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Tatort Mythenbildung: Planoe. Ein winziges, verschlafenes Provinznest, irgendwo in Texas. Es ist eine dieser Hundert-Seelen-Gemeinden, in denen jeder jeden kennt und – mehr oder weniger – gottesfürchtig durchs Leben läuft. So kommt es, dass Neil Busch (ab 2004 durch Ex-The Rise Danny Wood ersetzt), Conrad Keely, Jason Reece und Kevin Allen sich quasi automatisch kennen lernen - die drei Ersteren durch Gottes Fügung in der Sonntagsschule.
Später stößt mit Doni Schroader (früher Forget Cassettes) ein zweiter fester Drummer zum Line-Up. Die Jungs wachsen nahe beieinander auf und teilen neben wohlbehüteten Verhältnissen auch ihre Interessen für Wissenschaft, Literatur und besonders ihre Liebe zum Gesang. So kommt es, dass sie in der Junior-Highschool flugs dem Kirchenchor beitreten und bei internationalen Gesangswettbewerben mitmachen und einige davon auch gewinnen.
Nachdem die Vier auf dem College zeitweise getrennte Wege gehen, treffen sie sich in Austin/Texas wieder, wo Neil die Universität besucht. Dort frönen sie erneut ihrer Liebe zum Gesang und treten eine Zeit lang zusammen bei Kirchenveranstaltungen als Gesangsquartett auf. Ebenfalls in Austin treffen sie den Produzenten Mike McCarthy, mit dem sie sich schnell anfreunden und der sie anspornt, ins Studio zu gehen und Musik aufzunehmen. Die Idee einer Band nimmt Gestalt an.
Zeitgleich widmen sie der Maya-Forschung einen Großteil ihrer Zeit. Sie untersuchen alte Schriften von unterschiedlichen Völkern, studieren Handlungsweisen und Rituale. Ihr Ziel: Die verschiedenen Kulturen durch ein gemeinsames Thema zu verbinden, somit also für die Menschheitsgeschichte das zu finden, was in der Physik die Einheitlichkeitstheorie darstellt.
Dabei stoßen sie auf den Satz "... And You Will Know Us By The Trail Of Dead", der in Schriften verschiedener Kulturen wiederholt auftritt. Diese Glyphe gibt den Ausschlag, ein Experiment zu starten: Sie wollen auf musikalischem Wege darstellen, was die Theorie der Einheitlichkeit der Kulturen aussagt, verschiedene musikalische Mittel sollen auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden.
Auf ihrer ersten US-Tour hinterlässt die Band eine Schneise der Verwüstung: Neben einer erstklassigen Live-Performance werden TOD im Zuge des selbstbetitelten Debüts (1998) vor allem dafür bekannt, ihr gesamtes Inventar während ihres Gigs zu verschrotten und in die Menge zu donnern, so dass jeder froh ist, wenn er ein Konzert lediglich mit ein paar Schrammen verlässt.
Von 2002 bis 2008 kommt man beim Label Interscope/Universal unter, bei dem bekanntlich auch Fred Durst die Fäden zieht, und veröffentlicht das dritte Album "Source Tags & Codes": Für die (Alternative-)Musikwelt ein derart vielseitiges und grandioses Hörerlebnis, dass sie sich vor Lob und Höchstwertungen nur so überschlägt (Interscope selbst spricht von einem "romantischen Post-Emocore-Kunstwerk"). Die Frage bleibt, ob das restliche Volk auch intellektuell folgen kann.
Denn Sänger und Zeichentalent Keely verfasst regelmäßig musikphilosophische Essays und ruft für interessierte Fans gar eine virtuelle Trail Of Dead-University aus. Ob es sich dabei um ein ernsthaftes didaktisches Anliegen handelt, bleibt unersichtlich. Schließlich sind die unberechenbaren Texaner, die eine Vorliebe für zerstörte Bühnen und Hotelzimmer hegen, dafür bekannt, sich bei Journalistenfragen zwischen Analyse, Wahrheit und absolutem Mumpiz einzupendeln.
Ein weitere, zunehmend poplastiges Werk erscheint ("Worlds Apart"), bis TOD mit dem fünften Album "So Divided", so will uns Keely jedenfalls Glauben machen, mit den Ammenmärchen früherer Tage brechen: "Diese Songs wollen das exakte Gegenteil - Sie wollen aufdecken, wollen offenbaren!" Aber wie wir alle wissen: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht...
Drei Jahre später verabschieden sich TOD von Interscope Records und veröffentlichen ihr sechstes Studioalbum "The Century Of Self" auf dem bandeigenen Label Richter Scale Records. Die Songs erinnern wieder vermehrt an den brachialen Sound der Anfagstage und bescheren der Band größtenteils euphorische Rezensionen.
"Tao Of The Dead" veröffentlichen die Texaner im Frühjahr 2011 via Superball Music, einer Company mit Sitz in Dortmund. Im Vergleich zum Vorgänger präsentiert sich "Tao Of The Dead" wieder wesentlich progressiver, ohne an Durchschlagskraft zu verlieren.
Die Verschnaufspausen werden erstaunlicherweise mit zunehmendem Alter immer kürzer: TOD überraschen ihre Anhängerschaft bereits im Jahr darauf mit einer weiteren Veröffentlichung. Neben Keely und Reece gehören mittlerweile Autry Fulbright II und Jamie Miller zum Line-Up.
Das in Hannover aufgenommene Album "Lost Songs" erscheint im Oktober 2012, den Track "Up To Infinity" widmen sie Pussy Riot. "Wir sind kreative Menschen, die relativ selten einem Zeitplan folgen. Wenn die Ideen kommen, dann muss man sich auch damit auseinandersetzen, auch wenn das letzte dicke Package vielleicht erst einige Monate auf dem Markt ist."
Conrad Keely über den Teufel namens Internet.
And You Will Know Us By The Trail Of Dead machen selten das, was man von ihnen erwartet. Während man im staubigen El Paso vor zwei Jahren zwirbelnden Krautrock aus dem Hut zauberte, haut man den Jüngern mit dem in Hannover (!) entstandenen aktuellen Werk uramerikanischen Schepper-Punk um die Ohren.
Ein schöner Nachmittag in Berlin: Conrad Keely lümmelt in einem gemütlichen Kreuzberger Straßencafé vor sich hin. Breit grinsend reicht mir der Sänger, Gitarrist und passionierte Zeichner die Hand und bittet an den Tisch. Kaum Platz genommen, beugt sich der Trail Of Dead-Frontmann auch schon herrüber und verkündet, was ihm zum perfekten Glück noch fehlt …
Conrad: Hi, ich bin Conrad. Wie heißt du?
Oh, ich heiße Kai.
Conrad: Cooler Name. Skandinavisch, oder?
Naja, ich glaube, eher friesischer Herkunft. Aber ganz sicher bin ich mir auch nicht. Ich weiß nur, dass es auf Hawaii eine Menge Kais gibt.
Conrad: Ah, ok. Anyway, sag mal hast du was zu rauchen dabei?
Ja, klar. (Ich reiche ihm ein gängiges Produkt der Tabakwaren-Industrie)
Conrad: Ich dachte eher an etwas anderes.
Oh, nein. Tut mir leid. Damit kann ich nicht dienen.
Conrad: Kein Problem. Die Sonne scheint, der Wein ist vorzüglich … you know? Außerdem lädt die Gegend hier zu solchen Gedanken förmlich ein. Ein wirklich schöner Fleck.
Schöner als Hannover?
Conrad: (lacht) Anders.
Warum gerade Hannover? Warum habt ihr euch für die Aufnahmen eures neuen Albums nicht für die gängigen Metropolen hierzulande wie München, Hamburg oder Berlin entschieden?
Conrad: Erst einmal finde ich es bemerkenswert, dass du mich nicht fragst, warum wir uns generell für Deutschland entschieden haben – das machen momentan nämlich die meisten Journalisten.
Die Leute sollten eigentlich wissen, dass die Produktion von David Bowie "Low" schon fast 40 Jahre zurückliegt. Seitdem ist hier viel passiert.
Conrad: Absolut. Deswegen war es für uns auch keine sonderlich spektakuläre Entscheidung. Dass es letztlich Hannover wurde, hatte keinen tieferen Hintergrund. Wir wollten einfach mal wieder raus aus unseren eigenen vier Wänden und irgendwann bot man uns halt das "Horus-Studio" als Option an.
Conrad: Ja, die letzte Scheibe hat schon viel Zeit in Anspruch genommen. Nichtsdestotrotz sind wir kreative Menschen, die relativ selten einem Zeitplan folgen. Wenn die Ideen kommen, dann muss man sich auch damit auseinandersetzen, auch wenn das letzte dicke Package vielleicht erst einige Monate auf dem Markt ist.
Wir sind nicht die Typen, die ein Album rausbringen, danach ein bisschen auf Tour gehen und dann die nächsten zwei Jahre damit verbringen die Kontoauszüge zu vergleichen. So sind wir nicht. Wir sind Musiker, Künstler, die sich jeden Tag mit neuen Visionen und Ideen beschäftigen. Diese dann umzusetzen und zu präsentieren dauert manchmal länger – manchmal gehts aber auch schneller. Diesmal hatten wir ziemlich rasch wieder Zugang zu neuem Material.
Wir sind auch keine Band, die ein Album ewig lang auf Tour ausschlachtet. Das würde irgendwann nicht nur unseren Fans auf den Sack gehen sondern auch uns. Außerdem zählen am Ende eh nur die Alben, verstehst du? Welche Band hat auch Generationen später noch Relevanz, nur weil sie ausufernd auf Tour war? Ich kenne keine, ehrlich gesagt.
Nun, ich glaube, ohne euch nahe treten zu wollen, dass es gerade in eurem Fall so einige Leute gibt, die sich in zehn oder zwanzig Jahren eher an eure Konzerte, als an eure Musik erinnern werden.
Conrad: Wegen der herumfliegenden Bühnenteile zum Ende einiger Shows? Das wäre wirklich schade, denn diese Leute hätten dann nichts verstanden.
Aber dafür haben sie eine Menge Rock'n'Roll-Utensilien in ihren Garagen zu stehen. Es soll Leute geben, denen ein zerbeultes Schlagzeug-Becken weitaus mehr bedeutet, als ein weiteres Album im CD-Schrank.
Conrad: Ja, das mag sein, aber im Grunde sammeln diese Menschen doch nur Schrott, denn wahrscheinlich haben diese Leute später, wenn ihre Enkel sie fragen, woher dieses oder jene Becken stammt, keine Antwort parat. Solche Menschen könnten sich demnach auch irgendein beliebiges Becken im Laden kaufen, es mit dem Hammer bearbeiten und sich dann darüber freuen (lacht).
Diese Aktionen von uns folgen keinem Schema. Wir setzen uns nicht vorher schon hin und überlegen, bei welcher Show wir was am Ende kaputt machen. Das sind einfach Momente, die nicht geplant sind. Es passiert einfach – oder eben nicht. Sie haben aber keinerlei tiefgründige Bedeutung. Im Gegensatz zur Musik.
Conrad: Wir haben uns im Vorfeld einfach mit komplett anderer Musik beschäftigt, als zu Zeiten von "Tao Of The Dead". In unseren Playern lief unheimlich viel dreckiges und schnelles Rockzeugs aus den Neunzigern – Musik, die unserer Meinung nach momentan einfach viel zu kurz kommt. Den ganzen progressiven Kram, mit dem wir uns vor den Aufnahmen von "Tao" beschäftigt haben, haben wir völlig außen vor gelassen. Ich finde aber dennoch, dass beide Alben durchaus kompatibel zueinander sind, auch wenn sich die Sounds ziemlich unterscheiden. Das war uns auch wichtig. Wir wollten die Leute nicht komplett vor den Kopf stoßen.
Apropos Leute: ihr habt euch, meiner Meinung nach, in der Vergangenheit noch nie so dermaßen transparent mit dem Verhalten einiger 'Gruppierungen' auseinandergesetzt, wie auf eurem neuen Album. Egal ob Hobbyfotografen, Kriegstreiber, korrupte Politiker oder komplette Generationen: Eure Worte richten sich an klare Adressen.
Conrad: Ich denke, dass wir auch schon in der Vergangenheit klar Stellung zu bestimmten Themen bezogen haben. Die Dinge laufen halt immer mehr aus dem Ruder. Und je mehr dich etwas mit der Zeit anpisst, desto schärfer schießt man halt zurück. Viele Dinge sind auch miteinander verwoben. Dass die Politik heutzutage so abgrundtief heuchlerisch und schmierig ist, hängt zum Beispiel auch mit dem Internet zusammen. Die Kids werden permanent abgelenkt. Egal ob Facebook, Youtube oder sonst irgendein Scheiß: Kaum jemand liest mehr Zeitung oder nimmt sich abends zehn Minuten Zeit für die Nachrichten. Das spielt so Leuten wie Rick Perry, einem ehemaligen texanischen Senator, über den wir uns in dem "Catatonic"-Video etwas lustig machen, natürlich schön in die Karten. Solche Leute freuen sich natürlich, wenn sie wissen, dass die Massen weggucken, weil sie den ganzen Tag mit anderen Dingen beschäftigt sind.
Ist der Titelsong "Lost Songs" auch ein versteckter rechter Haken in Richtung World Wide Web?
Conrad: Ja, schon, aber versteh mich nicht falsch: Das Internet bringt natürlich auch immens viele Vorteile mit sich. Ich will nicht alles verteufeln. Aber meiner Meinung nach leidet die Kultur – und hier insbesondere die Musik - mehr unter dem Banner der Digitalisierung, als dass sie durchs Internet etwas hinzugewinnt. Jeder, aber wirklich jeder hat heutzutage die Möglichkeit schneller im Internet einen Song zu veröffentlichen, als eine gestandene Band, die ihr ganzes Leben schon mit dem Kreieren von Musik beschäftigt ist.
Durch diese Masse an Songs herrscht ein absolutes Überangebot. Der Hörer wird seit einigen Jahren mit Musik regelrecht bombardiert. Aber keiner hat die Zeit und die Muße, sich irgendwo einen Filter einzubauen. Und so bekommen unheimlich viele qualitativ hochwertige Songs gar nicht erst die Möglichkeit gehört zu werden, weil sie in der Masse einfach untergehen.
Welchen Weg schlägst du vor?
Conrad: Oh, ich habe mittlerweile meine eigenen Quellen, um an vernünftige neue Musik zu gelangen (lacht).
Führe uns auf den richtigen Weg, bitte!
Conrad: (lacht) Es ist eigentlich ganz einfach. Der Schlüssel heißt: Kommunikation. Ich rede lieber mit Leuten über Musik, anstatt zu versuchen im digitalen WWW-Dschungel die Nadel im Heuhaufen zu finden. Ich quetsche mein näheres Umfeld aus und besorge mir auf diesem Weg die nötigen Informationen, um an gehaltvolle neue Bands oder Künstler zu gelangen. Ziemlich simpel, oder?
Ja, irgendwie schon. Und so unspektakulär.
Conrad: (lacht) Es gibt Dinge im Leben, für die braucht man kein Login.
Conrad Keely holt uns raus aus der Mainstream-Hölle.
Auf der amerikanischen Homepage von And You Will Know Us By The Trail Of Dead gibt es zwei Sorten von Nachrichten: "Real News" und "Fake News" über eine angebliche Ehrenprofessur für Schlagzeuger Jason Reece und ihre Weigerung, in Australien aufzutreten. Ähnlich verhält es sich, wenn man sich mit Sänger Conrad Keely über das neue, sechste Studioalbum "The Century Of Self" austauscht.
Auf der einen Seite gibt Keely - derzeit auf ausgedehnter Tournee an der Westküste der USA - im Mailinterview den beflissenen Künstler mit Anliegen. Einige kratzbürstige bis spinnerte Kommentare kann er sich, angesprochen auf den Wechsel vom Major zurück zum Indielabel und sein Verhältnis zu Jason Reece, dann doch nicht verkneifen. Doch gerade für diese Attitüde hat man die vormals als komplett wahnsinnig eingestufte Noiserock-Band aus Texas schließlich auch kennen und lieben gelernt.
Conrad, in Deutschland seid nicht nur für die Alben "Source Tags & Codes" und "Worlds Apart" berühmt, sondern auch für wahnwitzige Liveshows. Ihr demoliert nicht selten das komplette Instrumentarium. Nun sind Trail Of Dead gerade in den USA auf Tour – kommen solche Krawallaktionen eigentlich noch vor?
Naja, wir werden älter und sind nicht mehr Mitte zwanzig wie damals, als wir die Band gegründet haben. Wir fühlen uns mittlerweile eher wie schrumpelige Sechzigjährige. Allzu viele jugendliche Anfälle von Emotionen sind uns also nicht mehr gegeben. Wobei ich bei dem Konzert gestern auf den Verstärker gesprungen bin – jetzt ist er kaputt.
Überhaupt ist die öffentliche Wahrnehmung von Conrad Keely und Jason Reece eine andere geworden. Anfangs wart ihr dank eigenem Zutun für viele Musikfans einfach nur nihilistische Krawallbrüder. Nachdem ihr euch mit "Worlds Apart" ein stückweit neu erfunden habt, sieht man dich mittlerweile als genialen und kunstbeflissenen Songschreiber. Schmeichelt dir das?
Ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken, wie meine Außenwirkung ist. Für mich fühlt es sich an, als gäbe es bei mir immer noch jede Menge Raum für eine Weiterentwicklung. Ich habe noch nicht einmal die Hälfte der Dinge geschafft, die ich im Leben vorhabe. Anstatt sich also von Schmeichelei oder Kritik ablenken zu lassen, sollte man lieber der ganz persönlichen Sinnsuche Sinn nachgehen, auch wenn man dabei mit seinen Leistungen nie ganz zufrieden sein kann.
Du hast einmal gesagt, die Alben "Worlds Apart" und "So Divided" seien eine unmittelbare Antwort auf die schlechte Pop- und Rockmusik der Gegenwart. Im Gegensatz dazu soll sich "The Century Of Self" explizit auf eurer Meinung nach gute und innovative Musik beziehen. Du hast in diesem Zusammenhang Bands wie Yeasayer, Dirty Projectors oder School Of Seven Bells erwähnt. Ist dieser Einfluss in irgendeiner Form bezifferbar oder ist dieses Statement mehr ein Selbstschutz: weniger Hass, mehr positive Gedanken?
Wenn ich unser Album höre, kann ich den Einfluss der erwähnten Bands schon hören, nur dürfte er für jeden außer mir, dem Songschreiber, zu subtil sein. Musik ist wie Kunst oder das Leben selbst ein zyklischer Prozess. Es gibt Perioden großer Innovationen und Rohrkrepierer-Phasen, in denen nur kommerzieller Schund entsteht. Das Aufkommen neuer technischer Ausdrucksformen in der Musik hilft uns sicherlich aus der Mainstream-Hölle und gibt den freigeistigen Songschreibern dieser Bands eine ganz neue Ausdrucksstärke. Wenn ich spekulieren müsste, würde ich sagen, dass hängt auch ein stückweit mit einem neuem Verständnis für politisches Engagement und ökologische Nachhaltigkeit zusammen. Solange der Humor dabei nicht zu kurz kommt, ist alles in Ordnung.
Na klar, aber ich nenne keine Namen. Aber selbst solche Musik ist Kunst, eben weil sie eine emotionale Reaktion hervorruft. Und Wut ist beim Hören immer noch besser als Gleichgültigkeit. Immerhin zeigt es, dass einem nicht alles egal ist.
Warum war es euch wichtig, im Vorfeld öffentlich klarzustellen, dass "The Century Of Self" nicht mehr von einem Majorlabel veröffentlicht wird, sondern auf dem eigenen Label Richter Scale Records (in Deutschland: Superball), und ihr deshalb keine Erwartungen zu erfüllen hattet?
Möge die Macht des Kommerzes mit euch sein. Wo hab ich das denn erzählt?
Du hast auch gesagt, dass man von Trail Of Dead bloß keine Radiosongs mehr erwarten brauche. Ist das ein Bekenntnis zum Album als künstlerischem Format?
Eigentlich denke ich, dass jeder unserer Songs im Radio gespielt werden sollte. Und jeder sollte am besten auf Platz eins landen.
Welche Schlüsse ziehst du aus euren Majorjahren? Ist künstlerische Freiheit das höchste Gut des Künstlers und letztlich sogar noch wichtiger als kommerzieller Erfolg? Ist künstlerische Freiheit wirklich ein höheres Gut? Übersteigt dieser Begriff nicht den Anspruch an Kunst, die letztlich doch nur der Kommunikation dient? Ich jedenfalls glaube nicht an Kunst um der Kunst willen. Vielmehr ist Kunst doch eine Möglichkeit, einem höheren Bewusstsein näherzukommen. Kunst mit einem Selbstzweck zeugt doch nur von Selbstgefälligkeit und Poserei. Wenn man aber kommerziellen Erfolg dazu nutzen kann, große Ideen untere die Leute zu bringen, dann überschreitet man sowohl die Kurzsichtigkeit der Kunst als auch die der Musikindustrie.
Kann man vom Titel "The Century Of Self" bei dir auf eine Wiederentdeckung der eigenen Biografie schließen? Auch einige Stücke wie "Pictures Of An Only Child" deuten starke autobiografische Züge an.
Nein, als autobiografisches Werk sollte man "Century Of Self" nicht lesen. Drei Songs haben tatsächlich persönliche Bezüge, aber insgesamt liegen die Themen des Albums in den Grauzonen zwischen Fantasy und Soziologie.
Sind Freuds Arbeiten vielleicht auch der Schlüssel zu deinen zum Teil sehr persönlichen Lyrics?
Ich habe nie Freuds Theorien benutzt, um über meine eigene Psyche zu spekulieren. Aber ich habe sie durchaus herangezogen, wenn ich über die Natur unserer Spezies nachgedacht habe. Nicht die Frage "Welche unterschwelligen Gefühle haben mich dazu gebracht, dieses oder jenes zu tun?", sondern die Frage "Warum tun wir Menschen uns und der Welt dieses oder jenes an?" habe ich mir gestellt.
Lass uns mal zur Musik selbst kommen. Ich bin unheimlich fasziniert von dieser peitschenden Prog-/Metal-Gitarre in "Isis Unveiled". Wie kommt man bitte auf so etwas?
Geschrieben wurde diese Melodie auf dem Klavier. Ein Freund kam vorbei und ich spielte ihm Dreiklänge über vier Oktaven vor. Das Endresultat stand nach wenigen Minuten und wir mussten lachen, weil es so nach Satire klang.
Der Text des Songs enthält zahlreiche archaische Metaphern, die offensichtlich aus der Bibel stammen. Ist das Alte Testament eine Inspirationsquelle für dich?
Eigentlich ist der Song mehr von Phillip Pulmans "His Dark Materials"-Trilogie beeinflusst. Die handelt von Kriegen, die wütende und unvollendete Gottheiten in einer himmlischen Arena ausfechten. Einer dieser Götter ist in Anlehnung an das Alte Testament konzipiert, aber gleichzeitig nur ein Diener noch größerer, göttlicher Wesen.
Hat das auf dem Album sehr präsente Klavier mehr Einfluss auf das Songwriting genommen?
Das Piano war immer wichtiger Teil bei Songwriting-Prozessen. Es gab bei Trail Of Dead nie "Pianosongs" oder "Gitarrensongs". Beide Instrumente sind für mich kompositorische Werkzeuge. Das einzige was zählt, ist das Endprodukt.
Wie muss man sich die Zusammenarbeit und die Verteilung von Verantwortlichkeiten zwischen dir und Jason Reece – dem zweiten Kopf hinter Trail Of Dead – mittlerweile vorstellen? Hat sich da etwas in den letzten Jahren verändert?
Jetzt, wo Jason verheiratet ist, verbringt er mehr Zeit damit, Songs zu schreiben, anstatt Party zu machen. Also kann er den ganzen Kram übernehmen, während ich Geld verzocke, zu Pferderennen gehe und mir Faustkämpfe liefere.
Zurück zum Start: Das Tolle an Trail Of Dead-Konzerten in den letzten Jahren war stets, dass man in den ersten Reihen immer Angst um Kopf und Kragen haben musste. Müssen wir uns noch vor euch fürchten, wenn ihr im April und Mai in Deutschland auf Tour seid?
Das solltet ihr lieber. Schließlich haben wir vor, euch euer Land zu stehlen und eure Menschen in winzige Reservate umzusiedeln.
The Century Of Self (2009)
So Divided (2006)
Madonna (2000), ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead (1998)
| Mi | 31.07.2013 | And You Will Know Us By The Trail of Dead Konstanz (Kulturladen) | |
| Fr | 02.08.2013 | And You Will Know Us By The Trail of Dead Visions Party (Dortmund) | |
| Do | 08.08.2013 | And You Will Know Us By The Trail of Dead Wiesbaden (Schlachthof) | |
| Fr | 09.08.2013 | And You Will Know Us By The Trail of Dead Taubertal Festival (Rothenburg) | |
| Sa | 10.08.2013 | And You Will Know Us By The Trail of Dead Schorndorf (Manufaktur) | |
| So | 11.08.2013 | And You Will Know Us By The Trail of Dead Open Flair (Eschwege) |
17,99 €
17,99 €
12,99 €
17,99 €
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Anspieltipps? Jensemann |
16 |
13.11.10, 16:42 JACK VALENTINE |
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Interview & Konzertmitschnitt online! IchKuhlDuNix |
1 |
26.06.09, 10:53 IchKuhlDuNix |
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Trail Of Dead Anonymous |
33 |
25.01.08, 20:12 vive_le_rock |
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Neues Album? purty |
18 |
12.11.06, 10:58 Kempa1893 |
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Trail of Dead beim DOUR! annik |
1 |
27.06.06, 13:21 annik |
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