Porträt

laut.de-Biographie

Gang Of Four

Gang Of Four-Sänger Jon King vermöbelt mit einem Metallstab eifrig eine Mikrowelle bis einzelne Teile absplittern, Drummer Hugo Burnham klopft stoisch verquere Beatmuster, Dave Allen stoppt alleweil sein Bassspiel für wenige Sekunden, bevor er ein neuerliches Höllentapping angeht und damit geschickt (und niemals zufällig) Gitarrero Andy Gills Stakkato-Akkorde konterkariert. Diese Szene ist nicht etwa einem Anti-CEBIT-Spot entnommen. Es ist Januar 2005 und die letzthin immer häufiger in den Musikschlagzeilen erwähnte Band Gang Of Four steht erstmals seit 1981 in Originalbesetzung auf der Bühne eines Pubs in Süd-London, um den Song "He'd Send In The Army" aus selbigem Jahr anzuspielen.

Und was geschah in den Musikschlagzeilen? Zunächst erscheint 2004 das Debütalbum einer gewissen Band namens Franz Ferdinand, deren Mitglieder, ob ihres süffig-frischen Soundcocktails bald täglich in Erklärungsnöten, die Schuld an ihren kantigen Gitarrenriffs mithin auf die Schultern der Gang Of Four verteilen. Als nächstes erscheinen Bloc Party auf der Bildfläche (die sich des Einflusses aber verwehren), The Rapture dagegen machen keinen Hehl aus ihrer Inspiration, bis man schließlich bei dem Debütalbum der Futureheads gleich gar nicht mehr weiß, ob da nicht sogar die Originalmitglieder der Gang Of Four am Werk sind, die mal eben vier Halbwüchsige für Pressefotos nach vorne geschickt haben.

Wahr ist, dass Go4-Gitarrist Andy Gill die ebenfalls aus dem englischen Leeds stammenden Jungspunds der Futureheads bei deren Debüt produktionstechnisch unterstützte. Den ganzen Lobpreisungen seitens eines neuen Rock-Undergrounds wollte oder konnte man sich schließlich doch nicht erwehren, so dass es 2005 nach ersten Auftritten in den USA auch zu einer Studio-Reunion kommt. Da die alte Plattenfirma EMI eh noch etwas Kohle sehen will, passt das neu gewonnene Interesse allen Beteiligten gut in den Kram.

Dennoch betont das Quartett, nicht des Geldes wegen zurück zu kehren, was man den Jungs ob ihrer Geschichte locker abkauft. Zudem hat heute jeder von ihnen einen festen Job: Jon King arbeitet als CEO beim Multimedia-Konzern World Television Group, Hugo Burnham lehrt Kunst in Boston, Dave Allen führt eine Unternehmensberatung in Oregon und Andy Gill arbeitet als Produzent. "It's funny", meint der hinsichtlich des neuen Hypes um seine Truppe, "but I like what all those bands are doing, so good luck to them."

Gill, King, Burnham und Allen treffen sich 1977 in einem Proberaum in Leeds, um gemeinsam einen Sound zu kreieren, den man bald als Funk-Punk bezeichnen sollte. Während draußen in den Charts Smokie und Boney M. ihr ekliges Unwesen treiben und mit den Debütalben der Sex Pistols und The Clash gerade eine veritable Gegenbewegung startet, züchtet die Gang von der Universität aus, wo die High School-Freunde King und Gill auf Drummer Burnham treffen, einen Space-Sound heran, den auch Chili Pepper Flea Jahre später in Großbuchstaben lobhudelt: "Sie veränderten meine Sicht auf Rockmusik komplett. Als ich ihre rasiermesserscharfen Rhythmen das erste Mal hörte, geriet ich sofort in einen gewaltigen, spasmischen Tanz. Kurz: Den kleinen Flea hats total weggefönt." Gill produzierte denn auch das Peppers-Debüt im Jahr 1984.

So wie Flea ergeht es vielen Musikern, weshalb man jedoch nicht denken sollte, dass das erste Go4-Album "Entertainment!" 1979 als kommerzieller Erfolg in die Geschichte eingeht. Zusammen mit Bands wie Television, The Fall, Joy Division oder Wire werfen Journalisten die Truppe nach Erscheinen des Albums in die Postpunk-Schublade, wenngleich das Soundbild doch ganz anders klingt als bei den Genannten. Man könnte die Gang höchstens mit den ebenfalls kunstinteressierten US-Kollegen von Devo vergleichen, die in ähnlicher Weise auf hervor stechende, rhythmische Akzentuierung setzen sowie einen explizit politischen Impetus mitführen.

Gang Of Four - Content
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Original-Post Punk-Herzblut, abgefüllt in schicke Flakons.
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Erste Gang Of Four-Demos entstehen, nachdem sich Basser Dave Allen 1977 auf eine Anzeige der übrigen Drei meldet. Nach zwei Sommer-Urlauben 1976/77 in New York, wo man selbstredend auch im CBGB's vorbeischaut, ist das Prinzip von Punk und Art Rock verinnerlicht. Der Bandname Gang Of Four nimmt hämisch Bezug auf die Gruppe radikaler chinesischer Führer der maoistischen Kulturrevolution gleichen Namens. In die Texte fließen Theorien großer Denker wie Marx, Baudrillard und Adorno sowie Ansätze der Situationistischen Internationale mit ein, die das Hauptthema der Band stützen: die Manipulation des Menschen. Auf dem "Entertainment!"-Cover sieht man einen Indianer einem Weißen die Hand schütteln. Darunter steht: "The Indian smiles, he thinks that the cowboy is his friend. The cowboy smiles, he is glad that the Indian is fooled. Now he can exploit him." Für die Musikpresse sind Gang Of Four der Einfachheit halber von nun an Neo-Marxisten.

Die Band selbst widerspricht der Annahme, man wolle die Öffentlichkeit auf eine wie auch immer geartete linke Seite ziehen oder gar mit roten Fahnen schwenken. Man verstehe sich vielmehr als Beobachter einer diversifizierenden Gesellschaft, deren Auswirkungen auf das Individuum man anhand persönlicher Begebenheiten analysiere und vereinzelt in Ideen umsetze. Hierbei registrieren Gang Of Four durchaus besorgt das Ansteigen von Arbeitslosigkeit und Armut verbunden mit den damals populären Bewegungen des British Movement und der National Front.

Der Sound zu den Anti-Protest-Texten gerät dennoch radikal. Drum-Spuren knallen und schleppen, Basslinien explodieren, die Gitarre scheint immer wieder Alleingänge zu wagen und der mehrstimmige Gesang singt immer wieder gegen sich an und scheint nie eine gemeinsame Linie zu finden bzw. zu suchen. Als die zweite Go4-Single "At Home He's A Tourist" 1978 in die englischen Top 40 einsteigt und die Briten in der TV-Sendung "Top Of The Pops" auftreten sollen, lädt man sie in letzter Minute wieder aus, da die Band sich weigert, das Wort "rubbers" ("Gummis") während der Aufführung mit einem weniger anstößlichen zu ersetzen. Es sollte der einzige Chart-Hit der Band bleiben.

Als Folge dessen wächst eine Fanschar heran, die der Band mit der Zeit das Etikett Kultband einbringt. Zu den Höhepunkten der Frühphase gehören sicher die Debütsingle "Damaged Goods" wie auch die vor Energie berstenden Songs "Ether" und "Not Great Men" vom Debütalbum, meisterliche Beispiele des bandeigenen Power-Disco-Punk-Konzepts. Es folgen zahlreiche Gigs in Amerika und Europa (1980 tritt die Band bei der Veranstaltung "Rock Against Junk" in Berlin auf, einem Anti-Heroin-Gig, der ein Jahr später eine Fortsetzung mit den Einstürzenden Neubauten findet).

Nach dem nicht weniger Stakkato und Funkrock reichen Album "Solid Gold" mit den Songs "He'd Send In The Army" und dem programmatischen "To Hell With Poverty" sowie ermüdenden Endlostourneen verlässt Dave Allen 1981 die Band. Dieser findet sich am Ende vollständig isoliert von der Band und sich selbst wieder, und sollte bis 2004 keinen Kontakt mehr zu seinen Kumpels pflegen. Diese arbeiten mit Sara Lee, die bei Robert Fripp's League Of Gentlemen mitwirkte, als Allen-Ersatz vorerst weiter.

Obwohl im England von 1982 die New Romantics-Welle mit Bands wie ABC, Human League und Depeche Mode sämtliche Rockbands abhängt, findet die Go4-Dance-Rock-Single "I Love A Man In A Uniform" aus dem folgenden Album "Songs Of The Free" noch einmal zahlreiche Käufer, insbesondere in der Schwulenszene. Obwohl die Verkaufszahlen des Albums schleppen, spielt die Band noch relativ große Konzerte und tritt auf einem US-Festival vor 200.000 Menschen auf. 1983 beschließen die alten Buddies King und Gill, Drummer Burnham zu feuern, der Legende nach mit der Begründung, einfach nicht mehr so viel diskutieren zu wollen. Seltsam, da Burnham bereits seit längerem das Amt des Band-Bookers vertrat und sich mit Konzertveranstaltern, Club-Promotern und Anwälten herum schlagen musste. Sänger King und Gitarrist Gill veröffentlichen 1983 noch das Album "Hard", das noch weniger Aufsehen erregt als der Vorgänger, und lösen sich anschließend auf.

1988 kreuzen sich ihre Wege erstmals wieder, drei Jahre später entsteht das fünfte Gang Of Four-Studioalbum "Mall", das u.a. elektronische Drumsounds ins Klangbild einführt. Mit Gail Ann Dorsey rekrutiert das Duo die spätere Bowie-Bassistin für das Projekt und tourt als Support von Public Enemy und den Sisters Of Mercy. 1995 erscheint mit "Shrinkwrapped" ein weiteres Album, bevor Gill und King wieder getrennter Wege gehen.

2005: In England spielen Gang Of Four, bestehend aus den vier Originalmitgliedern, in 2000er Hallen und in den Staaten u.a. beim renommierten Coachella Festival in Kalifornien. Große Worte lässt Allen bezüglich der anstehenden Tournee erklingen: "Wir müssen die Leute dazu bringen, dass ihnen die Kinnlade runterklappt. Wenn wir uns keine Autorität erarbeiten können, verdienen wir es auch nicht, anerkannt zu werden. Dass wir 23 Jahre älter sind, ist keine Entschuldigung". Burnham ergänzt: "Ich finde, wir können es noch bringen, da wir alle noch unser Haupthaar haben".

Dennoch reicht es für beide nicht bis zum Studioalbum "Content", das 2011 erscheint. Burnham steigt 2006 aus, Allen folgt 2008. Mit neuen Mitstreitern arbeiten Gill und King weiter unverdrossen an ihrer Vision, so dass "Content" sage und schreibe sechs Jahre nach der ursprünglich als Karriere-Anschub gedachten Compilation "Return The Gift" über Herbert Grönemeyers Label Grönland in die Läden kommt.

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Gang Of Four - Content: Album-Cover
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  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2011 Content

Kritik von Michael Schuh

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Gang Of Four ptII
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