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"Hip Hop-Musik ist die Rettung. Wenn wir den Hip Hop nicht hätten, der von der Straße und den alltäglichen Kämpfen kommt, dann hätten wir keine Stimme." Diese weisen Worte entstammen dem Mund eines Mannes, der es wissen muss: Als lyrische Hälfte des Duos Gang Starr schreibt Guru an der Seite DJ Premiers Rap-Geschichte.
Mit seiner Jazzmatazz-Reihe, die aus der Fusion von Hip Hop mit seinen Wurzeln im Jazz eine ganz neue musikalische Facette hervor bringt, setzt er sich auch solo ein Denkmal.
Ein mächtiges Denkmal, wie es seinem ganz und gar nicht bescheidenen Alias gebührt: Der "Guru" möchte als Akronym verstanden werden - für "Gifted Unlimited Rhymes Universal". Deutlich seltener kommt die weniger schillernde Lesart "God is Universal, he is the Ruler Universal" zum Zuge, ab und an verbirgt er sich auch hinter dem Pseudonym Baldhead Slick.
Als Guru am 17. Juli 1966 in Boston in Massachusetts das Licht der Welt erblickt, verpassen ihm seine Eltern allerdings zunächst einmal den Namen Keith Edward Elam. Er wächst in behüteten Verhältnissen auf: Der Vater sitzt als erster Afroamerikaner in Boston auf einem Richterstuhl. Gurus Familienbande mütterlicherseits reichen in die Karibik, nach Trinidad.
Gurus Traum von einer Rap-Karriere nimmt 1987 mit der Gründung von Gang Starr seinen Anfang. Gemeinsam mit DJ Premier veröffentlicht er in den frühen 90er Jahren drei Alben: "No More Mr. Nice Guy" (1989), "Step In The Arena" (1991) und "Daily Operation" (1992) erlangen sämtlich Kult-Status.
Guru verkörpert am Mic, wofür Dendemann den einzig passenden Ausdruck liefert: gelassene Smoothness. Neben dem kultiviert-lässigen Flow legt er allerdings auch Gewicht auf die Inhalte:
"Ich möchte die Jugend leiten, ihnen eine positive Message mitgeben." Guru rappt über Politik, über Skills, über Black Power und über die holde Weiblichkeit: "Ich habe schon immer Songs über Frauen gemacht - aber immer mit Respekt."
1993 scheint dem MC, Produzenten und Komponisten der Erfolg mit Gang Starr nicht mehr zu genügen. Mit "Jazzmatazz Volume 1" startet er seine Solo-Karriere. Wobei von einem Alleingang wahrlich keine Rede ist: "Jazzmatazz" entpuppt sich als internationales Multi-Artist-Projekt, an dem neben zahlreichen anderen Lonnie Liston Smith, Roy Ayers und Donald Byrd mitwirken. Hip Hop-Beats treffen auf feine Jazz-Vibes: Fans und Kritik quittieren diese Mixtur mit Begeisterung und feuchten Augen.
Die Arbeit mit Gang Starr liegt deswegen noch lange nicht auf Eis: 1994 erscheint mit "Hard To Earn" ein weiteres Album, das nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Zwei Jahre später ist dann erst einmal wieder Jazzmatazz an der Reihe: Die zweite Ausgabe mit dem Untertitel "The New Reality" erweitert das Genre-Spektrum um Elemente aus Soul, R'n'B und Reggae.
Im Studio finden sich diesmal Chaka Khan, Jamiroquai, Ramsey Lewis, Meshell N'degeocello, Branford Marsalis, Ini Kamoze, Mica Paris und weitere Kollegen ein. "Von jedem, mit dem ich zusammenarbeite, bin ich ein Fan. Ich würde nie mit jemandem zusammenarbeiten, dessen Musik ich nicht gut finde", kommentiert Guru seine Arbeitsweise.
Mitte der 90er gründet Guru sein eigenes Label Ill Kid Records. Mit tatkräftiger Unterstützung seitens DJ Premier erscheinen hier eine Reihe von 12"es sowie 1995 der Sampler "Guru Presents Ill Kid Records". Um die schöne Regelmäßigkeit beizubehalten, setzt Guru vor Jazzmatazz Nummer 3 das nächste Gang Starr-Album ("Moment Of Truth", 1998).
Mit "Jazzmatazz: Streetsoul" versucht Guru 2000, die Soul/Neo-Soul-Welle zu reiten. "Ich bin zu den Produzenten gegangen, mit denen ich schon immer arbeiten wollte", schwärmt Guru auf seiner Homepage. "Die habe ich dann mit den Vokalisten zusammen gebracht, mit denen ich schon immer arbeiten wollte, und ich wusste, irgendetwas würde geschehen. Verdammt! Es fühlte sich an, wie zum Schneider zu gehen und sich einen Maßanzug anfertigen zu lassen ... Alle Beteiligten haben wirklich ihre Seelen in dieses Projekt gesteckt."
Trotz gewohnt gewaltiger Gästeliste, die unter anderem Herbie Hancock, Isaac Hayes, The Roots, Erykah Badu und Macy Gray auffährt, reagiert die Kritik diesmal deutlich verhaltener: "Sprühte Teil eins der Jazzmatazz-Triologie anno 1993 noch vor innovativer Energie und das auf hohem Level, ist von diesem Aha-Erlebnis auf Teil drei 'nur' gutes Handwerk übrig geblieben."
Die recht laue Begeisterung schmälert Gurus Reputation keineswegs. Er zählt längst zu den fixen Größen im Geschäft. Guru arbeitet neben DJ Premier mit zahllosen anderen Produzenten, darunter Pete Rock und The Alchemist, mit MCs wie Ice T, Treach von Naughty By Nature, Killah Priest oder Mr. Lif, sowie mit vielen, vielen verschiedenen anderen Künstlern aus Hip Hop-, Soul-, Jazz- und Acid-Jazz-, Electronica, R'n'B- und Neo-Soul-Gefilden bis hin zu Brass-Bands zusammen.
Zu seinen Proteges zählt Jeru The Damaja, dessen Debüt-Album "The Sun Rises In The East" von 1994 er seine Finger im Spiel hat. Guru co-produziert die meisten Gang Starr-Tracks und sitzt für weite Teile seiner "Jazzmatazz"-Reihe selbst hinter den Reglern. Daneben übernimmt er kleinere Filmrollen und leiht einem Charakter im dritten Teil der Videospiel-Serie "Grand Theft Auto" seine Stimme.
Zwar erschien 2001 unter dem Titel "Baldhead Slick & Da Clik" bereits ein Longplayer, dennoch bezeichnet Guru "Version 7.0: The Street Scriptures" als sein erstes richtiges Solo-Werk.
Das Album entsteht in Zusammenarbeit mit dem Produzenten Solar (nicht zu verwechseln mit MC Solaar) und erscheint, ebenso wie diverse Singles, auf dem gemeinsamen Label 7 Grand Records. Die Verkaufszahlen von "Version 7.0" enttäuschen allerdings ähnlich wie die Reaktionen auf das Album.
Dass mit Guru dennoch nach wie vor zu rechnen ist, beweist das Jahr 2007. Im Juni findet die "Jazzmatazz"-Reihe ihre Fortsetzung. Guru bezeichnet rückblickend die Beteiligung zu vieler Produzenten als Fehler; die Musik auf "Streetsoul" habe so ihr organisches Flair verloren. Die volle Verantwortung für die Beats auf "Jazzmatazz Vol. 4" überträgt Guru daher Superproducer und Geschäftspartner Solar.
Eine weise Entscheidung: Das Album umarmt Musikrichtungen von Bebop zu Hip Hop und sämtliche Bereiche dazwischen, präsentiert einen gelassen flowenden MC sowie - das dürfte inzwischen niemanden mehr wundern - eine hochkarätige Gästeliste.
David Sanborn findet sich da neben Damian Marley, Slum Village, Blackalicious, Common trifft auf Bob James, und Bobby Valentino, Omar und Vivian Green steuern Gesangs-Parts bei.
Im darauffolgenden Januar wirft "Jazzmatazz Vol. 4" unter dem schlichten Titel "The Mixtape" zudem ein Seitenprodukt ab, das, appetitlich angerichtet von DJ Doo Wop, zwar nicht viel Neues, dafür jedoch gediegene Unterhaltung auf hohem Niveau bietet.
"Ich versuche mit den Jungen zu freestylen, ich versuche meine Skills scharf zu halten, schließlich will ich besser sein als letztes Jahr, ich will rappen, bis ich mich dafür entscheide, dass es reicht", so Gurus Selbstverständnis.
Ende Februar 2010 dann der Schock: Guru erleidet einen Herzinfarkt und fällt ins Koma. Umgehend machen Gerüchte von seinem Tod die Runde. Verfrüht zwar, Berichte um eine Besserung seines Zustands bewahrheiten sich dennoch nicht. Am 19. April erliegt Guru einem bisher geheim gehaltenen Krebsleiden. Er wurde 43 Jahre alt.
Guru und Solar über die Fantastischen Vier, Samy Deluxe und Bushido ("Wer ist das?").
Die erste Jazzmatazz-Scheibe kam 1993 einem Erweckungserlebnis gleich! Die anfängliche Skepsis – Jazz und Rap? – wich Begeisterung.
Allein dieser Großtat wegen hat Rapper Guru einen Platz im Hip Hop-Olymp verdient. Und heute? Betreibt der Herr mit Solar, dem "Super Producer", ein gemeinsames Label (7 Grand Records) und veröffentlicht Platten, die freilich nicht mehr ganz so viel Aufmerksamkeit generieren, wie man das aus vergangenen Tagen kennt.
Dafür ist man unter dem Motto "Jazzmatazz Vol. 4 - Back To The Future" um so fleißiger auf Tour. laut.de trifft Guru vor dessen Auftritt im Astra Kulturhaus, Berlin-Friedrichshain. Eigentlich sollte das Gespräch gegen 16 Uhr beginnen. Doch erst muss der Soundcheck absolviert werden, und der zieht sich …
Dann endlich: ab in den Backstage-Bereich! Dort herrscht wuseliges Durcheinander. Viel Zeit haben wir nicht, Gurus Entourage, darunter auch Solar, schaut ständig auf die Uhr. Der Meister selbst trägt ein grünes Basecap, einen silbernen Glitzergürtel, Sonnenbrille, Sneakers. Das Catering ist auffällig gemüse- und obstlastig. Sogar frische Erdbeeren! Im Kühlschrank steht auch Bier, doch Guru betont, dass er schon lang nix mehr trinkt. Nicht einmal an seinem Ehrentag ...
Happy birthday! Du hast heute Geburtstag, oder?
Ja, das stimmt. Sehr gut. Danke! Ich weiß das zu schätzen.
Da solltest Du eigentlich zu Hause sein und mit Deiner Family feiern!
Ich habe das nie gemacht in all den Jahren. Ich war auch an meinem Geburtstag immer on the road.
Gab es denn schon paar Geschenke heut?
Nein, das Geschenk ist, dass ich heute live hier für die Leute in Berlin performen darf.
(Solar, der während des Gesprächs vor seinem Laptop hockt, wirft irgendetwas Unverständliches in den Raum).
Ich wolle Dich fragen, ob dies gute oder eher schlechte Zeiten für schwarze Musik sind. Gerade wurde ja mit dem Vibe Magazine ein wichtiges Sprachrohr schwarzer Kultur in den USA eingestellt?
Was gerade passiert, ist, dass sich die Dinge ändern. Als Solar und ich mit unserem Label 7 Grand anfingen, haben wir die digitale Technologie umarmt. Wir haben die Zukunft umarmt! Auch für die schwarze Musik birgt das viele großartige Möglichkeiten. Und nun sind wir hier. Ich liebe Berlin. Berlin ist das kulturelle Zentrum von Deutschland.
Dafür ist echt keine Zeit. Wir sind zu busy.
Oder kennst Du irgendwelche Namen aus der Berliner Rap-Szene?
Nein. Ich kenne aber natürlich so Leute wie Samy Deluxe oder die Fantastischen Vier. Die waren echt Pioniere. Those guys are fantastic. Deren Karriere habe ich schon verfolgt.
Hast Du von Leuten wie Sido oder Bushido gehört?
Ja, klar. Wie heißen die noch mal?
Sido und Bushido
Bushido? Ich habe nur den Namen gehört. Die deutsche Rap-Szene ist big! Respekt auch an die Graffiti-Künstler und Turntable Artists, die die Hip Hop-Kultur lebendig gehalten haben. Ich habe gerade außerhalb der Konzerthalle Fotos von den ganzen Graffitis gemacht. Mit meiner Kamera. Das bedeutet mir sehr viel.
Habt Ihr das in New York denn gar nicht mehr?
Doch, das gibt es schon noch. Aber die deutsche Szene hat das auch am Leben gehalten, als die ganze Bling-Ära im Hip Hop losging.
Wo wart Ihr, als Ihr von Michael Jacksons Tod hörtet?
Wir waren in London.
Solar: Wir waren in Tokio!
Guru: Das stimmt, wir waren in Tokio. Wir feiern, was er der Welt gegeben hat: seine brillante Stimme, sein tänzerisches Können und all die großartige Musik. Eine der ersten Platten, die ich gekauft habe, war von den Jackson Five. Großer Respekt an Michael Jackson!
Werdet Ihr heute Abend auch etwas von ihm in Euer Set integrieren?
Das haben wir schon in Japan gemacht.
Solar: Wie viele Fragen sind das denn noch, wir müssen bald aufhören!
Es gibt viele gute Künstler, die ihr Ding machen. Ich verbringe meine Zeit aber nicht damit, andere Künstler zu analysieren. Ich beschäftige mich damit, was ich mache und was ich auf den Tisch bringe. (zählt auf, was das Label 7 Grand seit seiner Gründung schon alles raus gebracht hat…)
Seit dem ersten Gang Starr-Album sind unglaubliche 20 Jahre vergangen, seit dem ersten Jazzmatazz-Werk 16 Jahre. Worauf bist Du stolzer?
Es gibt keinen Grund, auf etwas stolzer zu sein. Es ist alles dasselbe. Jazzmatazz geht immer weiter und steht für Kollaborationen mit den größten Musikern und Vokalisten der Welt. Gang Starr steht eher für die rauen, dreckigen Sachen. Man kann das nicht separieren. Es ist alles eins.
Was für eine Zukunft könnte es denn für Jazzmatazz geben. Ihr habt ja von Jazz über Neo-Soul bis Reggae schon so viel abgedeckt. Was kann da noch kommen?
Solar: Alle fragen uns immer nach einer fünften Ausgabe von Jazzmatazz. Mit der vierten Ausgabe haben wir es ja schon geschafft, auch richtige Hip Hop Heads zu begeistern, die bei den ersten drei Ausgaben vielleicht noch nicht dabei waren. Wir haben das Franchise neu belebt.
Ihr kennt ja wahrscheinlich die deutsche Version, Jazzkantine, die stark von Jazzmatazz beeinflusst war?
Guru: Ja, die kenne ich.
Letztes Jahr haben die Swing-, Jazz- und Funkversionen von Metal- und Hardrock-Klassikern raus gebracht. Das wär' doch mal was ...
Solar kennt sich auch mit Rocksachen sehr gut aus. Man weiß also nie, was da noch kommt.
Wie wichtig sind Euch denn europäische Künstler als Einfluss. Du hattest ja immer ein offenes Ohr für diverse Einflüsse?
Selbst jetzt auf der Tour nehmen wir ständig neue Einflüsse auf. Wir haben CDs in allen möglichen Sprachen und aus allen möglichen Ländern dabei, die wir dann auch nach Hause mitnehmen.
Könnt Ihr Namen nennen?
(Jemand ruft: "Wir müssen weiter, das Radio-Interview wartet!")
Okay, eine Sache noch. Jeder, der mit mir und Solar in Kontakt treten möchte: Es gibt die Website, unseren MySpace-Auftritt, Twitter ...
(Guru zählt alle möglichen Web-Adressen auf, alle im Raum lachen).
Vielen Dank für das Gespräch
Guru 8.0 Lost And Found (2009)
Baldhead Slick & Da Click (2001), Guru's Jazzmatazz: Streetsoul (2000), Guru Presents Ill Kid Records (1995), Jazzmatazz Vol. II: The New Reality (1995), Jazzmatazz Volume 1 (1993)
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07.05.10, 16:07 MikeDares |
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