Porträt

laut.de-Biographie

Grandmaster Flash

Ausgerechnet das, was seinem Mythos neben dem Evergreen "The Message" wohl am zuträglichsten war, steht nicht auf Joseph Saddlers Kerbholz: Die Erfindung des Scratchens. Dennoch ist eines unumstößlich: Ohne Grandmaster Flash, einem der wichtigsten Wegbereiter und Pionier des Hip Hops, gäbe es diese Musikrichtung, zumindest in der heutigen Form, mit ziemlicher Sicherheit nicht. Doch selbst wenn die Errungenschaft des Scratchens mittlerweile weitgehend Grand Wizard Theodore, Weggefährte und Entdeckung Flashs, zugeschrieben wird, ist Flashs Bedeutung auch für die technische Seite des DJing kaum zu unterschätzen.

"'Punch Phrasing', das abrupte Abspielen eines Songs auf einem Plattenteller, während eine andere Platte weiterläuft, und 'Break Spinning', das abwechselnde Vor- und Zurückbewegen beider Platten, um die selbe Stelle immer wieder laufen zu lassen - das sind Errungenschaften, die wir ganz eindeutig Flash zu verdanken haben", schreibt der Musikjournalist und Hip Hop-Anhänger der ersten Stunde Nelson George in seiner persönlichen Chronic "Hip Hop America" (Deutsche Übersetzung: "XXX - Drei Jahrzehnte Hip Hop")."Von Flash stammt auch die 'Uhr-Theorie': Er nutzte das Logo in der Mitte der Platte, um seine Breaks zu finden. Eine Vox-Drum-Machine baute er zu einer 'Beat Box' um, die es ihm ermöglichte, zusätzliche Beats in seine Mixes einzuspielen, und das lange bevor es üblich war, Drum-Maschines zu verwenden" Double-Back, Back-Spin und Phasing sind nur einige weitere Techniken, die auf Flash zurückgehen.

Im Gegenteil zu Kool Herc oder Afrika Bambaataa, die einen ähnlichen Platz in der Historie der Hip Hop-Kultur einnehmen, versteht es Flash schon früh, die Tanzfläche nicht nur mittels Musik zum Kochen zu bringen. Während Herc meist stoisch über seinen Plattentellern kauert und Bambaataas Errungenschaften trotz seiner eklektischen Exzesse mit der Gründung der Zulu-Nation eher im soziologischen Bereich liegen, begeistert Flash seine Zuhörer mit spektakulären Tricks wie dem Bedienen der Plattenteller mit den Füßen oder hinter dem Rücken.

Ihren Anfang nehmen Flashs Shows in der Bronx der frühen 1970er. Auf selbst zusammengebastelten Soundsystemen organisiert der Technik-Freak, der eigentlich den Beruf des Elektrikers anstrebt, seine ersten Feiern, wo er mitunter die von Herc erfundenen Loops übernimmt.

Schon kurz nach seiner Geburt 1958 siedelt seine Familie von Barbados in die USA über. Wie seine Liebe zu Schallplatten aller Art zustande kommt, erzählt Flash dem US-Radiosender NPR: "Bei uns zu Hause gab es drei eiserne Regeln: Geh nicht an den Plattenschrank deines Vaters, geh nicht ins Wohnzimmer und fasse schon gar nicht die Stereoanlage im Wohnzimmer an! Wenn mein Vater zur Arbeit ging, wartete ich nur, bis die Tür zufiel, holte mir einen Stuhl aus der Küche, öffnete auf dem Stuhl und den Zehenspitzen stehend den Plattenschrank und holte dieses schwarze Stück Plastik mit diesen Rillen hervor. Dann machte ich es wie mein Vater, wenn er gestresst von der Arbeit kam: Ich setzte mich in den Sessel und hörte mir die Platte an. Es hat mich damals schon fasziniert, wie Musik in diesen schwarzen Rillen leben kann."

Etwa 15 Jahre später veröffentlicht er mit den Furious Five selbst seine ersten Singles auf schwarzem Kunststoff. Allerdings floppen "We Rock More Mellow" oder "Superrapin". Der Erfolg tritt erst ein, als sich die Band entschließt, zu Sugarhill Records zu wechseln, wo 1980 mit "Freedom" die erste LP erscheint.

Das Sextet findet zusammen, als sich die Parties und vor allem die verrückten und damals einzigartigen Techniken des jungen Flash herumgesprechen. Immer mehr MCs kommen zu seinen Blockparties, um über seine Beats zu rappen. Zunächst als Grandmaster Flash & The 3 Mc's mit Cowboy und dem Brüderpaar Kid Creole und Melle Mel unterwegs, schließen sich wenig später Mr. Ness, der sich später Scorpio nennt, und Raheim an.

Damit ist mit Grandmaster Flash and The Furious Five nicht nur die erste klassische Hip Hop-Band überhaupt geboren, sondern zugleich der Grundstein zum Oldschool-Rap gelegt. Trotzdem machen andere die erste Rap-Platte. Die Sugarhill Gang veröffentlicht 1979 "Rapper's Delight", noch bevor Flashs erste Singles erscheint. Ein unerwarteter Erfolg tritt ein, die Scheibe verkauft sich zwei Millionen Mal.

Der eigentliche Durchbruch gelingt Flash erst 1982 mit der legendären, schon längst zum Klassiker aufgestiegenen Single "The Message" und der gleichnamigen LP. Wie auch mit allen folgenden Platten erntet Flash zwar viel Ruhm und Ansehen, Verkaufsschlager landet er jedoch keine. Als mit Melle Mel Ende der 1980er schließlich der beste Rapper der Furious Five aussteigt, um seine Solokarriere zu starten, verliert die Karriere des Grandmasters endgültig an Fahrt. Zwar meldet sich Flash in den 1990ern immer mal wieder zurück, die Resonanz bleibt jedoch verhalten. Erst 1999 erregt er mit "1,2,3,...Rhymes Galore" zusammen mit Tomekk und Flavor Flav zumindest in Deutschland wieder Aufsehen.

Trotz dieser langen Flaute bleiben die Ehren der Musikindustrie nicht aus. 2003 empfängt er den Billboard Music Award, 2007 bekommt er mit seinen Furious Five als erste Hip Hop-Band überhaupt einen Platz in der Rock'n'Roll Hall of Fame. Wenig später folgt unter anderem eine Auszeichnung für sein Lebenswerk von der RIAA.

Zu diesem Zeitpunkt verdingt sich Flash bereits als DJ einer wöchentlichen Sendung bei Sirius Radio. Doch es kribbelt nach wie vor: Rund 20 Jahre nach seiner letzten Album-Veröffentlichung gibt sich der legendäre Master Of Ceremony 2009 wieder die Ehre. Auf "The Bridge: Concept Of A Culture" tummeln sich haufenweise illustre Gäste und Fans wie Snoop Dogg, Q-Tip, Busta Rhymes, KRS-One und Big Daddy Kane.

Sein Lebenswerk formuliert Flash bei der Dankesrede der Billboard Music Awards selbst am besten: "Ich erfand die Wissenschaft, die herausfinden will, wie ich den verdammt nochmal zu kurz geratenen Teil einer Platte, so weit verlängern kann, wie ich will." Angesichts dessen spielt es keine Rolle, ob er das Scratchen erfunden hat oder nicht. Flash hat es erst bedeutend gemacht.

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