicht getan. Ich hab' es gemacht, weil es genau das war, das ich in diesem Moment gefühlt habe. Ich denke, man muss zwischen Künstlern und Kommerz-Künstlern eine Unterscheidung treffen. Ich denke, eine Menge dieser Leute sind Kommerz-Künstler. Ich halte sie allerdings nicht für echte Künstler, denn echte Künstler scheren sich nicht um Kommerz.
Ja, aber manchmal muss man trotzdem essen. Oder seine Miete bezahlen.
Weißt du was? Weißt du, was ich dazu sage? Ich sage: Such' dir einen Job! Man fängt doch nicht an, Musik zu machen, weil man es zum Beruf machen will. Du wirst doch nicht Künstler, weil du denkst, so könntest du deine Rechnungen bezahlen!
Ich fürchte, etliche Leute denken das.
Ja, selber schuld! Ich denke, das ist nicht der Grund dafür, Kunst zu machen. Wenn jemand Geld machen will, soll er meiner Meinung nach etwas anderes machen. Dann soll er Arzt werden, oder Pilot.
Oder Klempner.
Oder Klempner, ganz genau. Meinetwegen auch Architekt! Das sind Berufe, bei denen man weiß, wenn ich das und das mache, verdiene ich x Dollar. Kunst dagegen ist in dieser Hinsicht ein Trauerspiel. Da müssen viel zu viele Dinge gut laufen, damit es sich auszahlt. Ich glaube nicht, dass man sich hier auf seinen Erfolg verlassen sollte. Er ist einfach zu schwer vorhersagbar. Man kann Erfolg in der Kunst nicht prognostizieren. Es geht einfach nicht. Wenn du aber tust, was du liebst, wirst du immer Erfolg haben - sogar wenn du keinen hast. Ich weiß, das klingt paradox ...
Nö, gar nicht. Es klingt total vernünftig, weil es stimmt.
Es ist schade, dass die Dinge so sind. Aber ich denke, als Künstler sollten wir die Kunst voran bringen. Nicht nur auf der Stelle treten.
Absolut. Erlaubst Du mir eine letzte Frage? Du bist noch in Kontakt mit Deinen alten Kollegen von Public Enemy, oder?
Ja, bin ich.
Gab es unter Kollegen keine Möglichkeit, Flavor Flav davor zu bewahren, sich auf MTV komplett zum Narren zu machen?
(Lacht) Ich glaub' nicht, dass das je passieren wird. Flavor wollte immer genau der sein, der er ist. Egal, was passiert. Er ist ein Künstler im klassischen Sinne. Ich sage das, denn er tut immer, was er will. Egal, ob er eine Million Dollar dafür bekommt oder gar kein Geld. Egal, ob er eine Million Fans hat oder keinen einzigen. Er würde immer genau das tun, was er tut. Deswegen wollte ich ihn in der Gruppe haben, deswegen habe ich ihn in die Gruppe geholt. Genau deswegen. Ich wusste, er ist Flavor. Egal, was passiert. Ob das nun gut ist, schlecht oder ... indifferent.
Hmm, das ist ein Standpunkt, den ich zumindest ... verstehen kann.
(Lacht) Genau. Weißt du was? Du musst nicht zustimmen, aber wenigstens kannst du es verstehen.
Vielen, vielen Dank für das Gespräch.
Oh, kein Problem. Ich habe zu danken.
Bist Du nur zu Promozwecken in Berlin?
Ich halte eine Rede ... Nee, eigentlich keine Rede, eher einen Vortrag, bei der Red Bull Music Week. Da spiel' ich dann auch ein Set. Dann muss ich zurück und die Platte fertig machen.
Ach, was! Kommt also endlich ein Album?
Aber ja! Ich habe September oder Oktober im Visier.
Hat es einen Titel?
Ähhem ... noch nicht. Ich habe viele Titel, aber ich weiß noch nicht, welchen ich nehmen will.
Na, dann: Viel Erfolg bei der Entscheidungsfindung!
How You Sell Soul To A Soulless People Who Sold Their Soul (2007)
He Got Game (1998), Muse Sick-N-Hour Mess Age (1994), Greatest Misses (1994), Apocalypse 91... The Enemy Strikes Black (1991), Fear Of A Black Planet (1990)
Yo! Bum Rush The Show (1987)
Deans Tribute: Seite mit Interviews, News, Enemy-Geschichte und Riesen-Archiv.
http://www.shutemdown.com/
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