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Dreizehneinhalb Minuten lang dauert der erste Tonträger der Yeah Yeah Yeahs im Jahr 2002. Was soll man dazu sagen? Yeah, etwa? Dies zumindest tat mal wieder einstimmig die Musikpresse, angefangen in den USA, der Heimat des Trios. Doch auch die schreibende Zunft im königlichen Engeland glänzte mit rascher Auffassungsgabe.
Schließlich hätten die Eck-Koordinaten für den Zutritt zum Retro-Rock-Hype-Himmel erfolgversprechender kaum aussehen können. Einen der ersten Auftritte absolvieren die drei New Yorker kurz nach der Bandgründung im September 2000 mit den White Stripes, gefolgt von Gigs im renommierten CBGB's, dem alten Ramones-Schuppen. Zwangsläufiges Zusammentreffen bereits im Dezember 2000 mit den Strokes plus Konzerte mit den Moldy Peaches, Heroine Sheiks, French Kicks und Arab On Radar. Ja, Independent und Rock wird groß geschrieben.
Der recht melodiöse, ungeschliffene Garagen-Rock'n'Roll mit gehörigem Proberaum-Charme gefällt auch Jon Spencer, der beim nächtlichen NYC-Club-Hopping irgendwann in einen Gig von Karen O (voc), Nick Zinner (g) und Brian Chase (dr) gestolpert sein muss. Sogleich veranlasst Spencer ein Treffen mit der Band und seinem alten Kumpel Jerry Teel (Honeymoon Killers, Boss Hog), einer Lower East Side Szene-Legende. Und schwupps, ab gehts mit dem Kerl ins Aufnahmestudio. Ergebnis: die EP "Yeah Yeah Yeahs".
So muss eine Garage-Rock-Biografie aussehen. Damit auch die Welt außerhalb der Vereinigten Staaten eine Brise vom Wirbelsturm abkriegt, engagiert besagter Herr Spencer das Brooklyn Trio für seine Europa-Tournee 2002. In ihrem Song "Our Time" belegt die Truppe, dass sie für alles Kommende bereits gewappnet ist: "So glad that we made it, it's our time to be hated." Yeah Yeah Yeah.
Nachdem England die drei Durchgeknallten kurzerhand für das heißeste Ding der Dinge erklärt und der NME in keiner Ausgabe mehr ohne die Band auskommt, erscheint im April 2003 das mit Spannung erwartete Debüt "Fever To Tell", womit das Trio auch Deutschland bereist.
Abgesehen von der von Regisseur Spike Jonze (zu der Zeit Karens Freund, für den sie den Liars-Sänger Angus Andrew verließ) gefilmten Live-DVD "Tell Me What Rockers To Swallow", die Ende 2004 erscheint, ist es in den folgenden Jahren recht ruhig um das Trio aus Brooklyn. Karen arbeitet in der Zeit unter anderem mit Sam Spiegel und "a dude named Rusty" an dem Song "Hello Tomorrow" zu einem Adidas-Clip, den wieder Spike Jonze dreht. Der Song ist unter dem Künstlernamen Squeak E. Clean feat. Karen O. exklusiv bei iTunes zu haben.
Nick arbeitet währenddessen an der Veröffentlichung eines Bildbandes mit seinen Fotos. Außerdem gründet er die Band Head Wound City mit einigen Mitgliedern der Blood Brothers und von The Locust. Deren Sound bewegt sich zwischen Hardcore und Thrash. Brian verfeinert in seiner Freizeit seine Kochkünste und gibt sich seinem eigentlichen Metier hin: dem Jazz.
Wenn sie nicht gerade an Soundtracks arbeitet, z.B. zu "Wo Die Wilden Kerle Wohnen", entlädt sich Karen O seit 2008 mit dem LoFi-Projekt Native Korean Rock. Dort erschafft sie schroffe, nahbare Liebeslieder. Die unterschiedlichen Interessen und Aktivitäten halten Yeah Yeah Yeahs jedoch nicht davon ab, in unregelmäßigen Abständen neue Alben zu veröffentlichen ("Show Your Bones", 2006; "It's Blitz!", 2009; "Mosquito", 2013)
Die immens hohen Erwartungen und der Status als die heißesten Art Punks in NYC versucht die Band nie zu sehr an sich heranzulassen. Dass etwa jedermann ihren Überhit "Maps" im Videospiel Rock Band nachspielen kann, finden sie tendenziell super. Denn eigentlich ist man ja schüchtern und bescheiden: "Jeder nimmt uns heute ernst, das erschafft einen inneren Konflikt", so O. "Definitiv ein Verlust von Unschuld." Nachdenkliche Worte für jemanden, dessen Bühnen-Performances längst Kultstatus besitzen: Im Spandex-Outfit Bier in offene Fanmünder zu spucken und Fellatio mit dem Mikro zu betreiben, kann eben keiner so schön wie O.
Yeah Yeah Yeahs-Kopf Nick Zinner über das neue Album, Provokationen, überraschende Fotos und seine Tour mit den Bright Eyes.
Yeah Yeah Yeahs-Kopf Nick Zinner über die Besetzung musikalischer Territorien, Provokationen, überraschende Fotos und seine Tour mit den Bright Eyes: "Wenn irgendwas nervt, dann sind das die 14-jährigen Mädchen, die 'Ich liebe dich Conor' schreien."
Ein bisschen erschrocken habe ich mich schon, als mich um punkt 21 Uhr nicht etwa eine aufgeweckte amerikanische Promoterin anruft, um mich dann an ein Yeah Yeah Yeahs-Mitglied weiter zu reichen. Nein, am Telefon meldet sich gleich Nick Zinner - Gitarrist und Hauptsongwriter der Band. Anscheinend sitzt er nicht neben einer Plattenfirmentante, sondern allein und entspannt in seinem Zimmer, was dem Gespräch sehr zuträglich ist. Nick taut mit der Zeit immer mehr auf, es scheint gar, als stehe der richtige Interview-Marathon noch bevor, denn seine Antworten klingen nicht abgedroschen, schon x-mal gegeben. Nick ist aufmerksam, fokussiert und aufgeschlossen. Die besten Voraussetzungen, um auch ein Interview am Telefon richtig in Schwung zu bringen und mehr als ein Frage-Antwort-Geholper daraus werden zu lassen.
Hi Nick, alles klar?
Ja, und bei dir?
Alles super. Dann kann ich ja gleich mit den Fragen loslegen! Warum wolltet ihr zu eurem zweiten Album unbedingt eine Yeah Yeah Yeahs-Flagge haben?
Nick Zinner: Wir haben etwas gesucht, das uns repräsentiert. Ein Symbol, das alle Dinge, die unsere Band ausmacht auf eine visuelle Art und Weise darstellt. Das man fast schon als Abgrenzung unseres Territoriums sehen kann. Etwas, das man sich ansehen kann und dann weiß, dass man dort hin gehört, so etwas wie mein eigenes Land oder so. Muss über diese Antwort lachen.
Eher ein musikalisches, als ein geografisches Territorium?
Definitiv!
Ihr habt einige Freunde, die Designer sind und auch schon Sachen wie Karens Bühnenoutfit oder den Merchandise gestaltet haben, warum habt ihr die nicht gefragt? Warum wolltet ihr, dass eure Fans die Flagge entwerfen?
Wir haben auch unsere Freunde gefragt. Aber wir wollten ... weißt du, uns sind unsere Fans echt wichtig, jeder Band sollte das so gehen ... Wir wollten einfach, dass sie sich irgendwie an den Aktionen unserer Band beteiligt fühlen. Dass sie uns etwas zurück geben können. Verbessert sich schnell: Oder dass wir ihnen was zurückgeben können.
Werdet ihr sie wirklich alle in irgendeiner Form benutzen?
Ja! Wir sind gestern durchgegangen, wie das Album-Artwork aussehen soll. Und im CD-Booklet werden die alle erscheinen - über zehn Seiten.
Wie viele habt ihr denn geschickt bekommen?
Ich weiß gar nicht, vielleicht so achthundert?
Waren da auch welche dabei, die so bizarr waren, dass ihr die gar nicht nutzen wolltet?
Nicht wirklich, am Schluss haben wir uns entschieden, alle zu nehmen. Es gibt eine, die sieht aus wie eine Gummipuppe von Karen, die ihre Beine gespreizt hält. Die ist wirklich ziemlich sonderbar. Wir waren uns nicht so sicher, was wir mit der anfangen sollten. Aber ich glaube, wir haben sie trotzdem genommen, weil wir es irgendwie auch ein bisschen lustig finden.
Aber die zentrale Flagge, die ihr jetzt benutzt ist die, die man auch schon auf eurer Website sehen kann? Wo werdet ihr die noch einsetzen? Auch bei Live-Shows oder so?
Wir versuchen gerade heraus zu finden, wie wir die am besten einbinden können. Die ist ein Symbol ... fast schon so wie bei Black Flag oder bei den Dead Kennedys. Etwas, dass du dir auch als Tattoo stechen lassen oder in deinen Tisch ritzen kannst.
Alle Schüler sitzen ab jetzt also in ihren Klassenzimmern und schnitzen die YYYs-Flagge in ihren Tisch ...
Ja, das wäre super.
Jetzt aber zur Musik: Kannst du die Stimmung oder das Temperament eurer neuen Platte "Show Your Bones" in wenigen Worten beschreiben?
Wahrscheinlich nicht, denn es gibt einfach so viele verschiedene Sachen, die wir durchgemacht haben, bis das Album endgültig fertig war. Es stellte sich raus, dass alles ein ziemlich komplizierter Prozess wurde. Der war freudvoll, aber auch sehr schmerzhaft und auch alles, was so dazwischen liegt. Manchmal passierte die Arbeit sehr natürlich, an anderen Tagen war es einfach nur gezwungen und unglaublich schwierig. Blood, Sweat And Tears. Plötzlich schwenkt seine Stimme aus dem beruhigend-tiefen Klang aus, er wird ganz enthusiastisch: Wahrscheinlich wären das die drei Worte, um das Album zu beschreiben.
Mein erster Eindruck war, dass die Platte etwas ruhiger ist als die letzte!?
Ja, in mancher Hinsicht.
Vielleicht sogar ein bisschen düsterer. Das hat mich ein wenig an eure Anfänge, nämlich die Unitard-Songs, erinnert. War es denn geplant, einen Schritt zurück zu euren Wurzeln zu gehen?
Nein, das war uns nie so bewusst. Vielleicht ist es einfach so passiert. Wir haben dieses etwas dunklere, schöne Zeug früher gemacht. Als wir dann mit den YYYs angefangen haben, sollte das so etwas wie ein indirekter Widerspruch dazu werden: Glückliche, positive, kraftvolle, enthusiastische Musik. Und dann wurden wir langsam wieder düsterer, wir haben die Musik wieder näher an uns ran gelassen. Es ist vielleicht eher eine Rückbesinnung auf diese emotionale Ehrlichkeit.
Passiert im Moment überhaupt was mit Unitard?
Nein, damit beschäftigen wir uns gerade nicht.
Das Album klingt auch nicht annähernd so extrem wie "Fever To Tell". Wolltet ihr dieses Mal weniger provozieren?
Ich würde jetzt nicht "weniger provozieren" sagen, denn wir provozieren ja immer noch - nur auf eine andere Art und Weise. Aber die letzte Platte setzte sich aus ziemlich viel Live-Material zusammen. Da kamen einfach die Sachen rauf, die wir in der Zeit mit uns rumtrugen, unsere Wut und Angst. Nachdem wir die Songs zwei oder drei Jahre auf Tour gespielt haben, sind diese Gefühle jetzt irgendwie draußen. Wir wollten nicht einfach auf diesem Weg weiterlaufen, also ... jetzt hab ich vergessen, was ich sagen wollte. Lacht. Wie war die Frage noch mal?
Ob eure Musik inzwischen weniger provokativ ist.
Ah, genau. Wir hatten nicht mehr denselben ... vielleicht haben wir den Appetit daran verloren, dieses Mal so 'in your face' zu klingen. Denn das wäre ziemlich gezwungen gewesen, das jetzt unbedingt noch einmal so zu machen. Wir wollten nicht unbedingt provozieren, sondern die Leute wachrufen. Wir wollten echte Stimmungen und Gefühle drauf haben.
Also war es nicht so, dass ihr nach dem ganzen Touren einfach müde wart, immer dieses straighte Rock'n'Roll-Ding durchzuziehen?
Bei Karen war es so. Etwas, das sie nicht mehr machen wollte, war wieder so viel zu schreien. Sie wollte nicht mehr so crazy sein wie beim letzten Mal, sie fühlt sich einfach nicht mehr danach. Ich wollte immer einfach nur rocken und laute, schnelle Songs spielen, aber ich war auch bereit, jeden anderen Weg zu gehen. Also haben wir einen Mittelweg gesucht, der uns allen passte und der sich am ehrlichsten anfühlte. Am Anfang hat man ja eine Idee, aber du kannst nicht wirklich kontrollieren, wie sich die Songs entwickeln.
Ja, definitiv. Wir haben ja alle unsere Projekte, die nichts mit den YYYs zu tun haben, wo wir so ziemlich alles machen können, was wir möchten. Das stärkt uns auch irgendwie. Ich liebe es einfach, Thrash Metal zu spielen, wann immer ich kann. Aber das passt einfach überhaupt nicht bei den YYYs rein. Ich möchte ja auch keinen mikro-tonalen experimentellen Jazz spielen, das wäre Brians Lieblingsstil. Wir beide müssen lachen und sind uns einig, dass das Mist ist.
Ihr beide habt eure Bands, aber was macht eigentlich Karen?
Ja, sie hat auch an ein paar Seitenprojekten gearbeitet, aber die sind top secret.
Alles klar. Wieder müssen wir lachen Ich habe allerdings gerade den Adidas-Clip gesehen, in dem sie ja die Vocals zum Song beiträgt.
Ich mag den wirklich. Der Song ist wirklich schön, den kriegt man nicht so schnell wieder aus dem Kopf.
Ihr habt für euer Album mit dem Produzenten gearbeitet, der auch den Song für die Werbung gemacht hat. Wer ist das denn genau? Wie seid ihr auf ihn gekommen?
Sein Name ist Sam Spiegel. Er ist der Bruder eines Typen, mit dem Karen eine Weile zusammen war. Dieser "Typ" ist kein geringerer als Regisseur Spike Jonze. Wir haben zusammen rumgehangen, wurden Freunde. Wir haben letztes Jahr zusammen an einem Projekt gearbeitet, bei dem wir viel ausprobiert haben, das wirklich Spaß gemacht hat. Vorletztes Jahr im November, nachdem wir die letzten Shows in London gegeben hatten, haben wir ein paar Songs in Sams Studio ausprobiert. Er ist ein Techniker und Producer und hat ein eigenes Studio in seinem Haus. Es war sehr angenehm, dass wir mit ihm einfach alles ausprobieren konnten. Wir haben einfach die Writing-Sessions bei ihm gemacht und es dann auch mit ihm co-produziert.
Warum brauchtet ihr dieses Mal überhaupt einen Producer? Inwiefern hat er euch geholfen, Sachen anders zu machen?
Es ist gut jemanden zu haben, der eine Außensicht auf die Dinge hat, der dir Ratschläge gibt, dir neue Möglichkeiten aufzeigt. Wir sind eigentlich eine sehr resolute Band, niemand kann uns sagen, was wir zu tun haben. Aber manchmal hat er uns Ratschläge gegeben, die wir gut fanden. Dann haben wir's auch umgesetzt. Wir sind ja schon offen gegenüber Vorschlägen. Es ging uns darum, eine Meinung von außen zu bekommen. Manchmal fanden wir seine Ideen großartig, aber manchmal mussten wir auch sagen: 'No way, dude'. Nick muss mal wieder über sich lachen. Die endgültigen Entscheidungen treffen wir eh selber. Aber der Producer kann auch ein Ansporn in diesem kreativen Prozess sein.
Hat Brian jetzt eigentlich eine wichtigere Rolle beim Songwriting? Oder sind das vor allem Karen und du, die die Songs schreiben?
Auf dieser Platte hatte er wesentlich mehr mitgeschrieben. Es lief alles wesentlich gemeinschaftlicher ab. Karen war auch sehr viel aktiver, auch was die Musik angeht. Manche Songs haben wir wirklich mit Brians Drumbeat angefangen. Er hat die sogar in Drum-Notenschrift aufgeschrieben. Wir haben dann den Song um diesen Beat herum aufgebaut. Er hatte also dieses Mal definitiv eine wichtigere Rolle.
Habt ihr bei den Aufnahmen irgendetwas Neues ausprobiert?
Ja, die akustischen Gitarren und die verschiedenen Schichten mit unterschiedlichen Instrumenten, die es dieses Mal gibt, waren wirklich neu für uns. Und auch, dass wir im Studio komponiert haben, war neu, das haben wir noch nie gemacht. Alles wurde sonst in einer halben Stunde davor geschrieben.
Ihr habt also alle Songs weggeschmissen, die ihr schon fertig hattet, bevor ihr ins Studio gegangen seid?
Im Internet gab es ja dieses Gerücht, dass wir all diese Songs verschrottet hätten. Wir waren noch nicht mal im Studio, als dieses Gerücht aufkam.
Es gab dieses Mal einige merkwürdige Gerüchte, wie diese Katzen-Geschichte ... dass ihr ein Konzept-Album über Karens Katze aufnehmen würdet oder so ähnlich ...
Das war nur ein Scherz.
Kam der Witz von euch oder hat das irgendjemand in die Welt gesetzt?
Das war Sam, der Typ, der die Platte produziert hat. Er ist ein ziemlicher Witzbold, verarscht gerne mal ein paar Leute.
Du warst ja auch auf Tour mit den Bright Eyes, wie hat sich das von den YYYs-Tourneen unterschieden?
Es war, gosh, es war das komplette Gegenteil. Es war nicht annähernd so aggressiv oder körperbetont auf der Bühne. Ich war nicht die einzige Person, die da Musik gemacht hat. Ich konnte mich im schattigen Eckchen zurücklehnen, mit anderen Leuten spielen und Musik machen, zu der ich nicht so einen starken Bezug habe. Ich habe diese Songs nicht geschrieben. Es hat wirklich Spaß gemacht, war irgendwie befreiend. Ich hätte meine eigenen Parts schreiben können, wenn ich gewollt hätte. Conor arbeitet ziemlich eng mit den anderen Musikern zusammen. Das war interessant, mehr wie in einem Orchester. Es hat Spaß gemacht und es lag kein Druck auf mir.
Ich kann mir allerdings vorstellen, dass Conor einem auf Tour nach ner Weile auf die Nerven geht. Immerhin redet er ziemlich viel und die Pausen zwischen den Songs sind sehr lang.
Nick muss wieder lachen. Nein, nein, nein ... Was er so erzählt ist eigentlich immer ziemlich witzig. Ich mag das.
Einige Leute waren nach seinen Konzerten verärgert über diese unsinnigen Unterbrechungen.
Wirklich? Ich denke, es kommt immer drauf an. Ich nutze diese Zeit, um eine Kippe zu rauchen. Normalerweise ist es lustig und wenn irgendwas daran nervt, dann sind das die 14-jährigen Mädchen, die 'Ich liebe dich Conor' schreien. Lacht.
Komm, er ist schon ein Süßer.
Ja, stimmt schon.
Auf eurer Tour nehmt ihr dieses Mal einen vierten Mann mit...
Ja, wir probieren das mal aus.
Spielt er Bass oder die zweite Gitarre?
Er spielt Akustikgitarre, Keyboards und vielleicht Bass auf ein oder zwei Stücken.
Habt ihr so jemanden auf der letzen Tour vermisst oder habt ihr das für die alten Songs gar nicht gebraucht.
Ja, wir brauchen ihn nur für die neuen Songs. Da passiert einfach so viel. Es ist unmöglich, dass ich das alles alleine hinbekomme. Und wir wollen nicht mit einem Back-Tape spielen oder so. Wir ändern die Songs live eh etwas ab, aber manche Sachen ... ich kann einfach nicht akustische und elektrische Gitarre gleichzeitig spielen.
Und Karen möchte auch der Bühne kein Instrument spielen?
Nein, ich meine, sie könnte es machen, aber wenn sie es machen würde ...
... dann würde es ziemlich langweilig werden! Wir lachen beide noch mal ein bisschen, weil es so schön ist, wenn er von dieser angenehm tiefen, monotonen Stimme in dieses helle, zurückhaltende Lachen fällt. Ich kann mir vorstellen, dass es sich nach einer Weile auf Tour so anfühlt, als würde man sich ständig wiederholen.
Ja, genau.
Und was macht ihr dagegen? Was tut ihr, damit das Touren für euch interessanter wird?
Schwierig zu sagen. Also ich habe einen Plan, was ich dieses Mal machen werde: Ich hab mir ein paar neue Kameras gekauft. Ich möchte die freie Zeit nutzen, um rumzulaufen und Bilder zu machen. Ich habe mir eine alte Kamera gekauft. So eine, bei der man während des Fotografierens ein Tuch über sich legen muss.
Du willst also mit dieser riesigen Kamera durch unbekannte Städte laufen? Eine sehr obskure Vorstellung, wie der kleine, schmächtige Nick mit einer üppigen Kamera durch die Straßen der Welt läuft - dieses Mal muss ich lachen.
Ich möchte alles machen, nur nicht rumsitzen. Ich glaube das Rumsitzen ist das Schlimmste von allem. Und das machen wir ganz schön oft, wenn wir auf Tour sind. Ich habe ja auch schon Remixe und so auf meinem Computer gemacht. Ich werde versuchen, mehr in der Richtung zu machen. Ich weiß nicht ... die Shows zu spielen, das wird nicht langweilig. Wenn uns mal ein Song auf die Nerven geht, dann spielen wir den eben eine Weile nicht. Aber es ist vor allem die Zeit dazwischen. Die Möglichkeiten, die du da hast, sind zu trinken - oder eben nicht zu trinken. Nick lacht. Deshalb findest du auch so viele Alkoholiker in Bands. Wir haben das schon durch, also versuchen wir das dieses Mal ein bisschen weniger zu machen. Lacht.
Nein, ich mache einfach immer Fotos, um mich an Sachen, die passiert sind, zu erinnern, die zu dokumentieren. Vor anderthalb oder zwei Jahren habe ich mal eine Ausstellung gemacht. Da hatte ich 500 oder 600 Fotos von unserer Tour, die ich über zwei Jahre gemacht hatte, und meine Freundin Stacy und ich hatten da die Idee, dass wir ein Buch mit den Bildern veröffentlichen sollten. Sie ist Grafik-Designerin, wir haben uns entschlossen, uns da mal dran zu setzen. Und in der selben Woche wurde ich gefragt, ob ich nicht ein Buch machen möchte.
Weißt du, wie sie auf deine Fotos gestoßen sind?
Ich weiß nicht, ich glaube die waren auf einer Show, sind YYYs-Fans oder so.
Wenn du deine Filme entwickelst - bist du manchmal überrascht, was du auf den Aufnahmen entdeckst?
Ja, jedes Mal!
Und, was war das Seltsamste, das du darauf entdeckt hast?
Die Fotos vom Publikum sind immer die interessantesten. Manchmal gibt es mir die Chance zu sehen, wer da eigentlich in der Menge steht. Manchmal sehe ich darauf Leute, mit denen ich zur High School gegangen bin, oder ein Mädel, mit dem ich vor einer Weile mal zusammen war, das mich von der ersten Reihe aus anstarrt. Nick lacht, redet dann leise weiter. Oder mir den Mittelfinger zeigt.
Wie machst du das denn überhaupt auf der Bühne, fotografierst du, ohne durch die Linse zu gucken?
Ich versuche es meist, das während des Songs hinzubekommen. Zum Beispiel, wenn die Drums ihren Part haben. Ich brauche ungefähr zehn Sekunden für zwei bis drei Bilder.
Ähm ... Während ich überlege, was ich noch fragen wollte, äfft mich Nick nach: "Ähm, ähm, ähm!?"
Hast du eigentlich mal den Ben Lee-Song über euch gehört?
Komisch, das hat mich heute schon mal jemand gefragt. Wir haben ihn gehört, wir haben gemeinsame Bekannte, wir haben ihn auch schon ein paar Mal getroffen. Es ist ein seltsamer Song.
Ich finde, er beschreibt euch und die Intensität eurer Musik und eures Auftretens ganz gut ... Naja, er dreht sich ja vor allem um Karen.
Ja, es ist so eine Art voyeuristischer Lovesong.
Ihr habt ja auch einen Remix zum Gang Of Four-Album beigesteuert. Wie seid ihr dazu gekommen?
Ich weiß es gar nicht. Sie haben verschiede Bands gefragt, und zu der Zeit hab ich gerade angefangen, Remixe zu machen. Und da Gang Of Four eine meiner Lieblingsbands ist musste ich das einfach machen. Es war ziemlich schwierig. Ich habe ja den Song "Man In A Uniform" gewählt. Das ist einer meiner Lieblingssongs. Aber das waren ja nicht die Originale, die Band hatte ja neue Versionen aller Songs eingespielt. Es war wirklich schwierig. Es ist ein großartiger Song, an dem wollte ich nicht so viel ändern, ihn aber dennoch tanzbarer und verrückter machen. Es hat trotzdem Spaß gemacht.
Also machst nur du die Remixe, nicht die komplette Band?
Nein, das bin nur ich. Ich hab Karen ein paar Sachen singen lassen, aber sonst ...
Weißt du, wer die Idee zum "Do You Know It's Halloween"-Song hatte, auf dem Karen ein paar Zeilen singt?
Ich konnte da ja leider nicht mitmachen, ich glaube ich war einfach nicht vor Ort. Aber das waren Nick und Jaime, die mal bei den Unicorns gespielt haben. Die haben eine Weile in LA gewohnt und da ein paar Leute zusammen getrommelt. Ich mag den Song, ich finde ihn witzig.
Auf ihrer Homepage stellen die YYYs ihren Fans in der Link-Sektion immer wieder befreundete Bands vor. Natürlich möchte ich wissen, ob es irgendwas Neues gibt, das Nick besonders am Herzen liegt. Welche heißen Bands würdest du unseren Lesern empfehlen?
Auf jeden Fal die Blood Brothers und The Locust (Mitglieder aus den beiden Bands spielen bei seinem Nebenprojekt Head Wound City mit, Anm. d. Red.). Und dann noch Services, die kommen aus New York. Ihre Musik basiert auf Samples und Electronics, aber ist nicht wirklich Dance, sondern eher Post-Industrial-Rock, Cabaret-Rockmusik ... Das ist wirklich großartiges Zeug!
Danke fürs Interview, hoffentlich kommt ihr bald auch mal richtig nach Deutschland!
Klar! Wir kommen im Mai.
Weg ist er. Immer noch betäubt von seiner tiefen, angenehmen Stimme fahre ich durch den Regen nach Hause. "Take these rings/and store them safe away/I'll wear them on/another rainy day", singt Karen mir zum Einschlafen vor.
Karen O. erkennt sich vermutlich selbst kaum, wenn sie die britischen Musik-Gazetten aufschlägt. Jedenfalls strahlt keine Spur von Junkiness oder wildem Leben aus ihrem Gesicht, als sie zusammen mit ihrem Schlagzeuger im angenehm kühlen Schatten des Kölner Bürgerhauses Stollwerck zum Interview erscheint.
Einen etwas flauen Magen haben wir schon. Erwarten wir doch die schlimmste aller Interview-Situationen: nämlich die, mit einem abgewrackten und durchgeknallten Rockstar. Aber es kommt anders und wieder einmal bestätigt sich, dass man der englischen Musik-Boulevard-Presse nicht allzu viel Glauben schenken sollte. Zwar sagt Drummer Brian Chase nicht allzu viel und wenn, dann höchstens "You Know", dafür sprudelt Karen nur so vor freundlicher und überraschend netter Sprach-Energie.
Sieht man sie ein paar Stunden später auf der Bühne, ist das schon ein klein wenig schizophren: Die Yeah Yeah Yeahs-Sängerin legt eine Unterhosen-Show aller erster Sahne hin, die vor allem aus der nicht vorhandenen Länge ihres Rocks resultiert. Sie scheint sich wohl ein paar durchgedrehte Stellen ihres Gehirns jeden Abend für die Bühne aufzuheben.
Karen, du hast einmal gesagt, dass das Gefühl für den Song auf der Bühne ein komplett anderes ist, als das beim Schreiben. Inwieweit sind die Songs auf der Bühne eine bloße Performance?
Karen: Es ist eben ein anderer Prozess als einen Song zu schreiben. Auf der Bühne ist alles sehr improvisiert und organisch: whatever happens happens. Es ist nicht sehr kalkuliert oder vorherbestimmt.
Wie wichtig ist Entertaining denn für die Yeah Yeah Yeahs?
Karen: Es ist sehr wichtig. Eine gute Crowd gibt der Sache ein anderes Gesicht. Vor ein paar Tagen haben wir in Hamburg gespielt und draußen hatte es ungefähr 40 Grad. Es war unerträglich auf der Bühne, aber das Publikum war trotzdem so fantastisch that we kicked more ass als in Berlin einen Tag später. Ein Publikum kann uns durch alles hindurch bringen.
Brian: Der Grund warum wir auf der Bühne stehen ist, um die Leute zu unterhalten. Wir lieben es einfach den Leuten dabei zuzuschauen wie sie durchdrehen.
Karen, du bist eine sehr extrovertierte Sängerin. Fühlst du dich manchmal nackt auf der Bühne, wenn du deinen Geühlen dort freien Lauf lässt?
Karen: Manchmal fühlt man sich verletzbar. Aber dieses Risiko muss ein guter Performer für das Amüsement der anderen auf sich nehmen. Es hilft mir aber, mich mit den Dingen, die ich tue besser zu verbinden und es wird dadurch zu einer leidenschaftlicheren Sache. Es kann die ganze Show auf ein höheres Level bringen.
Gibt es irgendwelche Grenzen für dich?
Karen: Ja, schon. Ich denke, ich würde meine Boobs nicht zeigen. Das ist wohl die einzige Grenze, die ich mir setze. Aber sonst gibt es nicht wirklich viele Grenzen. Es macht mir nichts aus mich zu verletzen und ab der Hüfte alles zu zeigen. Aber wenn jetzt mein Top runterfallen würde, dann wäre ich schon ziemlich angepisst.
Ist das auch der Grund, warum du dem Playboy abgesagt hast?
Karen: Ich hatte ein Angebot von denen, aber der Playboy steht nicht gerade hoch oben auf meiner Prioritäten-Liste.
Eure Musik wird von vielen Leuten mit Sex verglichen. Was hälts du davon?
Karen: Es gibt sicher eine starke sexuelle Unterschwelligkeit bei mir (lacht hämisch). Aber that's Rock'n'Roll und das machte für mich Sinn, als ich angefangen habe Rock- und Punk-Songs zu schreiben. Das ist das, was dich am laufen hält, wenn die Leute schwitzen und rumspringen. Alles lässt sich mehr oder weniger zu Sex in Beziehung setzen. Bei uns funktioniert das auch ganz gut ...
Kleidung ist ein wichtiger Bestandteil der Band. Karen, du hast sogar eine eigene Designerin ...
Karen: Ja, sie ist sogar mit uns hier. Es gibt da zwischen uns eine kleine Beziehung: Ich ziehe nur ihr Zeug an und sie designt nur für mich. Wir haben die Yeah Yeah Yeahs praktisch mit ihr zusammen aufgebaut. Aber eigentlich geht es eher um mich, da ich die Eier habe, das unerhörte Zeug auch anzuziehen.
War es dann auch geplant, die Band mit diesem Image aufzuziehen?
Karen: Ich wollte eine Band gründen, die die Leute aufrührt, gute Musik spielt und eine gute Party gibt. Mit solchen Nebensachen wie Design kann man die eigentliche Band etwas aufregender gestalten. Ich bin eben völlig von diesem ganzen Personality-Ding fasziniert. Wenn ich hier die Front-Frau spielen soll, dann will ich es auch nach meiner Vorstellung tun. Und mein Weg ist der, alles zu individualisieren und mich von den konstruierten Ladys im Musikbusiness zu unterscheiden.
Hast du das Gefühl, dass du das kontrollieren kannst oder dass die Medien daraus selbst etwas kreiert haben, das so vielleicht gar nicht existiert?
Karen: Die Medien geben manchen Dingen sicher mehr Gewicht als ich das eigentlich vorhatte oder sehe, aber das passiert unausweichlich. Wenn man uns live sieht, klärt sich das ziemlich schnell auf. Wenn du alles, was du über uns weißt, nur der Presse entnimmst, denkt man wahrscheinlich, dass es bei uns mehr um Style als um Inhalt geht. Aber das ist alles völliger Quatsch, es ist einfach nur ein Teil von uns. Music first.
Wie fühlt es sich für dich an, wenn du die ganze Aufmerksamkeit bekommst? Viele Leute reduzieren die Yeah Yeah Yeahs ja praktisch auf dich.
Karen: Ich bin die Front-Frau und bekomme deshalb natürlich auch mehr Aufmerksamkeit als ein männlicher Lead-Sänger. Die Medien machen aus dieser Ungewöhnlichkeit einen wirklich großen Deal. Es ist im Endeffekt aber lustig, da wir diese Band komplett gleichberechtigt gestartet haben. Wir alle haben daran sehr hart gearbeitet und es nervt natürlich, dass sich praktisch alles nur noch um mich dreht. Das ist wohl einer der Nachteile, wenn man in solch einen Hype gerät wie wir.
Ich habe gelesen, dass du Angus von der New Yorker Band Liars (der im übrigen auch ihr Boyfriend ist, Anm. der Red.) als den provokativsten Musiker der Welt hältst. Wie wichtig ist es, als Rockstar provokativ zu sein?
Karen: (lacht) Es ist wirklich sehr wichtig. Grundsätzlich kann man sagen: Wer etwas Neues versuchen will, muss provokativ sein. Es gibt eine Menge Bands, die nur anderen Bands ihres Genres huldigen wollen und Musik machen, die bereits gespielt wurde. Das ist natürlich nicht so provokativ, wie etwas Neues und Unbequemes zu erschaffen oder etwas, das vielen Leuten vielleicht auch uncool vorkommt. Und darin ist Angus wirklich gut. Er ist der King of Uncool. Er ist ein großartiger Performer und Songwriter. Und alles was er macht, scheint brandneu zu sein.
Ich habe ihn in Berlin auf der Bühne gesehen und er hat mir wirklich Angst gemacht.
Karen. (Lacht) Er hat auf der Bühne die Fähigkeit, den Leuten ein Gefühl des Unbehagens zu vermitteln. Das ist großartig.
Gibt es einen Gott der Provokation für euch?
Brian: Ich denke, jeder Major-Trendsetter in der Geschichte war einer. Jeder der die Norm missachtet hat und Dinge veränderte. Ob das jetzt Dadaismus oder Noise ist.
Vor den Yeah Yeah Yeahs hatten Karen und Gitarrist Nick als Akkustik-Duo Unitard angefangen. Gab es da einen speziellen Punkt, an dem ihr beschlossen habt zu rocken?
Karen: Oh nein, es gibt Unitard immer noch und wir schreiben immer noch Songs. Das ist nach wie vor das Herz von allem. Mit dem Akkustik-Ding haben Nick und ich zu unserer großartigen Chemie gefunden. Wir haben uns durch das New Yorker Nightlife kennen gelernt, weil wir damals beide große Party-Tiere waren. Wir gingen zu Dance- und zu Rock-Shows und waren von dem, was damals in New York abging, nicht sonderlich beeindruckt. Die meisten unserer Freunde waren in Bands und wir dachten einfach: Warum sollen wir es nicht auch probieren und die Dinge aufrütteln?
Das Interview führten Philipp Schiedel und Vicky Butscher.
Is Is (2007)
Master (2002)
| Do | 18.07.2013 | Yeah Yeah Yeahs B-Dour Festival (Dour) |
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