28. September 2009

"Deutschland denkt in Schubladen"

Interview geführt von

Das zweite Solo-Album von Max Herre "Ein Geschenkter Tag" erscheint zehn Jahre nach "Esperanto", der letzten Veröffentlichung von Freundeskreis. In der Zwischenzeit versuchte sich der Wahl-Berliner an allen möglichen Stilen, um schließlich beim Folk zu landen.Mittlerweile haben sich auch einige Kollegen des Freundeskreis-Gründers vom Genre verabschiedet: sie machen heute Soul, Funk, spielen Gitarre oder schreiben ein Buch und gehen auf Lesereise. Muss man sich Sorgen machen um den deutschen Hip-Hop? Wir fragen einen, der es wissen muss.

Es ist Mitte September, das neue Max Herre-Album ist noch nicht lange auf dem Markt. Herre befindet sich auf "Radio-Sender-Reise", "klappert die Radios der Republik ab". Mittendrin, auf dem Weg von München nach Augsburg, findet der Musiker Zeit, um mit uns über das neue Album, die Vergangenheit des Freundeskreises und die Zukunft des deutschen Hip-Hops zu sprechen.

Viele Hip-Hop-Künstler haben im Vorfeld der Bundestagswahl ihre Popularität genutzt, um zum Wählen zu animieren. Massiv interviewte Cem Özdemir, Blumentopf riefen mit einem eigenen Song zur Wahl auf, andere outeten sich als Nicht-Wähler ... Inwiefern war das für dich ein Thema? Hast du auch versucht, Fans zum Wählen zu motivieren?

Ja, ich hab das tatsächlich auch gemacht, ohne aber eine Richtung vorzugeben. Ich würde mich hüten, da eine Empfehlung auszusprechen. Ich fand das schon wichtig, und bekanntlich haben wir jetzt auch wieder eine wahnsinnig schlechte Wahlbeteiligung, die schwächste seit vielen Jahren. Das finde ich natürlich schade - auf der einen Seite einfach nur schade, auf der anderen zeigt das natürlich auch, wie wenig die Menschen noch daran glauben, irgendwas bewirken zu können.

Man könnte vermuteten, dass du nach deiner Zeit beim Freundeskreis gar keine Lust mehr hast, mit Journalisten über Politik zu sprechen ...

Nee, eigentlich nicht. Mit dem Thema haben wir alle zu tun. Ich bin nach wie vor ein politisch interessierter Mensch, von daher ist das kein Problem.

Als ich "Ein Geschenkter Tag" zum ersten Mal gehört habe, waren für mich die satirisch verpackten, sozialkritischen Inhalte und die politischen Aussagen auf den ersten Blick das einzige, was von FK-Zeiten übrig geblieben war. Würdest du dem zustimmen? Oder gibt es auch noch viel mehr, was da mit "rübergewandert" ist?

Ja, ich denk schon, dass das auf jeden Fall eine Sache ist. Abgesehen von dem Blick nach Innen auch der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Zur Frage, ob man politisch ist oder nicht: für mich ist Politik ganz einfach das Interesse an der Umwelt, an den Menschen, nicht mehr und nicht weniger. Von daher ist das ein Element, das auch auf "Ein Geschenkter Tag" vorkommt. Es sind allerdings auch viele andere Dinge. Ich bin ja kein grundlegend anderer Mensch, insofern ist da natürlich wieder viel von den alten Sachen drin ...

Ich hab sogar das Gefühlt, dass "Ein Geschenkter Tag" vom Ausdruck und von der Direktheit her wieder an die ganz frühen Freundeskreis-Sachen anknüpft. Dieses Unverstellte: den Filter und die Attitüde, die Coolness einfach mal weglassen. Alles ist sehr direkt, meine Stimme, die Texte. Ich bin einfach bei mir und probiere nicht - wie man das vom Hip-Hop sonst so kennt – mich irgendwie abgrenzen zu müssen.

Wenn das Album – wie du vorhin beschrieben hast – eher aus persönlichen Einflüssen heraus entstanden ist: spielte das dann eigentlich eine Rolle, ob man in Berlin oder Stuttgart schreibt und einspielt?

Es gibt natürlich Sachen, die entstehen nur in einem bestimmten Umfeld. Peter Fox' Album beispielsweise ist einfach ein Berlin-Album. Dieses Urbane, das 'Aus dem Club stolpern' ... das ist diese Platte nicht. Es ist schon eher – außer vielleicht dem Song "Wo Gehen Wir Hin?" – ein Album, das den inneren Zustand widerspiegelt, das Emotionen beschreibt. Dinge, die mit mir zu tun haben, Dinge, in denen sich aber auch andere wiederfinden können.

Ich habe eine Rezension deines neuen Albums gelesen, die endete in etwa mit den Worten: Ein gutes Album, aber so was wie "Quadratur des Kreises" schreibt man nur einmal im Leben. Sind das Momente, in denen man seine Vergangenheit einfach mal abschütteln und unvoreingenommen gehört werden möchte?

Also erst mal stimmt das ja: "Quadratur des Kreises" schreibt man nur einmal, das hab ich mit 22, 23 geschrieben, das spürt man auch. Das ist für mich erst mal gar kein Qualitäts-Urteil. Und dann ist es – wenn du die Frage so stellst – Segen und Fluch zugleich. Segen, weil man immer eine Plattform bekommt, und die Leute einem zuhören, aufgrund der entsprechenden Geschichte, und weil man einem Namen hat. Fluch insofern, als man von Anfang an in einer Schublade steckt. Deutschland ist sehr geprägt vom Schubladen-Denken. Es ist eben auch anders als in England, dort gibt es vielleicht 30 oder 40 Schubladen, in Deutschland gibt's fünf (lacht). Insofern ist das sicher schwieriger, sich frei zu machen, weil die Leute einen immer einordnen. Da hätte ich es als Debütant wiederum einfacher gehabt. Aber das hat, wie gesagt, Vor- und Nachteile.

"Wir waren nie die Puristen im Hip-Hop"


Mir persönlich gefällt das neue Album – obwohl oder weil mir auch die alten FK-Alben gefallen haben. Gab es unter den Fans, den Kollegen und Freunden auch welche, die mit dem Stil-Wechsel bzw. dem neuen Album gar nichts anfangen konnten?

Das ist alles noch zu frisch mit dem Album, aber die wird es sicher geben. Es wird ja niemand zum Anhören gezwungen (lacht). Ich glaube, es ist genau wie du sagst: diejenigen, die früh schon FK gehört haben, schon vor zehn oder zwölf Jahren, die haben sich womöglich auch vom Hip-Hop verabschiedet. Die können, glaube ich, nun anknüpfen – erkennen mich, aber auch das, was ihnen gefallen hat, wieder. Die teilen immer noch ähnliche Sichtweisen und ähnliche Emotionen.

Viele Künstler haben sich vom Hip-Hop verabschiedet: Dennis Lisk aka Denjo fährt mit seinem neuen Album auch eher auf der Singer/Songwriter-Schiene, Jan Delay spielt mal Soul, mal Funk – aber keinen Hip-Hop mehr. Macht man sich da als einer der Pioniere in Deutschland nicht Sorgen um die Zukunft des Genres?

Ich find es erst mal immer positiv, neue Sachen zu entdecken. Da ist eher Goldgräberstimmung als Angst oder Befürchtung. Am Ende ist es einfach so, dass man sich treu bleiben muss. Ich kann nur machen, was ich fühle, was ich empfinde - in genau diesem Moment. Ich kann mir nicht irgendwas überstülpen. Ich glaube auch, dass es das ist, was die Leute spüren, und einem übel nehmen würden: wenn man nicht mehr authentisch ist in dem, was man tut.

Das ist jetzt natürlich ein Scheideweg, das bewegt sich weg vom jugendkulturellen Format hin zu etwas erwachsenerem. Viele Leute wollen und werden diesen Weg mitgehen, andere nicht – dafür wird es wieder Leute geben, die es neu für sich entdecken.

Letztlich ist auch schwierig, darüber so zu theoretisieren. Musik ist nach wie vor von allen Künsten die, die am unmittelbarsten funktioniert, nämlich darüber, ob man es fühlt, oder eben nicht. Trotzdem denke ich, manche Leute könnten mehr für sich entdecken, wenn sie etwas offener wären.

"Alles fing an mit der Gitarre meines Vaters", beschreibst du den Beginn deiner Karriere im FK-Song "Erste Schritte". Ist das neue Album also im Grunde eher Rückbesinnung als völliges Neuland?

Für mich ist das natürlich etwas, das sich ganz vertraut anfühlt. Aber auch FK waren nie bekannt als die Puristen im Hip-Hop. Ich habe immer auch gesungen, wir haben verschiedene Genre ausprobiert, Roots-Reggae oder soulige Sachen. Als ich mit 19, 20 Musik gemacht habe, war Hip-Hop eben die zwingendste neue Musik-Richtung, da wollte man ein Teil von sein. Gut möglich, dass ich, hätte ich zehn Jahre früher angefangen, mehr nach Prince geklungen hätte. Und dass ich zehn Jahre später nahtlos an die Gesangs-Sachen angeknüpft hätte. Man ist immer auch Kind seiner Zeit, und die Zeit geht weiter.

Manche nutzen die Solo-Karriere nach der Band-Erfahrung, um kompromisslos ihre eigenen Ideen durchzusetzen. War das bei dir genau so? Würdest du deine Band, mit der du aufgenommen hast, also als Studio-Musiker, als Statisten deiner Vision beschreiben?

Die Songs sind großteils zu Hause entstanden, und auch nicht immer allein, sondern oft mit Frank Kuruc, einem Gitarristen, mit dem ich schon für Joy, für ihr Album "Mamani", gearbeitet habe. Dann habe ich eine relativ lange Textphase alleine gehabt. Auch mit Sékou habe ich mich während dem Schreib-Prozess zusammengesetzt.

Die Band habe ich zusammengestellt, da waren die Songs soweit fertig, und ich wusste, was ich sound-mäßig will. Trotzdem habe ich die Musiker natürlich so gewählt, dass da auch eine Chemie entstanden ist, eine eigene Dynamik. Es war schon so, dass sie sich auch eingebracht haben, ihre Spielweise und ihre Besonderheiten. Ich hab mich eben in letzter Zeit viel mit Produktion beschäftigt, wo man zwar einen Rahmen schafft, die Leute sich darin aber frei bewegen und einbringen können.

Der Song "Baby Mama Rag" klang für mich so, als ob da improvisiert wurde – und so, als ob da ein paar Leute eine Menge Spaß im Studio hatten.

Absolut. Die Platte ist komplett live eingespielt, wir haben 15 Songs in fünf Tagen aufgenommen, und danach nur noch ausgebessert. Zu dem Song "Baby Mama Rag" hatte ich auch 'ne Skizze gemacht. Und dann war der Song innerhalb einer Stunde im Kasten. Wir waren alle gemeinsam in einem Raum: der Bassist hat seinen Kontrabass ausgepackt, der Pianist hat ein altes Klavier noch mit Gaffa abgeklebt und wir hatten so eine original 30er-Jahre-Snare-Drum. Das war auf jeden Fall eine Spielwiese.

"Eine Perversion der Geschichte"


Auch ein Udo Lindenberg-Cover befindet sich auf "Ein Geschenkter Tag". "Wir Wollen Doch Einfach Nur Zusammen Sein" erzählt die Geschichte zweier junger Menschen, die sich in Ost-Berlin kennen lernen, und ineinander verlieben. Irgendwann ist es spät, und der Mann muss zurück nach West-Deutschland. Zur Zeiten der Mauer hast du in Stuttgart gewohnt. Ist das Stück also einfach eine Hommage an ein altes Idol, oder gibt es doch einen persönlichen Bezug?

Als ich wieder angefangen hab, Gitarre zu spielen, hab ich "Wir Wollen Doch Einfach Nur Zusammen Sein" oft gesungen. Ich bin ja ein großer Udo-Fan, schon seit meiner Kindheit. Er wird immer eine Rolle spielen, und da dachte ich mir: wenn der Song noch mal irgendwann reinpasst, dann ja wohl jetzt, zum zwanzigsten Jubiläum des Mauerfalls - dass man noch mal versteht, worum es da ganz genau ging. Ich hab den Song Udo gezeigt, und ihm hat er gut gefallen. Er hat auf die Version auch noch eine Strophe eingesungen, das wird die B-Seite meiner neuen Single. Er hat mir erzählt, dass er sich den Song auch wieder angehört hat, und das ist damals wirklich alles so passiert, eine wahre Geschichte: er war drüben, hat dieses Mädchen getroffen, sie haben Sekt getrunken, und dann war es plötzlich nach elf und er musste heim. Das kann man sich heute ja gar nicht mehr vorstellen

Hat sich die Frau nicht auch Jahre später in der Zeitung gemeldet: "Ich war das Mädchen aus Ost-Berlin"?

(lacht) Das hat er mir nicht erzählt, aber ich werde ihn darauf ansprechen. Für mich spielt der Song eben auch wieder eine Rolle, weil ich jetzt in Ost-Berlin wohne. Und man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, in einer geteilten Stadt zu leben, in einem geteilten Land. Geteilt durch eine Mauer, die sich auch durch Familien und Freundschaften zieht. Das ist einfach eine Perversion der Geschichte. Und diese Udo-Hommage ist natürlich auch so eine Tradition, die ich gern mal aufleben lasse.

Was hat Bob Dylan eigentlich für eine Rolle gespielt, vor und während der Aufnahmen?

Ich habe mich in den letzten fünf Jahren immer mehr mit Bob Dylan beschäftigt, und ich muss gestehen: ich hab auch lange gebraucht, bis ich einen Zugang gefunden hatte, weil es zum Teil schon sperrig ist. Irgendwann hab ich "Don’t Think Twice It's Alright" angehört oder "Just Like A Woman", einer von den beiden Songs muss es gewesen sein, und da hab ich es einfach gefühlt. Ich hatte den Zugang zu dieser Art von Lyrik, und einfach verstanden, warum er der wichtigste Songwriter aller Zeiten ist. Es gibt dieses Buch - "Lyrics" - in dem all seine Songstexte auf deutsch und englisch enthalten sind - das ist so eine Art Bibel für Songwriter.

Auch Clueso war für ein paar Songs im Studio dabei, vieles hat mich auch an ihn erinnert. Hat er dich beeinflusst, oder klingt das einfach nur ähnlich, weil du jetzt die Art Musik machst, die Clueso sonst immer spielt?

Also, Clueso macht ja auch nicht schon immer die Art Musik. Das Witzige ist: als er zu Four Music kam, meinten alle: "Oh, das klingt ja alles sehr nach Max und nach FK". Jetzt sehen die Leute das andersrum. Die musikalische Nähe ist mittlerweile zehn Jahre alt. Ich schätze ihn sehr, und mag auch seine Sachen. Ich glaube einfach, dass wir aus den ähnlichen Zutaten unsere Musik gebaut haben, und uns dann auf den Weg begeben haben, der einfach immer mehr in Richtung Songwriting ging.

Eine weitere Ähnlichkeit ist sicher auch der Umgang mit Sprache. Wenn man aus dem Rap kommt, hat man einfach ein bestimmtes Handwerk und ein bestimmtes Gefühl für Metaphern, für Bilder, für Brüche ... Da halte ich ihn für wahnsinnig begabt.

Er kam ins Studio, als wir die Gesangs-Sachen aufgenommen haben. Und als ich bei ihm in Erfurt war, haben wir an ein paar Sachen geschrieben. Es ist ein bisschen was für mein Album entstanden, aber da wird sicher auch in Zukunft noch was kommen ...

Obwohl du auf deinem neuen Album Soul, Funk und Folk kombinierst, klingt es weitaus homogener als dein erstes Solo-Album, auf dem einige tolle Songs waren, das aber irgendwie etwas zusammengewürfelt klang. Kann man rückblickend das erste Album – mit Songs wie "Alter Weg" – als Zwischenschritt zu "Ein Geschenkter Tag" bezeichnen?

Es war auf jeden Fall so eine Art Suche, und das merkt man dem Album an. Ich bin zu der Zeit umgezogen nach Berlin und habe Joys Album produziert - ich war eher in so einer "Produzenten-Stimmung", hab einfach mehrere Sachen ausprobiert. Dementsprechend technischer ist das Album geworden, der rote Faden fehlt so ein bisschen. Ich hab in ganz verschiedenen Konstellationen über einen längeren Zeitraum hinweg aufgenommen, und als genug Songs beisammen waren, hab ich das Album veröffentlicht. Diesmal hatte ich den Wunsch, ein Album zu machen, das mehr aus einem Guss ist. Dann war die Frage, was ich machen will, verschiedene Richtungen gab es ja reichlich auf dem letzten Album. Und dann war diese Art Musik am Ende einfach am stimmigsten. Es war das, was ich gefühlt hatte, und das, was mich am meisten interessiert hatte.

Fühlst du dich in Berlin eigentlich mittlerweile zu Hause? Oder hast du manchmal noch Heimweh nach Stuttgart?

Ich bin immer noch gern in Stuttgart. Meine Eltern wohnen noch da, und mit Sékou einer meiner besten Freunde – es gibt also immer einen Grund, dort zu Besuch zu sein. Wenn ich mit meinen Kindern ihre Großeltern besuche, bin ich mehrere Tage da, manchmal eine ganze Woche. Aber es ist nicht mehr mein Zuhause, in diesem Sinn. Ich bin in Berlin angekommen, ich bin gerne da, und es ist mittlerweile meine Heimat. Meine Infrastruktur ist da, und meine Leute. Für mich ist das heutige Stuttgart natürlich auch nicht mehr die Stadt, die es für mich vor zehn Jahren war.

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