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Von allen Finsterlingen der Bristoler Trip Hop-Schule ist Adrian Thaw wahrscheinlich der düsterste: Wo bei seiner Ex-Band Massive Attack oder bei Portishead auch mal der Groove die Oberhand gewinnt, sorgt Tricky gern für rhythmische Verwirrung.
Wie das Leben, so ist "Musik Chaos, soll verstören, irritieren", findet Tricky. Da wundert es kaum, dass sein '95er Debütalbum "Maxinquaye" heißt - benannt nach der Mutter, die sich in ihren besten Kleidern umbringt, als Tricky vier Jahre alt ist. Die Scheibe wird überraschend zum Welterfolg und katapultiert auch deren Hauptsängerin Martina Topley-Bird ins Rampenlicht. Tricky findet den Erfolg und seine damit zusammenhängende Berühmtheit verstörend und begründet in dieser Zeit seine Aversion gegen sämtliche künstlerischen Konventionen und Erwartungshaltungen.
Er nimmt zwar Mixaufträge von Garbage oder Neneh Cherry an, veröffentlicht sie aber nach Lust und Laune: "Die Sache mit Neneh Cherry war sehr ärgerlich. Ich habe ein komplettes Album für sie produziert und nachdem es fertig war, fand sie es zu extrem." Was die Gute wohl erwartet hat?
1999 lässt Tricky bei der Arbeit zu ""Juxtapose" erstmals Außenstehende (DJ Muggs und Grease) ins Studio. Die Reaktion auf das durchaus eingängige Werk fällt zurückhaltend aus. Demgegenüber erscheint Ende Oktober 2000 auf dem renommierten Punk-Label Epitaph die EP "Mission Accomplished", die der britische NME wieder als "truly unlistenable Tricky record" bezeichnet.
Kurz darauf wird bei Tricky eine seltene Krankheit diagnostiziert. Bestimmte Lebensmittel greifen sein Immunsystem an und beeinflussen auch die Psyche. "Es ist erstaunlich, wie dunkel dein Leben werden kann, ohne dass du es überhaupt bemerkst", erinnert sich der Mann aus Bristol später. Mittels eines speziellen Ernährungsplans bekommt der Musiker seine Depressionen aber in den Griff.
"Ich habe mein Leben endlich zurück, und darum geht es auf meinem neuen Album", freut Tricky sich über den sechsten Longplayer: "Blowback" entsteht mit prominenter Unterstützung (u.a. Red Hot Chili Peppers und Alanis Morissette) und zeigt einen neuen, entspannteren Tricky, der die Charts stürmen will.
2002 steht die erste Best Of in den Läden, die der Persönlichkeit des Artists angemessen betitelt wird: "A Ruff Guide". Mit recht positivem Vibe kommt Studioalbum Nummer sieben, "Vulnerable" um die Ecke (2007). Ob Pop, Dub oder schwere Gitarren - Tricky surft leichtfüßig über jeden Stil.
Musikalisch gesehen, wird es in der Folge relativ ruhig um den Mann aus Bristol - von einigen Auftritten in der US-Serie "Girlfriends" (2005) abgesehen, in denen Thaws als Bandleader agiert. Hinzu kommen einige weitere Film- bzw. Serienbeiträge. 2007 wird bekannt, dass Tricky alles andere als untätig ist und unter die Labelchefs geht. Gemeinsam mit dem Ex-Island Records-Boss Chris Blackwell hebt er - mittlerweile nach New York und 2006 nach Los Angeles umgesiedelt - Brown Punk Records aus der Taufe.
Das Rooster besteht aus "futuristischen Singer/Songwritern, Grime- und Hip Hop-Crews, dreckigen Rockbands und Dance-Crews".
Parallel bringt Tricky seinen ersten Film auf den Weg, Der Undergroundstreifen heißt "Brown Punk" und featuret natürlich die Musik seines Labels. Das achte Studioalbum "Knowle West Boy" (2008) passt dazu perfekt. Die South Rakkas Crew remixt einen Großteil der Tracks im Jahr darauf.
Zu Beginn des neuen Jahrzehnts lässt er es ruhig angehen. Nach der Veröffentlichung von "Mixed Race" hört man erst mal nichts mehr von Tricky, abgesehen von Gerüchten, er habe sich wieder mit seinen alten Massive Attack-Kumpels im Pariser Studio getroffen. 2011 tritt er beim Glastonbury Festival als Surprise Act von Beyoncé auf, im Folgejahr betritt er mit Topley-Bird einige Bühnen, um sein Debüt "Maxinquaye" live aufzuführen. Beim Sinnieren über seinen künstlerischen Werdegang springt auch wieder ein Studioalbum heraus, das Mitte 2013 erscheint.
Adrian Thaws macht schon sein halbes Leben lang Musik. Das ist an sich nichts Besonderes. Doch nur wenigen billigt man auch das Attribut "stilbildend" zu. Thaws aka Tricky gilt als Mitschöpfer des Trip Hops. Der Mann aus Bristol packt seinen Job gleichwohl instinktiv an und kümmert sich wenig darum, wie seine Musik eingeordnet, bewertet oder wie gut sie verkauft wird. Sein sechster Longplayer "Blowback" ist mit prominenter Unterstützung entstanden und zeigt einen neuen, entspannteren Tricky, der die Charts stürmen will. Am 4. Juli präsentiert Tricky sein neues Material übrigens im Berliner ColumbiaFritz.
Via Telefon sprachen wir mit einem gut gelaunten und manchmal kurz angebundenen Tricky über das neue Album, seine Auffassung von guter Musik und das Leben nach der Krankheit.
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Hi Tricky, alles klar?
Mir geht's gut, danke.
Lass uns gleich über das neue Album "Blowback" sprechen. Deinen letzten Longplayer "Juxtapose" hast du zusammen mit Muggs von Cypress Hill und Grease produziert. Gab es diesmal jemanden, der einen ähnlich prägenden Einfluss auf deine Musik hatte?
Eigentlich wollte ich damals so schnell wie möglich meine Zusammenarbeit mit Island Records beenden. Und je mehr Leute an "Juxtapose" beteiligt waren, um so schneller konnte das Album erscheinen und ich aus dem Vertrag raus. Ich wollte Island meine Musik einfach nicht mehr geben. "Blowback" ist wieder mein eigenes Ding.
Du magst es zwar nicht, wenn man deine Musik kategorisiert, aber auf "Juxtapose" hatte der Hip Hop großen Einfluss. Gibt es ein solch dominierendes Element auch auf der neuen Platte?
Hmm ... nein. Aber darüber denke ich ehrlich gesagt nicht nach.
Legst du vielleicht mehr Wert auf stilistische Vielfalt?
Kann ich nicht sagen. Ich analysiere meine Alben nicht.
Hast du dich während den Aufnahmen zu "Blowback" von speziellen Bands, einem Lieblingssong oder einer bestimmten Art von Musik inspirieren lassen?
Nein, aber ich höre bevorzugt ältere, nicht so aktuelle Sachen.
Zwei Tracks hast du mit den Red Hot Chili Peppers eingespielt. Gitarrist John Frusciante sagte uns, dass seine Arbeit von deutschen Krautrock-Bands wie Can oder Neu! beeinflusst ist. Kennst du deutsche Musik oder deutsche Bands?
Die Bands sagen mir nichts. Aber Yellow kenne ich. Die kommen doch aus Deutschland, oder?
Nein, das sind Schweizer.
Okay. Deutsche Bands fallen mir dann nicht ein.
Neben den Peppers sind auf "Blowback" eine ganze Reihe anderer Gast-Musiker, wie Alanis Morisette, Cyndi Lauper oder Ed Kowalczyk zu hören. Wann kommst du auf die Idee, sie ins Studio zu bitten? Nachdem der Song fertig komponiert ist oder schon während seines Entstehungsprozesses?
Ich nehme die Tracks zuerst komplett auf. Das macht alles viel leichter und man muss nicht groß herum diskutieren. Es ist so. Ich mache einen Song und wenn er dir gefällt, kannst du mit ihm arbeiten. Wenn nicht, lässt du es bleiben. Nimm zum Beispiel den Song "Girls". John Frusciante spielte letztendlich alle Gitarren ein, auch meine.
Wenn deine Partner den Track mögen, sind sie also in den Schreibprozess involviert?
Ja, wenn mir die Ideen gefallen, dann schon. Schließlich sind sie nicht nur beteiligt, weil sie Alanis Morisette heißen oder die Red Hot Chili Peppers sind. Bevor ich ihre Beiträge nicht mag, verwende ich sie nicht.
Du sagst, alle deine Platten nach dem '95er-Debut "Maxinquaye" können für durchschnittliche Hörergewohnheiten nur wie ein "Fuck You" klingen. Welche Einstellung kommunizierst du mit "Blowback", was beabsichtigst du diesmal?
"Blowback" ist wie ein Präsent, ein Geschenk. Die Leute sollen etwas Neues hören. Ich will, dass die Leute neue Musik im Radio hören. Man muss und kann ihre Einstellung zur Musik verändern.
Kann interessante Musik abseits des Mainstreams heute überhaupt noch in die Charts kommen oder anders gefragt, hat "Blowback" einen kommerziellen Anspruch?
Ich habe das mit Musik, die stilistische Grenzen nieder reißt, schon geschafft. Und "Blowback" ist viel klarer kommerziell orientiert als meine anderen Alben.
Aus welchen Zutaten muss Musik bestehen, damit Tricky sie interessant findet?
Für mich geht es darum, neue Musik zu schaffen. Musik, die ich nie zuvor gehört habe, interessiert mich. Oder wenn jemand außergewöhnliches Talent besitzt, wie Peter Gabriel und Kate Bush. Den Sound von Public Enemy habe ich beispielsweise vorher noch nie gehört.
Wirst du mit "Blowback" auch nach Deutschland kommen?
Ja, wir planen eine Europa-Tour. Aber um die genauen Termine kümmere ich mich nicht.
Okay, Themenwechsel. Hast du überhaupt noch Zeit für andere Projekte, beispielsweise deine Filmkarriere?
Nein, ich bin mit dem neuen Album völlig ausgelastet. Nichts als Konzerte spielen und Promotion-Arbeit bis in den Dezember hinein. Da bleibt keine Zeit für andere Dinge.
Du hast eine lange Krankheit überwunden (bestimmte Lebensmittel griffen Trickys Immunsystem an und wirkten sich negativ auf seine Psyche aus, Anm. d. Red.). Was hat sich in deinem alltäglichen Leben verändert?
Vor allem hat sich mein Speiseplan verändert. Ich muss aufpassen, was ich esse. Lebensmittel wie Zucker, bestimmte Brotsorten oder Milchprodukte sind jetzt tabu.
Nervt das nicht auf Dauer?
Kann man so nicht sagen. Mir bleibt einfach keine andere Wahl.
Und zum Schluss eine Frage, die mich schon lange interessiert. Ein für alle Mal, bist du nun mit Reggae-Rocker Finley Quaye verwandt oder nicht?
Nein, definitiv nicht.
Tricky, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Eberhard Dobler.
False Idols (2013)
Angels With Dirty Faces (1998), Nearly God (1996), Pre-Millenium Tension (1996), Maxinquaye (1995)
| Mi | 22.05.2013 | Tricky Certain People (Berlin) |
Deutsche Fanpage, die das wirre Treiben des Mr. Adrian Thaws ausführlich festgehalten hat - seit Juli 2009 kaum mehr in Bewegung.
http://www.moon-palace.de/
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