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Musik aus Frankreich. Damit verbindet man oft nur eins: House respektive Acts wie Daft Punk (ältere Semester kennen natürlich noch Edith Piaf, Serge Gainsbourg, MC Solaar oder Les Rita Mitsouko). Dass Franzosen erstens nicht nur rein elektronische Musik sehr gut hinkriegen und zweitens auch englisch singen können, beweisen Phoenix.
Eine Band, die man so nicht erwartet hätte. Ihr Sound ist vielseitig wie ein Fünf-Gänge-Menü. Basierend auf einem amerikanischen folky funky Country als Hauptgang servieren sie einen Aperitif aus Eighties-Kitsch, zur Vorspeise kommt ein housig-elktischer Salat und nach der Hauptspeise gibt es Gitarrenrockbretter und ein funpoppiges Softeis. Hört sich nicht gerade leicht verdaulich an, ist es aber!
Phoenix schaffen es, die leicht skurril wirkende Mischung so zusammenzustellen, dass ein eingängiges, schmeichelndes Album dabei herauskommt, das dem geneigten Musikhörer eigentlich keine Bauchschmerzen bereiten sollte.
Angefangen haben Thomas Mars (Vocals, früher auch Drums), Deck D'Arcy (Bass) and Christian Mazzalai (Gitarre) 1991 als Garagenband. Geprobt wird damals in Thomas' Haus in einem Vorort von Paris und die 'Touren' bestehen darin, vor einem betrunkenen Kneipenpublikum Songs von Prince und Hank Williams zu covern. 1995 kommt Christians älterer Bruder Laurent Brancowitz als zweiter Gitarrist hinzu.
1997 nehmen sie eine erste Single auf und bringen 500 Kopien auf dem eigenen Label "Ghettoblaster" raus. Man einigt sich auf Phoenix als Bandnamen. Eine Kopie fällt in die Hände des Pariser Labels Source. Die Folge: ein Plattenvertrag.
Doch bevor ein eigenes Album ansteht, gehts erst mal auf eine bizarre kleine Tour: Man spielt als Backgroundband für die Labelkollegen und Freunde Air. Das wäre ja weiter nichts besonderes, würde man nicht ausschließlich in britischen Fernsehshows auftreten.
Es folgen die Aufnahmen zum Debüt. Zwei Monate verbringen die Franzosen im Studio. Und dort sind sie nicht allein. Unterstützung kommt von Thomas Bangaltar (Daft Punk, Keyboard auf "Embuscade") und Philippe Zdar (Cassius, mixte einen Großteil des Albums). Man kennt sich eben in der Pariser Szene - Laurent spielt mit den beiden Daft Punks vor deren Erfolg in einer Band namens Darlin.
Kritiker preisen das Album "United" in den Himmel und die erste kleine Clubtour durch Deutschland Ende 2000 ist bereits mehr als gut besucht. Und das zu Recht, live erinnert Sänger Thomas Mars von Attitüde und Aussehen her ein klein wenig an Pulps Jarvis Cocker und hat doch seinen ganz eigenen Charme. Abgehoben sind sie trotz des Zuspruchs jedoch nicht - so wohnen sie zu der Zeit noch mit einigen Freunden in einer WG in Paris zusammen.
Rund vier Jahre nach dem vielgelobten Debütalbum kommt der Zweitling "Alphabetical". Statt "Too Young" heißt der Singlehit nun "Everything Is Everything", das Album fällt insgesamt aber ruhiger aus. Von der gut besuchten Tour, die die Band durch 15 Länder auf fünf Kontinenten führt (rund 150 Konzerte), erscheint der rockende Livemitschnitt "Live! Thirty Days Ago".
Mit dem Gitarren-lastigen "It's Never Been Like That" (2006), eingespielt während eines zweimonatigen Berlin-Aufenthalts, und vor allem dem wieder elektronischer orientierten "Wolfgang Amadeus Phoenix" (2009) festigt die Truppe ihren Ruf als unprätentiöse Vorzeigeband mit einem sicheren Händchen für klar strukturierte Popsongs. Für Kitsuné stellen sie noch vor dem "WAP"-Release eine Compilation zusammen.
Das 2009er Werk zieht Ende Januar 2010 in Los Angeles gar einen Grammy ab. In der Kategorie "Best Alternative Music Album" lassen Phoenix renommierte Acts wie Depeche Mode, David Byrne & Brian Eno, Death Cab For Cutie und die Yeah Yeah Yeahs stehen. Thomas und Co. werden in den einschlägigen US-Late Night Shows als Gast nur so herum gereicht, ebenso wie auf großen Festivals. Beim Konzert im Madison Square Garden kommen gar kurz Daft Punk auf die Bühne.
Die Franzosen auf dem bisherigen Karrierezenit - den Weg dorthin halten Antoine Wagner und Francisco Soriano in der TV-Doku "From A Mess To The Masses" fest, die Phoenix auf Albumtour begleitet. Drummer Thomas Hedlund und Robin Coudert (Keys, Percussion) gehören mittlerweile fest zum Live-Line-Up.
Thomas Mars, der deutsche Wurzeln hat (der Literaturkritker und Journalist Hellmuth Karasek ist sein Onkel), ist seit 2005 mit der US-Regisseurin Sofia Coppola liiert. Das Paar hat zwei Töchter - 2010 steuern Phoenix den Soundtrack zu Coppolas Streifen "Somewhere" bei. Schon früher findet sich "Too Young" auf dem "Lost In Translation"-Score. Im Streifen "Marie Antoinette" hat der Vierer dann einen Kurzauftritt: Hofmusiker in Rokoko-Kostümen.
2010 nimmt langsam aber sicher die Arbeit am Grammy-Nachfolger Fahrt auf - zuerst in Manhattan, wo Thomas mittlerweile wohnt, ab 2011 in Frankreich (zum mittlerweile dritten Mal mit Philippe Zdar in Montmartre, Paris).
Im Januar 2013 verraten sie den Albumtitel: "Bankrupt!. Der Titel und das asiatisch angehauchte Pfirsich-Cover spiegeln eher ästhetische denn inhaltliche Motive wider. Noch bevor die Scheibe, die in der Limited Deluxe-Edition mit 71 Studiooutput-Fragmenten auf einer Extra-CD erscheint, steht fest: Die Franzosen spielen erst mal nur die richtig großen Festivals.
Über "Bankrupt!", Jackos Mischpult und ein Kickstarter-Projekt für Mariah Carey.
Die Phoenix-Gitarristen Laurent Brancowitz und Christian Mazzalai über europäische Musik, billige Keyboards und den Wert von Chaos und Zerstörung.
Ein Hotel in Berlin. Als sich die Zimmertür für das bevorstehende Gespräch öffnet, stehen Laurent Brancowitz und Christian Mazzalai, die Gitarristen von Phoenix, die zugleich Brüder sind, im hinteren Teil des Raumes am Fenster und parlieren über die Veränderungen an der Skyline Berlins und der Gegend um den Potsdamer Platz zu ihren Füßen. Die Stadt ist ihnen noch in guter Erinnerung, war sie doch für die Aufnahme des Albums "It's Never Been Like That" die Wahlheimat der französischen Band.
Heute steht nur ein kurzer Besuch an, um das neue Album "Bankrupt!" vorzustellen und zu besprechen. Offensichtlich haben sie auch ihren Spaß dabei: Im Laufe des Gespräches steht Brancowitz, der ältere der beiden Brüder, nach einer gestellten Frage wortlos auf, sucht das reichhaltige, an einer Längsseite des Zimmers platzierte, Getränkeaufgebot auf, fischt daraus – es ist ja schon elf Uhr durch – eine Flasche Weißwein samt Gläsern und bringt diese mit zum Tisch. Sein Bruder blickt ihn überrascht an, lacht und sagt: "Non, non!"
Der Wein wird dann doch nicht geöffnet, dafür immerhin Kaffee angeboten und serviert. Mit den Worten „Sorry, nächste Frage“, setzt sich Brancowitz wieder an den Tisch. Gleichzeitig beschleicht den Interviewer der Verdacht, dass die Aktion nur eine besonders hinterhältige Methode war, der Beantwortung der zuvor gestellten Frage aus dem Weg zu gehen, was leider auch noch funktioniert hat.
Ihr seid jetzt mal wieder in Berlin, der Stadt in der ihr mehrere Monate gewohnt habt, um euer 2006 erschienenes Album "It's Never Been Like That" aufzunehmen. Was hat sich in der Zwischenzeit aus eurer Sicht verändert?
Laurent Brancowitz: Es hat sich ganz schön verändert. Als wir hier hierher kamen, lebten wir die ersten Monate in dieser sehr doo ... äh, dieser neuen Gegend: im Sony Center. Da hatten wir eine rückwärtige, sehr moderne Wohnung. Wir sind oft gemeinsam rausgegangen und haben die Gebäude wachsen sehen.
Christian Mazzalai: Wir kommen ja noch immer öfter mal hierher, um Konzerte zu geben oder für solche Gespräche. Ein Cousin von uns beiden wohnt auch hier.
Das Reisen während der Produktion eurer Alben war immer ein großes Thema für euch. Dieses Mal habt ihr in Australien mit den Aufnahmen begonnen. Wie wichtig ist es für euch, immer an verschiedenen Orten zu sein?
Mazzalai: Wir versuchen, Strategien zu finden, immer neue Blickwinkel zu bekommen, damit wir nicht die gleichen Mechanismen des Songwriting reproduzieren. Auf diese Art kann alles immer wieder umgekrempelt werden, wir haben da schon vieles versucht. Wir kennen so viele Wohnungen in Paris. Wir haben es in Berlin versucht, wir haben es in New York probiert, und es gibt noch eine Menge mehr Orte, es wieder zu versuchen. Mein Traum ist es, für das nächste Album nach Italien zu gehen. Es geht einfach darum, immer etwas Neues zu probieren.
Brancowitz: Zu versuchen, eine neue Balance zu finden. Wir brauchen das, diesen Verlust der Balance.
Mazzalai: Wir müssen uns ausdehnen, um etwas komplett Neues zu finden. Neue Gebiete.
Als ihr damals nach Berlin gekommen seid, hattet ihr nichts dabei außer eurer Instrumente. Kein Song war geschrieben. Ist das richtig?
Mazzalai Ja, genau.
Brancowitz: So machen wir das immer.
Mazzalai: Es war sehr gut. Es wurde das am schnellsten aufgenommene Album, das wir jemals gemacht haben. Wir haben es in drei Monaten geschafft. Also danke, (auf Deutsch) Dankeschön Berlin.
Zur Gegenwart: Für das neue Album hast du, Laurent, über ebay und für 17.000 Dollar das Mischpult gekauft, was für die Produktion von Michael Jacksons "Thriller"-Album verwendet wurde. Was war die Idee dahinter, oder geschah das einfach spontan?
Brancowitz: Das war ganz spontan. Wir haben eigentlich mehr als genug Geräte im Studio. Um das mal mit einem Vergleich zu beschreiben: Wir besitzen keine Autos, aber wenn wir welche besäßen, wäre es ein ziemlich langweiliger und deprimierender Akt, ein Auto zu kaufen. Aber wenn es ein Auto wäre, das einmal Herbert von Karajan gehört hat oder Brigitte Bardot zum Beispiel, bekommt es plötzlich ein poetisches Moment, solch ein Fahrzeug zu kaufen. Ungefähr das war die Idee dahinter. Dazu kommt, dass es eines meiner Lieblingsalben ist. Also hat das gepasst.
Also war das nur so, dass ihr dieses Mischpult haben wolltet, weil es großartig ist, es zu besitzen?
Mazzalai: Ich erinnere mich noch genauer. Wir wollten ein Artefakt von Serge Gainsbourg aus der gleichen Zeit haben. Es gab da einen größeren Verkauf.
Brancowitz: Eine Auktion in Paris. Es wurden Manuskripte und solche Sachen dort verkauft und wir wollten etwas Seltenes kaufen. Möglicherweise war es uns an diesem Punkt auch wichtig, eine Verbindung zu unserer Kindheit herzustellen. Vielleicht, aber uns ist das eben erst klargeworden.
Mazzalai: Oder eine andere Sache. Kann ich weitermachen? Das war im ersten Jahr der Aufnahmen zum neuen Album. Wir waren in Versailles und haben dort eine Pfandleihe gefunden, sehr billig. Und die hatten dieses Ein-Meter-Keyboard aus der gleichen Ära ...
Brancowitz: Nein, es war ...
Mazzalai: Echt nicht? Aus '82 oder '83 war das doch?
Brancowitz: Nein, aber fast aus der gleichen Ära. Wir haben es gekauft und auf fast allen Tracks verwendet.
Mazzalai: Wir lieben alle gleichermaßen mit solchen Geräten zu arbeiten. Das erklärt etwas diesen Umstand, dass wir sehr billige Instrumente in einer sehr teuren und perfekten Soundumgebung einsetzen. Sie sind beide aus der gleichen Epoche, sie haben eine Verbindung und eine Intimität für uns.
Wie haben diese Artefakte eure Arbeit am neuen Album beeinflusst? Gab es etwas, das ihr anders als gewohnt machen musstet dadurch?
Brancowitz: Wir sind da ähnlich rangegangen wie sonst, aber wir wollten einen neuen Sound haben. Also haben wir sehr viel experimentiert. Und besonders dieses Keyboard, das wir in vielen Songs verwendet haben, weil es diesen dreckigen Klang hat: Wow, wir beten es an! Also gab es viel Verwendung für dieses mehr oder weniger Spielzeug-Keyboard. All diese Streicher-Klänge sind mit diesem Keyboard gemacht worden. Wir lieben das, weil es billig klingt.
Ihr habt oft erzählt, dass ihr mehrere Jahre an einem einzelnen Lied arbeitet. Wie schafft ihr es, so lange auf einen Song fokussiert zu bleiben und daran zu glauben, dass es am Ende mit einem großartigen Ergebnis belohnt wird?
Brancowitz: Wenn wir aufgeben, haben wir verloren. Also stecken wir sehr viel Energie in die einzelnen Songs, wir können es uns nicht leisten, aufzugeben. Aber letzten Endes zerstören wir auch eine Menge. Es gibt viele Träume, die zerbrochen sind.
Mazzalai: Deswegen ist es sehr mühevoll für uns ein Album zu produzieren. Wir sind sehr sorgfältig. Wir haben Träume, die in jeder Sekunde zerstört werden können. All unsere Hoffnungen können schwinden von einen Moment auf den nächsten. Es ist ein sehr angsteinflößender Prozess.
Brancowitz: Er ist sehr groß.
Mazzalai: Gerade darauf bezogen, hat er uns eine Menge geholfen.
Brancowitz: An manchen Punkten hatten wir das Bedürfnis bestimmte Ideen zu zerschlagen und dann kommt er und sagt: "Nein, nein, nein, fasst das nicht an!"
Mazzalai: Er bewahrt uns manchmal davor, schlimme Dinge zu tun.
Brancowitz: Auf der anderen Seite gab es Songs, mit denen wir sehr zufrieden waren und er sagte, wir müssten das anders machen und dann gingen die Diskussionen los. Wir sagten: Keine Chance, dieses Lied bedeutet so viel, das kannst du nicht machen.
Welcher Song auf dem neuen Album war auf diese Auseinandersetzungen bezogen der schwierigste?
Brancowitz: Puh, hmm, ich denke "Bourgeois".
Mazzalai: Ja, "Bourgeois".
Brancowitz: "Bourgeois" war ein schwieriges Ding. Ich habe von Anfang an daran geglaubt. Es hat mich eine Menge Kraft gekostet ...
Mazzalai: Ich habe bis fast zur letzten Sekunde nicht daran geglaubt und mir immer nur gesagt: Mach es halt für ihn. Aber nach mehr als einem Jahr Ringen um das Lied hat es dann doch gut funktioniert.
Was war denn das Problem mit dem Song?
Brancowitz: Wir hatten zunächst selber eine Aufnahme davon gemacht, die eine gewisse Magie hatte. Dann haben wir versucht, das im Studio zu wiederholen, aber dieser Charme fehlte einfach. Tatsächlich lag das Geheimnis darin – und wir haben mehr als ein Jahr gebraucht, um es zu entdecken –, dass wir die Synthesizer so einstellen mussten, dass sie verstimmt sind. Und mit einem Mal bekam das Lied seinen Charme zurück und klang nicht mehr so professionell.
Mazzalai: So groß, so amerikanisch. Das passiert uns sehr oft.
Brancowitz: Wir hatten diese Aufnahmen auf dieser Art von Aufnahmegerät gemacht und die haben etwas Großartiges. Dann versucht du das zu reproduzieren und schnappst und schnappst danach, aber du bekommst es nicht hin. Dieses Mal haben wir eine Lösung gefunden. Häufig gelingt es uns nicht, die Schönheit der ersten Aufnahme zu reproduzieren.
Ich möchte mal über meinen ersten Eindruck vom neuen Album mit euch reden ...
Brancowitz: Sehr gerne. Denn wir haben ja selbst keine Ahnung. Sag uns die Wahrheit, auch wenn's wehtut.
Es beginnt mit einer Reihe sehr geradliniger Popsongs. Eine Reihe, die gebrochen wird durch den Titelsong "Bankrupt!", der mit verschiedenen zurückhaltenden Motiven spielt und die Tür öffnet für einen experimentelleren Teil des Albums. Zum Ende verdichtet sich das Ganze dann wieder zur Geradlinigkeit des Beginns. Was war die Absicht dahinter, einen solchen Bruch in die Mitte des Albums einzubauen, oder ist das ein falscher Eindruck meinerseits?
Brancowitz: Nein, perfekt. Es ist genau das. Lieder, die solche bizarren Momente enthalten, die wir mögen, sind uns sehr wichtig. Wir wollen die nicht einfach ans Ende packen, wie das die Leute normalerweise tun.
Immer zehn Songs und 40 Minuten. Das ist wohl eine Art Dogma?
Mazzalai: Ja, wir wollen immer zehn Songs.
Nach der Veröffentlichung eures Albums "Wolfgang Amadeus Phoenix", das bei Fans und Kritikern gleichermaßen gut ankam, habt ihr gesagt, dass ihr davon überrascht wart und keine Ahnung habt, warum gerade dieses Album so gut ankam. Mit ein paar Jahren Abstand: Habt ihr den Code dieses Erfolges geknackt?
Brancowitz: Wir wissen es noch immer nicht. Vielleicht ist es so: Eine Uhr, die kaputt ist, zeigt dir auch zweimal am Tag die richtige Zeit an. Wir standen für eine ziemlich lange Zeit auf der gleichen Position, auf eine fast schon bescheuerte Art festsitzend auf einem Weg, immer in die gleiche Richtung, ohne zu versuchen etwas anderes zu verfolgen. Wir haben uns vielleicht nicht dem Hype oder aktuellen Trends angepasst. Wenn du das versuchst, bist du immer zu spät, sechs Monate zu spät, mindestens. Vielleicht war das Ganze eine Strategie, die sich am Ende ausgezahlt hat. Aber ich hab keine Ahnung. Es war mit Sicherheit eher eine kollektive Übereinstimmung für den Moment. Es ist ja immer etwas in dieser Art.
Welchen musikalischen Pfaden seid ihr in den vergangenen Jahren gefolgt und wie hat das euer neues Album beeinflusst?
Mazzalai: Während der letzten beiden Alben haben wir sehr viel europäische Musik gehört. Deutsche Musik, österreichische Musik, Bands wie Neu! Jetzt auf diesem Album haben wir quasi das Gegenteil davon in der europäischen Musik entdeckt: Italienische Musik, Lucio Battisti zum Beispiel. Wir haben den Typen entdeckt und noch einige andere Musiker aus den 60er und 70er Jahren der italienischen Musik, die schon beinahe das Gegenteil ist.
Brancowitz: Ja, schon, aber sie ist noch immer typisch europäisch. Denn wir lieben die Idee von Europa und eine europäische Vision von Pop-Musik.
Lasst uns ein wenig über Frankreich reden. In der Vergangenheit habt ihr euch immer mal wieder etwas beschwert darüber, dass in eurem Heimatland nicht so gut ankommt aus dem einfachen Grund, dass ihr auf Englisch singt. Hat sich das inzwischen geändert?
Mazzalai: Ein wenig, ja.
Brancowitz: Es sind vor allem die jüngeren Generationen, die uns zuhören.
Mazzalai: Nicht nur uns.
Brancowitz: Nicht nur uns, aber sie sind an Mehrsprachigkeit gewöhnt.
Mazzalai: Es ist jetzt normaler.
Brancowitz: Aber die Old School-Typen hassen uns noch immer, aber das sagen wir dir gerne.
Ihr habt immer gesagt, dass ihr dennoch eine französische Band seid, die in Französisch denkt aber auf Englisch singt. Nicht nur, weil das vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal ist, sondern auch um Menschen außerhalb Frankreichs etwas über das Land zu erzählen, und zwar in einer Sprache, die die meisten verstehen. Was habt ihr über das Frankreich dieser Tage auf dem neuen Album mitzuteilen?
Brancowitz: Wir möchten nichts über Frankreich sagen, wir möchten nur die Wahrheit sagen. Und die Wahrheit ist, dass wir nicht davor flüchten können, französisch zu sein. Tatsächlich ist das für uns eine Chance, denn es macht es uns leichter, originell zu sein. Wenn wir in London oder New York geboren wären, wäre es ziemlich schwierig etwas Besonderes zu machen. Aber wir kümmern uns nicht so sehr um diese Tatsache, das würde sich bizarr anhören. Im Feld der Pop-Musik ...
Mazzalai: Es gibt uns mehr Freiheit. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Treffen mit einem sehr coolen Musiker aus L.A., einem Drummer, der mit vielen guten Bands gespielt hat und einen sehr guten Musikgeschmack hat. Ich kann mich an das letzte Mal erinnern als wir uns trafen und wir uns die ganze Nacht lang über einen Song von Lionel Richie unterhielten. Ich war so: Wer ist das überhaupt? Aber für ihn war nicht möglich, Lionel Richie zu mögen, weil er Mainstream ist. Er ist mit dem Song aufgewachsen und wusste, er würde das nicht mögen können, weil es nicht cool ist. Aber wir in Frankreich nehmen den Song einfach nur auf, ohne zu wissen wer dieser Lionel Richie war und ob es nun geschmacklos oder nicht: Wir nehmen nur den Kern, die pure Emotion auf. Für uns ist das eine Chance: Wir können unsere Inspiration von überallher nehmen, es kann Kraftwerk und zur gleichen Zeit Velvet Underground und Lionel Richie sein. Das ist fast unmöglich für einen Amerikaner.
Da wir gerade von Freiheit sprechen: Vor der Veröffentlichung eures letzten Albums habt ihr euer Major Label verlassen und euch einem sogenannten Independent-Label angeschlossen. Ihr habt gesagt, dieser Schritt habe euch ein Höchstmaß an Freiheit gegeben, das zu tun, was ihr möchtet um euer Publikum zu erreichen. Auf der anderen Seite habt ihr den derzeitigen Zustand der Musikindustrie als einen sehr chaotischen beschrieben. Mit Labels, die sich im Niedergang befinden und einem großen Einfluss von internetbasierten Hypes. Denkt ihr, ihr profitiert von den veränderten Rahmenbedingungen in der Musikbranche?
Brancowitz: Wir sind unter den wenigen, die davon profitieren. Vielleicht wären wir in den 80er Jahren reicher geworden. Aber ich bin sicher, wir wären auch unglücklicher. Nein, wir lieben diese Situation, denn sie gibt den Künstlern und Hörern mehr Macht, nimmt sie den – (an die gerade im Raum anwesende Mitarbeiterin ihres Labels gerichtet) Sorry Victoria – Plattenfirmen und Medien. Die Öffentlichkeit erwartet immer neue Sachen und sie ist entdeckungsfreudiger und es gibt Leute, die versuchen denen zu gefallen. Wenn wir aber versuchen jemandem zu gefallen, dann ist das zum Scheitern verurteilt. Wie wenn man zu angestrengt versucht, jemanden zu verführen und das dann jegliche Kraft verliert. Dieses moderne Zeitalter von Chaos und Zerstörung ist für uns ein Segen. Für Mariah Carey ist es das vielleicht nicht. Aber ich bin sicher, dass sie etwas Geld auf die Seite gelegt hat, sie hat genug. Das hoffen wir jedenfalls für sie. Aber falls nicht, dann helfen wir ihr gern. Wir werden ihr über kickstarter helfen, ein Projekt zu finanzieren.
Thomas Mars über Mentalitätsunterschiede und das Geheimnis französischer Popmusik.
Was würde Mozart dazu sagen? Das vierte Album der Franzosen heißt "Wolfgang Amadeus Phoenix". Wir sprachen mit Sänger Thomas Mars über Berlin, das Geheimnis französischer Popmusik, die Präsidentengattin Carla Bruni und nach dem Grund, warum Phoenix keinen festen Drummer haben.
Ende März befinden sich Phoenix im Hamsterrad der Album-Promotion. Bis die Öffentlichkeit auch nur einen Ton der neuen Single "1901" hören wird, vergehen noch Wochen. Doch der Vorlauf muss sein, die Promoterin spricht von einem nicht für möglich gehaltenen Medieninteresse.
Dieses konzentriert sich naturgemäß auf den Sänger Thomas Mars. Umso mehr freuen wir uns, dass der sympathische Kopf der Gruppe uns am Telefon konzentriert und völlig ungenervt Rede und Antwort steht.
Du bist gerade in Berlin. Habt ihr wieder eine gute Zeit?
Wir fühlen uns wohl und kennen die Stadt, weil wir hier unsere dritte Platte aufgenommen haben. Es macht immer Spaß, an Orte zurück zu kehren, die man mag - ein bisschen Routine eben. Wir mögen das.
Kannst du mir ein Geheimnis verraten? Ich stehe auf französische Bands - weiß aber nicht genau warum. Worin besteht diese spezielle Note, die Bands wie Phoenix, Daft Punk, Air, Cassius oder in früherer Zeit etwa Les Rita Mitsouko ausmacht?
Puh, sehr schwierig ... eigentlich ist es auch für mich ein Mysterium. Du könntest genauso gut fragen: Wie entstand Leben auf der Erde? Es gibt Orte, wo spezielle Dinge aufgrund eines gewissen Kontexts passieren. In Versailles war die Zeit wohl reif für so eine neue "Lebensform". So sehe ich das vielleicht.
Die Musik klingt irgendwie einzigartig, manchmal auch wie das nächste große Ding, etwa wenn Madonna mit Mirwais kollaboriert ...
Wir wissen halt, wie es funktioniert. (lacht) Aber wenn es etwas gibt, was all diese Bands eint, ist es der Wille, es zu schaffen. In Frankreich ist das sehr schwierig. Du musst von dir sehr überzeugt sein, wenn du Musiker werden willst. Du musst in die Domäne der Profis geradezu einbrechen. Wir haben ganz klein angefangen, und diese Indie-Idee trägt noch immer. Es geht um den Spaß an der Kunst.
Wo siehst du den Hauptunterschied zwischen "It's Never Been Like That" und "Wolfgang Amadeus Phoenix"?
Wir haben an der neuen Platte vier oder fünf Mal so lange gearbeitet. Bei der letzten hieß die Grundidee Exil, jetzt geht es ums Gegenteil, Heimat. Wir wollten experimentieren, ausgeklügelter und komplizierter klingen. Es passierte nicht schnell und heftig, wir mussten uns auf einen tief gehenden Prozess einlassen.
Wenn du an die "It's Never Been Like That"-Sessions in Berlin zurück denkst: War es eine gute Idee, in Deutschland aufzunehmen?
Ich bereue nie etwas. Also ja. Ich mag es, dass jede unserer Platten anders klingt und einen bestimmten Zeitabschnitt repräsentiert - wie ein Polaroid-Foto. Du kannst einzelne Songe heraus nehmen und sie werden immer für einen bestimmten Lebensabschnitt stehen. Mir gefällt das.
Siehst du große Unterschiede zwischen Berlin und Paris - vielleicht hinsichtlich der Mentalität der Menschen oder bezüglich der Aufnahmebedingungen im Studio?
Ich denke, wir haben versucht, von beiden Städten das Beste zu kriegen. Was ich an Deutschland liebe, ist, dass die Menschen gute Bürger sind. An Frankreich mag ich das chaotische Moment. Gleichzeitig fühle ich mich dort oft verunsichert, obwohl es meine Heimat ist. Die Tatsache, dass man uns dort versteht, ist nicht immer von Vorteil. In Deutschland ändert sich automatisch unsere Perspektive. Wir nahmen in einer Ost-Berliner Radiostation auf und hatten das Gefühl, einfach unser ureigenes Ding machen zu können.
Ich weiß es nicht, aber es ist mir auch egal. (lacht) Für uns ist das eher so eine Art Spielerei, ein kindisches Ding, so als würde man der Mona Lisa einen Schnurrbart malen. Wir spielen sozusagen mit Ikonen: Du musst sie nicht mehr bewundern, weil du sie selbst veränderst hast.
Warum wählt ihr dafür gerade große Komponisten wie Mozart oder Franz Liszt?
Keine Ahnung, ein Zufall? Die Vergangenheit hält jedenfalls unendlich viel Inspiration bereit. Wir sind in Versailles aufgewachsen, da ist man sehr von Geschichte umgeben. Die Schönheit dieser historischen Dinge versuchen wir mit unseren eigenen Ambitionen zu verbinden. Eine ziemlich romantische Idee, wie ich finde: Wir kamen später dran, versuchen aber ihr Gewicht abzuschütteln.
Phoenix ist eine Vier-Mann-Band mit eigentlich klassischem Rock-Line-Up, zwei Gitarristen, Basser und Vocals - aber von Beginn an ohne Drummer. Warum eigentlich?
Am Anfang habe ich getrommelt. Ich hörte aber auf, weil ich derjenige war, der am wenigsten etwas dagegen hatte, zu singen. Das wollte kein anderer machen, also musste ich ran.
Ein Ersatz am Kit stand gar nicht zur Debatte?
Nein, wir sehen das als einen Vorteil an. Klassisches Line-Up kann auch Einengung bedeuten. Man bleibt in den immer gleichen Arrangements oder derselben Vorgehensweise beim Komponieren stecken. Genau so verhält es sich auch mit der Tatsache, dass wir auf englisch singen, obwohl wir Franzosen sind. Diese Unterschiede machen unsere Stärke aus.
Hast du die Drumparts auf "Wolfgang Amadeus Phoenix" programmiert?
Wir samplen entweder einen echten Trommler oder lassen einen Drumcomputer mit Realsounds spielen, zuweilen arrangieren wir die Parts dann im Rechner um. Grundsätzlich wollen wir, dass ein echter Drummer eher wie eine Maschine spielt bzw. ein Roboter fast wie ein echter Trommler klingt. Auf der neuen Platte gibt es Liveelemente, aber nur stellenweise, etwa Hi-Hats oder Toms.
Ich habe einen Freund, der das ziemlich frustrierend findet. Er kommt mit dem Sound-Mischmasch nicht zurecht, er kann das nicht auseinander halten, für ihn klingt das befremdlich. Das war für mich eines der schönsten Komplimente überhaupt.
Spielst du eigentlich ab und zu noch Schlagzeug?
Nein, zumal wir einen so guten Drummer haben, dass ich mich immer schäme, wenn ich ihn sehe. Da habe ich keine Lust drauf. (lacht)
Nein, wir machen das zu viert und ergänzen uns so gut, dass es manchmal fast schon lächerlich ist.
Entstehen die Songs dann in Jamsessions?
Nein, aber wir nehmen so ziemlich alles auf, was wir spielen. Dann kriegt einer die Aufgabe, das Zeugs durchzuhören. Auf was der steht, weiß man mehr oder weniger. Schließlich hört man es wieder gemeinsam, macht sich Teile zu Eigen und irgendwann landet es auf der Platte.
Die Franzosen sind sehr stolz auf ihre Kultur, ihre Künstler und ihre Sprache - beispielsweise gibt es Radiokontingente für französische Popmusik. Sind englische Texte da nicht von Nachteil?
Wenn du auf französisch singst, kommst du leichter ins Radio. Aber man behandelt uns zuhause gar nicht als französische Band. Ich finde das Gesetz eh dumm. Musik ist universell.
Verkauft ihr mehr Platten in Frankreich oder doch in anderen Ländern wie Deutschland oder den USA?
Wir haben das Glück, dass wir nirgends einen großen Hit landen. Das ist eigentlich sehr gut, denn wenn die Leute etwas ganz Bestimmtes von dir erwarten, kann das deine Entwicklung als Band behindern. Bei uns ging das immer Schritt für Schritt mit jedem Album. In den Staaten interessiert man sich mittlerweile für uns, stelle ich fest. Aber ich denke, wir haben überall eine kleine Community.
Existiert eigentlich eine spezielle Verbindung zwischen französischen Bands, wenn sie im Ausland sind? Gibt es so etwas wie den Wunsch, die "Grande Nation" zu repräsentieren?
(lacht) Ich denke schon ... Wenige Franzosen gehen ins Ausland, da kennt man sich. Auch wir hängen mal eine französische Flagge auf, etwa wenn wir bei Saturday Night Live in New York spielen. Man reist um die Welt, es ist so ein grundsätzliches Ding, als würdest du sie auf dem Mond hissen - irgendwie romantisch.
Zum Schluss: Bist du stolz auf Nicolas Sarkozy? Mit Carla Bruni hat euer Präsident nun eine Art Rock'n'Rollerin an seiner Seite, was ihm zu etwas Glamour verholfen hat.
Nein, darauf bin ich nicht stolz, aber ich spreche grundsätzlich eher ungern über Politik.
Er hat allerdings ein gewisses rhetorisches Talent bzw. die Fähigkeit, komplizierte Dinge einfach zu erklären, oder?
Für mich hat er das nicht. Diese Qualität besitzt beispielsweise schon eher Barack Obama. Aber Politik ist ein sehr schwieriges Feld - und wir lieben die Musik viel zu sehr, als dass wir sie mit einer Botschaft aufladen wollten. Andere Bands können das richtig gut. Wir machen Musik um der Musik willen. Zur Politik oder Sarkozy gibt es bei Phoenix keinen Link - selbst wenn er eine Rock'n'Rollerin zur Frau haben sollte.
United (2000)
| Mo | 18.11.2013 | Phoenix Frankfurt (Jahrhunderthalle) | |
| Di | 19.11.2013 | Phoenix München (Zenith) | |
| Do | 21.11.2013 | Phoenix Berlin (C-Halle) | |
| Fr | 22.11.2013 | Phoenix Düsseldorf (Mitsubishi Electric Halle) |
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