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Reggae aus deutschen Landen gehört im 21. Jahrhundert schon lange nicht mehr in die Exoten-Abteilung: Auch hierzulande beherrscht man mittlerweile die Vibes und Grooves Jamaikas ganz ordentlich. Dass die Fachpresse aber ausgerechnet einen jungen Deutschen zum "neuen Gesicht des Rootsreggae" hochjubelt ist nicht alltäglich.
Sebastian Sturm ist, um seine poetische Selbstdarstellung zu zitieren, das Produkt einer grenzüberschreitenden Liebesbeziehung. Er kommt 1980 als Sohn einer indonesischen Mutter und eines deutschen Vaters zur Welt und wächst nahe der holländischen und belgischen Grenze auf. Die Vielfalt der Kulturen wird dem Knaben in die Wiege gelegt.
Als Teenager macht er zunächst einmal Krach, das Ganze möglichst rebellisch und so laut wie's nur irgend geht: Basti gründet mit 14 seine erste Band. Natürlich spielt sie Punk. Doch bald schon keimt die Saat Jamaikas: Basti entdeckt seine Liebe zum Reggae, Geschrei weicht Gesang.
Mit dem Mikro in der Hand absolviert er seine ersten Auftritte in der Dancehall. Klar, dass sich sein nächstes Projekt der jamaikanischen Volksmusik verschrieben hat. Jogit Beat erspielen sich mit Ska und Roots im Dreiländereck den Status von Lokalhelden.
2005 dann das traurige Ende: Die Gruppe löst sich auf. Drummer Toto bereitet sich in Maastricht auf seinen Abschluss als Jazzmusikervor. Bassist Lars wechselt an die Gitarre und spielt gemeinsam mit Saxophonist Dorn D. fortan Surf-Rock in den Reihen von Dean & The Trashbrothers. Was aber geschieht mit dem Sänger?
Die Band bezeichnet es später als "die große Reggae-Koalition": Sebastian stösst zu Jin Jin. "Die unglaubliche Reggae-Band" zählt zu den ganz alten Hasen im Geschäft. Seit 1990 ist die elfköpfige Truppe mit Jahs Sound in Deutschland und im benachbarten Ausland unterwegs. Unter ihren Veröffentlichungen finden sich unter anderem Aufnahmen mit Dr. Ring-Ding und H. P. Setter. Beim Summer Jam Reggaefestival gehören sie zu den Stammgästen.
Sebastian findet in der sturmerprobten Formation eine bestens geeignete Backing-Band. Unmittelbar nach dem Zusammenschluss starten die Aufnahmen zu seinem Debüt-Album. Doch funktioniert die Kollaboration auch live? Das holländische Publikum, das im Oktober 2005 Zeuge des ersten gemeinsamen Auftritts wird, hat keinerlei Einwände vorzubringen.
Der erdige Rootsreggae von Jin Jin bekommt eine charismatische Stimme vorgespannt. Das Riddim-Magazin schreibt bereits in Ausgabe 4/2006 begeistert über "positive Vibes der Erneuerung". Bald darf auch die Öffentlichkeit feststellen: "This Change Is Nice".
Konsequent geht das Gespann in der Folge den eingeschlagenen Weg fort, spielt zahlreiche Festival- und Clubgigs und veröffentlicht 2008 den Nachfolger "One Moment In Peace". "Wir hatten fünf richtig geile Jahre", blickt Sebastian 2011 im laut.de-Interview zurück.
"Bei der dritten Platte zeichnete sich dann aber schon bei der Vorproduktion ab, dass es keinen Schritt in eine neue Richtung geht." Als Konsequenz formiert er mit Exile Airline eine neue Backingband. Im Oktober erscheint die resultierende Platte unter dem passenden Titel "Get Up & Get Going".
Dass Weiße nicht den Reggae der Siebziger spielen können, bezweifelt Sebastian Sturm nach eigenen Angaben entschieden. Gemeinsam mit seinen leidenschaftlichen Mitstreitern liefert er Jahr für Jahr den Beweis dagegen - ohne sich dabei von gewissen Abwärtstrends, die die jamaikanischen Offbeats hierzulande erleben, beirren zu lassen. "Wir müssen einfach weitermachen, bis die Leute irgendwann mal wieder Bock auf Reggae haben."
Über ein Genre in der Krise, Culcha Candela und das Abkupfern bei Bob Marley.
Die Welle, die Nosliw, Patrice und Gentleman lostraten, ist verebbt. Doch es gibt sie noch, die jungen deutschen Reggae-Künstler, die die universellen Themen Frieden, Liebe, Unity aktuell halten.
Mit "Get Up & Get Going" meldete sich der Aachener Reggae-Künstler Sebastian Sturm mit seiner neuen Band Exile Airline eindrucksvoll zurück. Bei dem Drittling handelte es sich im Jahr 2011 jedoch auch um die einzige beachtete Roots-Platte eines deutschen Künstlers. Auch Sturm hat längst erkannt, dass sein Genre derzeit eine schwere Phase durchlebt.
Dass ein Großteil der deutschen Musikfans das Reggae-Fieber längst hinter sich gelassen hat, hindert Sebastian Sturm nicht daran, sich mit Exile Airline auf Deutschland-Tour zu begeben und die kleinen Clubs zu beglücken. Schließlich hält es das Konstanzer Publikum auch nicht davon ab, zahlreich in den Kulturladen zu strömen und eine euphorische Party zu feiern.
Vor dem Gig stellt sich der Aachener gerne für ein ausführliches Interview im gemütlichen Backstage-Raum zur Verfügung. Obwohl seine Bandkollegen längst das fertige Essen serviert bekommen, nimmt er sich viel Zeit, um über die neue Platte, seine Vorliebe für Siebzigerjahre-Reggae und das heikle Thema Homophobie zu sinnieren.
Auf deiner neuen Platte sind mir gerade die nachdenklicheren, leisen Momente sehr positiv aufgefallen. Würdest du dich als melancholischen Menschen bezeichnen?
Ja, ich glaube, da habe ich meine Nische gefunden. Es fällt mir unglaublich schwer, Summer-, Sunshine- oder Gute-Laune-Songs zu schreiben. Wahrscheinlich geht es mir dafür auch nicht gut genug, das wäre alles andere als authentisch. Außerdem bin ich ein Fan von melancholischem Reggae. Weil über den Beat eh alles eher positiv rüberkommt, gefällt mir die Kombination mit tragischen Themen am besten.
Was hat dich vor der Platte zum Wechsel deiner Backing-Band bewogen?
Also, da muss ich etwas weiter ausholen. Ich war jetzt seit 2006 mit der Jin Jin Band am Start und hatte für fünf Jahre meines Lebens eine richtig geile Zeit. Das muss ich dazu sagen, sonst kommt das nachher so rüber, als wenn ich die jetzt nur dissen wollte. Es war echt eine tolle Zeit. Die haben es auch so weit gebracht, dass man jetzt weiß, wer Sebastian Sturm ist. Ich habe ihnen auf jeden Fall viel zu verdanken.
Wir haben zwei Platten aufgenommen, bei der dritten zeichnete sich dann aber schon bei der Vorproduktion ab, dass es keinen Schritt in eine neue Richtung geht. An einen wirklichen Richtungswechsel habe ich jetzt auch nicht gedacht, aber ich wollte schon neue Einflüsse haben. Das ging mit der Jin Jin Band und mit dem Produzenten irgendwie nicht. Das wäre dann einfach der Abklatsch vom zweiten Album gewesen, deswegen habe ich irgendwann die Notbremse gezogen.
Philipp, unser Leadgitarrist, hat dann die neue Platte "Get Up & Get Going" produziert und wir haben uns auch schon vorhin getroffen und zusammen Songs gemacht. Das klappte eben hervorragend. Dann stand für mich im September letzten Jahres fest, dass ich meinen Produzenten und auch die Band wechseln muss. Auf einmal hat man dann einen völlig neuen Background, weil alle aus verschiedenen Musikrichtungen kommen. Und ich hatte halt einfach Bock, mehr davon zuzulassen. Das hört man jetzt wahrscheinlich in den Experimenten.
Die Base ist nach wir vor der Roots-Reggae, davon wollte ich auch gar nicht weg. Ich wollte jetzt nichts machen, bei dem alte Fans dann sagen: "Wat macht der denn jetzt?" Aber so Experimente wie bei "Life Was A Bubble" mit der Johnny Cash-Desert-Gitarre wollte ich schon mal machen. Zusätzlich gibt es von allen Songs Vorproduktionen mit Akustikgitarre, das klingt dann so wie "Get Going". Ich habe mir schon immer vorgenommen, dass man das mal hört, denn das ist eben the true Sebastian Sturm. Bei den beiden ersten Platten hat das irgendwie nie geklappt, warum auch immer. Jetzt habe ich es mit "Faith" und "Get Going" auf der neuen Platte geschafft.
Ich habe gelesen, dass du als Jugendlicher in einer Punkband gesungen hast. Ist von der Attitüde bis heute noch etwas übrig geblieben?
Ja, ich hatte mehrere Punkbands. Ich habe mit 15 angefangen, in diversen Punk- und Hardcore-Bands in Aachen zu spielen. Stimmlich ist davon auf jeden Fall etwas übrig geblieben, es kratzt immer noch. Auch wenn ich mich noch so anstrenge, vernünftig zu singen, kommt da doch nur Krächzen raus. Lyrisch bin ich ja jetzt nicht brutal links aber die Sozialkritik ist noch immer drin.
Wo nimmst du deine musikalischen Einflüsse für deinen heutigen Sound sonst her? Beschränkt sich das auf Reggae-Musik?
Ich höre schon sehr viel Reggae, aber fast ausschließlich aus den Siebzigerjahren. Mittlerweile höre ich aber echt viel verschiedenes, auch alte Punk-Sachen. Aber schon sehr viel alten Roots-Reggae. Für die Scheibe waren ein paar Platten richtungsweisend. Man musste sich auch irgendwie formieren, die Band ist ja komplett neu. Man brauchte einen gemeinsamen Nenner. Bob Marleys "Talkin' Blues" haben wir viel gehört. Die Platte ist sehr special, weil sie Funky Reggae-mäßig verspielt und sehr verzahnt in den Instrumenten ist. Darauf haben wir uns eingeschossen.
Dass wir viel mit Groundation auf Tour waren, hört man wahrscheinlich auch. Vielleicht im Anfang von "It's Not Just", wo es auf einmal sphärisch wird. Dann gab es noch Clinton Fearon, der hat in den letzten Jahren zwei sehr geile Platten rausgebracht. Und meiner Meinung nach ist sein Album "Media" eigentlich die beste Roots-Reggae-Scheibe der letzten Jahre. Und Bunny Wailers "Blackheart Man" war auch so eine Platte.
In einem Online-Interview hast du vor einigen Jahren folgendes gesagt: "Ich zweifle daran, dass Weiße nicht den Reggae der Siebzigerjahre spielen können." Kannst du diese These etwas ausführen?
Das stimmt auf jeden Fall. Siehe Groundation. Als ich die zum ersten Mal gehört hab, dachte ich echt, das ist der neueste Schrei aus Jamaika. Ich wusste damals auch nicht, wie die Jungs aussehen.
Was genau macht diesen besonderen Sound für dich aus?
Puuh. Ich glaube, dass das Songwriting damals einfach ganz speziell war. Das hatte so eine Freshness. Alle haben experimentiert, heute klaut man eher. Oder versucht, etwas nachzuspielen, oder aus verschiedenen Musikstilen etwas zusammenzumischen und dann etwas neues entstehen zu lassen. Ich habe das Gefühl, in den Siebzigern wurde alles erst mal erfunden.
Der Sound spielt natürlich auch eine Rolle. Wenn ich zu Hause Musik höre, muss die nicht immer so hochbrillant klingen, dass man sie irgendwie auf Hi-Fi-Boxen aufdrehen kann. Gerade im Reggae finde ich es sehr charmant, wenn die Soundqualität nicht perfekt ist. Da fahr ich einfach voll drauf ab. Weil das völlig anders ist als in der Pop- und Rock-Musik, wo immer alles fett sein muss. Es gefällt mir ganz gut, dass Reggae es geschafft hat, mit einem völlig eigenen Sound Anklang in der Welt zu finden.
Ich glaube, die deutsche Reggae-Szene schläft nicht, denn der Begriff ist einfach so dehnbar. Wenn man das, was Culcha Candela heutzutage machen, auch als Reggae bezeichnen kann, dann schläft sie nicht.
Ist es für dich Reggae, was Culcha Candela machen?
Naja, ich bin natürlich Roots-Reggae-Fanatic. Für mich ist es jetzt nicht der Reggae. Es ist aber nicht an mir, irgendwen zu dissen. Die machen ihr Ding und schaffen es irgendwie, das finde ich auch irgendwo in Ordnung. Was allerdings echt rar geworden ist, sind eben Künstler wie ich, die Wert darauf legen, dass die Musik handgemacht ist und auch handgemacht klingt. Wir verzichten eben auf Computersounds, ich weiß auch nicht wirklich warum. Das ist bei uns Einstellungssache.
Dass es in den letzten Jahren weniger geworden ist, würdest du also unterschreiben?
Ja, momentan haben wir es nicht einfach. Die Welle, die um 2005/2006 von Nosliw, Gentleman und Patrice losgetreten wurde, ist rum. Da konnte man als Newcomer echt auf dieser Welle mitsurfen, das war sehr geil. Da waren die Besucherzahlen auch besser. Jetzt grade ist absolutes Survival angesagt. Wir müssen einfach weitermachen, bis die Leute irgendwann mal wieder Bock auf Reggae haben. Bei mir in Aachen hat zum Beispiel grade Balkan-Techno das Game gewonnen. Drei Jahre vorher waren das eben Reggae-Partys.
Man hat das Gefühl, du und Jahcoustix stehen mit Roots-Reggae in Deutschland allein auf weiter Flur.
Ja, Jahcoustix würde ich jetzt auch als den einzigen etwas bekannten Künstler bezeichnen, der noch robusten Roots-Reggae macht. Aber das Gute ist eben, dass wir nicht auf Deutschland angewiesen, sondern auch viel in Frankreich unterwegs gewesen sind und auch wieder sein werden. Da ist Roots-Reggae nach wie vor on top.
Du hast angedeutet, dass Reggae-Künstler kommerziell einen schweren Stand haben. Siehst du irgendwo vielversprechende Newcomer, die das ändern könnten?
In Deutschland habe ich meine Fühler noch nicht so ausgestreckt. Schöne Entdeckungen habe ich in Frankreich gemacht. Da gab es junge Bands, die wirklich keiner kennt. Da habe ich wirklich coole neue Sachen gesehen, die auch absolut meinem bevorzugten Stil entsprechen. Das sind dann Leute, die fast zehn Jahre jünger sind als ich und echt ordentlichen Roots-Reggae machen. Die Musikrichtung wird nicht aussterben, weil man sich immer wieder auf die Sachen wie Bob Marley beziehen und sie immer wieder spielen wird. Allerdings gibt es eben gerade eine Schlappe. Der Wind ist ein bisschen raus.
Kann man mit klassischem Roots-Reggae überhaupt noch einen musikalischen Fortschritt erzielen? Kann man sich mit handemachtem Reggae-Musik noch weiterentwickeln? Oder wurde in den Siebzigern schon alles gesagt?
Die universellen Themen wie Frieden, Liebe und Unity werden ja nach wie vor bedient, auch von mir. Weil sie ja auch immer wieder aktuell sind. Schau mal, was gerade so abgeht in der Welt. Man muss sich mal vorstellen, wie es wäre, wenn ich einen Song wie "One Moment In Peace" jetzt mal in Griechenland spielen würde. Das würde ganz anders auf die Leute einhämmern. Da wären solche Schlachtrufe wie "One Moment In Peace" wirklich aktuell und die Leute würden drauf abfahren. Die textliche Thematik bleibt also immer atkuell.
Dass man sich stilistisch weiterentwickeln kann, zeigen wiederum Groundation. Sie bringen den Jazz sehr stark ein, aber es bleibt immer noch Roots-Reggae. Sie haben irgendwie eine Art zu spielen entwickelt, bei der Reggae immer noch die Base bleibt. Da knüpf' ich eben auch an. Ich probiere mit der neuen Platte ein paar Experimente aus, die eben zeigen, dass sich der Künstler mit so etwas beschäftigt und Ideen dazu hat. Und weil er so eine eigenartige Person ist, kommt auch eine gewisse Eigenart in die Musik rein. Das geht schon. Wer weiß, was sich bei mir jetzt noch alles entwickelt.
Damals habe ich mich schon sehr schwer gewundert, wie gut es lief. Weil ich selbst eigentlich nicht wirklich in einer Reggae-Szene drin war. Ich war zu der Zeit wenig auf Reggae-Konzerten, irgendwie war mein Kosmos viel zu klein. Und dann habe ich "This Change Is Nice" veröffentlicht. Die Scheibe wurde total positiv empfangen, in der Riddim war ich Newcomer des Jahres. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nie eine Riddim gekauft oder gelesen. Das hat mich schon schwer gewundert. Wie es heute ist, weiß ich nicht. Denn ich weiß eben auch nicht, wieviele neue Künstler sich jetzt für Reggae interessieren. Aber es geht ja jetzt auch nicht darum, Newcomer des Jahres zu werden. Da denkt man als Newcomer am wenigsten dran. Ich war voll vor den Kopf gestoßen.
Kannst du von deiner Musik leben?
Immer mal wieder. (lacht)
Wo siehst du dich in zehn Jahren? Und willst du weiterhin klassischen Reggae machen oder vielleicht mal ein Singer/Songwriter-Album aufnehmen?
Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren immer noch Mucke mache. Aber ich will jetzt nicht mehr sagen, dass ich in zehn Jahren unbedingt noch Reggae machen will. Wahrscheinlich wird es aber so sein, denn in den letzten zehn Jahren hat sich auch nichts geändert. Ich bin nach wie vor totaler Fan und Reggae-addicted. Mal gucken.
"Dadurch, dass ich eben nicht in Jamaika im Ghetto war oder Dritte-Welt-Länder bereist habe, kann ich irgendwie nur von mir und meinem Umfeld singen", hast du in selbigem Video-Interview gesagt. Nerven dich europäische Reggae-Sänger, die ständig versuchen, die jamaikanische Kultur nachzuempfinden und mit Gewalt conscious klingen wollen?
Ja, das Problem sehe ich vor allem bei jüngeren Artists, die versuchen, die jamaikanische Sprache und Message eins zu eins ins Deutsche zu übersetzen. Das ist peinlich, das sollte man nicht machen. Das sehe ich oftmals eher bei jungen Künstlern, die eben Bock haben, mitzumachen und gerade ihre erste Platte aufgenommen haben. Da war dann halt nicht von Anfang an einer dabei, der denen sagt, dass das total peinlich ist. Mich nervt das ein bisschen. Junge Künstler, die Bock haben, Musiker zu sein, sollten sich mal schwer überlegen, was sie eigentlich zu sagen haben. Und sie sollten sich viel mehr darauf konzentrieren, in eine bestimmte Richtung zu gehen, damit sie auch irgendwie special werden.
Ich mein, ich mach ja live auch fast eins zu eins die jamaikanische Siebzigerjahre-Mucke. Wenn ich jetzt noch meine Lyrics irgendwie bei Bob Marley abschreiben würde, wäre das dann einfach nur retro. Dann wäre Sebastian Sturm auch ganz schnell wieder weg vom Fenster und es wäre zudem auch noch peinlich. Man muss sich schon irgendwie überlegen, was einen besonders macht.
Kommen wir zum Schluss zu einem sehr heiklen Thema: Homophobie im Reggae.
Die Problematik nervt mich einfach. Weil ich Reggae mach', werde ich in anderen Interviews immer wieder drauf angesprochen. Dann fragen mich die Leute so: "Kannst du Schwule leiden?" Ganz kurz gesagt: Ich habe kein Problem mit Homosexuellen. Ich bin aus Deutschland, wie käm' ich dazu? Musikalisch gegen Homosexuelle zu hetzen, das ist einfach totaler Bullshit. Aber ich glaube, die Jamaikaner lernen das gerade. Die haben hier in Europa ihren Markt, können spielen, haben ein fettes Publikum und können Geld verdienen. Die müssen sich dann auch dreimal überlegen, ob so was hier geht.
In Jamaika selber tut es mir dann Leid, weil es da ja anscheinend sogar verboten ist. Von hier aus kann man Jamaika nicht ändern. Aber man kann den Künstler immerhin sagen, dass sie die Battyman-Tunes weglassen sollen. Das Sizzla jetzt zum Beispiel beim Chiemsee Reggae Summer abgesagt wird, ist auch schade. Weil er sich eigentlich nicht nur mit solchen Tunes bekannt gemacht hat, sondern auch ein tierisch guter Frontmann ist. Der hatte schon ein paar geile Platten und es ist natürlich schade, wenn man ihn hier nicht sehen kann. Aber ich kann es andererseits auch verstehen, wenn die Leute sagen, dass der mal fragwürdigen Lyrics geschrieben hat und nur ein Arschloch sein kann. Aber es ist schade drum. Denn hätte er das einfach weggelassen, könnte man hier in Europa einen geilen Artist erleben.
Du siehst aber Potenzial, dass sich die Problematik ändert bzw. aufhebt?
Ich denke schon. Wenn sich der europäische Markt für Sizzla schließt, muss er schauen, wo er sonst Fuß fassen kann. Und das ist nicht so einfach. In Europa haben die Leute noch Geld für Konzerte, Geld für Platten und CDs und überhaupt Geld für die Musik. Das darf man sich nicht vergraulen. Ansonsten wird das Leben als Musiker wieder schwer.
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