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Aus Ingolstadt kommen nicht nur Autos, auch musikalisch hat die Stadt in Bayern seit Mitte der 90er eine Band, die langsam zum Aushängeschild wird: Slut.
1995 gründeten Christian (Gesang und Gitarre) und Matthias Neuburger (Schlagzeug), Rainer Schaller (Gitarre) und Gerd Rosenacker (Bass) Slut und unterschrieben einige Monate später beim Independent-Label "Stickman-Records".
Mario Thaler nimmt mit ihnen in den Uphon-Studios in Weilheim ihr Debüt auf, was der Platte deutlich anzuhören ist. "For Exercise And Amusement" hat streckenweise sehr viel von der Notwist'schen Melancholie.
Mit der Platte geht es auf Tour, Slut erspielen sich einen kleinen, aber feinen Fankreis. 1997 mieten sie sich ein Schloss in der Nähe von Ingolstadt und richten dort ein Studio ein, um ungestört aufnehmen zu können.
Zu den Mitbewohnern gehören auch Pelzig, die andere Band von René Arbeithuber, der mittlerweile die Keys bei Slut drückt und Rainer. "Interference" entsteht 1998, und durch die neue Umgebung kann an den Songs ruhiger und sorgfältiger gearbeitet werden.
Als in 2000 Hans-Christian Schmidts Film "Crazy" in die Kinos kommt, steuern Slut zwei Songs zum Soundtrack bei. Mit "Welcome" verschaffen sie sich endlich mehr Gehör. Der Stil ihrer Musik verändert sich, mehr und mehr poppig wird der Sound, jedoch ohne Anbiederung an einen Mainstream.
Im März 2001 ist es dann soweit, Sluts Majordebüt bei EMI/Virgin erscheint: "Lookbook". Vorab gibt's die Ohrwurm-Single "It Was Easier", die auf sämtlichen Kanälen Heavy Rotation erfährt.
Mit dem neuen Album tourt die Band ausgiebig durch die Republik und nimmt im Sommer 2001 selbstredend auch die Festivalsaison mit. Mit ihrem zweiten Major-Album "Nothing Will Go Wrong" kehren sie nach der EP "Teardrops" wieder zu ihrem ganz eigenen Sound zurück.
Die rauen, gitarrenlastigen Songs klingen nicht mehr nach Schülerband, statt dessen herrschen Experimentierfreudigkeit und Ausgefeiltheit und Melodien, die runtergehen wie heiße Schokolade an einem Wintertag.
Das Animationsvideo zur Single "Time Is Not A Remedy" lassen Slut von einer französischen Künstlergruppe drehen, die schon für Console ("14 Zero Zero"), Tocotronic ("Freiburg V 3.0") und Notwist ("Pick Up The Phone") gearbeitet hat.
Sie bekommt lediglich die Vorgabe, Poster und Platten von Slut und Pelzig ins Video zu integrieren. Das tut sie dann auch, zusammen mit Scheiben von u.a. Depeche Mode und den Rolling Stones.
Mit "All We Need Is Silence" melden sich Slut im Herbst 2004 zurück und beweisen, dass sie mittlerweile einen festen Platz im deutschen Alternative-Bereich inne haben. Das Album wirkt noch reifer und anspruchsvoller als seine Vorgänger.
2005 ereilt die Band der Ruf des Theaters in Ingolstadt. Der Auftrag lautet, die musikalische Gestaltung der Dreigroschenoper zu übernehmen. Die Aufführungen sind ein durschlagender Erfolg, so dass sich die Band entschließt, die Songs auf einem kompletten Album zu veröffentlichen.
Als die fertigen CDs schon im Lager auf ihre Auslieferung warten, kommt überraschend ein Einwand der Kurt Weill Foundation aus New York, die den Musikern verbietet, ein Album mit Weill-Songs zu veröffentlichen.
Lediglich fünf Stücke finden die Gnade der Weill-Erben. So erscheint "Die Kleine Dreigroschenoper" im Sommer 2006. Gut ein Jahr später erfolgt die Rückkehr zum Pop: Das Album "StillNo1" wird in Berlin Kreuzberg im Studio Wong aufgenommen.
Es erscheint Ende Januar 2008 und wirft den Minimalismus des Vorgängers leichter Hand über Bord. Slut zeigen sich auf diesem Tonträger ungebremst innovativ, die Rückkehr zum Pop ist ihnen gelungen.
Von der Dreigroschenoper zurück zur Popkultur.
Chris Neuburger und Gerd Rosenacker von Slut sprechen über das neue Album, Probleme mit den Erben von Kurt Weill und ihren Exotenstatus in Ingolstadt.
Manchmal ist man einfach zu blöd. Eine Stunde vor dem verabredeten Termin während der Popkomm im September stehe ich vor der verschlossenen Tür des Studio Wong in Berlin-Kreuzberg und wundere mich, wo die anderen bleiben. Ein paar Telefonate später befinde ich mich auf dem Weg in ein Café, in dem Chris Neuburger und Gerd Rosenacker von Slut gerade mit Produzent Oliver Zülch und Chris' Schwester frühstücken. Ich komme gerade rechtzeitig dort an, um auch noch etwas zum Essen zu bestellen.
So entsteht ganz unverhofft eine entspannte Gesprächsatmosphäre mit anschließendem Spaziergang am Landwehrkanal und dem eigentlich angedachten Studiobesuch. Sänger Chris übernimmt während des Interviews den Großteil des Redens.
Ihr nehmt Euer neues Album in Berlin auf. Wie lange seid Ihr jetzt schon hier?
Chris: Angefangen haben wir glaube ich am 29. Juli, dann zwei Wochen, dann waren drei Wochen Pause, und jetzt wieder seit 10. September. Also, insgesamt werden es wohl fünf Wochen werden, hier in Berlin. Dann wahrscheinlich noch in Ingolstadt, Reste aufnehmen. Dann mischen, wahrscheinlich wieder in Berlin.
Wie werdet Ihr in Ingolstadt wahrgenommen? Seid Ihr da die local Halbgötter?
C: Ja, zumindest sind wir die einzigen, die einen etwas anderen Lebensentwurf nicht nur dozieren, sondern auch praktizieren. In Ingolstadt läuft alles relativ geradlinig. Du machst Abitur, gehst weg zum Studieren, kommst zurück, wirst entweder Anwalt oder Arzt oder Apotheker oder Audianer.
Kommen die Leute tatsächlich zurück?
C: Ja! Da ist von der Wiege bis zur Bahre eigentlich alles vorgezeichnet. Wir sind glaub ich so die einzigen Ausbrecher. Dabei hilft uns natürlich die Musik. Insofern haben wir schon einen gewissen Exotenstatus. Wir sind bunte Vögel.
Wird das denn positiv gewertet?
C: Sie sind schon stolz, ja.
Erkennt man Euch in Ingolstadt, wenn Ihr rausgeht?
C: Ja, das schon. Wir sind ja alle Nase lang in der Zeitung. Sommer-, Winter-, Herbstlöcher, alle werden mit uns gestopft. Es arbeiten mittlerweile viele Freunde bei dieser Zeitung. Die klingeln halt immer durch, wenn sie nix haben.
Gerd: Du darfst das aber auch immer nachkorrigieren.
C: Ja, ich genieße das Privileg, dass ich mir diese Artikel zusenden lasse und sie korrigiere. Also, ich bin der Lektor.
Und was geht mit der neuen Platte?
C: Sie ist jetzt ungefähr zur Hälfte fertig. Es wird schon was anderes, das zeichnet sich schon ab. Den Minimalismus der letzten Platte haben wir schnell und gerne über Bord geworfen.
Was heißt gerne? Wart Ihr damit nicht zufrieden?
C: Doch, aber wir wollten uns dadurch nicht beschränken lassen. Uns selbst limitieren. Das war damals okay, aber ein zweites Mal muss so was nicht sein. Wir haben viel mehr Instrumente im Proberaum und im Studio rumstehen als bisher. Dazu kommt, dass wir ja auch durch die harte Schule der "Dreigroschenoper" gegangen sind. Die Theaterbranche hat uns ganz anders Geartetes abverlangt. Wir hatten ja auch mit Tobias Levin aufgenommen, waren also in der klassischen Hamburger Schule. Und das hat auf jeden Fall spuren hinterlassen, ich denke, die sind hörbar.
Wie hat sich das Arbeiten an der "Dreigroschenoper" ausgewirkt?
C: Wir sind da wesentlich unbefangener vorgegangen, weil es erstmal nicht unser eigenes Gedankengut war. Weil wir eine stimmige Interpretation abliefern mussten, das war die eigentliche Aufgabe. Die Vorlage hat uns gezwungen, Sachen zu machen, die wir sonst nicht machen. Ganz komische Harmonien und Arrangements. Sprünge, Wechsel. Die Stimme da oben, dann auf einmal wieder da unten, manchmal gesprochen. Das war schon sehr anders. Und wir haben da viel mitgenommen, weil es uns sichtlich Freude gemacht hat und unseren Horizont erweitert hat. Die Platte würde nicht so klingen, wenn wir das nicht gemacht hätten.
Ihr habt jetzt also weniger Schranken im Kopf?
C: Ja. Die Freude war dann natürlich groß, als diese Dreigroschenkiste vorbei war und es hieß: "Jetzt wieder eigene Lieder machen!" Die Motivation war höher denn je. Es hat allerdings eine Weile gedauert, bis ein wirklich neuartiges Lied entstanden ist. Aber dann gings los.
Hat man das gemerkt, dass die "Dreigroschenoper" noch nachgehallt hat?
C: Du verfällst so schnell in alte Schemen. Also, in die alten Slutschemen. Und dann hat jeder mal einfach ein anderes Instrument genommen und hat anders begonnen. Da waren auf einmal viel mehr Sachen möglich. Und so gings dann weiter.
Seid Ihr jetzt alle Multiinstrumentalisten?
C: Also, es steht rum: ein Akkordeon, Tasteninstrumente sowieso ziemlich viele, perkussive Instrumente ... Da reichen unsere Kenntnisse einigermaßen aus, die bedienen zu können. Nach all den Jahren.
Ich kann das nicht einschätzen, ich habe nie ein Instrument gespielt.
C: Teile von uns auch nicht. Oder das falsche. Aber das ist gar nicht schlimm. Unser Keyboarder ist gelernter Schlagzeuger, unser Sänger und Gitarrist ist gelernter Klavierspieler. Aber das behindert nichts.
Wie weit seid Ihr jetzt mit der Platte?
C: Wir sind mitten in der Gitarrenarbeit.
Ihr nehmt die Instrumente getrennt auf?
C: Wir haben das in Hamburg mit Tobias Levin und Olaf O.P.A.L. versucht. Und mit Oliver ... als Engineer. Gewonnen hat der Engineer. Nach einer Woche war klar, dass es nicht möglich war, mit zwei so großen Egos unter einem Dach eine Platte aufzunehmen.
Die waren zu einschränkend?
C: Das nicht, aber sie waren zu sehr mit sich selbst und mit ihrer Rolle in diesem Aufnahmeprozess beschäftigt. Und sie hatten auch noch unterschiedliche Auffassungen von der Musik, die da gerade entsteht.
Der eine wollte es live aufnehmen, der andere nicht.
C: Wir haben dann zwei Lieder komplett live aufgenommen, bis auf den Gesang, waren aber mit dem Resultat nicht glücklich. Und jetzt ist es schön und gut. Auch wenn man es wieder nacheinander aufnimmt. Aber das ist nicht schlimm.
Aber die ursprünglichen Songs sind schon bestehen geblieben?
C: Ja.
C: Vielleicht übertreibe ich auch. (lacht) Ne, das ist schon anders. Es ist wieder wesentlich opulenter. Die letzte war ja wirklich spartanisch. Zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug. Keine Flächen, sehr trocken. Jetzt ist alles räumlich, groß, und was auch neu hinzugekommen ist: das Tongeschlecht Dur hat oftmals den Mollakkord abgelöst. Aber nicht offensichtlich und ohne Ansage! Wir konnten dennoch eine gewisse Grundmelancholie beihalten. Ohne die geht es nicht. Man hört eine Art Aufbruchstimmung.
Wieso geht es nicht ohne Melancholie?
C: Dann würde es uns nicht mehr gefallen. Wenn das zu hupfig ist, wird es uninteressant. Dann wird es beliebig, belanglos. Und dann verabschieden wir uns recht schnell von einem solchen Thema. Wenn es keinen Tiefgang oder keine Zweideutigkeit in sich birgt ist es uninteressant. Dann springt es uns nicht an.
Wie sieht das weitere Vorgehen aus? Macht Ihr die reguläre Promomasche mit? Wie sehr hat man als Musiker Bock auf sowas?
C: Bei mir gehts so. Schlimm sind halt so Radiointerviews mit Interviewern, die ganz komische Sachen wissen wollen. Und man weiß gar nicht, warum das in diesem Zusammenhang gefragt wird. Weil es nix mit uns, nix mit der Musik, nix mit dem Thema zu tun hat. Das kommt ab und an vor, aber es wird besser.
Wenn Ihr die Platte fertig habt, schließt Ihr dann auch ab mit ihr?
C: Ja, das ist schon so.
G: Eine Zeitlang schon, aber es dauert ja in der Regel nicht lang, dann gehen die Proben für die ersten Konzerte los. Spätestens dann geht es wieder, sich damit auseinander zu setzen. Eine kurze Pause danach, ein paar Wochen, das tut schon gut.
C: Du kannst dann ja eh nix mehr machen. Irgendwann kommt der Punkt, da erklärt man eine Platte für beendet.
Ist es schwierig, an diesen Punkt zu kommen? Euer Sound klingt ja doch immer sehr perfekt.
C: Das wissen darum, dass es unendlich viele Möglichkeiten gegeben hätte, ein Lied noch zu verändern, beschäftigt einen noch eine Zeit lang. Aber am meisten, dann wenn man mittendrin ist. Danach sagt einem der gesunde Menschenverstand: "Jetzt gehts eh nimmer". Aber wenn man einen gewissen Zeitraum hat, in dem man sich bewegen kann, dann ist es eher beflügelnd. Diesen Gedanken zu hegen: "Mensch, das könnte jetzt noch so einen Haken schlagen, wir könnten jetzt noch das dahinter schicken." Erst gestern abend saßen wir zusammen und haben über ein Lied diskutiert, das noch völlig fragwürdig ist, weil es nicht auf die Platte passt. Es ist laut, mit Ballerschlagzeug, schnell, eher so tanzig und monoton. Eher so ein Track. Und wir wissen, dass es nicht funktioniert. Da kam gestern der Vorschlag: "Wir machen nur den Gesang und staffieren das Lied dann mit ganz leisen Mitteln aus." Also, komplett das Gegenteil. Das ist jetzt noch möglich. Wir werden noch öfter an den Punkt kommen, wo wir abends in der Wirtschaft diskutieren, was wir einem Lied Gutes tun können. Da entstehen manchmal die besten Rezepte, wie man eines Lieds Herr wird.
Sind das Dinge, die nur die Kernband betrifft, oder sitzt Ihr da im größeren Rahmen zusammen?
C: Wir fünf und Olli. Das ist schon ein fester Programmpunkt, jeden zweiten Tag.
Wie sehr hat es Euch damals gewurmt, dass Ihr nicht alle Songs von der Dreigroschenoper verwerten durftet?
C: Wir mussten damit rechnen. Es gab im Vorfeld schon Gerüchte, Andeutungen, dass es eventuell nicht klappen kann. Wir wollten den Schleichweg nehmen und alle Instanzen einfach umgehen. In der Hoffnung, dass es niemand merken würde. Das war zwar etwas naiv gedacht, aber andere haben es auch schon geschafft. Dominique Horwitz, der Schauspieler, darf jedwedes Lied aus dieser Oper live spielen, darf bei der Deutschen Grammophon eine Platte nach der anderen veröffentlichen. Ich weiß nicht, wie das gelaufen ist bei ihm. Wenn Du fragst, kommst Du nicht durch.
Weil die Erben drauf sitzen?
C: So schauts aus. Das sind aber wohl nicht die Brechts, das sind die Weills. Die Weills in Amerika sind die Bösen. Bei uns ist es halt schief gelaufen. Wir haben uns fünf Tage geärgert, dann wars vorbei. Da könnte man wieder den Gassenhauer "Der Weg war das Ziel" anbringen. Wir haben viel gelernt, und die Lieder sind ja nicht weg. In 14 Jahren machen wir einen Bomben-Release. (lacht)
Ist es schwierig, wenn man Hochkultur gemacht hat, und dann zu etwas zurückkommt, was doch im weitesten Sinne Popkultur ist?
C: Wir haben uns von diesem Wort "Hochkultur" nicht ins Bockshorn jagen oder beeindrucken lassen. Wir sind ins Theater eingefallen wie die Hunnen. Und dass man da vor anders geartetem Publikum spielt, war uns auch herzlich egal.
Gab es da Vorbehalte?
C: Von Theaterseite nicht, da wurden wir stets unterstützt. Weil es dem Regisseur und Intendanten nicht extrem genug sein konnte. Der Provokateur in der Kleinstadt, das ist so sein Metier. Er denkt heute noch, dass er da missionieren muss. Da kamen wir halt zu Pass. Und wir haben ordentlich gelärmt im Theatersaal. Zur Freude vieler, zur Verstörung mancher.
Habt Ihr die Verstörung mitbekommen?
C: So direkt nicht, aber im Foyer wurde immer schon mal hinter vorgehaltener Hand diskutiert.
G: Außerdem hat man das gesehen, wenn hin und wieder nach der Pause die eine oder andere Sitzreihe leer war.
C: Die Graue Panther-Fraktion ist dann nach Hause gegangen.
G: Da hatten wir genügend Zeit, ins Publikum zu schauen.
C: Das einzige, was anders war, war die Rezeption unserer Musik. Weil plötzlich Arte, WDR und Deutschlandradio Kultur auf der Matte standen. Sobald Du dieses Fass Brecht / Weill / "Dreigroschenoper" angestochen hast, kommen die Herrschaften.
Wäre es Euch wichtig, dass die gleichen jetzt zurückkommen?
C: Es wird sich zeigen, ob sie das tun. Ich hätte nichts dagegen, auch da vorzukommen. Vielleicht ist uns ja mit der "Dreigroschenoper" dieser Brückenschlag gelungen und lässt sich fortsetzen.
C: Nein. Das kann man nicht. Das hängt natürlich nicht nur von der Musik ab, der Erfolg, sondern auch davon, wie es präsentiert wird. Oder platziert wird. Da kann unsereins nur bedingt mitreden und Vorschläge machen. Wir müssen uns um die Musik kümmern. Wenn die fruchtet und Funken sprüht, dann ist es okay. Dass man da so eine Kalkulation anstellt, wo wollen wir hin mit der Platte, was kann die, das liegt nicht in unseren Hand.
Aber man bekommt schon ein Gefühl im Studio, ob etwas funktioniert?
C: Ja, es gibt schon ein Grundgefühl, das sich einstellt. Und das ist immer ein gutes, von allen getragenes. Und das war das letzte Mal der Fall bei der "Nothing Will Go Wrong", bei dieser vorletzten. Da dachte auch jeder: "Passt, passt, passt!" Keinerlei Einwände, wenig Kritikpunkte. Jedem hat jedes Lied gefallen. Bei den anderen Alben war es immer etwas zerrissener. Jetzt herrscht ganz große Einigkeit. Eitel Sonnenschein. Jeder denkt sich: "Spitze! So hätte ich es auch gemacht." Gott sei Dank. Der Zusammenhalt ist auch noch nie so groß gewesen. Das liegt vielleicht daran, dass wir jetzt auch schon zehn Jahre miteinander zu tun haben. Das schweißt zusammen, in guten wie in schlechten Tagen.
Es ist ja schon auffällig, dass Ihr eine Band seid, die von den Kritikern immer positiv gesehen wird, kommerziell aber hinter anderen deutschen Acts zurückbleibt. Beschäftigt Ihr Euch mit sowas?
C: Nein, weil man sich in den seltensten Fällen mit anderen deutschen Künstlern vergleichen kann. Weil man weiß, worauf deren kommerzieller Erfolg fußt. All die Sachen, die Erfolg bringen, die mag ich nicht haben. Die mag ich nicht machen müssen. Punkt. Wenn man alles vertreten kann, was man macht, dann fühlen wir uns wohl. Wenn wir irgendwas machen würden, was eine Bresche schlagen könnte, was überall funktioniert, wenn man so einen common ground eröffnen würde, dann würden sich uns allen die Nackenhaare aufstellen.
Wenn so was passiert, würdet Ihr dann auch gegensteuern?
C: Nicht gegensteuern. Man macht es einfach anders. Man geht nicht dagegen, man geht drum rum. Ganz selten kommts vor, dass man mal in die Richtung geht. Dass ich mich mal mit den Burschen hinsetze und ihnen ein Lied auf der Gitarre vorspiele und sie sagen: "Schöner Hit. Welthit. Aber kein Bock!" Und ich denke dann auch genauso. Man könnte vieles offensichtlicher machen. Hittiger, glatter, massentauglicher. Aber das steht uns meistens auch nicht. Es wäre echt zu einfach.
Wann kommt die Platte?
C: Ende Januar, 31. glaub ich.
Und wird "Say Yes To Everything" heißen?
C: Nein, die heißt jetzt "Still No.1". Weil ein Lied so heißt, das namensgebend für die ganze Platte sein könnte. Gestern waren wir noch bei 15 Liedern, dann werdens aus Zeitgründen 14, aus Gründen der Machbarkeit vielleicht dreizehn. Zwölf sind Untergrenze, haben wir uns vorgenommen. Bei den letzten Alben haben wir immer nur mit zehn aufwarten können. Da kann man doch mal ... Es ist einfach viel entstanden diesmal. Es ist nur die Frage, ob es Sinn macht, dass es auf die Platte kommt, oder nicht.
Oliver, haben die Jungs irgendwelche bemerkenswerte Macken im Studio?
Oliver: Aber hallo. Äh, jetzt muss ich schnell mal was erfinden ... Warte mal. Absurde Macken ... Schwierige Frage. Ne, eigentlich nicht, es ist sehr harmonisch gerade. Eine Superatmosphäre.
C: Eine Mischung aus harmonisch und autistisch.
Die ganze Zeit über oder jetzt erst auf der Hälfte?
C: Das Autistische stellt sich immer ein, wenn man über einen längeren Zeitraum das gleiche macht. Seit der Erfindung des Laptops und des schnurlosen Internets ... Manchmal passierts, dass man zwei Meter voneinander entfernt hockt und sich eine E-Mail schickt.
O: Das war echt ne Macke. Am ersten Tag saß die gesamte Band am Couchtisch und alle hatten einen Laptop aufm Schoß. Das war ein absurdes Bild.
Dieses absurde Bild sehe ich einige Minuten später dann noch selbst. Ein kurzer Fußweg führt zum Studio, wo ich mich vom vielfältigen Equipment beeindrucken lasse und einen neuen Song mitanhöre, an dem die Band mit Produzent Oliver gerade feilt. Wer nix zu tun hat, lässt sich vom Laptop-Akku die Knie wärmen. - Als Vorabsingle zum Album erscheint am 01.12. die Single "Wednesday".
Spätestens seit dem großartigen "Lookbook"-Album sind Slut die Lieblings-Newcomer der LAUT-Redaktion. Anlässlich ihres Tourauftaktes in Konstanz fragten wir die Ingolstädter Band nach ihren Erfahrungen in den berühmten Abbey-Road Studios, dem überraschenden Support von Robbie Williams und dem Preis des Ruhmes.
Gibt es schon einen Plan für eine neue Single?
Es gibt bereits die neue Radiosingle "Andy" und als Single mit Video ist auch schon was angedacht: das wird wahrscheinlich "No Time".
Wie kam es zu der Idee des Andy?
Das kam schon relativ früh. Wir haben einfach mehrere Kunstfiguren erfunden, denen wir unsere Lieder in den Mund hätten legen können. Das eigentliche Thema der Platte sind ja Identitätsgeschichten. Deshalb hat es da nicht nur eine Figur gegeben, sondern im Sinne einer gesunden Schizophrenie mehrere. Es hat sich dann aber doch auf eine reduziert, das war wohl einfach eine Maßnahme, um unsere ursprüngliche Idee und das, was wir eigentlich machen wollten, nämlich ein Buch, zu unterstützen. Wir wollten eigentlich vor eineinhalb Jahren ein Buch machen, dann ist es darauf hinaus gelaufen, dass das kein Roman wird, sondern ein Schaubuch, ein Lookbook, das wie ein Tagebuch aus aneinander gereihten Informationen besteht. Keine abgeschlossene Handlung, kein Anfang, kein Ende. Da haben wir uns gedacht, wenn wir so verschiedene Episoden in Form von Liedern haben, dann müssten wir ja eigentlich auch einen Autor haben, der das alles schreibt. Und vielleicht müssen das ja gar nicht wir sein, sondern eine Person, die uns fünf alle ganz gut repräsentiert und in der wir uns auch wiederfinden. Deshalb haben wir diesen einen Andy kreiert, als Protagonisten von dem Film, den es nicht gibt oder als Autor von dem Buch, das es nicht gibt.
Wie kommt man als Musiker darauf, ein Buch schreiben zu wollen?
Weil wir, glaube ich, gar keine so richtigen Musiker sind. Wir haben alle vorher was anderes gemacht, auch parallel. Wir haben zu viele Interessen, um ausschließlich Musik zu machen. Es hat sich auch angeboten, ich mache die Texte, einer von uns studiert Grafikdesign und hat das Ganze gelayoutet, das geht alles Hand in Hand und auch fächerübergreifend, nicht nur Musik, auch ein bisschen schreiben, ein bisschen zeichnen.
Gibt es für die Figur des "Andy" ein reelles Vorbild?
Ein wirkliches Vorbild gibt es nicht, das soll uns fünf widerspiegeln, fünf in einer Person.
Fünf in einer Person?
Man kennt sich ja untereinander. Dieser Andy ist ja ein Mensch, der so seine Probleme hat, das ist auch das, worum sich die Texte der Platte drehen. Das ist eine Bestandsaufnahme eines jungen Mannes, der eine Identitätskrise hat. Das hat jeder, auch jeder von uns, und da wir uns kennen und uns fast täglich sehen, hat wirklich jeder zur Formung der Figur Andy beigetragen. Am allermeisten der Chris, da er alle Texte schreibt, der Sänger, mein Bruder. Aber jeder von uns kommt in dieser Figur vor. Aber es gibt ihn nicht als reale Person, es ist keiner von uns.
Und was läuft im Tourbus, wer setzt sich da mit seinen musikalischen Vorlieben durch?
Inzwischen ist das so, dass jeder seinen Diskman oder Walkman dabei hat, früher war das immer Wahnsinn. Aber heute haben wir alle Hörspiele gehört.
Oh, und was?
Thomas Mann, der Zauberberg. Ich bin wunderbar eingeschlafen dabei. (lacht)
Gibt es einen musikalischer Nenner auf den ihr euch alle einigen könnt?
Es ist schon sehr unterschiedlich. Was wir gerne hören, wenn wir vorne was rein tun, wo wirklich keiner mault, ist Jazz. Das ist nicht anstrengend.
Draußen läuft Notwist, ist das Zufall? Ich hab mir damals eure erste CD angehört und dachte, prima, ihr klingt wie Notwist - gekauft. Jetzt habt ihr euch aber ganz schön verändert und mit dem letzten Album einen großen Schritt in Richtung Eigenständigkeit gemacht.
Das war für uns auch ein ziemlich wichtiger Schritt. Es kann schon sein, wir haben Notwist früher sehr gerne gemocht...
...ihr produziert auch mit Mario Thaler...
...ja, die Infrastruktur war einfach sehr ähnlich, die Möglichkeiten. Die Musik läuft jetzt glaub ich da draußen, weil unser Mischer auch der Notwist-Mischer ist, eine weitere Überschneidung (lacht).
Auch wenn ihr das wahrscheinlich schon tausend Mal erzählt habt, wie kam der Kontakt zu den Abbey-Road Studios zustande?
Das war Marios Idee. Mario meinte halt, in Deutschland mastern ist nicht so toll, und wenn, dann will er gleich was richtig Gutes. Also hat er bei Abbey-Road angerufen und dann haben wir auch prompt einen Termin bekommen und es hat alles gepasst im Zeitplan.
Musstet ihr da große Geschichten erfinden, um eure Plattenfirma zu überzeugen, euch nach London zu fliegen?
Nein, komischerweise nicht. Als der Vorschlag kam, haben die sofort gesagt, wenn ihr das wollt, dann ist das okay.
Hört sich sehr locker an.
Die sind auch sehr locker, muss man schon sagen. Sind sehr zufrieden mit Virgin.
Als ihr dort wart, hieß es dann "okay, zwei Wochen habt ihr hier Zeit"?
Nein, es ging ja nur ums Mastern. Also die Platte war fertig gemischt und fürs Mastern haben wir für die 15 Stücke zwei Tage veranschlagt, das ist eine ganz realistische Zeit gewesen. Haben letztendlich nur einen gebraucht, wir hatten da den absoluten Checker, der dort schon 32 Jahre arbeitet, der hat bei der letzten Beatles-Platte auch schon mitgewirkt. Chris Blair heißt er und dem haben wir ungefähr erklärt, wie wir den Sound haben wollen und er hat das sofort verstanden. Bei jedem Lied, das er da eingelegt hat, hat es eineinhalb Minuten gedauert oder so - und wir saßen da und dachten: ja, genau! (lacht) So soll es sein.
Der ist fest angestellter Produzent bei Abbey-Road?
Das ist der Mastering-Chef. Der hat auch ziemlich gute Referenzen. Die Beatles eben wie gesagt, von Radiohead hat er alle Platten gemacht, von Sting hat er die letzte gemacht. Das waren alles Dinge, die uns bewogen haben, dahin zu gehen. Und deshalb hat er auch nur einen Tag gebraucht, am nächsten haben wir uns London angeschaut, das war auch sehr gut.
Also nach zwei Tagen wieder zurück?
Ja. Waren ja bloß er und sein Bruder da, London ist ja sehr teuer. (lacht) Dass wir da alle mitfahren, das konnten wir uns nicht leisten.
Ist das ein großer Schritt, plötzlich in so einem Weltklasse-Studio zu arbeiten?
Für mich war es ein ganz besonderer Schritt, weil ich seit zwei Jahren meine ganz persönliche Beatlemania durchlebe und insofern war das natürlich echt der Hammer, für mich war es gigantisch. Wir haben dann noch eine Führung bekommen, durch das Studio, waren auch im Studio 2, in dem die Beatles alles aufgenommen haben. Da ist alles noch unverändert seit der Zeit, das war schon toll. Aber grundsätzlich kann jede Band da zum Mastern hingehen, da muss man keinen Namen haben, da geht es um Geld, wenn man das zahlt dann kriegt man den Job erledigt. Das ist nichts für Privilegierte oder so.
Als der ominöse Anruf vor dem Robbie Williams Konzert kam, musstet ihr die ganze Mannschaft ja erst zusammen trommeln. Könnt ihr das noch mal kurz erzählen?
Am Vorabend waren alle fünf in alle Winde verstreut und unser Busfahrer, der Nick, der hatte eine Band aus Nürnberg nach München gekarrt. Der Rainer hat erst mal abgesagt, ohne Bus das ganze Equipment in Autos zu fahren, das geht nicht. Nachdem ich mit Rainer und Holger, unserem Mischer noch mal darüber geredet hatte, dachten wir, eigentlich sind wir ja echt total bescheuert. Dann hat unser Manager angerufen und hat gesagt, ihr fahrt da jetzt hin, das war echt ein Befehl. Dann haben wir auch schon angefangen, das Zeug zu packen. Nick hat das Zeug von der anderen Band rausgeladen, unseres eingeladen, dann das von den anderen wieder rein und dann sind wir nach München gedüst, alle anderen im Auto. Ich war bei Nick im Bus und 20 km vor München war schon Stau. Während der Soundcheckzeit standen wir also im Stau und haben eine nach der anderen geraucht. Als wir dann bei der Olympiahalle ankamen, war unser Soundcheck schon eine halbe Stunde vorbei, also wir hatten überhaupt keinen Soundcheck, schnell rein, das Zeug aufgebaut, und schon standen wir auf der Bühne.
Wie lange hattet ihr nicht geprobt zu dem Zeitpunkt?
Bestimmt ein paar Wochen, drei oder vier. Aber es hat alles super funktioniert. Alle Geräte, keine Seite gerissen, wir haben keine Fehler gespielt. Haben 40 Minuten Zeit zu spielen gehabt, das Publikum war auch super dankbar, ist ja auch gefährlich, wenn die auf Robbie Williams warten und die Vorband war eigentlich Toploader, wir waren ja nicht angekündigt. Da gab es dann auch viele, die im Publikum standen und meinten, "was, 'It was easier' ist auch von Toploader?" oder sich gedacht haben, "warum spielen die ihren größten Hit nicht, 'Dancing in the moonlight'?" Aber das war echt super.
Wart ihr denn noch lang genug im Backstage, um ein Feedback zu bekommen?
Was das Publikum angeht, da hat die Reaktion, die wir in der Halle gehört haben, für sich gesprochen, aber auch die Leute hinter der Bühne, die uns als Ersatz für Toploader vorgeschlagen hatten, haben dann auch gemeint, dass das eine sehr gute Idee war. Vom Feedback her war es echt ganz hervorragend. Hätten wir nicht gedacht.
Wie ist das dann eigentlich, der Bühnengraben ist fünf Meter breit und man sieht nur die Gesichter von der ersten Reihe?
Ja, anfangs war so, die ersten zwei Lieder hab ich sowieso nicht ins Publikum geschaut, das ging gar nicht, und dann dachte ich so, na ja, da kommt ja was rüber.
Wie viele Zuschauer waren es denn?
Als wir angefangen haben, waren es etwa 5000, dann hat es sich gefüllt, und als wir fertig waren, war es voll, 10 000 Leute. Und dann beim dritten oder vierten Lied siehst du plötzlich, wie die Feuerzeuge angehen und dann siehst du erst mal die Ausmaße von dem Teil. Nur noch Gänsehaut, uua, geil. Das ist schon echt super.
Wie ist es, wenn du ausgehst und da läuft dann was von euch, du hörst deine Stimme?
Ich geh ja nicht so oft in Diskos, aber bei uns gibt es eine, die ist ganz lustig und da spielen sie uns auch rauf und runter. Das Gute ist, dort ist es relativ dunkel und die Tanzfläche wird von Säulen eingefasst, hinter denen man sich hervorragend verstecken kann. (lacht)
Wirst du dort erkannt?
Ein Mal wollte ich in die Disko rein und hatte die Jacke aus dem Video an und alle Finger zeigten auf mich. Das war echt komisch, ich bin dann gleich wieder gegangen. Das ist schon nett, ehrt einen ja auch furchtbar, aber anfänglich ist es schon ein komisches Gefühl. Dann wollen alle Leute, zumindest die Mutigen, noch was sagen zu einem. Das ist schon nett, was sie sagen, das geht dann vom Hundersten ins Tausendste und jeder braucht eine dreiviertel Stunde. Dann sag ich halt "Oh..."
"...mein Bus."
Ja, genau (lacht).
Das Interview führten Vicky Butscher, Michael Schuh und Stefan Friedrich.
Interference (1998), For Exercise And Amusement (1996)
Offiziell: Tourdaten, Gästebuch und Merchandise in neuem Layout. In english now! Maintenant en francais!
http://www.slut-music.com
Erste Fanpage, in geschmackvollem "Slut-Design". Mittlerweile historisch.
http://slut.curiosity.de
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