Porträt

laut.de-Biographie

Danger Dan

In der Geschichte von Daniel Pongratz aka Danger Dan geht es viel um Aufbruch und Reise, um die Suche nach dem eigenen Platz in dieser Welt, nach Zugehörigkeit und "Heimat". Im Gespräch fallen oft Sätze wie "Da wollte ich nicht alt werden", "Ich hatte das Gefühl, noch nicht angekommen zu sein" oder auch: "Eigentlich wollte ich immer was anderes." Dann geht es weiter, während der Reisepass immer dicker wird.

Danger Dan ist das, was viele in den schnöden Deutschraplanden, die sich mehr plump als recht einer Ausdrucksform bedienen, der es per se schon oft an Musikalität mangelt, eben nicht sind: durch und durch Musiker. Seine bunte Biografie spiegelt sich in seiner Musik, die wohlklingende Popanleihen mit Protestcharakter, rebellischen Punk mit sensiblen Songwriter-Allüren, Rap mit Kabarett, Lebenshunger mit dem Impetus Null-Punkt verbindet. Ein reflektierter Rebell und selbstkritischer Rapper, der stets Melancholie und Wachsamkeit in seinem Blick vereint. "Ich bin eine stark labile Persönlichkeit. Von mir hört man mehrfach den Satz: 'Ich bin der beste Mensch, den es gibt, ich liebe mich.' Ich sage aber auch oft: 'ich bin so dumm, ich hasse mich.' Beides wechselt so schnell, dass man gar nicht mehr von einer bipolaren Phase sprechen kann, sondern nur noch von einer großen Verwirrung."

Beschäftigt man sich ein wenig mit der Geschichte von Danger Dan, versteht man auch, warum er sich bei der Antilopen Gang, dessen Teil er neben seinem Bruder Tobias aka Panik Panzer seit vielen Jahren ist, so zuhause fühlt. "Antilopen ist grad meine Kernfamilie", sagt er 2015. Aber bis dahin war es ein Stückchen Weg.

Geboren 1983 in Aachen als einer von vier Söhnen ("Zwei Sozialarbeiter, zwei Rapper") wächst Danger Dan in einem Umfeld auf, in dem Musik immer schon eine bedeutende Rolle spielt. Die Jungs musizieren früh mit den Eltern und deren "Hippie-Kumpels". Mit sechs Jahren findet Daniel das Akkordeon seines Großvaters auf dem Dachboden und entdeckt schnell sein Gespür für Harmonien. Die Eltern besorgen ihm ein Klavier und stellen den Kids einen Musik-Keller zur Verfügung. "Unseren ersten gemeinsamen Gig hatten wir auf der Grundschul-Weihnachtsfeier: Tobi am Schlagzeug, ich am Klavier. Wir haben 'Let It Be' von den Beatles gespielt.". Die Eltern inspirieren ihn nicht nur musikalisch, sondern stärken auch früh die linke Gesinnung der Jungs. "Meine Eltern waren Linke, vielleicht sogar linksradikal – auch wenn sie sich selbst so vielleicht nicht nennen würden. Mein Vater hat in einer Politrockband gesungen und gespielt - mit langem Bart und E-Gitarre. Fand ich als Kind geil so 'ne Rockband." Mit der und den Jungs im Schlepptau spielt Vater Ludwig - später Professor für Pädagogik - auf diversen Demos gegen Kampfflugzeugeinsätze oder den Irak-Krieg. Die linke Haltung behält Danger Dan auch später, knutscht mit Feine Sahne Fischfilet-Sänger Monchi, um die homophoben Hinterwäldler unter seinen Fans zu verjagen, bewirft Jürgen Elsässer im Traum mit Ketchup und Senf und rebelliert gegen Montagsdemos, Faschos und Bullenschweine.

Im Laufe seiner Jugend rutscht er in diverse Bandkontexte, spielt über einige Jahre als Pianist in einem Funk-Ensemble ("Die Welt war noch nicht soweit.") und ist Sänger einer Punkband. Parallel dazu begeistert er sich früh für Hip Hop: "Mein ältester Bruder kam mit Cypress Hill und Wu-Tang an. Wir haben uns alle vor einen Kassettenrekorder in den Kreis gesetzt, Beats laufen lassen, reingerappt und gefreestylt. Da gibt's Aufnahmen von Panik Panzer, da war der noch nicht mal im Stimmbruch und erzählt da übelst krasse Sachen über Koks und so. Richtig abgefahren.", erzählt er lachend. 2001 freestylt er auf dem Wall Street Meeting in Wiesbaden. "Aber ich hab nie irgendwas aufgenommen und immer gedacht: das ist nicht genau das, was ich will."

Offen für alles arbeitet er beim Versuch, das Abitur zu erlangen, neben dem Besuch von zehn verschiedenen Schulen u.a. als Betreuer in einem Kinderheim, Drogendealer, Statist der Seifenoper "Marienhof", Studiopianist, Komponist und Autor für Kindertheaterstücke und Lehrer für Zirkus-Kinder und ist als Musiker mit einem Puppentheater in Ostafrika unterwegs.

Einmal besorgt ihm seine damalige Freundin einen vorübergehenden Job als Anzugverkäufer bei C&A. Kurz vor Ablauf des Arbeitsverhältnisses, irrt er sich auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch beim Handyladen nebenan in der Tür und landet als Leiter dreier Arcor-Filialen in und vor Aachen. Dass er bei C&A keine maßgeschneiderten Anzüge verkauft, sondern nur Schlipse sortiert, muss ja keiner wissen. "Ich hab einfach drauflos gelabert und behauptet, ich könne alles verkaufen. Das wiederum habe ich sehr gut verkauft." Er macht richtig Asche, fährt jeden Tag mit dem Taxi zur Arbeit und stellt all seine Kumpels ein. Als eines Morgens drei Arcor-Filialen nicht auf machen, weil die Polizei einen Gras-Ticker-Ring geknackt hat, ist es damit leider vorbei. "Das konnte ich nicht erklären.", erzählt er belustigt.

Drei Filialen weniger aber um einen ordentlichen Geldpuffer reicher, schreibt er sich mit seinem 11.Klasse-Fachoberschule-Halbjahreszeugnis an der Uni in Maastricht/Niederlanden ein, um Musiktherapie zu studieren. Auch hier stehen einer geradlinigen Studienlaufbahn aber seine Zappelbeine im Weg und er steigt nach einigen Monaten von der Uni direkt in den Tourbus zu Reggae-Musiker Sebastian Sturm.

Mit dem freundet sich Danger Dan 2005 an, als die beiden Pongratz-Brüder für einen Gig auf dem Fusion eine Band suchen. "Ich kannte den gar nicht gut, aber hab ihn in der Kneipe angesprochen, ob er nicht Bock hat, mitzumachen." Einen Monat später bekommt Sebastian Sturm einen Plattenvertrag und obwohl Daniel mit Reggae anfangs nichts am Hut hat, aber eben wieder von der Schule geflogen ist, wird er Teil der Jin Jin, einer alten und erfahrenen Reggaetruppe aus Aachen, in deren Mitte er als Teil der kleinstädtischen Musikszene erstmals wirklich ernstgenommen wird.

Nach dem gescheiterten Studienversuch tourt er als Keyboarder und Backgroundsänger mit dem Sturm-Ensemble durch Frankreich und arbeitet nebenher in Aachen als Musiklehrer einer externen Hauptschulklasse. Unabhängig von den Jin Jins merken Sebastian Sturm, Moses Christoph (der später als DJ Müllmann Moses Cool mit der Antilopen Gang unterwegs ist) und Danger Dan bald, dass sie ein gutes Dreiergespann sind und gründen nach Vorbild alter jamaikanischer Gesangstrios das Cheer Up Trio. "Das hatte rein gar nichts mit dem zu tun, was ich bei den Antilopen mache, widerspricht dem ästhetisch zu einhundert Prozent." Danger Dan arbeitet mit Pablo Moses, tourt mit Danakil und der kalifornischen Reggaeband Groundation, deren Mitbegründer und Organist Marcus Urani für ihn immer ein Idol ist. Er spielt hunderte Konzerte und Festivals in den ganz großen Hallen Europas, wie dem Pariser Olympia oder Zenith und geht mit Martin Zobel auf USA-Tour.

Parallel dazu hat er immer einen Fuß in der Aachner Hip Hop Szene und einen dritten in der Antifa. Der Versuch, das alles zu vereinen, fällt ihm nicht immer leicht. "In der Antifa z.B. gelten nochmal ganz andere Sprachkodexe als im Hip Hop und beide Szenen sind auch sehr intolerant miteinander. Die einen sagen: 'Das ist uncool.', die anderen: 'Das ist schwul.' Ich hab mich schon immer in unterschiedlichen Kontexten bewegt, die miteinander nicht harmonieren können. Das ist jetzt noch so.", sagt Danger Dan 2015 rückblickend.

Mit seinem Bruder Panik Panzer und Koljah gründet er das Gangsta-Rap-Satire-Projekt Caught In The Crack, unter dessen Flagge sie 2005 und 2008 zwei Alben releasen. 2005 findet sich außerdem das Hip Hop Kollektiv Anti Alles Aktion zusammen, das zu Beginn um die acht Leute fasst, bis zum offiziellen Ende 2009 aber nach und nach zu den damals noch vier Antilopen schrumpft: Danger Dan, Panik Panzer, Koljah und NMZS, der sich 2013 das Leben nimmt und das Antilopen-Trio zurücklässt.

Im Sommer 2008 veröffentlicht Danger Dan sein Solodebüt, die "Coming Out EP". Auf der EP setzt er sich erstmals in der Deutschrap-Geschichte mit Holocaust und Antisemitismus ("Sommerlüge") auseinander, aber auch mit seiner Leidenschaft zum Hip Hop und den engstirnigen, gängigen Klischees, mit denen er selbst damals nicht in Verbindung gebracht werden möchte. "Es tut mir leid, dass ich ein Rapper bin. Bitte sprecht mich nicht drauf an und nennt mich nicht in der Öffentlichkeit immer Danger!", schreibt er aufs Cover. In seiner Weltoffenheit stößt er immer wieder an die Beschränktheit der einzelnen Szenen, versucht diese aber stets in seiner Musik zu vereinen. "Auch jetzt findest du im typischen Antilopen-Publikum immer den Punk mit Irokesen-Schnitt, aber auch den typischen Gucci Bandana-Hip Hop-Head. Mit den Antilopen machen wir da einen geilen Spagat, den ich damals noch viel schwieriger fand.", sagt er Anfang 2015.

Nach 7 Jahren Reggae trennt sich er sich von seiner Crew. Er tingelt durch die Welt, führt im Auftrag des Goethe Instituts interdisziplinäre Theater- und Musikprojekte in 17 verschiedenen Ländern, u.a. in Afrika, Armenien und Georgien, durch und organisiert autonome Radioprojekte ("Piratensender machen und sowas.") und Konzerte auf dem Tharir Square in Kairo. "Dann kam irgendwann der Moment, als ich von der Bühne gekuckt hab und Freundeskreise gesehen habe, die zusammen auf einem Konzert sind, und mir dachte: Das hätte ich aber auch gerne! Ein Zuhause, wo Leute sind, die ich kenne und mit denen ich was mache. Ich war so viel unterwegs und so zerstreut, dass ich zwar viele Leute kannte, aber nur ganz wenige regelmäßig gesehen habe. Irgendwann hab ich es vermisst, irgendwo anzukommen."

Nach einem Gig in Polen kauft er einen Flasche Wodka, steigt in Berlin aus und zieht zu einem Kumpel in eine Techno-DJ-WG nach Neukölln. 2012 veröffentlicht er (nachdem zwei Jahre zuvor mit Koljah die "Traurige Clowns"-EP erschien) mit NMSZ das Album "Aschenbecher" sowie sein zweites Soloalbum "Dinkelbrot & Ölsardinen" mit dem eingängigen Youtube-Hit "Ölsardinenindustrie" und arbeitet an seinem Punkprojekt "Daniel raus!". In Berlin widmet er sich vorrangig dem Theater, lässt sich treiben, lebt in Polyamorie. Er schauspielert, macht diverse Projekte an der Universität der Künste oder dem Theater an der Parkaue und arbeitet mit Jugendlichen aus 30 verschiedenen Ländern, die das Goethe Institut einfliegt.

Bevor die Antilopen 2014 mit ihrem Album "Aversion" durch die Decke gehen und als "Algen im Mainstream" ankommen, fühlt er sich am Theater gerade richtig aufgehoben. "Ich hab auch kurz gedacht, dass da die Reise hingeht. Aber jetzt sind Antilopen und das ist auch voll schön. Außenstehende denken, man macht halt Rap, aber das Ganze hat ja unglaublich viel Performatives und ist gar nicht weit weg vom Theater. Diese Hip Hop Szene ist ja auch ein einziges Affentheater.", sagt er lachend.

Seine Stärke als Musiker sieht er vor allem darin, sich nicht auf ein Instrument fixiert zu haben, was ihm ermöglicht, sich gut in einem Bandgefüge zu bewegen und mit Leuten etwas zu entwickeln. "Ich glaube auch, dass ich dieses Unfokussierte, das jahrelang auch gerade in der Schule problematisch für mich war, irgendwann als Stärke entdeckt und zu nutzen gelernt habe." Die Annahme, dass Danger Dan in der Crew der musikalische Kopf ist, relativiert er aber: "Man checkt das vielleicht nicht, aber auch bei der Antilopen Gang ist das musikalische Genie das Kollektiv. Ich bin zwar Multi-Instrumentalist, aber der Mann fürs Grobe." Schwer zu glauben, wenn man diese eingängigen, feinen Melodien hört. Sich selbst bezeichnet er als "das kreative Chaos" in dem Laden. "Ich habe einen unglaublich großen und schnellen Output, kann das aber voll schwer halten. Meine Kreativität übernimmt oft so." Dann braucht er die Hilfe von Panik Panzer und Koljah, die viel straighter und strukturierter an manche Dinge rangehen. "Wenn ich was zeichne, ist das oft sehr abstrakt. Und auch ungenau. Genauso ist das auch mit der Musik."

Auf die Frage, ob er bei den Antilopen nun wirklich angekommen ist, antwortet er: "Wir hatten immer sehr viel Identifikation mit der Gang, die nun schon über sehr lange Zeit eine Konstante ist. In irgendeiner Form wird es die Antilopen immer geben. Wir sind ein sehr krasses Trio aus dem Soziologen, dem Designer und dem kreativen Chaoten und das ist einfach eine Wahnsinnskombination, aus der viel rauszuholen ist. Im Moment ist es das Geilste, was für mich passieren konnte.", sagt er Anfang 2015. Glücklich und auch ausgeschöpft von allem, was so im Zuge des Antilopen-Hypes um 2014/2015 an Drumherum passiert: Andere Sachen muss er trotzdem immer machen. Er schreibt Filmmusik, nimmt eine Solo-Punkplatte auf, die wahrscheinlich nie rauskommen wird, und macht sich Gedanken zur geplanten Antilopen-Erzählung "Krücke, der Humpelpunk".

Obwohl er sich als postkonzeptionellen Künstler begreift, ist seine Musik im Gegensatz zur immer wieder publizierten Annahme, die Antilopen seien Klamauk oder rein "ironisch", im Kern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit sich und der Welt. "Man braucht für Ironie immer die Doppelbödigkeit, aber auch eine gewisse Ernsthaftigkeit, sonst gibt's keine Botschaften. Ironisch sein heißt auch, Position zu beziehen. Ich mache mich sehr oft über das Leben lustig. Dabei habe ich eine so niedrige Frustrationsgrenze, dass ich fast nur Sachen mache, die Spaß machen. Das sieht von außen vielleicht manchmal so aus, als würde ich nichts ernst nehmen, aber das stimmt nicht. Trotzdem schauen wir immer, dass unsere Musik leicht ist und lebensbejahend und nicht nur traurig macht und erschlägt. Und so würde ich mich vielleicht auch selbst begreifen."

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