4. September 2012

"Die Leute haben wieder Lust auf Hip Hop"

Interview geführt von

Natürlich spaltet Max Herre auch mit seinem dritten Soloalbum wieder die Massen. Eine Tatsache versetzte aber zumindest die zahlreichen Freundeskreis-Fans und langjährigen Anhänger schon lange vor Release in kollektiven Jubel: Während der Produktionsphase zu "Hallo Welt!" fand der gebürtige Stuttgarter nicht nur zu seiner Lebensgefährtin Joy Denalane, sondern auch zur alten Liebe zum Rap zurück.Warum er die Wiederaufnahme des Sprechgesangs weniger als Rückkehr, denn als logische Konsequenz betrachtet, erklärte der zweifache Vater ausführlich im Telefoninterview. Außerdem sprach er über Marsimoto, die prominenten Featuregäste auf "Hallo Welt!" sowie die restlose Befreiung aus dem Konzept des letzten Albums.

Deine Singer/Songwriter-Platte "Ein Geschenkter Tag" von 2009 hat gerade unter Hip Hop-Fans recht stark polarisiert. Wie hast du denn die Reaktionen erlebt? Kam da viel Gegenwind bei dir an?

Gar nicht mal so viel. Auf die Konzerte kommen ja die Menschen, die es mögen. Und wer es nicht mag, kommt eben nicht. Daher war ich doch eher mit jenen konfrontiert, die damit etwas anfangen können. Natürlich spürt man, dass es Leute gibt, die etwas anderes erwartet haben, aber das hat mich nicht so wahnsinnig beschäftigt. Ich wusste ja auch schon bevor ich das rausgebracht habe, dass manche nicht damit rechnen.

Aber ich denke, ich habe auch schon davor und zu Freundeskreis-Zeiten gezeigt, dass es nicht immer meine erste Erwägung ist, mit der Erwartungshaltung der Menschen umzugehen. Sondern einfach die Musik zu machen, die ich gerade machen will und mit der ich mir treu bleibe.

Ich werde das öfters gefragt, auch im Hinblick auf das nun erscheinende Rapalbum. "Ein Geschenkter Tag" bedeutet mir aber nach wie vor etwas. Weil es einfach das war, was ich zu dem Zeitpunkt machen wollte. Mit dem ich mich am besten ausdrücken und mir am gerechtesten werden konnte. Deshalb ist das so entstanden.

Hast du dir keine Sorgen gemacht, mit der Rückkehr zum Rap wiederum allzu sehr das zu tun, was die Leute von dir erwarten?

Das Studio ist das Studio. Und ich bin in allererster Linie mir selbst verpflichtet, wenn ich Musik mache. Ich will machen, was mir gefällt. Und von dem ich das Gefühl habe, dass ich das bin und dass mein Name da zurecht drauf steht. Für mich war das auch nicht so sehr eine Rückkehr, für mich gehts eher weiter. Ich mache ein Projekt und meist ergibt sich daraus das nächste.

Manchmal ist Musikmachen wie ein Pendel: Wenn man was ganz kleines gemacht hat, macht man beim nächsten Mal was orchestrales. Oder wenn man was ruhiges gemacht hat, hat man Lust auf was lautes. Bei mir war es wohl auch so. Ich habe mit "Ein Geschenkter Tag" ein komplett akustisches Album gemacht und hatte Lust auf Gesang. Dabei habe ich vieles, was ich an musikalischen Reflexen habe und viele Dinge, die ganz natürlich kommen, bewusst außen vor gelassen. Und das war bei "Hallo Welt!" überhaupt nicht so.

Die letzte Platte war ein Konzeptalbum. Es musste alles an der Gitarre entstehen. Wir haben es in einer Woche aufgenommen und es gab zu jedem Song maximal zwei, drei Takes. Von so einem Konzept habe ich mich diesmal freigemacht. Ich sage nicht mehr: Es muss auf die oder die Art passieren und es muss die oder die Sache dabei herauskommen. Ich habe einfach die Filter erst mal ausgeschaltet und dann ist das eben nach und nach entstanden.

Gab es denn ein spezielles Erlebnis, von dem an du wieder Bock auf Sprechgesang hattest?

Nee, das war alles ein Prozess. Um das letzte Album zu verstehen, muss man wissen, dass es eigentlich auch ein Rap-Album werden sollte. Aber als ich dann angefangen habe, Musik dafür zu machen, habe ich nicht mehr nach Sample-Quellen gesucht. Sondern eher geschaut, was Folk-Musiker und Singer/Songwriter an Sounds haben, die ich verwenden kann.

Und dann habe ich angefangen, Beats zu machen. Mit Samon und Roberto, mit denen ich das immer noch mache, wir heißen KAHEDI. Wir spielten eben eher folkiges Zeugs, haben geloopt und ich hab drüber geschrieben. Ich hab dann gemerkt, dass ich die Dinge mit dem, was ich in den Refrains singe, auf den Punkt bringe. Und deshalb diese Rapstrophen nicht mehr brauche.

Rap ist ja etwas sehr faktisches, narratives. Du erzählst was und gibst viel preis. Und ich wollte damals zwar emotional etwas preisgeben, jedoch keine Fakten, die niemanden außer mir was angehen. Das ist für mich allerdings eine kohärente Entwicklung. Ich sehe es also nicht als Abkehr vom Rap, insofern ist es jetzt auch keine Rückkehr.

Du erwartest aber schon, dass die Stücke auf "Hallo Welt!" wieder deutlich mehr Menschen ansprechen werden, als die Singer/Songwriter-Stücke?

Ja, ich merke schon, dass sich da etwas angestaut hat. Dass die Leute diesen rappenden Max mögen, der in letzter Zeit aber nicht da war. Und an diese Stelle ist ja auch niemand anderes gerückt. Ich denke also schon, dass die meisten da große Lust drauf haben. Allerdings nicht, dass sie keine Lust auf andere Einflüsse haben. Ich habe schließlich nie puristischen Boombap-Hip Hop gemacht. Sondern es hat immer davon gelebt, dass es Brüche gibt und dass thematisch wie musikalisch alles erlaubt ist.

Ich glaube, dass die Leute grundsätzlich gerade wieder Lust auf Hip Hop haben. Weil sie merken, dass es die ein oder andere Platte gibt, die sie anspricht, auch wenn sie nicht hundert Prozent Hip Hop ist. So war es ja auch in den Neunzigern: Da hatte jeder eine Tribe-Platte. Aber daneben stand auch die Nirvana-Platte. Das kehrt gerade ein bisschen wieder und ich finde, dass mein Album da auch seinen Platz hat. Dass sie Rap einfach wieder breiter und interessanter für alle musikinteressierten Leute macht.

"Clueso schuldete mir noch eine Line"


Im Gegensatz zum letzten Album sind diesmal zahlreiche Gastmusiker am Start, allein zwölf Sänger und MCs. Wie kam es dazu?

Das letzte Album war eben ein sehr persönlicher Moment, den es nicht zu teilen galt. Diesmal hatte ich total Lust, in verschiedenen Konstellationen Musik zu machen. Und eben beides zu leben: Sowohl diesen Frontmann Max Herre, als auch den Producer. Wenn ich ein Instrumental habe, macht es einfach Spaß, sich vorzustellen, wer darauf jetzt gut klingt und den Song besser macht. Und wem ich etwas auf den Leib schreiben oder produzieren kann, um ein homogenes Gebilde zu schaffen.

Das ist eben der Luxus, den ich als Musiker habe. Wenn wir einen Soul-Song wie "Vida" bauen, kann ich mir eine Soulhook vorstellen, muss sie aber nicht selbst singen. Sondern kann einfach Joy (Denalane, Anm. d. Red.) oder Aloe Blacc fragen. Da weiß ich, dass ich musikalisch das bekomme, was ich will. Oder wenn ich ein Zerstörer-Rap-Ding mach und Samy anrufe, weiß ich gleich: Das wird genau das werden, was ich mir wünsche. Dieser Spaß am gemeinsamen Musikmachen war die Motivation.

Stichwort Aloe Blacc: Aus meiner Sicht stellt er eines der interessantesten Features der Platte dar. Wie kam es denn zu der Zusammenarbeit?

Wir haben uns vor fünf Jahren auf dem Splash! kennengelernt. Später war er in Berlin, um mit meinem KAHEDI-Kollegen Samon Kawamura für dessen vorletztes Studioalbum zusammenzuarbeiten, das auch bei unserem Label Nesola rauskam. Damals war er noch Rapper bei Stones Throw.

Dann hatten wir das "Vida"-Ding rumliegen und ich hab angefangen, zu schreiben. Das war ein Oldschool-Ding, es klang ein bisschen nach Memphis Soul. Wir wollten es dann aber nicht bei dem Loop-Ding belassen, das man so von Wu Tangs RZA kennt, sondern haben eine komplette Bridge mit Bläsern gebaut. Sounds derart aufzubrechen, macht mir großen Spaß. Da denken die Leute die ganze Zeit sie hören einen Loop und merken dann: Aah, nee, die spielen ja wirklich!

Und dann hatte ich eben Aloe Blacc im Ohr, weil er diese unglaubliche Soulstimme hat. Er ist in meinen Augen kein R'n'B-, sondern ein klassischer Soulsänger. Dann haben wir ihn gefragt und es herrschte erstmal Funkstille. Er hatte nicht wirklich Zeit, weil er viel unterwegs war.

Vier Monate später rief er plötzlich an und meinte: Hey, ich bin übermorgen in Düsseldorf. Könnt ihr'n Studio klar machen? Dann haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt und sind nach Düsseldorf gefahren. Im Studio haben wir erst "Vida" aufgenommen und anschließend gleich noch "So Wundervoll" drangehängt.

Haben dir denn auch Wunschfeatures abgesagt?

Nee, nicht wirklich. Manche Sachen kommen halt nicht zustande, aber dann kommt auch der Song nicht zustande. Aber die Leute, mit denen ich was machen wollte, sind schon drauf.

Du hast auch Künstler auf der Platte, die mit Sicherheit sehr zu dir aufschauen, z.B. Cro. Marteria erwähnt dich in seinem Part sogar als eines der Vorbilder seiner Jugend. Schlägt sich dieser große Respekt auch in der Zusammenarbeit und im Miteinander nieder?

Der Respekt ist ja gegenseitig. An dem Punkt, an dem ich jemanden ins Studio einlade, hole ich ihn für seine Qualität. Damit ist auch schon diese Augenhöhe hergestellt. Mit Marten sowieso, weil er einfach ein sehr selbstbewusster Künstler ist. Und Cro kam mit ziemlich vielen Leuten aus Stuttgart im Schlepptau, die wir eben beide kennen. Eine Art Zwischengeneration, die so sieben oder acht Jahre älter ist als er.

Ich kannte diesen Kodimey noch, ein Chimperator-MC, der da jetzt auch Business macht. Dann hatte er noch Vasee dabei, den ich noch vom Weggehen in Reutlingen in Erinnerung hatte. Da war sozusagen gleich eine Brücke da. Sicherlich auch ein gewisser Respekt, aber es geht ja auch darum, es den Leuten nett zu machen. Und eine gute Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen. Ich hatte den Song "Fühlt Sich Wie Fliegen An" fertig und habe für ihn einfach diesen Achter freigelassen. Das ging dann relativ reibungslos.

Und Clueso kam dann extra noch drauf?

Ja, ich hatte diese Line "So leicht muss Liebe sein" und dachte, das klingt wie Cluesen. Das hätten danach eh alle gesagt, also kann ich ihn gleich holen (lacht). Er hatte mich ja schon bei seiner letzten Platte für den Song "Ey Der Regen" angerufen, damit ich diese Zeile "Immer wenn es regnet" neu einspreche. Und dann hab ich diesmal zurückgerufen und gesagt: Du schuldest mir noch eine Line. Das ist eigentlich schon die Story.

"Alter Egos im Rap finde ich uninteressant"


Wenn du in Interviews über das aktuelle Rapgeschehen sprichst, scheinst du immer ziemlich begeistert. Gibt es denn derzeit keine Dinge, die dich nerven?

Nee, eigentlich nicht. Besser gesagt: Die Sachen, die mich nerven, nehme ich nicht wirklich wahr. Und gebe ihnen vor allem keine Plattform in meinen Interviews. Das ist ja mein Platz. Aber nee, ich muss schon sagen, dass ich es aktuell sehr gut finde. Ich hab beim Hip Hop Open gespielt, ich hab beim Splash! gespielt. Das sind beides Veranstaltungen, die es ewig gibt und beide hatten dieses Jahr Besucherrekord.

Und auf beiden Festivals bin ich vor ein paar Jahren backstage rumgelaufen und hab mich nicht so wohlgefühlt, weil die Stimmung schlecht war. Das hat sich auf jeden Fall verändert. Es ist wieder ein größeres Miteinander. Manche Leute mag man mehr, manche weniger, manche Musik feiert man mehr, manche weniger.

Aber es ist nicht mehr dieses sich über den Beef Definieren. Oder über die Respektlosigkeit gegenüber anderen. Ich hab prinzipiell nix gegen diese Battle-Kultur, das ist alles cool. Aber es ist schon angenehm, dass im Moment der Respekt davor vorhanden ist, dass jeder sein Ding macht.

Du hast kürzlich im Mixery Raw Deluxe-Interview erklärt, dass es dir bei Rap weniger darum geht, aus welcher Richtung die Leute kommen. Sondern darum, ob die Künstler glaubwürdig sind oder nur ein übergestreiftes Image haben. Wie stehts denn beispielsweise mit Kollegah, der als Rapper ja doch recht offensichtlich eine Rolle spielt, die mit seinem Privatleben nicht allzu viel zu tun hat?

Kollegahs Sachen kenne ich zu schlecht, um künstlerisch und musikalisch darüber zu urteilen. Aber über diese Idee vom Alter Ego im Rap kann ich was sagen. Eminem ist mit Marshall Mathers ja auch ein Vorreiter davon geworden. Du schaffst dir ein Alter Ego an und kannst darüber die Enttabuisierung deiner Lyrics rechtfertigen. Du kannst Mütter beschimpfen und mal Fucker-Raps schreiben und was weiß ich - du bist nicht haftbar. Weil du ja immer sagst: Das ist nur mein Alter Ego, das bin ich ja gar nicht.

Das finde ich total uninteressant. Für mich ist Musik interessant, wenn sie greifbar ist. Wenn der Mensch, der sie macht, darin auch spürbar ist. Deswegen gefällt mir diese ganze Alter Ego-Geschichte nicht besonders.

Ist Marsimoto da die Ausnahme?

Ja. Es gibt ja Marteria und es gibt Marsi. Ich feier das auf jeden Fall. Aber ich weiß nicht, ob ich es so feiern würde, wenn es nur Marsimoto gäbe. Ich mag das auch, weil ich ja die Zutaten kenne, also Quasimoto. Das fand ich immer cool.

Ich finde, dass Marten da ein Hammerding draus gemacht hat, weil er unglaubliche Storys erzählen kann. Da ist er tatsächlich 'ne Ausnahme. Insofern, dass ich das bei ihm wirklich als Kunstform ansehe. Die Geschichten, die er erzählt sind total kunstfertig.

Es ist was anderes, wenn Leute als Alter Ego diese chauvinistische Gangsterstory verbreiten. Ich hab das und das, mach das und das und ich schieß dir den Kopf weg und bla bla bla. Wenn jemand aber über Walfische, ein Paar Ski, Indianer oder Pinguine rappt, hat das für mich nochmal eine andere Kunstfertigkeit. Und ist damit auch gerechtfertigt.

Du wirst nächstes Jahr 40. An welchem Punkt deiner Karriere siehst du dich momentan?

Ganz am Anfang! (lacht)

Ich krieg hier reingerufen: letzte Frage. Kriegen wir das hin?

Ja, dann zum Schluss noch ein kleiner Themawechsel. Im Moment tobt eine Debatte über das künstlerische Urheberrecht. Verfolgst du sie? Und wenn ja, macht sie dir Angst?

Ich verfolge diese Debatte partiell. Angst? Ich weiß nicht. Ich finde sie teilweise schon nachvollziehbar, denn man muss sich über die Handhabung der strukturellen Sachen mal einige Gedanken machen. Da besteht auf jeden Fall Gesprächsbedarf. Grundsätzlich in Frage zu stellen, dass die Arbeit der Musiker irgendwie entgeltet werden muss, finde ich aber nicht okay. Man sollte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Ganze eben Geld kostet und dass man dafür auch was verdienen muss. Darüber sollten sich die Leute auf jeden Fall Gedanken machen.

Und darüber, dass das bei der Musik moralisch so anders verstanden wird: Wenn man in einem Laden einfach irgendwas mitnimmt, hat man ein ganz anderes Unrechtsbewusstsein, als wenn man sich irgendwo Musik holt. Diese Kriminalisierung der Leute finde ich Quatsch. Aber umgekehrt würde ich gerne eine Debatte über das Bewusstsein führen.

Natürlich ist nicht alle Musik gleich viel wert. Wenn du auf Mixtape-Level etwas machst und einfach gratis anbietest - okay, cool. Aber bei einer richtigen Produktion geh ich ja eineinhalb Jahre mit mehreren Leuten ins Studio, kann in der Zeit kein anderes Geld verdienen und will es auch nicht. Und darüber sollte man sich Gedanken machen, find ich. Denn wenn es keine Budgets mehr gibt, sind solche Platten einfach nicht mehr möglich.

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