laut.de-Kritik

Gangster, Gewinner, Verlierer, Pimps, der Wu spricht zu allen.

Review von

"You know what I wanna hear right? / Whatchu wanna hear? / I wanna hear that Wu-Tang joint / Wu-Tang again? / Ahh yeah, again and again!" (Intro zu "Protect Ya Neck").

Immer und immer wieder, Rap auf Repeat, Lyricism auf Endlos-Loop. Wild, grimey, rough rugged and raw schnitten zwischen 1993 und 1998 neun Shaolin-Styler aus Staten Island eine breite Schneise durch den Hip Hop-Shit wie Michi gegen die Gesellschaft und holten mal eben den Championgürtel im Vorbeigehen nach New York zurück. "They had a hell of a run", gestand selbst der göttliche Konkurrent Jay-Z in "A Star Is Born" 2009 ein.

Jener Run begann im November 1993 mit dem von Obermönch und Produzent RZA im wahrhaft untergrundigen Keller geschmiedeten Wu-Tang-Schwert "Enter The 36 Chambers". Auf tonnenschwer-aggressiven Beats, hypnotischen Soul-Loops und eingestreuten Kung-Fu-Sounds schwangen neben dem RZA noch die Clansmänner U-God, Method Man, Raekwon, Ghostface Killah, Ol' Dirty Bastard, GZA, Masta Killa und Inspectah Deck ihre Säbel-Skillz, getreu dem Schlachtruf, dem gebrüllten Live-Monster "Wu-Tang Clan Ain't Nuthin Ta Fuck Wit."

Doch warum rissen gerade diese Jungs, riss gerade dieses Album alles ein? Pumpten die Hip Hop-Headz trotz Pop-Rap und Puffy-Glamour Anfang/Mitte der 90er nicht lyrischen Boom Bap und cruisenden G-Funk ohne Ende? Gab es von Gang Starr bis EPMD oder dem Death Row-Roster nicht reichhaltige Skillz en Masse? Die Antwort findet sich vielleicht in einer "Nordisch by Nature"-Zeile der Fetten Brote: "Da is für jeden wat dabi wat i spel".

Rakim'sche Battle-Lyric trifft auf 5% Brand Nubian-Philosophie. Slick Rick'sches Straßen-Storytelling auf Hardcore-Rap à la Onyx, Chuck D, KRS-One, Ice Cube und Eazy E vereint als homogene Run DMC-Truppe. Und über allem thront eine 2Pac'sche Fuck the World-Attitüde angereichert mit einer großen Portion Humor und cineastischer Übertreibung. Wir ficken alle, egal ob Wack MCs, den Papst, Labels, Gangstas, FBI oder deine Mudda.

"Yo, I'm more rugged than slaveman boots / New recruits, I'm fuckin' up MC troops / I break loops, and trample shit, while I stomp!"

Die Drums des Openers "Bring Da Ruckus" walzen bereits tonnenschwer durch die Boxen, dröhnen aber trotzdem wie eine Tonne leer, als ob ein Peter Steele im Hinterhof höchstpersönlich auf die Mülleimer hauen würde. Ein Beastie Boys/Mobb Deep-Mash-Up-Monster. Darüber grollen, schreien und spitten die Wu'ler Battle Rap at its best. Allen voran der Genius aka GZA, der den lyrischen Mörderreimen eines Rakim auch später noch mit seinem Soloklassiker "Liquid Swords" am nähesten kommt.

"I let it out like diarrhea / Got burnt once, but that was only gonorrhea"

RZA kreiert für die vulgar-polternden Phantasien von Weirdo Ol' Dirty Bastard (R.I.P.) auf dem pumpenden Kopfnicker-Tune "Shame On A Nigga" aus Thelonious Monk und Sly Johnson-Samples kleine, hypnotische Piano-Loops und damit genau den punktgenau passenden, uringetränkten Beat-Teppich für Big Baby Jesus. Wie einflussreich der Hofnarr im Shaolin Tempel war, beweisen die durchaus als Reminiszenz durchgehenden Reime vom bekennenden Wu-Fan Lil Wayne auf seinem "Gonorrhea"-Track.

"Wu-Tang Killa Beez, we on a swarm / Wu-Tang Killa Beez, we on a swarm"

"Clan In Da Front" funktioniert zwar live vor allem dank des mitreißenden Refrains, interessanter ist jedoch rückblickend die erste Erwähnung der Killa Beez. Wie viele Killerbienen zu Hochzeiten durch das Wuniversum schwirrten, ist schwer zu errechnen - die Demonstration der Macht, diese familiäre, fast gangartige Bande machte jedoch gerade für die Halbstarken viel von der Faszination aus.

Im richtigen Leben war diese Stärke ein Segen, Probleme in ihrer Homebase Staten Island oder mit anderen Rappern wie 50 Cent konnten daher meist sogar ohne extreme Gewalteskalation beendet werden. Auf der Fluchseite verwässerten die Kolonien von talentierten (Killah Priest, Killarmy) und untalentierten (Northstar, Popa Wu) Rappern jedoch unterm Wu-Symbol den eigenen Brand.

"Not knowin, exactly what lied ahead / My little brother, my mother sent him out for bread / Get the Wonder, it's a hot day in the summer / Didn't expect, to come across, a crazy gunner."

Nicht jeder erreicht halt die lyrische Intensität eines richtigen Storytellers wie der RZA und Ghostface auf dem traurig-deepen "Tearz". Der Track läuft dank der vielen Aufs Maul-Banger immer ein wenig unter Fernöstlicher Liefen, erzählt aber bildgewaltig die Story, wie die B-Boys in den Projects chillen und mit früheren Ballereien prahlen, als der kleine Bruder vom RZA erschossen wird.

Und hier sind sie wieder, das Ying und das Yang, die zwei Seiten der Medaille, die Wu-Tang immer beide gleichberechtigt beleuchtete und zum Teil auch lebte. Kein erhobener Zeigefinger eines KRS-One oder Chuck D, aber eben auch keine ignorante Lobpreisung des Gangster-Lifestyles à la 50 Cent oder Gucci Mane. Gewalt war unsere Lösung, aber wir sind nicht stolz drauf.

"Dedicated to the winners and the losers / Dedicated to all jeeps and land cruisers / Dedicated to the Y's, 850-I's / Dedicated to niggas who do drive-bys / Dedicated to the Lexus and the Ax / Dedicated to MPV's phat!"

Der Refrain von der entspannten Ghetto-Ballade "Can It Be All So Simple" führt ganz BWL-like die Bandbreite der Zielgruppe vor Augen. Gangster, Gewinner, Verlierer, Pimps, der Wu spricht zu allen und darf fragen "Can It Be All So Simple", denn er ist einer von ihnen.

Den Song selbst dominiert das abwechselnde, immer leicht zynisch-ironische, straßengeteerte Storytelling von Rae und Ghost, das der Gemeinde noch Klassiker wie "Only Built For Cuban Linx" und "Ironman" bescherte. Auch hier findet Hova auf "Back In The Day" mit Missy Elliott die richtigen Worte: "Me and Missy be the new Tag Team 'Whoomp! There It Is' We like, Rae & Ghost ..."

"I got beef wit commercial-ass niggaz with gold teeth / lampin in a Lexus eatin beef / Straight up and down don't even bother / I got fourty niggaz up in here now, who kill niggaz fathers."

Dass der Rae das auch ganz gut alleine kann, die Gangster-Rolle einnimmt und nicht umsonst der anerkannteste Emcee im Clan ist, zeigt sich schon auf dem wieder einmal extrem trocken-treibenden "Da Mystery of Chessboxin'". Street-Slang ("lampin" = chillin'), Wut auf verwässerten Weichei-Sound und Tough Talk, der Chief checkts halt.

"Leave it up to me while I be living proof / To kick the truth to the young black youth / But shorty's running wild smokin sess drinkin beer / And ain't trying to hear what I'm kickin in his ear."

Dass der Clan keine tumbe Ansammlung einfach gestrickter Häuserschluchtenscheißer ist, zeigt lustigerweise der kommerziellste, weil souligste Song vom Debüt. Auf dem Isaac Hayes sampelnden "C.R.E.A.M" droppt vor allem Inspektah Deck Knowledge, getreu: Each one teach one. Überhaupt representet der Rebel INS als kongenialer Partner in Rhyme auf allen Alben und Gastfeatures die lyrisch hochwertige "Conscinous"-Kammer. Für eine Solokarriere reichte es jedoch leider nie.

"Hey, you, get off my cloud / You don't know me and you don't know my style."

Ganz im Gegensatz zum Method Man, der auf seinem selbstbetitelten Solo-Hit aktiv charismatisch mit "Platz da, jetzt komm ich"-Mentalität über den hüpfenden Beat flowt. Dem klugen RZA war anscheinend schon damals klar, dass der charismatische Kiffer als einziger der New Yorker so etwas wie sexy Star-Appeal besaß. Zu Recht.

"I mean ohh, yo check out the flow / like the Hudson or PCP when I'm dustin / Niggaz off because I'm hot like sauce / The smoke from the lyrical blunt makes me *cough*"

Method Man ist es auch, der eine weitere Kernkompetenz der Shaolin-Mönche prägt: das Kiffen. Auf der allerersten Single "Protect Ya Neck" noch zärtlich im Vierzeiler versteckt, frönen alle Wu'ler in ihren Solowerken dem wunderbaren Weed und stellen sich mit dem G-Funk zusammen an die Spitze des Haschisch-Hypes der 90er. Selbst Dr. Dre schwärmte in einem JUICE-Interview von der rauschenden Wirkung dieser Raps während des Rauchens.

All die genannten Songs (es fehlen "Wu-Tang: 7th Chamber – Part I und Part II"), diese wahnwitzige Wundertüte der 36 Kammern, kickten neben dem Kiffer eben auch den Breaker, den Punker genauso wie den 3er BMW der kleinstädtischen Casino-Gangster oder den GTI der gegeelten Dorfjugend. Neben 2Pac-Portraits findet sich das Wu-Symbol wohl am häufigsten rund um den Globus auch noch in jeder so gottverlassenen Gegend von Soweto bis Sindelfingen.

Mit dem unterschiedlichen Erfolg der eigenen Karrieren und der wachsenden Entwicklung der Egos fiel der Clan nach der Jahrtausendwende jedoch mehr und mehr auseinander. Der Run, der Reality Check der versprochenen Nu World Order, die proklamierte Wu-Revolution scheiterten, mussten scheitern im Laufe der Zeit wie jede Umwälzung mit großen Zielen. Selbst Raekwons sehr gute Alben aus den Jahren 2010/2011 können das Rad nicht mehr zurückdrehen. Für wahre Shaolin-Schüler aber gilt nach wie vor: Wu-Tang Forever. Forever ever.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Bring Da Ruckus
  2. 2. Shame On A Nigga
  3. 3. Clan In Da Front
  4. 4. Wu-Tang: 7th Chamber
  5. 5. Can It Be All So Simple
  6. 6. Da Mystery Of Chessboxin'
  7. 7. Wu-Tang Clan Ain't Nuthin Ta Fuck Wit
  8. 8. C.R.E.A.M.
  9. 9. Method Man
  10. 10. Protect Ya Neck
  11. 11. Tearz
  12. 12. Wu-Tang: 7th Chamber, Pt. 2

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8 Kommentare

  • Vor 3 Jahren

    and if you want beef then bring da ruckus / wu tang clan ain't nuthing to fuck with
    absoluter klassiker, und btw, tolle rubrik!

  • Vor 3 Jahren

    Aw man! How do I say goodbye?
    It's alway the good ones that have to die!

    In 20 Jahren Deutsch Rap kam nicht ein einziges Album auf den Markt, das es auch nur ansatzweise mit dem frühen Wu Shit aufnehmen konnte.
    Muss einfach nochmal gesagt werden: Der Wu-Tang Clan spielt(e) musikalisch in einer komplett eigenen Liga und hat den Begriff 'Supergroup' nochmals völlig neu definiert. Nie war (außer vielleicht bei den Traveling Wilburys ^^) jemals so viel kreative, urgewaltige Power auf einem Haufen versammelt.
    Wu Forever!

    p.s. fänds cool, hier irgendwann auch mal von der 'war story book 2' vom Psycho Realm zu lesen. eines der besten chicano rap alben überhaupt und generell einfach ein Meilenstein!