laut.de-Kritik

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.

Review von

Mythen, Märchen, Malefiz. Immer dann, wenn musische Mediokrität wieder einmal den Maßstab mimt, schlüpfen die Lügenbarone aus Texas in ihre barocken Kostüme, tragen die Fantasy-Kanone auf die Turmspitze und schicken uns Bonbonladungen von Nonsens-Geschichten in den grauen Alltag. Stets erfrischend zu beobachten, wie das Quintett hämisch grinsend überall kalauernde Falltüren einbaut.

Da werden Bandbiografien ziemlich frei wiedergegeben, gewalttätige Anti-Jason-Reece-Clubs erfunden und, mittlerweile legendär, Hotelzimmerverwüstungen auf ahnungslose Deutschpop-Gruppen abgewälzt. Hier in der Trail Of Deadschen Trutzburg jongliert man mit Klischees und schafft augenzwinkernd bedeutsame Rockmusik, die auch nach fast 60 Lenzen Genregeschichte noch Spaß macht wie beim ersten Mal.

Der fünfte Streich aus dem Hause Keely/Reece kommt nun schneller als erwartet. Für gewöhnlich sägen, schrauben, schweißen die ausgemachten Freunde soundtechnologischer Finessen ausgiebig an ihren Stücken, bevor die Freigabe erfolgt. Diesmal hat es nur knackige 22 Monate gedauert. Eine EP sollte "So Divided" eigentlich werden, ein weiteres Epos ist es geworden.

Und wie gewohnt sind uns Trail Of Dead gleich einige Häuserblocks voraus. Den entwicklungstechnischen Riesensatz in Popgefilde vollzog zwar schon "Worlds Apart", der Kurs in Richtung Zugänglichkeit bleibt heuer unverändert. Auch dieser so weltumspannende Pomp, die sieben Himmel voller Geigen, Trommeln und Hörner, das positive Pathos geschichteter (Sp)Urgewalt fehlen nicht.

Der neuerliche Wandel liegt in den Stimmungen. Mit deutlich weniger Schalk im Nacken als sein Vorgänger bedient "So Divided" andere, dunklere Emotionen. Ferne Glockentürme ertönen zu Beginn, die Gitarre klimpert ein schüchternes "Tender" auf einem Marktplatz voller schwatzender Menschen, deren Aufmerksamkeitsdefizit dann plötzlich in euphorischen Beifall umschwenkt.

Zunächst wird die angehäufte Seelenlast gleichwohl konsequent unter einen ausladenden Rockteppich gekehrt, in der Pose der Unverwundbarkeit kraftvoll gegroovt, während aufwühlende Uptempo-Percussion zumindest zaghaft andeutet, dass Keely hier nicht von eitel Sonnenschein singt, sondern Orientierungslosigkeit und Sinnkrisen in die Kathedrale hinein beichtet.

Doch dann fällt der Vorhang und legt einen Scherbenhaufen frei. Alte Freunde sind zu Fremden geworden, Heimweh zerreißt auf Tour fast das Herz. There's no home nowhere. Mit warmen Timbre leckt das wunderbar sentimentale Guided By Voices-Cover offene Wunden, bevor eine Gitarrenlawine ganz Sonic Youth-like anrollt - wiederum gejagt von zwei zerstörungswütigen Drumsets, die der Frustration Luft machen.

"Life" hat etwas von einer flirrenden Phantom Der Oper-Aufführung, bei der John Congleton anhand morbider Geräuschkulissen das Drama paraphrasiert. "Eight Days Of Hell" setzt der letztjährigen Beatles-Anwandlung "All White" das unverschämte, nichtsdestotrotz zuckersüße Sahnehäubchen auf. Dazwischen tänzeln düstere Schatten vor ungekannt intimen Selbstportraits.

Bei "Witch's Web" entsteht gar der Eindruck, Gaststimme Amanda Palmer müsste einem vom Leben erschöpften Keely stützend unter die Arme greifen, bevor der tiefschwarze Fiebertraum "Sunken Dreams" allen Schmerz endgültig verschlingt. Trail Of Deads Nummer fünf sei das erste aufrichtige Album, verkündet der Pressetext. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Heißt es. Keine Regel ohne Ausnahme.

Trackliste

  1. 1. Intro: A Song Of Fire And Wine
  2. 2. Stand In Silence
  3. 3. Wasted State Of Mind
  4. 4. Naked Sun
  5. 5. Gold Heart Mountain Top Queen Directory
  6. 6. So Divided
  7. 7. Life
  8. 8. Eight Days Of Hell
  9. 9. Witch's Web
  10. 10. Segue: Sunken Dreams
  11. 11. Sunken Dreams
  12. 12. Witch's Web (Original Version)

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