laut.de-Kritik

Das Gegenteil von Pop von der Stange.

Review von

Man lege "Trying To Be Cool" ein: Mutmaßungen über Ängste der vier Franzosen, am eigenen Grammy-Album zu scheitern, stellen wohl nur Musikkritiker an. Sollte dieser Track unter Leistungsdruck entstanden sein, könnten Phoenix bedenkenlos Psychotherapie anbieten.

"Die Jungs von Phoenix trinken immer noch vor allem Coca-Cola", behauptete Hellmuth Karasek, der Onkel von Sänger Thomas Mars zu "Wolfgang Amadeus Phoenix"-Zeiten im Rolling Stone. Vielleicht half das ja, in der Spur zu bleiben: "Bankrupt!" wurde ein super Album. Einfach so, wie die vier anderen Phoenix-Platten auch.

Trotzdem schaut man diesmal gespannter hin, schnappten Phoenix 2009 schließlich Kalibern wie Depeche Mode besagten Grammy fürs Best Alternative Music Album weg. Hört man jetzt "WAP" und "Bankrupt!" am Stück, scheint der Unterschied gar nicht mal so groß: Die 80er sind allgegenwärtig ("The Real Thing" oder "Don't"), und der coole Philippe Zdar half wieder bei der Produktion. Doch Phoenix vermeiden es, ihr Grammy-Album zu kopieren. Stattdessen gehen sie die Sache etwas extremer, auch detailreicher an.

Man vergleiche nur zwei Singles der beiden Alben: "Lisztomania", ein geschmeidig aufgeräumter Track, der sogar Indiehörer erreichte, die Phoenix bislang nicht im Sack hatten. Der "Bankrupt!"-Vorbote "Entertainment" kommt dagegen mit überlauten Keyboards und einem gefühlt sich ewig hinziehenden Bridge/Refrain-Part - im Kern dasselbe Soundmodell, aber andere Ausführung.

Auffällig bleibt der hohe Synthieanteil, für eine Band mit zwei Gitarristen durchaus bemerkenswert. Kein Wunder also, dass Basser Deck D'Arcy und Gitarrist Laurent Brancowitz live öfter Tasten statt Saiten bedienen. Mars' teils mit deutlich Hall belegte Stimme steht dazu nicht so stark im Vordergrund, eher wurde sie wie ein Instrument unter anderen behandelt und bekommt zeitweise weniger Raum. Natürlich klopft Karaseks Neffe trotzdem die gewohnt unspektakulär eingängigen Hooks raus.

Etwa beim bereits erwähnten "Trying To Be Cool": flockige Synthieflötenhook, ein funky straightes Basement im Midtempo mit tanzbarem Elektrobass, coole Gitarrenchords, hie und da ein Extrasynthie und Zeilen wie "I'm just trying to be cool / It's all because of you" - so einfach und gut können die Dinge manchmal klingen. Dabei spielt es keine große Rolle, was Thomas konkret textet - solange er den tendenziell melancholischen Grundton beibehält.

Jenes Retro-Future-Sounddesign transportiert auch das perfekt inszenierte "Drakkar Noir" - inszeniert, wohlgemerkt. Nicht verkopft. Dann perlt diese potenzielle Single auch noch in "Chloroform" über, den Kopfnicker der Platte: fast schon brachial gesetzte Synthiebässe und Keys sowie eine tiefe Snare, die klingt, als würde eine Vinylsingle auf 33 RPM abgespielt.

Wer nachhören will, weshalb bei coolen Bands weniger die Gesangsartistik der Frontleute zählt, sondern deren Stimmtimbre und die Funtionalität ihrer Hooks, der höre sich diese Nummer an. Französische Elektronik plus Alternativepop - beide Nummern im Doppelpack: unbezahlbar.

"Bankrupt!" liefert diese Kombi in unterschiedlichen Varianten: Der Titeltrack macht das über weite Strecken instrumentale Pendant zu "Love Like A Sunset Part 1"/"Love Like A Sunset Part 2" (2009). "Bourgeois" ist dank des Refrains der Feuerzeugtrack der Scheibe.

Den gewohnten Mix aus Euphorie und Melancholie - Tendenz Stadiongeste - kennzeichnen "Don't", das überdrehte "S.O.S. In Bel Air" oder auch die Tanznummer "Oblique City". Im Detail offenbart letzterer Song ähnlich wie "Drakkar Noir" eine erstaunlich musikalische Drumprogrammierung, was die Dynamik der Hi-Hats angeht, den Einsatz von Toms, Bassdrum oder Snare - jeder Schlag sitzt und unterstützt das Arrangement. Gleichwohl sind die "Bankrupt!"-Drums mit weniger Wumms ausgestattet als der Vorgänger.

Mal enden die Songs abrupt, mal werden sie ausgeblendet, dann tröpfeln sie aus oder greifen gegen Schluss noch neue Harmonien auf - insgesamt das Gegenteil von Pop von der Stange und eben nicht vorhersehbar: Der Grammy passt zu Phoenix. Dass die Platte mit dem im Internet ersteigerten Original-"Thriller"-Mischpult produziert wurde, oder Phoenix sie "MCA" widmen, sind da nur noch willkommene Fußnoten.

Trackliste

  1. 1. Entertainment
  2. 2. The Real Thing
  3. 3. S.O.S. In Bel Air
  4. 4. Trying To Be Cool
  5. 5. Bankrupt!
  6. 6. Drakkar Noir
  7. 7. Chloroform
  8. 8. Don't
  9. 9. Bourgeois
  10. 10. Oblique City

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4 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Die vorhergehenden Alben fand ich besser, allerdings ist Bankrupt trotzdem fett !

  • Vor einem Jahr

    Finds nach dem ersten Durchhören ebenfalls genial. Album enttäuscht definitiv nicht!

    Highlight auch der Song "Bankrupt". Die Jungs sind auf der guten Seite ;)

  • Vor einem Jahr

    Gefällt mich sehr gut bisher, auch wenns schon ziemlich anders klingt als auf den vorherigen Alben, aber der Trend hin zu mehr Synthies war ja schon auf dem letzen Album zu erkennen.

  • Vor einem Jahr

    Am Anfang war ich etwas enttäuscht, vor allem wegen dem übermäßigen Synthie-Einsatz, der soundmäßig teilweise alles andere verschluckt, und den Songs irgendwie ein bisschen die Leichtigkeit nimmt. Außerdem nicht so offensichtliche geile Hits dabei wie auf "Wolfgang...". Das Ding ist aber viel mehr ein Grower als sein Vorgänger und inzwischen bin ich echt warm mit ihm geworden. Hinter der dicken Soundwand verbirgt sich dann halt doch das von Phoenix gewohnte tolle Songwriting. Mein Highlight ist Bourgeois, allgemein legt die zweite Albumhälfte nochmal eine kleine Schippe drauf. 7/10 gibts von mir insgesamt. Vielleicht belassen sie es nächstes Mal wieder bei einem betont schlichten und eher analogen Sound, was ja zum Beispiel bei "It's never been like that" erst so geil gemacht hat.