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2004 scheinen die Menschen im Vereinigten Königreich ihrer Pop-Eigenerzeugnisse Robbie Williams, Sugababes und Co. überdrüssig zu sein, anders ist der Vormarsch der schon so oft totgesagten Rockmusik nicht zu erklären. Hießen die ultimativen Durchstarter auf diesem Sektor im Vorjahr noch The Darkness, stehen 2004 die schottischen Franz Ferdinand ganz oben in der Gunst der Szene-Checker.
Der Bandname beruft sich auf den habsburgischen Erzherzog und Thronfolger, dessen Ermordung durch einen serbischen Terroristen 1914 der Anstoß für den ersten Weltkrieg war. Der ermordete Franz Ferdinand war übrigens dank einer Verwandschaftsbeziehung des Hauses Habsburg zu Maria Stuart ein rechtmäßiger Erbe der schottischen Krone.
Die vier Rockmusiker, alle gut bewandert in der Geschichte der Neuzeit, wählten den Namen, weil er "ungewöhnlich und bedeutungsvoll" sei und somit perfekt zu ihnen passe. Doch das ist bei weitem nicht die einzige Innovation, die Franz Ferdinand der britischen Rockszene bescheren. Angelehnt an ihre ersten Auftritte, die illegal in einem Art-Déco-Lagerhaus im schottischen Glasgow stattfanden und praktischerweise gleich mit Vernissagen befreundeter Künstler gekoppelt waren, erinnern auch die Cover ihrer bisherigen Releases an Werke eines angehenden Diplom-Designers.
Sommer 2002 hielten Alexander Kapranos (Gesang), Bob Hardy (Bass), Nick McCarthy (Gitarre) und Paul Thompson (Schlagzeug) ihren ersten Liveauftritt noch im Schlafzimmer eines Mädchens namens Celia ab. Aus vier Songs bestand ihr Repertoir damals, und sie wiederholten sie einfach so oft, bis alle Gäste am Tanzen waren. Ein genial einfaches Konzept, dessen sich auch gängige Chartstürmer bedienen - allerdings nennen diese ihre Songs jedesmal anders.
Durch diesen Auftritt bekamen die Studenten das nötige Selbstvertrauen, den Schritt zum Berufsmusiker zu wagen - mit Erfolg. Ihr Gemisch aus Iggy Pop, The Fall und Joy Division mit einem gesunden Schuss Britpop, darauf angelegt, "Mädchen zum Tanzen zu bringen", bescherte ihnen im Sommer 2003 einen Plattendeal mit Domino Records.
Schon nach zwei Singleauskopplungen ist der Hype um die eher brav wirkenden Jungs so enorm, dass sie auf den Titelseiten diverser Musikmagazine erscheinen und schon vor Release ihres Debüts als die beste Newcomerband Englands bezeichnet werden. Vergleiche mit den Strokes sind also durchaus angemessen.
Nach einer europaweiten Tour im Sommer 2004, auf der die Schotten beweisen, dass sie es ernst meinen mit dem Spaß, geht die Erfolgsgeschichte weiter. Anfang September werden Franz Ferdinand mit dem renommierten Mercury Music Prize geehrt; dabei setzen sie sich gegen prominente Mitbewerber wie The Streets, Belle And Sebastian oder die Soul-Senkrechtstarterin Joss Stone durch. Als Preisträger treten sie in die Fußstapfen von Primal Scream, PJ Harvey und Roni Size.
Interessant ist auch die Entstehungsgeschichte der Band, die im Tourbus immer ein Bügeleisen dabei hat, um ja nie mit zerknitterten Hemden aufzutreten. Auf einer Party entbrannte zwischen Literaturstudent Alex und Musikstudent Nick, der in München aufgewachsen ist, ein heftiger Streit um eine Flasche Wodka. In der darauf folgenden Schlägerei kam es zu einem Austausch musikalischer Interessen. Ergebnis war eine enge Freundschaft zwischen beiden und eine gemeinsame Band. That's Rock!
2005: Newcomer wie Maximo Park, Bloc Party, The Futureheads und Kaiser Chiefs eifern den Franzels nach, indem sie ebenfalls gefeierte Debütalben vorlegen, die Fans und Kritiker gleichermaßen goutieren. Doch alle warten auf die Antwort der Thronfolger. Die kultische Verehrung ging bereits so weit, dass Fans eine Online-Petition starteten, mit dem Ziel, Franz Ferdinand-Sänger Alex Kapranos möge sich doch bitte seine gestutzten Haare wieder wachsen lassen. Schließlich sei man bei Live-Auftritten an den Anblick gewöhnt, wie er sich seine Fransen "immer so reizvoll aus seinen Augen" streiche.
"You Could Have It So Much Better" heißt der ab dem 30. September 2005 erhältliche neue Franz Ferdinand-Longplayer, auf den der Single-Appetithappen "Do You Want To" in erwarteter Frische vorbereitet. Als einige der wenigen Bands spielten die Schotten schon im Juli einen ihrer neuen Songs live in Harald Schmidts Late Night Show und begeistern mit neuem Bühnendesign beim Haldern Open Air im August. Ihre Welttournee zum neuen Album startet im September in den USA und führt das Quartett anschließend nach Europa.
Nebenbei hat Gitarrist Nick McCarthy noch die Muße, gemeinsam mit seinem Kumpel Alexander Ragnew das Album "Only An Orchard Away" für sein Soloprojekt Box Codax einzuspielen. Der Sound von Box Codax will sich nicht so ganz festlegen: mit reichlich Lo-Fi-Charme und spürbarem Humor knuddeln die zwei in bester DIY-Manier Folk, New Wave, Elektronik und andere schöne Dinge zusammen.
Franz Ferdinand-Fans müssen sich dagegen noch bis 2009 gedulden, was neues Songmaterial anbetrifft. Bis dahin betätigt sich Alex Kapranos als Produzent des dritten The Cribs-Albums "Men's Needs, Women's Needs, Whatever". Bereits im November 2006 ist in Großbritannien sein Buch "Sound Bites: Eating On Tour With Franz Ferdinand" erschienen, in dem Kapranos die "kulinarischen Abenteuer" auf Tournee mit seiner Band schildert.
Alex Scholpp über Tarja Turunen, die Krise des VfB und leckeres Dinkelacker Bier.
Nach zehn Jahren Tieflader und vier EPs haben es die Schwaben endlich mal geschafft, ein richtiges Album aufzunehmen.
Grund genug, bei Bandleader und Gitarrist Alex Scholpp mal nachzufragen, warum das so lange gedauert hat, wie es sich als Tourgitarrist der ehemaligen Nightwish-Sängerin Tarja Turunen so lebt und was zur Hölle mit dem VfB los ist! Der Anruf aus der Schwaben-Metropole kommt pünktlich um halb acht, und Alex ist mal wieder bestens bei Laune.
Kein Wunder, mit "Geht Durch Die Wand" haben Tieflader ein starkes Album vorgelegt, die Frau kümmert sich um den Nachwuchs und Alex selbst ist gerade auf dem Sprung zur Probe, um sich auf den Release-Gig vorzubereiten. Mahlzeit!
Ja, Mahlzeit ist genau richtig. Bei mir gab's grad Essen. Steak mit Salat und Kartoffeln, so richtig amerikanisch. Aber man muss ja ne Grundlage schaffen, nachher ist Probe mit Tieflader.
Aha, auf einmal ist große Aktivität angesagt. Naja wird auch Zeit nach vier EPs und zehn Jahren.
Ja, hast ja recht. Sogar das Stuttgarter Stadtmagazin Lift hat geschrieben: "Die Stuttgarter beschenken sich zu ihrem zehnjährigen Jubiläum mit ihrem Debütalbum" (lacht), das passt schon ganz gut. Naja, es gab in den zehn Jahren ja durchaus auch Besetzungswechsel und ich war auch nicht so ganz unschuldig dran, weil ich noch mit Farmer Boys aktiv war. Tieflader waren mir aber trotzdem immer wichtig, ich wollte das auch nie aufgeben. Leider haben wir es in den ersten zehn Jahren nie auf Albumlänge hinbekommen, sondern immer nur ein paar Songs gemacht und die dann gleich eingespielt. Die ganzen EPs davor waren ja immer so 'Ein-Tages-Aktionen' im Studio. Das ging alles immer recht schnell. Am einen Tag die Instrumente, am anderen noch der Gesang und fertig.
Klar, du als Mutter und Hausfrau warst da zeitlich natürlich immer eng dran.
Jahaha, genau! Aber dieses Mal haben wir uns etwas mehr Zeit genommen und eben unser Debüt eingezimmert. Wir haben da ein zwei Sachen ausprobiert und sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden.
Was mir natürlich gleich mal wieder aufgefallen ist, ist dein Festhalten an einer nicht existierenden Rhythmusgitarre unter deinen Soli. So was macht doch echt jeder im Studio, außer Pantera.
Hahaha, ich wusste, dass das jetzt kommt. NEIN!!! Sowas gibts bei mir nicht! Das ist ne Style-Frage. Live hast du ja auch keine Rhythmusgitarre, zumindest nicht bei uns oder anderen Bands mit nur einer Gitarre. Das habt ihr mit Purify doch auch nicht.
Ja, aber wenn wir was aufnehmen, spielen wir trotzdem ne Rhythmusspur ein.
Pfff, alles fake (lacht).
Ach komm, du hast auf "Geht Durch Die Wand" auch ein paar zweistimmige Leads drauf, die live in der Art wohl auch nicht machbar sind.
Verdammt, jetzt haste mich natürlich am Sack (lacht). So viel zum Thema Konsequenz. Ok, damit haste recht, aber bei einem Gitarrensolo find ich es einfach auch geil, wenn nur Bass und Schlagzeug alleine grooven. Und wenn die Gitarre dann wieder mit einsetzt, kracht das um so mehr.
Schon richtig, aber so ein wenig bremst das doch immer aus.
Klar, aber das find ich dann auch ok. Das ist durchaus beabsichtig, dass du während dem Solo einen Spannungsumschwung hast. Es geht kurz woanders hin und kommt dann um so brachialer wieder zurück. Klar, das ist Geschmackssache, aber das ist schon in der Pantera-Tradition gehalten, das haste schon richtig erkannt.
Auch manches Riff ist schwer in der Pantera-Tradition gehalten, hehe.
Keine Frage, aber Dimebag ist neben James Hetfield schon immer mein Lieblingsgitarrist gewesen. Das hört man meinem Sound und Stil schon an. Die Grooves, das Tempo, da ist schon deutlich, dass ich mich von seinem Gitarrenspiel hab inspirieren lassen. Aber ganz so einfach, dass ich Dime nur kopiere, ist es wohl auch nicht.
Nein, bestimmt nicht. Von einer Kopie kann keine Rede sein. Vor allem sind auch einige Riffs dabei, die durchaus an Farmer Boys erinnern. Was ich viel kritischer finde, ist es, eine Song wie "Stuttgart" zu veröffentlichen. Immerhin haben die gestern 1:0 gegen die Spielvereinigung Greuther Fürth verloren!
Ich leg gleich auf (lacht). Sehr witzig, Eddy. Ich bin hier in tiefer Trauer und du bohrst noch in der Wunde! Scheiße, warum mussten wir das Interview auch noch mal verschieben. Hätten wir das nicht vor drei Wochen machen können? Da sah es beim VfB noch deutlich besser aus. Aber das war echt bitter gestern. Aber hilft ja nix, man muss halt zu seinem Verein und seiner Heimat stehen. Auch wenn's mal weh tut. Aber immerhin hat Jens Lehmann den Ball von dem Balljungen, der sich sehr anständig benommen hat, zurück bekommen (lacht).
Meine Fresse, das war so ne Sache. Ich dachte echt, jetzt frisst er ihn! Der Lehmann ist ja jetzt eh nicht für seinen umgänglichen Charakter bekannt.
Ja, das grenzte schon so ein wenig an Todessehnsucht bei dem Kleinen. Aber ich will nichts Schlechtes über den Lehmann sagen, weil der doch schon viel für den VfB in dieser Saison getan hat. Aber vom Typ her … naja, das haben Weltklasse-Torhüter wohl genetisch so an sich (lacht).
Stimmt schon. Der Kahn hätt ihn wahrscheinlich in einem weggenagt.
Jahaha, der hätte ihm den Kopf weggeschrien, oder ihn einfach aus dem Hemd gebrüllt. Aber ich bin ja schon ganz froh, dass die Mannschaft geschlossen dem Trainer das Vertrauen ausgesprochen hat und dass da nicht gleich wieder das Stühlerücken angesagt ist. Was kann denn der Trainer dafür, wenn die Lutscher auf dem Platz nichts auf die Reihe bekommen? Da müsste doch dann eigentlich eher der Manager mal dran glauben, der für die ganzen Einkäufe verantwortlich ist.
Hier in Mainz fühlt man sich ja mittlerweile als Trainerkiller. War neulich eine entsprechende Glosse in der Zeitung. Egal, ob Mainz verliert und dann den Trainer feuert, oder ob ein anderer Club gegen Mainz verliert. Im Anschluss ist immer der Trainer weg.
Ja, echt ne Unsitte. Was soll das? Sieht man doch grad wieder bei Bayern. Das, was die gerade anstellen, hätten sie mit dem Klinsmann auch geschafft. Den haben die gefeuert und dem Neuen erst mal sechs neue Spieler für 160 Millionen hingestellt und wo stehen sie in der Liga? Ist doch echt n Witz. Sind die da alle besoffen?
Jawoll!
Wie erklärst du mir denn das bitteschön?
Öh, wir trinken gerne Bier!
Ja ok, und was hat das mit Dinkelacker zu tun?
Hey, wir trinken auch gern Dinkelacker.
Ja klar, jetzt schon.
Du Arsch (lacht)! Klar, trinken wir Dinkelacker, man kann ja nicht immer nur Stuttgarter Hofbräu trinken, weißte? Wie auch immer. Dinkelacker ist noch ne alteingesessene Privatbrauerei. Stuttgarter Hofbräu gehört ja mittlerweile zur Radeberger-Gruppe. Dinkelacker Schwabenbräu ist dagegen immer noch privat. So was find ich gut, das wird unterstützt.
Ok, das lass ich gelten. Ich war ja beinharter Haigerlocher-Fan. Aber das hatte auch schwer an Profil eingebüßt, nachdem es aufgekauft wurde.
Ja, siehste? Genauso ne Unsitte wie das Trainer-Feuern.
Kommen wir mal wieder zu eurer Scheibe zurück. Textlich ist "Hier Kommt Der Hammer" ja nicht wirklich der Hammer.
Ach komm, wieso denn? Das kommt textlich doch gut auf den Punkt.
Mit jedem zweiten Satz: "Hier kommt der Hammer!"
Ja klar, aber das ist doch ein Stilmittel. Das kommt vom ... äh … Schüttelreim, genau (lacht). Ne, dieses Mal haben wir uns echt deutlich mehr Mühe gegeben, was die Texte angeht. Die schreiben Patrick und Rob zusammen und ich hab auch einen geschrieben.
Lass mich raten, du hast bei "Stuttgart" ne Zeile mit getextet?
Ne, bei "Ich Will Wieder Heim" (lacht). Nein Quatsch, der ist komplett von Rob. "Abwärts" ist von mir. Die meisten Texte funktionieren dieses Mal schon auf mindestens zwei Ebenen und haben auch immer mal wieder ein Augenzwinkern dabei. Das war früher nicht immer so. Da haben wir eher selten zweimal überlegt, wie wir was formulieren könnten. Dieses Mal haben wir uns da richtig Mühe gegeben und da wurde auch bis kurz vor dem Einsingen noch einiges dran rumgeschraubt und verändert. Das lass ich dir nicht durchgehen, dass die total platt sind (lacht).
So hab ich das ja auch nicht gesagt. Jetzt leg mir doch nix in den Mund. Das mach ich höchstens bei dir, wenn ich das Interview abtippe.
Ja, genau so kenn ich dich! Journalistisch immer um darum bemüht, authentisch zu sein. Aber halt nur bemüht (lacht).
Was ist das eigentlich für ein Label auf dem ihr jetzt seid? Ratzer Records?
Jep, das ist sowas wie ein alteingesessenes Label hier in Stuttgart. Das ist auch ein Plattenladen, der jetzt 25-jähriges Jubiläum feiert. Der Typ, der den Laden schmeißt, ist ein guter Kumpel von mir und hat uns früher auch schon mit den Farmer Boys sehr gefördert. Der kennt sich halt gut aus und jetzt haben wir eben alles zusammen geworfen und mit ihm die Scheibe gemacht. Wir machen natürlich nach wie vor viel selber und auf eigene Faust, genau wie bei den EPs vorher. In Zeiten wie diesen musst du einfach sehr viel selbst übernehmen, damit du überhaupt letztendlich bei Null rauskommst.
Denkst du, dass man als Band noch groß auf Labels angewiesen ist, oder kann man mit einem guten Vertrieb weitgehend alles selber machen?
Puh, ich denke eigentlich, dass man als Band das meiste mittlerweile auch ohne Label durchziehen kann. Vor allem, weil man ja immer noch von manchen Labels hört, die sich die CDs schon fertig produziert von den Bands geben lassen, die Rechte an den Songs bekommen und letztendlich kaum was für die Band oder die Scheibe machen. Klar, ein großes Label hat immer noch Macht und auch das Geld, dich wirklich zu pushen und was aus deinem Sound zu machen, aber auf kleinerer Basis lässt sich auch ohne Label schon einiges bewegen. Die meisten Labels gehen ja nach dem Prinzip vor, wir schmeißen jetzt mal so viel wie möglich von einem gerade angesagten Trend an die Wand und was kleben bleibt, da pumpen wir auch für ein zweites Album Geld rein. Da hast du als kleine Band, die sich keinem Trend anbiedert, eh kaum ne Chance. Also warum nicht auf eigene Faust arbeiten und dabei dann wenigstens einigermaßen auf Null rauskommen.
Auf jeden Fall. Das ist natürlich auch ne extrem feine Sache mit solchen Musikern zu spielen wie dem Oliver Holzwarth am Bass (Blind Guardian/Ex-Sieges Even) oder dem Mike Terrana (Axel Rudi Pell/Ex-Rage) an den Drums. Das sind nicht nur Spitzenmusiker, sondern auch alles verdammt nette Leute, mit denen ich mich super verstehe. Man sitzt da schon recht lange und viel aufeinander, und das hat mit allen sehr gut funktioniert. Wenn man sich um nichts groß kümmern muss und nur Abends auf die Bühne geht und spielt, ist das natürlich ne sehr relaxte Sache. Auch mit Tarjas Mann und Manager. Ich versteh nicht, warum man mit denen irgendwelchen Stress haben sollte. Die sind da beide sehr entspannt und freundlich. Vor allem auch sie. Wir sind da als Musiker eigentlich weitgehend selbst für uns und unser Zeug verantwortlich und haben auch freie Hand. Es gib keinen Musical Director oder was in der Art, der alles vorgibt oder irgendwelche Vorschriften macht. Wir regeln das sozusagen unter uns, ob wir jetzt nen Stop machen, oder eine Fadeout, oder was auch immer. Das Meiste bleibt natürlich so wie auf CD, aber ein paar Kleinigkeiten können wir absolut unter uns ausmachen. Auf der letzten Tour hatten wir einen kleinen Akustik-Mittelteil, in dem eigentlich keine Gitarre auftaucht. Da hieß es dann einfach: "Spiel worauf du Bock hast."
Und dann stehst du nebendran und schnippst mit den Fingern.
Genau, wie James Last (lacht). Nö, ich hab mir während der Probe die Akkorde rausgehört und dann eben was dazu gespielt. Das war echt ne coole Sache. Mit den ganzen anderen Jungs war das kein Problem. Da kommt jeder perfekt vorbereitet zur Probe, Mike zählt an und los gehts.
Mal was ganz anderes: Wie wichtig ist ein Plattform wie MySpace für euch?
Sollte man schon haben und ist ne feine Sache für die Leute, die mal ein paar Bands anchecken wollen. Da ist genau das drauf, was man als Band braucht: Musik, Video, Bilder und Text. Am Anfang fand ich das eine richtig spannende Sache, aber mittlerweile geht es mir auch stellenweise ganz schön auf den Sack. Vor allem, wenn du ständig irgendwelche Freundesanfragen von Bands bekommst, wo in Klammern dann noch 'writing new songs' steht. Äh, who gives a fuck? (lacht). Man kann Mitteilungsbedürfnisse auch übertreiben. In dem Zusammenhang sei auch Twitter erwähnt. Geht's eigentlich noch? Also MySpace ist schon gut, sollte man als Band haben, aber wir legen auch Wert auf eine eigene Heimat im Netz.
Ich hab neulich mit Daniel Wirtz ebenfalls drüber gesprochen. Der hat sich ja mehr oder minder über MySpace erst mit seiner Band aufgebaut und ist da täglich mehrere Stunden online, um ganz nah am Fan zu sein.
Ja, wenn das für ihn so funktioniert ist das super. Wenn ich mich richtig erinnere, war der mit seinem Video schon bei der ersten Scheibe direkt auf der Startseite bei MySpace. Das ist echt klasse, wenn das bei ihm so funktioniert, aber ich denke, das wird auch von Künstler zu Künstler verschieden sein. Manche Themen sind auf MySpace einfach zugänglicher als andere und wenn das bei ihm so toll geklappt hat, cool! Hm, vielleicht sollte ich das auch mal machen (lacht).
Du musst das delegieren und einen von deinen Jungs zur MySpace-Arbeit einteilen.
Freunde anwerben, überall in Klammer schreiben, dass wir an neuen Songs arbeiten ... und das Geilste überhaupt find ich ja, wenn dir Leute Comments posten mit Videos, die selber starten. Da könnte ich direkt mit dem Hammer drauf hauen. Das Video kann noch so gut sein, die sind für mich von vornherein gestorben.
Wie geht's bei Tieflader weiter?
Wir spielen jetzt ein paar Konzerte. Und – dann schauen wir, dass wir noch mehr Konzerte spielen. Und dann machen wir uns auch gleich mal ans neue Album, damit wir zum 20-jährigen Jubiläum was nachlegen können (lacht). Oder vielleicht auch zum 25-Jährigen. Nein, das neue Album soll natürlich deutlich schneller hinterher kommen. Das sollte in ein, zwei Jahren durchaus drin sein.
Klingt doch sehr gut. Was macht denn der Nachwuchs? Pennt der schon?
Ne, die is noch wach. Aber wir waren heute auf Kindergartensuche und haben da heute nen VfB-Spieler getroffen, der sich den auch angeschaut hat. Den hab ich direkt niedergeschlagen (lacht). Ne, der is leider ganz schnell wieder verschwunden, dabei hätte ich mich gern mal mit dem unterhalten. Naja, egal. Das war jetzt ein zweisprachiger Kindergarten, aber das ist nicht zwingend notwendig. Sie wächst ja zweisprachig zu Hause auf (Alex Frau Dacia ist Amerikanerin, d. Verf.). Aber um Kindergärten und so was muss man sich echt rechtzeitig kümmern. Am besten noch vor der Geburt (lacht). Wir waren danach noch ein bisschen unterwegs und jetzt muss die Kleine erst mal wieder runterfahren. Babys haben anscheinend immer Angst, dass sie irgendwas verpassen. Deswegen will sie auch nicht schlafen.
Ach, mach ihr einfach auch n Dinkelacker auf, dann klappt das schon.
Jahaha, genau. Wie sieht's denn bei dir aus mit Nachwuchs?
Keiner, von dem ich wüsste oder der mir nachgewiesen werden kann.
Nick McCarthy über "Tonight", bandinterne Streitigkeiten und Shakespeare.
Mit "Tonight" präsentieren sich Franz Ferdinand so quicklebendig, als hätte es kein durchschnittliches Zweit-Album, kein gegenseitiges Generve und keine Schaffenspause gegeben. Bei der Album-Vorstellung in der Kulturbrauerei Berlin erklärte uns Gitarrist Nick McCarthy, wie es dazu kam.
Im Hintergrund Soundcheck, im Nebenraum schreiende Kinder. Von anderen Journalisten umzingelt wartet man gespannt auf den anstehenden Gesprächstermin, um dann blöderweise als Letzter an der Reihe zu sein. Schließlich sagt auch noch der zweite Gesprächspartner ab – Schlagzeuger Paul Thompson muss die Kinder hüten. Dafür entschuldigt sich der in München aufgewachsene Gitarrist Nick McCarthy aber artig. Wer könnte da noch böse sein? Und immerhin kann man so ganz locker auf Deutsch plaudern – auch nicht schlecht!
Euer Debütalbum erschien 2004, 2005 kam bereits die Nachfolge-LP auf den Markt. Für "Tonight: Franz Ferdinand" habt ihr euch etwas länger Zeit gelassen, die Platte kommt Mitte Januar 2009 heraus. Warum der große zeitliche Abstand?
Nick: Ja, wir wollten das dritte Album einfach richtig machen. Beim zweiten Album haben wir gesagt, "wir bringen jedes Jahr ein Album raus", da wussten wir aber noch nicht, dass wir dann auch immer eineinhalb Jahre touren. Wir haben eigentlich nach dem Release des ersten Albums nie aufgehört und waren praktisch drei oder vier Jahre auf Tour. Das zweite Album haben wir ja auch auf Tour aufgenommen. Das war zwar in Schottland, aber nicht daheim. In dem Studio waren wir dann drei Monate eingeschlossen und haben's schnell aufgenommen und geschrieben und dann ging's gleich wieder weiter, gleich wieder auf Tour. Ich hab' noch schnell geheiratet davor und dann ging's wieder weiter. Und dann waren wir vier Jahre unterwegs und es war dann halt einfach irgendwie zu Ende – der Ofen war aus. Es ging nichts mehr.
Ich weiß noch, bei manchen Konzerten war ich dann ganz am Ende. Dann bin ich vor tausend Leuten gestanden und hab' mir gedacht: "Ich spür hier gar nix. Was ist denn hier los? Das gibt's ja überhaupt nicht!" Wir haben's einfach übertrieben, glaube ich. Naja und das geht halt nicht, man muss da auch mal wieder runterkommen. Dann haben wir erst mal Urlaub gemacht und wieder langsam angefangen. Man muss ja auch ein normales Leben führen, um über irgendwas zu schreiben.
Siehe Kinderkriegen, Heiraten ...
Ja, ja, Heiraten. Es geht alles um's Heiraten, das neue Album… (lacht) Nee, aber einfach auch an einem Ort bleiben und Leute beobachten und mit ihnen reden und Geschichten hören, Inspiration finden. Einfach auch mal ein paar Platten anhören, einfach daheim sein, ein bisserl geerdet sein. Ich will nicht über unsere Tourwelt Songs schreiben, das ist beschissen.
Euer neues Album ist eine deutliche Ecke dance-lastiger, es gibt v.a. mehr Keyboard-Sounds als bei den Vorgängern.
Ja, ja, genau.
Gab es einen Masterplan für das Drittwerk? Wie kam es zu diesem musikalischen Wandel?
Ja, wir waren einfach gelangweilt. Also wir haben jetzt nicht absichtlich gesagt: "wir müssen jetzt was Neues machen", wir waren einfach nur gelangweilt von den früheren Sachen, also wie wir Musik gemacht haben oder auch die Szene in England, gerade auch diese ganzen Gitarrenbands und dieses ganze Zeug. Das hört sich alles gleich an für mich. Das interessiert mich nicht mehr ... diese ganze Art zu spielen, aber einfach auch die Art, die wir uns angeeignet haben. Wenn's langweilig ist, dann muss man einfach weiter und ich finde jede gute Band, außer vielleicht AC/DC, die muss sich da weiterentwickeln. Meine Lieblingsbands entwickeln sich auf jeden Fall immer weiter. Das finde ich auch immer interessant. Und wenn man nicht total behindert ist, dann muss man das auch machen. Deswegen habe ich jetzt zum Beispiel nicht so viel Gitarre gespielt. Also ich hab' schon bei manchen Sachen, wenn's so richtig abgehen muss, so garagemäßig, dann habe ich wieder Gitarre gespielt, aber ich habe auch oft den Bass gedoppelt, mit elektronischen Sachen. Und auch fettere Synth-Lines, die eher noch unterm Bass liegen, richtige base-end-Sachen einfach ... und dann auch einfach diese hohe schrille Gitarre weggelassen und den Bass und das Schlagzeug in den Vordergrund gebracht. Das hat natürlich gedauert, das so auszufieseln.
Seit einiger Zeit kann man euren Song "Ulysses" im Radio hören, ein Song, der das neue Album bzw. den Wandel im Sound doch sehr gut widerspiegelt...
Ja, es stellt das Album gut vor, finde ich. Es hat auch dieses dicke Synth-Riff, Bass und Schlagzeug fangen an, die sind auch so auf dem Off-Beat. Das ist dieser Dub-Off-Beat. Und dann wird's auch ziemlich "druggy", würde ich sagen. Es geht eigentlich um einen schlechten Trip, wenn man zu viel von was weiß ich genommen hat. Wenn's einfach auf der Kippe ist, oder besser gesagt, wenn's schon auf der anderen Seite ist, diese Psychose die man dann kriegt, davon handelt der Song. "You're nerver going home." Wenn man sich überlegt: "Ich komm' hier nie wieder weg." Ich finde auch, dass das Album ziemlich ... ja, ich weiß nicht, wie ich es auf Deutsch sagen kann, aber 'druggy' ist, auch wenn wir uns selbst beim Spielen nicht die ganze Zeit LSD eingeschmissen haben (lacht), aber es hört sich teilweise so an, finde ich, und das gefällt mir auch ganz gut, diese Geisterwelt. Auch der Ort, an dem wir aufgenommen haben, hat dazu beigetragen. Das war ein altes Rathhaus in Govan, das ist auf der Südseite von Glasgow. Es war 20 Jahre leer und da sind wir dann eingezogen. Da ist ein altes Theater drin und da gibt's ganz viele Geister ...
Ja, und ihr habt ja sowieso auch nur nachts aufgenommen, wie ich gelesen habe.
Ja, ja. Ich meine es war eh immer Nacht, weil wir die Fenster verbarrikadiert haben. Es war einfach immer dunkel und das war wahrscheinlich auch ganz gut so, dann kommt man raus und weiß nicht, ob's Abend oder Morgen ist. Aber nachts war es halt immer ganz besonders da, einfach so'ne Ruhe und bei so einem leeren Theater, das ist 1905, glaube ich, gebaut wurden, da sind diese alten Sessel drin, diese ganzen alten Stühle, der alte Vorhang hängt noch so runter ... ganz viel Gesang haben wir auch auf der Bühne aufgenommen. Man steht dann vor der Bühne, vor dem leeren Haus, wir haben noch die ganzen Lichter ausgeschaltet und das hat schon Angst gemacht und es hat auch so'ne Aufregung dazugegeben. Ich finde auch das hört man.
Ihr sucht euch also immer auch spezielle Orte, an denen ihr eure Songs schreibt, Orte, die für euch immer eine gewisse Bedeutung spielen. "You Could Have It So Much Better" entstand ja bspw. in Alex Kapranos Haus auf dem schottischen Land, fernab von jeglichem Großstadt-Trubel. Inwiefern beeinflusst die Umgebung euer Songwriting?
Ja, wir hatten davor auch das 'Chateau' und dann noch ein altes Gefängnis. Das war auch extrem gut. Da kann man Partys feiern und selber spielen und solche Sachen. Wir suchen uns immer so alte Dinger, die gibt es halt einfach in Glasgow, in London gibt es die zum Beispiel nicht, weil die alle benutzt werden von Filmcrews oder so. Die gibt's ja in Berlin auch. Und das sind einfach Möglichkeiten für Musiker und Künstler und davon gibt es in Glasgow ganz viele.
Habt ihr denn auch mal darüber nachgedacht, hier in Berlin aufzunehmen?
Haben wir! Ja, wir hätten das Album fast hier aufgenommen. Wir haben halt dieses Rathaus in Govan gefunden und haben da angefangen zu spielen und aufzunehmen, aber das war eher ein Proben. Dann sind wir nach Berlin gekommen und haben gedacht: "Ah wir nehmen in Berlin auf, das ist cool! Ja, das passt irgendwie genau zu uns." Bowie-Einfluss und so, und da haben wir gedacht, das wär' einfach ganz cool, das würd' genau passen – und dann nehmen wir halt gleich im Hansa auf. Wir haben uns das dann angeschaut und es war super. Das ist nicht das, wo der Bowie aufgenommen hat, sondern ein anderer Raum, der gehört ... (lacht) dem Peter Maffay. Oder hat ihm gehört. Und da hab' ich angerufen und gefragt: "Ey, können wir vorbeikommen, uns das anschauen?" Und dann hieß es: "Nein da ist grad ein Künstler drin." Und dann haben sie fünf Minuten später noch mal angerufen: "Ach der Künstler ist jetzt weg. Kommt ruhig vorbei."
Und dann bin ich da reingekommen und dann war das der Raum vom Peter Alexander ... (lacht), aber der war dann leider schon weg, der Producer war noch da. Und dann hab' ich mir gedacht: "Ich bin echt froh, wieder in Deutschland zu sein!" Das war echt lustig! Und es hätte alles echt total gepasst, aber dann sind wir zurück nach Glasgow und haben unser Rathaus noch mal angeschaut und uns gedacht: "Ey, was woll'n wir denn jetzt Tausende von Euro ausgeben, um in Berlin aufzunehmen, wenn wir das in Glasgow praktisch umsonst haben. Wir haben unsere ganzen Instrumente da, das ist unser Ding, unser Headquarter. Wir haben ein Theater und noch andere Räume und unter der Bühne haben wir diesen einen Raum, der sich super anhört – dann bleiben wir hier!" Aber vielleicht nehmen wir auch noch mal in Berlin auf. Wer weiß? Hoffentlich! Das wär' schon cool!
Ja, klar! Natürlich!
Trefft ihr denn gelegentlich auch eure ehemaligen Kollegen von 1990s? Deren Sänger Jackie erzählte mir mal, dass es in der Glasgower Musikszene recht freundschaftlich und familiär zugeht, dass man mit anderen Musikerkollegen gerne mal ein Bier trinken geht.
Ja, klar. Es kennen sich alle untereinander in Glasgow von der Szene. Es gibt schon manche, die einfach nicht dazu gehören, zum Beispiel die Fratellis, die hab' ich nie gesehen davor. Die sind wahrscheinlich nicht von der Art School. Wir sind halt die Art School-Gang, und das ist schon 'ne große Gang, aber die Fratellis waren da irgendwie nicht dabei. Die haben halt auch diese offiziellen Konzerte gespielt, die haben wir nie gemacht. Ja, aber genau den Jackie und die Sons And Daughters, Mogwai und Belle & Sebastian auch, die sehen wir die ganze Zeit irgendwo. Stammkneipen gibt's auch ein paar oder man geht zu jemandem nachhause...
Und wie sieht denn eine Nacht durch Glasgow mit Franz Ferdinand aus?
Naja, die perfekte Nacht ist ja im Album beschrieben. Man soll sich das Album anhören und sie sich vorstellen. Die gute Nacht, die kann überall sein, man kann sich das Album natürlich auch tagsüber anhören, aber es ist einfach ein Nacht-Album.
Der Titel deutet es ja bereits an!
Tonight! Genau! Die perfekte Nacht bedeutet: sich fesch anziehen, vor'm Spiegel coole Musik hören und dann vielleicht in eine Kneipe gehen, Freunde treffen. Um elf ist das eh aus in England, da muss man eh weiterziehen. In Glasgow manchmal bis um zwölf. Und dann ist man schon a bisserl angetrunken und dann geht man raus auf die Straße, vielleicht gibt's da schon 'ne Schlägerei ... (schmunzelt) Ansonsten geht's in irgendeinen Club. Tanzen. Wenn der Club zu macht, dann noch zu jemandem nach hause... Ja, das Album beschreibt diese Nacht.
Ihr habt einmal gesagt: 'Ein Lied darf nie fertig sein, denn wenn man der Meinung ist, dass ein Song vollkommen und fertig ist, dann ist das das Ende von Kreativität.' Der Song "Lucid Dreams" war ja der erste neue Song, den man auf eurer Webseite hören konnte und auch der wurde für's Album noch mal überarbeitet. Läuft das Songwriting bei euch immer so ab?
Ja, wir haben den Song ganz früh aufgenommen, im Juni glaube ich. Und dann haben wir ihn fertiggestellt, weil er für ein Computerspiel benutzt werden sollte. Und dann haben wir uns gedacht: "Ja, wir können die Leute nicht das Computerspiel kaufen lassen, wenn sie das Lied hören wollen." Und dann haben wir es als kostenlosen Download herausgebracht. Und dann ist es überall gespielt wurden, obwohl wir eigentlich noch gar nicht fertig damit waren. Irgendwie haben wir uns mit den restlichen Songs auch weiterentwickelt, so dass wir uns gesagt haben: "Wir müssen da noch was machen." Und deswegen haben wir es noch mal aufgenommen und dann ist es einfach zu diesem Monster geworden, was dann nicht aufhören wollte. Das hat sich halt einfach so ergeben.
Viele Songs gehen durch die Mangel. Wir machen viel an ihnen rum, die Songs verändern sich auch. Da muss man dann natürlich schauen, dass man nicht die guten Sachen kaputt macht. Das Beste ist, wenn man den richtigen Moment erwischt, und wir versuchen immer, diesen Moment zu erwischen, auch wenn dann manchmal nur ein Teil vom Song gelingt. Und dann muss man ein paar Jahre später diesen Moment von woanders hernehmen und dann schneiden wir dann rein. Wir haben viel geschnitten bei dem Album.
Sind Teile auch schon während des vielen Tourens entstanden?
Ja, auch das Schreiben haben wir nicht unbedingt nur im Rathaus gemacht. Wir haben auch viel in meiner Wohnung gemacht, denn da kommt auch ab und zu etwas Sonne rein. Das ist auch nicht schlecht, a bisserl Sonne. Oder dann mal zum Alex oder zum Bob. Es kann ja jeder Zeit passieren, dass man eine Idee kriegt für 'ne Melodie, dann habe ich meistens mein Telefon dabei und nehme damit auf.
Das hört sich doch alles nach einem recht entspannten Verhältnis untereinander an, trotzdem konnte man in den letzten Jahren immer mal wieder Gerüchte über bandinterne Streitigkeiten hören. Ist da nichts dran?
Ja, wir sind 'ne Band. Es gibt immer mal Streitereien in Bands. Man muss sich ja streiten, damit man auch ans Eingemachte kommt. Ja klar streiten wir uns. Dass es handgreiflich wird, ist Gott sei Dank nur einmal passiert bzw. leider. Aber dass wir uns jetzt immer die Köpfe einschlagen, das ist nicht so. Eher verbales Attackieren, kann auch persönlich werden, aber das ist auch ganz normal so, wenn man viel Zeit miteinander verbringt. Und das ist auch gut so, ich meine das heißt ja nur, dass es uns wichtig ist. Die ganze Zeit nur zu sagen: 'Ja, ja, okay, dann machen wir's so, wie du's willst.' Das ist ja auch nix. Wir geben uns ja auch immer die Hand danach. Keine Angst! Ist doch gut wenn's a bisserl knistert! Jede Beziehung hat das doch, oder jede gesunde Beziehung.
Ja, klar. Wir machen immer Sachen nebenbei. Der Paul hat auch 'ne Platte rausgebracht. Vorher hat er noch eine produziert: Correcto. Ich hab' meine Box Codax-Platte veröffentlicht. Ich hab' auch gerade eine weitere geschrieben. Ich finde, es ist gut, wenn jeder noch was nebenbei macht. Das kann nur zum Ganzen wieder beitragen, das hält auch frisch. Man hat andere Einflüsse, andere Leute, mit denen man was macht. Das kann nur gut sein. Es ist nicht so, dass wir unglücklich sind und unser eigenes Ding machen wollen, das stimmt nicht. Ich lerne ja dann auch was, was ich wieder bei Franz Ferdinand einbringen kann, und auch an Selbstbewusstsein gewinnt man da.
Ich habe auch mit einem Freund die Musik für ein Puppen-Musical geschrieben. Ich find' das ja super. Im ganzen Osten gibt es eine große Puppenszene ... das finde ich ganz faszinierend, das ist eine total magische Welt. Von Shakespeares 'The Tempest' haben wir die Lieder genommen und haben sie zu Musik gemacht, haben seine Sprache verwendet und das war einfach unglaublich. Das hat einfach alles total gepasst. Und das war auch ein riesiger Einfluss für mich, einfach wie diese Sprache von Shakespeare in meine Musik reinpasst. Das war irgendwie, als ob es dafür geschrieben worden wär'. Das war unfassbar.
Zum Abschluss noch eine Frage zur UK-Musikszene. Welche britische Band kommt 2009 groß raus?
Für mich ist Metronomy der absolute Hit. Vielleicht sind die auch eher so'n Indie-Tipp, aber für mich sind die unglaublich geil. Auch live muss man sie mal gesehen haben. Das ist immer ein absoluter Hit. Der Joseph, der Sänger, der schreibt auch die meisten Songs und nimmt sie auf, der hat einfach eine unglaubliche Vorstellung von Melodie. Mit ihm hab' ich jetzt auch das neue Box Codax-Album aufgenommen. Ja, da schließt sich der Kreis. Weil ich seine Band so geil finde, habe ich halt mal angerufen und gefragt: "Hey, wie schaut's aus, hast Lust a bisserl was nebenbei zu machen?" Und dann haben wir uns ein paar mal getroffen und ein bisserl was aufgenommen.
In Deutschland sind Metronomy ja bislang noch nicht so bekannt.
In England sind die schon bekannt. Man mag sie schon, die werden überall gespielt. Und was noch unglaublich ist: als ich ihn kennengelernt habe, hat er mir sein Album-Cover gezeigt und da ist er mit 'nem Auto drauf, das ist auch mein Auto.
Und so kam dann also die Freundschaft ins Rollen und die musikalische Zusammenarbeit.
Ja, genau.
Wenn wir gerade von Covern sprechen, euer neues Album-Cover bricht ja auch mit dem vorherigen Stil.
Ja wir wollten auch da einen frischen Start. Wenn wir jetzt jahrelang das gleiche Artwork machen ... da muss man auch weiter. Und einfach mal nur ein Foto von uns, das ist ja auch nicht schlecht!
"Tonight: Franz Ferdinand" steht seit 23. Januar in den Läden. Im März präsentieren Nick McCarthy und Co. die neuen Songs auch in einigen ausgewählten deutschen Clubs.
Franz Ferdinand, die Band der Stunde. Gestern noch in der Uni-Aula von Glasgow, heute auf der Hauptbühne in Glastonbury. Vom Kunststudent zum Superstar in knapp sechs Monaten. Wie verkraftet man das? Wird man größenwahnsinnig? Wird man rot? Trägt man nur noch Sonnenbrille?
Gitarrist Nick McCarthy, geboren in England, aufgewachsen in Deutschland und berühmt geworden in Schottland, trägt keine Sonnebrille, dafür sitzt sein Haar perfekt. Gel rein und zurück damit. Aus dem Backstage-Grünbereich inklusive Red Bull Chill Area verziehen wir uns mit ihm vor das ehemalige Hangar-Gebäude. Nick fragt: Wollt ihr das Interview auf deutsch oder auf englisch machen? Gute Vorzeichen. Kurzes Vorstellen, Online-Magazin Konstanz, schneller Warm Up-Small Talk, während die Technik aufbereitet wird: gestern waren Franz Ferdinand auf dem Glastonbury, größtes UK-Festival, Headliner Paul McCartney und Oasis.
Nick, wie war's?
Nick: Ja super. Aber mei, ich war schon ziemlich aufgeregt, muss ich sagen. Es war eben das erste Festival dieses Jahr und dann auch noch gleich Glastonbury. Prompt haben wir uns auch ziemlich verspielt, naja, so schlimm war's zwar nicht, aber schon ganz schön schräg.
In beinahe jedem Interview werdet ihr nach eurem Bandnamen gefragt. Geht einem das nicht irgendwann so auf den Sack, dass ihr euch manchmal wünscht, einen anderen gewählt zu haben?
Naja, die ständige Fragerei nervt schon ziemlich. Das kann keiner von uns mehr hören. Überlege also gut, was du gleich fragst. Aber deswegen bereuen wir es nicht, denn der Name ist gut. Den hat einfach jeder schon mal gehört, da kommt man in der Schule ja gar nicht daran vorbei. Deswegen sage ich dazu auch nix mehr.
Es gibt da eine amerikanische Electro-Punkband namens Atom & His Package, die kürzlich darüber nachdachte, sich den Namen des Franz Ferdinand-Attentäters zuzulegen, und dann in jeder Stadt aufzutreten, in der ihr spielt. Schon davon gehört?
Ja. (lacht) Auf die Idee kamen schon mehrere. Die erste und wie ich glaube einzige Franz Ferdinand-Coverband aus Glasgow nennt sich auch Gavre Princip, wie der bosnische Schüler damals. Eigentlich schon der Hammer, eine Franz Ferdinand-Coverband, dabei gibt's von uns ja nur ein Album.
Guter Punkt: Habt ihr während eurer nicht enden wollenden Erfolgstour rund um die Welt eigentlich noch Zeit für neue Songs?
Wir schreiben schon Songs auf Tour, aber über den Status von Songskizzen geht das dann nicht hinaus. Denn um die neuen Ideen richtig umzusetzen und über Arrangements nachzudenken, musst du eben doch in ein Studio und dafür fehlt momentan wirklich die Zeit. Wir haben ein paar Sachen mit Gitarre und Keyboard beisammen und im Januar und Februar gehen wir damit wieder ins Studio.
Amerika liebt euch auch schon, oder?
Ich weiß nicht, aber es war schon eine coole Erfahrung. Wir haben in ziemlich vielen Clubs gespielt, und teilweise haben sich da schon seltsame Szenen abgespielt. Viele Leute kennen uns dort schon, wir haben da echt eine Menge Fans, die teilweise auch recht verrückt sind. Mädchen am Hotel und so. Naja, aber die meisten sind wirklich nett (grinst ein wissendes Lächeln).
Stimmt es, dass euer Debütalbum mittlerweile eine Million Mal verkauft wurde?
Ja (lacht peinlich berührt). Das ist alles so verrückt. Wir waren gerade in L.A., als wir davon erfuhren. Plötzlich kam die Plattenfirma rein und karrte 20 Flaschen Champagner an. Aber wir waren alle total fertig von den ganzen Shows und allem und wollten eigentlich nur noch ins Bett (lacht). Und die Million Platten, mei, es war uns eigentlich scheißegal.
Eure Videos sind sehr stylish und erwecken den Eindruck, von ein und demselben Regisseur angefertigt zu sein.
Das stimmt aber nicht. Die Wahrheit ist, dass wir als Band einfach großen Einfluss auf unsere Videos nehmen. Es ist großartig, dass man heutzutage als Musiker die Möglichkeit hat, diese Form zu nutzen, um ein Bild von sich zu gestalten. Dazu gehört ja auch das Cover-Artwork, auf das wir viel Wert legen. Das Video zu "Matinee" hat zum Beispiel Marc gemacht. Das ist der Regisseur, der auch dieses eine Radiohead-Video gedreht hat, dieses Wahnsinnsteil im Wald ("There There", Anm. d. Red.). Ich weiß leider nicht, wie er weiter heißt. Naja, jedenfalls wurden wir dadurch auf Marc aufmerksam.
So läuft es meistens. Es gibt nämlich auch Regisseure, die wollen nur ihr eigenes Ding machen und hören sich den Song null an. Das verstehe ich überhaupt nicht. Ich meine, die Songs erzählen doch oft schon eine Geschichte, und viele Regisseure interessiert das überhaupt nicht, dabei kann das Video eigentlich gleich dort anknüpfen.
Und wer ist Michael? Artig bedanke ich mich bei der Gelegenheit für Franz Ferdinands schöne Hommage an meinen Vornamen, die schönste eigentlich seit Philipp Boas "This Is Michael".
Ach, das ist so ein Typ aus Glasgow. Ihr werdet ihn bald persönlich kennenzulernen, denn er spielt in unserem neuen Video "Michael" mit, das wir morgen in Berlin drehen. Ich weiß wieder nur, dass der Regisseur Uwe heißt und aus Köln kommt. Ich kann mir Nachnamen einfach nicht merken.
Wie kamt ihr auf Uwe?
Ich glaube jemand hat ihn vorgeschlagen, und dann haben wir miteinander telefoniert und uns seine Ideen angehört. Das passte ganz gut zu unseren Überlegungen, und so haben wir zugestimmt.
Ich habe euch in München vor 2.500 Zuschauern gesehen. Die Vorgeschichte zu diesem Auftritt steht irgendwie exemplarisch für euren kometenhaften Aufstieg: zuerst für's Atomic Café gebucht, wurde euer Auftritt schon nach ein paar Wochen ins Metropolis verlegt und schließlich in die große Elserhalle. Gurly hat euch drei Tage darauf in Zürich vor 400 Leuten gesehen ...
Woah, ihr ward in München und Zürich? Cool. Ja, München war natürlich der Hammer. Da waren so viele Freunde von mir, ich wusste anschließend gar nicht, mit wem ich zuerst reden sollte. Danach waren wir noch auf einer After Show-Party und dort hingen natürlich noch mehr Bekannte rum. Und Zürich war ja auch super, dieser kleine Club, das hat verdammt Spaß gemacht. Da freut man sich natürlich immer, wenn man die Gesichter unmittelbar vor sich hat.
Aber hey, es macht natürlich auch Spaß auf Festivals zu spielen, das ist ja logisch (lacht). Im Atomic haben wir vorher schon mal gespielt, das kenne ich natürlich noch aus meiner Zeit in München. Mit Embryo habe ich da auch schon mal gespielt. Kennt ihr die?
Ist das nicht diese alte Krautrock-Band?
Genau, die gab's schon in den 70ern. Da war ich früher Teilzeit-Musiker, bevor ich nach Glasgow gegangen bin. Super Band. Müsst ihr euch mal ansehen. Die spielen heute noch zusammen.
Wann bist du denn nach Schottland gegangen?
Vor ungefähr zweieinhalb Jahren.
Du sprichst also zwei Sprachen perfekt?
Naja, ich musste erst mal richtig Englisch sprechen lernen, weil ich ja nur so komisches Englisch konnte, wie eben meine Eltern gesprochen haben, also quasi 30 Jahre altes Englisch. (grinst) Da haben sich natürlich alle totgelacht, und ich musste erst mal lernen, wie man wirklich Englisch spricht.
Warum hast du in Zürich denn keine deutschen Ansagen gemacht, hattest du Angst vor dem Schwitzerdütsch?
Hab' ich nichts gesagt? Ach weißt du, mei, dann ist mir halt nichts eingefallen, mir fällt halt nicht immer was ein, und dann sage ich an lieber nix. Mit der Schweiz hatte das nichts zu tun.
Zwischen den Gigs in München und Zürich wart ihr noch kurz in Manchester und habt als Vorgruppe von Morrissey vor bestimmt 12.000 Zuschauern gerockt. Verliert man da nicht die Bodenhaftung?
Hmm, frag' doch mal meine Bekannten in München, mit denen ich neulich nach dem Konzert nicht gesprochen habe. Die sagen jetzt bestimmt "Ha, und jetzt ist er arrogant geworden" (lacht). Nein, ich denke, wir haben uns alle ganz gut im Griff, was irgendwelches Star-Gehabe betrifft. Das passt einfach nicht zu uns. Und wenn man öfter bekannte Stars trifft, merkt man schnell, dass die auch ganz normal sind. So geht euch das ja bestimmt auch, wenn ihr oft Interviews mit Musikern macht, oder? Na jedenfalls ist Morrissey ein völlig normaler Typ. Den haben wir schon beim NME Roundtable kennen gelernt. Das hat natürlich vor allem meine Kollegen beruhigt, die ihn noch von früher verehren. Es war sehr lustig zu sehen, wie aufgeregt die waren (lacht). Bei mir war das nicht so, denn die Smiths gab es in Rosenheim ja nicht (lacht).
Na und Noel Gallagher haben wir auch kürzlich getroffen und er hat uns auch sehr höflich zu unserem Album gratuliert. Schon verrückt. Aber solche Sachen passieren ständig. Ich fand es zum Beispiel eine große Ehre, als der Guardian uns angeboten hat, ein paar Seiten zu editieren. Wahnsinn!
Wer ist denn dein alter Star aus Rosenheimer Zeiten, den du noch nicht getroffen hast?
Hmm, das wäre dann wohl David Bowie. Das hat bislang noch nicht geklappt. Aber bald spielen wir zusammen mit ihm. Mal sehen. Vor einiger Zeit hat er uns eine E-Mail geschrieben, in der stand, dass er unsere Platte gut findet. Nett, oder?
Sehr nett. Aber kriegt man in dem Moment, wo man eine Mail von Bowie öffnet, nicht Schiss, mit dem zweiten Album zu floppen?
Nein, irgendwie beunruhigt uns das überhaupt nicht. Das erste Album ist zwar ziemlich schnell aufgenommen worden, aber die Sachen haben wir alle schon lange davor live gespielt. Und eingespielter als nach diesem Jahr sind wir wohl nie wieder, so dass das wir uns vielmehr schon auf den Studiotermin freuen.
Wenn du in München aufgewachsen bist, dann kennst du sicher auch die Spider Murphy Gang, die gerade 25-jähriges Bühnenjubiläum feierte. War das ein großer Einfluss für dich, ich meine, gerade die Art wie du die Gitarre spielst und dich bewegst?
Klar, Spider Murphy Gang, super Band. Selbstverständlich war das ein großer Einfluss für mich (lacht).
Darf ich das auch zitieren?
Sicher darfst du das, aber lass mich bitte noch sagen, dass die Münchner Freiheit definitiv keinen Einfluss auf mich ausgeübt hat! (lacht)
Letzte Frage: Daft Punk haben kürzlich "Take Me Out" geremixt. War das eure Idee?
Nein, das hat unser Label initiiert. Schöne Idee und auch wieder 'ne große Ehre.
Ich habe gelesen, der Song soll vorerst nur als DJ-12" in England und in Frankreich erscheinen. Wieso das?
Oh, so genau weiß ich das gar nicht. Aber wart' einfach mal ein bisschen ab, wenn er vielen Leuten gefällt, dann taucht er bestimmt irgendwann auch auf regulären Releases auf. Ich habe ihn neulich mal gehört. Is' halt typisch Daft Punk, die haben den Song quasi belassen wie er ist und 'nen fetten Wums druntergelegt. Hinten noch ein paar Loops dran, fertig. Aber trotzdem sehr schön.
Okay Nick, dann viel Spaß auf der Bühne nachher.
Danke. Grüßt mir Konstanz und München.
Das Interview führten Gurly Schmidt und Michael Schuh.
| Fr | 16.08.2013 | Franz Ferdinand A-FM4 Frequency Festival (St. Pölten) | |
| Sa | 17.08.2013 | Franz Ferdinand Rock'n'Heim (Hockenheim) |
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For all your new scottish gentry needs.
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