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Adam Green ist ein Rebell aus New York, der schon mit 13 Jahren seine ersten Texte schreibt. Äußerlich mimt er mit seiner Wuschelmähne und dem Schlafzimmer-Blick den unschuldigen Knaben. Stets mit einem riesigen Kopfhörer bekleidet und jede Menge Scott Walker CDs im Gepäck schlurft er durch die Gegend. Er sieht immer müde aus oder verträumt, ist jedoch hellwach, was die Musik und sein talentiertes Songwriting angeht.
Adam Green etwickelt sich zum Anführer einer Jugendbewegung, die auch so manchen Enddreißiger von der Bettpfanne holt. Antifolk nennt sich die Musik, die er macht. Mal solo, mal mit seiner grandiosen, durchgeknallten Band The Moldy Peaches. Hier harmoniert er, nicht nur stimmlich, hervorragend mit seiner ausgeflippten Kollegin Kimya Dawson. In Sachen Sex und Erziehung scheinen sie auch der selben Meinung zu sein, das Resultat hört man auf dem göttlichen Debüt der Peaches.
Auf seinen Solopfaden lässt der junge Entertainer den großen Erwachsenen raushängen. Hier bekommt die Jugend zu hören, dass eh alles egal ist, was man macht. Reine Zeitverschwendung. So nach dem Motto, man wird sowohl bei der Liebe, als auch beim Job immer die Arschkarte ziehen, und seitdem es Computer gibt geht eh nur noch alles den Bach runter. Dies verpackt er in fast poetische Textzeilen. Immerhin ist seine Urgroßmutter Felice Bauer die Verlobte von Franz Kafka. Sie kam 1936 als jüdische Emigrantin nach New York.
Greens Heimat New York ist die Stadt des Antifolk. Hier treffen sich Musiker, die alle was zu sagen haben, und nur hier dürfen sie es auch. Die Gründer sind Adam Green und Kimya Dawson, die aus Protest was Eigenes auf die Beine stellen wollen. Denn nicht überall durften sie ihren Rebellen-Sound zum Besten geben. Schade, dass die Szene immer mehr auseinander bricht.
Man sieht sich selten oder gar nicht mehr, da man auf Tour muss, um wenigstens einigermaßen über die Runden zu kommen. Oder man hat schon längst die immer teurer werdende Metropole verlassen. Mal schläft man bei den Eltern, mal bei irgendwelchen Freunden. Adam nennt diese Gemeinschaft auch "Matratzen-Szene". Diese Erlebnisse und viele andere furchterregende Phantasien beeinflussen seine Musik. Lo-Fi und Rock'n'Roll. Rebellisch, gemein und so wahrhaftig.
Das Schöne daran: Man kann jedes einzelne Wort hervorragend verstehen, voraus gesetzt, man ist der englischen Sprache mächtig. Und die Texte sind bei Adam Green von großer Bedeutung. Da lernt man zum Beispiel, dass man einen Schwanz haben muss, um ihn in den Mund zu stecken, oder mit welchen Überredungskünsten man eine Frau ohne Beine ins Bett bekommt. Aufklärung für Jugendliche ab 18!
Wenn man diese Art der Beseitigung aller Unklarheiten richtig versteht, so sollen die Teenies lernen, dass man sich intensiv mit seinen Genitalien beschäftigen muss, um nicht etwa wie blöde mit dem Maschinengewehr durch die Schule zu flitzen! Auf der anderen Seite sollte man sich an die Zeile "My mouth is a liar" aus dem Stück "Apples, I'm home" erinnern und Herrn Green nicht immer ernst nehmen.
Die teils perversen, teils unglaublichen Phantasien gibt Adam auch auf seinem zweiten Album Friends Of Mine offen und provokant zum Besten. Diesmal verpackt in bittersüße Melodien mit Streicherarrangements und Cowboyklängen. Der frühe Einfluss von Bob Dylan und Lou Reed ist kaum noch zu hören. The Godfather of Swing und vor allem Scott Walker bestimmen seine neue Linie. Den musikalischen Rumpel-Punk hat er erstmal abgelegt und auch mehr Geld in die neue Platte investiert. Er will einfach ein Stück weiter gehen und auch gerne mal ein Glas Champagner trinken. Gönn' es dir Adam! "Green when you're winning".
Nach der Veröffentlichung von "Friends Of Mine" bricht eine regelrechte Adam Green-Hysterie aus. Der Schwerpunkt liegt dabei in Deutschland - nirgends liebt man ihn mehr. Zwei ausverkaufte Tourneen spielt er dort im Februar und Sommer 2004. Als er am 10. Januar 2005 "Gemstones" herausbringt, lässt er das Orchester zu Hause und widmet sich verstärkt der Orgel. Das ändert nichts an den Songs: Die versprühen in gewohnter Manier Adams Charme.
Parallel erscheint Ende Januar 2005 der erste Buchband des jungen Anti-Folkers. Mit "Magazine" veröffentlicht Suhrkamp seine Texte zweisprachig: Im englischen Original und in der deutschen Übersetzung des Autoren und Musikers Thomas Meinecke. Green ist auf allen Kanälen präsent, seriöse Fernsehanstalten drehen und senden Porträts, während der Musikexpress ihm schließlich sogar einen "Style-Award" verleiht.
Dem munteren Genrehopping frönt Green auch auf seinem vierten Album "Jacket Full Of Danger", das 2006 erscheint. Blues, Folk, Rock'n'Roll - you name it. Seine Stimme klingt betont sonor, ein wenig nach Elvis in seiner Zeit als glitzernde Las Vegas-Wurst. Neues präsentiert Green nur wenig, stattdessen schlägt er einen Purzelbaum zurück zu den süßen Melodien von "Friends Of Mine", inklusive der überzeugenden Streicherarrangements von Jane Scarpantoni.
Streicher gibt es auch auf seinem fünften Album "Sixes & Sevens" zu hören, dessen Titel angeblich einem Rolling Stones-Song entlehnt ist. Bedeutender ist aber der Gospelchor, der einen Soul-Flair ins Hause Green weht und der vermehrte Gebrauch der Akustikgitarre.
Erneut kramt Green mit 20 Pop-Miniaturen eklektizistisch in der Musikgeschichte, hat aber mit Dan Myers einen Freund an seiner Seite, der die Songs mit behutsamer und detaillierter Produktion erstrahlen lässt. Nach zwei Jahren Pause erscheint Anfang 2010 "Minor Love".
Adam Green über seinen neuen Film, Elliott Smith und das Genre "Schwuchtel-Folk".
Zum Zeitpunkt des Interviews ist Adam Green natürlich nicht da, wo er sein sollte. Laut Tourmanager Simon dreht der Herr gerade einen Film im Hinterhof des Stuttgarter Theaterhauses. Dort steht er dann mit seiner Band und Macauley Culkin (!) in Kostümen des Theaterfundus' und trägt eine Topfpalme in der Hand.
Erst eineinhalb Stunden später geben die Herren ihre Kostüme wieder ab. Backstage-Bier und Schnittchen vertreiben uns die Zeit und ölen die Zunge zum Interview. Ausgesprochen aufmerksam und freundlich erscheint Green dann zu unserem Termin. Kaum Genuschel, wenig ausweichende Antworten: Es scheint, als wäre Adam Green heute mit Offenheit gesegnet. Sogar über seine erst kürzlich überstandene Lebenskrise spricht der Sänger ohne Umschweife.
Willst du uns etwas über deinen Film erzählen?
Adam Green: Ähm ja, es ist ein Film, den ich mit meinem iPhone drehe. Ich habe am Anfang dieser Tour damit angefangen, vor etwa drei Monaten. Es ist also einerseits ein Tour-Film, aber eben auch - also, es ist keine Dokumentation. Es ist mehr ... (überlegt) etwas Fiktives.
Also ein semi-fiktionales ...
Nein, nicht einmal das. Es ist komplett fiktional.
Aha. Ist das ein Projekt für dich oder wird es veröffentlicht?
Ich will den Film Anfang 2011 rausbringen.
Macauley Culkin spielt ja scheinbar auch mit.
Ja, wir sind Freunde. Wir leben beide in New York, von daher ... (erwartungsvolles Schweigen)
... hast du ihn einfach gefragt, ob er nicht mit auf Tour kommen möchte?
Genau, er hat gerade Urlaub, weshalb ich ihn eingeladen habe. Es macht viel Spaß mit ihm auf Tour.
Ich habe gelesen, dass Julian Casablancas jetzt Musik für die New York Jets machen möchte.
Inwiefern?
Ich glaube einfach zu Werbezwecken.
Das ist cool.
Könntest du dir auch vorstellen so etwas zu machen? Also außerhalb der Musikindustrie für jemanden Musik zu schreiben?
Ja, ich habe einen Soundtrack für ein deutsches Theaterstück geschrieben.
Das war in Tübingen, oder?
Genau. Das war instrumental und völlig anders. Ich werde wahrscheinlich nicht mehr so viel Instrumentalzeug schreiben, wenn es keinen Grund dazu gibt. Wenn man instrumentale Musik schreibt, ist es schwer herauszufinden, was man damit anfangen soll. Leute kommen bestimmt nicht zu meinen Konzerten, um diesen Sound zu hören. Aber ich versuche, ein paar von den Sachen heute zu spielen, vielleicht auch nur Teile davon.
Wie kommst du denn gerade auf Tübingen, eine doch eher beschauliche Stadt?
Die haben sich einfach bei meinem Management gemeldet und gefragt. Ich war außerdem gerade nicht an irgendwelche Projekte gebunden. Also dachte ich: "Hey, ich schreibe einfach Musik für dieses Theaterstück." Zuerst fand ich es sehr schwer, aber jetzt kann ich sagen, dass es eine tolle Erfahrung war. Ich habe die Musik sogar auf Vinyl veröffentlicht.
Ging es darum, etwas Neues auszuprobieren?
Naja, es war eben auch ein bezahlter Job. Ich hätte es bestimmt nicht umsonst gemacht, es war eben ein Job.
Könntest du dir vorstellen, Musik für größere Filme zu schreiben? Schließlich ist "Anyone Else But You" nach "Juno" ja eingeschlagen wie eine Bombe.
(hastig) Wir haben es aber nicht dafür geschrieben! Ich meine, ich habe kein Problem damit oder so. Ich mag es, wenn Leute meine Musik für Filme oder so etwas verwenden. (überlegt) Die haben sogar eine Art Parodie auf "Anyone Else But You" gemacht. Sie haben den Text umgeschrieben und es auf ein Hotelresort auf den Bahamas umgeschrieben. (lacht)
Also, das war okay für mich. Die haben es sogar deutlich verbessert. All das Geld, das ich verdiene, geht sofort wieder in meine Kunst zurück. Also wünsche ich mir natürlich, dass Leute meine Lieder für alles Mögliche verwenden. Dann kann ich nämlich machen, was ich möchte.
Wenn du einen Soundtrack für einen Film eines bestimmten Regisseurs machen müsstest, wen würdest du aussuchen?
(überlegt) Ähm, weiß nicht. Wes Anderson. Er ist einfach ein Meister in seiner eigenen Ästhetik. Er kann diese großartigen Dinge erfinden. Ich stehe total auf all seine Filme.
Hm, schwer zu sagen. Ich bin dort aufgewachsen, weshalb meine Arbeit natürlich zu einem gewissen Grad damit zusammenhängt. Ich muss nicht in New York wohnen, um kreativ zu sein. Ich lebe einfach dort. Ich glaube, New York hat nicht so ein nationalistisches Konzept. Es ist den Leuten nicht wichtig, dass sie irgendwo herkommen. New York ist einfach ein Ort, an dem sich viele Menschen treffen, um dort abzuhängen. Das hat nichts mit Stolz zu tun.
Inwiefern beeinflusst dich die Stadt in deiner Arbeit?
Zum Beispiel leben meine Eltern im 19. Stock eines Hochhauses. Nicht jeder lebt so. Ich weiß auch nicht.
Aha. Gibt es denn so etwas wie eine Musikszene, die dich beeinflusst oder der du dich zugehörig fühlst?
Weißt du, ich bin jetzt in einer neuen Bewegung, die sich "Faggot-Folk" nennt, "Schwuchtel-Folk".
Haha, was genau bedeutet das?
Das kommt einfach darauf an, an welchem Punkt ich bin. Es basiert auf dem, was ich gerade tue. Ich habe nie irgendwo reingepasst, weshalb ich irgendwann dachte: "Das muss es sein." Wir sind eine Subkultur, die sich Schwuchtel nennt. (überlegt) Ich denke, es ist ziemlich gut, eine Schwuchtel zu sein.
Ist MySpace das neue East-Village?
(zustimmendes Nicken) Ja, absolut.
All diese Musiker prostituieren sich auf MySpace. Du hast eine ganz andere Entwicklung vollzogen.
Leute machen doch einfach nur Musik, damit andere Leute diese hören können. Sie wollen ihre Sachen anderen Menschen zeigen und das Internet ist ein Weg dies zu tun. Das ist gut.
Ist das nicht auch dein Ansatz gewesen?
Ich habe damals viel in Folk-Clubs gespielt, lange bevor das Internet eine Rolle gespielt hat. Aber auch in der U-Bahn, in den Wagen der Linie N. Es war eine tolle Zeit, aber sowas macht man heute nicht mehr. Sogar zu dieser Zeit war es untypisch, seine eigenen Sachen in der U-Bahn zu spielen. Manchmal haben meine Texte ganz schön für Empörung gesorgt (grinst). Ich erinnere mich an einen alten Mann, der mir vorgeworfen hat, ich sei sehr unhöflich.
Ich bin kürzlich auf einen sehr verrückten Foto-Blog von dir gestoßen.
Ah, du meinst den Lake-Room?! Ja, das ist ein sehr spezieller Blog für mich. Ich wollte einfach nur einen haben. Ich war bei Cory Kennedy, einer sehr aktiven Bloggerin, und sie brachte mich zum Bloggen.
Glaubst du, dass dich die Leute besser verstehen können durch diese teilweise sehr persönlichen Fotos?
Ich weiß gar nicht, was die Leute über die Fotos denken. Meiner Erfahrung nach ist vieles, von dem Menschen denken es sei eine Lüge, eigentlich die Wahrheit. Und auch andersherum: Dinge, die andere für die Wahrheit halten, habe ich eigentlich erfunden. Man kann schon sagen, dass es so etwas wie ein Tagebuch der letzten Jahre ist. Mir bedeutet es jedoch mehr, da ich es entwickelt habe. Ich sah es immer als eine Art Film, weshalb es witzig ist, dass ich jetzt den Lake-Room-Film mache.
Der Film wird also ein sehr persönliches Projekt?
Es ist sehr Adam-mäßiger Film, der Adam-mäßigste von allen Filmen! (lacht)
Steht denn überhaupt ein irgendwie geartetes Konzept dahinter?
Ja, ich habe total viele Ideen - die Entwicklung dauert schon eine Weile. Zunächst gab es dieses Buch, was ich für den Suhrkamp Verlag schreiben wollte, die bereits einen Gedichtband von mir herausgebracht haben. Also habe ich angefangen, einen mittelalterlichen Roman zu schreiben, der letztendlich absolut keinen Sinn gemacht hat, weshalb sie ihn auch abgelehnt haben. Der Lake-Room-Film basiert jetzt zu Teilen auf diesem Text.
Ein Mittlelalter-Film?
Naja, der Film findet in einer Art Drogenland statt. Meinst du, dass der Suhrkamp Verlag dein Werk verschmäht hat, weil der Hype um deine Person vorbei ist? Nein, es lag einfach nur daran, dass das Buch zu schlecht war. Sie hatten auch Recht, da das Ding noch nicht zu Ende gedacht war. Wenn ich weiter daran gearbeitet hätte, hätten sie es vielleicht veröffentlicht. Das hat nichts mit einer Publicity-Hype-Kampagne zu tun, die hinter meiner Person stünde. Was sie von mir veröffentlichen, steht in einer langen Geschichte von Dingen, die sie auf den Markt bringen. Die haben ja auch Bücher wie „Finnegans Wake“ [von James Joye, Anm. d. Red.], was ein sehr abstraktes Buch ist.
Es ist so viel passiert. Ich habe eine lange Tour gemacht, die in einer Art Isolation endete. Ich hatte keinen festen Ort mehr, an dem ich mich heimisch gefühlt hätte, also bin ich für eine Weile nach Los Angeles gegangen. Ich traf mich mit vielen Menschen, schrieb Songs und schließlich nahm ich dort auch das Album auf. Lustigerweise brachte meine Zeit dort den New-York-Aspekt meiner Musik stärker hervor.
Ich musste wieder an die ersten Velvet Underground-Platten denken, die mich zur Musik gebracht hatten. Dieses frühe Zeug hat mich dann auch wieder sehr inspiriert.
Ja, ich finde auch, dass es sich sehr nach Lou Reed anhört.
(murmelt) Ja, denn schließlich ist Lou Reed ja der Velvet Underground ... (unverständliches Gemurmel)
Klar, das steht außer Frage. Hast du dich auch an deine frühen Sachen erinnert?
(energisch) Ich weiß nicht, was mich genau steuert in meiner Musik. Meistens fange ich einfach an zu singen, ich bin da nicht so streng zu mir. Natürlich kotze ich es nicht aus und das ist es dann. Das war jetzt einfach ein Album, ich glaube nicht, dass ich noch einmal so ein Album wie "Minor Love" machen werde.
Ich habe gehört, dass du das Album teilweise in der Wüste aufgenommen hast?
Naja, ich habe einige Sachen in der Wüste geschrieben. Eine war eine Art verrücktes Golf Resort. Ich bin mit ein paar Freunden losgezogen, um zu schreiben. Da haben wir diesen Ort in Arizona gefunden und schrieben in einem Golf Hotel unsere Sachen. Wir spielen kein Golf, weshalb es also nichts anderes zu tun gab, als Songs zu schreiben und uns nachts in Tucson in Stripbars zu streiten.
Beim Hören von "Minor Love" kam mir der Gedanke, ob du wohl ein New-York-Konzeptalbum aufnehmen würdest.
Oh nein, da bin ich nicht so passioniert. Ich mag es nicht, wenn Leute einem unter die Nase binden woher sie kommen. Ich komme überall rum und überall gibt es tolle Städte und tolle Musik. Ich wünschte, die Menschen würden sich von solchen Ideen distanzieren. Es gibt nichts langweiligeres als jemand, der sich über sein Land auslässt.
Dann hältst du wohl eher weniger von Sufjan Stevens' Themenalben über Michigan und Illinois?
Sind die nicht eher pseudo-erzieherisch gemeint? Das ist doch mehr so eine Art Reisetagebuch. Nein, ich finde das schon cool. Im Grunde schreibt er doch Songs, weil er Songs schreiben will, was für mich der einzigste Grund sein sollte, Musik zu machen. Es wäre doch scheiße, wenn Leute Songs schreiben, um damit Geld zu verdienen. Klar, das passiert dauernd da draußen, aber ich will so etwas nicht machen.
Wo wir gerade von anderen Musikern reden. 2003 fing deine Solokarriere an und zur selben Zeit ist Elliott Smith gestorben. Hattest du Kontakt zu ihm in diesem großen New-York-Klüngel, schließlich war er ja ab 1997 in New York beheimatet?
Ich war ein riesiger Fan von ihn. Ich ging zu einigen seiner ersten Konzerte und betete ihn an. Da er in New York wohnte, habe ich ihn einmal getroffen, was für mich sehr aufregend war. Und ich fand es super, wie viel Respekt ihm entgegengebracht wurde.
Hat er dich auch musikalisch beeinflusst?
Ich weiß nicht, ich schreibe ja nicht genau solche Musik. Klar, als ich das erste mal seine Musik gehört habe, dachte ich bei mir: "Mann, solche Musik würde ich auch gerne schreiben können." Das war allerdings mit 12 oder 13.
Wer auf deine Website geht, sieht einen tollen 8-Bit-Videospiel-Look. Bist du ein Vintage-Videospiel-Nerd?
Naja, nicht mehr. Ich habe sehr viele Videospiele gespielt, aber letztendlich habe ich die mit Musik ersetzt. Mein Videospiel-Wissen endet also an dem Zeitpunkt, an dem ich eine Gitarre bekommen habe. Aber ich liebe diese alten Spiele, bei denen man eintippt, was der Charakter machen soll. Leisure Suit Larry, Monkey Island, King's Quest. Ich fand diese Spiele so cool und habe mich wirklich darin verloren. Mein Lieblingsspiel aller Zeiten ist Space Quest 4. Wenn man in diesem Einkaufszentrum herumläuft und dann in einem Burgerladen arbeiten muss; das war echt der Hammer. Wer sich das ausgedacht hat, ist ein Genie!
Also hast du dir persönlich das Design ausgedacht oder war es eher das Management?
Die Website? Ja, ich habe jemanden engagiert, der das macht. (zögert) Ich mag diese Droge Ketamin sehr gern. Es lässt einen so zweidimensional erscheinen, weshalb es mich immer an diese Videospiele erinnert. Das ist ein Pferdeberuhigungsmittel oder so. Ich habe mich dann aber speziell in diesem Jahr zu sehr daran gewöhnt.
Im Video zu "Buddy Bradley" sahst du jedenfalls sehr glücklich aus.
Es war auch sehr lustig. Ich habe mit einem Typen namens Dima Dubson zusammengearbeitet. Er wollte mir nicht verraten, was wir überhaupt machen werden. Also hat er mich eines morgens viel zu früh geweckt. Ich war mies gelaunt und wollte nur noch schlafen. Er sagte mir, ich solle in den Park gehen und vor diesen Menschen tanzen, die in einer Schlange auf ihren Burger warten. Er sagte: "Ich will, dass du vor der Shick-Shack-Burger-Schlange tanzt."
Das war wirklich das letzte, was ich an dem Tag tun wollte. Er hat mich trotzdem aus dem Bett gehievt und letztendlich wurde es dieses sehr lustige Projekt. Witzigerweise war mein Finger auch noch entzündet und auf seine doppelte Größe angeschwollen. Das ist in Brasilien passiert, keine Ahnung. Das Tanzen tat also sehr weh und alles war total verrückt.
War es also nicht der neue Lebensabschnitt, den das Video irgendwie feiert?
Naja, irgendwie schon. Es war einfach ein verrückter Teil meines Lebens. Ich habe wirklich einen Hang zum Manisch-Depressiven. Ich kann eine Woche total glücklich sein und dann wieder fast zusammenbrechen, da werde ich dann sehr düster. Bei mir gibt es nur hohe Höhen und tiefe Tiefen.
Das war also ein Hoch?
Ja, ich denke schon. Ich versuchte damals, es mit Drogen und solchen Sachen künstlich in die Länge zu ziehen, aber das hat nicht so ganz geklappt. Ich glaube, ich sollte mich einfach runterschrauben, vielleicht nur noch Bier und Whiskey trinken.
Im Interview ist Adam Green schwer aus der Reserve zu locken. Immerhin verrät er, was Ben Kweller, die Beach Boys und ihn verbindet, wann Mädchen ohne Beine sexy sind und was er mit den Strokes gemein hat.
Ja, der Herr Grün ist schon ein komischer Kauz. Vor dem Interview nimmt er eine kleine Verpflegung zu sich (immerhin kriegt seine Band derweil Abendessen), geht mit uns in den Tourbus, wo er erst mal seine Schuhe gegen Hausschlappen eintauscht. Während des Interviews wird das Brötchen vertilgt, die Antworten durch Kauen und Schlucken unterbrochen. Doch nicht mal sein Gerülpse ins Mikro kann seinem Liebhab-Faktor Abbruch tun. Niedlich ist das, wortgewandt dagegen etwas anderes.
Wir haben schon mal ein Interview mit dir gemacht, naja, mit den Moldy Peaches, aber das war jemand anders von LAUT!
Ich gebe gerade ungefähr 70 Interviews am Tag. Also kann ich mich an die kaum mehr erinnern.
Das ist ja komisch. Als ich im Internet nach Interviews mit dir gesucht habe, war es echt schwer, eins zu finden.
Ja, plötzlich kommen die alle.
Also bist du jetzt wirklich populär!?
Er lächelt ein wenig, ich muss lachen.
Glaubst du das nicht, wenn auf einmal so viele Leute was von dir wollen? Hm ... ein verhaltenes Lachen gluckst in diesem Ausdruck mit heute bin ich's wohl.
Heute Abend spielst du ja hier in Köln. In welcher Stimmung magst du dein Publikum am liebsten, wenn du auf die Bühne gehst?
Äh, muss erst mal runterschlucken und sich den Mund abwischen das ist nichts, worüber ich nachdenke. Wie jeder rülpst will ich, dass sie zuhören und Spaß haben. Ich denke, ich kann dich hier nicht mit einer interessanten Antwort überraschen lacht in sich rein.
Du hast in einem Interview behauptet, du seist eine sehr faule Person ...
Ich hab das gesagt? Dieses Mal geht er blitzschnell dazwischen.
Ja, bist du es denn nicht?
Nicht wirklich.
Sei's drum. Wie ist es für dich, wenn du auf Tour gehst und die ganze Zeit rumfährst und im Bus sitzen musst? Und alle Leute wollen irgendwas von dir.
Ähm, er kaut seelenruhig auf seinem Brötchen weiter du meinst, ob das stressig ist oder so? Ich weiß nicht, ich mag diese schnelle Art zu leben, das ist aufregend.
Schnell?
Ja, du hast immer was zu tun.
Siehst du dann auch manchmal was von den Städten, in denen du spielst?
Wieder hat er den Mund voll, entschuldigt sich aber dieses Mal höflich dafür. Nein, ich sehe die Städte, in denen ich spiele, nicht sehr oft. Denn Tourneen basieren auf ökonomischen Plänen, auf Budgets. Und es ist nicht ökonomisch, eine Tour so zu buchen, dass ich einen Tag frei habe, um das Touristen-Zeugs in einer Stadt zu sehen. Normalerweise sehe ich also die Stadt nur, wenn ich mal einen Tag frei habe. Wenn sie mal einen Tag keine Show buchen konnten. Aber oft ist das dann ein Tag, an dem man reist. Dann sieht man auch wieder nur die Autobahn. Aber ich war schon so oft in Köln, dass ich schon Einiges von der Stadt gesehen habe. Man hat mir Sachen gezeigt. Ich war zum Beispiel oben auf dem Dom. Also hier hab ich schon was gesehen, aber meist passiert das eben nicht. Ich habe jedenfalls keine Ahnung, wie es ist, hier zu leben.
Das "Friends Of Mine"-Album war ja das erste, das du in einem richtigen Studio aufgenommen hast. Würdest du wieder einen Schritt zurück gehen und so was wie das Moldy Peaches- oder dein erstes Album noch mal aufnehmen?
Das ist schwer zu sagen. Vielleicht irgendwann. Aber so was plane ich im Moment nicht.
Wird's überhaupt ein nächstes Moldy Peaches-Album geben?
Ich weiß es nicht, das ist gerade noch offen. Wir schulden der Plattenfirma keins mehr. Das können allein ich und Kimya entscheiden.
Triffst du sie eigentlich noch regelmäßig?
Wir sehen uns schon noch. Manchmal kreuzen sich unsere Touren ... denn sie ist auch viel unterwegs, alleine. Unsere Touren haben sich vor einem Monat in Paris gekreuzt.
War das das letzte Mal, dass du sie gesehen hast?
Nein, danach sind sich unsere Konzertreisen in Cleveland wieder über den Weg gerollt wir müssen lachen. Ja, das ist lustig, aber so treffe ich sie immer wieder.
Wenn man sich deine Texte anhört, kann man das ja eigentlich nicht für ernst halten. Sind sie in deinen Augen ernst?
Naja relativ ... sie sind spielerisch.
Du denkst doch nicht wirklich, ein Mädel ohne Beine sei sexy!?
Das kommt immer aufs Mädchen an! Schmunzelt über seine gelungene Antwort.
Wie kommst du überhaupt auf so krudes Zeug?
Keine Ahnung, ich denk's mir einfach aus!
Sind also deine Lyrics das Überbleibsel des Punkrock, während die Musik schön produzierter Pop ist? Denkst du, du machst noch eine Art Punk?
Wann hab ich das denn gesagt?
Naja, ich denke, deine Musik war früher irgendwo das, was man Punk nennt.
Ich denke so nicht darüber nach. Eine längere, von Ähs unterbrochene, Pause folgt. Weißt du, ich versuche, mit jedem Song musikalisch was anderes zu machen. Ich versuche, nie den selben Song zweimal zu schreiben. Und schon entfleucht ihm wieder ein kleiner Rülpser. Ich denke nicht, dass ich in irgendeinen bestimmten musikalischen Stil passe. Wenn irgendwas bei dem, was ich mache, konsequent ist, dann dass die Vocals beim Mixen immer nach vorne geholt werden. Ich versuche die Worte immer sehr deutlich zu singen, so dass jeder sie verstehen kann. Aber ansonsten kann ich musikalisch alles machen, von dem ich denke, dass es gut ist.
Du hast den Beach Boys-Song "Kokomo" mit Ben Kweller aufgenommen. Warum diesen Song?
Ich liebe diesen Song. Klare Aussage, es folgt Stille.
Und warum mit Ben Kweller?
Er ist derjenige, der rausgekriegt hat, wie man die Akkorde spielen muss. Wir hatten die Idee, als wir zusammen auf Tour waren.
Du arbeitest ja gerade an deinem Video für "Friends Of Mine". Was kann man da erwarten? Wieder Adam Green pur?
Nein, dieses Mal ist es anders. Ich bin dafür nach Kalifornien gegangen. Wir haben es in vielen verschiedenen Locations aufgenommen. Ich reite dafür sogar auf einem Pferd.
War das das erste Mal, dass du auf einem Pferd gesessen bist?
Ja, ich habe das noch nie vorher gemacht. Das Pferd war sehr freundlich. Es war riesig, ein Clydesdale. Das ist die größte Rasse!
Jeder redet gerade über die ganzen The-Bands wie die Strokes, aber auch über den Antifolk, zu dem ja du zählst. Gibt es eine Verbindung zwischen beidem?
Nein, nicht wirklich. Aber die Strokes haben uns (sowohl die Moldy Peaches, als auch Adam solo, Anm. d. Red.) schon oft als Support gewählt. Auch Regina Spector, eine aus der Anti-Folk-Community, war schon mit ihnen auf Tour. So sind die Strokes also mit uns verbandelt. Aber musikalisch spielte keiner Songs wie die Strokes bei den Open Mikes. Der Schwerpunkt bei den Open Mikes, und die sind ja irgendwie der Drehpunkt der Antifolk-Community, sind die Lyrics. Wir spielen meist akustische Gitarren. Strokes-Songs sind so präzise und haben so viele verschiedene musikalische Teile, die wiederum so präzise sind. Etwas in die Richtung gibt es bei den Open Mikes nicht. Die Songs sind freier und lockerer. Sie basieren mehr auf den Lyrics.
Auf deine Homepage war eine News, dass das "Elle Girl Mag" dich zu einer der coolsten Personen des letzten Jahres gewählt hat.
Weißt du, das ist ein Teen-Magazin. Ich weiß nicht, irgendwie ist das cool.
Was ist schlimmer, Leute wie Jessica Simpson oder American Idol (in Deutschland DSDS)?
Ich denke über solche Leute nicht nach. Nie.
Angeblich bist du auch Kriss Kross- und MC Hammer-Fan, stimmt das?
Das ist die Musik, die ich zuerst mochte. Damit bin ich aufgewachsen. Wenn jemand das Zeug spielen würde, ich würde zuhören und meinen Spaß haben. Aber ich würde das nicht selber spielen. Es ist gute Musik. Versucht eine Erklärung dafür zu finden. Ich weiß nicht, ich mag die Lyrics.
Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, ein "Adam Green Magazine" zu machen?
Das war eine Kollektion von Sachen, die irgendwo übrig geblieben sind und irgendwo rumlagen. Ich hab das alles zusammen getragen in dieses ... Ma ... Magazin. Ich weiß nicht, das ist ja nicht wirklich ein Magazin! Es ist nur Text, keine Fotos. Plötzlich blüht er auf, fragt, ob ich es schon in der Hand hatte. Es ist wirklich nur wie eine lange Liste der Sachen, die ich noch hatte. Zeug, von dem ich dachte, dass es lustig sei. Viel davon ist albern. Da sind Sachen drin, die zu meinen besten Texten gehören. Aber auch Zeug, das ich grausam finde. Es ist wirklich nur für Leute, die das im Zug oder auf dem Klo lesen wollen. Das kannst du einfach mal in die Hand nehmen, ein paar Zeilen lesen und es dann wieder weglegen. Du musst das nicht durchlesen. Ich hab das auf meinen Shows verkauft, weil da Zeug drin stand, auf das ich wirklich stolz war.
Es gibt aber keine Exemplare mehr davon?
Nein, im Moment ist es ausverkauft. Ich würde gerne mehr machen. Aber ich finde keine Zeit, ich hatte nur so wenige Tage frei zwischen dem Touren.
Kann man das woanders her kriegen?
Ja, man kann es bei St. Mark's Bookshop bestellen. Aber meist ist es nicht erhältlich.
Schade, aber warum gibt's die gerade nur in diesem einen Shop?
Gute Frage! Aber sie machen Mailorder, das wollte ich unbedingt. Und die verkaufen auf Kommission. Und sie sind ein Buchladen. Und sie sind Downtown, sehr zentral. Ich kann da leicht von meinem Appartment aus hinkommen. Ja, das sind wohl die Gründe. Außerdem ist es einfach ein guter Laden.
Danke, das war's.
Yeah. Knappe Verabschiedung, dann geht's zum Konzert, das allen Erwartungen entsprechend großartig ist. Wer's verpasst hat, Adam Green live zu sehen, der sollte sich das Video zu "Friends Of Mine" anschauen. Denn auch da gibt's seinen typisch-kruden Tanzstil ausführlich zu begutachten.
Das Interview führte Vicky Butcher
Adam Green (2002)
Alles, was man über den diabolisch-süßen Antifolk-Helden wissen muss.
http://www.adamgreen.net
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