Porträt

laut.de-Biographie

Hildegard Knef

Vor allem als Schauspielerin kennt man "Die Knef", die im Nachkriegsdeutschland das Erbe von Marlene Dietrich antritt. Neben ihrer grandiosen Kinokarriere, treibt die gebürtige Ulmerin ab den 60er Jahren auch eine Laufbahn als Chansonsängerin voran. Ihr musikalisches Schaffen ist dabei von ebenso eigenwilliger Schönheit wie das ihrer Freundin Marlene. Die wohl berühmteste Umschreibung dieses Sachverhalts liefert Ella Fitzgerald: "Sie ist die größte Sängerin ohne Stimme".

"Musik ist doch etwas ganz Wesentliches in meinem Leben", beteuert Hilde im Laufe ihrer Vita immer wieder. Die Texte zu ihren eigensinnigen Stücken schreibt sie selbst, über mehr als eine Handvoll Gesangsstunden kommt sie aber nicht hinaus. Zu ihrem eindeutigen Erkennungsmerkmal wird daher nicht ihre technische Brillanz, sondern die rauchig-verruchte Stimme. "Ich hatte nie den Ehrgeiz, gut zu singen".

In kantig-schönen Zeilen wie "das Glück kennt nur Minuten, der Rest ist Warterei" fasst sie die kollektive Volksseele der Wirtschaftswunderzeit in Worte, die auch heute noch ihre zeitlose Gültigkeit besitzen. Ihr großes Plus: Man glaubt ihr, was sie singt. Wie keine andere schafft es Hildegard Knef, den Menschen aus dem Herzen zu sprechen und dabei nahe und antastbar zu bleiben. "Ich kenne die heutige Zeit nicht sehr gut. Genauso wenig, wie ich damals meine Zeit kannte. Ich kenne nur mich und meine Reaktionen auf das, was um mich herum geschieht".

Den Grundstein für ihre Laufbahn als Sängerin legen die Dreharbeiten zu "Schnee am Kilimandjaro" (1952). Darin muss sie eine Cole Porter-Nummer singen, von der Porter so angetan ist, dass er ihr die Hauptrolle in seinem Broadway-Musical "Silk Stockings" ("Seidenstrümpfe") nahe legt. Erst zehn Jahre später begegnet Hildegard Knef ihrem musikalischen Ausdruckswillen mit dem nötigen Ernst und veröffentlicht 1962 ihr Debütalbum "So oder so ist das Leben". Zehn weitere Soloalben und eine unüberschaubare Vielzahl an Samplern, Compilations und Best-Ofs legen bis heute ein beeindruckendes Zeugnis ihrer musikalischen Zeitlosigkeit ab.

1965 nimmt sie ihr zweites Album "Hildegard Knef spricht und singt Kurt Tucholsky" auf. Bereits wenige Monate später etabliert sie sich mit "Ich seh die Welt durch deine Augen endgültig als intelligente Chansongöre. 1966 geht sie mit Günter Noris und seiner Big Band auf Tournee. 1968 wird sie als "beste deutschsprachige Sängerin" ausgezeichnet und erhält mehrere Goldene Schallplatten für über drei Millionen verkaufter Exemplare.

Hildegard Frieda Albertine Knef kommt am 28. Dezember 1925 in Ulm zur Welt. Nach einer entbehrungsreichen Jugend, in der sie eine Kinderlähmung übersteht, absolviert sie in München Anfang der 40er eine Ausbildung als Trickfilmzeichnerin. Parallel dazu studiert sie Schauspiel an der Babelsberger Filmhochschule.

Nach Kriegsende und den traumatischen Erfahrungen in einem russischen Gefangenenlager erhält sie ihre erste kleine Filmrolle in "Unter Den Brücken" und zieht nach Berlin, wo sie Engagements am Theater wahrnimmt. Den Durchbruch schafft sie bereits ein Jahr darauf mit "Die Mörder Sind Unter Uns", in dem sie eine ehemalige KZ-Inhaftierte verkörpert. 1948 wird sie bei den Filmfestspielen in Locarno mit der "besten weiblichen Hauptrolle" für "Film Ohne Titel" ausgezeichnet.

Die Nacktaufnahmen und sozialkritischen Inhalte der "Sünderin" (1951) bringen ihr im prüden Nachkriegsdeutschland vernichtende Kritiken und einen handfesten Kino-Boykott ein, was in Amerika wiederum wohlwollend zur Kenntnis genommen wird. "Die Sünderin" läuft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit großem Erfolg und setzt Hildes internationale Karriere richtig in Gang.

Ab 1952 folgen etliche Hollywood-Produktionen, zu deren bekanntesten "Schnee Am Kilimandjaro" (1952), "Die Dreigroschenoper" (1963) und "Wartezimmer Zum Jenseits" (1964) zählen. 1954 feiert sie als Kommissarin Ninotschka in Cole Porters erwähntem Musical ihre Broadway-Premiere und spielt sich mit über 670 Vorstellungen in die Herzen der New Yorker. Selbst ihr Vorbild Marlene Dietrich besucht eine Vorstellung und ist vom Knef'schen Darstellungstalent schwer begeistert.

Kurz nachdem 1970 ihre Autobiografie "Der geschenkte Gaul" mit großem Erfolg erscheint, muss Knef aufgrund einer Krebsdiagnose ihr Schaffen für mehrere Jahre unterbrechen. Ihre diesbezüglichen Erfahrungen verarbeitet sie in dem Buch "Das Urteil". Außerdem leidet sie unter der schweren Abhängigkeit der Morphium-Ersatzdroge Metadon und der Scheidung des Ehemanns und britischen Regisseurs David Cameron, mit dem sie außerdem (erfolgreich) um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Christina kämpft.

Bereits 1977 erhält Hildegard Knef den Deutschen Lebenswerk-Filmpreis, 2000 zusammen mit dem Echo Standing Ovations der anwesenden deutschen Musikindustrie. 2001 folgt der Bambi für ihr Lebenswerk, das insgesamt 39 Filme, 11 Langspielplatten, drei Bücher und zahllose Gemälde umfasst. Von 1982 bis 1989 lebt Knef in Los Angeles, anschließend sehr zurückgezogen in Berlin. Sie stirbt am 1. Februar 2002 an den Folgen einer Lungenentzündung. Mit "A Woman And A Half" erscheint kurz vor ihrem Tod eine Kino-Dokumentation, die das Multitalent noch einmal an verschiedene Stätten der eigenen Vergangenheit führt und eine würdige Hommage an einen der größten deutschen Stars darstellt. Die Regisseure Clarissa Ruge und Matthias Zuber trafen die Knef bereits zu Gesprächen, die zum Fundament des gleichnamigen Buches führten.

Am 25. Dezember 2005 wäre Hildegard Knef 80 Jahre alt geworden. Anlass genug, das Werken der Sängerin, Schauspielerin und Buchautorin noch einmal neu aufzulegen und in Erinnerung zu rufen. So erscheint am 18. November zunächst "Schöne Zeiten - Ihre Unvergessenen Singles", eine würdige Zusammenstellung auf zwei CDs, die alle regulären Singles vereinigt (A- und B-Seiten!), die die Knef zwischen 1962 und 1979 für ihre damaligen Plattenfirmen Teldec und Philips aufgenommen hat. Ummantelt von einem ausführlichen Booklet dürfen hier natürlich ihre großen Hits wie "Für Mich Soll's Rote Rosen Regnen" oder "Ich Brauch Kein Venedig" nicht fehlen. Eine Woche später veröffentlicht Warner Music mit "Knef" und "Worum Geht's Hier Eigentlich" (Knef und die Les Humphries Singers) zwei längst vergriffene Studioalben (1970, 1971), die von Knef-Fans bereits seit langem innigst gefordert wurden.

Eine Art Deluxe-Veröffentlichung ist die Anfang Dezember erscheinende 4-CD-Box "Ich Bin Den Weiten Weg Gegangen" mit unglaublichen 95 Songs. Darunter befinden sich Kooperationen der Knef mit Bert Kaempfert, der Song "Jene Irritierte Auster" mit Max Raabes Orchester, zahlreiche Livesongs ("Zwei Meter Bein", "Ein Kurzes Jahr", "Eins Und eins"/"Aber Schön War Es Doch", "Amsterdam"), Knefs 92er-Kollaboration mit Extrabreit ("Für Mich Soll's Rote Rosen Regnen"), zwei Songs mit Jazz-Trompeter Till Brönner und der Hans Nieswandt-Remix von "Bei Dir War Es Immer So Schön". Sicherlich ein ultimatives Paket für Fans der großen Hildegard und mit rund 33 Euro auch durchaus erschwinglich.

Die Tribute-Platte "Ihre Lieder Sind Anders" (25. November) legt derweil dar, dass auch junge deutsche Künstler mit dem Programm der Diva eng vertraut sind. Paula, Stereo Total, Richard v. d. Schulenburg (Die Sterne), Die Moulinettes, Garish (aus Österreich) und Justus Köhncke gehören zu insgesamt 16 Künstlern, die der Knef ihre Ehre erweisen.

Auch im Bild wird Hildegard Knef wieder lebendig: Die DVD "Erinnerungen" beinhaltet viele Interviews von prominenten Fans wie Willy Brandt, Henry Miller oder Henri Nannen sowie die Sendung "Hildegard Knef und ihre Lieder" (1975), in der Bilder von Paul Klee als schillernde Kulisse dienen. Außerdem dabei ist das Frühwerk "Illusion" (1952) und der bisher nicht auf CD veröffentlichte Titel "Das Mädchen Aus Hamburg". Herzlichen Glückwunsch, Hilde!

Das Jahr 2006 geht ohne Wiederveröffentlichung der Künstlerin vorüber, Ende 2007 erscheint mit "From Here On It Got Rough" das 1969 in England und Australien zum Zwecke der internationalen Popularitätssteigerung veröffentlichte Album "Love For Sale" mit einigen Bonustracks. Darauf findet der Fan die wichtigsten Knef-Songs in englischer Sprache wieder.

Richtig rund geht es 2009: Nach der ersten autorisierten Biographie über Hildegard Knef aus der Feder ihrer Freundin Petra Roek kommt auch die Verfilmung ihrer Lebensgeschichte mit Heike Makatsch in der Hauptrolle in die Kinos.

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