Porträt

laut.de-Biographie

Kinderzimmer Productions

Als "Tanzmusik für die reifere Jugend" werden Kinderzimmer Productions im Booklet ihrer zweiten LP "Im Auftrag Ewiger Jugend Und Glückseligkeit" von 1996 tituliert. Und das passt. Nicht etwa, weil Sascha Klammt, besser bekannt als Quasi Modo, und Henrik von Holtum, eher geläufig unter dem Synonym Textor, ausnahmslos Tanzbares produzieren. Im Gegenteil. Vielmehr, weil die Umschreibung die Exotik der Band widerspiegelt.

Ihre Ursprünge haben Kinderzimmer Productions in den 80er Jahren, als die Sandkastenfreunde – daher der vordere Teil des Namens – zum ersten Mal mit der Materie Hip Hop in Kontakt treten. Beide werden regelrecht überrollt von den Möglichkeiten, die sich, nach eigenen Aussagen, aus den fehlenden Regeln, Lehrern und Grenzen des Genres ergeben. Offensichtlich haben Boogie Down Productions maßgeblich Anteil am Zustandekommen der Band, denn der zweite Teil des Namens ist als Hommage an KRS-One und Kollegen zu verstehen.

Dass die vermeintliche Grenzenlosigkeit leider nicht für alle Lebensbereiche gilt, müssen Kinderzimmer bereits mit ihrem selbst-betitelten Debüt aus dem Jahre 1994 erfahren: Aufgrund eines ungeklärten Samples des Stranglers-Hits "Golden Brown" wird der Song "Back" verboten und die Platte komplett vom Markt genommen. Allerdings wird drei Jahre später ein Re-Release mit dem Namen "Die Erste" und einem "Back"-Remix erscheinen.

Geschadet hat dieser Zwischenfall den Ulmern im Nachhinein wahrscheinlich nicht. Neben "Marihuana", das ebenfalls auf dem Debüt vertreten ist, und "Doobie", auf "Die Hohe Kunst Der Tiefen Schläge" von 1999 zu hören, bleibt "Back" der wohl bekannteste Titel des Duos. Außerdem ist anzunehmen, dass die guten Verkaufszahlen des Nachfolgers "Im Auftrag Ewiger Jugend Und Glückseligkeit" nicht zuletzt auf die Umsonst-Promo des Stranglers-Labels zurückzuführen ist.

Privat wirft die Sache beide ebenfalls kaum aus der Bahn. Während Sascha in einem Tonstudio lernt und im Anschluss daran ein Studium anhängt, lernt Henrik erst Jazz-E-Bass und studiert danach klassischen Kontrabass. Auch musikalisch lassen sie sich nicht von ihrem Weg abbringen. Wie alle Nachfolger strotzt "Im Auftrag ..." nur so vor weiteren Samples. Seien es House of Pain oder Guru, Billie Holiday oder Led Zeppelin, nichts ist vor Quasi Modos Sampler sicher.

So kommt es, dass auch die Industrie die Ulmer Enklave für sich entdeckt. Kinderzimmer Productions schließen einen Vertrag mit Epic/Sony ab. Was folgt ist "Die Hohe Kunst Der Tiefen Schläge" (1999). Glücklicherweise ändert sich trotz Major-Einfluss und Promo-Tour mit der ersten Single "Doobie" nur wenig am klassischen Kinderzimmer-Sound. Verschroben und polarisierend wie eh und je präsentiert sich auch das zweite Major-Album im Jahr 2002. "Wir Sind Da Wo Oben Ist" erscheint bei Virgin und featuret erstmals Jürgen Schlachter genannt "Das Tier", der seit jeher die Live-Auftritte der Band mit seinem Schlagzeugspiel untermalt.

Die Verkaufszahlen jedoch bleiben bescheiden, Unzufriedenheit auf Seiten des Labels stößt auf Unzufriedenheut auf Seiten der Künstler, es kommt zum Bruch. Das Kinderzimmer steht ab sofort wieder auf eigenen Füßen und wirft 2004 in Eigenregie "Irgendjemand Muss Doch" auf den Markt. Dass die Productions irgendwie anders sind und nicht in die enge Schublade Hip Hop passen, hat mittlerweile auch das Goethe-Institut begriffen. Textor und Quasi Modo werden auf Reisen geschickt und präsentieren ihre Kunst in Usbekistan und Tansania.

Mittlerweile räumlich getrennt – Textor hat Ulm verlassen und sucht sein Glück in Berlin – meldet man sich 2007 schließlich in Deutschland zurück. Und auch "Asphalt" knüpft da an, wo der Rest der deutschen Hip Hop-Szene aufhört. Vergleichbares gibt es nicht, entweder man hasst es oder man liebt es. Gehört haben sollte man es auf jedem Fall.

Zumal nur wenige Monate nach der räumlichen Trennung die endgültige folgt. Im November 2007 verkünden die beiden Schwaben, dass das Projekt Kinderzimmer Productions gestorben ist. Man ist nicht mehr zufrieden mit dem, was allgemein als Hip Hop verstanden wird, kann sich nicht mehr damit identifizieren und will kein Teil mehr davon sein.

Erschwerend kommen persönliche wirtschaftliche Zwänge infolge der allgemein rückläufigen Zahlen an Plattenverkäufen und Konzertbesuchern hinzu. Ihren Fans stellen die beiden allerdings in Aussicht, in irgendeiner Form auch weiterhin für Output zu sorgen. Allerdings nicht unter dem Label Kinderzimmer Productions und nicht im Bereich des Hip Hops.

Endgültig verlässt das Duo die Bühne des Sprechgesangs mit einem besonderen Schmankerl im April 2008: Ein halbes Dutzend befreundeter Musiker hilft, die richtigen Töne fürs 'Lebwohl' zu finden, wenn KP ihren Fans zum zweiten Mal nach den fantastischen Vier deutschen Rap unplugged serviert. Austragungsort für diesen sauberen Schlusspunkt einer der geistreichsten Bands Deutschlands ist das renommierte Dortmunder Konzerthaus, üblicherweise die Heimat der klassischen Philharmonie.

Nach der anschließenden Veröffentlichung des Konzerts als Live-Platte ist der Abschied schließlich endgültig. "Deutsche Medien ohne uns ist Fernsehen ohne Fernbedienung: dröge aber möglich, ne Überdosis ist tödlich", wussten sie bereits anno 2002. Zieh dich warm an, Deutschrapfan.

Interviews

News

Alben

Videos

Video Video wird geladen ...

Noch keine Kommentare