"Solange Johnny Thunders lebt solange bleib ich ein Punk solange es was zu trinken gibt dauern alle unsere Feste an."
Die Zeilen vom 86er-Album "Damenwahl" liefern das Motto der Toten Hosen: Punk-Rock bis zum bitteren Ende. Und weit darüber hinaus, denn der gute Johnny segnete bereits 1991 das Zeitliche. Die Hosen ziehen trotzdem weiter laut durchs Leben ... aber der Reihe nach:
Anfang der 80er trafen sich, der Legende nach, fünf junge Männer irgendwo in Düsseldorf, gründeten eine Band, gaben Konzerte, brachten Platten raus und lernten, ihre Instrumente zu spielen. In genau der Reihenfolge. Da drei Bandmitglieder Andreas hießen, legte man sich um Verwirrungen zu vermeiden, "Kampfnamen" zu: Campino (Andreas Frege, Gesang), Breiti (Michael Breitkopf, Gitarre), Kuddel (Andreas von Holst, Gitarre), Andi (Andreas Meurer, Bass) und Wölli (Wolfgang Rohde, Schlagzeug).
Mit ihrem einfachen aber (politisch) engagierten Punk-Rock erspielten sich die Toten Hosen eine immer größer werdende Fangemeinde in der linksalternativen Szene. Die Fähigkeit der Hosen, mit drei Akkorden über Jahre hinweg immer wieder neue Generationen für ihre Musik zu begeistern, bescherte ihnen Millionen verkaufter CDs und diverse Spitzenplatzierungen in den Charts. Der Erfolg ist aber auch hart verdient: Zwischen 1982 und 1997 geben die fünf Düsseldorfer 1000 Konzerte. Ob als Vorband von U2 oder den Rolling Stones, gemeinsam mit Green Day oder Therapy? oder auch alleine - Hosen-Gigs heißen immer: Volldampf.
Und ausgerechnet das Jubiläumskonzert am 28. Juni 1997 im Düsseldorfer Rheinstadion wurde dann zum größten Albtraum der Bandgeschichte. Im Gedränge der 60.000 Fans starb eine 16-jährige Niederländerin. Um eine Panik zu verhindern, spielten die Hosen das Konzert zwar noch "gedämpft" zu Ende, sagten aber alle weiteren Auftritte ab.
Nachdem sich die Band von dem Schock erholt hatte, gewöhnte sie sich am anderen Ende der Welt, auf einer Festival-Tour durch Australien, wieder ans Konzerte feiern. In Deutschland meldeten sie sich 1998 als Die Roten Rosen mit Weihnachtsliedern für Hosenverhältnisse eher leise zurück. Unter dem Pseudonym hatten sie bereits 1987 ein Album veröffentlicht.
Doch nach wie vor klebt irgendwie das Pech an den Hosen. Im Jahr 2000 verunglückt erst der wegen eines dreifachen (!) Bandscheibenvorfalls ausgeschiedene Schlagzeuger Wolfgang 'Wölli' Rohde schwer mit dem Auto, dann bricht in Buenos Aires eine Bühne unter der Band zusammen, worauf diese mehrere Meter in die Tiefe stürzt. Zu guter Letzt holt sich Campino bei "Rock am Ring" einen Kreuzbandanriss, der vier Monate Zwangspause zu Folge hat. Wer aber denkt, dass sich die Düsseldorfer von solchen Negativerfahrungen beeindrucken lassen, hat sich geschnitten, denn schließlich sind sie ja noch keine 60. Zwar kommen sie diesem Alter immer näher, was die Toten Hosen aber nicht wirklich davon abhält, ein Album nach dem anderen zu veröffentlichen und immer und immer wieder ihr Heimspiel vor heimischer Kulisse abzuliefern.
Nach einem "Auswärtsspiel" 2002 und einer Best Of erscheint im Oktober 2004 mit "Zurück Ins Glück" dem Titel widersprechend eines ihrer nachdenklichsten Werke. Bevor die Band sich Ende 2005 für einige Zeit zurückzieht, spielen sie noch ein Unplugged-Konzert im Wiener Burgtheater. "Nur Zu Besuch" verkauft sich ebenfalls wie geschnitten Brot. Das Jahr lassen sie mit einer Konzertreihe mit den Bayern der Biermösl Blosn und Gerhard Polt ausklingen.
Unter dem Banner "Advent" sind sie bis kurz vor dem Jahreswechsel 2005/2006 unterwegs, ehe sich Halbengländer Campino ganz auf seine Leidenschaft konzentrieren kann. Im Sommer jubelt er bei der Weltmeisterschaft der englischen Nationalmannschaf zu, die aber ihrer Tradition treu bleibt und vorzeitig aus dem Turnier ausscheidet.
2007 steht der G8-Gipfel in Deutschland an, ein politisches Treffen, das Die Toten Hosen natürlich nicht unkommentiert vorbeiziehen lassen. Auf ihrer Homepage veröffentlichen die Düsseldorfer im Vorfeld eine ausführliche Reportage mit zahlreichen Informationen. Campino, Andi und Breiti, die für die Hilfsorganisation Oxfam durch Uganda, Sambia und Malawi reisten, fertigen Texte über den Kampf gegen Armut, Hunger und Tod an.
Als der Politgipfel Anfang Juni über die Bühne geht, schwingt Wortführer Campino im Verbund mit Herbert Grönemeyer und Bob Geldof das Zepter für die Musikprominenz und nimmt auch eine TV-Talkshow-Einladung an, um mit den Politgrößen Günther Beckstein und Heiner Geißler über die Folgen der Globalisierung für arme Länder, Afrika-Hilfe und den Klimaschutz zu diskutieren.
Im Juli kehrt Campino in die Schlagzeilen zurück, als bekannt wird, dass Regisseur Wim Wenders dem Hosen-Sänger für seinen neuen Film "The Palermo Shooting" eine Hauptrolle angeboten hat. Grund zu feiern, hat allerdings die ganze Band, jährt sich doch im Spätsommer 2007 ein ganz besonderes Jubiläum: 25 Jahre Altbier-Punks.
Die Zockerabteilung der Hosen-Fanschaft darf sich am 22. August schonmal auf ein erstes Geschenk freuen: Für den PS2-Klassiker "SingStar" kreieren die Düsseldorfer ein Karaoke-Partyspiel, das erstmals ausnahmslos einer Band gewidmet ist. 24 DTH-Songs sind vertreten, von der Band persönlich ausgewählt, auf dass nur gut singbare Nummern den Weg auf die Silberscheibe finden. Bommerlunder kaltstellen und los!
Ein noch größeres Präsentchen kommt im Dezember rechtzeitig vor Weihnachten um die Ecke. Insgsamt 17 Alben des Back-Katalaogs kommen remastert, mit massig Bonus-Tracks (insgesamt 141!!) und ausführlichen Booklets auf den Markt.
Das Jahr 2008 steht dann wieder ganz im Zeichen der Hosen. "In Aller Stille" ist mit das Beste, was die Hosen in den Nullerjahren auf den Markt brachten. Daran schließt sich die erfoplgreichste Tour der Bandgeschichte an. Zahllose Konzerte in den ganz großen Hallen sind ausverkauft. Noch ehe die Tour mit einem bunten Konzertreigen Ende 2009 in Düsseldorf zuende geht, erscheint im November das Live-Album "Machmalauter: Die Toten Hosen Live!"
Die Opelgang liefert immer wieder Qualität ab. Und ziehen noch so viele Jahre ins Land.
Campino über "Palermo Shooting", Album, Tour und das Kasperle-Theater beim ZDF.
Campino ist auf Promo-Tour für die Toten Hosen und hat einen vollgestopften Terminkalender. Von früh morgens bis spät am Abend lässt sich der Frontmann von der Journaille Löcher in den Bauch fragen.
Dass der Delinquent nach so einem Marathon eventuell ein wenig unleidig reagiert, wenn man ihm als allerletzter Interviewpartner des Tages gegenüber tritt, war zu befürchten.
Campino macht dem aber einen Strich durch die Rechnung und präsentiert sich erstaunlich fit und aufgeräumt. Sein Geheimrezept: er ist gedopt. Und zwar mit Gummibärchen.
Geht's dir noch gut?
Ich hab gerade ein Bio-Hoch. Wahrscheinlich, weil ich zu viel von den Dingern da gegessen habe (zeigt auf ein paar Gummibärchen).
Ok, dann mal zu den hard facts. Ist das für dich ein Zwiespalt, zu wissen, dass am selben Tag "Palermo Shooting" Premiere feiert und das neue Hosen-Album rauskommt?
Ich bin völlig auf die Tournee konzentriert. Die Platte ist durch, da kann ich nichts mehr ändern, beim Film erst recht nicht. Ich möchte 100% da sein, wenn die Tour losgeht. Da gibt es auch überhaupt keine Emotionen in eine andere Richtung. Ich werde das sicher zur Kenntnis nehmen, ob es läuft oder nicht, oder was Leute dazu sagen, aber ich lass das gar nicht an mich ran. Ich muss mich darauf konzentrieren, dass ich bis Ende des Jahres jeden Abend voll da bin. Wenn wir uns schon ankündigen und die Leute ein Jahr drauf warten, hab ich keine Zeit für andere Sachen.
Die Meinung des Feuilletons geht dir also eher peripher vorbei?
Ohne den Damen und Herren des Feuilletons zu nahe treten zu wollen: Ich habe noch nie irgendwas für die gemacht. Weder ein Musikstück, noch eine Rolle in einem Film. Es geht darum, Menschen zu berühren. Im besten Fall erreichen wir das durch unsere Lieder, dass sich Leute darin wiederfinden. Was den Film angeht: Das möge man mir glauben, dass ich nicht als eines von sieben Geißlein durch den Wald laufen möchte, um einen Kassenschlager zu landen. Da ist schon der Anspruch da, mit dem Film zu überzeugen; das müssen nicht viele sein. Aber wenn einige Leute sagen, dass sie der Film berührt hat, dann ist auch hier der Job gemacht.
Spielt da nicht doch eine gewisse Eitelkeit mit rein, dass man schaut, was denn die anderen denken?
Weiß nicht, wie ich das sagen soll. Ich mach die Dinge nicht, um beklatscht zu werden. Ich erwarte, nicht dass mir die Welt applaudiert, nur, weil ich mal in einem anderen Genre auftauche. Ich habe den sechsmonatigen Theaterausflug und den Ausflug zum Film gemacht, um was zu lernen und um etwas für die Toten Hosen mitzunehmen.
Ich selber bin Angestellter in dem Riesenhaus 'Sprache Und Wort' und sitz da irgendwo im Erdgeschoss in so einem Raum. Ein Stockwerk höher sind die vom Film und da bin ich mal vorbei gegangen, hab mir ein bisschen was abgekuckt und nehme das mit runter in meine Welt. Im Keller sitzen die Journalisten (lacht), da geh ich auch manchmal hin und führe Interviews. Wir haben da letztendlich benachbarte Berufe. Sprache und Wort, irgendwo muss man da einen Zugang haben und das mögen, sonst ist man am falschen Platz. Wieso ist das so schwer zu verstehen, dass man einem Hexenmeister wie Klaus-Maria Brandauer gerne zuschaut, wie er mit Timing und Worten umgeht und sich bewusst bewegt? Bei den Hosen ist ja alles intuitiv. Das war spannend. Nur leider ist es so, dass man es nicht auch gleich kann, nur weil man zukuckt. Da geht es nur um Grunderkenntnisse und feine Momente, in denen er erklärt, was und warum er das so macht. Wenn so ein Mensch dir ein und denselben Satz in hundert Versionen und Tonlagen vorliest und du jedes mal denkst, "so muss es sein", ist das einfach ungeheuerlich. Brandauer hat mir die Dreigroschenoper mehrmals ganz alleine vorgelesen. Da saß ich einfach in einem Stuhl, habe eine Privatvorlesung bekommen und fühlte mich glücklich und privilegiert, so etwas erleben zu dürfen.
Wieso sollte ich dann vor Leuten Angst haben, die eine Kritik schreiben? Die verstehen das alles doch gar nicht. Die sehen am Ende ein Ergebnis und sollen das für andere bewerten. Das ist auch richtig so. Aber die Geschichten dahinter, welche zwischenmenschlichen Momente man erlebt hat, welche Aha-Erlebnisse man teilen durfte, das kann doch niemals nachempfunden werden. Nach diesen Kriterien beurteile ich, ob irgendwas gut oder schlecht war. Dasselbe gilt für den Film. Was wäre denn, wenn der erfolgreich wäre, die Zeit aber ätzend gewesen ist und man sich sonst nichts zu sagen gehabt hätte? Das könnte ich nicht genießen. Das war aber ein Spitzenteam bei dieser Filmproduktion und wenn es nach mir ginge, würden wir den heute noch drehen und der müsste auch nie gezeigt werden. Aber irgendwann war da auch mal Schluss. Es wäre natürlich schade, wenn der Film ein kompletter Reinfall wäre, das belastet dann doch irgendwo. Ich wäre schon froh über ein Unentschieden; einen Punkt mitnehmen!
So habe ich auch versucht, es der Band zu erklären. Die haben zuerst euphorisch reagiert, als es hieß, Campino geht zum Theater. Als ich aber dann mit dieser Filmidee ankam, war die Begeisterung nicht groß. Die meinten dann "schon wieder ne Ablenkung? Wir würden aber gerne anfangen, zu proben." Da ging es darum, denen zu erklären, dass das nicht etwas Gegenteiliges oder etwas Ablenkendes ist, sondern etwas Inspirierendes und Ergänzendes. Irgendwo muss man nach 27 Jahren aufpassen, dass man nicht im eigenen Saft brät. Wo soll denn da die Inspiration her kommen? Wie ein Proberaum aussieht, weiß ich inzwischen, und was die anderen denken, weiß ich mittlerweile auch ganz gut. Es geht also darum, seine Antennen weiter auszustrecken. Das haben dann alle auch schnell kapiert.
Das kann durchaus sein, dass Sachen aus dem Film mit in die Texte geflossen sind, weil ich mir ja auch die ganze Zeit Gedanken über die Rolle gemacht habe und das einfach hin und her sprang. Ich wollte aber trotzdem keine Musik für den Film machen. Wim hat zwar gefragt, aber ich wollte das getrennt halten. Ehe das so etwas wird wie Elvis Presley für Arme, so im Vorbeigehen auch noch was singen ... das sollte schon separat bleiben. Der Soundtrack gefällt mir sehr. Ich bin ganz glücklich, dass Nick Cave extra zwei Stücke geschrieben hat und ich mag das Portishead-Lied sehr gerne. Während des Drehs war ständig Musik im Raum und es wurde viel über Musik geredet. Es gab da übrigens zwei fantastische Szenen. Eine, in der ein italienischer Cellist zwei Minuten ein Stück gespielt hat, und eine Szene in einem Theater, in der ein Pianist eine unheimlich traurige und melancholische Melodie anstimmt. Das waren meine zwei Lieblingsmomente, sie sind aber beide rausgeschnitten worden.
Wieso sind die Szenen raus geflogen?
Der Film war ursprünglich ungefähr 40 Minuten länger als er jetzt gezeigt wird. Da gab es dann die Angst, dass man sich verrennt. Das ist dann die Kunst des Cuttens: Wie bleibt man beim Wesentlichen? Der Regisseur und jeder, der dabei war, weist dann auf Stellen hin, die seiner Meinung nach rein gehören. Irgendwann ist es dann zu viel. Dann fliegen nicht einmal unbedingt die schlechtesten Szenen raus, sondern die, die im Kontext gesehen nicht so viel Sinn ergeben.
Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass man dich zum Texten fürs neue Album fast hätte einschließen müssen. Ist das dann eine spezielle Drucksituation, wenn der Fahrplan steht und man unbedingt zu Potte kommen muss?
Wir hatten mit den Demos schon vor dem Film angefangen. Wir sind also nicht von Null gestartet, als ich nach Hause gekommen bin. Im Grunde kann man bis circa sechs Monate vor einer Veröffentlichung relativ unbefangen arbeiten. Das ist ungefähr der point of no return. Wenn man dann sagt, dass man im Winter so weit ist, muss es auch fluppen, denn dann werden die Hallen gebucht, dann gibt es kein Zurück, dann läuft diese Maschinerie. Wenn man im Juni dasteht und noch vier richtig gute Lieder fehlen, denkt man sich "kein Problem, das haben wir im Griff". Wenn im August diese vier Lieder leider immer noch nicht aus der Feder geflossen sind, wirds knapp. Dann muss man auch mit Kompromissen leben. Das ist das wahre Leben. Besser wäre natürlich, man hätte im Juni schon 100% gehabt.
So etwas passiert. Das ist auf der letzten Platte geschehen, als wir nicht konzentriert waren und unter Zeitdruck standen. Wir waren schnell mit Ergebnissen zufrieden, die wir eigentlich höchstens auf eine B-Seite hätten packen sollen. Da spielen viele Sachen eine Rolle. Zum Beispiel, was einem privat widerfahren ist. Da gibts Krankheiten, Todesfälle oder Ärger in der Familie. Wenn das in der entscheidenden Phase passiert, bringst du eben nicht die 100%, die wichtig gewesen wären. Das kannst du im Lauf von 26 Jahren nicht verhindern.
Ist es aber dann nicht schön, zu sehen, dass auch wenn ihr die Platte noch nicht am Start habt, nahezu die komplette Tour ausverkauft ist? Ihr habt ja auch keine kleinen Hütten gebucht.
Das ist schon ein riesiger Vertrauensvorschuss, die Leute scheinen uns in guter Erinnerung zu haben. Irgendwas haben wir wohl richtig gemacht. Wir werden alles tun, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Normalerweise schwingen nach drei, vier Jahren Pause ziemliche Ängste mit: Ob man's selber noch drauf hat, ob die Leute noch so sind, wie wir sie kannten. Wie werden sie das neue Material aufnehmen? Da gibt es jede Menge Fragen, die man sich abends im Bett stellen kann. Diese Sorgen sind uns aber genommen worden, da wir im Sommer schon zwei Festivals gespielt haben. Da haben wir gesehen, dass die Band noch in Ordnung ist und dass man auch mit einem Gipsfuß korrekt angenommen wird. Jetzt bin ich sogar auf zwei gesunden Beinen unterwegs und dann müsste ja eigentlich alles doppelt so gut laufen. Das war zu spüren, dass die Leute noch Lust haben, deshalb herrscht große Vorfreude.
Hat euch der Rock Am Ring-Auftritt derart gut gefallen, dass ihr ihn gleich auf DVD veröffentlicht?
Das war nicht geplant. Wegen des gebrochenen Fußes ist das einfach ein besonderer Abend geworden. Das Publikum hat uns auf eine ganz liebe Art unterstützt, wie das vielleicht nicht der Fall gewesen wäre, wenn es nicht so viel Mitleid gehabt hätten. Dieser Mitleidsfaktor "Ach kuck mal, die Armen da oben!" spielte eine Rolle. Das war für unsere Verhältnisse schon ein legendärer Abend.
Ich hab mich geschämt! Ich hatte vorher zwei große Gläser starken Cider getrunken, tret vor diese Tonne, es macht "knack" und dann hab ich vor lauter Verzweiflung geheult. Ich wusste in dem Moment sofort, was passiert war und dachte nur "Du Idiot!" Ich hatte sofort ein Schuldbewusstsein gegenüber der Band: "Wie kannst du nur nach drei Jahren Pause den ersten Auftritt so versauen?" Dann hab ich ein bisschen gejammert und gehofft, dass er doch nur verstaucht ist, hab mir zwei Schmerztabletten reingehauen und dann gings schon wieder. Zwei Tage später bin ich zur Kernspin. Da gab es keine Zweifel mehr, das war ein sauberer Mittelfußbruch. Es war klar, dass ich acht Wochen eine Schiene tragen müsste. Ich weiß noch, wie mir dieser Arzt sagte: "für Cannes krieg ich dich hin! Ich schaff das, dass du da über den Teppich laufen kannst", ich meinte nur "wie bitte? Ich muss fünf Tage später ein Konzert spielen!" Da fingen die auf einmal an, betreten zu kucken und dachten wahrscheinlich, der Typ hat auch noch einen Kopfschaden. Ich bin danach jeden Tag in die Reha gelaufen und hatte diesen Spezialschuh, so dass das ganz gut lief, aber noch einmal möchte ich das nicht erleben.
Was mich bei der letzten DVD etwas überrascht hat: wieso gibt's bei einer Band aus der Altbierstadt backstage Beck's Gold zu trinken?
Das ist eine interessante Problematik, die uns außerhalb der Region Düsseldorf und Ruhrgebiet unheimlich Kopfschmerzen bereitet. Die ganzen Festivals sind ja alle gesponsert und ich bin mir ziemlich sicher, die jeweiligen Sponsoren würden ziemlich doof kucken, wenn die Band einen Drink auf der Bühne hätte, an dem sie nicht irgendwie beteiligt wären. Festivals werden von Getränkefirmen extrem ausgerüstet. Die Bereitschaft, dann immer das eigene kleine Kistchen mitzuschleppen, ist bei uns nicht da. Wenn man genau ist, wird dieses Gesöff, das eigentlich in Castoren gehört und nicht bei uns in die Garderobe, von uns gar nicht getrunken. Vor dem Auftritt trinken wir nichts mehr und danach darf das auch mal ne Flasche Wein sein oder sonst was, wenn wir irgendwo sind, wo es kein Altbier gibt. Aber wie gesagt: dafür sind Castor-Behälter da ... wer es braucht ... Allerdings kann man mir als Durstlöscher fast alles andrehen.
Die ewig junge Frage: schafft die Fortuna dieses Jahr den Sprung in die zweite Liga?
Die sind so nah dran, wie schon lange nicht mehr. Ich konnte mich noch am letzten Samstag im Stadion davon überzeugen, dass die Bratwürste nach wie vor Erstligaqualität besitzen. Ein überzeugendes 3:1 gegen den Wuppertaler SV hat mich ermutigt, daran zu glauben, dass die Fortuna nächstes Jahr ein Zweitligaclub ist, aber es wird ein harter Kampf. Irgendeiner da oben - vielleicht Union Berlin - muss stolpern. Unsere Jungs kämpfen aufopferungsvoller als in den Jahren davor.
Wenn es um richtigen Fußball geht, kuck ich ja immer wieder bei Liverpool vorbei, und die haben in dieser Saison ja ganz gute Karten. Glauben kann ich nicht, dass sie Meister werden, ist ja mittlerweile auch schon über 20 Jahre her, aber sie haben selten so ein starkes Wörtchen mitgeredet. Bist du Stuttgart-Fan?
Nie im Leben
Ach, Karlsruhe. Die haben es ja auch nicht einfach. Mit den ganzen Talenten, die da nach München abgewandert sind. Mehmet Scholl, Oliver Kahn und wie sie alle heißen. Damit findet man sich in Karlsruhe ab?
Was bleibt denn anderes übrig?
Stimmt. Da kann man wohl nicht so viel machen.
Übrigens, wie war das eigentlich. Bist du schon auf dem gepackten Bücherstapel gesessen, als das ZDF die Sendung deiner Tante (Heidenreich) abgesetzt hat? Du warst ja als ihr nächster Gast eingeplant.
Sie wollte ein Buch vorstellen, das heißt "Scherbenpark", und da bin ich ganz froh, dass ich das in die Finger bekommen habe. Das Buch, das ich vorstellen wollte, kenn ich ja in und auswendig, insofern bin ich nicht daran zerbrochen in dem Sinne, dass ich mich endlos vorbereitet hätte.
Ich wollte dir gerade die Chance geben, nachzuholen, was das ZDF dir versagt hat.
Was soll ich dazu sagen? Ich glaube, dass sie sich in dem Moment ungeschickt verhalten hat, denke aber, dass die Dresche, die sie dafür bekommen hat, völlig überzogen war. Mir kommt das wie eine Altherrenrache vom ZDF vor. Reich-Ranicki hat sich mit seiner Reaktion auch nicht mit Ruhm bekleckert. Ansonsten interessiert mich das nicht sehr. Ich weiß, dass Elke im Internet eine Plattform für sich gefunden hat, um ihre Sendung weiter durchzuziehen. Ich bin auch schon mit ihr verabredet, um das nachzuholen. Sie kämpft weiter. Aber abgesehen davon, dass ich persönlich große Stücke auf sie halte, finde ich es schade, dass der Fernsehzuschauer um eine Sendung gebracht wurde, die relativ verlässlich gute Bücher weiter empfohlen hat. Am Ende des Tages muss man sich fragen, ob das ZDF den Service am Kunden gewährleistet hat. Haben die ihren Zuschauern einen Gefallen getan, dass diese Sendung nicht mehr stattfindet? Die hat das doch gut gemacht.
Da spielen wohl gekränkte Eitelkeiten eine Rolle.
Auf beiden Seiten. Aber am lustigsten ist diese Kasperle-Meldung, Reich-Ranicki sitzt jetzt mit im Beirat, um den Kulturauftrag des ZDF mit zu beobachten. Das ist dann spätestens der Moment, an dem man ausschaltet. Wahnsinn! Wie die sich in kürzester Zeit dermaßen blamiert haben, ist sensationell.
Ich habe mir die Sendung mit Gottschalk und Reich-Ranitzki schon nicht mehr angeschaut.
Nicht? Ich habs versucht. Das war ja der Moment, an dem alles den Bach runter ging. Seine Rede bei der Preisverleihung und die Tatsache, dass man Reich-Ranicki nicht böse sein kann, weil er unheimlich charming ist, egal, was er für einen Quatsch redet. Das war ja noch alles vollkommen ok. Aber das dann so zu zerreden ...
Ich wär ja eher sauer gewesen, wenn er NICHT so eine Rede gehalten hätte.
Ich hätts ihm nicht zugetraut. Ich habs gar nicht live mitbekommen, hab mir das im Netz angeschaut: Groß! Einen Punk gabs da also noch. Aber der Typ ist leider zu egoman. Er hätte nicht auch noch auf Frau Heidenreich draufhauen sollen. In einer falschen Form der Solidarisierung mit Gottschalk. Das fand ich stillos. Der Mann sitzt halt in seinem eigenen Einmann-Boot und da kommt kein anderer rein. Gut, so lange fährt der da auch nicht mehr rum. Dem lassen sie die Luft bald raus.
Ihr macht euren Fans ja ein nettes Geschenk und veröffentlicht jedes Konzert der anstehenden Tour auf USB-Stick.
Das ist ein Experiment. Das haben auch ein paar andere Bands schon gemacht, aber wir sind relativ weit vorne damit. Ich weiß nicht, wie gut das umzusetzen ist, aber die Idee, dass ich zum Beispiel zu einem AC/DC-Konzert gehe und danach mein persönlich miterlebtes Konzert als Soundtrack mit nach Hause nehmen darf, finde ich cool. Das ist für mich auch ein Versuch, einen Vorteil aus dem ganzen Internet-Ding herauszuholen. Die ganze Art und Weise, wie runtergeladen wird, können wir in der Entwicklung noch nicht richtig bewerten, aber es besteht ja gleichzeitig eine große Chance, auch tolle Sachen damit zu machen. Deshalb bin ich persönlich auch sehr aufgeregt und gespannt, wie wir das hinkriegen.
Trifft euch die Download-Geschichte und der Rückgang der Plattenverkäufe ähnlich hart wie die Musikindustrie allgemein?
Das ist auf jeden Fall eine folgenschwere Geschichte. Ich kann das nicht genau mit Zahlen belegen, aber ich schätze mal, dass man so rechnen kann, dass man heutzutage ein Viertel dessen verkauft, was noch vor zehn oder 15 Jahren gelaufen wäre. Die Schritte von Jahr zu Jahr sind rasant. Da kann man sich nichts vormachen oder etwas schön reden. Das ist auf jeden Fall eine diffizile Geschichte.
Wenn ich kein oder wenig Geld hätte und besäße die Möglichkeit, umsonst auf etwas zuzugreifen, würde ich das genauso tun. So ein Download hinterlässt nie den Geschmack eines Diebstahls, und dennoch sind die Folgen für die Gruppen hart. Eine etablierte Band wie wir leidet noch am wenigsten darunter. Aber für die ganzen jungen Gruppen, die mit jedem Pfennig rechnen müssen, ist das geradezu existenziell, ob sie jetzt 20.000 Scheiben verkaufen, 5.000 oder 2.000. Da werden jede Menge Bands über die Klippe springen, die es früher geschafft hätten, zu überleben. Es wird auch kaum eine Plattenfirma einer neuen Band einen Vertrag geben. Die haben alle fürchterlich Angst, eine Fehlinvestition rauszuhauen. Also muss sich das irgendwann am Ende der Kette auch aufs Niveau auswirken. Da fallen viele durch den Rost, die gut gewesen wären.
Ich merke an mir selbst, dass ich aus der Generation rauswachse. Auch wenn ich die Möglichkeit hätte, mir den ganzen Musik-Katalog aus dem Internet zu laden, weiß ich nicht, wo da noch der Musikgenuss sein soll, wenn man sich jeden neuen Scheiß zieht und sich am Ende nur noch oberflächlich damit beschäftigt.
Ich gehöre auch zu denjenigen, die was festhalten müssen.
Ich sehe den Sinn nicht, sich Gigabyte-weise Songs auf den Rechner zu ziehen, mit denen man sich am Ende gar nicht wirklich beschäftigen kann.
Ich weiß es nicht. Hängt auch sicher damit zusammen, dass die Kids damit groß werden und schon mit zwei, drei Jahren ihre Kisten haben, wo alles drauf ist. Ob die noch einmal dafür zu begeistern sind, sich so altmodische Sachen wie eine Schallplatte oder CD zuzulegen, kann ich nicht beurteilen. Die Musik selbst muss sich keine Sorgen machen. Es wird immer Musik geben, zu allem möglichen Scheiß. Musik ist zur Zeit so viel im Raum wie noch nie zuvor, auch wegen des Internets. Das ist ja auch eine fantastische Vorstellung, dass Fans in den entlegensten Dörfern von Ostfriesland bis nach Argentinien zeitgleich diese Scheibe runterladen können, wenn sie wollen.
Überhaupt Argentinien. Ihr müsst mal nach Buenos Aires gehen, alle dreihundert Meter gibts da Läden für Rock-T-Shirts mit allen möglichen Motiven. Fantastische Toten Hosen-Shirts! Nie einen Penny dafür gesehen und auch nie versucht, einen Penny dafür zu sehen.
Campino, danke für das Interview.
Cool, dann mach ich mal die Brezeln auf, oder? Damit die Stimmungskurve gleich noch mal nach oben schnellt.
Bereits zum dritten Mal durften Die Toten Hosen beim legendären Rock am See-Festival in Konstanz mit dabei sein. LAUT nutzte den Heimvorteil, um Gründungsmitglied Breiti vor dem Auftritt einige interessante Statements zu entlocken.
Interviewstress auf Festivals: Man stolpert in der prallen Sonne über Bierleichen und küsst den Ordnern die Füße, um in den Backstage-Bereich zu gelangen. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf, um mit einer Toten Hose zu quatschen. Nach anfänglichen Technikproblemen, die wir nur dank Breitis Beobachtungsgabe lösen konnten, plauderte der Hosen-Gitarrist locker-flockig über Fußballspiele mit New Model Army, Stefan Effenberg sowie die Bundestagswahl im allgemeinen und die Asylpolitik im speziellen.
Ihr habt vor 13 Jahren, 1989, zum ersten Mal beim Rock am See-Festival in Konstanz gespielt. Was hat sich bis heute hin verändert? Und habt ihr eine besondere Beziehung zu diesem Open-Air?
Es war damals genau das selbe kleine Stadion wie heute. Man konnte auch damals schon aus dem Backstage-Bereich direkt an den Bodenseestrand zum Schwimmen. Zudem gibt es auf dem Weg dorthin einen netten kleinen Fußballplatz. Dort haben wir beim letzten Mal mit New Model Army um ein Uhr nachts im Dunklen gebolzt. Es fing mit dem Spiel Mädchen gegen die Jungs an, aber nachdem das nicht besonders gut lief, wurde einfach wild durchgemischt. Hat einen Heidenspaß gemacht.
Apropos Heidenspaß: Die Suchaktion nach dem "Mädchen von Rottweil" war bestimmt auch recht lustig. Wie zockt es sich denn vor einem ausschließlich weiblichen Publikum?
Wir haben zwar das eine Mädchen nicht getroffen, aber die Erfahrung war schon einzigartig. Die Mädels gaben sich alle völlig relaxt. Bei einer gemischten Zuschauerschar treten wesentlich mehr Stressfaktoren auf. Anscheinend fallen diese jedoch völlig weg, wenn keine Typen am Start sind. Zudem stieg die Lautstärke logischerweise um einige Oktaven. Wenn ich diese hohen Töne jeden Abend ertragen müsste, würde ich mir etwas in die Ohren stopfen. Aber im Endeffekt war es ein sehr lustiger Abend. Wie überhaupt die ganze Runde, die wir da mit den Konzerten auf Sylt, Helgoland und der Zugspitze gedreht haben.
Ja, ich erinnere mich an die Plakate. Wie lief denn das Konzert bei der Schickeria in Westerland? Immerhin gilt dieser Ort ja als Farin Urlaub- und Bela B.-Bastion.
Auf Sylt haben bislang nur die Ärzte gespielt, das stimmt. Die Konzerte fanden ja stilecht in einer alten Flughafenhalle statt, die man vielleicht in einem Industriegebiet in Bottrop, jedoch nicht auf Sylt vermuten würde. Das Gebäude wird aber jetzt wohl abgerissen. Nach dem gelungenen Konzert haben wir dann noch eine Party am Strand gefeiert, da für unsere Fans alle Übernachtungsmöglichkeiten ausgebucht und alle Züge bereits abgefahren waren. Aber trotz der geilen Stimmung, die während der ganzen Zeit herrschte, sehe ich die Urlauber auf Sylt als einen sehr seltsamen Schlag Mensch an. Vorsichtig ausgedrückt.
Wo wir schon bei den Live-Auftritten sind: Wie lange wollt ihr noch auf der Bühne stehen bzw. aktiv zusammen musizieren? Wird es später Dimensionen à la Rolling Stones annehmen oder verkündet ihr rechtzeitig euren Rücktritt?
Na, die Rolling Stones haben ja noch ein paar Jahrzehnte Vorsprung. Ich bin jetzt 38, Campino und Andy 40. Ich fühle mich so fit wie lange nicht mehr, was die Kondition auf der Bühne angeht. Und die Konzerte und die Tourneen machen uns einfach immer noch am meisten Spaß, da wir, die Roadies und Tourbegleiter eben ein eingespieltes Team sind. Wenn du mich aber jetzt fragst, dann glaube ich nicht, dass ich in zehn Jahren noch auf der Bühne stehen werde. Aber so lange wir unsere jetzige Form und Freude in nächster Zeit nicht verlieren, gibt es eigentlich keinen Grund aufzuhören.
Hast du keine Angst den richtigen Zeitpunkt des Abgangs zu verpassen wie das bei den Herren Fußballern gang und gäbe ist?
Wenn man Spaß an seinem Job hat, warum soll man nicht noch ein paar Jahre in der zweiten Liga spielen, oder wie Stefan Effenberg noch ein, zwei Jahre beim VFL Wolfsburg dranhängen? Wenn du mit 33 schon deinen Beruf an den Nagel hängen musst, und du dir etwas Neues suchen sollst, dann ist das ganz schön hart. Deswegen bin natürlich neben einigen anderen Gründen froh, in der Musikbranche gelandet zu sein. Dort kann man auch noch mit 40 locker seiner Passion frönen und damit Geld verdienen. Und so eine tolle Sache wie die Toten Hosen hat man halt nur einmal im Leben.
Themenwechsel: Auf eurer Homepage kritisiert ihr die deutsche Asylpolitik und das Zuwanderungsgesetz. Wie kam es zur dieser sehr erfreulichen Aktion?
Das hat folgende Bewandtnis: Es gibt den Verein Pro Asyl, der sich um die Belange von Asylbewerbern kümmert. Diesen Menschen werden ja in unserem Staat wichtige Menschenrechte vorenthalten. Pro Asyl betreiben deswegen Öffentlichkeitsarbeit, damit die Bürger auf die beschissene Lage der Asylsuchenden aufmerksam werden, denn leider findet das Thema so gut wie gar nicht in den Medien statt. Zudem versuchen sie, auf Politiker einzuwirken und Lobbyarbeit zu leisten.
Zudem stellen sie Rechtsanwälte bei konkreten Fällen. Wir haben denen nun die Möglichkeit gegeben, sich auf unserer Internetseite vorzustellen, da viele unserer User eine Menge Zeit mitbringen. Wenn sich dann die Fans, und seien es nur einige wenige, mit der Problematik beschäftigen, hat sich die Aktion schon gelohnt.
Ich frage, weil bald die Bundestagswahl ansteht, und Pro Asyl politisch am ehesten auf Seiten der Grünen oder der PDS steht. Eure Kollegen wie die No Angels oder Miss Biedermann fordern dagegen ja unparteiisch zum Urnengang auf.
Von diesem Aufruf halte ich überhaupt nichts, denn wer zur Wahl geht und für Stoiber stimmt, sollte lieber gleich zu Hause bleiben. Bei mir lief es wie immer. Vor ein paar Wochen hatte ich noch überhaupt keine Lust wählen zu gehen, aber wenn ich mich zwischen Stoiber und Westerwelle oder Rot-Grün entscheiden müsste, dann stimme ich natürlich für die Grünen. Denn diese Leute sind die Einzigen, die in den wirklich wichtigen Fragen noch mit ein paar guten Ideen an den Start gehen. Ich kann nur jedem raten, das gleiche zu tun. Wenn Stoiber und sein Innenminister Beckstein erst regieren, werden sich einige ganz schön umgucken, wie schnell die Grundrechte schwinden. Selbst unter Schily hat sich die Situation eher verschlimmert als verbessert.
Ja, und besonders für die Asylbewerber.
So etwas wie das Zuwanderungsgesetz der SPD ist natürlich weit davon entfernt, ein menschliches, gutes Gesetz zu sein. Es ist aber immerhin ein kleiner Anfang. Wenn ich mir jedoch die Aussagen von Möllemann und Westerwelle so reinziehe und den Stoiber betrachte, dann kann das nur in der totalen Vollkatastrophe enden.
Was mich auch immer wieder überrascht, ist, dass ihr als alte Punkrocker regelmäßig auf der biederen, systemkonformen Popkomm-Gala spielt und ständig einen Cometen mit nach Hause schleppt.
Erstens gewinnen wir nicht immer einen Cometen, es sei denn wir haben gerade 'ne Platte draußen und 'ne Tour hinter uns. Zweitens ist es eine Party von Viva, mit denen wir übers Jahr verteilt sehr viel machen. Die Preisverleihung sollte man indes nicht zu ernst nehmen, da die sowieso eher nach dubiosen Gesichtspunkten abläuft. Obwohl es bei Preisen aller Art immer nett ist, wenn man an uns denkt. Deshalb holen wir die Teile auch ab.
Wer so lange im Musikgeschäft tätig ist wie wir, steckt eh schon zu tief in der gesamten Geschichte drin. Du hast deine Videos auf dem Kanal laufen usw. Wenn man dann die Veranstaltung abbläst, nur weil einem einige anwesende Künstler nicht passen, dann fände ich das albern. Wir gehen lieber dahin, sagen "Guten Abend" oder spielen ein Lied und dann gehts auf die After-Show-Party. Die Feier nach der Echo-Verleihung war zum Beispiel richtig gut.
Auf der diesjährigen Popkomm kam ja auch wieder die Frage nach einer Quotenregelung für deutschsprachige Musik im Radio hoch. Früher ging dafür Kunze auf die Barrikaden, heute ist es Wolf Maahn. Was hältst du als Mitglied einer Band, die deutsche Rocklyrik entscheidend mitgeprägt hat, von dieser Idee?
Für mich ist das totaler Quatsch. Wenn ich mir schlechte, amerikanische Popmusik im Radio nicht mehr anhören möchte, dann wird das Programm nicht dadurch besser, dass ich dafür schlechte deutsche Popmusik vorgesetzt bekomme. Was vielleicht eine vielversprechende Idee wäre, wenn man die Radiofrequenzen nicht mehr ausschließlich an die großen Verlage vergeben würde. Die machen ja eh nur kommerzielles Radio für eine bestimmte Zielgruppe, damit sie die Werbezeit möglichst teuer verkaufen können. Dabei gibt es zum Beispiel in Brasilien, Australien oder auch Amerika richtige Rock- oder Hip Hop-Stationen als Alternativen. Nur bei uns wirst du für doof verkauft, und es wird den Musikfans vorgeschrieben, was sie gut zu finden haben. Wenn du Glück hast, findest du bei den Öffentlich-Rechtlichen im Nachtprogramm ein paar brauchbare Sendungen.
Die Quotenregelung gilt ja als Mittel zur Bekämpfung der Absatzkrise. Ihr seid nun ein etablierter, großer Act und habt eine eingefleischte Fanschar. Spürt auch ihr die Krise anhand eurer Plattenverkäufe?
Ja, klar. Alle merken das. In Italien ist das sogar noch extremer als bei uns. In England und Amerika dagegen hält sich das Downloaden und die CD-Brennerei noch in Grenzen. Die haben dort einfach eine andere Mentalität, was die Popkultur angeht. Wenn sie ein Album haben wollen, dann kaufen sie es. Generell zu dem Thema: Ich finde, die CDs sind zu teuer. Ein Preis von 12,50 Euro wäre angemessen. Aber natürlich bin ich mir der Nachteile auch bewusst, denn kleinere Independent-Läden kommen damit nicht klar. Die müssen leider mehr nehmen. Bei den großen Ketten wie Karstadt würde es wohl funktionieren.
Wir haben ja auch schon billige Sonderaktionen in Verbindung mit größeren Geschäften durchgeführt. Das war immer ein Erfolg. Was mich nur stört an der Sache, ist, dass viele Leute meinen, Musik müsse umsonst sein. Jemand der Musik macht, muss genauso dafür bezahlt werden, wie bei allen anderen Berufen auch. Uns geht es zwar immer noch gut, aber gerade für junge Bands mit einem geringen Bekanntheitsgrad ist es dadurch heutzutage viel schwieriger voran zu kommen. Wenn ich Fan einer solchen Gruppe wäre, würde ich doch wollen, dass sie ohne Einschränkung ihre Musik machen können, und nicht von irgendwelchen Nebenjobs leben müssen, um am Wochenende als Hobbyband auftreten zu können. Vielleicht sollte man, wie es früher bei Kassetten war, eine kleine Gebühr auf CD-Rohlinge erheben, die dann unter allen von der Gema anteilig verteilt wird. Die Situation ist zwar momentan denkbar schlecht, aber da musst du halt mal kreativ werden.
Da wir vorhin die Politik angesprochen hatten, meinst du, dass die Parteien da irgendwie eingreifen sollten? Diverse Label-Bosse haben dies ja schon einmal gefordert.
Das sind alles ganz schwierige Fragen. So lange die Leute sich alles aus dem Internet holen können, werden sie dies auch tun. Ich meine, so ein Gesetzesentwurf dauert ja einige Jahre und ist megakompliziert. Aber ein paar grundsätzliche Sachen sollten schon geklärt werden. Zum Beispiel die Frage des Urheberrechts. Doch das sollte nicht davon ablenken, dass nur die großen Plattenfirmen entscheidend zur Verbesserung der Lage beitragen können. Aber bis jetzt sitzen alle nur da und jammern.
Zum Schluss muss ich natürlich noch die ewige Frage nach der Situation mit den Böhsen Onkelz stellen. Ihr seid euch ja bekanntlich nicht grün. Wie ist da der Stand der Dinge?
Eines vorweg: Die Böhsen Onkelz waren früher 'ne Fascho-Band. Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Als sie dann bekannter und gesellschaftsfähiger wurden, haben sie sich nie eindeutig von ihrer Vergangenheit distanziert, sondern immer nur diffus von der "Wahrheit" geredet, ohne zu sagen, was sie darunter verstehen. Erst in letzter Zeit hat sich das geändert. Mehr muss ich zu dem Thema eigentlich nicht sagen.
Trotzdem würde ich noch gerne wissen, warum ihr das Angebot von Götz Kühnemund (Chefredakteur von Rock Hard) für eine öffentliche Diskussion zwischen Campino und Weidner nicht angenommen habt?
Götz Kühnemund wollte ein offizielles Streitgespräch führen, um seine Auflage zu steigern. Das ist natürlich aus seiner Sicht völlig legitim. Von unserer Seite aus besteht aber kein Anlass für ein solches Gespräch. Und wenn wir irgendwas mit den Böhsen Onkelz zu bereden haben, dann machen wir das privat und treten das nicht in irgendeiner Zeitung breit.
Cool, so gehört sich das ja auch. Dann danke ich dir für das interessante Interview und wünsche euch noch viel Spaß beim Rock am See.
| Fr | 20.08.2010 | CH-Gampel Open Air (Gampel) | |
| Sa | 21.08.2010 | A-Frequency Festival (St. Pölten) | |
| Sa | 28.08.2010 | Rock Am See Konstanz (Konstanz) |
Offizielle Hosen-Homepage im Anarcho-Styling - mit coolen Effekten.
http://www.dietotenhosen.de/
Darf man bei Hosen-Konzerten Anzüge tragen? Und interessantere Fragen ...
http://www.dth-live.de
Schönen Dank und auf Wiedersehen, it's MySpace!
http://www.myspace.com/dietotenhosen
| Thema | Posts | Letzter Beitrag | |
|---|---|---|---|
| {ersteller.avatar} |
{thread.titel} {ersteller.name} |
{thread.antworten} |
{letzter.zeit} {letzter.name} |
|
SCHEISS BAND Anonymous |
163 |
30.09.09, 00:45 Dark Defender |
|
|
Die Neue Hosen-Single "Alles was war" ! Ab Heute ! Deliverdirk |
5 |
02.06.09, 12:06 Fräulein_Immerfaul |
|
|
In aller Stille Cobains Tochter |
2 |
04.12.08, 08:10 Alex |
|
|
Campino vs. Ted Gaier im Musikexpress Pilgrim |
5 |
18.11.08, 22:11 Roady090 |
|
|
Wie ist bei euch die Vorfreude auf die Tour´08?? Torpedo Tommy |
5 |
18.11.08, 10:23 Roady090 |