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"Was für ein großes Gefühl, was für große Erwartungen, die ich fühl'. Was für große Verantwortung, was für eine große Bürde zu beschreiben, was für mich Freiheit heißt."
In der Tat stellt es keine leichte Aufgabe dar, sich mit dem Thema Freiheit auseinander zu setzen. Mindens Finest meistert diese jedoch mit Bravour. Nicht umsonst etabliert sich Curse über die Jahre als einer der tiefsinnigsten und vielseitigsten MCs des deutschen Sprachraums und verschafft Ostwestfalen einen Eintrag auf der Hip Hop-Landkarte.
"Von Minden Nach Außen", der Titel ist Programm: Michael S. Kurth erblickt das Licht der Welt am 6. September 1978. Wie die meisten seiner Kollegen setzt er zunächst auf englischsprachige Texte: Mit seiner Band Phat Kills (die es sogar zu einer CD-Veröffentlichung, "Straight Outta Broketown", bringt) tritt er Mitte der 90er Jahre in Jugendzentren auf. Erst später entdeckt er die Ausdrucksmöglichkeiten seiner Muttersprache und verlegt sich auf Rap auf Deutsch.
Auf einer Jam trifft er später die Wahlheidelbergerin Cora E, der er ein Demotape vorspielt. Eigenen Angaben zufolge erleidet diese beinahe einen Ohnmachtsanfall - ob das als Kompliment gewertet werden darf, soll an dieser Stelle offen bleiben.
Seine klaren, flüssigen Reime verschaffen Curse, der seinen Bühnennamen von der englischen Aussprache seines Nachnamens ableitet, eine Handvoll Gastauftritte bei der Prominenz des deutschsprachigen Hip Hop. Curse rappt auf Scheiben von Cora E, den Stieber Twins und dem Bremer DJ Stylewarz (unter anderem Tour-DJ von Ferris MC).
Eine Hand wäscht die andere: Im Gegenzug sind die Stieber Twins und die Arsonists auf Curses Single "Wahre Liebe" zu hören. Ein zweijähriger Studienaufenthalt in den USA verschafft Curse zudem zahlreiche neue Kontakte zu New Yorker Künstlern, darunter Non Phixion und Vertreter aus dem Hause Rawkus.
Die ersten Solo-Veröffentlichungen des Mindeners erscheinen bei Jive Records, die gemeinsam mit dem Rapper gleich auch seinen Produzenten Sascha "Busy" Bühren unter Vertrag nehmen. Busy verdiente sich zuvor erste Lorbeeren als Remixer und Produzent von Xavier Naidoo, Cora E und Moses Pelham.
Der EP "99 Essenz" und etlichen Singles ("Doppeltes Risiko", "Erfolg", "Sonnenwende" und "Wahre Liebe") folgt 2000 das Debüt-Album "Feuerwasser". Ernste, ausgesprochen persönliche Texte prägen bereits hier das Gesamtbild.
2001 legt Curse mit "Von Innen Nach Außen" nach. Deepe, melancholische Beats und Texte, die einen Einblick in die Gedanken- und (vor allem) Gefühlswelt des Mindeners gestatten, geben auch hier den Ton an. Curse beherrscht allerdings mehr.
Er battlet sich mit King Kool Savas um "Das Gegenmittel", stellt gemeinsam mit Xavier Naidoo ewige Wahrheiten klar ("Rap ist Soulmusik, sie ist da für die, die sie lieben und sie ehren, vergiss das nie") und ruft im Chor mit Azad und Tone die "Cherubim" auf den Plan. Die Juice kürt "Von Innen Nach Außen" zum besten nationalen Rap-Album des Jahres - vollkommen zu Recht.
"Innere Sicherheit" (2003) fällt, betrachtet man das Curse'sche Gesamtwerk, ein wenig aus dem Rahmen. Deutlich reicher instrumentalisiert, präsentiert sich das nunmehr dritte Studioalbum musikalisch über die Maßen vielseitig. Neben der (bereits auf einer EP ausgekoppelten) naturgegeben reggaelastigen Kollaboration "Widerstand" mit dem Kölner Gentleman stehen extrem ruhige Piano-Balladen ("Und Was Ist Jetzt") sowie die derbe, gemeinsam mit 4Lyns Braz durchgeführte "Schocktherapie". Max Herre unterstützt in "Goldene Zeiten".
Curse featuret darüber hinaus junge Acts wie Stress & Trauma oder Italo Reno & Germany, die auf seiner Künstlerplattform Alles Real Records eine Heimat finden. "Rap" zeigt, was viel zu häufig im Verborgenen blüht: Storytelling, Battlestyles, Liebeslyrik, das Ganze auf Deutsch, auf Englisch oder double time - Curse kann alles.
Die DVD "Von Minden Nach Außen" kommt ebenfalls 2003 auf den Markt. Bis zum nächsten Album gehen anschließend allerdings zwei Jahre ins Land. "Sinnflut" erscheint im Dezember 2005. Diesmal sind unter anderem Samy Deluxe, Black Thought von den Roots sowie die Produzenten-Legende Pete Rock als Gäste zu begrüßen.
Einen Überblick über das reichhaltig gewordene Schaffen gestattet 2006 das Mixtape "Einblick Zurück". Von Ausruhen auf den Lorbeeren allerdings keine Spur. Curse bricht seine Zelte in Minden ab und wechselt nach Köln, wo er mit Kollegen Patrice eine fruchtbare Studio-Gemeinschaft eingeht. Ab Oktober 2007 moderiert er im Wechsel mit Clueso, Jan Delay und Max Herre die Radioshow "Plan B" beim WDR-Sender 1LIVE.
Die Beschäftigung mit einem alles beherrschenden Thema macht Curse zum Motiv eines ganzen Longplayers. Wie die Vorab-Single und der Song, der das verwendete Sample liefert, trägt das im September 2008 erscheinende Werk den Titel "Freiheit". "Freiheit kann man nicht eindämmen, Freiheit muss man ausatmen": eine Erkenntnis, die auch Marius Müller-Westernhagen teilt. Er gestattet nicht nur die Verwendung seines Materials, sondern greift auch gleich selbst mit zum Mikrofon.
Die Frage, wer die Definitionsmacht bezüglich der Rap-Gesetze inne hat, klärt Curse im Laufe der Jahre regelmäßig. Das Wesentliche allerdings fasst er so zusammen: "Ich sag' zu ihnen: Ich kann nur sein, was ich bin. / Ich kann nur fühlen, was ich fühl', und genau das schreib' ich auch hin." Genau.
Über Westernhagen, intelligenten Hip Hop, Porno ab 18 und Gangbang mit 12.
Rap-Gesetzgeber Curse plauscht am Telefon über sein aktuelles Album, seine ungebrochene Begeisterung für Hip Hop und Marius Müller-Westernhagen, die Verantwortung von Gangster-Rappern und die dringende Notwendigkeit, Intelligenz als Coolness zu vermarkten.
Mehrfach nahm sich Curse in den vergangenen Jahren Zeit für uns. Zwei schöne Gespräche verscharrte ich bereits auf meinem umfangreichen Friedhof der nicht abgetippten Interviews. Kein Wunder also, wenn man am Telefon mit den Worten begrüßt wird: "Ah, mit dir sprech' ich immer gern. Dir erzähl' ich die wahre Geschichte. Es kommt eh nie raus."
Ich muss an meinem Ruf arbeiten. Curse erweist sich nichtsdestotrotz erneut als angenehm mitteilsames Gegenüber. Da das Gespräch am Vorabend der Veröffentlichung seines Albums stattfindet, springt einen das Thema "Freiheit" nahezu an.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Marius Müller-Westernhagen?
Mein Album hieß von Anfang an "Freiheit". Das hatte zuerst einmal nichts mit dem Song von Westernhagen zu tun, sondern es ging um meine ganz persönliche Definition. Zu dem Zeitpunkt war dieser Freiheitsbegriff eine Überschrift in meinem Leben. Ich bin umgezogen. Ich habe mich von alten Strukturen getrennt, neue angefangen. Ich bin ins kalte Wasser gesprungen, habe in vieler Hinsicht den inneren Schweinehund überwunden. Ganz private Sachen.
Mir war wichtig, mich auch musikalisch von den Grenzen zu lösen, die man sich selber setzt. Als ich dann schon ein Dreivierteljahr an dem Album gearbeitet hatte, kam mir ganz konkret die Idee, die Live-Version von Westernhagens "Freiheit" zu samplen. Ich saß abends im Studio und hab' das Ding rausgekramt, weil ich mir dachte: "Klar, ist natürlich naheliegend."
Am Anfang dachte ich, ich mach' ein Intro oder ein Outro draus, lass' das irgendwo reinfaden. Mein Hauptgedanke war eigentlich: Live-Show. Wie ist das, wenn ich beim Splash! rauskomme und 20.000 Leute singen das Ding?
Dann hab' ich es an ein paar Producer verschickt. Ein paar Tage später kam die erste Layout-Version zurück. Die hat mich umgepustet, die fand ich grandios. Hab' das Ding einige Wochen oder Monate in der Schublade verschwinden lassen, weil ich dachte: "Okay, vielleicht ein bisschen zu krass. Westernhagen, 'Freiheit' ... wer weiß."
Wenn ich mal kurz zwischenfragen darf: In welcher Beziehung standest du vorher zu Westernhagen? Warst du sowieso ein Fan oder war das eher ... so naja?
Ich hab' den total gefeiert, früher. Auf jeden Fall. Ich hab' sein Album, auf dem "Sexy" drauf war, rauf- und runtergehört. Ich hatte so einen roten Sony-Walkman, da lief die Kassette auf Dauerlauf. Wir haben ein paar Hundert Meter entfernt von einem Platz gewohnt. Im Oktober oder November war da immer Kirmes. Ich saß zu Hause und durfte eigentlich nicht raus, weil es schon zu spät war. Aber ich hab' zu meiner Mutter gesagt "Wenn 'Sexy' von Westernhagen kommt, dann will ich hin."
Da hab' ich original zu Hause gesessen und auf die Mucke da gehört. "Woah, jetzt kommts!" Ich in meine Schuhe reingejumpt, die Straße runtergerannt, hab' mich dann da drei Minuten zwanzig an den Autoscooter gestellt, und dann bin ich wieder nach Hause gelaufen. Ohne Scheiß, ich war da echt am Start.
Und "Freiheit" war natürlich auch ein krasses Ding. Ich habe noch ein altes Fotoalbum mit Bildern von der Wende. Danach war ich in Berlin und habe an der Mauer rumgespechtet. In mein Fotoalbum habe ich damals sogar Textzeilen von "Freiheit" reingeschrieben.
Du warst Fan.
Ich war am Start, auf jeden Fall. In den letzten Jahren habe ich die Sachen von Marius gar nicht mehr verfolgt. Das Letzte, das ich noch aktiv mitbekommen habe, war "Ich Bin Wieder Hier". Das fand ich auch Hammer, da fand ich auch das Video supernice. Danach hab' ich eigentlich nicht mehr viel mitbekommen.
Natürlich haben sich die Medien in den letzten Jahren auch über Westernhagen hergemacht. Es gab ganz wenig Leute, die nicht auf den "Wir finden Westernhagen jetzt mal komisch"-Wagen aufgesprungen sind. Deswegen hatte ich natürlich auch das Bild, der Typ sei bestimmt total schwierig. Deswegen habe ich am Anfang auch so gezögert, bei ihm überhaupt anzufragen.
Am Ende des Tages hat sich das alles nicht bewahrheitet. Ich habe ihm die Sachen geschickt. Er kannte Curse nicht, wusste nicht, was ich vorher gemacht habe. Er hat einfach nur den Song gehört und die Texte gelesen. Aufgrund der Musik und des Textes hat er gesagt: "Find' ich Hammer, will ich unbedingt machen, hab' ich Riesenbock drauf."
Eines Tages auf dem Weg zum Bäcker rief mich dann Herr Marius Müller Westernhagen an und meinte: "Ja, guten Tag, Müller-Westernhagen hier. Ich find' das ganz großes Kino, was du gemacht hast und würd' das gerne supporten." Dann hat er mir im ersten Gespräch von sich aus angeboten: "Du, ich will mich ja nicht aufdrängen." Originalzitat!
"Ich will mich ja nicht aufdrängen! Also, wenn du nur das Sample benutzen möchtest, is' klar, is' ja dein Song, mach damit was du möchtest. Aber wenn dir das was bringt, wenn das für dich was wäre, dann würd' ich dieses 'ist das Einzige, was zählt' nochmal neu einsingen. Zum Beispiel, oder die Bridge oder sowas."
Und ich so: "Woah, krass! Auf jeden Fall! Irre! Toll." Und dann meinte er auch noch: "Ich weiß nicht, ob das was bringt, aber ich kann ja mal kucken, ob ich euch die Masterbänder besorgen kann." Er war von Anfang an total offen, herzlich und ... gebend mit seinem Song. Auch konstruktiv, hat nicht gegeizt mit seinen Sachen. Im Gegenteil, er hat sogar noch angeboten: "Ich kann dies möglich machen und das ..." Das war echt phantastisch.
Face to face getroffen haben wir uns dann beim Videodreh. Da hatten wir aber schon zigmal miteinander telefoniert und waren uns schon ein bisschen bekannt. Beim Videodreh haben wir uns dann zum ersten Mal gesehen. Das war super. Sehr herzlich, offen, überhaupt nicht prätentiös, überhaupt nicht "Ich bin hier der Star, warum ist mein Wasser nicht kalt" oder irgendso'n Scheiß. Völlig easy, entspannt. Wenn er nicht vor der Kamera stand, hat er gechillt, was getrunken und mit irgendwelchen Leuten am Set Scherze gemacht. Es war wirklich sehr, sehr nice. Sehr, sehr entspannt.
Wir waren danach noch gemeinsam essen und haben einen derbe lustigen Abend gehabt. Als ich das letzte Mal in Hamburg war, hab' ich ihn besucht. Das Verhältnis ist sehr, sehr, sehr herzlich und freundlich. Er hat auch anderes von mir gelesen, mich dann angerufen und gesagt: "Ey, ich hab' hier den Text von dir gelesen, ich find' das obergeil". Dann haben wir angefangen, uns über Literatur zu unterhalten.
Meine Erfahrung mit ihm ist, dass er wirklich sehr herzlich ist und vor allem, dass für ihn Kunst zählt. Große Kunst. Ich glaube, das ist der Schlüssel bei ihm. Wenn er irgendwas künstlerisch geil findet, dann macht es klick.
Klar. Das sind Leute, die mir musikalisch und menschlich nahe stehen. Mit Patrice besteht Studiogemeinschaft. Mit Clueso habe ich schon mehrere Aktionen zusammen gemacht. Wir haben Geheimkonzerte gespielt. Ich werde mit ihm gemeinsam bei seinem Konzert im Palladium auftreten, vielleicht auch in München, demnächst. Wir haben schon öfter zusammen gejammt. Wenn er in Köln ist, kommt er zu Besuch, pennt auch manchmal bei mir. Das ist schon ein freundschaftliches Verhältnis.
Auch Nneka schätze ich sehr und finde sie grandios. Mit ihr telefoniere ich öfters, wir sehen uns, das ist cool. Aber mit Silbermond ist es mittlerweile eigentlich auch so. [Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit gibts unter anderem auf laut.tv zu sehen.] Es ist natürlich super, wenn es musikalisch funktioniert. Aber damit etwas wirklich gut wird, muss der Vibe komplett stimmen, menschlich und musikalisch.
Am meisten war ich auf den Song mit Clueso gespannt.
Stimmt. Der ist super geworden, find' ich. Der war so ein bisschen das Sorgenkind.
Warum das denn?
Clueso wollte das Ding noch mal neu einsingen und einspielen, weil ihm eine Spur nicht gefallen hat. Dann war er aber so superbusy, dass er ewig nicht dazu gekommen ist. Dann habe ich mich 'ne ganze Zeit lang mit dem Text ziemlich schwer getan. Ich hatte eigentlich einen komplett anderen Text geschrieben gehabt und in letzter Sekunde erst gesagt: "Nee, ich schreib jetzt den." Ein aktuelles Ereignis in meinem Bekanntenkreis hat zu dem jetzigen Text geführt.
Im Studio gings dann gerade weiter: Wir haben den Song gemixt und irgendwann, als wir fast fertig waren, gesagt: "Jetzt machen wir Pause, gehen raus und hören wir das Ding mal an. Dann gehen wir mal Abendessen und dann machen wir ihn fertig." Wir kamen nach dem Abendessen zurück und wollten das Arrangement wieder öffnen - und der Computer hatte den kompletten Song geschrottet.
Rechner sind scheiße.
Die ganzen Files, die Musik und die Recordings, alles noch da - aber der komplette Mix war geschrottet. Also alles, das wir an dem Song gemacht hatten, war weg. Ey, und wir: Nochmal angefangen. Nochmal rangesetzt. Nochmal gemacht, und hast du nicht gesehen ... Und der Scheißcomputer hat das Ding NOCHMAL geschrottet! Aber diesmal waren wir dann zumindest bei einer Fassung angekommen, die zu 97 Prozent fertig war. Damit kann man ja gut leben.
Dein Album macht ja deutlich, dass du keinerlei Interesse an einer Positionierung in der deutschen Rap-Szene hast. Interessiert dich die ganze Szene nicht mehr?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Es interessiert mich durchaus, was passiert. Ich hör' mir auch die Songs von den wichtigen Leuten an, und wenn ihr neues Video läuft, schalte ich bestimmt nicht weg. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich mich zu Hause hinsetze und mir derbe für die nächsten drei Wochen mal alle neuen Releases gebe. Wahnsinnig viel Zeug langweilt sehr, weil es oftmals heute 'ne Kopie von der Kopie ist, alles. Es gibt aber einige junge Typen, mit denen ich teilweise auch auf dem Album zusammengearbeitet habe. Zum Beispiel Casper oder F.R., Leute, die ich sehr interessant finde und die sehr interessante Sachen machen.
Ich interessier' mich da schon dafür. Aber, wie du gerade gesagt hast, ich hab kein wahnsinnig großes Interesse mehr daran, auf alles Bezug nehmen zu müssen, dauernd Stellung zu irgendwelchen zeitaktuellen Entwicklungen oder Geschehnissen zu beziehen. Deswegen mag ich Fragen nicht, die mir oft gestellt werden wie: "Was hältst'n du vom neuen Song von bla." Ich denke immer: "Jetzt fragst du mich das, und wenn jemand in einem Jahr das Interview liest, interessiert das schon gar nicht mehr. Dann ist schon der nächste dran."
Früher haben sie mich alle zu Samy gefragt. Dann haben sie mich alle zu Eko gefragt. Dann haben sie mich alle zu Sido gefragt, oder zu Aggro. Dann haben sie mich alle zu Bushido gefragt. Am Ende des Tages ist das für mich alles nicht mehr so interessant, weil die Musik, die ich zu Hause höre, die ich selbst konsumiere, die ist halt oft 'ne andere.
Zum Beispiel?
Ich muss ganz ehrlich sagen, ich hab' mir das Clueso-Album intensiver angehört als manche Deutschrap-Platte. Oder das Nneka-Album, das ich hammer finde. Was ich gerade sehr gern höre, ist das neue Album von Lykke Li. MGMT find' ich geil. Ich hab' mir von den Arctic Monkeys den kompletten Katalog geholt. Ich bin zur Zeit ziemlich breit gefächert unterwegs. Am liebsten höre ich natürlich, was noch irgendwie mit Hip Hop, Soul und so weiter zu tun hat. Ich bin sehr gespannt auf das neue Kanye-Album, sehr gespannt. Madlib macht 'n neues Album. Das ist jetzt sehr underground und backpack, aber es interessiert mich halt trotzdem. Solche Sachen ... Yeah, da streck' ich noch meine Fühler aus.
Also schon immer noch heiß drauf?
Na, klar! Na, klar! Ey! Hip Hop ist so ein phantastisches Ding, da gibts so viel geile Sachen, die man entdecken kann. Ich find' zum Beispiel auch diesen Izza Kizza interessant. Ich weiß nicht, ob du den kennst?
Noch nie gehört. Mach mich schlau.
So'n Typ aus Atlanta. Ein krasser Lyricist, der vom Humor eher so in die Eminem-Richtung geht, von der Stimme und vom Flow her aber nicht so comic-mäßig kommt, sondern ernsthafter. Der macht abgefahrenes Zeug, auch was seine Produktionen betrifft. Der hat mit Timbaland und Missy gearbeitet. Macht so Zeug, das eher an Grime oder Elektro erinnert. Seine bisherigen Videos sind alle aus "Family Guy"-Episoden zusammengeschnitten. Schreibt sich, wie man spricht: [buchstabiert] I-Z-Z-A K-I-Z-Z-A. Echt fresh, was der Typ macht. Es gibt viele interessante Leute.
Das Schlimme ist, dass man von den interessanten Leuten ja kaum was mitbekommt. Man sieht ja immer nur das Gleiche.
Stimmt, man sieht zur Zeit immer nur das Gleiche. Aber hey, dafür mach' ich ja ein Album. Natürlich nicht dafür, aber ich trag' schon meinen aktiven Teil dazu bei, dass man hoffentlich demnächst auch mal was anderes sieht.
Ja, dir kann man den Vorwurf schlecht machen. Das ist ja ein Schuh, den sich die Medien, den wir uns selbst anziehen müssen.
Das ist richtig, ja. Ich hatte heute erst einen Chat [bei MTV, d. Red.]. Da fragten die Leute: "Welche Chance siehst du in der Zukunft für intelligenten Rap in Deutschland?" Ich hab' geantwortet: "Es liegt nicht nur daran, dass es keine intelligenten Leute gibt, sondern auch daran, dass die Fans das nicht fordern." Wenn 100.000 Leute hingehen und das neue Casper-Album kaufen, dann gewinnt der Typ ruckzuck 'nen Echo. Dann läuft ruckzuck sein Video auf MTV.
Ich bin angefragt worden und hab' gesagt, ich würde supergern was machen, allerdings war das exakt zu dem Zeitpunkt, als ich mein Album gemixt und gemastert habe. Das heißt, ich hatte leider überhaupt keine Zeit, einen Song zu machen. Von den Songs, die ich - in Anführungsstrichen - "noch hatte", die nicht aufs Album gekommen sind, hat keiner zum Thema gepasst. Ich wollte ihnen ja nicht einen Song übers Essen oder so anbieten, einfach nur, damit mein Name mit draufsteht.
Also hab' ich gesagt: "Jungs, sucht euch jeglichen Track aus meinem Backkatalog aus. Meinetwegen auch irgendwelche obskuren B-Seiten oder sowas. Wir können was remixen, wir können halt leider keinen neuen Track machen. Was haltet ihr denn zum Beispiel von 'Goldene Zeiten'?" In dem Text werden auch Sachen angesprochen, die sehr gut zum Thema passen. Deswegen habe ich von mir aus vorgeschlagen: "Was haltet ihr denn davon?" Und dann kam die Antwort zurück: "Ey, 'Goldene Zeiten', Hammersong. So machen wir's."
Wie stehst du zu dem ganzen Projekt?
Was ich darüber weiß, find' ich sehr positiv und vor allem sehr erschütternd. Es gibt dieses Buch ...
Es gibt schon zwei Bücher.
Zwei Bücher? Okay. Dann gibt es den Soundtrack dazu. Sehr interessante Sache, deswegen hab' ich auch Bock drauf. Ich werde sehr oft für verschiedene Charity-Projekte abgefragt, und oftmals sind die Sachen auch ... ich sag jetzt mal ... halbseiden. Aber dieses Projekt ist offiziell, das hat Hand und Fuß.
Die Einnahmen fließen in Hip Hop-Workshops, in denen die Kids zum Selbermachen animiert und in denen ihnen Perspektiven aufgezeigt werden sollen, die sie bisher gar nicht hatten. Glaubst du, dass Hip Hop eine Perspektive bieten kann?
Es kommt darauf an, unter welchem Aspekt man das sieht. Wenn du auf so 'nen Hip Hop-Workshop gehst und denkst: "So, jetzt komm' ich von der Straße runter, weil jetzt werd' ich Rapper und dann verdien' ich Riesengeld", dann ist das eine Illusion. Genauso mit Graffiti oder Breakdance oder DJing. Was es aber kann: Es kann dir eine Perspektive geben, einen Lebensinhalt.
Das ist der Punkt, um den es oftmals geht: Dass sich die Kids perspektivenlos fühlen und sagen: "Das Leben ist abgefuckt und ich hab' nix, wofür es sich lohnt" oder: "Ich bin den ganzen Tag gelangweilt." Wenn man den ganzen Tag gelangweilt ist, fängt man irgendwann an, Scheiße zu bauen und auf dumme Gedanken zu kommen.
Wenn man aber etwas hat, an dem man sich festhalten kann, wo man seine Energie, seine Zeit und seine Kreativität investieren kann, und wo man dann auch Bestätigung bekommt, wo man ein Ergebnis in der Hand hält, nicht nur immer die Scheißnoten in der Schule, wo andere Leute sagen: "Boah, geiler Track!" oder: "Geiles Piece!"
Das ist für das Selbstwertgefühl natürlich phantastisch, weil das etwas ist, das aus dir kommt. Etwas, bei dem egal ist, ob du schwarz, weiß, grün, blau, arm, reich, was auch immer bist. Weil du etwas geschaffen hast, das aus dir kommt. Darauf allein kannst du schon stolz sein, und dann kommen auch noch andere Leute und sagen: "Boah, dicker Track!" Hip Hop kann dir unglaublich viel Identität und unglaublich viel Würde geben. Das ist die Perspektive, die Hip Hop für mich bietet.
Mit der Würde ist es aber manchmal gar nicht weit her. Ich habe mit Wolfgang Büscher, dem Pressesprecher der ARCHE, gesprochen. Der erzählte, 95% seiner Kinder hörten Hip Hop. Allerdings fahren die gerade auf Gangster- und Pornorap ab. Weil ihnen die entsprechende Sozialisation fehlt, raffen sie nicht, dass es sich da um Kunstfiguren handelt, um Show - und um Geldmacherei. Sie nehmen also die Texte mit nach Hause und leben sie nach. Insofern birgt Hip Hop ja durchaus auch eine Gefährdung.
Na, klar. Pornofilm ist erst ab 18, ja? Aber drüber reden, über Arschficken mit Anlauf, das ist schon ab 12. Das ist natürlich eine Gefährdung, wie jegliche Art von verherrlichender Darstellung von Gewalt eine Gefährdung ist. Es muss noch nicht einmal verherrlichend sein. Die Darstellung von Gewalt überhaupt ist schon schwierig, weil viele Kinder das gar nicht differenzieren können.
Die Gangsterrapper sind die Helden von den Kids, weil die so derbe cool sind. Die kriegen alle Weiber, die sind böse, die sind im Fernsehen, die haben Geld und Macht - boah! Was für uns früher Colt Sievers war, sind für die Kids heute Gangsterrapper. Wenn der Gangsterrapper sich dann hinstellt und den Kids sagt: "Gangbang, Gangbang, Gangbang!", dann gehen die nach Hause und sagen: "Das erstrebenswerte Ziel ist Gangbang."
Ey, ich sag' das nicht als kultursoziologischer Pädagogenmensch, ich sag' das aus eigener Erfahrung. Ich habe früher 2 Live Crew gehört. Face down, ass up, that's the way we like to fuck und Bitches ain't nuthing but bla und Suck my dick und all so'n Scheiß. Ich fand das früher cool. Mein Problem war nur: Ich war der einzige, der das cool fand. Weißte?
Heute finden das die Mädchen, die 12-jährigen Mädchen in der Klasse, auch cool. Die finden cool, wenn einer sagt "Gangbang" und "Fünf auf einmal" und so. Das ist deren Bild von einer coolen Frau, die so ein cooler Rapper haben will. Deren Frauenbild: die geile Bitch mit dem geilen Arsch, die im Club tanzt, die sexy Mami, yeah Gangbang! Das nehmen die für bare Münze.
Ich hab' von Leuten gehört, die mit Kids arbeiten. Die erzählen dir Storys, da stehen dir die Haare zu Berge. da fragt ein Mädchen: "Bin ich hässlich?" - "Wieso solltest du hässlich sein?" - "Ja, ich hatte noch keinen Sex." - "Du bist DREIZEHN!?" Ein anderes Mädchen erzählte von seinem ersten Mal: "Ja, mein erstes Mal war mit meinem Freund und seinen Kumpels und wir waren da und da. Und ich hab' erst mit meinem Freund rumgemacht und dann hat der gesagt blabla und dann hab ich das halt so ... mein erstes Mal war so mit vier Jungs."
Wenn man dann nachfragt: "Ey, hallo? War das denn cool? War das schön für dich?", dann kommt: "Ja weiß nicht, aber mein Freund, und ich lieb' den halt, und der hat gesagt, mit seinen Kumpels, Gangbang so, is' halt cool, Gangbang." Dein erstes Mal! Deine Entjungferung! Als zwölfjähriges Mädchen, ist beim Gangbang mit 'n paar Vierzehnjährigen!
Das ist doch abstrus! Das ist total abstrus. Dann haben sie den Typen gefragt: "Sag mal, findest du das cool?" - "Ja, klar, Mann, Alter, ist doch richtig geil, Gangbang, dies das." - "Mal ganz ehrlich: Du küsst deine Freundin, nachdem die gerade dreien von deinen Kumpels einen geblasen hat. Äh, hast du da schon mal drüber nachgedacht?" Und er dann: "Ja, stimmt eigentlich. Irgendwie ist das eklig. So hab ich das noch gar nicht ... boah, ja. Scheiße. Ey, boah, eklig, stimmt." Weißt du, wie ich meine. Ey, es ist Wahnsinn, Wahnsinn, Wahn-sinn. Wahnsinnig unreflektiert. Und jeder Rapper, der dir sagt: "Ich hab' da keine Verantwortung" und bla: Das ist Bullshit.
Ich will ja jetzt nicht wieder mit der ewigen Frage nach der Verantwortung von Künstlern kommen ...
Nein, das sag' ich ja gerade. Jeder Rapper, der dir sagt, er habe keine Verantwortung: Bullshit! Natürlich hast du Verantwortung! Sobald du dein Haus verlässt, hast du Verantwortung. Zum Beispiel dafür, dass du mit dem Auto nicht irgendwelche Typen anfährst. Du kannst nicht irgendwas machen und sagen: "Ja, da kann ich aber nix für." Das geht nicht, das ist Bullshit.
Du kannst es nicht jedem Recht machen und du kannst nicht hingehen und dich zensieren, weil irgendjemand irgendetwas nicht gut finden könnte. Das ist ein ganz anderes Thema. Aber du musst dir darüber schon im Klaren sein, dass Zwölfjährige deine Mucke hören und für bare Münze nehmen. Darüber musst du dir im Klaren sein. Du musst das mit dir selber ausmachen. Du musst zu dir selber ehrlich sein und sagen: "Ja, weiß ich und ich komm' damit klar."
Was kann man denn tun, um solcher Verwahrlosung zu begegnen? Hat man als Künstler überhaupt irgendeine Chance?
Es gibt tausend Sachen, die man machen kann, um dem zu begegnen. Tausend Sachen. Aber die müssen alle zusammen funktionieren. Es fängt im Elternhaus an. Die Eltern müssen sich mehr um die Kinder kümmern. Aber damit die Eltern sich mehr um die Kinder kümmern können, brauchen wir bessere soziale Netze. Wir brauchen bessere soziale Einrichtungen. Wir brauchen mehr Möglichkeiten, dass Eltern Geld verdienen und gleichzeitig für ihre Kinder da sein können. Wir brauche Anreize dafür, dass Leute sagen: "Ja, ich bleib' zu Hause und ich kümmer' mich um meine Kinder."
Das Problem ist ja, dass heutzutage Leute Kinder kriegen, die selber schon in einer beschissenen Situation sind. Ich glaube, wenn du zu Hause Eltern, vielleicht auch Geschwister und Freunde und große Brüder und so weiter, die mit dir diese Texte reflektieren oder die Filme, die du kuckst, mit Schwarzenegger ... oder Vin Diesel ist das ja heute ... Dann ist die Gefahr nicht so groß, dass du das für bare Münze nimmst und dass du verwilderst. Dann wird dein Input irgendwie gefiltert und du kriegst noch 'ne andere Meinung. Das ist derbe wichtig.
Da kommen so viele Sachen zusammen. Das ist unglaublich schwierig, ich hab' da keine Patentlösung. Ich glaube, man müsste einfach Hunderte von Milliarden von Euro in derbe viele verschiedene soziale Einrichtungen investieren und Familien geben. Man müsste Perspektiven schaffen, Kindern und Jugendlichen und auch den Eltern Beschäftigungen geben.
Dann muss man den Leuten durch Marketing und Werbung einhämmern, dass reflektiert sein cool ist. Dass Bildung cool ist. Dass es cool ist, zu wissen, was in der Welt passiert. Dass es cool ist, auch mal zu sagen: "Moment mal, da denk' ich jetzt aber mal drüber nach." Das läuft aber nur, wenn du besser und aggressiver Intelligenz als Coolness vermarktest, als die anderen Leute pausenlos Dummheit als Coolness vermarkten.
Das ist doch auch mal was, das man sich von den Rappern oder von der Popindustrie abkucken kann: Marketing! Massive Werbung! Das checken die Leute. Wenn du den Leuten immer wieder promo-marketingmäßig eindübelst: "Ey! Intelligenz ist sexy!" Ja? Dann checken die das irgendwann auch. Wenn du denen aber die ganze Zeit eindübelst, Dummsein sei sexy, dann checken sie das.
Ich schweife jetzt vom Thema ab, aber in Ghana gibt's so ein Projekt, habe ich drüber gelesen, find' ich superinteressant: Da hat man rausgefunden, dass wahnsinnig viele Magen-Darm-Erkrankungen, die sich ganz leicht behandeln lassen, in Afrika zu Todesfällen führen. Ganz viele Menschen werden sehr krank und sterben. Die Hauptursache ist: Die waschen sich die Hände nicht vor dem Essen, sondern danach.
Dann haben die sich überlegt: Wenn man die Leute dazu kriegen könnte, sich vor dem Essen die Hände zu waschen, wäre das phantastisch. Sie haben sich also mit den besten Marketing-Typen zusammen gesetzt und ein Konzept entwickelt. Und zwar wollten sie nicht propagieren, dass es ganz wichtig ist, sich die Hände vorm Essen zu waschen. Sondern man sagte sich: "Wir müssen mit dem Ekel der Leute spielen." Ihnen zeigen, wie viele Bakterien sie mitnehmen und wie eklig das eigentlich ist, wenn sie sich die Hände nach der Toilette, die in dieser Kultur als ganz reiner, sauberer Ort gilt, nicht waschen.
Dann haben sie Leute auf der Toilette gezeigt und bildlich dargestellt, wie sich die ganzen Bakterien an sie dranheften und wie die verkleben und wie die Bakterien dann auf andere Menschen übertragen werden. Haben das so richtig eklig gemacht. Und dann haben sie massive Werbekampagnen im staatlichen Fernsehen gefahren, in denen sie nicht etwa gesagt haben: "So und so viele Leute sterben wegen Durchfallkrankheiten", blablabla. Sie haben einfach nur gesagt: "Motherfucker, this shit is nasty!" Das hat so viel gebracht. Das bringt 'ne Menge. Du musst Positiv-Marketing machen.
Das war ja jetzt nicht gerade ein Beispiel für Positiv-Marketing.
Naja, aber es war ein Beispiel dafür, eine positive Sache zu promoten. Was die da eigentlich promotet haben, ist Hygiene. Aber sie haben es halt auf eine Art und Weise promotet, die bei den Leuten einschlägt. Okay, sie schüren Ekel und Ängste, aber das Ergebnis ist positiv.
Intelligenz vermarkten, das klingt nach einer so einleuchtenden, einfachen Idee. Warum macht es keiner? Wie könnte man das angehen? Und wer?
Tja. Es gibt ja manche Musiker und manche Schriftsteller und manche Leute, die sich hinstellen und cool sind, und dabei auch irgendwie smart. Ich kenn' da mehrere. Aber das ist halt einfach ... Ey. Wenn man die Probleme wirklich so angehen will, dann muss man irgendwie, dann müsste man sowas an die große Glocke hängen. Anstatt siebenhundert Milliarden auszugeben, um irgendwelche absolut verantwortungslosen Finanztypen aus der Scheiße zu ziehen, könnte man mal siebenhundert Milliarden in sowas investieren. Nachhaltig dafür sorgen, dass bestimmte Dinge gar nicht mehr passieren.
Revolution?
Bravo. Es läuft 'ne Menge schief. Aber man kann halt nur seinen kleinen Teil dazu beitragen.
Dazu gehören in deinem Fall nun erst mal das Album und die dazugehörige Tour. Was hast du geplant?
Ich bin mit Band, mit dem kompletten Set-Up unterwegs. Drums, Keys, Bass und Gitarre, Background-Gesang. Wir werden sehr interessante Leute für Gesang dabei haben. Der männliche Part wird Samir sein. Der weibliche Part ist noch nicht hundertprozentig klar, aber ich habe Mariama aus Köln im Visier, eine Sängerin aus dem Dunstkreis von Patrice und Bantu. Auf jeden Fall ist die super. Sehr, sehr interessante Künstlerin.
Ich kann den Leuten, die zur Show kommen, sagen: Auch, wenn sie schon mehrere Curse-Shows gesehen haben, es wird definitiv was Neues. Natürlich werden sie auch die alten Sachen hören, die man kennt und die die Leute auch gerne hören wollen. Ich werde niemanden nach Hause schicken, ohne dass er "Widerstand" gehört hat oder "Hassliebe". Aber ich glaube, dass die Leute überrascht sein werden, weil wir dem Sound, gerade auch dem neuen Album, nochmal eine neue Dimension verleihenen.
Sechs Augen sehen mehr als vier, dachte sich auch LAUT, und so entstand anstatt eines normalen Frage- und Antwortspiels mit Curse eine leidenschaftliche Diskussion über die Hip Hop-Themen der Neuzeit.
Zuerst als intensiv-investigatives Interview mit "unkonventionellen Fragen, die vor mir noch nie jemand gestellt hat" geplant, entwickelte sich das Treffen mit dem Mindener Emcee dank tatkräftiger Hilfe vom Szene-Kenner Florian Diehl zum offenen Schlagabtausch über Hip Hop im Allgemeinen und Rap im Speziellen. "Das ist doch das Exklusivste, was du kriegen kannst. Jetzt hast du Sachen gehört, die andere Journalisten nie erfahren", staunte selbst Curse nach anderthalb Stunden Diskussion.
Themen wie Leserbriefe, Eminem, 2Pac, Nas, Advanced Chemistry, MC Rene, Deutsch Rap, oder warum ein 50 Cent niemals auf das Frontcover der Bravo kommen wird, drehten wir durch den Fleischwolf. Nebenher erzählte Curse ausführlich über seine ersten Berührungen mit Rap und Hip Hop Anfang der Neunziger. Einen großen Anteil an der offenherzigen Atmosphäre leistet Gesprächspartner Florian Diehl vom ehemaligen Musikmagazin Cut, das der junge Curse früher als 'Augen auf beim Plattenkauf' benutzte und ihn nachhaltig prägte. Intro: 'Ey, wo sind meine Hip Hop-Seiten geblieben?'
Curse, wenn wir den guten Flo schon am mal am Start haben, erläutere doch zuerst deine Beziehung zu ihm.
Curse: Ich habe damals das Cut-Magazin nur wegen Flos Kolumne gekauft. Das war für mich als Jugendlicher das Mag überhaupt. Da stand natürlich auch viel über Dance usw. drin, aber es gab eben diese speziellen Hip Hop-Seiten. Irgendwann war es dann jedoch nur noch über Dance-Genre, oder? Flo: Ja, 1993 wurde das Büro in Hamburg quasi aufgelöst. Curse unterbricht: Deshalb habe ich sogar einen Leserbrief geschrieben und geklagt: 'Ey, wo sind meine Hip Hop-Seiten geblieben?' Flo: Da müsste man mal fragen, ob die noch existieren. Wir haben damals echt Pionierarbeit geleistet, und hatten eigentlich noch gar keine Anhaltspunkte, wie der Job so läuft. Ich habe irgendwann mal bei Cold Chillin angerufen, und einfach nach einem Roxanne Shante-Interview gefragt - und es auch bekommen. Auch wenn die Leute von der Plattenfirma sich bestimmt gefragt haben, wer wir überhaupt sind. Ähnlich lief es auch bei C.L. Smooth & Pete Rock. Das muss so 1991/92 gewesen sein.
"School Of Hard Knocks"
Welche Artikel haben dich denn besonders geprägt?
Curse: Zum Beispiel "School Of Hard Knocks" (Legendäres, aber wenig beachtetes Album des Rap-Duos Hard Knocks aus dem Jahre 1992. Kann in einer Reihe mit Main Source' "Breaking Atoms" gesehen werden, Anm. d. Verfassers). Ich schwör dir, ich hab die Platte nur wegen Flos Review gekauft. Und sie ist zu einer meiner All-Time-Platten geworden. Original. Flo: Nee, wie geil! Curse: Doch. Du hast denen ja auch die volle Bewertung gegeben. Ich habs dann gelesen und dachte "cool, kauf ich mal." Ich weiß noch, dass mein Homie und Produzent Busy dem Album eher kritisch gegenüber stand und meinte: "Ich stimme der Kritik überhaupt nicht zu und so." Das waren echt hitzige Diskussionen (lacht).
Intermezzo: Jede Woche geile Scheiße
Flo: Ich fühlte damals, dass mir die Musik neue Wege öffnet und Denkanstöße liefert. Man muss aber auch sagen, dass damals unendlich viele, superbe Sachen rauskamen. Curse: Jede Woche geile Scheiße. Flo: Classics galore.
Skit: CD-Reviews. Curse lacht sich tot.
Liest du deine eigenen Kritiken?
Curse: Wenn ich eine in die Finger krieg, dann lese ich sie auch. Es ist aber jetzt nicht so, dass ich alles sammle, wo meine Fresse gezeigt wird. Ich habe mich zum Beispiel über die Intro-Kritik von "Feuerwasser" totgelacht. Auf der Platte sind Songs drauf wie "Wahre Liebe", "Licht und Schatten" oder "Entwicklungshilfe", und die Quintessenz der Kritik lautete nur: Curse hat nichts zu sagen, außer "ich und meine Jungs sind die coolsten". Da dachte ich auch nur: du hast die Platte hundertprozentig nicht gehört. Flo: So etwas wäre uns damals niemals untergekommen. Das war wie ein Auftrag. Da wurde nicht leichtfertig etwas runtergeschrieben, sondern wir haben uns intensiv der Musik gewidmet und sogar noch darüber diskutiert. Und nur so sollte es sein. Heute bin ich oft enttäuscht, obwohl man auch sagen muss, dass Hip Hop stark in den Mainstream gegangen ist. Curse: Aber hallo. Flo: Wir hatten ja gar keine Leserschaft, die über den Genre-Tellerrand hinausblickte. So konnten wir uns richtig austoben. Heute ist alles Mainstream. Da bekommt ein Praktikant ein gutes Album in die Hand gedrückt, mit dem er gar nichts anfangen kann. Ich stehe mittlerweile auf dem Standpunkt: 'mir reichts'. Gerade wenn ich zurück blicke, mit wie viel Herzblut und Engagement wir bei der Sache waren. Heute wird dagegen alles lächerlich gemacht. Selbst bei internationalen Themen.
"Nackte Frauen und brennende Mülltonnen" - oder "der Wu-Tang Clan kommt immer zu spät"
Ich darf eigentlich auch keinen anderen an Hip Hop-relevante Reviews lassen. Das endet oft böse.
Flo: Die Kommentare, die du über Rap und Hip Hop hörst, gehen immer in die Richtung: "Ja, das sind doch die Leute, die um eine brennende Mülltonne rumstehen und nackte Frauen in den Videos haben. Natürlich entwickelt das eine Eigendynamik und mittlerweile sind die meisten Sachen auch so. Curse zustimmend: Auf jeden. Flo: Du musst dir aber nur mal anhören, wie in diesem Geschäft und innerhalb der Firmen über Hip Hop-Acts gesprochen wird. Oder unter Journalisten, und das war schon immer so. Deshalb fehlt mir da ein wenig der Humor. Teilweise ist das sogar richtig rassistisch. Okay, der Wu-Tang Clan kommt immer zu spät.
Interlude: Internetforen anstatt Leserbriefe
Du sprachst vorhin die Leserbriefe an. Heutzutage geben gerade die Kids ihren Senf eher in Internetforen zum Besten.
Curse: Auf der einen Seite ist es natürlich gut, aber auf der anderen hast du eine Meinungsbildung von Leuten, die noch gar keine eigene, ausgeprägte Meinung haben. Flo: Ein weiterer Faktor ist sicherlich die Anonymität. Curse: Klar, beim Leserbrief steht dein Name, deine Adresse drauf. Auch die Aktion ist eine andere: Du gehst zur Post, wirst aktiv. Heute machst du das Modem an und kannst dich anonym zu Dingen äußern, die du noch gar nicht richtig durchschaust.
Der neue Trend: Rap ja - Hip Hop nein und Politik schon gar nicht?
Flo: Man kann es den Kids aber auch nicht vorwerfen. Wir kamen aus einer anderen Generation, in der gerade die Musik politisch engagiert war. Deswegen habe ich mich auch über Curse-Anliegen gefreut, mehr politisch-motivierte Texte zu schreiben. Curse: Das finde ich im deutschsprachigen Hip Hop auch so seltsam. Ich mein, ich war noch nie ein politischer Rapper, aber ich habe immer Statements auf meinen Alben. Es gibt wirklich Leute, deutsche Emcees auch, die sagen: es ist mir alles scheißegal, ich will nur rappen. Graffiti, DJing und Breakdance interessieren mich auch nicht. Das ist so das neue Ding wie in Amerika, und ich finde das sehr ignorant und schade. Flo: Das ist halt eine andere Generation heute. Ich hatte zum Beispiel beim Cover von Boogie Down Productions "By All Means Necessary" noch den Antrieb, herauszufinden, woher kommt dieser Titel usw. Deshalb war ich von Nas und seinem Huey P. Newton (Black Panther-Gründer) im "God's Son"-Booklet positiv überrascht. Curse: Deutsche Kids setzen sich aber auch mit der Materie zu wenig auseinander. Ich hatte früher mit zehn, elf Jahren einen Mentor, der mir dann einen Spike Lee-Film und diverse Bücher ans Herz gelegt hat. Die Kids heutzutage haben jedoch überhaupt keinen Bezug mehr dazu. Null. Die kennen vielleicht noch den Namen Malcolm X, dann aber nur mit Denzel Washington-Gesicht. Viele Kids wissen ja noch nicht mal, wer Krs-One ist. Höchstens vom DJ Tomekk-Song.
Das erste Mal
Curse: An den vier Hip Hop-Seiten im Cut-Magazin habe ich vier Monate gehangen. Und da ich kein MTV hatte, habe ich mir Yo-Raps immer aufnehmen lassen und alle zwei Monate eine Cassette geschickt bekommen. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal Nas gehört habe. Das war, als Fab 5 Freddie mit seinem Jeep zu einem Ice-T-Interview gefahren ist und währenddessen im Auto-Tapedeck das Nas-Feature auf Main Source' "Live At The Barbeque" lief. Das sind so Dinger, heutzutage gibt es solche legendären Momente gar nicht mehr. Du wirst so vollbombardiert mit Sachen, ohne danach diggen zu müssen.
Aber trotz des Bombardements herrscht momentan oft eine idiotische Trennung zwischen Underground-Zeug und sogenanntem Mainstream.
Curse: Das ist so verbaut.
"Holen wir uns Hip Hop zurück" oder "Country Grammer ist Ghetto pur"
Flo: Man darf das aber auch nicht überbewerten. Wir wissen, Hip Hop bzw. Rap begann als Partymugge. Das übelste, poppigste Zeug find ich geil, wie Nelly zum Beispiel. Viele verschließen sich da gerne. Curse: Das ist aber die deutsche Mentalität. Was erfolgreich ist, muss scheiße sein. Ein Jay-Z kann die geilsten Songs schreiben oder "Country Grammer" von Nelly zum Beispiel. Das war ein ganz neuer und doper Style, wird aber als Jiggy-Kram verurteilt, obwohl der Song Ghetto pur war. Oder DMX. Bei uns gilt DMX als jiggy. In den USA dagegen ist er das totale Gegenteil. Als jiggy gelten Mase und Puffy.
Für mich ist DMX eher ein wenig prollig
Curse (erregt): 2Pac, Rakim, Run DMC waren alle prollig. Das gehört doch dazu. Flo: Nicht jeder Song muss über Malcolm X sein. Curse: Du musst dich aber damit wenigstens auseinandersetzen. Ich rappe zwar auch nicht über Malcolm X, aber ich weiß worum es geht. Und ich glaube, um den Antrieb und die Geschichte des Hip Hop wirklich zu verstehen, solltest du dich mit diesem schwarzen Struggle irgendwann einmal zumindest beschäftigt haben. Flo: Am liebsten würde ich mich mit dem neuen Nas-Album vor eine Schulklasse stellen und sagen: "Den hier auf dem Cover kennt ihr ja. Wisst ihr denn auch, wer der Typ (der angesprochene Huey P. Newton) mit dem Gewehr in der Hand ist? Aber egal, wir müssen uns Hip Hop zurückholen (lacht). Ich habe einfach keine Lust mehr, den Leuten das alles durchgehen zu lassen. Ich habe das Forum zwar nicht mehr, aber ich versuche mir, das zurückzuholen. Flo: Wir brauchen in zwanzig Jahren einfach eine Historie in Deutschland, auf die wir zurückblicken können, obwohl ich da mehr US-beeinflusst bin.
Drama 'Deutsch Rap' oder das erste MC Rene-Album ist die Hölle in Person
Flo: In den frühen Neunzigern gab es auch so gut wie keinen deutschen Hip Hop. Curse: Stimmt. Und das, was es damals gab, war eigentlich nur Schrott. Flo: Alle zwei Wochen kam eine Maxi bei uns reingeschneit, von der wir meistens dachten: Gut versucht, aber irgendwie kickt das nicht so richtig. Erst bei Advanced Chemistry hat man dann gemerkt, dass da doch was geht. Ich hab die Gruppen dann auch immer wieder auf unsere Hip Hop-Seiten aufgenommen. Andre Luth, der ja später Yo Mama gegründet hat, wollte bei uns die deutschen Sachen immer puschen. Für mich ging es jedoch eher über den großen Teich. Curse: Geht mir auch so, ich hab fast keinen deutschen Rap gehört, weil 90 Prozent des deutschen Rap total unkreativ, langweilig und qualitätsmäßig einfach unter den Ami-Sachen ist.
Oder französischen.
Curse: Oder französischen, obwohl dort mittlerweile auch einiges stagniert. Ausnahmen bestätigen natürlich bekanntlich die Regel. Doch weißt du, warum ich angefangen habe auf deutsch zu rappen? Pass auf, ich fand halt, dass es bei uns niemanden gibt, der amerikanisch geil flowt. Ich wollte der erste sein. Ich hab früher nur auf englisch gereimt. Und während meiner zwei Jahre in den USA haben mich viele Leute nach deutschem Hip Hop gefragt, und ich habe dann geantwortet, dass es bei uns noch Jams, Graffiti, Breakdance usw. gibt. Old School-Flavour eben. Doch dann kam immer wieder die Aufforderung: Spiel uns mal deutschen Rap vor. Was gab es da? Da gab es vielleicht ein erstes MC Rene-Album, das die Hölle in Person war. Das einzige Vorzeigbare waren Walkin Large, aber auch nur als Instrumental. Die Amis haben mir dann immer wieder gesagt, rap doch auch auf deutsch. Du hast doch Flow, und so fing es dann an.
Deutsch Rap war doch lange Zeit eine eigenes Genre, da es mit den USA doch gar nicht konkurrieren konnte. Es stand dank der deutschen Texte und Themen lange Zeit eher der deutschen Ausprägung des Punk oder des Rock näher. Curse: Klar, hast du weniger finanzielle Möglichkeiten sprich Equipment und bla. Meine Vorstellung war aber trotzdem seit jeher, dass es doch möglich sein muss, den Qualitätslevel der Amis zu erreichen. Advanced Chemistry fand ich damals auch cool, die Lyrics sind aussagekräftig und die Flows gehen auch in Ordnung, doch der Beat von "Fremd Im Eigenen Land" klingt so altbacken nach Old School, obwohl zur gleichen Zeit von Nas "Illmatic" erschien. Da lagen ja Welten zwischen.
Das kannst du heute fast nicht mehr hören. Höchstens als Gimmick oder Oldie.
Curse: Rakin, C.L.Smooth, Big Daddy Kane und dann Nas. Mit dieser Schule des Rappens bin ich aufgewachsen.
Reprise "Ohne Nas kein Curse"
Apropos Nas. Das neue Album gehört für mich zum Besten, was in den letzten Jahren veröffentlicht wurde. Auch von Nas. Von Rap-Skillz würde ich es sogar über "Illmatic" stellen. Curse: Er macht momentan vieles richtig. Schon "The Lost Tapes" fand ich hammergeil. Flo: Ich hatte ihn schon abschrieben, aber als ich "Made You Look" gehört hab, war ich total geplättet. Der kopfnickende Sound, das Video mit den New Yorker Borroughs. Wahnsinn. Curse: Ich bin wohl der größte Nas-Fan dieses Planeten. Ohne Nas kein Curse, aber trotzdem fand ich "Made You Look" als erste Single zu berechnend. Es kam mir zu wenig aus dem Arsch. Nas sagt ja sogar selbst, dass er zusammen mit seinem Produzenten Salaam Remi überlegt hätte, was jetzt der richtige Move wäre. Und so kamen die beiden halt darauf, die Old School zurück zu bringen. Doch noch mal zurück zu den "Illmatic"-Zeiten. Als ich das erste Mal "Halftime" gehört habe, da hat es bei so geknallt in meinem Kopf. Da habe ich gewusst, dass ist definiitv ein monumentaler Einschlag.
Aber eine solches Hoch, ein solches Break müsste doch dann immer und vor allem für jeden möglich sein.
Flo: Immer.
Ein Einschlag namens Eminem oder "Was passiert denn hier bitte"
Curse: Ich sag dir, wann es das letzte Mal bei mir eingeschlagen hat: Ich war vor einigen Jahren zu Besuch in New York und traf mich mit Ill Bill von Non-Phixion, den ich von früheren Besuchen bereits ein wenig kannte und der damals mit einem von den Arsonists einen Plattenladen betrieb. Ich fragte Bill dann nebenbei, was es denn so neues in Sachen Rap gäbe. Vor der Antwort nahm er mich erst einmal beiseite und meinte: "Pass mal auf mein Freund. Ich habe hier ein Demotape von einem weißen Rapper aus Detroit, der jetzt gerade in LA bei Dr. Dre war. Hör dir dieses 4-Track-Demo mal an. Wenn der Typ herauskommt, werden sich viele Emcees über ihren Scheiß Gedanken machen müssen, ob sie noch auf dem gleichen Level sind." Ich durfte mir dann ganz geheimnisvoll auf Kopfhörer die ersten Eminem-Tracks reinziehen und dachte nur: Was passiert denn hier bitte? "Guilty Const", "1997 Bonnie And Clyde", "I Don't Give A Fuck" Alter Schwede. Zurück in Deutschland. Eminem kannte kein Schwein, und ein dreiviertel Jahr später kam "My Name Is..." und ab ging die Post.
50 Cent: Baby Rap oder zweiter 2Pac
Für viele gehört auch der momentane Hype um 50 Cent in diese Einschlag-Kategorie
Curse: Ich finde ihn eigentlich extrem cool, höchstens ein wenig überhyped. 50 Cent hat ja früher einmal ein ganzes Album mit den Trackmasters ausgenommen, das jedoch schnell wieder aus dem Verkehr gezogen wurde. Ich habe dann immer Songs auf Mix-Tapes gehört, und eine Zeile hat mich besonders geburnt, nach der von mir aus nur noch Baby-Rap machen kann: "I Hate A Liar More Than I Hate A Thief. A Thief Is Only After Your Salary. A Liar Is After Your Reality." Ich habe erst mal das Tape ausgestellt und meiner damaligen Freundin den Song vorgespielt. Wenn dir ein Rapper so etwas geben kann, dann ist das schon sehr, sehr viel. Nur: die ganzen Eminem-Fans kaufen sich jetzt auch 50 Cent und der Hype wächst über das richtige Maß hinaus. Flo: Was mir persönlich daran missfällt, ist, dass die 50 Cent-Gangstergeschichte wieder als Show für die weißen Vorstädte fungiert. Du hast mal wieder den ultimativen Ghetto-Typen, der sämtliche Fantasien und Klischees bedient. Curse: Er soll halt zum zweiten 2Pac aufgebaut werden. Den es natürlich nie gegeben wird. Auf der ganzen Welt ist 2Pac ein absolut einzigartiges Phänomen. Vielleicht sogar mehr noch als Eminem. Im entlegensten Winkel unserer Erde wie zum Beispiel Togo begegnen dir zwei Stars: Michael Jackson und 2Pac.
50 Cent oder "Ich glaub, ich abonnier jetzt die Bravo
Wird der Hype um 50 Cent auch zu uns rüberschwappen, wie bereits bei Eminem geschehen?
Flo: Nein, nicht in dem Ausmaß wie in Amerika. Allein, weil du in Deutschland kein kommerzielles Teenie-Musikmagazin finden wirst, das sich trauen würde, 50 Cent anstatt Eminem als Cover zu nehmen. Ich weiß aus eigener Erfahrung (Flo arbeitete eine Zeitlang bei der Bravo, der Verfasser), dass schwarze Künstler auf Cover grundsätzlich nicht vorkommen. Das ist natürlich absolut nicht in Ordnung aber leider tabu. Curse: Es sei denn, du heißt Lauryn Hill. Flo: Eminem immer, 50 Cent never. 2Pac never. Nelly never. Das machen die einfach nicht. Curse: Ich glaub, ich abonnier jetzt die Bravo. Flo: Vierzehn Jährige Mädchen erschrecken sich einfach vor 50 Cent. Da werden Vorurteile benutzt, die wir schon gelernt haben. Curse: Die Angst vorm schwarzen Mann. Aber wenn der Typ weiß ist, freuen sich alle.
Das Hip Hop-Magazin The Source und besonders Geschäftsführer Ray Benzino wettert ja schon eine geraume Zeit gegen Eminems Einfluss.
Flo: Und da hat die Source in Bezug auf die durch Ems Hautfarbe exponierte Stellung recht. Curse: Eminem ist aber nicht Vanilla Ice. Wenn Eminem schwarz wäre, würden alle sagen: "He's The Greatest". Da Eminem weiß ist, haben die Schwarzen damit verständlicherweise ein großes Problem, aber du kannst Em selbst nicht vorwerfen, dass die Medien ihn so sehr ausschlachten. Die Hauptkäuferschicht für Rap ist einfach weiß. Eminem repräsentiert sich selbst. Er gibt es sogar zu: "I Sell More Records Because I'm White." Deswegen würde ich die Situation anprangern und nicht den Künstler. Der Ansatz von Ray Benzino ist ja, weil die Kids jetzt Eminem haben, brauchen sie DMX oder Jay-Z nicht mehr. Aber glaubst du, dass sich die Leute nur noch einen Act kaufen? Das ist doch Blödsinn. Ich kaufe mir auch 2Pac, Biggie usw.
Ich denke, dass man auch Deutschland und USA unterscheiden muss. Hier führt Eminem jüngere Leute vielleicht eher zum Hip Hop, während in den USA Hip Hop durch seine Mainstreampräsenz anders wahrgenommen wird.
Curse: Das ist richtig. Flo: Mich stört nur, dass Eminem der einzige Künstler aus der Hip Hop-Sektion ist, der Präsenz bekommt, nur weil er weiß ist. Da kann er nichts dafür sondern die Medienlandschaft in Deutschland. Im Grunde ist das skandalös. Curse: Eminem bedient zum einen die ganzen Rap-Klischees und Fantasien und zum anderen ist er viel näher an uns dran.
Womit wir bei einem Vorteil der Online-Magazine sind, die diese Cover-Problematik ja nicht haben. Aber: "Times Up" wie bei O.C. und so bedanke ich mich bei euch für die interessante Diskussion.
Epilog: Wer jetzt von Curse noch immer nicht genug hat, der findet im Wortlaut demnächst exklusive Statements des Mindeners zu "Innere Sicherheit", Herbert Grönemeyer, Melancholie, Downloads, Träume, Xavier Naidoo und seine Erfahrungen als Journalist beim Wu-Tang Clan.
Das Interview führte Stefan Johannesberg
Vom Feinsten (2003), Widerstand (2003), Innere Sicherheit: Work In Progress (2003)
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