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"Nichts darf so klingen, als würde es nicht dahin gehören, wo es ist", erklärt Interpol-Sänger Paul Banks in einem Interview 2003. Perfektion ist bei den New Yorker Retro-Helden mehr als erklärter Wille. Sie ist Voraussetzung zum Beginn. Darunter geht nichts. Interpol überlegen, tüfteln, machen, schaffen - tun alles Erdenkliche, um jeden Ton exakt im richtigen Augenblick zu bringen und verrichten dabei prachtvollen Soundraub an den wavigen Indie-Helden Joy Divison, Chameleons und nicht zuletzt den Smiths.
1998 kommt es auf der New Yorker Universität zum musikalischen Zusammenschluss von Daniel Kessler (Gitarre und Vocals) und einem Drummer namens Greg. Gemeinsam spielen sie für ihre Band alle Instrumente selbst ein. Kurz darauf trifft Daniel in einer Vorlesung auf Carlos Dengler, einen ehemaligen Sechssaiter, der der Gitarre über ist. Er wechselt an den Bass. Als Daniel auf der Straße zufällig Paul Banks (Gitarre und Vocals), einem alten Bekannten aus Pariser Tagen, wiederbegegnet ist der erste Schritt in den Rock-Olymp getan.
Nach den ersten Gigs 2000 wird Greg am Schlagzeug durch Sam Fogarino ersetzt, der den ursprünglichen Interpol-Sound in eine etwas aggressivere Post-Punk-Richtung dreht. In dieser Konstellation tourt man durch England - natürlich nicht ohne einen Halt bei John Peel einzulegen - und macht die retrofanatische englische Presse wie erwartet verrückt.
Die Aufregung kommt nicht von ungefähr: gleichzeitig releasen die Herren mit den dunklen Frisuren und den schwarzen, straighten Anzügen auf dem renommierten Chemikal Underground Label, das u.a. Schrammel-Helden der leisen Töne wie Mogwai, Arab Strab oder Radar Bros führt, eine erste EP in der labeleigenen "Fukd I.D."-Serie. Es folgt der übliche Ablauf: Konzerte mit Trail Of Dead und den Delegados, eine weitere (selbst releaste) EP: England ist wie immer vor der eigentlich Heimat mit im Boot.
Als der Hype mit kleinen Schritten auf ihre Heimat New York zukommt, unterschreiben Interpol einen Vertrag und bleiben konsequent stilsicher: das Indie-Urgestein Matador (Pavement, Yo La Tengo, Cornelius ...) sichert sich das im November 2001 in Connecticut aufgenommene Debüt "Turn On The Bright Lights" für eine Veröffentlichung 2002.
Mystisch wie englische Bands vor zwanzig Jahren und düster wie ein helles Leuchten in einer tiefen Straße trifft man mitten in das flammende New Yorker Remake-Herz. Stramm stehende Depressionen schweben über die Leichen des britischen Post-Punk und bleiben dabei rätselhaft an Melodien kleben, während ein Ian Curtis-Klon stilvoll gebrochen über die Leiden der Zwischenmenschlichkeit singt. Interpols Instrumente streifen dazu durch einen breit angelegten Sound, der durch Daniel Kesslers ideenübersprudelnde Gitarrenarbeit erdrückend groß wird. Perfektion zum Erbrechen, die sich auszahlt, obwohl sie in jeder Sekunde bis ins kleinste Detail durchorganisiert ist, trotzdem aber noch nach Proberaum klingt. Keineswegs überproduziert, nur verdammt genial dargebracht.
Im August 2003 verkürzen Interpol ihrer stetig wachsenden Fangemeinde die Wartezeit zum regulären Longplay-Nachfolger mit der "Black EP". Darauf finden sich vier Live-Versionen ihres Debütalbums von einem französischen Radiokonzert sowie mit dem Song "Specialist" eine Single-B-Seite.
Im Herbst 2004 erscheint "Antics" und läutet eine neue Phase der Bandgeschichte ein. Drei Singles erreichen die UK Top 40, das Album selbst wird von vielen Kritikern in die persönlichen Bestenlisten des Jahres gewählt. Auch mit "Antics" gehen Interpol auf eine Tour, die sich insgesamt achtzehn Monate hinzieht.
Im Anschluss nimmt sich die Band eine Auszeit von etwa einem Jahr, bevor sie im Sommer 2006 ihren Wechsel zu Capitol Records bekannt gibt. Dort erscheint im Juli 2007 das dritte Studioalbum "Our Love to Admire".
Im Mai 2010, kurz nachdem die Band ihr viertes Album fertiggestellt hat, verlässt Bassist Carlos Dengler die Band. Die Trennung erfolgte in gegenseitigem Einvernehmen.
Drummer Sam Fogarino über das Tourleben, das neue Album und die Besetzungswechsel.
So einen verrückten Tag erlebt man selten. Morgens schwankt man noch deutlich verkatert und mit hängenden Augenlidern in die Redaktionssitzung, raus kommt man dann mit einem Interviewtermin mit Interpol – noch am selben Abend. Okay, Schweiß abtupfen, leichte Kost essen und nicht einem Tunnelblick verfallen, der auf einen Anruf um 19.30 Uhr starrt.
Ziemlich pünktlich klingelt dann das Telefon, auf der anderen Seite der Leitung blökt mir eine Promoterin ins Ohr. Ob ich denn bereit sei für das Interview. Ich stammele etwas, das sie wohl als Zustimmung interpretiert. Dann sitzt auch schon Interpol-Drummer Sam Fogarino am Apparat und begrüßt mich herzlich aus South Carolina, USA. Die gerade neu formierten Jungs aus New York stehen am Anfang einer langen Tour, die sie im November auch in deutsche Gefilde führen wird.
Der Trommler ist ein freundlicher Mensch, der viel lacht und auch die dümmste Frage in messbaren Inhalt umwandelt. Im Interview redet er über die neue Situation innerhalb der Band, das Tourleben und das im September anstehende Album "Interpol".
Ihr Jungs seid ja wieder zurück auf Tour und werdet in ein paar Tagen für einige Auftritte zu U2 und ihrem epischen 360°-Set stoßen. Seid ihr aufgeregt oder gar nervös angesichts einer solchen Menge an Zuschauern?
Naja, das ist eine Sache, die so außerhalb unserer Norm ist, dass es sogar schwer ist, nervös zu werden. Das Ausmaß dieser Geschichte ist derart enorm, dass es schon fast wieder lustig ist. Nervosität gibt's natürlich trotzdem. Das ist ganz natürlich, denn schließlich macht es einen Unterschied, ob man vor 500 oder 50 000 Menschen spielt. Da gibt es schon ein Element der Nervosität (lacht).
Ihr werdet also nach 13 Jahren immer noch nervös?
Ja klar, uns flattern vor den Gigs immer ein wenig die Nerven. Obwohl es mehr eine nervöse Spannung vor dem Auftritt ist. Wer aufhört nervös zu werden, sollte sich nach einem anderen Job umschauen.
In deinem Blog habe ich gelesen, dass du deinen Drum-Style ganz ähnlich wie den von U2s Larry Mullen U2 beschreibst.
Naja, nicht so ganz. Ich ziehe keine klaren Parallelen zwischen uns, aber ich habe auf jeden Fall einen ordentlichen Respekt vor ihm.
Gibt es vielleicht trotz der vielen Unterschiede einige Ähnlichkeiten zwischen Interpol und U2?
In musikalischer Hinsicht denke ich nicht, aber (überlegt kurz) ich denke es gibt einen ähnlichen Ansatz, wie die Bands an das herangehen, was sie tun. Ich glaube, es ist eher auf sich selbst gestellt und frei von Dingen, die andere machen. Genau das macht ja U2 aus – und zwar seit über 30 Jahren.
Habt ihr euch überhaupt schon einmal gesehen?
Ja, ich habe vor allem Bono und The Edge bei einigen Gelegenheiten getroffen. Sehr nette Menschen sind das. U2 selbst haben von unserem Zeug gehört und wollten uns für die Tour haben.
Nachdem Carlos D. [der Bassist, Anm. d. Red.] die Band verlassen hat, kamen ja zwei neue Gesichter hinzu. Wie ist das Feeling in der Band nach einem solch starken Verlust?
Es fühlt sich brandneu an! Es ist wirklich toll mit David Pajo und Brandon Curtis.
Wie äußert sich der Wechsel der Besetzung auf den Konzerten?
Ich persönlich finde, dass es sich zum Besseren geändert hat. Die Band geht einen Weg, der sehr stark auf Performance ausgelegt ist. Wir alle wollen die Songs mit sehr viel Leidenschaft spielen, und das ist etwas, das Brandon und David von Natur aus auf die Bühne mitbringen. Mich, Paul [Banks] und Daniel [Kessler] hat das sehr inspiriert.
Wie fühlst du dich nach diesen all diesen Jahren mit der Band Interpol? Denkst du, dass es noch genügend Raum gibt, um mit diesem Projekt weiter nach vorne zu kommen und in wiefern kannst du Carlos' Entscheidung verstehen?
Ich denke, es gibt genügend Raum und bin wirklich froh, dass es weitergeht. In welche Richtung das geht, wird man erst noch sehen müssen. Wir werden schließlich noch eine Weile auf Tour sein; für ein Jahr oder so (lacht). Es fühlt sich einfach komplett anders an ohne jemanden, der mit der Situation unzufrieden ist. Es wirft ein ganz anderes Licht auf das, was wir tun, um unsere Brötchen zu verdienen. Das bringt natürlich Aufregung mit sich, aber auch viele Möglichkeiten, um uns weiterzuentwickeln.
Du siehst die Situation im Moment also eher als Neuanfang, denn als Bruch?
Ja, denn jemand ist aus eigenem Antrieb gegangen. Carlos war sichtlich unzufrieden, in der Band zu sein und, na ja, wir waren es nicht (lacht). Wir wollen uns einfach weiterentwickeln. Hätten wir nach Carlos' Weggang aufgehört, wäre das eine schiere Zeitverschwendung gewesen. Nachdem man acht Monate zusammen ein Album schreibt und dann noch mehrere Monate mit der Aufnahme verbringt, gibt es für mich nur noch eine Option: rausgehen und die Songs spielen. Ich habe schon oft gesagt, dass ich keine Musik in einem Vakuum machen möchte. Interpol ist nun mal eine Live-Band.
Ja, ich glaube, ich weiß worauf du hinaus möchtest. Ich glaube, dass der Akt des Live-Gigs nicht von Hampeleien auf der Bühne gesäumt werden muss (lacht). Wir lieben es, unsere Musik zu spielen und wie das genau passiert ist unerheblich. Ich glaube, die Leute mögen unsere reduzierte Art zu spielen, die sich vom ganzen Rock'n'Roll-Zirkus anderer Bands abhebt. Für so etwas steht Interpol einfach nicht.
Wenn schon eure Auftritte derart unaufgeregt sind, wie steht es dann um das Tourleben?
Na ja, wir sind alle ein bisschen älter geworden (lacht).Wir sind alle mehr darauf erpicht, ein gesundes Essen zu bekommen statt einen Beutel voller Kokain (lacht lauthals).
Das ist auf jeden Fall die bessere Wahl.
Irgendwann muss man ja mal erwachsen werden.
Lass uns ein doch wenig über das neue Album "Interpol" sprechen. Ist es nicht etwas ungewöhnlich, das vierte Album nach sich selbst zu benennen?
Genau deshalb haben wir das getan (lacht). Es war eigentlich eine sehr leichte Entscheidung: Als wir in der Mitte des Schreibensprozesses waren, hatte Paul die Idee, ein selbstbetiteltes Album zu machen. Da konnten wir alle nur zustimmen. Wir dachten einfach alle, dass es zur Musik passen würde. Schon war der Titel im Kasten.
Der Titel des Albums wurde also bereits während des Schaffensprozesses gefunden und nicht erst nach Carlos' Ausstieg?
Ja, der entstand lange davor. Carlos saß mitten unter uns (lacht).
Dann kann ich mir die Frage nach dem Symbolismus also sparen ...
Nein, nein! Da gab es keinerlei tieferen Sinn dahinter. Es war eher eine spielerische Entscheidung. Natürlich gibt es diese Verbindung zur Musik an sich, aber man sollte da nicht so viel hineininterpretieren. Der Titel passt einfach.
Wenn ihr also das neue Werk "Interpol" nennt, würdest du sagen, dass dieser Moment DEM Interpol-Stil entspricht?
Ja, das ist genau das Level auf dem wir jetzt sind. Das Album ist ein gutes Beispiel dafür, was wir alles durchgemacht haben. Keine Ahnung, wo wir jetzt hintreiben, aber wir sind jedenfalls alle sehr glücklich mit dem Album, da es diesen Augenblick unserer Karriere sehr genau beschreibt.
Ich finde das Album hört sich sehr verträumt und fragil an, ebenso elektronisch. Wenn man das nun mit "Our Love To Admire" vergleicht, ist es doch etwas Grundverschiedenes. "OLTA" hört sich da ja eher organisch und rockig an. Wie kommt es zu diesem Wandel?
Das kommt wahrscheinlich daher, dass wir wieder die Produktion an uns gerissen haben. Es gibt keinen Co-Producer in den Credits. Wir hatten auch mehr Zeit zum Schreiben...na ja, eigentlich hatten wir genau so viel Zeit zur Verfügung, aber es war auf jeden Fall diese größere Kontrolle, die uns half das zu erreichen, was wir wollten. Wir schreiben das Album immer allein, da lassen wir niemanden mitreden. Und dieses mal haben wir das Ganze etwas weitergetrieben. Wir hatten einfach ein sehr klares Bild vor Augen wie es später aussehen sollte.
Ich glaube, dass wir in unserem Tun einfach fähiger geworden sind. Wir konnten es mit viel mehr Erfahrung angehen, als wir es bei "Our Love To Admire" taten. Dazwischen lagen immerhin ein Jahr voller Gigs und drei Jahre des Band-Daseins. Das macht enorm viel aus, wenn man ein Album macht.
Weißt du, Interpol ist nicht gerade ein leichter Weg. Als Carlos noch dabei war, waren wir vier sehr selbstbewusste Musiker, weshalb es natürlich schwierig ist, einen Kompromiss zu finden. Doch dieses mal hatten wir ein klares Ziel und so ging es viel entspannter zu. Wir mochten das Material total und konnten uns schneller aufeinander einstellen. Das macht einen entscheidenden Unterschied. Es war einfach das richtige Album zur richtigen Zeit.
Also lediglich Erfahrung plus kreative Kontrolle machten dieses Album zum Besten aller Interpol-Alben?
Ähm, na ja ... das KÖNNTE man so sagen (lacht). Das klingt jedenfalls richtig, mir geht es definitiv so. Letztendlich weiß man nie, was dabei rauskommt und wir sind alle froh, dass es hingehauen hat. Auf jeden Fall fiel es uns nicht so schwer wie es "Our Love To Admire" tat.
Ist es nicht komisch, dass ihr beide Alben im selben Studio und mit dem gleichen Label aufgenommen habt, es aber trotzdem derart anders klingt?
Das beweist einfach, dass wir unsere eigenen Platten machen, ein Label spielt da keine Rolle. So arbeiten wir nun mal. Wir gingen zwar in dasselbe Studio, waren allerdings in einem anderen Raum (lacht). Es war also schon ein anderes Studio – wir bezogen Studio A des Electric Lady Studios, ein magischer Ort.
Findet man etwas von dem Vibe, der das legendäre Electric Lady Studio umgibt, auf dem Album wieder? [Hier nahmen Legenden wie Jimi Hendrix, Led Zeppelin oder The Clash auf, Anm. d. Red.]
Das denke ich auf jeden Fall, ja. Ich liebe diesen Ort einfach, den Vibe hat man definitiv gespürt. Man entdeckt immer wieder neue Platten, die dort aufgenommen wurden. Man sollte das nicht so einfach hinnehmen, wir wollten auch die Magie kanalisieren, sie in die Aufnahme so gut es geht einfließen lassen. Natürlich kann dieser Ort einen ebenso gut einschüchtern.
Das ist auf jeden Fall eine ganz andere Geschichte als Connecticut. [Dort nahmen Interpol ihre ersten zwei Alben auf, Anm. d. Red.]
Klar, aber die anderen Alben waren doch auch nicht schlecht?!
Überhaupt nicht, die waren spitze! Hast du noch irgendwelche Shout-Outs?
Ähm, ich freue mich einfach ein paar Shows in Deutschland zu spielen!
Alles klar, vielleicht läuft man sich ja über den Weg. Vielen Dank für das Interview und viel Spaß noch auf Tour!
Dankeschön. Machs gut!
Interpol-Drummer Sam über die Aufnahmen in New York und sein Projekt Setting Suns.
Die New Yorker von Interpol zählen nach wie vor zu den kommerziell erfolgreichsten Bands im Indie-Alternativ-Geschäft. Nachdem 2002 das allseits gerühmte Debüt "Turn On The Bright Lights" auf den Markt kam, veröffentlichten Interpol 2004 den Nachfolger "Antics", der ebenfalls positive Kritiken erhielt und dem Quartett eine wachsende Fangemeinde einbrachte.
Nach etwas längerer Wartezeit erschien im Sommer die dritte Platte "Our Love To Admire". Druck ein mindestens ebenso gutes, verkaufsträchtiges Album herauszubringen, verspürten die Amerikaner jedoch nicht, wie Drummer Samuel "Sam" Fogarino im Interview verrät.
Ganz im Gegenteil: die Aufnahmen gestalteten sich in vielerlei Hinsicht weitaus angenehmer als zuvor. Es sei wie an einem intimen, erotischen Ort gewesen, vergleicht Fogarino freudig aufgelegt. Im Interview sprach ich mit ihm über die Unterschiede zu den Vorgänger-Alben, die Heimatstadt New York, den Label-Wechsel und die zukünftigen Band-Pläne.
Ihr seid eine der wenigen Bands, die von Album zu Album ein konstant hohes Niveau gehalten haben. Wie seht ihr selbst eure Entwicklung vom ersten Album "Turn On The Bright Lights" hin zum im Juli veröffentlichten dritten Album "Our Love To Admire"?
Nun ja, das erste Album, über das ich sehr viel nachgedacht habe, entstand wirklich aus einer bestimmten Naivität heraus... von einer Band, die noch nie ein Album zusammen aufgenommen hat, die noch nie zusammen auf Tour gegangen ist. Vielleicht hatten wir ein paar Shows außerhalb New Yorks zusammen gespielt - wir sind nach Frankreich und Großbritannien gefahren - aber das war nichts wirklich Substanzielles. Und dann, nachdem wir "Antics", das zweite Album, fertig gestellt hatten - und wir sind mit dem Album eineinhalb Jahre herum getourt - ich glaube, da war etwas innerhalb dieser Zeit, auf diesem Weg, das uns verändert hat. Erfahrung etwa. Man verliert diese Naivität ein wenig.
Ihr seid also auch persönlich gewachsen?
Ja. Man wird auch reifer. Was dieses Album betrifft, hatten wir genau genommen zehn Monate Zeit, um es zu schreiben. Zehn Monate ohne Unterbrechung. Und es war wirklich gut, alles da zu haben und einfach aufnehmen zu können – einfach anfangen zu können, ohne seinen Weg erst ertasten zu müssen. "Turn On The Bright Lights" hat meiner Meinung nach viel Fröhlichkeit im Akzent. "Our Love To Admire" hat das nicht. Die Platte ist sehr bedächtig – das hatten wir uns zur Aufgabe gemacht.
Meiner Meinung nach haben sich eure Alben von Mal zu Mal weiterentwickelt. Carlos hat in einem Interview in Bezug auf die neue LP gesagt: "Wenn man eine Unterscheidung zwischen 'new' und 'old' Interpol trifft, dann sind wir Richtung 'new Interpol' gegangen." Was ist das Neue am Interpol-Sound und inwiefern spiegelt sich eure Entwicklung in eurer Musik wieder?
So weit ich das erklären kann, ohne dabei zu tiefgründig zu werden, da das meiner Meinung nach generell nicht gesund ist (lacht), handelt es sich bloß um eine Ausweitung - in dem Sinne, dass einfach mehr Stimmen benutzt werden und man in der Lage ist, diese Stimmen manipulieren zu können und sie im Kontext der Band - im Kontext von Gitarren und Gesang also - zum Wirken zu bringen... und dann zudem in der Lage zu sein, andere Instrumente darüber legen zu können. Eigentlich handelt es sich dabei jedoch nicht um wirkliche Instrumente, da alles Computer-generiert ist. Aber wir haben tatsächlich eine echte Horn-Sequenz auf einigen der Songs. Das ist das eine. Wenn man in der Lage ist, all diese Stimmen anlegen zu können, sie nicht nur als Motiv für die Struktur eines Songs zu nutzen, sondern als ein realisierbares, umsetzbares Element - auf der definierenden Seite des Songs - dann stellt man fest: "Wow, das funktioniert". Und diesbezüglich ist unser Sound auch gewachsen!
Auf der anderen Seite nehmen die Keyboard-Parts diesmal eine außergewöhnlich große, dominante Stellung ein. Wie kam es dazu? Insgesamt ist euer Sound, meiner Meinung nach, nun auch viel komplexer.
Ja, da stimme ich dir zu! Abgesehen von mir hat jeder in der Band, ich will nicht sagen Furcht vor Technik, aber eine gewisse träge Haltung ihr gegenüber. Und ich wusste, dass man sich als Band heutzutage eine Menge Programme zu Nutze machen kann, sofern man sie in die richtigen Hände gibt. Und deswegen habe ich mir einen Computer zugelegt und ihn mit mehr Speicher versehen und mir zusätzliche Plugins besorgt - Sachen, von denen ich dachte, dass sie wirklich funktionieren können ... Und dann habe ich Carlos dazu gebracht, das alles zu benutzen. Und dann hat er sich dasselbe Computersystem zugelegt. Und danach hat sich Paul einen PC gekauft. Jetzt arbeiten wir alle ständig, wenn wir unterwegs sind, wenn wir im Bus sind - ob an unserem eigenen Kram, außerhalb der Band oder vielleicht an zukünftigen Ideen für Interpol - es ist wirklich gut, alles am Laufen zu halten. Wer weiß, was die nächste Kehrtwende mit sich bringt. Zur Zeit scheint es, als ob die Richtung vollkommen offen ist.
Viele eurer neuen Songs hören sich zudem atmosphärischer und dichter an. Das liegt zum einen an den Keyboards ...
Fogarino: Ja, an den Keyboards, aber andererseits auch an der Produktion der Gitarren.
... "Pioneer To The Falls" ist hier beispielsweise zu nennen. Bist du auch der Meinung, dass speziell dieser Song ein Riesensprung nach vorne in Sachen Atmosphäre ist?
Ja, das hoffe ich! Bekanntermaßen will man immer daran glauben, dass die gegenwärtige Arbeit die beste ist. Und ich fühle mich im Moment genau so.
Ja, in Bridgeport, Connecticut.
Dabei identifiziert man euch doch so stark mit New York. Warum habt ihr vorher nie dort aufgenommen?
Geld!
Aha, verstehe.
Zu der Zeit, als wir "Bright Lights" aufnehmen wollten, hatten wir kein großes Aufnahme-Budget. Und die Studios in der Stadt, die für uns erschwinglich waren, schnitten im Gegensatz zu dem, was uns in Bridgeport zur Verfügung stand, schlechter ab. Außerdem war der Techniker Peter Katis ein Freund von mir, es gab da also eine Menge Vertrauen. Und speziell in dieser Zeit war die Band noch sehr jung. Und wir wussten, dass wir so nichts hergeben, nichts von unserer Kontrolle an irgendeinen Schwachkopf, an irgendeinen Ton-Techniker abtreten würden … Und dann haben wir zweimal dort aufgenommen und vielleicht kehren wir ja irgendwann einmal dorthin zurück. Aber es war einfach – ich will nicht sagen, es war um in New York zu sein, nur um des Heimatgefühls wegen – es war einfach an der Zeit, etwas anders zu machen. Und außerdem wollten wir unbedingt ins Electric Lady gehen – das Electric Lady hat diese lange Rockgeschichte, wie du weißt.
Und ist die Stadt New York eine große Inspirationsquelle für euch? Beeinflusst NY euer Songwriting?
Ich weiß nicht genau. Möglicherweise. Ich denke man wird immer unterbewusst durch seine Umgebung beeinflusst. Aber an diesem Punkt war es mehr die Möglichkeit, zuhause zu sein. Du gehst aus dem Studio und weißt: "OK, der Coffeshop ist wirklich gut!" Oder: "Da kannst du einen guten Espresso bekommen und da drüben gutes Sushi oder was auch immer." Wir waren einfach zuhause für eine Weile ... es war mehr die Bequemlichkeit zuhause zu sein. Nachdem du nach zwölf Stunden Aufnehmen fertig warst, konntest du eben einfach in deinem eigenen Bett schlafen.
Ihr habt nicht nur zum ersten Mal in einem New Yorker Studio aufgenommen, ihr habt auch zum ersten Mal mit einem Co-Produzenten zusammengearbeitet. Warum habt ihr euch für die Zusammenarbeit mit Rich Costey entschieden?
Ich glaube, es war, um diesen größeren Sound zu kreieren. Rich Costey hat so einen umfangreichen Lebenslauf, er hat mit Künstlern wie Fiona Apple bis hin zu Mastodon zusammengearbeitet. Das ist einfach wahnsinnig! Ich kenne niemanden, der von Fiona Apple zu Mastodon gewandert ist – und mit Muse, Franz Ferdinand und den Foo Fighters zwischendrin. Und all diese Bands haben, wenn du alle anhörst, ihren eigenen individuellen Sound. Sie hören sich nicht nach Rich Costey an. Und das ist wirklich sehr reizvoll ... wenn jemand eine Band nehmen kann und sich in deren Sound rein versetzen kann, anstatt der Band seinen Sound aufzudrücken. Das war ebenfalls sehr reizvoll! Und wir haben ihn auch ein paar Mal getroffen, bevor wir mit ihm gearbeitet haben und er ist ein großartiger Mann! Das war ebenfalls sehr wichtig.
Eure ersten beiden Alben waren sehr erfolgreich, wurden von Kritikern hoch gelobt und brachten euch auch international viel Aufmerksamkeit und Anerkennung ein. Die Erwartungen an das dritte Album waren dementsprechend hoch. Wie seid ihr mit dem Druck umgegangen?
Es ist einfach Musik. Es ist etwas, was man zunächst für sich selbst macht. Und wenn man dann diese Art von Druck in sein Arbeitumfeld hereinlässt und seine Arbeit davon beeinflussen lässt, dann kannst du es vergessen. Dann bist du gescheitert. Und das, bevor du überhaupt richtig angefangen hast. Deswegen geht es für uns einfach darum, zusammen zu kommen und Songs zu schreiben. Als wir einen großen Teil dieses Albums geschrieben haben, hatten wir uns von Matador, unserem ersten Label, getrennt und von unserem ersten Manager, und es fühlte sich dennoch nahezu wie dieselbe Band an, der ich 2000 beigetreten bin, abgesehen davon, dass wir gewachsen sind. Wir hatten mehr Kontrolle über das, was wir taten. Wir fühlten eher das Gegenteil von Druck. Eigentlich hasse ich persönlich den Schreib-Prozess, er ist stark mit debattieren verbunden und ist sehr frustrierend. Aber abgesehen von meinen persönlichen Gefühlen, hatten wir dabei manchmal wirklich einfach nur viel Spaß. Es fühlte sich an, wie in einer Band zu sein, einfach der Band halber und wir mussten uns keine Sorgen über das Plattenlabel machen oder über Erwartungen, Kritiken und all dieses Zeug.
Und warum seid ihr dann zu einem Major-Label übergewechselt?
Na ja, abgesehen von dem langweiligen Geschäfts-Kram, war es einfach Zeit sich fortzubewegen. Es ist schwer zu beschreiben, denn ich liebe die Leute bei Matador wirklich sehr, ich zähle sie jetzt zu meinen Freunden, nun da ich sie seit Jahren kenne. Und sie haben wirklich einen guten Job gemacht. Aber das ist einfach die Natur der Sache. Und sie haben einfach ihr Netzwerk, sie haben gewisse Magazine, mit denen sie zusammenarbeiten, sie haben einfach eine bestimmte Art, wie sie ihre Dinge tun. Und sie bringen mittlerweile seit Jahren Platten heraus. Und für uns ging es einfach darum, darüber hinauszugehen, sei es in Bezug auf die künstlerische Darstellung, Videos, etc. Es ist lustig, dass viele Leute diesbezüglich spekulieren, etwa in der Art: "Dann kommt das große Major-Label und dringt in die Band ein ..." (lacht). Aber die Realität ist, dass wir, als wir diese CD aufgenommen haben, weniger Kontakt mit Capitol Records hatten, als mit Matador bei den ersten beiden Platten zuvor. Obwohl Matador sich auch nicht eingemischt hat. Aber diesmal fühlte es sich an, als hätten wir gar kein Label, und das ist wirklich ein gutes Gefühl, wenn du eine Platte machst. Von Anfang an kam niemand ins Studio, niemand. Es war wie an einem intimen, erotischen Ort (lacht). Und das ist es, im Großen und Ganzen. Wir hätten überall hingehen können, aber wir hatten trotzdem das Gefühl, dass wir weiter wachsen wollen. Ich denke, es wäre eine Schande, wenn sich nach nur zwei Platten alles einfach nur noch im Kreis drehen würde und wir nur für dieselben Leute spielen würden. Du musst das Ganze abwägen – du verlierst auf dem Weg zwar ein paar Leute, aber du gewinnst hoffentlich auch eine Menge mehr dazu. Dieses Album hätten wir auch auf dem kleinsten Label veröffentlichen können und es wäre trotzdem das Album geworden, das es ist, ganz gleich, was auch passiert wäre.
(Ich spreche "Heinrich" natürlich deutsch aus – warum auch nicht, dabei handelt es sich ja schließlich auch um einen deutschen Namen. Fogarino berichtigt mich, es heiße "Heinrik Manöver".)
Aber Heinrich ist doch ein deutscher Name.
Oh natürlich! Entschuldige! Wie komme ich nur dazu, dich zu berichtigen? (lacht)
... meiner Meinung nach ist dieser Song der typischste Interpol-Song auf dem Album, und ich habe mich natürlich auch nach der Bedeutung dieses merkwürdigen Titels gefragt!
Ich habe keine Ahnung. Ich müsste es eigentlich wissen! Der ist einfach innerhalb der Band aufgekommen – innerhalb der Band, der Dynamik, der Albernheit … der ich normalerweise keine Aufmerksamkeit schenke (lacht).
Verstehe. Du bist ja auch nicht derjenige, der die Lyrics schreibt.
Nein, das macht nur Paul. Und man kann jemand anderem keine Worte in den Mund legen. Aber du hast eine wirklich gute Feststellung damit getroffen, diesen Song als typischsten Interpol-Song einzuordnen, denn es handelt sich dabei um den ersten Song, den wir für das neue Album geschrieben haben. Er ist also direkt aus der "Antics"-Phase hervorgegangen.
Nun zur letzten Frage. Abgesehen von einer Vielzahl an Gigs, die ihr in nächster Zeit, bis Ende des Jahres spielt ...
Und auch nächstes Jahr.
... abgesehen vom Touren, was sind eure Pläne für 2008?
Noch mehr Touren! Hoffentlich kehren wir ins Studio zurück. Ich kann nicht wirklich viel dazu sagen ... Ich persönlich arbeite mit einem Herrn namens Adam Franklin zusammen, der Mitglied bei Swervedriver war, und wir werden eine gemeinsame EP unter dem Namen Setting Suns herausbringen. Und dann werden Adam und ich voraussichtlich nächstes Jahr ein Album veröffentlichen. Es stehen also Live-Auftritte und Aufnahmen an.
Ich verstehe. Vielen Dank für das nette Interview.
(Gern hätte ich noch etwas weiter bezüglich Fogarinos Seitenprojekts nachgehakt, doch ich habe die 15 Minuten-Zeitgrenze schon recht überschritten und werde von der Plattenlabel-Dame noch einmal aufgefordert, das Gespräch nun zu beenden. Es stehen noch einige weitere Interviews an, und vor der Tür warten auch schon die nächsten Journalisten.
Hamburg, Köln und Berlin sind dieser Tage die Stationen von Interpol in Deutschland. Im Interview fragten wir die New Yorker vorab, wieso ihre Kompositionen einen derartigen Perfektionismus ausstrahlen, und wer die Damen sind, die sie besingen.
Die New Yorker sind absolute Perfektionisten. Und ihnen liegt alles daran, möglichst cool zu sein (was man in ihrem Fall ruhig wörtlich übersetzen darf). Ob Sänger Paul Banks diese Feststellungen bestätigt?
Als ihr angefangen habt, euer zweites Album "Antics" zu schreiben, gab es da etwas, das ihr ändern wolltet?
Paul: Nein, als Band gab es nichts, das wir anders machen wollten. Wir sprechen nie darüber, wie unsere Songs klingen sollen, bevor wir sie schreiben. Wir beginnen einfach mit dem Schreiben. Wenn wir einen Song wirklich beenden können, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er auch auf der Platte landet. Wir überlegen uns nie, dass ein Song in eine bestimmte Richtung gehen soll. Wir beginnen einfach, ihn zu schreiben. Wir sagen nie: Das klingt ja gar nicht nach uns, oh, das ist ja eine Veränderung. Solche Gespräche führen wir nicht. Es geht einfach nur darum, ob der Song gut ist. Und wenn wir alle was zum Schreiben des Songs beitragen können, dann bleiben wir dran, arbeiten weiter an dem Stück, und irgendwann ist es fertig.
Ich als Individuum wollte versuchen, auf dem zweiten Album ein bisschen melodischere Vocals zu schreiben. Jeder wollte für sich besser werden, in dem, was er in der Band tut. Aber als Gruppe hatten wir kein Konzept, dass wir nun anders klingen werden.
Du sagtest gerade, dass ihr an einem Song einfach so lange arbeitet, bis er gut ist. Ich denke, eure Musik ist schon sehr perfekt. War diese Perfektion von Beginn an ein Konzept der Band? Wie wichtig ist Perfektion für eure Songs?
Das ist einfach, was am Schluss raus kommt. Und: ich habe die Band nicht gegründet, ich war erst der dritte, der dazu gekommen ist. Jede Gruppe, die zusammen arbeitet, muss einen Weg finden, wie sie ihre Songs schreibt. Und wir haben eben unseren Weg, wie wir Songs schreiben und fertig stellen. Wir haben ein paar Jahre gebraucht, um herauszuarbeiten, wie wir zusammen arbeiten können. Ich bin kein virtuoser Gitarrist, ich beherrsche kein Instrument perfekt. Wenn ich schreibe, mache ich das gerne spontan. Wenn ich das dann mal performe, möchte ich das nicht mehr gerne ändern. Das ist der Grad an Beständigkeit, den ich mag. Carlos ist als Komponist sehr unnachgiebig.
Das Gefühl, dass alles sehr architektonisch, sehr strikt und genau ist ... dieser Perfektionismus, über den du sprichst: Nur so können wir vier auf einer gemeinsamen Basis spielen. Wenn ich immer wieder etwas ändern würde, würde Carl mich fragen: 'Warum musst du da immer noch dran rum machen?' Wir müssen einen gemeinsamen Nenner finden.
Ist Perfektion also nur Ausdruck eines Kompromisses?
Nein! Kein Kompromiss. Das ist einfach nur passiert. So können wir zusammen Songs schreiben. Wir haben eine gemeinsame Sprache entwickelt. Es gibt so viele verschiedene Inputs in einen Song, da ist es schwer, ihn zusammen zu halten, ihn nicht auseinanderbrechen zu lassen. Das ist etwas anders, als bei anderen Bands. Eine andere Band hat meist eine Person, die den Song schreibt, die Stücke der Band in einer rohen Version vorsetzt und die anderen folgen dann einer Entwicklung. Wir schreiben nicht so. Bei uns ist jedes Element zusammen geschrieben. Es ist schwer, Songs zu schreiben, wenn niemand sagt: 'Mach mal, ist schon Ok so'. Bei uns sagt jeder eher: 'Aber, aber, aber ... was ist mit dem und dem?'. Der einzige Weg, wie wir also Songs abschließen können, ist dieses System, das wir uns über die Jahre angeeignet haben. Deshalb klingt unsere Musik auch wie unsere Musik! Das ist der einzige Weg, wie wir zusammen arbeiten können.
Und dann schreibst du deine Lyrics. Ich finde, sie sind zum Teil ganz schön absurd. Wie kommst du auf die Idee, zum Beispiel über 'semi-erotic girls' zu schreiben?
Manche Mädchen sind eben semi-erotic. Das ist nicht absurd.
Ok, aber die Ideen für deine Lyrics müssen ja trotzdem irgendwo her kommen.
Ich weiß es nicht, sie kommen einfach. Manchmal habe ich einfach eine Idee, die dann die Basis für die Lyrics wird. Die Lyrics entstehen fast immer, nachdem die Musik geschrieben ist. Manchmal gibt mir so die Musik das Konzept. Ich merke ja, wie die Musik mich fühlen lässt. Und das diktiert die Stimmung. Die Ideen kommen aus verschiedenen Richtungen. Ich denke, es ist auch ein bisschen absurd, aber nicht in einer Art, dass sie bedeutungslos sind. Zumindest haben sie für mich eine Bedeutung. Vielleicht sind sie manchmal ein wenig surreal. Manchmal. Ich arbeite sehr hart an den Lyrics. Das ist nie aus dem Ärmel geschüttelt. Ich denke nie: Ach, das klingt lustig, das schreib ich. Es ist nie so einfach!
Ist es dir schon passiert, dass du die Lyrics geschrieben hast und dann dachtest: Das passt absolut nicht zur Musik, ich muss das ändern!
Nein! Ich habe Melodien geschrieben, die ich noch mal ändern musste, weil sie nicht passten. Aber Lyrics, nein! Die kriege ich immer gut hin.
Sind euch eure Songtitel wichtig? Immerhin nennet ihr den ersten Song auf eurem Debüt "Untitled".
Im Fall von "Untitled" hat der Song den Namen, weil wir diesen Song als Intro geschrieben hatten. Wir spielen ihn auf jedem Konzert als ersten Song. Das war noch, bevor wir überhaupt einen Vertrag hatten. Ungefähr zwei Jahre lang spielten wir den Song zu Beginn jeder Show. Wir haben ihn so geschrieben, dass die Leute, die uns vorher noch nicht gehört hatten einen Einstieg hatten. Wir wollten nicht gleich einen Rock-Song spielen. Die Idee war, eine stimmungsvollen Anfang zu haben. Also spielten wir immer diesen langen, chilligen Song. Das sollte die Leute darauf vorbereiten, was sie gleich passiert. Es ist also eine Einleitung. Aber "Intro" ist ein noch schlimmerer Titel, als "Untitled". Der einzige Grund, warum wir diesen Song also "Untitled" nannten, war, dass wir nicht wollten, dass er "Intro" heißt.
Aber es gibt auch andere Stücke, deren Namen nichts mit dem Song zu tun haben. Wie "Public Pervert" keinen Bezug zum Inhalt des Songs hat. Als Titel hat es eine Bedeutung für mich, es war ein Teil einer Zeile, die ich Jahre zuvor geschrieben hatte. Ich wollte sie auf diesem Album haben. Aber irgendwie mochte ich diese Zeile als Ganzes nicht mehr, nur noch diesen kleinen Ausdruck. Als wir begannen, "Public Pervert" zu schreiben habe ich ihn einfach immer so genannt. Aber als ich die Lyrics schrieb hatten sie absolut nichts mit dem Song zu tun. Der Titel erzählt dir in diesem Fall also absolut nichts darüber, worum es sich in dem Song dreht. Andere Titel dagegen signalisieren dir den Inhalt des Songs. Aber das ist ein Fall, in dem es wirklich einfach nur absurd ist.
In euren Songs kommen oft Frauennamen vor. Sind damit spezielle Mädchen gemeint?
Nein, das sind nie Mädels, die ich kenne. Das ist mehr so, dass ich Mädchennamen mag. Also ... Ja, nein, aber die handeln nie von jemandem, den ich wirklich kenne. Es geht mehr um die Idee von einem Mädchen.
Mit dem künstlerischen Aspekt des Interpol-Space, mit eurem Artwork und eurem eher strengen und dabei coolen Outfit auf der Bühne ist es wohl eure Absicht, das Gesamtbild, das die Fans von euch haben, nachhaltig zu beeinflussen. Ist es euch also sehr wichtig, auch ein stimmiges Bild von euch als Band außerhalb der Musik darzustellen?
Nein, für mich persönlich ist das nicht sehr wichtig. Ich liebe es nicht gerade, Interviews zu geben. Ich brauche mich nicht außerhalb unserer Musik darzustellen. Aber als Band gibt es zwangsläufig verschiedene Seiten, die man betrachtet. Da gibt es eine optische Seite und es gibt die Werbung und so weiter. Wir nehmen das sehr ernst. Und wir versuchen, das alles cool zu machen. Alles, was mit der Band zu tun hat nehmen wir auch von einem Design-Standpunkt aus sehr ernst. Es ist nicht so, dass wir die anderen Dinge - abseits der Musik - tun wollen. Aber sie müssen einfach passieren. Du musst halt auch mal irgendwo auftauchen, und du musst ein Design für deine CD finden, Merchandise und solchen Shit machen. Also versuchen wir es so darzustellen, dass das in unsere Design-Ästhetik hineinpasst.
Es ist also wichtig für euch, dass der Hörer euch als kohärent wahrnimmt ...
Paul fällt mir ins Wort: Es ist wichtig für mich, dass das alles cool ist. Wenn wir das jemand anders machen lassen würden, könnte es nicht cool werden, denke ich.
Geschafft! Paul scheint erleichtert, dass das Interview gekürzt wurde und er so schnell aus der Sache Raus ist. Er verabschiedet uns freundlich, aber bestimmt, während Bassist Carlos schon für das nächste Interview den Raum betritt.
Das Interview führten Vicky Butscher und Philipp Schiedel.
The Black EP (2003)
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