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1994 wird in Schweden eine Art Duales System des Rock eingeführt, es nennt sich Hellacopters. Eine Handvoll Motörhead-Scheiben, die Klassiker von Kiss und dazu noch das Frühwerk von AC/DC durch den Vinylwolf gedreht, kommt der nicht immer originelle, aber rotzfreche und technisch absolut hochwertige Sound dieser Band heraus.
So etwa entsteht 1996 auch das Debüt "Supershitty To The Max!", und erstmals häufen sich in der Fachpresse Berichte über den Scandinavian Rock. Seitdem werden sie in einem Atemzug mit Gluecifer und Turbonegro genannt, die sich in Skandinavien auch auf dieser schweißtreibenden Retro-Welle bewegen.
Dabei sind die Hellacopters aber keine armselige Cover-Band, die auf Faschingsbällen mit "Highway To Hell" zu Tränen rührt. Von Kopieren kann hier nicht die Rede sein. Die Höllenschrauber beschäftigen sich vornehmlich mit dem Recycling von Rockmusik der 60er bis 80er Jahre. Und dabei machen sie ihre Sache sehr gut. Ja sogar derart gut, dass bald schon in den Staaten Stimmen laut werden, die den Copters seit ihrem Erfolg mit "Payin' The Dues" nachsagen, sie klängen amerikanischer als z.B. die Stooges oder MC5.
Das verwundert nicht weiter, wenn man sich die Einflüsse der Hellacopters ansieht: Kiss, die Ramones und Slayer finden sich in den Plattenschränken der Jugendlichen Nicke Andersson und Kenny Hakansson. Diese Einflüsse saugen die Rock'n'Roll-Fans in sich auf und wachsen so zu Fans und Machern gleichermaßen.
Vor den Hellacopters drummt Nicke bei der Death-Metalkapelle Entombed. 1994 beschließt er, eine Pause einzulegen. Doch das Verlangen, Musik zu machen, ist stärker, und so klemmt er sich kurzerhand drei Drumroadies unter den Arm und formt: die Hellacopters. Natürlich gibt es zu Anfang kleinere Probleme, wie zum Beispiel, dass Kenny nicht einmal einen Bass besitzt. Dem kann jedoch schnell abgeholfen werden.
Nicke, Drummer Robert Eriksson, Gitarrist Robert Dahlqvist, Tastenmann Boba Fett und Kenny haben seither einen unnachahmlichen Drang entwickelt, Songs zu schreiben und herauszubringen. Ihr Credo lautet: schreib' nur das, was dich selbst rockt, und bring den Scheiß raus, bevor er erkaltet. Betrachtet man ihre Diskographie, so ist erkenntlich, wie ernst sie ihr eigenes Bekenntnis nehmen: so haben sie seit Anfang 1995 sechs Alben, zwei B-Seiten-Compilationen ("Cream Of The Crap Vol. 1" von 2002 - der zweite Teil folgt Anfang 2004), über vierzig Singles mit Non-Album-B-Seiten und EPs oder Split-EPs herausgebracht. Außerdem sind sie auf neun Samplern vertreten.
Auf das 2000er Meisterwerk "High Visibility" folgt zwei Jahre später mit "By The Grace Of God" eine weitere Mustersammlung mitreißender Rocknummern, die sowohl eingängig als auch mächtig arschtretend, aber ein wenig erwachsener als die vom Album davor daherkommen. Nebenher betreibt das Arbeitstier Nicke Andersson die Soul-Bigband The Solution, deren Debütalbum 2004 erscheint.
Im Herbst des selben Jahres vertrösten die 'Copters ihre Fans mit einer weiteren EP namens "Strikes Like Lightning". Im Januar 2005 schaltet ihre Homepage dann auf einmal auf stumm und verkündet lediglich: "Rock & Roll Is Dead". Nach bangem Warten stellt sich einige Wochen später heraus, dass es sich bei diesem unheilvollen Satz um den Titel ihres sechsten Albums handelt, das im Juni erscheint und auf halbem Weg zurück zwischen "High Visibility" und "By The Grace Of God" Halt macht.
In der Folgezeit kümmert sich Andersson wieder mal um seine Wurzeln und drischt beim Death-Metal-Projekt Death Breath die Drums und schwingt die Axt. Im Frühjahr 2006 geht es in den USA auf Tour, im Sommer erscheint in Schweden die Best Of "Air Raid Serenades".
Die Werkschau versammelt lediglich bereits veröffentlichte Songs und soll drei Zwecke erfüllen: eine Ära beschließen, die Plattenfirma ruhig halten und "just for the hell of it" erscheinen. Ein Ende der Höllenschrauber bedeute es nicht, betont die Band damals noch auf ihrer Homepage. Das Best-Of-Album kommt in Deutschland Ende Januar 2007 heraus.
Gitarrist Robert Dahlqvist beschäftigt sich den Rest des Jahres mit seinem Nebenprojekt Thunder Express. 2007 geht die Band erneut ins Studio, um ihr siebtes Album einzuspielen. Als dieses sich schon im Mixing befindet, verkünden die Hellacopters via Bulletin auf ihrer Homepage dann doch ihre Auflösung.
"Playing in a rock and roll band isn't always a walk in the park, but thanks to all of you who rocked out with us at sweaty clubs, rainy festivals or at home by the stereo throughout the years, it's been a fantastic trip. We'll never forget your support," bedanken sie sich bei den Fans.
Das letzte Studioalbum erscheint dennoch wie geplant im April 2008, es heißt "Head Off". Darauf zu hören sind allerdings keine neuen Songs, sondern Coverversionen von Helden der Hellacopters. So verabschiedet sich die Band, die immer für den Rock'n'Roll gelebt hat mit dem Tribute an ein Genre. Eine Abschiedstour durch Europa gibt es mit den "neuen" Songs im Gepäck noch. Und danach heißt es wirklich: Rock'n'Roll is dead.
Die Schweden lassen 14 Jahre Bandgeschichte Revue passieren.
Nach 14 Jahren Bandgeschichte motten die Hellacopters sich selbst ein. Ein Grund mehr, die Schweden auf ihrer Abschiedstour noch einmal in Zürich abzufangen. Tastenmann Boba und Basser Kenny stehen Rede und Antwort und lassen die gemeinsame Zeit Revue passieren.
Im Zürcher Konzertvenue Alte Börse treffe ich die Hellacopters in einem dezenten Zustand der Auflösung an. Eigentlich ist bei den Schwedenrockern ja Sänger und Gitarrist Nicke Andersson für das Beantworten der immer gleichen Journo-Fragen zuständig, doch der ist erkältet. Muss seine Stimme schonen für den Abend, dagegen kann man schlecht protestieren. Da die Combo ohnehin den Eindruck einer intakten Gemeinschaft erweckt, nehme ich genauso gern Vorlieb mit Organist und Percussionist Boba Fett und Bassist Kenny Håkansson. Als Boba sich einen Tee mit Minze und Ingwer bringen lässt, ist die erste Frage offensichtlich.
Ihr seid wohl alle krank im Moment, was?
Boba: Ja, ich glaube schon, in verschiedenen Graden.
Kenny: Ja, es gibt verschiedene Nuancen im Krankheitsregenbogen.
Wem hat es denn am schlimmsten erwischt?
Kenny: Nicke und Boba sind ganz vorne mit dabei ...
Boba: Strings [Gitarrist Robert Dahlqvist; d.Red.] geht es schon wieder etwas besser. Um Nicke machen wir uns ein wenig Sorgen, denn es könnte seine Stimme beeinträchtigen.
Hat es das noch nicht getan?
Kenny: Bis jetzt hatten wir Glück. (Klopft dreimal auf den Tisch.) Wenn ich Halsschmerzen bekomme, ist das kein Problem, aber beim Sänger werden gleich alle nervös. Und wenn alle nervös werden, dann gibt es schlechte Vibes.
Boba: Und dann kann es hässlich werden.
Hu, seid ihr schon an dem Punkt?
Kenny: Nein, aber wir sollten das jetzt auch nicht herbeireden ... Nächste Frage!
Nein, ich will das jetzt wissen ...
Kenny: Demon, you! (Gelächter)
Das scheint ja etwas zu sein, was auf jeder Tour passiert. Jemand wird krank und die Band muss dann damit umgehen. - Wie sehr stinkt es euch, dass das ausgerechnet auf der letzten Tour passiert?
Kenny: Wie ich schon sagte, so far so good. Aber generell: Auf europäischen Touren, besonders im Herbst, da hast du die heißen Venues mit all den Leuten, die diverse Bakterien verschleudern ... Ich meine, wenn du zuhause bist, kannst du dein Umfeld wesentlich besser kontrollieren. Here you just go with the flow and hope for the best. Aber ich denke, man kann es nicht vermeiden. Irgendjemand wird immer krank. Und wenn jemand im Tourbus krank ist, dann teilen wir es halt.
Wie fühlt es sich an, die letzte Tour zu spielen? Ihr denkt doch sicher darüber nach.
Boba: Nein, wir haben im Moment gar keine Zeit, das alles zu reflektieren. Eigentlich läuft alles so wie immer, so hat es eigentlich noch keinen Einfluss auf die Tour. Klar, wir spielen längere Shows und geben natürlich unser Bestes ...
Kenny: Aus professioneller Sicht ist da kein Unterschied zu anderen Touren, außer, dass wir extra hart Arschtreten. Ich meine, das hier ist die letzte Show mit den Hellacopters in Zürich, ich will nicht, dass das eine Scheißshow wird. Ich will sie in guter Erinnerung behalten. Für mich, die anderen kümmern mich nicht. (lacht) Auf einem persönlichen Level ist das was anderes. Nach der Show in Barcelona kam es über mich, dass das meine letzte Show in dieser Stadt mit dieser Band war, also ... Aber man kann sich nicht ewig damit aufhalten, denn wir haben Arbeit zu erledigen.
Versucht ihr die letzten Shows intensiver zu erleben?
Boba: Nein. Nicht wirklich.
Kenny: Ich weiß nicht, ob das gesund wäre. (lacht) Wir versuchen, eine Balance zu finden, und auf der einen Seite die Tour zu genießen und auf der anderen Seite einen guten Job zu machen. Hinterher sehen wir dann, was wir an Erinnerungen mitnehmen.
Kenny: Hauptsächlich gute Erinnerungen. Es hat mir von der ersten Show an immer gut gefallen. Die erste Show, war das in Bern in dieser Scheune?
Boba: Da wo sie Heu geworfen haben?
Kenny: Nein, aber das war auch geil.
Boba: Ah, die Scheune, jetzt erinnere ich mich. Das muss auf der Gluecifer-Tour gewesen sein.
Kenny: Ja, stimmt, also das muss dann 1998 gewesen sein. Das war so eine scheißriesige Scheune, ich glaube, die Leute da waren so eine Art Kollektiv, die in einer Art Wagenburg gelebt haben, Hanfbauern und so ... It was a real trippy place. - Und dann natürlich der Love Club, da haben wir auch auf der ersten Tour gespielt. Der gehörte dem Martin von Celtic Frost [Martin ist lustigerweise Mitbesitzer des Mascotte, der das heutige Konzert ausrichtet, d.Red.].
Ihr seid ja eine recht laute Rock'n'Roll-Band. Habt ihr damit schon mal Probleme in der Schweiz gehabt?
Boba: Oh ja, schon des öfteren. Heute haben sie uns gesagt: "Ihr könnt nicht so spielen, wie ihr es gewöhnt sein. Ihr müsst alles ein bisschen runterdrehen." Ich habe nur gedacht: "Ja, endlich!" (lacht) Nein, ernsthaft, es macht einen großen Unterschied. Die Shows in der Schweiz klingen ganz anders als in anderen Ländern. Aber heute ist es vielleicht auch ganz gut so.
Was haltet ihr von diesem Venue? Es sieht ein bisschen so aus, als würden hier sonst Rollerdiscos stattfinden. [Das Konzert fand in der Alten Börse statt; d. Red.]
Kenny: Wenigstens ist es sauber, das ist immer gut!
Ihr habt wahrscheinlich einige dreckige Löcher gesehen.
Kenny: Ja, das kann man so sagen. Das ist auch ein Segen: Wir haben das ganze Spektrum gesehen. Kleine besetzte Häuser ohne Fenster und mit Hundehaufen auf der Bühne.
Was war der beschissendste Ort, an dem ihr je gespielt habt?
Kenny (ohne zu überlegen): Das muss die Glasfabrik in Holland gewesen sein, ich weiß nicht in welcher Stadt, das war auf der ersten Tour. Es gab keine Fenster und überall waren Hühner und Hunde. Es war ein Haus für Punks und Speedfreaks. Ich glaube, die haben da nur rumgehangen, geschlafen hat da keiner.
Boba: War das der Ort, wo Hundescheiße auf der Bühne lag?
Kenny: Ja, das war da.
Hundescheiße auf der Bühne? Okay ...
Kenny: Ja, das haben wir auch gedacht: Okay ...
Da muss man dann drumherum arbeiten. - Was war der netteste Ort, an dem ihr je gespielt habt?
Kenny: Von den Clubs her ... Ich weiß nicht. Wir haben einige große Festivals gespielt. Big Day Out in Australien zum Beispiel. Das ist schon die Crème de la crème, da ist alles super produziert und alles funktioniert. Aber Clubs?
Boba: Schwer zu sagen. Auf dieser Tour haben wir schon einige Clubs gespielt, in denen wir vorher noch nicht waren. Die zum Teil auch nicht für Konzerte konstruiert waren, Sporthallen zum Beispiel. Die sind natürlich sehr sauber, aber man kann nicht gut mit ihnen arbeiten.
Kenny: Auf der anderen Seite gibt es Clubs wie das Tavastia in Helsinki, die nicht viel hermachen, einfach nur ein großer leerer Raum, aber es funktioniert immer alles reibungslos. Es hat nur das, was du wirklich brauchst. Keine glamurösen Umkleiden. Klar gibt es Umkleiden und Duschen, aber es ist nichts besonderes und alles funktioniert.
Ihr macht euch also nichts aus glamurösen Umkleiden?
Kenny: Ich mache mir jederzeit was aus einem ordentlichen Bandraum! Wenn du willst, kannst du sogar eine Badewanne reinstellen.
Einige eurer Konzerte sind in größere Hallen verlegt worden. Seid ihr jetzt, wo ihr aufhört, populärer als je zuvor?
Boba: Ich denke, das ist so, weil wir zum letzten Mal touren. Aber wir unterstützen diese Verlegungen, weil wir festgestellt haben, dass Karten zu unseren Konzerten für wirklich irre Summen gehandelt werden. Zum Teil musst du mehr als 100 Euro zahlen für ein Ticket.
Kenny: Im Internet ... Deswegen wollen wir den Fans mehr Tickets anbieten können.
Boba: In Berlin können wir das Venue leider nicht wechseln, da sind wir im SO 36, aber wir haben das Konzert in Köln verlegt.
Ist das etwas, was sich über die Jahre ändert? Die Einstellung gegenüber den Fans?
Kenny: Bei uns war das meiner Meinung nach nicht so. Wir haben uns immer viel um die Fans gekümmert. Zum Beispiel die Seven-Inches. Und ich bin ein großer Fan von Bootlegs. Es ehrt mich, wenn Leute Bootlegs anfertigen, aber doch nicht von meinen Platten! Und wenn schon, dann lasst die Leute nicht mehr bezahlen als unbedingt nötig! Es ist doch nur Musik. (imitiert Vinylsammler) "Mein Vinyl ist rot!" - "Meins ist blau!" Come on! Das ärgert mich, besonders das mit den Tickets. In Schweden gibt es glaube ich ein Limit, so dass du nur vier Tickets pro Person kaufen kannst.
Das gibt es in Deutschland auch, zumindest bei wirklich großen Acts wie Madonna.
Kenny: Aber es gibt immer Leute, die das umgehen. Hundert Euro, das ist doch ein Witz, egal für welche Band. Niemand sollte soviel für ein Konzert zahlen.
Boba: Wobei wir in Schweden natürlich Madonna mögen ...
Kenny: Es ist ein Album, das wir herausgebracht haben. Das ist weit weg.
Ihr spielt wohl nicht viele Songs von diesem Album live, es sind ja alles Coverversionen.
Kenny: Korrekt. Wir wollten immer schon ein Coveralbum machen. Es gab immer wieder verschiedene Ansätze, wie wir das machen sollen. Und als wir es dann angegangen sind, wussten wir noch nicht, dass wir uns trennen würden. Es sollte also erstmal nicht unser letztes Album sein.
Boba: Im Moment spielen wir live von jedem Album ungefähr gleich viele Songs, so zwei bis drei.
Gibt es einige offensichtliche Songs, die fehlen?
Boba: Wir haben drei verschiedene Sets, du kannst also morgen nach München kommen, wenn du was vermisst.
Wenn jetzt so viele Leute zu euren Konzerten kommen, kommen euch dann nicht Zweifel an eurer Entscheidung, aufzuhören?
Kenny: Nein, wir fragen uns nur, warum die Leute nicht auf früheren Touren gekommen sind. Warum kommt ihr jetzt? Ihr hättet uns 1997 sehen sollen, da waren wir richtig heiß! (lacht)
Zum letzten Album habe ich ein Interview mit dir und Nicke geführt und wir haben lange über den Albumtitel "Rock'n'Roll Is Dead" gesprochen und wer Rock'n'Roll denn getötet hat. Ihr sagtet damals, das die großen Plattenfirmen und MTV die Mörder seien. Haben die jetzt auch die Hellacopters auf dem Gewissen?
Kenny: Nein. Naja ... Nein. Ich denke, wir wären sowieso am Ende gewesen. Es war nicht Universal Records, auch nicht MTV, denn die zeigen unsere Videos ja gar nicht. Unsere Auflösung ist eine sehr individuelle und persönliche Sache. Jeder in der Band hat seine eigenen Gründe, warum es für ihn nicht weitergeht mit den Hellacopters.
Ist das so? Ist die Auflösung der Hellacopters eine einstimmige Entscheidung gewesen?
Kenny: Ja, es war die einzige Lösung. Wir haben lange versucht, diese Maschine am laufen zu erhalten, aber es war die einzige aufrichtige Lösung. Weniger touren, die Dinge nur noch halbherzig zu betreiben, das erschien uns einfach nicht richtig. Wir könnten zuhause sitzen und nur noch Festivals und gutbezahlte Gigs spielen. Oder wirklich coole Gigs, wenn Dead Moon in der Stadt sind. Wir könnten die Band nur noch als Hobby betreiben. Aber das können wir mit jeder Band machen, dazu müssen wir die Hellacopters nicht missbrauchen. So wie wir es jetzt machen, ist es der einzige Weg. Jeder andere Weg wäre sehr traurig.
Wenn die Hellacopters eine Person wäre, wie wäre diese Person gestorben?
Kenny: Vermutlich an einem schizophren-psychotischen Zusammenbruch. (großes Gelächter) Oder an spontaner Selbstentzündung.
Im Oktober spielt ihr ausschließlich in Skandinavien. Habt ihr da die loyalsten Fans?
Boba: Wir spielen insgesamt mehr Shows in Europa als in Skandinavien. Das sieht nur so lange aus, weil wir ein paar Tage frei haben zwischen Finnland und Schweden.
Und zum Schluss spielt ihr vier Abende im Debaser in Stockholm.
Kenny: Nein, das sind vier Shows an zwei Tagen. Wir spielen zwei Lunch-Shows und zwei Abendshows.
Werden das auch ganz normale Shows sein?
Boba: Wir werden Bengalos abbrennen.
Kenny: Du, das ist total komisch, wir wissen noch gar nicht, was wir zu diesen Shows machen wollen. Wir sitzen alle im Bus, der Termin rückt immer näher und irgendwas müssen wir doch machen!
Macht ihr euch da tatsächlich Gedanken, dass ihr etwas besonderes machen müsst für die letzten Shows?
Kenny: Es wäre cool, wenn wir was machen würden. Der Club ist ganz in der Nähe von unseren Wohnungen. Da wäre es schon komisch, wenn wir nach der Show duschen und dann einfach jeder seiner Wege ginge.
Boba: Okay Jungs, ich muss auf den Bus, bis später! (lacht)
Was kommt danach?
Kenny: Ein großes, dunkles Nichts.
Ihr müsst doch irgendeinen Rentenplan haben ...
Kenny (prustet): Yeah, right! Das wäre toll! Wir alle haben unsere Pläne und jeder von uns hat mit ein paar Freunden Musik geschrieben und aufgenommen. Es wird also vielleicht eine kreative Hochphase für jeden von uns. Dann wird aus einer Band fünf.
Wie sieht das konkret aus?
Kenny: Boba, Nicke und Strings haben alle schon was aufgenommen. Ich weiß nicht, was mit Robert [Eriksson, der Drummer; d.Red.] ist, ich denke, die nehmen gerade etwas auf, die Gruppe heißt Tramp. Strings singt jetzt auf Schwedisch mit seiner Band Thunder Express ... Und ich bringe im November mit ein paar Freunden ein Album unter dem Namen The Bitter Twins heraus. Ich habe mit Anders von den Doits ein paar Songs geschrieben. Ich hätte da eigentlich schon was aufnehmen sollen, bevor wir auf Tour gehen, wenn ich jetzt so viel darüber rede, habe ich ein bisschen das Gefühl, als würde ich es verfluchen.
Okay, dann reden wir nicht darüber. - Nicke hat wahrscheinlich seine beiden Projekte laufen ...
Kenny: Seine zweihundert!
Ja, aber The Solution und Death Breath sind wohl die bekanntesten.
Kenny und Boba: Nein!
Boba: Ich glaube nicht, dass er noch mit The Solution arbeitet. Es könnte sein, dass er weitermacht, aber es macht nicht den Eindruck, als hätte The Solution Priorität. Mit Death Breath wird er wieder ins Studio gehen, aber er möchte vor allem was neues machen. Er hat 1000 Ideen, und hat bereits begonnen, sein Soloalbum aufzunehmen. Mit Fred von Dismember [der auch bei Death Breath ab und zu singt; d.Red.] stellt er gerade ein Studio zusammen. Da fangen sie bald an, die ersten Bands aufzunehmen, es kann also noch etwas dauern, bis er etwas Eigenes herausbringt.
An wen gebt ihr die Fackel weiter?
Kenny: Wir lassen sie einfach fallen und schauen, wer sie aufhebt.
Wer wird denn da sein?
Boba: Da muss jemand sein, aber wir wissen es nicht.
Viele der modernen Rock'n'Roll-Bands wie Gluecifer, oder Dead Moon oder die Hellacopters sind am Ende, bei Turbonegro bin ich mir noch nicht so ganz sicher, ob da noch was kommt ... Okay, die Backyard Babies haben ein neues Album!
Kenny: Ja, aber die Backyard Babies nehmen nicht unsere Fackel auf. Die brennen ja selbst schon seit langer Zeit. They're on fire! Wir brauchen was neues! Die Bands, die du gerade genannt hast, das sind alles unsere Freunde, das sind doch alles alte Säcke. Wir sind 40, Mann! Es braucht jemanden, der mindestens halb so alt ist wie wir. Wir haben keine Ahnung, wer das sein wird. Es ist eine spannende Zeit.
Verfolgt ihr das denn überhaupt? Was in der Rockszene passiert?
Kenny: Na klar! Ich habe ja ein Interesse daran, ich will wissen, was aus Rock'n'Roll wird. Es ist jetzt nicht so, dass ich ständig auf Myspace rumhänge, ich bin nicht so hip.
Hört ihr denn aktuelle Musik oder eher ältere Sachen?
Kenny: Ja, schon.
Boba: Aber das sind auch schon alles alte Säcke! (lachen)
Kenny: Contemporary old farts!
Wie sieht es mit euch aus? Werdet ihr jemals aufhören können, Musik zu machen? Denkt ihr, das ist überhaupt möglich?
Kenny: Ja, klar. Es ist schon vor uns passiert. Ständig hören irgendwelche Bands auf. Das kann ja auch gesund sein. Ich denke aber nicht, dass das für uns gilt. Jeder von uns wird auf die eine oder die andere Art Musik machen. Und wenn ich nur zuhause sitze und ein bisschen auf der Gitarre spiele. Oder ich sitze in einer Bar und schreibe einen Songtext. Und gebe ihn dann einem Freund für seine Band.
Boba: Oder du gibst ihn der Kellnerin.
Kenny: Das ist mein Plan für die Zukunft, wenn ich überhaupt einen habe! Liebesgedichte für Kellnerinnen.
Wenn ihr euch die letzten 14 Jahre anseht, was hättet ihr anders gemacht?
Kenny: Vielleicht hätte ich öfter mal Nein sagen sollen.
Boba: Manchmal haben wir aber auch zu guten Dingen Nein gesagt. Das ist keine gute Frage, Mann! Die Wahrheit ist, wir hätten wahrscheinlich nicht so viel anders gemacht. Ein bisschen öfter Nein gesagt, ein bisschen weniger getourt ... Andererseits haben wir all die Leute getroffen, die Band hat sich entwickelt. Wir hätten einen total anderen Weg nehmen können. Wenn wir nicht Nein zu dem Millionen-Dollar-Vertrag in den Staaten gesagt hätten, damals 1999, dann hätten wir da hinziehen müssen und wären für immer dort auf Tour gewesen. Dadurch wären wir sicher eine völlig andere Band geworden. Es ist wirklich schwer zu sagen.
Am Abend brennen sie dann noch einmal ein Feuerwerk an derben Rock'n'Roll-Hits ab. Das Publikum feiert seine Helden und merkt vermutlich nicht einmal, dass die Band gesundheitlich angeschlagen ist. Ein rundum würdiger Abgang.
Kaum eine andere Band hält die Rock'n'Roll-Standarte so tapfer hoch wie die Hellacopters. Ein Gespräch über ein totes Genre.
Es ist ein schöner Tag in Berlin, und entsprechend gut gelaunt und entspannt sind die Hellacopters, die sich in verschiedenen Winkeln des großen Universal-Speichers den Interviewern stellen. Ich habe es mit Sänger Nicke Andersson und Basser Kenny Hakansson zu tun, die offensichtlich zu Scherzen aufgelegt sind. Richtig ernst werden sie erst, als es um die wichtigste Sache der Welt geht: den Rock'n'Roll.
Hi, wie geht's euch? Ihr seht entspannt aus, macht ihr nicht die große Promo-Ochsentour?
Kenny: Wir machen die große Zwei-Tages-Promo-Ochsentour.
Nicke: Nur heute und morgen, dann fahren wir wieder nach Hause. Es ist gut, du schaffst eine Menge in sehr kurzer Zeit.
Wo lebt ihr denn? Immer noch in eurer Heimat?
Nicke: Wir leben alle in Stockholm. Nur ich nicht, ich bin raus in den Wald gezogen. Jetzt im Frühjahr ist es großartig da.
Du bist wohl kein Stadtmensch. Stockholm ist doch eigentlich eine ziemlich relaxte Stadt.
Nicke: Ja. Aber du solltest sehen, wo ich jetzt lebe. That's relaxed!
Was denkt ihr über eure neue Platte?
Nicke: Sie ist endlich fertig! Das ist immer schön. Es fühlt sich ziemlich gut an, würde ich sagen. Es ist ein wenig schwer zu beurteilen, wenn man so intensiv daran gearbeitet hat.
Wie viel Zeit habt ihr denn mit der Platte zugebracht?
Kenny: Es war ein ziemlich langwieriger Prozess.
Nicke: Wir haben im Januar angefangen, probten für drei Wochen, dann waren wir eine Woche im Studio, hatten eine Woche frei, dann wieder eine Woche im Studio, dann drei Wochen frei, dann der Mix innerhalb von einer Woche.
Für die Aufnahmen habt ihr also nur zwei Wochen gebraucht?
Nicke: Es sollte nicht zu lange dauern. Beim letzten Album haben wir uns drei Wochen Zeit gelassen. Dabei geht es doch nur um drei Akkorde ...
Habt ihr denn das Gefühl, dass ihr für "By The Grace Of God" zu lange gebraucht hattet?
Nicke: Wir hatten zu viele Songs aufgenommen damals. Zwanzig Songs sind einfach zu viel. Dieses Mal haben wir nur vierzehn aufgenommen, das spart natürlich Zeit. Ich persönlich würde gerne Alben in vier Tagen aufnehmen. Aber es muss ja auch stimmig sein. Wenn wir die Songs schon ein Jahr lang live gespielt hätten, wären auch die Studio-Sessions wesentlich kürzer gewesen. Wir waren uns einfach noch nicht ganz sicher, was wir genau wollten. Man soll sich ja auch ein wenig Zeit zum rumprobieren nehmen.
Ihr habt einen ziemlich frischen Sound auf dem Album. Es klingt wie Live-Recording.
Nicke: So haben wir es auch gemacht. Im Vergleich zu den letzten drei Alben, wo wir jedes Instrument nacheinander eingespielt haben.
Das ist eigentlich auch das, was ich von den Hellacopters erwarten würde. Auf "By The Grace Of God" klangen die Songs ziemlich arrangiert.
Nicke: Was nicht unbedingt der Fall ist. Vielleicht täuscht dich der Mix da ein wenig. Ich mag dieses Album, der Mix ist sehr durchdacht. Da passiert sehr viel. Aber jetzt haben wir ein anderes Album gemacht, also dachten wir, produzieren wir es auch anders.
Was auch sofort auffällt, ist, dass ihr wieder mehr rockt auf diesem Album.
Kenny: Es gibt Songs, die sehr tough sind, sehr hart rocken ...
Nicke: ... aber es gibt auch ein paar seichtere Stücke auf "Rock & Roll Is Dead", wie zum Beispiel "Leave It Alone", das ist vielleicht der ...
Kenny: ... softeste Song den wir je geschrieben haben.
Nicke: Dieses Album ist vielleicht abwechslungsreicher als das davor. Das kann gut, aber auch schlecht sein. Ich hoffe, es ist gut. Vielleicht wird es langweilig.
Ich habe schon ziemlich gestaunt, wie der Opener "Before The Fall" nach vorne geht.
Nicke: Naja, ein Song wie "Better Than You" vom vorherigen Album ist nicht viel anders als dieser. Man kann schon hören, dass es sich um dieselbe Band handelt. Wenn wir uns dabei etwas gedacht haben, dann wahrscheinlich, dass es ein anderer Sound sein sollte. Die Songs selbst können wir nicht unter Kontrolle halten. Wenn ich einen Song schreibe, kommt dabei das raus, was dabei heraus kommt. Es ist halt ein Prozess, den die Songs durchlaufen: wir sechs, die Band und unser Produzent Chips suchen aus den ca. vierzig Demos die Songs heraus, die wir auch wirklich aufnehmen wollen, und jetzt sind halt diese dreizehn Songs rausgekommen.
Kenny: Es hätte auch ein komplett anderes Album sein können.
Nicke: Es hätte viel schneller, aber auch viel langsamer sein können.
Mir scheint es so, als wären die Songs auf diesem Album individueller, während die Songs des letzten Albums eine gute Einheit bildeten.
Nicke: Das liegt wahrscheinlich an den unterschiedlichen Charakteren der Songs. Ich höre mir Musik nicht so an, wenn mir etwas gefällt, gefällt es mir. Und ich denke, es gefällt mir.
Ich habe ja noch die Aufgabe, etwas über das Album zu schreiben. Darum muss ich mir wohl solche Gedanken machen.
Kenny: Ich glaube ich weiß aber, was du meinst. Als ich das fertige Album das erste Mal hörte, gefielen mir die Songs alle. Aber jeder aus einem unterschiedlichen Grund. Beim Ende eines jeden Songs freut man sich auf den nächsten. Vielleicht verstehe ich, was du meinst. Sie haben unterschiedliche Charakterzüge. Aber es sind immer noch alles Hellacopters-Songs. Es ist ja nicht so, dass da ein Funk-Song drauf ist oder so.
Das solltet ihr vielleicht mal ausprobieren. Wäre doch lustig.
Nicke: Ja, lustig schon, aber auch schlecht. Definitiv schlecht. Vielleicht sollte Kenny ein paar Seinfeld-Basslines spielen.
Kenny: Du würdest schon sehen, wie lustig das ist! (allgemeines Gelächter)
Worum geht es bei "Monkeyboy"?
Kenny: Was glaubst du denn?
Ich denke, es geht um einen Mann, der sich seiner Gefühle jemand anders gegenüber schämt.
Nicke: Gut! Es ist nicht das, was ich mir dabei dachte. Dann funktioniert es ja, wenn du etwas anderes hörst als ich. Ich denke, Lyrics sollten so funktionieren. Danke, dass du das gesagt hast.
Was hast du dir denn dabei gedacht?
Nicke: Ich bin der Monkeyboy. Wir sind ein und dieselbe Person. Ich versuche, damit klar zu kommen. Ich muss mir eingestehen, dass es diese beschissene Hälfte von mir gibt.
Kenny: Es geht darum, dich mit dem Affen in dir zu arrangieren.
Nicke: Und du bist der Affe.
Versuchst du, den Affen zu bekämpfen?
Nicke: Er ist immer da, das ist ein wenig anstrengend. Aber dagegen kann man wohl nichts machen.
Ein anderer Song, der heraussticht, ist "I'm In The Band". Er ist sehr lustig, so etwas habe ich von euch glaube ich noch nicht gehört.
Kenny: Ja, das ist ein sehr lustiger Song.
Nicke: Die meisten Bands haben solche Erfahrungen gemacht.
Gab es da einen bestimmten Vorfall?
Nicke: Es ist komisch, aber es scheint besonders oft in Schweden zu passieren. Man geht nur mal schnell raus zum Bus, um sein Bühnen-Shirt zu holen, vergisst den Pass drinnen. In fünf Minuten muss ich auf der Bühne stehen und der Typ an der Tür sagt: "No pass. You can't get in!" - "Aber du hast mich doch rausgehen sehen!" So läuft das dann. Und der Satz klingt lustig: "I'm In The Band". - Vielleicht ist das unsere Loser-Version von Grand Funks "We're An American Band", denn sie sind alle im Venue drin. Die Türen stehen ihnen offen. Unseres ist die Arme-Leute-Version.
Wobei ihr sicher auch "We're An American Band" singen könntet.
Nicke: Aber dann würden wir lügen!
Kenny: Und reinkommen würden wir deswegen immer noch nicht!
Wir müssen noch über den Albumtitel reden. "Rock & Roll Is Dead" ist ein eher ungewöhnlicher Titel. Das erste Mal hab ich ihn gelesen, als ich Ende Januar auf eure Homepage gegangen bin, und mich anstatt des gewohnten Hot Rods diese Worte empfingen.
Kenny: (grinst) Hast du dir Sorgen um uns gemacht?
Das war überhaupt nicht lustig damals!
(Großes Gelächter)
Nicke: Die Homepage hat seit Jahren gleich ausgesehen, und die Leute haben angefangen, sich im Guestbook zu beschweren. Das Ganze brauchte ein bisschen Zeit, vor allem weil wir ja zeitgleich am neuen Album gearbeitet haben. Also haben wir die Leute ein bisschen rätseln lassen. Was sie dann ja auch getan haben.
Stand das denn damals schon als euer Albumtitel fest?
Nicke: Ich bin mir nicht sicher, aber der Satz lag schon so in der Luft.
Kenny: Aber bevor wir ihn auf die Homepage gestellt haben, entschieden wir uns für den Titel.
Nicke: Die Idee stammt aus einem Song der Rubinoes, das ist eine amerikanische Power-Pop-Band. Die hatten in den Siebzigern einen Song, der hieß "Rock & Roll Is Dead", der ziemlich gut ist. Vielleicht covern wir ihn ja einmal. Sie waren an sich sehr cheesy, but this song kicks ass! Die Lyrics gehen irgendwie so: "Rock & Roll is dead and we don't care".
Aber könnte das die Leute nicht irreführen?
Nicke: Aber wir glauben ja, dass Rock & Roll tot ist.
Wer ist der Mörder?
Nicke: Es gibt keinen einzelnen Schützen.
Das klingt ein bisschen nach JFK!
Nicke: Ja! Einer der Schützen ist sicher MTV. Alle großen Labels sind involviert. Das hat ja nicht erst gestern angefangen. Es war ein langer Todeskampf. Ich denke, (überlegt lange) für uns ist er ziemlich tot. Die Kids heute wissen nicht mehr, wer Little Richard ist oder Chuck Berry oder Jerry Lee Lewis. Mit der Zeit geht das musikalische Erbe verloren. Die Kids interessiert es nicht, woher Limp Bizkit kommen. Limp Bizkit wird als Rockmusik bezeichnet! Zumindest in den USA. Sie nennen Creed eine Rock-Band. Es ist hoffnungslos. Wir werden Spaß damit haben, aber es fühlt sich tot an. Es bricht nicht unsere Herzen, aber es ist eine Tatsache, der wir in die Augen sehen müssen. Ein bisschen kümmert es mich schon.
Wer könnte dem den wieder Leben einhauchen?
Nicke: Ich denke nicht, dass es wiederbelebt werden kann. Alles was wir machen können, ist die Rock & Roll-Tradition weiterreichen.
Kenny: Bevor es wieder besser wird, wird es noch schlechter werden. Die großen Labels stellen gerade fest, dass ihnen die Kontrolle über den Musikmarkt entgleitet. Musikliebhaber bekommen ihre Musik auch anders. Bands spielen ihre Musik auch ohne die Labels. Bald wird etwas passieren mit der Art und Weise, wie Musik verkauft wird. Was danach passiert wissen wir nicht. Musik wird es immer geben, ebenso Musikliebhaber.
Nicke: Vielleicht wird Rock & Roll ja auch mal wiederbelebt, aber im Moment sieht es nicht so aus. Es gibt schon Rock & Roll-Bands, aber die existieren nur, weil die Medien und die Labels beschlossen haben, dass das die Mode ist.
Würdet ihr Rock & Roll-Bands also in zwei Lager spalten?
Nicke: Nein nein nein. Nicht wirklich. Es gab immer gute Bands. Es kommt heute nur noch drauf an, was in oder out ist. Im Moment scheint Rock einigermaßen in zu sein. Wir sind bei Universal, also haben die schon ihre Rock-Band. Warum kann es nicht mehr geben?
Macht es euch denn nichts aus, bei einem Major-Label zu sein? Immerhin sind die in euren Augen Teil des Komplotts.
Kenny: Das bereitet uns keine Sorgen.
Nicke: Wir könnten unsere Platten genauso gut auf einem anderen, kleineren Label herausbringen. Universal ist unser Vehikel, um unsere Musik zu verbreiten. Wenn das Vehikel zusammenbricht, nehmen wir halt ein anderes. Das kann alles sein, vom Internet bis zum guten alten Mailorder-Vertrieb. Wirklich gut wäre es, wenn es wieder zur Mundpropaganda zurückgehen würde. Dass sich jede Band live beweisen muss.
Dann müsstet ihr euch keine Sorgen machen.
Nicke: Alle Bands würden dann härter an sich arbeiten. Heutzutage braucht man doch nur ein teures Video und ein Label, das dafür zahlt, es ins Fernsehen zu bringen. Wenn wir alles selber machen würden, würde es auch kein Video von uns geben. Wir spielen ihr Spiel, aber wir tun das für uns und die Fans. Wir wollen uns verfügbar machen. Wir benutzen sie mehr, als sie uns benutzen. Sie wissen nicht, ob wir uns verkaufen. Aber das ist nicht unser Problem. Wenn wir uns nicht verkaufen, Pech gehabt. Es wird in jeder Stadt immer dreißig Leute geben, die uns live sehen wollen.
In Berlin sollte das gerade so klappen!
Kenny: Bist du sicher?
Wenn man sich die interessanten Rock-Bands heutzutage anguckt, kommen sie nicht aus den USA ...
Nicke: ... oder aus Großbritannien!
Vielleicht am ehesten noch aus Skandinavien? In Norwegen gibt es Turbonegro und Gluecifer, in Schweden außer euch die Hives, plus Danko Jones aus Kanada ...
Nicke: Einige gute Bands kommen aus den USA.
Hat Skandinavien denn was besonderes an sich?
Nicke: Ich weiß es nicht. Vielleicht kann man bei uns eher eine Band gründen. In den USA ist es vielleicht härter. Die Bands in Schweden haben es auch nicht leicht, aber vielleicht haben sie dort eine bessere Plattform.
Kenny: Vielleicht liegt es daran, dass es in Schweden immer schon qualitativ hochwertige Musik gab. Das fängt schon im Jazz an und geht halt bis heute weiter. Die Isolation tut ihr übriges.
Nicke: Oder aber, es liegt daran, dass nicht viele Bands zu uns kamen, also mussten wir selbst Musik machen. Aber das war früher so.
Hat Schweden mehr gute Rockbands als andere Länder?
Nicke: Mehr als Deutschland auf jeden Fall! In den Niederlanden sieht es auch nicht so gut aus. Hast du denn eine Idee, warum das so ist?
Ich bin mir nicht sicher.
Nicke: Bei uns gibt es halt diese Tradition, wie Kenny schon sagte. Auch kommerziell erfolgreiche Bands kommen aus Schweden, wie Abba zum Beispiel. Dann gibt es den so genannten Poodle-Rock. Bands wie Europe, diese Hairspray-Sache. Ich mag Europe zwar nicht, aber sie machen qualitativ gute Musik. Genauso Abba. Die können manchmal sehr cheesy sein!
Vielleicht liegt es auch an der Infrastruktur.
Nicke: Ja, es gibt auch viele Kultur-Fonds. Das könnte helfen. Wir haben da nie groß von profitiert. Es gibt auch wenig Rivalität zwischen den Bands. Jemand hat mir gestern erzählt, dass es so etwas in Deutschland gibt. Wenn eine Band aus einer Stadt in eine andere kommt ... Eine Hamburger Band ist nicht so willkommen in Berlin und so weiter.
Das ist aber vielleicht eine generelle Rivalität zwischen diesen beiden Städten.
Nicke: Und es ist dumm!
Letzte Frage, Nicke: Was ist mit The Solution, deinem Nebenprojekt? Läuft es noch?
Nicke: Wir haben fast das zweite Album fertig. Als wir letztes Jahr durch Schweden getourt sind, haben wir eine Reihe Coverversionen gespielt, die haben wir am Ende der Tour aufgenommen. Vor der Tour haben wir ein paar Songs geschrieben. Ein paar Kleinigkeiten müssen da noch gemacht werden. Es macht mir viel Spaß, aber es ist harte Arbeit. Einfach weil so viele Leute daran beteiligt sind. Vierzehn Leute zur Probe zusammen zu kriegen ist fast unmöglich. Ich als Bandleader werde da beinahe wahnsinnig. Wenn es klappt, macht es einen Riesenspaß.
Nicke oder Kenny in den I-Pod zu gucken, wäre sicher eine höchst aufschlussreiche Reise in die Vergangenheit des Rock gewesen, doch leider ist Kenny schon zum nächsten Interview abgezogen und Nicke besitzt einfach keinen. Von einem Vinyl-Freak war das zu erwarten. Aber er ist sich der Vorteile bewusst und zeigt sich interessiert an den kleinen Teilchen. Bis jetzt sieht es nämlich so aus, dass er sich zuhause mit einem Spezialgerät die Schallplatten digitalisiert, diese dann auf CDs brennt, um sie mit auf Tour zu nehmen. Für die Platten, die er unterwegs kauft, hat er einen Koffer-Plattenspieler dabei. That's Rock'n'Roll!
Air Raid Serenades (2007)
Payin' The Dues (1997), Respect The Rock (1997), Supershitty To The Max! (1996)
49,90 EUR
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The Devil Stole The Beat From The Lord, it's Myspace!
http://www.myspace.com/hellacopters
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