Porträt

laut.de-Biographie

Marley Marl

In den Jahren, in denen das Hip Hop-Genre seine ersten Stars produziert und Rapper ihre Gesichter auf Plattencovern wiederfinden, kann man sich gar nicht vorstellen, dass auch die Produzenten als eigenständige Künstler ins Rampenlicht treten werden. Doch auf einmal steht da Marley Marl.

Unterstützt von seiner Juice Crew avanciert er bald zum ersten Produzenten, der seinen Namen in den Vordergrund stellt und für Nachfolger wie Timbaland, Pharrell Williams oder Kanye West Pionierarbeit leistet.

Als Marlon Williams 1962 im New Yorker Stadtteil Queens geboren, erlebt der junge Marley Marl als Teil der Sureshot Crew die Kunst- und Kulturform Hip Hop in ihren Baby-Jahren. Als DJ der angesagtesten Radiopersönlichkeit New Yorks, Mr. Magic von WBLS, steckt er seinen Kopf tief in die schnell wachsende Szene.

In den Unique Studios von Afrika Bambaataas Producer Arthur Baker lernt er das Produzenten-Handwerk kennen und steigt schnell selbst zu einem innovativen Genre-Motor auf.

Während erste Rap-Stars wie Kurtis Blow eher nach einem sauberen Klang parallel zur aufstrebenden Disco-Bewegung streben, bringt Marley Marl mit seinen Produktionen den Sound dorthin zurück, wo er entstanden ist: auf die Straße.

In seinem kleinen Studio in den berüchtigten Queensbridge Projects bannt er die Tristesse der Crack-Ära in seinen Sampler. Seine Beats geraten roher, deutlich weniger melodisch als der Rest. Dabei ist er der Erste, der, anstatt ganze Breaks aufzunehmen und wiederzugeben, einzelne Drums samplet und neu arrangiert: ein Quantensprung im noch jungen Genre.

Mit Dimple Ds "Sucker DJs" schafft Marley Marl seinen Durchbruch. Es folgen etliche Hits, ohne die Hip Hop nicht wäre, wo er zwanzig Jahre später ist. Spoonie Gees "The Godfather", Roxanne Shantés "Have A Nice Day" and MC Shans "Down By Law": unbestreitbar Klassiker.

Marls wahrscheinlich wichtigsten Produktionen: "My Melody" und "Eric B Is President" für das Duo Eric B. & Rakim und "Mama Said Knock You Out" für LL Cool J, weil damit die Karrieren zweier der wichtigsten MCs starten, die die Rapwelt kennen lernen darf.

Beim legendären Label Cold Chillin' Records schart Marley Marl eine Mannschaft um sich, die die wegweisenden Namen Biz Markie, Big Daddy Kane, Roxanne Shanté, Kool G Rap, DJ Polo, MC Shan und Masta Ace im Programm hat.

Seine Juice Crew - bestehend aus dem Großteil der eben Genannten (plus Mr. Magic und Craig G) - etabliert sich nicht nur als das Künstlerkollektiv, das die Old in die New School leitet, sondern zeichnet sich auch für einen der bekanntesten Beefs des Genres verantwortlich.

Ende der Achtziger bekämpft sich die Juice Crew in den sogenannten "Bridge Wars" mit KRS-Ones Boogie Down Productions, um zu klären, wo Hip Hop ursprünglich geboren wurde. Die daraus entstehenden Disstracks wie "The Bridge" und "The Bridge Is Over" gelten noch Jahre später als Lehrstücke in Sachen kämpferischer Auseinandersetzungen am Mikrofon.

Für die nachfolgende Produzenten-Generation mit Hardcore-Attitüde um RZA, DJ Premier und Pete Rock ebnet Marl mit seinen Drum/Sample-Entwürfen den Weg. Er selbst tritt nach der Wachablösung ein wenig in den Hintergrund - ein Szene-Architekt hat es eben nicht leicht.

In der Tradition des Goldenen Ära-Mythos, Rap habe nie besser als Ende der Achtziger geklungen, konzentriert sich Marl bei seinen Produktionen auf Künstler, die für diese Hochzeit den würdigen Respekt übrig haben - Rakim, Capone-N-Noreaga oder Fat Joe.

Mit seinem ehemaligen Erzfeind KRS-One veröffentlicht die Legende das Album "Hip-Hop Lives" und zeigt seinen streitsüchtigen Nachkömmlingen, dass auch der erste öffentliche Beef des Rap-Theaters aus dem Weg geräumt werden kann.

Ganz überzeugt von den Auswüchsen, für die er mitverantwortlich ist, scheint er nicht zu sein. Mit dem alten Juice Crew-Homie Craig G veröffentlicht er das Kollaborationsprojekt "Operation: Take Back Hip-Hop".

Zwanzig Jahre nach den definierenden Anfangstagen hat die Szene nichts von ihrem Respekt für Marley Marl verloren. Auch wenn das den Genre-Heiligen freilich nicht zum Millionär ohne Sorgen macht.

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