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Man kennt ja diese Gespräche unter Insidern. "Wer ist für dich der beste deutsche Rapper?", fragt man seinen Gegenüber und tritt schnell eine Diskussion über Style, Skills und Flows los. "Savas auf jeden Fall. Warte. Samy ist auch unglaublich gut!"
Eine Antwort, die jede Diskussion ins Stocken geraten lässt, ist der Name Max Herre. "Max Herre? Der Freundeskreis-Frontmann, Hobby-Historiker, Rio Reiser-Fan und Deutschrap-Sänger?" Ja, all das, vieles mehr und – neben Savas und Samy – der beste Rapper Deutschlands.
1973 in Stuttgart geboren, ist es Max Herre, der deutschsprachige Musik nachhaltig bereichern soll. In erster Linie durch seine Band Freundeskreis, die nicht nur außergewöhnlich hochwertige Musik zu schaffen weiß, sondern damit auch kommerziell große Erfolge feiert.
Max ist aber eben nicht nur Frontmann von Freundeskreis. Er ist außerdem Produzent, Verleger, Regisseur und lange Zeit A'n'R bei Four Music.
"Alles fing an mit der Gitarre meines Vaters ...", so die erste Zeile vom Freundeskreis-Track "Erste Schritte", der wahrscheinlich treffendsten Biografie des Multitalents. Neben der ersten eigenen Band Seedless Jam nennt er hier die Entwicklung der Hip Hop-Szene in Stuttgart, die sich schließlich in der Gründung der Kolchose, einem losen Zusammenschluss gleich gesinnter Künstler, manifestiert.
Später sieht Max in ihr "eine Zweckgemeinschaft für Stuttgarter Hip Hop-Verliebte", die ohne diese Bündelung der gemeinsamen Kräfte völlig untergegangen wären. Aber nicht nur der erste Schritt, der Griff zur Gitarre, formt Max Herre zu einer Ausnahmeerscheinung im Rapzirkus.
Schon von Anfang an ist sein Fokus nicht auf engstirniges Boom Bap oder einseitige Lyrics gesetzt. Udo Lindenberg gilt als einer seiner stärksten Einflüsse - das zeigt die musikalische wie auch geistige Offenheit, die Max an den Tag legt.
In erster Linie ist es das musikalische Elternhaus, das dem jungen Max die Richtung vorgibt. Sein Papa als eifriger Plattensammler und die Mama, die selbst als Sängerin arbeitet. So mausert sich die Musik zur Beschäftigung Nummer eins in Max' Leben.
In der Schule wird häufig gespielt und gejammt, im Deutschunterricht schreibt Max nicht einfach nur ein Gedicht als Hausaufgabe, sondern trägt es zu einem Instrumental rappend vor. Schließlich vergrößert sich auch sein musikalischer Bekanntenkreis.
Am produktivsten entwickelt sich das Zusammentreffen mit dem Instrumental-Musik Produzenten Philippe Kayser, der trotz einem Altersunterschied von über zehn Jahren mit Max auf einer Wellenlänge liegt.
Auch der renommierte Stuttgarter Produzent DJ Friction tritt in den Kreis, und es entsteht die gemeinsame Band Freundeskreis. 1996 erscheint die erste Single auf Groove Attack und findet in der Szene große Beachtung.
Sogleich werfen die Deutschrap-Pioniere Die Fantastischen Vier mit ihrem Label Four Music ein Auge auf das Kollektiv und bekunden großes Interesse. Kurzerhand unterschreibt das Trio einen Vertrag, und 1997 erblickt "A-N-N-A" das Licht der Welt.
Der Track ist lediglich eine überarbeitete, etwas schnellere Version der Debütsingle aus dem Jahr davor. Trotzdem oder gerade deswegen toppen die Verkaufszahlen jegliche Erwartungen und brechen die 250.000er-Marke.
Plötzlich sind Freundeskreis in aller Munde, und Max steht als gutaussehender und intelligenter Lockenkopf in Deutschlands Rampenlicht. Es folgt ein Zusammentreffen mit Sékou, einem weiteren Stuttgarter Rapper, der das Trio auf dem Debüt-Album "Die Quadratur Des Kreises" als Gast komplettiert. Deutscher Politrap von unglaublicher musikalischer Qualität ist geboren, und Stuttgart rückt ins Zentrum des teutonischen Rapfokus.
Zwei weitere Singles zeigen die musikalische Bandbreite Max Herres. "Tabula Rasa", eine Kollaboration mit Gentleman und Mellowbag, feiert große Erfolge als erster deutscher Battle-Rap in den Top 10. Und "Halt Dich An Deiner Liebe Fest", eine Rio Reiser-Coverversion, behauptet sich als erste Roots Reggae-Platte in den Top 40.
1999 kommt der Zeitpunkt, um alle musikalischen und sprachlichen Grenzen niederzureißen. Das Album "Esperanto" erscheint, mehr als 300.000 Exemplare gehen über den Ladentisch. Die Karriere von Freundeskreis erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt, nebenbei kommt es zu einer einschneidenden Begegnung in Max' Privatleben.
Auf der Suche nach einer Sängerin für den Song "Mit Dir" trifft er auf Joy Denalane. Die Chemie zwischen beiden stimmt von Beginn an, und es scheint, als habe Max die sanfte R'n'B-Liebesballade nur für Joy geschrieben. Die beiden verlieben sich, räkeln sich im Video malerisch auf einer griechischen Insel und sind das neue Traumpaar in der hiesigen Black Music-Welt.
Aus unzähligen Live-Auftritten entsteht im folgenden Jahr die Platte "En Directo" unter dem Namen FK-Allstars. Mehr als 15 Künstlern schaffen eine der besten deutschen Live-Platten, im gleichen Line-Up beehren die FK-Allstars die größten Festivals mitteleuropäischer Gefilde (Rock im Park, Rock am Ring, ...).
Unter anderem dabei sind die Rapper und Sänger Gentleman, Afrob, Sékou, Joy Denalane, Brooke Russel und natürlich Max selber. Instrumental unterstützen sie Frank Kuruc, Thommy Wittinger, DJ Friction und viele mehr.
Der Erfolg ist unbestreitbar, doch Max kommt mit dem zunehmenden Druck von Seiten der Medien nicht klar. Stets versucht die Öffentlichkeit, ihn in bestimmte Schubladen zu stecken und ihm die abstrusesten Etiketten anzuheften.
Letztlich gipfelt das Spiel der Medien in einem Artikel der Jugendzeitschrift Bravo, die Max als der "Jesus von Benztown" betitelt. Als Abrechung mit der Presse nimmt Max den Song "Exklusivinterview" gemeinsam mit Afrob auf, den er auf dem Four Music Sampler "Four Elements" veröffentlicht.
"Du schreibst einen Dreck über mich, ich schreib einen Track über dich. Der Unterschied ist, meine Raps lügen nicht." Der Text verdeutlicht das Problem, das Max mit den Medien hat.
Um dem Rummel um seine Person zu entfliehen, zieht sich Max mehr und mehr aus dem öffentlichen Licht zurück und widmet sich anderen Aufgaben. Joy Denalane bringt das erste gemeinsame Kind - Isaiah - zur Welt und Max konzentriert sich auf die weitaus weniger Aufsehen erregende Arbeit als Produzent. Im nächsten Jahr widmen sich beide dem eigenen Kind und dem Debütalbum von Joy.
2002 ist "Mamani" fertig, und es stellt sich schnell heraus, dass sich die lange Entstehungszeit gelohnt hat. Das erste echte deutsche Soulalbum einer Sängerin verkauft sich 130.000 mal und erringt drei Echo-Nominierungen.
Unterdessen vergrößert sich die Familie um den zweiten Sohnemann Jamil. Während der Produktionszeit für das Album kehrt Max mitsamt Familie auch seiner Geburtsstadt den Rücken zu und zieht nach Berlin. Für den eingefleischten Schwaben sicher keine leichte Entscheidung, die er damit begründet, dass es für die Familie und die Musiklaufbahn besser sei.
Fast fünf Jahre nach dem letzten Studioalbum ist es schließlich Zeit für Max, sein Talent erneut unter das Volk zu bringen. Im September 2004 veröffentlicht er sein selbstbetiteltes Solodebüt, auf dem er eine Vielzahl verschiedenster Genres miteinander vereint.
Um dem Publikum den Namen Max Herre wieder in den Sinn zu rufen, begibt er sich davor auf eine weitreichende Promotour. Dabei passen seine Auftritte nicht nur perfekt in das Line-Up von Hip Hop-Festivals wie dem Splash! oder dem Hip Hop Open. Auch auf anderen Großereignissen behauptet sich Max, immer wieder beweist er eine musikalische Offenheit, die kaum ein anderer Künstler mit Rapbackground an den Tag legt.
Im April 2006 gründet Max mit seiner besseren Hälfte Joy, Götz Gottschalk und Sophie Raml das Label Nesola (Esperanto: nicht allein). Das Album "Born" von Joy Denalane, das im August 2006 erscheint, ist die zweite Produktionsarbeit des Freundeskreis-Frontmanns.
Acht Jahre nach dem gemeinsamen Hit "Mit Dir" und nach vier Jahren Ehe trennen sich Joy und Max. Sie gehen aber - zumindest musikalisch - nicht streng getrennte Wege: Gemeinsam sind sie 2007 auf Tournee mit dem Freundeskreis, bevor sich Herre wieder Soloplänen widmet, die 2009 in das Singer/Songwriter-Album "Ein Geschenkter Tag" münden.
Vier Jahre nach der Trennung finden Max und Joy 2011 dann auch privat wieder zusammen und sind fortan im zweiten Versuch liiert. Zu dem Zeitpunkt arbeitet längst an seinem nächsten Soloalbum "Hallo Welt!".
Für viel Gesprächsstoff sorgt dabei neben seiner Rückkehr zum Sprechgesang auch die illustre Gästeliste. U.a. Aloe Blacc, Samy Deluxe, Cro und Clueso bereichern die Platte, die im August 2012 über Nesola und Universal Music erscheint.
Gerade bei alteingesessenen Hip Hop-Fans sorgt die Platte natürlich für Begeisterung, doch das war Max Herre im Vorfeld nach eigenen Angaben egal. "Das Studio ist das Studio", erklärt er im laut.de-Interview. Er sei in aller erster Linie sich selbst verpflichtet, wenn er Musik mache. "Ich will was machen, was mir gefällt. Und von dem ich das Gefühl hab, dass ich das bin und dass mein Name da zurecht drauf steht."
Über Alter Egos im Rap, das neue Album "Hallo Welt!" und Features mit Aloe Blacc, Cro und Marteria.
Natürlich spaltet Max Herre auch mit seinem dritten Soloalbum wieder die Massen. Eine Tatsache versetzte aber zumindest die zahlreichen Freundeskreis-Fans und langjährigen Anhänger schon lange vor Release in kollektiven Jubel: Während der Produktionsphase zu "Hallo Welt!" fand der gebürtige Stuttgarter nicht nur zu seiner Lebensgefährtin Joy Denalane, sondern auch zur alten Liebe zum Rap zurück.
Warum er die Wiederaufnahme des Sprechgesangs weniger als Rückkehr, denn als logische Konsequenz betrachtet, erklärte der zweifache Vater ausführlich im Telefoninterview. Außerdem sprach er über Marsimoto, die prominenten Featuregäste auf "Hallo Welt!" sowie die restlose Befreiung aus dem Konzept des letzten Albums.
Deine Singer/Songwriter-Platte "Ein Geschenkter Tag" von 2009 hat gerade unter Hip Hop-Fans recht stark polarisiert. Wie hast du denn die Reaktionen erlebt? Kam da viel Gegenwind bei dir an?
Gar nicht mal so viel. Auf die Konzerte kommen ja die Menschen, die es mögen. Und wer es nicht mag, kommt eben nicht. Daher war ich doch eher mit jenen konfrontiert, die damit etwas anfangen können. Natürlich spürt man, dass es Leute gibt, die etwas anderes erwartet haben, aber das hat mich nicht so wahnsinnig beschäftigt. Ich wusste ja auch schon bevor ich das rausgebracht habe, dass manche nicht damit rechnen.
Aber ich denke, ich habe auch schon davor und zu Freundeskreis-Zeiten gezeigt, dass es nicht immer meine erste Erwägung ist, mit der Erwartungshaltung der Menschen umzugehen. Sondern einfach die Musik zu machen, die ich gerade machen will und mit der ich mir treu bleibe.
Ich werde das öfters gefragt, auch im Hinblick auf das nun erscheinende Rapalbum. "Ein Geschenkter Tag" bedeutet mir aber nach wie vor etwas. Weil es einfach das war, was ich zu dem Zeitpunkt machen wollte. Mit dem ich mich am besten ausdrücken und mir am gerechtesten werden konnte. Deshalb ist das so entstanden.
Hast du dir keine Sorgen gemacht, mit der Rückkehr zum Rap wiederum allzu sehr das zu tun, was die Leute von dir erwarten?
Das Studio ist das Studio. Und ich bin in allererster Linie mir selbst verpflichtet, wenn ich Musik mache. Ich will machen, was mir gefällt. Und von dem ich das Gefühl habe, dass ich das bin und dass mein Name da zurecht drauf steht. Für mich war das auch nicht so sehr eine Rückkehr, für mich gehts eher weiter. Ich mache ein Projekt und meist ergibt sich daraus das nächste.
Manchmal ist Musikmachen wie ein Pendel: Wenn man was ganz kleines gemacht hat, macht man beim nächsten Mal was orchestrales. Oder wenn man was ruhiges gemacht hat, hat man Lust auf was lautes. Bei mir war es wohl auch so. Ich habe mit "Ein Geschenkter Tag" ein komplett akustisches Album gemacht und hatte Lust auf Gesang. Dabei habe ich vieles, was ich an musikalischen Reflexen habe und viele Dinge, die ganz natürlich kommen, bewusst außen vor gelassen. Und das war bei "Hallo Welt!" überhaupt nicht so.
Die letzte Platte war ein Konzeptalbum. Es musste alles an der Gitarre entstehen. Wir haben es in einer Woche aufgenommen und es gab zu jedem Song maximal zwei, drei Takes. Von so einem Konzept habe ich mich diesmal freigemacht. Ich sage nicht mehr: Es muss auf die oder die Art passieren und es muss die oder die Sache dabei herauskommen. Ich habe einfach die Filter erst mal ausgeschaltet und dann ist das eben nach und nach entstanden.
Gab es denn ein spezielles Erlebnis, von dem an du wieder Bock auf Sprechgesang hattest?
Nee, das war alles ein Prozess. Um das letzte Album zu verstehen, muss man wissen, dass es eigentlich auch ein Rap-Album werden sollte. Aber als ich dann angefangen habe, Musik dafür zu machen, habe ich nicht mehr nach Sample-Quellen gesucht. Sondern eher geschaut, was Folk-Musiker und Singer/Songwriter an Sounds haben, die ich verwenden kann.
Und dann habe ich angefangen, Beats zu machen. Mit Samon und Roberto, mit denen ich das immer noch mache, wir heißen KAHEDI. Wir spielten eben eher folkiges Zeugs, haben geloopt und ich hab drüber geschrieben. Ich hab dann gemerkt, dass ich die Dinge mit dem, was ich in den Refrains singe, auf den Punkt bringe. Und deshalb diese Rapstrophen nicht mehr brauche.
Rap ist ja etwas sehr faktisches, narratives. Du erzählst was und gibst viel preis. Und ich wollte damals zwar emotional etwas preisgeben, jedoch keine Fakten, die niemanden außer mir was angehen. Das ist für mich allerdings eine kohärente Entwicklung. Ich sehe es also nicht als Abkehr vom Rap, insofern ist es jetzt auch keine Rückkehr.
Du erwartest aber schon, dass die Stücke auf "Hallo Welt!" wieder deutlich mehr Menschen ansprechen werden, als die Singer/Songwriter-Stücke?
Ja, ich merke schon, dass sich da etwas angestaut hat. Dass die Leute diesen rappenden Max mögen, der in letzter Zeit aber nicht da war. Und an diese Stelle ist ja auch niemand anderes gerückt. Ich denke also schon, dass die meisten da große Lust drauf haben. Allerdings nicht, dass sie keine Lust auf andere Einflüsse haben. Ich habe schließlich nie puristischen Boombap-Hip Hop gemacht. Sondern es hat immer davon gelebt, dass es Brüche gibt und dass thematisch wie musikalisch alles erlaubt ist.
Ich glaube, dass die Leute grundsätzlich gerade wieder Lust auf Hip Hop haben. Weil sie merken, dass es die ein oder andere Platte gibt, die sie anspricht, auch wenn sie nicht hundert Prozent Hip Hop ist. So war es ja auch in den Neunzigern: Da hatte jeder eine Tribe-Platte. Aber daneben stand auch die Nirvana-Platte. Das kehrt gerade ein bisschen wieder und ich finde, dass mein Album da auch seinen Platz hat. Dass sie Rap einfach wieder breiter und interessanter für alle musikinteressierten Leute macht.
Das letzte Album war eben ein sehr persönlicher Moment, den es nicht zu teilen galt. Diesmal hatte ich total Lust, in verschiedenen Konstellationen Musik zu machen. Und eben beides zu leben: Sowohl diesen Frontmann Max Herre, als auch den Producer. Wenn ich ein Instrumental habe, macht es einfach Spaß, sich vorzustellen, wer darauf jetzt gut klingt und den Song besser macht. Und wem ich etwas auf den Leib schreiben oder produzieren kann, um ein homogenes Gebilde zu schaffen.
Das ist eben der Luxus, den ich als Musiker habe. Wenn wir einen Soul-Song wie "Vida" bauen, kann ich mir eine Soulhook vorstellen, muss sie aber nicht selbst singen. Sondern kann einfach Joy (Denalane, Anm. d. Red.) oder Aloe Blacc fragen. Da weiß ich, dass ich musikalisch das bekomme, was ich will. Oder wenn ich ein Zerstörer-Rap-Ding mach und Samy anrufe, weiß ich gleich: Das wird genau das werden, was ich mir wünsche. Dieser Spaß am gemeinsamen Musikmachen war die Motivation.
Stichwort Aloe Blacc: Aus meiner Sicht stellt er eines der interessantesten Features der Platte dar. Wie kam es denn zu der Zusammenarbeit?
Wir haben uns vor fünf Jahren auf dem Splash! kennengelernt. Später war er in Berlin, um mit meinem KAHEDI-Kollegen Samon Kawamura für dessen vorletztes Studioalbum zusammenzuarbeiten, das auch bei unserem Label Nesola rauskam. Damals war er noch Rapper bei Stones Throw.
Dann hatten wir das "Vida"-Ding rumliegen und ich hab angefangen, zu schreiben. Das war ein Oldschool-Ding, es klang ein bisschen nach Memphis Soul. Wir wollten es dann aber nicht bei dem Loop-Ding belassen, das man so von Wu Tangs RZA kennt, sondern haben eine komplette Bridge mit Bläsern gebaut. Sounds derart aufzubrechen, macht mir großen Spaß. Da denken die Leute die ganze Zeit sie hören einen Loop und merken dann: Aah, nee, die spielen ja wirklich!
Und dann hatte ich eben Aloe Blacc im Ohr, weil er diese unglaubliche Soulstimme hat. Er ist in meinen Augen kein R'n'B-, sondern ein klassischer Soulsänger. Dann haben wir ihn gefragt und es herrschte erstmal Funkstille. Er hatte nicht wirklich Zeit, weil er viel unterwegs war.
Vier Monate später rief er plötzlich an und meinte: Hey, ich bin übermorgen in Düsseldorf. Könnt ihr'n Studio klar machen? Dann haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt und sind nach Düsseldorf gefahren. Im Studio haben wir erst "Vida" aufgenommen und anschließend gleich noch "So Wundervoll" drangehängt.
Haben dir denn auch Wunschfeatures abgesagt?
Nee, nicht wirklich. Manche Sachen kommen halt nicht zustande, aber dann kommt auch der Song nicht zustande. Aber die Leute, mit denen ich was machen wollte, sind schon drauf.
Du hast auch Künstler auf der Platte, die mit Sicherheit sehr zu dir aufschauen, z.B. Cro. Marteria erwähnt dich in seinem Part sogar als eines der Vorbilder seiner Jugend. Schlägt sich dieser große Respekt auch in der Zusammenarbeit und im Miteinander nieder?
Der Respekt ist ja gegenseitig. An dem Punkt, an dem ich jemanden ins Studio einlade, hole ich ihn für seine Qualität. Damit ist auch schon diese Augenhöhe hergestellt. Mit Marten sowieso, weil er einfach ein sehr selbstbewusster Künstler ist. Und Cro kam mit ziemlich vielen Leuten aus Stuttgart im Schlepptau, die wir eben beide kennen. Eine Art Zwischengeneration, die so sieben oder acht Jahre älter ist als er.
Ich kannte diesen Kodimey noch, ein Chimperator-MC, der da jetzt auch Business macht. Dann hatte er noch Vasee dabei, den ich noch vom Weggehen in Reutlingen in Erinnerung hatte. Da war sozusagen gleich eine Brücke da. Sicherlich auch ein gewisser Respekt, aber es geht ja auch darum, es den Leuten nett zu machen. Und eine gute Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen. Ich hatte den Song "Fühlt Sich Wie Fliegen An" fertig und habe für ihn einfach diesen Achter freigelassen. Das ging dann relativ reibungslos.
Und Clueso kam dann extra noch drauf?
Ja, ich hatte diese Line "So leicht muss Liebe sein" und dachte, das klingt wie Cluesen. Das hätten danach eh alle gesagt, also kann ich ihn gleich holen (lacht). Er hatte mich ja schon bei seiner letzten Platte für den Song "Ey Der Regen" angerufen, damit ich diese Zeile "Immer wenn es regnet" neu einspreche. Und dann hab ich diesmal zurückgerufen und gesagt: Du schuldest mir noch eine Line. Das ist eigentlich schon die Story.
Nee, eigentlich nicht. Besser gesagt: Die Sachen, die mich nerven, nehme ich nicht wirklich wahr. Und gebe ihnen vor allem keine Plattform in meinen Interviews. Das ist ja mein Platz. Aber nee, ich muss schon sagen, dass ich es aktuell sehr gut finde. Ich hab beim Hip Hop Open gespielt, ich hab beim Splash! gespielt. Das sind beides Veranstaltungen, die es ewig gibt und beide hatten dieses Jahr Besucherrekord.
Und auf beiden Festivals bin ich vor ein paar Jahren backstage rumgelaufen und hab mich nicht so wohlgefühlt, weil die Stimmung schlecht war. Das hat sich auf jeden Fall verändert. Es ist wieder ein größeres Miteinander. Manche Leute mag man mehr, manche weniger, manche Musik feiert man mehr, manche weniger.
Aber es ist nicht mehr dieses sich über den Beef Definieren. Oder über die Respektlosigkeit gegenüber anderen. Ich hab prinzipiell nix gegen diese Battle-Kultur, das ist alles cool. Aber es ist schon angenehm, dass im Moment der Respekt davor vorhanden ist, dass jeder sein Ding macht.
Du hast kürzlich im Mixery Raw Deluxe-Interview erklärt, dass es dir bei Rap weniger darum geht, aus welcher Richtung die Leute kommen. Sondern darum, ob die Künstler glaubwürdig sind oder nur ein übergestreiftes Image haben. Wie stehts denn beispielsweise mit Kollegah, der als Rapper ja doch recht offensichtlich eine Rolle spielt, die mit seinem Privatleben nicht allzu viel zu tun hat?
Kollegahs Sachen kenne ich zu schlecht, um künstlerisch und musikalisch darüber zu urteilen. Aber über diese Idee vom Alter Ego im Rap kann ich was sagen. Eminem ist mit Marshall Mathers ja auch ein Vorreiter davon geworden. Du schaffst dir ein Alter Ego an und kannst darüber die Enttabuisierung deiner Lyrics rechtfertigen. Du kannst Mütter beschimpfen und mal Fucker-Raps schreiben und was weiß ich - du bist nicht haftbar. Weil du ja immer sagst: Das ist nur mein Alter Ego, das bin ich ja gar nicht.
Das finde ich total uninteressant. Für mich ist Musik interessant, wenn sie greifbar ist. Wenn der Mensch, der sie macht, darin auch spürbar ist. Deswegen gefällt mir diese ganze Alter Ego-Geschichte nicht besonders.
Ist Marsimoto da die Ausnahme?
Ja. Es gibt ja Marteria und es gibt Marsi. Ich feier das auf jeden Fall. Aber ich weiß nicht, ob ich es so feiern würde, wenn es nur Marsimoto gäbe. Ich mag das auch, weil ich ja die Zutaten kenne, also Quasimoto. Das fand ich immer cool.
Ich finde, dass Marten da ein Hammerding draus gemacht hat, weil er unglaubliche Storys erzählen kann. Da ist er tatsächlich 'ne Ausnahme. Insofern, dass ich das bei ihm wirklich als Kunstform ansehe. Die Geschichten, die er erzählt sind total kunstfertig.
Es ist was anderes, wenn Leute als Alter Ego diese chauvinistische Gangsterstory verbreiten. Ich hab das und das, mach das und das und ich schieß dir den Kopf weg und bla bla bla. Wenn jemand aber über Walfische, ein Paar Ski, Indianer oder Pinguine rappt, hat das für mich nochmal eine andere Kunstfertigkeit. Und ist damit auch gerechtfertigt.
Du wirst nächstes Jahr 40. An welchem Punkt deiner Karriere siehst du dich momentan?
Ganz am Anfang! (lacht)
Ich krieg hier reingerufen: letzte Frage. Kriegen wir das hin?
Ja, dann zum Schluss noch ein kleiner Themawechsel. Im Moment tobt eine Debatte über das künstlerische Urheberrecht. Verfolgst du sie? Und wenn ja, macht sie dir Angst?
Ich verfolge diese Debatte partiell. Angst? Ich weiß nicht. Ich finde sie teilweise schon nachvollziehbar, denn man muss sich über die Handhabung der strukturellen Sachen mal einige Gedanken machen. Da besteht auf jeden Fall Gesprächsbedarf. Grundsätzlich in Frage zu stellen, dass die Arbeit der Musiker irgendwie entgeltet werden muss, finde ich aber nicht okay. Man sollte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Ganze eben Geld kostet und dass man dafür auch was verdienen muss. Darüber sollten sich die Leute auf jeden Fall Gedanken machen.
Und darüber, dass das bei der Musik moralisch so anders verstanden wird: Wenn man in einem Laden einfach irgendwas mitnimmt, hat man ein ganz anderes Unrechtsbewusstsein, als wenn man sich irgendwo Musik holt. Diese Kriminalisierung der Leute finde ich Quatsch. Aber umgekehrt würde ich gerne eine Debatte über das Bewusstsein führen.
Natürlich ist nicht alle Musik gleich viel wert. Wenn du auf Mixtape-Level etwas machst und einfach gratis anbietest - okay, cool. Aber bei einer richtigen Produktion geh ich ja eineinhalb Jahre mit mehreren Leuten ins Studio, kann in der Zeit kein anderes Geld verdienen und will es auch nicht. Und darüber sollte man sich Gedanken machen, find ich. Denn wenn es keine Budgets mehr gibt, sind solche Platten einfach nicht mehr möglich.
Der FK-Gründer über die Bundestagswahlen, Hip-Hop, Udo Lindenberg und Bob Dylan.
Das zweite Solo-Album von Max Herre "Ein Geschenkter Tag" erscheint zehn Jahre nach "Esperanto", der letzten Veröffentlichung von Freundeskreis. In der Zwischenzeit versuchte sich der Wahl-Berliner an allen möglichen Stilen, um schließlich beim Folk zu landen.
Mittlerweile haben sich auch einige Kollegen des Freundeskreis-Gründers vom Genre verabschiedet: sie machen heute Soul, Funk, spielen Gitarre oder schreiben ein Buch und gehen auf Lesereise. Muss man sich Sorgen machen um den deutschen Hip-Hop? Wir fragen einen, der es wissen muss.
Es ist Mitte September, das neue Max Herre-Album ist noch nicht lange auf dem Markt. Herre befindet sich auf "Radio-Sender-Reise", "klappert die Radios der Republik ab". Mittendrin, auf dem Weg von München nach Augsburg, findet der Musiker Zeit, um mit uns über das neue Album, die Vergangenheit des Freundeskreises und die Zukunft des deutschen Hip-Hops zu sprechen.
Viele Hip-Hop-Künstler haben im Vorfeld der Bundestagswahl ihre Popularität genutzt, um zum Wählen zu animieren. Massiv interviewte Cem Özdemir, Blumentopf riefen mit einem eigenen Song zur Wahl auf, andere outeten sich als Nicht-Wähler ... Inwiefern war das für dich ein Thema? Hast du auch versucht, Fans zum Wählen zu motivieren?
Ja, ich hab das tatsächlich auch gemacht, ohne aber eine Richtung vorzugeben. Ich würde mich hüten, da eine Empfehlung auszusprechen. Ich fand das schon wichtig, und bekanntlich haben wir jetzt auch wieder eine wahnsinnig schlechte Wahlbeteiligung, die schwächste seit vielen Jahren. Das finde ich natürlich schade - auf der einen Seite einfach nur schade, auf der anderen zeigt das natürlich auch, wie wenig die Menschen noch daran glauben, irgendwas bewirken zu können.
Man könnte vermuteten, dass du nach deiner Zeit beim Freundeskreis gar keine Lust mehr hast, mit Journalisten über Politik zu sprechen ...
Nee, eigentlich nicht. Mit dem Thema haben wir alle zu tun. Ich bin nach wie vor ein politisch interessierter Mensch, von daher ist das kein Problem.
Als ich "Ein Geschenkter Tag" zum ersten Mal gehört habe, waren für mich die satirisch verpackten, sozialkritischen Inhalte und die politischen Aussagen auf den ersten Blick das einzige, was von FK-Zeiten übrig geblieben war. Würdest du dem zustimmen? Oder gibt es auch noch viel mehr, was da mit "rübergewandert" ist?
Ja, ich denk schon, dass das auf jeden Fall eine Sache ist. Abgesehen von dem Blick nach Innen auch der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Zur Frage, ob man politisch ist oder nicht: für mich ist Politik ganz einfach das Interesse an der Umwelt, an den Menschen, nicht mehr und nicht weniger. Von daher ist das ein Element, das auch auf "Ein Geschenkter Tag" vorkommt. Es sind allerdings auch viele andere Dinge. Ich bin ja kein grundlegend anderer Mensch, insofern ist da natürlich wieder viel von den alten Sachen drin ...
Ich hab sogar das Gefühlt, dass "Ein Geschenkter Tag" vom Ausdruck und von der Direktheit her wieder an die ganz frühen Freundeskreis-Sachen anknüpft. Dieses Unverstellte: den Filter und die Attitüde, die Coolness einfach mal weglassen. Alles ist sehr direkt, meine Stimme, die Texte. Ich bin einfach bei mir und probiere nicht - wie man das vom Hip-Hop sonst so kennt – mich irgendwie abgrenzen zu müssen.
Wenn das Album – wie du vorhin beschrieben hast – eher aus persönlichen Einflüssen heraus entstanden ist: spielte das dann eigentlich eine Rolle, ob man in Berlin oder Stuttgart schreibt und einspielt?
Es gibt natürlich Sachen, die entstehen nur in einem bestimmten Umfeld. Peter Fox' Album beispielsweise ist einfach ein Berlin-Album. Dieses Urbane, das 'Aus dem Club stolpern' ... das ist diese Platte nicht. Es ist schon eher – außer vielleicht dem Song "Wo Gehen Wir Hin?" – ein Album, das den inneren Zustand widerspiegelt, das Emotionen beschreibt. Dinge, die mit mir zu tun haben, Dinge, in denen sich aber auch andere wiederfinden können.
Ich habe eine Rezension deines neuen Albums gelesen, die endete in etwa mit den Worten: Ein gutes Album, aber so was wie "Quadratur des Kreises" schreibt man nur einmal im Leben. Sind das Momente, in denen man seine Vergangenheit einfach mal abschütteln und unvoreingenommen gehört werden möchte?
Also erst mal stimmt das ja: "Quadratur des Kreises" schreibt man nur einmal, das hab ich mit 22, 23 geschrieben, das spürt man auch. Das ist für mich erst mal gar kein Qualitäts-Urteil. Und dann ist es – wenn du die Frage so stellst – Segen und Fluch zugleich. Segen, weil man immer eine Plattform bekommt, und die Leute einem zuhören, aufgrund der entsprechenden Geschichte, und weil man einem Namen hat. Fluch insofern, als man von Anfang an in einer Schublade steckt. Deutschland ist sehr geprägt vom Schubladen-Denken. Es ist eben auch anders als in England, dort gibt es vielleicht 30 oder 40 Schubladen, in Deutschland gibt's fünf (lacht). Insofern ist das sicher schwieriger, sich frei zu machen, weil die Leute einen immer einordnen. Da hätte ich es als Debütant wiederum einfacher gehabt. Aber das hat, wie gesagt, Vor- und Nachteile.
Das ist alles noch zu frisch mit dem Album, aber die wird es sicher geben. Es wird ja niemand zum Anhören gezwungen (lacht). Ich glaube, es ist genau wie du sagst: diejenigen, die früh schon FK gehört haben, schon vor zehn oder zwölf Jahren, die haben sich womöglich auch vom Hip-Hop verabschiedet. Die können, glaube ich, nun anknüpfen – erkennen mich, aber auch das, was ihnen gefallen hat, wieder. Die teilen immer noch ähnliche Sichtweisen und ähnliche Emotionen.
Viele Künstler haben sich vom Hip-Hop verabschiedet: Dennis Lisk aka Denjo fährt mit seinem neuen Album auch eher auf der Singer/Songwriter-Schiene, Jan Delay spielt mal Soul, mal Funk – aber keinen Hip-Hop mehr. Macht man sich da als einer der Pioniere in Deutschland nicht Sorgen um die Zukunft des Genres?
Ich find es erst mal immer positiv, neue Sachen zu entdecken. Da ist eher Goldgräberstimmung als Angst oder Befürchtung. Am Ende ist es einfach so, dass man sich treu bleiben muss. Ich kann nur machen, was ich fühle, was ich empfinde - in genau diesem Moment. Ich kann mir nicht irgendwas überstülpen. Ich glaube auch, dass es das ist, was die Leute spüren, und einem übel nehmen würden: wenn man nicht mehr authentisch ist in dem, was man tut.
Das ist jetzt natürlich ein Scheideweg, das bewegt sich weg vom jugendkulturellen Format hin zu etwas erwachsenerem. Viele Leute wollen und werden diesen Weg mitgehen, andere nicht – dafür wird es wieder Leute geben, die es neu für sich entdecken.
Letztlich ist auch schwierig, darüber so zu theoretisieren. Musik ist nach wie vor von allen Künsten die, die am unmittelbarsten funktioniert, nämlich darüber, ob man es fühlt, oder eben nicht. Trotzdem denke ich, manche Leute könnten mehr für sich entdecken, wenn sie etwas offener wären.
"Alles fing an mit der Gitarre meines Vaters", beschreibst du den Beginn deiner Karriere im FK-Song "Erste Schritte". Ist das neue Album also im Grunde eher Rückbesinnung als völliges Neuland?
Für mich ist das natürlich etwas, das sich ganz vertraut anfühlt. Aber auch FK waren nie bekannt als die Puristen im Hip-Hop. Ich habe immer auch gesungen, wir haben verschiedene Genre ausprobiert, Roots-Reggae oder soulige Sachen. Als ich mit 19, 20 Musik gemacht habe, war Hip-Hop eben die zwingendste neue Musik-Richtung, da wollte man ein Teil von sein. Gut möglich, dass ich, hätte ich zehn Jahre früher angefangen, mehr nach Prince geklungen hätte. Und dass ich zehn Jahre später nahtlos an die Gesangs-Sachen angeknüpft hätte. Man ist immer auch Kind seiner Zeit, und die Zeit geht weiter.
Manche nutzen die Solo-Karriere nach der Band-Erfahrung, um kompromisslos ihre eigenen Ideen durchzusetzen. War das bei dir genau so? Würdest du deine Band, mit der du aufgenommen hast, also als Studio-Musiker, als Statisten deiner Vision beschreiben?
Die Songs sind großteils zu Hause entstanden, und auch nicht immer allein, sondern oft mit Frank Kuruc, einem Gitarristen, mit dem ich schon für Joy, für ihr Album "Mamani", gearbeitet habe. Dann habe ich eine relativ lange Textphase alleine gehabt. Auch mit Sékou habe ich mich während dem Schreib-Prozess zusammengesetzt.
Die Band habe ich zusammengestellt, da waren die Songs soweit fertig, und ich wusste, was ich sound-mäßig will. Trotzdem habe ich die Musiker natürlich so gewählt, dass da auch eine Chemie entstanden ist, eine eigene Dynamik. Es war schon so, dass sie sich auch eingebracht haben, ihre Spielweise und ihre Besonderheiten. Ich hab mich eben in letzter Zeit viel mit Produktion beschäftigt, wo man zwar einen Rahmen schafft, die Leute sich darin aber frei bewegen und einbringen können.
Der Song "Baby Mama Rag" klang für mich so, als ob da improvisiert wurde – und so, als ob da ein paar Leute eine Menge Spaß im Studio hatten.
Absolut. Die Platte ist komplett live eingespielt, wir haben 15 Songs in fünf Tagen aufgenommen, und danach nur noch ausgebessert. Zu dem Song "Baby Mama Rag" hatte ich auch 'ne Skizze gemacht. Und dann war der Song innerhalb einer Stunde im Kasten. Wir waren alle gemeinsam in einem Raum: der Bassist hat seinen Kontrabass ausgepackt, der Pianist hat ein altes Klavier noch mit Gaffa abgeklebt und wir hatten so eine original 30er-Jahre-Snare-Drum. Das war auf jeden Fall eine Spielwiese.
Als ich wieder angefangen hab, Gitarre zu spielen, hab ich "Wir Wollen Doch Einfach Nur Zusammen Sein" oft gesungen. Ich bin ja ein großer Udo-Fan, schon seit meiner Kindheit. Er wird immer eine Rolle spielen, und da dachte ich mir: wenn der Song noch mal irgendwann reinpasst, dann ja wohl jetzt, zum zwanzigsten Jubiläum des Mauerfalls - dass man noch mal versteht, worum es da ganz genau ging. Ich hab den Song Udo gezeigt, und ihm hat er gut gefallen. Er hat auf die Version auch noch eine Strophe eingesungen, das wird die B-Seite meiner neuen Single. Er hat mir erzählt, dass er sich den Song auch wieder angehört hat, und das ist damals wirklich alles so passiert, eine wahre Geschichte: er war drüben, hat dieses Mädchen getroffen, sie haben Sekt getrunken, und dann war es plötzlich nach elf und er musste heim. Das kann man sich heute ja gar nicht mehr vorstellen
Hat sich die Frau nicht auch Jahre später in der Zeitung gemeldet: "Ich war das Mädchen aus Ost-Berlin"?
(lacht) Das hat er mir nicht erzählt, aber ich werde ihn darauf ansprechen. Für mich spielt der Song eben auch wieder eine Rolle, weil ich jetzt in Ost-Berlin wohne. Und man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, in einer geteilten Stadt zu leben, in einem geteilten Land. Geteilt durch eine Mauer, die sich auch durch Familien und Freundschaften zieht. Das ist einfach eine Perversion der Geschichte. Und diese Udo-Hommage ist natürlich auch so eine Tradition, die ich gern mal aufleben lasse.
Was hat Bob Dylan eigentlich für eine Rolle gespielt, vor und während der Aufnahmen?
Ich habe mich in den letzten fünf Jahren immer mehr mit Bob Dylan beschäftigt, und ich muss gestehen: ich hab auch lange gebraucht, bis ich einen Zugang gefunden hatte, weil es zum Teil schon sperrig ist. Irgendwann hab ich "Don’t Think Twice It's Alright" angehört oder "Just Like A Woman", einer von den beiden Songs muss es gewesen sein, und da hab ich es einfach gefühlt. Ich hatte den Zugang zu dieser Art von Lyrik, und einfach verstanden, warum er der wichtigste Songwriter aller Zeiten ist. Es gibt dieses Buch - "Lyrics" - in dem all seine Songstexte auf deutsch und englisch enthalten sind - das ist so eine Art Bibel für Songwriter.
Auch Clueso war für ein paar Songs im Studio dabei, vieles hat mich auch an ihn erinnert. Hat er dich beeinflusst, oder klingt das einfach nur ähnlich, weil du jetzt die Art Musik machst, die Clueso sonst immer spielt?
Also, Clueso macht ja auch nicht schon immer die Art Musik. Das Witzige ist: als er zu Four Music kam, meinten alle: "Oh, das klingt ja alles sehr nach Max und nach FK". Jetzt sehen die Leute das andersrum. Die musikalische Nähe ist mittlerweile zehn Jahre alt. Ich schätze ihn sehr, und mag auch seine Sachen. Ich glaube einfach, dass wir aus den ähnlichen Zutaten unsere Musik gebaut haben, und uns dann auf den Weg begeben haben, der einfach immer mehr in Richtung Songwriting ging.
Eine weitere Ähnlichkeit ist sicher auch der Umgang mit Sprache. Wenn man aus dem Rap kommt, hat man einfach ein bestimmtes Handwerk und ein bestimmtes Gefühl für Metaphern, für Bilder, für Brüche ... Da halte ich ihn für wahnsinnig begabt.
Er kam ins Studio, als wir die Gesangs-Sachen aufgenommen haben. Und als ich bei ihm in Erfurt war, haben wir an ein paar Sachen geschrieben. Es ist ein bisschen was für mein Album entstanden, aber da wird sicher auch in Zukunft noch was kommen ...
Obwohl du auf deinem neuen Album Soul, Funk und Folk kombinierst, klingt es weitaus homogener als dein erstes Solo-Album, auf dem einige tolle Songs waren, das aber irgendwie etwas zusammengewürfelt klang. Kann man rückblickend das erste Album – mit Songs wie "Alter Weg" – als Zwischenschritt zu "Ein Geschenkter Tag" bezeichnen?
Es war auf jeden Fall so eine Art Suche, und das merkt man dem Album an. Ich bin zu der Zeit umgezogen nach Berlin und habe Joys Album produziert - ich war eher in so einer "Produzenten-Stimmung", hab einfach mehrere Sachen ausprobiert. Dementsprechend technischer ist das Album geworden, der rote Faden fehlt so ein bisschen. Ich hab in ganz verschiedenen Konstellationen über einen längeren Zeitraum hinweg aufgenommen, und als genug Songs beisammen waren, hab ich das Album veröffentlicht. Diesmal hatte ich den Wunsch, ein Album zu machen, das mehr aus einem Guss ist. Dann war die Frage, was ich machen will, verschiedene Richtungen gab es ja reichlich auf dem letzten Album. Und dann war diese Art Musik am Ende einfach am stimmigsten. Es war das, was ich gefühlt hatte, und das, was mich am meisten interessiert hatte.
Fühlst du dich in Berlin eigentlich mittlerweile zu Hause? Oder hast du manchmal noch Heimweh nach Stuttgart?
Ich bin immer noch gern in Stuttgart. Meine Eltern wohnen noch da, und mit Sékou einer meiner besten Freunde – es gibt also immer einen Grund, dort zu Besuch zu sein. Wenn ich mit meinen Kindern ihre Großeltern besuche, bin ich mehrere Tage da, manchmal eine ganze Woche. Aber es ist nicht mehr mein Zuhause, in diesem Sinn. Ich bin in Berlin angekommen, ich bin gerne da, und es ist mittlerweile meine Heimat. Meine Infrastruktur ist da, und meine Leute. Für mich ist das heutige Stuttgart natürlich auch nicht mehr die Stadt, die es für mich vor zehn Jahren war.
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