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"New York City Is Like A Graveyard" tönt es im Sommer 2001 aus allen gut sortierten Plattenläden. Und wer eine hippe Kölner Musikzeitschrift mit monatlich erscheinender Cd abonniert hat, der kann von sich behaupten: "Ich habe sie zuerst gehört." Die Rede ist von einer neuen, unglaublichen und Hype-würdigen Band aus der Stadt, die seit 2001 ein Wahrzeichen weniger hat. Ob da der Moldy Peaches-Devil seine Hand im Spiel hatte, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Schade nur, dass man diesen großartigen Rumpel-Knaller niemals live erleben durfte.
Adam Green (Gesang), Kimya Dawson (Gesang), Steve Mertens (Bass), Strictly Beats (Beats), Jack Dishel (Gitarre) und Toby Goodshank (Gitarre) bilden dieses ausgeflippte, temporeiche und bunte Sextett The Moldy Peaches. Wobei der Hauptkern von Adam und Kimya gebildet wird, die sich 1994 in einem Caféhaus in Bedford Hills, New York, kennen gelernt haben. Wer diese New Yorker Band live erleben durfte, der muss sie einfach lieb haben. Da stört auch nicht die satanistische Vorgebung. Sollte wirklich der Teufel in ihnen stecken, dann ist er liebenswerter, als man sich jemals vorstellen kann.
Ruhm und Ehre sind ein hartes Stück Arbeit. Das müssen auch die Peaches am eigenen Leib erfahren. 1999 ziehen Adam Green und Kimya Dawson von Washington nach New York. Nach dem sich die komplette Band gefunden hat, treten sie in einigen Bars auf. Hier treffen sie aber auf ein Publikum, dass die rotzigen Fäkalausbrüche der Band keineswegs unterhaltsam finden. Amis sind und bleiben halt prüde. Gerade mal ein Video durfte produziert werden. "Lucky Number Nine" lief sogar auf dem großen Musiksender. Nach so viel negativen Reaktionen hilft nur eins. Eigeninitiative! Rebellion! Protest! Die Moldy Peaches veranstalten ihre eigenen Konzerte und gründen die Antifolk-Szene. 2001 beherrschen sie New York und feiern auch in Europa große Erfolge mit Robin Hood- und Hasen-Kostümen.
2002, kurz nach dem die saftigen Peaches von ihrer Europa-Tour zurückkehren, veröffentlicht Rough Trade den von Adam Green und Kimya Dawson zusammen gestellten "Antifolk"-Sampler. Hier hört man zwanzig Musiker, die alle schon mal im Sidewalk Café aufgetreten sind. In diesem Laden finden jede Woche die "Open Mic Sessions" statt, und da darf jeder dran teilnehmen, egal, ob er singen kann oder nicht, und egal, ob er ein Instrument spielt oder die Gitarre nur am Körper baumeln lässt.
Zu dieser Szene gehören u.a. auch Stipplicon, Barry Bliss und Jeffrey Lewis. Letzterer sei hier dringend empfohlen. Er hat eine der unglaublichsten Coverversionen aller Zeiten veröffentlicht. "The Modern Age" war noch nicht lange von der Hitmachine The Strokes im Radio verklungen, als Mr. Lewis sich an das Werk machte, um der Hymne noch mal den allerletzten Schliff zu geben (gehört auf der EP von Jeffrey Lewis, Rough Trade 2002). Beim Antifolk sind keinerlei Regeln aufgestellt. Da ist es dann auch egal, wenn man mal seinen Text vergisst. Adam Green, der jungenhafte Songwriter, weiß davon ein Lied zu singen. Er gehört zu den weltbesten Text-Vergessern auf diesem Planeten und unangenehm ist ihm das keinesfalls.
The Moldy Peaches beherrschen ihre Instrumente erst seit 1999. Der eine erhält seine Inspirationen während des Spaziergangs durch den Zoo, der andere lernt fleißig zu Hause auf dem Bett. Zunächst werden sie in die selbe Schublade wie The Strokes gesteckt. Dabei kann man diese beiden Bands nicht wirklich miteinander vergleichen. Der Bezug liegt nur darin, dass Adam Green und seine Band in New York schon oft mit den Jungs auf Tour war und auch in Europa als faszinierender Support das Publikum überraschte. Und angeblich gibt es eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen Kimya und dem Strokes-Schlagzeuger Fabrizio Moretti.
Antifolk ist harte Arbeit. Egal ob mit Band oder alleine. Gerüchte machen die Runde, dass es The Moldy Peaches nicht mehr gebe. Das wäre wirklich sehr schade. Natürlich tummeln sich alle in der Szene herum und sind mehr oder weniger mit ihren Soloprojekten beschäftigt. Und das ist ziemlich stressig. Vor allem für den immer müde wirkenden Adam Green. Er behauptet von sich, ein fauler Mensch zu sein, der am liebsten den ganzen Tag Filme anguckt und sich dazu Pizza bestellt. Aber auch bei dieser Beschäftigung wird er seiner Phantasie freien Lauf lassen und weitere, wunderbare Texte für die nächsten Band- oder Soloalben parat haben. Ein Poet schläft niemals ein. Dies beweist er Mitte 2003 wieder mit seinem zweiten Soloalbum "Friends Of Mine".
Obwohl die Moldy Peaches nach ihrem ersten und einzigen Album keinen Nachfolger mehr produzieren, tauchen immer wieder einige ihrer kleinen Song-Kunstwerke irgendwo auf. Sei es in Werbespots oder in Kinofilmen. Zum Beispiel steuern sie im Januar 2008 den Titel "Anyone But You" für den Soundtrack der Komödie "Juno" bei.
Auf das Interview mit LAUT ließen die New Yorker Moldy Peaches eine perfekte Bühnenshow folgen: Schrill, charmant, laut und unheimlich viel Rock'n'Roll.
An einem schönen Feiertag traf ich die überaus charmanten Moldy Peaches aus New York zu einem Interview. Eigentlich hatte ich nur mit dem Sänger Adam und der Sängerin Kimya gerechnet. Aber um so besser. Toby zeichnete während des ganzen Interviews sehr gelungene Comicfiguren in sein Skizzenblock und Adam bemühte sich, nicht einzuschlafen. Als erstes schlug Kimya vor, dass sich jeder mal kurz vorstellen sollte, damit ich später auch noch wüsste, wer was gesagt hat. Super Idee, dann mal los ...
Jack: Ich bin Jack und spiele Gitarre.
Toby: Ich bin Toby und spiele akustische Gitarre.
Steven: Ich heiße Steven und spiele Bass.
Strictly Beats: Strictly Beats
Kimya: Ich bin Kimya und singe.
Adam: Ich heiße Adam Green und singe.
Stimmt es, dass ihr erst mit The Moldy Peaches angefangen habt, Instrumente zu spielen?
Alle (Gelächter): Ja, das stimmt.
Steven: Ich habe vor 1 1/2 Jahren angefangen Bass zu spielen, als ich bei den Moldy Peaches eingestiegen bin.
Jack: Steven macht sehr langsam Fortschritte (grinst). Aber es wird besser.
Steven: Ja, es ist hart ...
Kimya: Letztendlich ist es eh egal.
Könnt ihr kurz euer erstes Zusammentreffen beschreiben?
Kimya: Eines Tages kam ein Anruf von Jeff Travis (Betreiber von der Plattenfirma Rough Trade, Anm. d. Red.). Und der meinte, er suche noch eine Sängerin für eine Band. Daraufhin habe ich recherchiert, mit welchen Bands Jeff schon gearbeitet hat. Es hat mir ganz gut gefallen. Er hat ein gutes Gespür dafür, Menschen zusammen zu bringen, die auf einer Wellenlänge sind. So, wie er es auch bei "The Smith" geschafft hat.
Ihr wart mit The Strokes kürzlich auf Tour. Wie wars?
Jack: Das war ziemlich cool. Außer, dass einer von ihnen in der Lobby ohnmächtig geworden ist und wir ihm Wasser über den Kopf schütten mussten.
Kimya: Hmm, das war schon abgefahren. Während der Tour habe ich auch festgestellt, dass Fabrizio (Fab. Moretti spielt Schlagzeug bei The Strokes, Anm. d. Red.) ein entfernter Cousin von mir ist.
Steven: Sie waren auch später bei einem Auftritt von uns.
Adam: Wir sind mit ihnen gut befreundet und man trifft sich auch noch.
Inwieweit beeinflusst die Stadt New York eure Musik?
Strictly Beats: Sie hält uns ganz schön auf Trab. New York ist ziemlich hektisch.
Steven: Ich finde den Zoo in der Bronx sehr schön. Die Bahn fährt über das ganze Gelände und über das Löwengehege. Das Brüllen der Löwen ist sehr laut und tief und man hört es meilenweit.
Kimya: Ja, genau. So hat Steven auch heraus gefunden, wie sich ein Bass anhören muss. Bis dahin kannte er nur hoch gepitsche Sounds, wie seine Mutter, die ihn ankreischt, dass er die Klappe halten soll. Die Löwen haben ihm also New York als Stadt voller neuer Geräusche offenbart.
Jack: Ja und von den Bewegungen der Panther hat er gelernt, geschmeidig die Basssaiten zu zupfen.
Ah ja. Gibt es eine Stadt, außer New York, die ihr sehr gerne mögt?
Strictly Beat: Barcelona und Wien.
Jack: Amsterdam.
Steven: Köln mag ich auch sehr gerne. Nur leider waren alle Geschäfte geschlossen.
Jack: Wir haben auch den Dom besichtigt.
Steven: Ich mag den Geruch von Weihrauch sehr gerne. Weißt du zufällig aus was Weihrauch genau besteht?
Nö. Ich finde, der Geruch ist auch eher gewöhnungsbedürftig.
Steven: Ich finde den Geruch sehr erfrischend. Irgendwie minzig.
Jack: Adam und ich haben Kerzen für einander angezündet. Das war sehr mystisch. Mit in die Augen gucken und so ...
Habt ihr irgendeine Beziehung zu Deutschland?
Adam: Ja, mein Großvater kommt aus Deutschland, aber ich war noch nie vorher hier.
Toby: Ja, meiner auch und ich war auch vor dieser Tour noch nie in Deutschland.
Jack: Ich war schon mal mit meinen Eltern hier. Wir waren mit Rucksäcken unterwegs in Baden Baden und ich glaube auch in Düsseldorf.
Oh, ja. Diese Städte muss man auch gesehen haben. Welche Bands aus Deutschland kennt ihr?
Strictly Beats: Nena mit "99 Red Balloons"
Jack: Ja, genau. Das ist eins meiner Lieblingsstücke. Afrob kenne ich auch noch.
Toby: War nicht auch Taco aus Deutschland? (singen: "Puttin On The Rizz")
Steven: Amon Dül
Strictly Beats: Trio, (singt: "Da Da Da" ...)
Kimya: Toten Hosen
Euer Song "Nothing Came Out" handelt von einem Mädchen, das mit einem Jungen sehr gerne Cartoons gucken möchte. Was sind eure Lieblingscartoons?
Kimya: "Super-Bot". Es geht um einen Jungen, dessen Vater ist Wissenschaftler. Der hat einen Roboter erfunden, eine Art Zeitmaschine. Immer, wenn der Junge Hausaufgaben machen muss, versetzt der Roboter ihn und seine Freundin in eine andere Zeit. Dort bringt Jesus den beiden dann alles mögliche bei.
Alle: The Simpsons.
Wer ist "Jorge Regula"?
Adam: Er ist ein Freund von mir. Er spielt Klavier, schreibt Songs und tritt bei "Open Mics" auf. Ja, was soll ich sagen. Er ist halt ER.
O.k. Der Song handelt von Aktivitäten, wie spazieren gehen, essen, schlafen, ins Kino gehen. Sind das auch eure Lieblingsbeschäftigungen?
Alle: Ja, wir gehen sehr gerne ins Kino.
Adam: Du stehst also auf Essen und Spazieren gehen?
Ähm, die Frage ist, ob du das gerne machst?
Adam: Essen und Schlafen müssen wir doch alle...
Gut. Andere Frage. Adam, du hast schon ziemlich viele Jobs gemacht?
Adam (lacht): Ja, ich hab' haufenweise Jobs angefangen, aber nicht lange behalten.
Kimya: Ja, genau. Fünf Jobs pro Tag.
Alle (drehen total durch): Adam arbeitet für uns alle. Er bringt sich damit noch unter die Erde. Er wird unsere Rente bezahlen.
Hat sich irgendwas geändert , seit ihr, äh, Popstars seit?
Alle lachen.
Strictly Beats: Oh, nein. Wir sind keine Popstars.
Kimya: Wir kommen in Städte, von denen wir vorher niemals gehört haben. Das ist schon interessant. Oder gestern, z.B., kommen wir aus dem Kino und im Foyer lief unsere Platte. Das ist schon seltsam.
Jack: Das ist so surreal. Hach, man weiß' gar nicht mehr, wem man vertrauen soll (Seufz).
(Alle lachen)
Vielen Dank für das Interview
Einige Stunden später. Die Show übertrifft sämtliche Erwartungen mit ausgefallener und exzellenter Bühnenshow. Fast schüchtern und mit riesigen Augen betreten die sechs New Yorker die Bühne. Adam Green, der Sänger und virtuose Blockflötenspieler wirkt anfangs immer noch nicht ausgeschlafen. Schon während des Interviews erwachte er nur an einigen Stellen. Mit Filzhut auf dem Kopf schlufft er vors Mikro. So viele Menschen hat er wohl nicht erwartet, obwohl ich es ihnen noch prophezeit hatte.
Die Panikpupillen vergehen spätestens nach dem zweiten Stück. Das Publikum ist entzückt und die Band zufrieden. Sängerin Kimya, die ich sofort in mein Herz geschlossen habe, betritt die Bühne mit einem Totenkopf versetztem Umhang. Ihre Haare wirkten noch wilder. Die anderen Bandmitglieder sind kaum wiederzuerkennen. Steven, der Bassist, mausert sich vom smarten Lederjacken Ami zum unglaublichen End-70er Aerobic-Sportler mit fetten Stirn- und Armschweißbändern. Und die braucht er auch.
The Moldy Peaches rocken mehr, als man vermuten kann. Angeblich spielt ja Steven erst seit 1 1/2 Jahren den Bass. Die Löwen scheinen ihn stark beeinflusst zu haben. Drummaschine Strictly Beats trägt einen fast bedrohlichen Kamelkopf als Maske über dem Kopf und haut auf seiner Snarre und Bassdrum rum wie ein "wilder Stier".
Absolut unschuldig dagegen Toby an der Akustikgitarre. Den Freizeitmaler erkennt man eigentlich nur an seinem Instrument. Seine Gitarre ist voll von kleinen Zeichnungen, die er selber drauf gemalt hat. Er selber steckt in einem riesigen, Fellkostüm, was wohl ein Einhorn darstellen soll. Er sorgt vor allem bei den langsamen Stücken, wie "Jorge Regula" und "Nothing Came Out" für die gefühlvolle Harmonie. Hauptgitarrist Jack ist nicht nur für die tanzbaren Stücke verantwortlich. Nebenbei ist er noch ein begnadeter "Bill Cosby"- Stimmenimitator. Einige Kostproben durfte ich mir während des Interviews anhören. Mit Krönchen auf dem Kopf ist er der King des Abends im geschmackvollen Schiedsrichter-Look.
Einfach himmlisch, wie die beiden Stimmen von Kimya und Adam harmonieren. Absolut sehenswert, die choreographischen Armbewegungen bei "Lucky Nummer Nine". Alles in allem eine perfekte Bühnenshow. Schrill, laut und unheimlich viel Rock 'n' Roll. Und nach der Show bedankte sich Kymra ganz persönlich bei dem Publikum, auf ihre liebenswerte Weise.
The Moldy Peaches (2001)
Die Rächer des prüden Kontinents zeigen auch hier alles, was sie können.
http://www.moldypeaches.com
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