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Der Weg zu einem der erfolgreichsten europäischen Hip Hop-Acts ist für die Stereo MC's ein steiniger. Erst mit dem dritten Album sollte es plötzlich abgehen wie eine Schneelawine im Pitztal.
Die musikalischen Köpfe der Bande bilden vor allem zwei Jungs aus Nottinghamshire, die es nach London zieht: 1985 Rapper gründen Rob B. (Rob Birch) und DJ/Produzent The Head (Nick Hallam) ihr Label "Gee Street", bringen erste musikalischen Gehversuche unters Volk und ziehen prompt einen Lizenzdeal mit dem New Yorker Label "4th And Broadway".
Es erscheinen erste Singles ("What Is Soul?") und 1989 dann das Debüt "33-45-78" (Vertrieb: Island). Seitdem zählt auch Drummer Owen If zur festen Bandbesetzung. Aus heutiger Sicht muss man anerkennen, dass die Stereo MC's ihren Teil zum so genannten "Trip Hop"-Sound aus Bristol beitragen, auch wenn sie in erster Linie dem Hip Hop eine ordentliche Dancefusion verpassen, ohne die Breaks und souligen Licks zu vergessen.
Ihre Verehrung für den Funk und Grandmaster Flash kommt schließlich auf dem beachtlichen Zweitling "Supernatural" (das u.a. in der eigenen Wohnung des Duos entsteht) heraus. Ins Studio lockt man u.a. Afrika Bambaata und The Beatnuts. Mit der Background-Sängerin Cath Coffey im erweiterten Line-Up knackt die Single "Elevate My Mind" als erste britische Rap-Produktion die US-Charts. Die aparte Coffey zählt seitdem ebenfalls quasi zur Stammbesetzung.
Entgegen der damaligen Hip Hop-Attitüde legen die MC's von Beginn an viel Wert auf ihre Live-Performance und so sieht man sie 1990 in Reading als eine der ersten Rap-Acts auf einem Rock-Open-Air - und nicht wenige betrachten sie in der Folge als einer der besten Live-Danceacts ever. Erst in den folgenden Jahren ahmen Gleichgesinnte wie De La Soul oder Public Enemy diesen mutigen Schritt nach.
Der weltweite Durchbruch gelingt 1992 mit "Connected" (die Platte klettert bis auf zwei und bleibt fast ein Jahr lang in den britischen Charts). Nicht zuletzt auch dank nun dreier Background-Mädels, die Birchs Mantra-Raps liebevoll umschmeicheln. Singles wie "Step It Up", "Creation", "Ground Level" und eben "Connected", ihrem weltweiten Hit, füllen allerorten die Tanzflächen, so dass die Band gar auf U2s umjubelter "Zooropa"-Tournee den Anheizer spielen, mit den Happy Mondays oder EMF tourt man ebenfalls. 1994 folgt die lang verdiente Streicheleinheit der Musikindustrie: die British Music Awards für bestes Album und beste Band.
1995 erscheint auf dem "Help"-Sampler zugunsten der vom Bosnienkrieg betroffenen Kinder der neue Song "The Sweetest Truth". Doch bis auf Remixaufträge (etwa für Tricky) verschwindet die Band in der Versenkung. Der Grund ist ein klassischer: Schreibblockade, von mangelnder Bodenhaftung nach dem Erfolg ganz abgesehen. Rob und Nick kümmern sich derweil um ihr Label und remixen (u.a. Madonnas "Frozen" und später "Music"). Anfragen von David Bowie oder Robbie Williams lehnen sie hingegen ab. Auch DJ-Sets bleiben fester Bestandteil des Alltags.
Erst 2000 melden sich Rob und Nick mit einer "DJ Kicks"-Veröffentlichung auf dem famosen Berliner K7-Label zurück und begeben sich damit als European Hip Hop-Stars in die nette Gesellschaft von Downbeat-Helden wie Nightmares On Wax und Drum'n'Bass-Chickas wie Kemistry&Storm. Die angestammten Fans können mit dem Mix weniger anfangen, auch wenn er drei neuen Stereo-Instrumentals ("Rhino I-III") enthält.
Mit Mastermind Robs Worten im Hinterkopf, man wolle sich mit der Remix-Platte über die eigenen Favorites hin ins Musikgeschehen zurück melden, rechnet zunächst keiner mit dem Unmöglichen: einem neuen Studiowerk. Umso erfreulicher die Kunde desselben, das den Namen "Deep Down And Dirty" trägt, im bandeigenen neuen Studio in Brixton eigespielt wird und im Mai 2001 in den Läden steht. Etwas mehr erdiger Funk sowie Dub-Anleihen machen die Scheibe zur wohl rausten der Bandkarriere.
Noch immer mit drei Gesangsdamen am Start, u.a. eben Coffey (Solosingle "Wild World", 1997) bestätigen die MC's Festivalauftritte in Deutschland (Southside/Hurricane) sowie eine Clubtour - diese gerät zu einem kleinen Triumphzug (man eröffent z.B. für (Jane's Addiction) - das innere Feuer brennt wieder.
An längere Ruhephasen gewöhnt, müssen Fans der MC's in Sachen neues Material denmnoch ziemlich lange darben. Die Briten spielen 2002 einige Festivalshows, bringen im November ein groovendes Remixalbum mit raren Tracks an den Start (u.a. Tricky, RZA oder Lyrics Born) und verschanzen sich danach aber flugs im Studio. Jedoch hemmen Unstimmigkeiten mit dem Label Universal den kreativen Prozess, weshalb es mit dem von The Head anvisierten Veröffentlichungstermin Mitte 2003 nichts wird.
Nach der Entscheidung, sich von Universal zu trennen, sondiert die Band Angebote, gründet Graffiti Recodings und wird schließlich mit Pias handelseinig: "Paradise" erscheint im August 2005. Das Album klingt einerseits wie eine logische Fortsetzung des Vorgängers, doch zum bewährten Electronic Rap-Funk gesellt sich wieder eine größere Portion Soul hinzu, die ab und an das Frühwerk "Supernatural" in Erinnerung ruft.
Im Song "I Feel You" verbeugt sich die Band überraschend deutlich vor 80s-Elektropop, während "Set It Off" mit fetten Bläsersätzen die alte Fangemeinde zu Tränen rührt. Die Mischung aus Routine und Experiment tritt deutlich hervor. Mit dieser legeren Herangehensweise und losgelöst vom Druck einer kommerziell ausgerichteten Plattenfirma bestreiten die MC's auch ihre kommenden Studioprojekte: "Double Bubble" zum 20-jährigen Bandjubiläum 2008 (im selben Jahr erscheint auch ein Livescheibe) und drei Jahre später "Emperor's Nightingale", auf dem Rampensau Rob verstärkt Gesangslines statt Sprechgesang bietet und live gar ab und an zur Gitarre greift.
Ihren Ruf als exzellente Liveband erhalten sie sich völlig unabhängig von Albumverkaufszahlen, folgt jedem Albumrelease doch eine Tour. Längst begeistern die Briten in ihren Konzerten Anhänger verschiedenster Stilrichtungen für ihre Musik und kapern deren Bewegungsapparat vom ersten Snareschlag an. The crowd is connected!
Auf dem Sonne Mond Sterne-Festival in Saalburg spielten die britischen Wieder-Überflieger ihren einzigen deutschen Live-Gig 2002. LAUT traf Gründungsmitglied The Head zum Interview.
Interviews auf Festivals. Es könnte so einfach sein. Man kommt zu einer vereinbarten Location, trifft die Band, plaudert miteinander und verabschiedet sich. Saalburg, 9. August: Drei Zufahrtsstraßen für 15.000 Menschen. Stau. Großer Stau. Ankunft Gelände: Keine Durchfahrtsgenehmigung. Kein Handyempfang. Plus die alte Leier: Die Ordner am Pressebereich verlangen eine andere Bändchen-Farbe als die am eigenen Handgelenk. Dass sich Nick Hallam alias The Head - im Gegensatz zu Sänger Rob Birch - trotzdem noch Zeit für uns nahm, darf seinem gemütlichen Naturell und seiner plauderfreudigen Laune zugeschrieben werden.
Nick: Sorry, dass Rob nicht mehr warten konnte, aber eine Stunde vor dem Auftritt zieht er sich gerne ein wenig zurück, um zu relaxen.
Kein Problem, schön dass du noch Geduld aufbringst. Ihr spielt heute auf einem reinen Elektro-/Techno-Festival. Wart ihr euch dessen vor der Zusage bewusst?
Nick: Ja schon. Aber uns stören solche Klassifizierungen weniger. Ich meine, wir haben schon Anfang der 90er Jahre mit verschiedensten Acts zusammen gespielt, wie zum Beispiel mit Living Colour. Wenn der Vibe überspringt, ist das einfach ein tolles Gefühl. Es ist schön heute hier zu sein und zu sehen, ob wir das Publikum auf unsere Seite ziehen zu können.
Demnächst spielt ihr ja auch in Mazedonien. Weißt du über die dortige Musikszene Bescheid?
Nick: Nein, aber ich bin sehr gespannt. Es liegt uns viel daran, auch in solchen Ländern aufzutreten, für die solche Konzerte lange nicht zum Alltag gehörten. Vor wenigen Tagen waren wir in Ungarn auf dem Sziget Festival und im letzten Jahr haben wir in Kroatien und Bulgarien gespielt. Die Leute dort sind sehr enthusiastisch und lassen eine Menge Energie frei. Man hat auch das Gefühl, die Leute sind noch nicht so ... wie soll ich das ausdrücken ... verzogen. Die Leute gehen von der ersten Minute an mit. Es ist einfach ein völlig anderer Vibe.
Gerade habt ihr Terranovas neue Single "Running Away" geremixt. Dürfen wir uns auch wieder auf neues Stereo MC's-Material freuen?
Nick: Ja, definitiv. Wir arbeiten schon seit einer Weile an neuen Tracks. Momentan ist als Termin für ein neues Album April 2003 angedacht. Mal sehen, ob wir das einhalten können (lacht). Das Remixen ist aber nach wie vor eine Sache, die uns viel Spaß bereitet. Gerade für Freunde wie Terranova, bei denen unsere Sängerin Cath Coffey mittlerweile festes Bandmitglied ist.
Habt ihr seit dem Release von "Deep, Down & Dirty" einen neuen Kreativitätsschub erhalten?
Nick: Das kann ich nicht abstreiten. Weißt du, die Zeit nach "Connected" war einfach die Hölle. Wir waren über ein Jahr ununterbrochen auf Tour, haben Clubs und diese riesigen Festivals mit U2 gespielt und wussten am Ende nicht mehr, woran wir eigentlich waren. Wir vergaßen völlig, was uns eigentlich wichtig war, nämlich zusammen Musik zu machen, hinter der wir voll stehen können. Als wir damals zurück nach England kamen, mussten wir uns erstmal wieder um unser soziales Gefüge kümmern.
Dieser ganze Hype, der damals um uns herum entstand, war einfach verrückt. Ich meine, was bringen dir Brit Awards? Im Endeffekt verstellen sie dir den Blick aufs Wesentliche. Mit "Deep Down & Dirty" haben wir wieder in die Spur zurück gefunden und natürlich freuen wir uns, wenn das Album gut aufgenommen wird. Nur unsere Sichtweise auf Erfolg hat sich heute verändert.
Was bedeutet denn Erfolg?
Zunächst einmal, mit der eigenen Leistung zufrieden zu sein. Persönlicher Erfolg. Mitte der 90er haben wir ja auch nicht einfach eine Pause eingelegt und Urlaub gemacht. Es gab da schon einige Tracks, die wir im Studio zustande gebracht haben. Aber die waren einfach nicht gut genug. Nicht 100% Stereo MC's. Die Plattenfirma war damals natürlich sofort Feuer und Flamme: "Super, das sind ja tolle Songs. Lasst uns die rausbringen". Wir sagten aber: "Nein, das machen wir nicht. Denn das sind keine tollen Songs".
Das genügte als Einspruch?
Naja, es gab natürlich Diskussionen. Aber als Band darf man ja zum Glück noch selbst entscheiden, was veröffentlicht wird.
Na, da kann ich dir aber Gegenbeispiele nennen.
Willst du auf diese Boygroup-Schwemme hinaus? Okay, das ist aber sowieso eine traurige Geschichte. Diese Casting-Bands sind im Prinzip die logische Konsequenz der heutigen Machenschaften der ganzen Plattenindustrie. Entweder du willst schnelles Geld machen oder Künstler aufbauen. Beides zusammen geht nicht. Oder nur in den seltensten Fällen. Mit uns haben sie es wie gesagt auch versucht. Aber es bringt eben auch nichts, nach einem Riesenerfolg schlechte Musik rauszubringen. Wären die Sachen veröffentlicht worden, die wir damals nach "Connected" geschrieben haben, würde ich heute mit Sicherheit nicht glücklich vor dir sitzen.
Andere Hip Hop-Veteranen wie Public Enemy veröffentlichen auch wieder neues Material. Interessiert es dich mehr, was die Jugend treibt?
Nick: Das kann man so nicht sagen, ich verschlinge alles. Man sollte das nicht vom Alter abhängig machen. Was mich in der letzten Zeit richtig umgehauen hat, waren die Platten von The Streets und Roots Manuva. Sie haben einen völlig eigenen Stil kreiert, den sie auf unglaublich hohem Niveau ausarbeiten. Von den US-Sachen höre ich gerade viel Wu-Tang Clan. Diese Typen haben dem Hip Hop nochmal einen mächtigen Tritt nach vorne versetzt. Ich meine, hör dir allein mal den "Ghost Dog"-Soundtrack an, meiner Meinung nach einer der besten Soundtracks, die je veröffentlicht wurden. Dieser RZA hat den Dreh raus. Trotzdem gibt es genügend neue Acts, die die Sache spannend halten.
Nick, vielen Dank für das Gespräch.
Live At The BBC (2008)
Connected Live (2005)
Remixed By Stereo MC's (2002)
Supernatural (1990), 33-45-78 (1989)
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