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Mark E. Smith zählt wohl zu den exzessivsten singenden Biertrinkern der britischen Punk-Szene. Seit Ende der 70er Jahre hält er sich gemeinsam mit seiner ständig wechselnden Formation The Fall über Wasser. Trotz heftiger Kritik und dem ausbleibenden Status am kommerziellen Pophimmel hört und sieht man Mark E. Smith auch nach Jahrzehnten noch auf Platte und öffentlichen Bühnen.
Mark Edward Smith, der Mann, der mit seinem eigenwilligen Gesang und Zynismus in die Musikgeschichte eingehen wird, erblickt die graue Landschaft seiner Heimatstadt Salford, Manchester am 5. März des Jahres 1957. In den Docks seiner Geburtsstadt arbeitet er zunächst und versucht nebenbei verzweifelt, Bands mit verschiedenen Musikern aus der Heavy Metal-Szene zu gründen.
Vergeblich. Mark E. mag diese Art von Musik auch gar nicht. Viel mehr liebt er den experimentellen Rock'n'Roll von Velvet Underground und den kunstvollen Rock von Can.
1977 findet Smith in Manchester endlich Musiker, die seinen Geschmack teilen. Zusammen mit Martin Bramah (Gitarre), Tony Friel (Bass), Una Baines (Piano) und Karl Burns (Schlagzeug) gründet er die Gruppe The Fall, benannt nach "Der Fall" von Albert Camus. Die erste EP "Bingo Master's Breakout" nehmen sie auf dem Label "New Hormones" der Punkrocker Buzzcocks auf.
Doch leider bleibt dieses Schmuckstück über ein Jahr unveröffentlicht, da niemand The Fall einen Vertrag anbietet. Den Außenseiterstatus haben sie von Anfang an. Sie wollen sich in keine Schublade zwängen. Sie passen sich weder der gestylten New Wave-Szene an noch den wilden, amateurhaften Punkern.
Trotzdem wächst allmählich die Fangemeinschaft. Frontmann Mark E. Smith beeindruckt mit seinem nuschelnden Sprechgesang und seinen bitterbösen Lyrics. Danny Baker, Gründer des Adrenaline-Fanzine, geht als einer der ersten auf Smith und seine Band zu. Er überzeugt Miles Copeland, den Bruder des Police-Schlagzeugers Steward Copeland, die EP "Bingo Master's Breakout" auf seinem unabhängigen Label Step Forward, das er zusammen mit Mark Perry von der Gruppe Alternative TV betreibt, zu veröffentlichen.
The Fall sind bekannt für ihre ständig wechselnden Musiker. Verantwortlich dafür ist Mark E. Smith. Er versucht, mittels der Fluktuation der Bandmitglieder den Sound zu erweitern und experimenteller zu gestalten. Den ersten Rauswurf verbucht er 1978. Der Bassist Tony Friel geht, dafür kommen Marc Riley (Bass, Gitarre, Keyboard) und Yvonne Pawlett (Keyboard). In nur zwei Tagen wird 1979 mit dieser Besetzung das erste Album "Live At The Witch Trials" aufgenommen.
Von nun an gehen The Fall ständig auf Konzertreise. Sie nehmen alles mit: Kneipen, Weihnachtsfeste von diversen Supermärkten, Veranstaltungen in Arbeiterclubs. Die Aufmerksamkeit wächst, sogar Radio1-DJ John Peel wird auf die Briten aufmerksam. Er lädt The Fall zu einigen Studio-Sessions ein, die Anhängerzahl steigt weiter.
Erneute Besetzungswechsel in der Band: Diesmal müssen Pawlett, Bramah und Burns The Fall verlassen, kurz vor Beginn der Aufnahmen für die zweite Platte. Die Neulinge Graig Scanlon (Gitarre) und Steve Hanley (Bass) bleiben allerdings Stammgäste bei Mark E. und begleiten seine gesamte musikalische Laufbahn. Ende 1979 erscheint "Dragnet". Mit Psykick Dancehall entsteht eine Manchester-Version des Rockabilly, der "Mancabilly", der bei The Fall noch häufiger zu hören sein wird.
1980 unterschreiben The Fall bei Rough Trade. Hier erscheinen zum Beispiel "Grotesque (After The Gramme") und einige gern gehörte Singles wie "Totally Wired", eine Hymne auf die Punk-Droge Speed. Das Album "Hex Enducation Hour" ist wohl die am erfolgreichsten kommentierte Platte der Manchester Punks. Sie wird 1982 teilweise in Reykjavik in Island aufgenommen. Allerdings nicht bei Rough Trade, da es zu Komplikationen zwischen Band und Label kommt. Kamera Records nimmt sich des Albums an und auch das folgende, für weniger gut befundene "Room To Live" erscheint hier.
Kay Carroll, eine ehemalige Psychiatrieschwester, ist Managerin, Sängerin und Percussionistin bei The Fall - und gelegentlich auch mal Smiths bessere Hälfte. 1983 verabschiedet sie sich und sucht ihr Glück in Amerika.
Schon einige Monate später trifft Mark E. die Bassistin Brix auf einer Amerika-Tour. Die beiden heiraten, und das Ex-Mitglied der Gruppen The Rage und Burden Of Proof spielt nun die zweite Gitarre für The Fall. Ein großer Wendepunkt in der Karriere der Manchester Band.
1983 erscheint "Perverted By Language". Brix bringt frischen Wind und eine gehörige Portion melodischen Pop in die Band mit ein. Dies hört man 1984 sehr deutlich auf "The Wonderful And Frightening World Of The Fall", das auf Beggars Banquet (Charlatans, Tindersticks) erscheint.
1986 gibt es dann sogar unerwartete Positionierungen in den britischen Charts, denn mit der Coverversion "Mr. Pharmacist" der 60ies Band The Other Half kreieren The Fall einen kleinen Hit. 1987 ergattern sie mit "Hit The North" ein Platz in der Top 40.
1988 lassen sich Brix und Mark E. scheiden. Sie verlässt die Band. Das Folgealbum "Extricate" kehrt 1990 zum düsteren Sound zurück. Im Jahr darauf erscheint "Shift Work" mit Dave Bush an den Keyboards, der später auch Mitglied bei Elastica sein wird.
1993 unterschreiben The Fall einen amerikanischen Plattenvertrag bei Matador Records. Doch die Alben "The Infotainment Scan" und "Middle-Class Revolt" verkaufen sich, trotz positiver Presse, nicht sehr gut in Amiland. Kein Grund zur Trauer: In England begeistern The Fall weiterhin ihre Fans - auch mit diesen amerikanischem Importen.
Die Folgejahre werfen einige Schatten über die Band, vor allem über Frontmann Mark E. Sein Alkoholgenuss spiegelt sich überdeutlich in seiner Musik und bringt ihm negative Schlagzeilen. So soll er seine Freundin Julia Nagle, die mittlerweile auch bei The Fall mitspielt, mehrmals geprügelt haben.
Schlägereien auf der Bühne gehören zum Standard. Jedoch prügelt man sich nicht mit dem Publikum, sondern gegenseitig. Bald verlassen einige Bandmitglieder The Fall, das Gericht verordnet Smith eine Therapie gegen sein Alkoholproblem. Die Fans reagieren mit Kopfschütteln. Erst 1999 kommt es zu neuen Studioaufnahmen. "The Marshall Suite" wird mit neuer Formation veröffentlicht.
Auch im neuen Jahrtausend ist und bleibt Mark E. Smith Kultfigur der Indie- und Alternative-Szene. 2000 erscheint "The Unutterable". Damit scheinen The Fall zu ihrer alten Form zurückzukehren. Mit neuer Freundin und erfolgreicher Europa-Tour hat Mark E. sein Alkoholproblem offenbar im Griff. Doch wird er der ewige Rebell bleiben, wie er auch durch sein aktuelles Album "Are You A Missing Winner" beweist.
Die 2005 Veröffentlichung "Fall Heads Roll" lässt den Kult um die Manchestertruppe noch einmal richtig auflodern. Zwei Jahre später schreit der Fan erneut auf und freut sich über "Reformation Post TLC". Punkrock-Garage trifft erstaunliche ruhige Momente im Leben des Mark E. Smith. Die Journalisten prügeln sich um die beste Kritik.
Smiths amerikanische Neuzugänge - Bassist Robert Barbato und Gitarrist Tim Presley -halten es dennoch nicht lange bei dem exzentrischen Sänger aus. Bald schon werden sie von Pete Greenway und Dave Spurr ersetzt. Mit Amerika scheint der Ex-Hooligan allerdings trotzdem endlich Glück zu haben, dort finden seine Platten immer mehr Anklang.
Wenn es so weiter geht, dann feiern wir mit ihm wohl auch noch das 50ste Bühnenjubiläum. "Reformation Post TLC" sowie das 2010er Werk "Your Future Our Clutter" geht den rauen Weg den Fall'schen Rocksounds schnurgerade weiter.
Die Legende lebt! Ich habe Mark E. Smith getroffen und wir waren zwar nicht Pizza essen, aber dafür ein paar lecker Bier trinken (ich hab' Sekt getrunken, zur Feier des Tages). Er war nicht wirklich gesprächig. Er sah auch müde aus. Die exzessiven Punkrock-Jahre sind nicht spurlos an ihm vorbei gegangen.
Eine passende Location für die Fragen zu finden, war auch nicht einfach. Nach einer viertel Stunde, Smith schon leicht angenervt, fanden wir endlich das passende Etablissement. Zum Glück war seine liebe Frau Elli dabei, die das Ganze etwas lockerer gestaltete und hier und da auch mal als Dolmetscherin fungierte. Der Manchester Akzent hat es schon ziemlich in sich. Und das Nuscheln von Mr. Smith darf man auch nicht vergessen. Es folgt nun ein kurzes Interview mit dem Frontmann der britischen Kultband The Fall. Auf Journalisten steht er ja nicht so. Er spricht lieber frei aus der Seele heraus. Er ist schon irgendwie irre, aber sehr nett, auf seine Weise.
The Fall haben gestern ihre Deutschlandtour in Köln begonnen. Wie war das Konzert?
Sehr gut!
Demnächst gebt ihr auch einige Konzerte in New York. Im Moment reagieren die Leute da ja sehr hysterisch. Wie siehst du die amerikanische Gesellschaft nach dem 11. September? Wie wird es deiner Meinung nach sein, dort zu spielen?
Ja, natürlich ist die Situation anders. Aber die Flüge sind billiger! (Gelächter)
Du lebst immer noch in Manchester. Kannst du uns die aktuelle Musik-Szene dort schildern? Hörst du dir die aktuelle Charts-Musik an?
Ich hab jetzt keine Lust, die Scheiß Manchester Szene hier zu beurteilen. Sie interessiert mich einfach nicht. (Später erzählte er uns noch, dass vorwiegend Studenten die Szene beherrschen. Manchester hat angeblich die weltgrößte Universität. Im Klartext: Mark E. Smith mag einfach keine Studenten. Wie man auch aus seinem Song "Hey Student" heraus hören kann. Den Song findet man auf den Alben "15 Ways To Leave Your Man" und "A Past Gone Mad", Anm. der Redaktion)
Also, hast du keinen Kontakt zu anderen Bands?
Nein.
Gehst du denn nicht auf Konzerte?
Ich versuche generell Musiker in Manchester zu vermeiden. Ich gehe kaum auf andere Konzerte. Ich mag Reggae. Und Rockabilly.
Und gibt es da einen bestimmten Interpreten oder eine bestimmte Band?
Ich mag Jack Scott. Den hab' ich auch zuletzt live gesehen. (Jack Scott ist ein Rock 'n' Roll Star aus den 50ern, Anm. der Redaktion).
Auf deinem letzten Album "The Unutterable" gibt es den Song "Cyber Insekt", der ja die virtuelle Kommunikation beschreibt. Wie denkst du über das Internet? Interessierst du dich dafür?
Nein, ich habe Leute, die das für mich machen. Ich selber nutze das Internet nicht. Ich mache die Musik. Es gibt aber einige, die über The Fall schreiben. Manchmal nutze ich meine ganze Zeit, um es zu lesen. Es sind eine Menge Einträge, wirklich. Viele Leute schreiben dort, die mich getroffen haben. Das behaupten sie zumindest! It's all crap, you know!
Vor ein paar Jahren hast du eine sehr schöne Coverversion von "Rollin Danny" (ursprünglich von Gene Vincent) gemacht. Außerdem tauchen in deinen Texten immer wieder Namen von großen Rock'n'Rollern wie Link Wray und anderen auf. Kannst du dir vorstellen mal eine reine Rockabilly Platte zu machen?
Nein, das ist unmöglich!
Mit "The Post Nearly Man" hast du eine LP veröffentlicht auf der du das gesprochene Wort in den Mittelpunkt stellst. Ich habe gelesen, dass "Panda Pander Panzer" in die selbe Richtung gehen wird. Stimmt das?
Ja, ich versuche es.
Ich wundere mich, dass es noch keine Buchveröffentlichung davon gibt. Können wir demnächst ein Hardcover von Mark E. Smith erwarten?
Ich denke nicht. Ich möchte es nicht als Prosa veröffentlichen. Ich mag es, Dinge aufzuschreiben, die allerdings für ein ganzes Buch zu sonderbar wären.
Aber im weitesten Sinne sind diese CDs doch eine Art Hörbuch?
Ja, das stimmt!
Du hast als Gastinterpret auf Platten von "Inspiral Carpets", " Long Fin Killie" und anderen mitgespielt. Mit welchen Bands würdest du noch gerne zusammen arbeiten?
Ich wollte nicht wirklich mit diesen Bands zusammen spielen. Ich habe es für das Geld gemacht.
The Fall gibt es seit 1977 und sie kämpfen bis heute gegen Mainstream, Plattenlabel und Journalisten. Ist es in diesen Zeiten überhaupt noch möglich, seine künstlerischen Freiheiten zu bewahren?
Ich habe keine Probleme damit. Du musst damit aufhören, über solche Dinge nachzudenken. Erst dann fangen die Probleme an.
Es gibt eine deutsche Band namens Tocotronic. Vielleicht kennst du sie. Sie haben einen Song geschrieben "Ich hab' geträumt ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith"!
Nein, die kenne ich nicht. (dazu sagt seine Frau Elli: Doch klar. Die wollten eine Platte mit dir aufnehmen. Später meinte sie noch, dass Tocotronic einen Song von The Fall gecovert und diesen im Internet veröffentlicht haben. Darüber waren sie allerdings wenig begeistert!)
Wie denkst du darüber, dass du für viele Menschen ein Idol bist?
Das ist ziemlich schwer für mich. Ich gehe meine eigenen Wege. Ich mag es nicht wirklich, wenn Leute mich in diese Sparte drängen. Ich möchte mich nicht für alle verantwortlich fühlen. Es gibt eine Menge Scheiße da draußen. Wenn ich sterbe, muss ich womöglich noch dafür zahlen (Gelächter)!
O.K. Das wars. Vielen Dank!
Gut. Danke auch. Dann können wir ja jetzt noch einen trinken.
Das Interview führte Jasmin Lütz
Your Future Our Clutter (2010)
Fall Heads Roll (2005)
Are You Missing A Winner (2001), Liverpool 78 (2001), The Unutterable (2000), I Am As Pure As Oranj (2000), Smile...It's The Best Of The Fall (1999), Room To Live (1998), Cheetham Hill (1997), Oxymoron (1997), 15 Ways To Leave Your Man (1997), Levitate (1997), The Legendary Chaos Tape (1997), In The City (1997), The Light User Syndrome (1996), Sinister Waltz (1996), Twenty Seven Points (1995), Cerebral Caustic (1995), The League Of Bald Headed Men (1994), Middle Class Revolt (1994), The Infotainment Scan (1993), Code: Selfish (1992), Shift Work (1991), Extricate (1990), Seminal Live (1989), I Am Kurious Oranj (1988), The Frenz Experiment (1988), Bend Sinister (1986), This Nation's Saving Grace (1985), Wonderful And Frightening World Of The Fall (1984), Perverted By Language (1983), Fall In A Hole (1983), A Part Of America Therein, 1981 (1982), Hex Enduction Hour (1982), Grotesque (After The Gramme) (1980), Dragnet (1979)
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