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Brachialer Metal mit engagiertem Rap und hohem Melodieanteil - das ist das widersprüchliche Markenzeichen einer wandlungsfähigen Band. Such A Surge, die deutschen Crossover-Pioniere aus Braunschweig, zählen mittlerweile zu den festen Größen am Rockhimmel der Republik.
Aller Anfang war live: Such A Surge gründen sich im August 1992 nach einigen eher zufälligen gemeinsamen Sessions mit Oliver Schneider (voc), Michel Begeame (voc), Dennis Graef (g), Axel Horn (b) und Daniel Laudan (dr). Mit dabei haben sie auch ein Kerl namens DJ Royal T, der hinter den Tables für ein paar zusätzliche Sounds sorgt. In unzähligen Konzerten erspielen sie sich eine nicht eben kleine Fangemeinde. Ihre erste EP gibt 1993 die Richtung an: "Gegen Den Strom" aber oben auf der Welle des beginnenden Crossover-Booms und auf Tour an der Seite von Bands wie Dog Eat Dog oder Biohazard. 1995 folgt mit "Under Pressure" das erste Album.
Die Presse überschlägt sich, der Musikexpress zieht das "Fazit: ein donnerndes Debut, mit dem die Band Vergleichen mit Kollegen wie den H-Blockx relativ entspannt entgegen sehen kann". Dennoch steigt Laudan noch vor den Aufnahmen aus und Carsten "Antek" Rudo nimmt auf dem Drumhocker platz. Mit ihren aggressiven Texten und druckvollem Sound, der Hip Hop mit Heavy Metal unterlegt, finden Such A Surge schnell viele Freunde und Käufer.
Deutlich nachdenklicher und von einer düstern Seite zeigen sie sich auf dem zweiten Longplayer "Agoraphobic Notes". Als Gaststar ist DJ Hausmarke von den Fanta 4 zu hören und auch vor leichten Trip Hop oder Jungle Einflüssen macht das Album nicht halt. DJ Royal T macht sich im Anschluss an die Veröffentlichung auch aus dem Staub, weshalb sich die Braunschweiger sporadisch die Dienste von DJ Stylwarz sichern.
Mit "Was Besonderes" zeigt sich die Band deutliche poppiger und wird sogar von Herbert Grönemeyer als Opener verpflichtet. Diese mal hat Thomas D seine Beitrag zum Album geliefert. Mit der Single "Jetzt Ist Gut" geht es ab in die Charts und beinahe auch den Mainstream. Die eher moderaten Töne von Such A Surge gleichen die Jungs aber wieder aus, indem sie mit der selben Besetzung ein Nebenprojekt namens Pain In The Ass ins Leben rufen, bei dem sie ihren Metal und Hardcore Roots Tribut zollen.
Auf der "Tropfen" EP gibt es zum ersten mal etwas von Pain In The Ass, als auch von Ollis Soloprojekt Originalton, auf Konserve zu hören, bevor es mit dem "Surge Effekt" abwechslungsreich wie selten zuvor ins neue Jahrtausend geht. Mehr und mehr poppige Elemente gesellen sich zu den bekannt knarzigen Gitarrenriffs bei weiterhin unbequemen und engagierten Lyrics. Der kommerzielle Höhepunkt ist erreicht und Such A Surge legen als Band erst einmal ein kleine Pause ein. Nicht jedoch, bevor sie laut.de im Interview Rede und Antwort standen.
Nicht jedoch die einzelnen Mitglieder, denn Dennis Graef meldet sich mit seinem Jazzprojekt "Valentinswerder" schnell zurück und kurz darauf erscheint auch schon sPain, das Debüt von Pain In The Ass. Auch Antek wandelt auf Solopfaden und lässt sich von Produzentenguru Tomas Skoksberg (Entombed, Backyard Babies) das Debütalbum seiner Zweitcombo Revolver zurecht zimmern. Olli schraubt am Debüt von Originalton, jedoch gehen sie auch mit Such A Surge wieder ins Studio, ehe Ollis andere Band veröffentlicht.
Such A Surge nehmen aber lediglich zwei neue Songs auf und spielen "Koma" verändert und neu ein, denn mit "10 Jahre" feiern sie die erste Dekade ihres Bestehens. Der CD liegt noch eine Bonus-Scheibe bei, die erneut ein paar Songs der Nebenprojekte zeigt. Großes Ausruhen ist aber weiterhin nicht angesagt, denn das nächste Studioalbum steht schon in den Startlöchern.
Im Vorfeld dazu plaudert Basser Axel erneut mit einem laut.de Redakteur. "Rotlicht" bricht mit der Tradition die Texte in deutsch, französisch und englisch zu interpretieren, denn das Album begnügt sich mit rein deutschen Lyrics. Für Dennis ist es auch die letzte Scheibe mit der Band, denn er verabschiedet sich noch auf der Tour. Seinen Platz nimmt schnell Lutz Buch ein, der nicht nur mit Antek auch bei Revolver zockt, sondern auch schon lange als Backliner mit Such A Surge unterwegs ist. Der Neue fügt sich perfekt ins Line-Up ein und bringt auch wieder eher heftige Gitarren ins Programm.
Anfang Januar 2005 legt davon die EP "Mission Erfüllt", die übrigens auch klare Worte zum Thema Irak Krieg findet, Zeugnis ab. Ihr folgt im April das Album "Alpha", das Such A Surge in bestechend guter Form präsentiert. Die Konzertreise zum Album bekommt aber noch im Oktober einen bitteren Beigeschmack, als die Braunschweiger ihre Auflösung ankündigen - so werden die für Anfang 2006 geplanten Gigs zur Abschiedstour.
Axel Horn, Bassist und Manager von Such A Surge, sprach mit LAUT über den Irak-Konflikt, die neue Platte und warum MTVIVA die Band boykottierten.
Nachdem sie sich drei Jahre lang in verschiedenen Solo- und Nebenprojekten ausgetobt hatten, waren Such A Surge nun auch mal wieder gemeinsam im Studio. Im Gespräch mit LAUT erzählt Bassist und Manager Axel Horn von der neuen Platte und warum die Band ein altes LAUT-Interview lieber gelöscht sähe.
Im unserem letzten Interview sagt ihr: "Macht kaputt, was euch kaputt macht. Zerstört das System. Kein Leben ohne Kampf." Habt ihr das System zerstört?
Ich wurde in anderen Interviews darauf angesprochen. Und ich will auch darüber reden, weil in diesem Interview einige Missverständnisse drin sind. Z. B. eine Aussage von Dennis: "Lass uns in den Container gehen, Frauen poppen". Ich wurde letzte Woche in einem Interview darauf angesprochen, ob wir wirklich so ein ausschweifendes Rock and Roll Leben haben. Manchmal begreifen die Leute nicht, dass wir auch Humor haben. Wir machen ernstzunehmende Texte und gehen unseren sehr eigenen Weg. Dadurch habe ich den Eindruck, dass alle Menschen da draußen immer denken, alles von uns hat irgendeine Weltbedeutung und alles ist immer bitterernst. Aber nein, auch wir haben Humor. Um jetzt auf die politischen Statements des Interviews zu kommen. Das sind ja alles schöne Schlachtrufe aus den 70er Jahren. Ich selber bin ein riesiger Ton Steine Scherben-Fan, weil das für mich eigentlich DIE deutsche Band ist. Die einzige Band, die eigentlich jemals was gesagt hat. Das Zitat von Dennis aus dem letzten Interview ist aus dem Zusammenhang gerissen worden. Es steht da wie eine Plattitüden-Schlacht. Dennis ist ein sehr belesener Mensch was Weltwirtschaft, Großkonzerne und politische Verstrickungen angeht. Wenn Dennis von so was redet, spricht er fundierter als nur einen Slogan nach dem anderen anzubringen. Der erste Teil ist halt einfach witzig gemeint. Es ist bekannt, dass wir einfach Menschen sind, die ein bisschen mehr nachdenken. In dem Sinne fallen natürlich mal solche Slogans, sind aber am Ende des Tages auch nicht so bitter ernst gemeint. Musiker sollten im Endeffekt ja nicht Politiker spielen.
Sportfreunde Stiller geben in München ein Konzert gegen den drohenden Irak-Krieg. Würde so eine Aktion auch für euch in Frage kommen?
Auf jeden Fall. Auch wenn ich sage, Musiker sollten nicht Politiker spielen, sind Musiker immer noch Menschen. Und Menschen sollten ihre Meinung frei äußern. Wenn sie gegen etwas sind, sollten sie auch dagegen eintreten. Diese ganze Amerika-Frage kann ich eigentlich mit einem Satz abhaken. Die Führungskräfte der Amerikaner sind Verbrecher. Und das muss ich eigentlich gar nicht weiter ausschmücken.
Ist eine konkrete Aktion in diese Richtung geplant?
Nein, da ist nichts geplant. Wir sind im Moment mit unserem Album beschäftigt und haben auch noch keine derartige Anfrage bekommen. Wir äußern uns aber schon lange zu diesem Thema. Ich habe mich nach dem 11. September in vielen Interviews sehr direkt darüber geäußert. Ich sage auch immer dazu, dass ich auf den Tag warte, an dem die Amis bei mir im Büro stehen. Wir sind definitiv anti-amerikanisch eingestellt. Bei so einem Thema muss man immer vorsichtig sein. Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, kann sie aber auch nicht ausschließen. Der Menschheit ist in erster Linie erst mal jede Schweinerei zuzutrauen. Daher muss man jedes weltweite Ereignis für sich sehr genau prüfen. Und beim 11. September muss man Folgendes bedenken: Natürlich war das ein erschreckendes Ereignis und es ist traurig, dass über 3000 Menschen dabei umgekommen sind. Und ich habe an diesem Abend auch gebetet für die 3000 Menschen. Aber alle sieben Sekunden verhungert ein Mensch in Afrika. Wenn ich dann sehe, wie das ganze deutsche Volk sich wie eine Kolonie verhält und zur Deutschen Bank rennt und für die Opfer des WTC spendet ... Diese Ironie kann ich nicht begreifen.
Die Fans diskutieren im Forum eurer Homepage immer über den Kopierschutz. "Rotlicht" hat keinen Kopierschutz. Wie liefen da die Verhandlungen mit eurer Plattenfirma?
Da bin ich ganz ehrlich. Das ist nicht unsere Coolheit, sondern es kam uns zu Gute, dass gegen die großen Plattenfirmen im Moment viele Verfahren wegen des Kopierschutzes laufen. Mit Sony haben wir einen sehr guten Vertrag. Wir können 99 Prozent unserer Entscheidungen selbst treffen. Nur in kleinen, gewissen Punkten kann uns dieser Weltkonzern eben die Pistole auf die Brust setzen. Beim "10 Jahre" Album haben sie das in dem Sinne getan, dass sie weltweiten Kopierschutz hatten. Wir sind da gezwungen worden. Ich hatte unsere Anwälte schon in Front gebracht, aber wir konnten nichts dagegen ausrichten. Wir sind gegen Kopierschutz. Bei dieser Platte haben wir Glück, weil der weltweite Sonykonzern den Kopierschutz ausgesetzt hat. Dieser Großkonzern hat Klagen gegen sich laufen. Bevor diese Rechtsstreitigkeiten nicht vorbei sind, können sie eigentlich gar keinen Kopierschutz auf die Platten draufmachen. Kopierschutz verstößt auch einfach gegen die Rechte des Verbrauchers. Jeder Privatkonsument ist nun mal berechtigt, sich eine private Kopie einer CD zu machen. Die Großkonzerne verhindern dieses mit ihrem Kopierschutz. Darum gibt es sehr viele Klagen gegen die Großkonzerne, was ich auch sehr gut finde. Das ist auch uns zu Gute gekommen. Wir leben eigentlich davon, dass wir Konzerte spielen. Und wir sagen immer, umso mehr unsere Musik kennen und schätzen, umso mehr Leute kommen auch auf die Konzerte. Wie die jetzt an die Musik gekommen sind, ob sie die CD jetzt gebrannt haben oder einen mp3-File haben, ist uns eigentlich egal.
Wie würdest du die Veränderung beschreiben, die SAS in den letzten 10 Jahren durchgemacht hat?
Wenn man sich die fünf Platten von SAS hintereinander anhört, kann man sehr schön das Erwachsenwerden nachvollziehen. "Under Pressure" ist ein Album für Kids. Bei "Agoraphobic Notes" fangen Kids dann das erste mal an, sich mit sich selbst zu beschäftigen und auch ein bisschen die düstere Seite ihrer Seele zu entdecken. Dann kommt "Was Besonderes" - das sind jugendliche Musiker mit ein bisschen Pop-Appeal. Dann kommt der "Surge Effekt". Das ist ein sehr reifes Werk von Endjugendlichen. Und "Rotlicht" sehe ich im Augenblick nach drei Jahren Pause als erstes Album einer erwachsenen Band. Wir sind mittlerweile einfach erwachsen geworden. Die nächste Veränderung ist musikalischer Natur. Bis zum "Surge Effekt" sind wir immer weiter auf diesen Perfektionismus-Berg hochgerannt. Beim "Surge Effekt" waren wir dann auf dem Berg oben angelangt. Dann standen wir vor der Frage, entweder oben krampfhaft eine Leiter drauf zu betonieren oder halt wieder runter zu gehen.
Wie geht diese schöne bildhafte Beschreibung weiter? Dann kamen diese ganzen Solo- und Nebenprojekte. "Rotlicht" steht sehr im Zeichen von 'back to the roots', 'back to the basics.' Andek, unser Schlagzeuger sagt immer, dass mit dem Alter eine große Gelassenheit kommt.
Was bewirkt diese Gelassenheit?
Früher wollten wir uns selbst und den anderen immer was beweisen. Das Spiel war wer hat den fettesten Sound, wer hat die fetteste Produktion. Mittlerweile ist uns das scheißegal. Da sind wir mittlerweile gelassen - es geht uns darum, dass die Platte lebt.
Die neue Single "Fremdkörper/Alles Muss Raus" ist seit dem 20. Januar auf dem Markt. Habt ihr schon ein Feedback bekommen?
Verkaufszahlen kenne ich nicht, die sind auch eher sekundär. Uns geht es eher um das Fan-Feedback, dass geteilt ist. Aber das ist bei jeder Platte von uns so gewesen. Man gewinnt immer neue und verliert alte Fans. Das ist auch wie mit Freunden im Leben. Die Single ist nicht in den Charts, was aber auch gar nicht geplant war. Wir haben absichtlich zwei Songs aus dem Album ausgekoppelt, die zeigen, wo das Album hingeht und haben dabei nicht so auf Kommerzialität geachtet. Außerdem werden wir von VIVA und MTV geblockt.
Aus welchem Grund?
Von MTV mussten wir uns so Sätze wie "Such a Surge sind so lange dabei, die kennt ja jeder. Wir brauchen neue Gesichter." Was mich an so einer Äußerung nervt, ist eigentlich der Disrespekt gegenüber Sachen, die lange Zeit ehrenhaft aufgebaut worden sind. Das zeigt einfach auch diese Schnelllebigkeit, bei der es einem Angst und Bange werden kann.
Das ist ja sicherlich keine erfreuliche Sache für euch ...
Auf der einen Seite können wir das nachvollziehen. SAS gibt es seit elf Jahren und wir haben fünf Platten gemacht. Dennis, der Gitarrist, sagt immer, MTV und die Fernsehkanäle waren schon immer scheiße. Das sehe ich genauso. Ich kann mir das privat auch nicht ankucken, deshalb habe ich diese Sender auch zuhause gelöscht. Ich muss mich schließlich nicht verblöden lassen. Dann ging die Diskussion los: Drehen wir überhaupt noch ein Video zu "Rotlicht"? Wir haben uns aber doch entschieden, zu "Hypochonder" einen Clip zu machen. Der Grund ist ganz einfach: Man kann sich von MTV und VIVA nicht alles diktieren lassen. Diese Sender haben sowieso schon zu viel Macht bekommen in den letzten Jahren. Man hat leider durch die Vormachtstellung des Musikfernsehens vergessen, dass Videos auch ein Ausdruck von Kunst sind. Mittlerweile ist das eigentlich nur noch eine Kommerz-Waffe und ein Marketing-Instrument. Deshalb haben wir uns entschieden, wir machen jetzt erst recht ein Video und suchen nach Wegen, es an unsere Fans zu bringen. Wir werden das Video als mpeg-file weltweit durch das Netz jagen. Offiziell dürfen wir das natürlich wegen Sony nicht.
Möchtest du an der alten Botschaft "Macht kaputt, was euch kaputt macht. Zerstört das System ..." etwas verändern? Gibt es eine neue?
Ich tue mich immer schwer mit Botschaften. In unseren Texten stellen wir auch viele Fragen und geben keine endgültigen Antworten. Ich möchte mir nicht die Arroganz rausnehmen und sagen, ich weiß Bescheid. Zur Zeit wird viel über den Irak geredet. Wer redet denn mal über Nordkorea, die erst vorgestern gesagt haben, es ist nicht das alleinige Recht der Amerikaner, den Präventivschlag auszuführen? Was mich am meisten stört in der heutigen Zeit, ist, dass alles nur mediengesteuert ist. Und das der Mensch glaubt, was in der Zeitung steht ist die Wahrheit. Ich befürchte, dass ein großer Prozentsatz nicht die Wahrheit ist. Jeder sollte ein bisschen mehr nachdenken und ein bisschen mehr reflektieren. Auch bei einem Interview, wie es bei euch stattgefunden hat. Ich will jetzt nicht euch oder die Presse böse machen, aber auf dem Spielfeld stehen immer viele Personen. Und die spielen sich gegenseitig die Bälle zu. Mal spielt einer einen Scheiß-Pass, dann geht er halt in Aus. Über die Medienlandschaft sollte man sich mal viele Gedanken machen. Dieses alte Interview - gibt es da irgendeine Möglichkeit, das auf einem netten Weg zu entfernen?
Was stört euch noch mal konkret daran?
Dennis stört vehement der politische Teil des Interviews. Er fühlt sich in seinen Zitaten komplett auseinandergerissen. Er fühlt sich, als würde er wie ein unbelesener Lulli dastehen, der stumpf mit 60er Jahre Parolen um sich schmeißt, ohne definitives Wissen dazu zu besitzen. Das kommt nicht gut rüber.
Kein Mensch liest mehr ein altes Interview ...
Das Interview führte Marion Gottschling
Such A Surge, die deutschen Crossover-Pioniere aus Braunschweig, zählen mittlerweile zu den festen Größen am Rockhimmel der Republik. Im Interview sprechen sie über Labelpolitik und MP3 und lästern über Zlatko und Big Brother.
Brachialer Metal mit engagiertem Rap und hohem Melodieanteil - das ist das widersprüchliche Markenzeichen einer wandlungsfähigen Band. Derzeit sind Such A Surge auf großer Deutschland-Tour. Vor ihrem Auftritt beim Zeltfestival in Konstanz konnte Laut-Redakteur Florian Schade mit Olliver Schneider und Dennis Graef ein kurzes Interview führen. Sie trafen sich backstage vor den Tourbussen. Hallo guten Tag. Olliver Schneider: Komm wir gehen in den Bandcontainer, da können wir Weiber ficken und Schampus saufen.
Macht ihr das öfters?
Olliver Schneider: Ständig. (Wir betreten eine fünf Quadratmeter große Kammer) Hier finden nach der Show immer die wilden Parties statt. (grinst) Mit zwanzig nackten Tänzerinnen. Die sind alle schon nackt, wenn wir verschwitzt ankommen. Wie läuft denn eure neue Single "Gib mir mehr"?
Olliver Schneider: Schlecht. Da geht so gut wie gar nichts. Ganz miese Verkaufszahlen. Dennis Graef: Echt? Bist Du sicher? Olliver Schneider: Ja, ein echter Ladenhüter.
Woran liegt das?
Dennis Graef: Ich glaube, wir sind keine Band für Singles. Wozu sollte man sich eigentlich überhaupt Singles kaufen? Auf dem Album ist doch eh alles drauf. Unsere Fans kaufen sich das aktuelle Album und sind damit zufrieden. Das hat halt mit unserer Fangemeinde zu tun. Das sind keine Singlekäufer. Eigentlich ist das auch gut so. Ich kaufe mir auch keine Singles.
Aber da sind doch Live-Versionen und Multimedia drauf. Eine Einstimmung auf die kommende "Der Surge Effekt Part 2" - Tour?
Olliver Schneider: Nein, ich denke, man muss Singles generell attraktiv machen, um den Leuten etwas zu bieten. Deshalb haben wir für die paar Leute, die sich die CD eben doch kaufen, viele Live-Tracks und ein Video drauf gepackt. Das sind fast 25 Minuten geworden, also fast eine EP.
Bei eurer Tour im September ist als Special Guest die spanische Band Dover dabei. Habt ihr die schon kennengelernt?
Dennis Graef: Nein, aber wir kennen die CD (fängt an, ein Lied zu singen). Und die Sängerin sieht echt spitze aus.
Sucht ihr euch die Supportbands selber aus oder werden die euch zugeteilt?
Dennis Graef: (lacht) Wir suchen uns die natürlich selber aus. Würden wir von Sony irgendwelche Bands zugeteilt bekommen, gäbe es mit Sicherheit Mord und Totschlag. Da würde Blut fließen. Das nennt man Tourkoller. Olliver Schneider: Dover gefällt uns und Flow-Fy, die bei der letzten Tour dabei waren, mögen wir persönlich. Sie sind eine Braunschweiger Kapelle genau wie wir, und wir wollten ihnen die Möglichkeit geben, nicht nur regional, sondern auch auf anderen Bühnen aufzutreten.
Habt ihr Pläne auch andere Newcomer zu unterstützen?
Olliver Schneider: Nein, Flow-Fy waren die absolute Ausnahme. Dennis Graef: Definitiv nicht.
Auf eurem aktuellen Album sind deutliche Pop-Einflüsse zu vernehmen. Lasst ihr euch von Trends, wie z.B. dem 80er-Revival, beeinflussen?
Olliver Schneider: Wir legen es nicht darauf an, Trends hinterher zu laufen. Wir haben zwar unsere Linie, aber wenn uns etwas gut gefällt, dann machen wir das auch, bauen es in unsere Musik ein. Wir unterziehen unsere Musik aber keiner bewussten Veränderung. Wir gehen wie eine Schülerband, die wir ja auch mal waren, in den Proberaum und fangen an zu spielen, was uns gerade in den Sinn kommt. Hinten kommt dann Musik dabei raus. Da steckt keine penible Planung dahinter.
Wie fühlt sich eine Band, der man nachsagt, sozialkritisch zu sein, in der neuen Medienwelt der Zlatkos und der Stefan Raabs?
Dennis Graef: Das ist ja nichts Neues. Solche Erscheinungen wie diesen ganzen Fernsehmüll gibt es immer wieder. Wir sind eben auf dem Weg in die 80 - 20 Gesellschaft. 20 Prozent der Menschen bestimmen und gestalten, während 80 Prozent die Arbeit verrichten. So ist das System. Um die 80 Prozent bei Laune zu halten werden sie mit billigem Tittytainment versorgt. Ich hoffe, daß ich niemals zu diesen 80 Prozent gehören werde, sondern zu den Leuten, die für die 80 Prozent kämpfen. Es gibt kein Leben ohne Kampf.
Habt ihr Big Brother gesehen?
Dennis Graef: Nein, ich habe gar keinen Fernseher. Olliver Schneider: Ja, ich habe mir das sogar ziemlich oft angesehen. Es war faszinierend mitzuerleben, wie da ein Ereignis aus dem Boden gestampft wird, wie so ein Hype ganz klein anfängt und dann in den Himmel wächst. Allerdings bin ich kein Fan. Ich habe mich einfach dafür interessiert. Eine sozialwissenschaftliche Studie quasi. Ob aber Jürgen oder John oder wer auch immer letztendlich gewinnt, war mir scheißegal.
Auch neuere HipHop-Acts wie EinsZwo haben als Message nicht mehr viel anzubieten. Dafür entwickeln sich Styles und Techniken immer schneller. Versucht ihr an dieser Entwicklung teilzunehmen?
Dennis Graef: (scherzt) Wir bekommen unser gesamtes Material inklusive Texte immer von Sony gestellt und müssen es dann nur noch nachspielen. Olliver Schneider: Überhaupt nicht. Ich schreibe meine Texte frei nach Schnauze und kümmere mich nicht um den aktuellen Style. Aber wir arbeiten ja auch immer wieder mit HipHop-Acts wie Ferris MC oder Thomas D zusammen. Wenn Ferris aber trotz geilen Styles in seinen Texten nur über‘s Abdichten und den nächsten Suff reimt, brauch ich das doch nicht zu kopieren. Ich will gar nicht erst versuchen, den Newcomern irgend etwas nachzumachen, weil ich das gar nicht könnte. Außerdem wäre ich mir damit nicht mehr treu und das ist mir wichtiger.
Seid ihr eigentlich Internetnutzer? Hat der Computer in euer Alltagsleben Einzug gehalten?
Dennis Graef: Ja, klar. Aber ich habe ein echt schlechtes Gewissen, weil ich mir ziemlich oft Bücher und Musik online bestelle. Eigentlich sollte man das ja gar nicht machen, weil dadurch der Einzelhandel kaputt geht. Die alte Oma im Buchladen an der Ecke geht pleite und die großen Konzerne verdienen immer mehr und mehr. (schweift ab) Schau Dir doch mal Mannesmann an, was die für ein Schweinegeld an meinem Handy verdienen. Früher habe ich das gar nicht realisiert und wie blöd rumtelefoniert. Jetzt versuche ich, nur noch so selten wie möglich zu telefonieren. Die verkaufen doch sogar Waffen in irgendwelche Länder, da brauchen sie mein Geld nicht auch noch. Kein Leben ohne Kampf.
Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, neue Songs exklusiv als mp3 im Netz zu veröffentlichen?
Olliver Schneider: Nein, das dürfen wir wegen Sony nicht. Das sind harte Verträge. Wir sind aber zum Beispiel die erste und einzige Band, die ein aktuelles Video in voller Länge auf der Homepage hat. Das haben wir durchgeboxt. Normalerweise ist nämlich nur ein Ausschnitt von 30 Sekunden erlaubt. Dennis Graef: Ich habe einem Fanclub mit eigener Homepage mal ein paar mp3s zukommen lassen. Die haben sich letztendlich aber auch nicht getraut, das im Netz zu veröffentlichen. Unsere Platten sind übrigens die einzigen bei Sony, die kein CopyKillsMusic-Label aufgedruckt haben. Das unterstützen wir nicht. Kein Leben ohne Kampf eben.
Wollt ihr den Laut-Lesern zum Schluss noch eine Botschaft mit auf den Weg geben?
Dennis Graef: Macht kaputt was euch kaputt macht. Zerstört das System. Kein Leben ohne Kampf.
Olliver, Dennis, vielen Dank für das Interview.
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