laut.de-Kritik

Ein persönlicher Fim Noir: Die Winter von Berlin und Moskau.

Review von

Die Narrative hinter Trickys 13. Soloalbum fußt auf einem Umzug nach Berlin und kurzen Trips ins winterliche Moskau. Spaziergänge, reguläre Schlafrhythmen, ein gemäßigtes Leben - eigentlich nicht der Stoff, aus dem sich revolutionäre Gegenkultur entwickelt. Doch "ununiform" beweist, dass der aus dem Windschatten von Massive Attack bis hin zum Respekt von David Bowie gewachsene Exzentriker aus Bristol mit Sicherheit kein Kiezgrüner Spießbürger geworden ist.

Viele Vergleiche legt die neue Platte nahe: Ältere Arbeiten von Tricky selbst, Genre-Klassiker wie "Mezzanine" oder "Portishead", moderner Trip Hop wie "Anima" oder vielleicht sogar Indie- oder Spartenmusiker wie The xx oder Frankie Rose. Man könnte einige Fix- und Referenzpunkte ausmachen. Was vor allem daran liegt, dass handwerklich nicht viel Wunderliches passiert. Das mag auf einen Tricky-Release im ersten Moment etwas enttäuschen, geht am Kern der Sache aber vorbei.

Denn deses Album will keine musikalischen Maßstäbe setzen, sondern sie vielmehr für die derzeitige Lebenssituation neu bestimmen. Gäbe es einen Vergleichspunkt, der dem Gefühl von "ununiform" nahe kommen könnte, wäre es vielleicht "Bruges-la-Morte" von Georges Rodenbach. In diesem symbolistischen Roman von Ende des 19. Jahrhundert zieht der Protagonist nach dem Tod seiner Frau ins belgische Brügge, um zwischen den steinernen Bauwerken und der kalten Altstadt in aller Geruhsamkeit auf seinen eigenen Tod warten zu können.

Wenn auch weniger drastisch lässt sich dieses Gefühl der beklommenen, tauben Abfindung auch in "ununiform" wiederfinden: Berlin und Moskau, gerade in ihrer winterlichen Kälte, werden musikalisch erdrückend eingefangen. Mit Arrangements zwischen schwermütig präzisen Bassläufen, Trip Hop-typischen Drumpatterns und Samples zwischen Downtempo und diverser elektronischer Musik skizziert Tricky einen melancholischen Film Noir, in dem der Protagonist manchmal in den Morgenstunden durch eine ausgestorbene Großstadt treibt und manchmal isoliert vor dem pulsierenden Nachtleben stehen könnte.

Die Gothic-Elemente in der Lyrik verstärken diese Eindrücke. Trickys sozusagen neue Häuslichkeit skizziert sich weniger als Ankommen, sondern eher als Resignation. Was eben auch die logische Entwicklung angesichts einer Reise ist, die 1995 mit "Maxinquaye" noch ein gigantisches "Fuck You" an die Welt statuieren wollte.

Garniert wird das Album mit einem verworrenen Wechselspiel aus Trickys unverwechselbaren, tiefliegenden, schleppenden Vocal-Performances, sphärischen und prismatischen Gastsängerinnen und kurzen Auftritten von Rappern aus Russland oder Kasachstan. Das führt dann zum Beispiel zu einem intensiven, verfremdenden Duett mit der fantastischen, immer noch völlig unterschätzten Francesca Belmonte auf "New Stole", bei dem sich die beiden Stimmen auf einem halligen Kickpattern mit beklemmenden Gitarren gegenüberstehen.

Das Hole-Cover "Doll" macht aus dem Ausgangsmaterial zwar etwas zu wenig, wodurch es im Tracklisting einen Tick zu unverzerrt und akustisch klingt. Wenige Titel später wird dies dann aber auch durch einen fantastischen Closer wieder gutgemacht.

Gemeinsam mit der ehemaligen Geliebten Martina Topley-Bird beschäftigt sich Tricky in "When We Die" zum Schluss mit dem Sterben und dem Umgang damit. Die verzerrt organische Instrumentierung samt sterilen Drum-Computern zu der ferne elektronische Fixpunkte einen rhythmischen Gegenpol schaffen, findet sich zwar auch in "Bang Boogie" oder "Blood Of My Blood", wird aber nirgends so effektiv eingesetzt wie hier.

Unterkühltheit ersetzt Pathos, die Melancholie das Melodrama. "ununiform" ordnet sich zwar wie kaum ein Release des Bristolers zuvor den klassischen Konventionen des Genres unter und entfaltet sich weder außerordentlich überraschend noch innovativ. Dennoch spielt es die eigenen Stärken mit feinfühliger Finesse aus. Die Winter in Berlin und Moskau spiegelt Tricky mit introvertiertem Understatement wieder.

Trackliste

  1. 1. Obia Intro
  2. 2. Same As It Ever Was
  3. 3. New Stole (feat. Francesca Belmonte)
  4. 4. Wait For Signal (feat. Asia Argento)
  5. 5. It’s Your Day (feat. Scriptonite)
  6. 6. Blood Of My Blood (feat. Scriptonite)
  7. 7. Dark Days (feat. Mina Rose)
  8. 8. The Only Way
  9. 9. Armor (feat. Terra Lopez of Rituals of Mine)
  10. 10. Doll (feat. Avalon Lurks)
  11. 11. Bang Boogie (feat. Smoky Mo)
  12. 12. Running Wild (feat. Mina Rose)
  13. 13. When We Die (feat. Martina Topley-Bird)

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