Porträt

laut.de-Biographie

Dexys Midnight Runners

Die Dexys Midnight Runners werden hierzulande gern als gutes Beispiel für ein klassisches One-Hit-Wonder in der Prä-Casting-Ära abgestempelt. "Come On Eileen", der Smash Hit der Band vom 82er-Album "Too-Rye-Ay", dudelt noch heute den lieben langen Tag unter dem Oberbegriff 'Das Beste der 70er, 80er und 90er' auf sämtlichen Populär-Radiostationen und lässt die nachwachsende Generation am Verstand der vorhergehenden zweifeln.

In ihrem Heimatland England hingegen sorgte die Band für deutlich mehr Furore. Gegründet wird sie 1978 von zwei ehemaligen Mitgliedern der Punkband The Killjoys, Kevin 'Al' Archer und dem irischstämmigen Kevin Rowland, auf den die Irish Folk-Einflüsse in der Musik der Gruppe zurückgehen. Den Namen leitet man kurzerhand von dem Amphetamin Dexedrin ab, das in dieser Zeit einen Boom erlebt. Komplettiert wird die Kapelle von Big Jim Paterson (Tromboe), Geoff Blythe (Tenorsaxophon), Steve Spooner (Altsaxophon), Mick Talbot (Keyboard), Pete Williams (Bass) und Andy Growcott (Schlagzeug).

Die Idee, die Zugehörigkeit zur arbeitenden Schicht mit Bühnenoutfits im Stil von New Yorker Dockarbeitern (inspiriert durch den Scorsese-Film "Mean Streets") zu symbolisieren, stellt die Band vor ein ernstes Problem: Woher die Kohle für immerhin acht Kostüme nehmen? Gerüchten zu Folge soll Rowland selbst Ladendiebstähle organisieren, um Geld aufzutreiben - ironischerweise genau im selben Jahr, in dem in Amerika die legendären Blues Brothers gegründet wurden.

Nach dieser unkonventionellen Problemlösung dauert es auch gar nicht lange bis zum Release der ersten Single. "Dance Stance", eine Kritik an Diskriminierung von Iren, bleibt jedoch weitgehend unbeachtet. Doch schon das zweite Release, "Geno", ein Tribut an den Soulsänger Geno Washington, stürmt 1980 in den UK-Charts auf die Spitzenposition. Der nächste kleine Skandal der Bandgeschichte lauert in der Entstehung ihres Debütalbums. Die Musiker stehlen angeblich die fertigen Tapes aus dem Aufnahmestudio, um einen besseren Deal mit Label EMI auszuhandeln. Passend zum Namen der Scheibe übrigens: "Searching For the Young Soul Rebels" wird später auch Pate für das Erstlingswerk des deutschen Rap- und Reggaeartisten Jan Delay, "Searching For The Jan Soul Rebels", stehen.

Die Platte selbst sorgt im Königreich für helle Aufregung: Die Midnight Runners werden als die Retter des organischen Rock in der New Wave-Ära hochstilisiert. Obwohl auch die dritte Single wieder in die Top Ten einsteigt, löst sich die Band kurz darauf mehr oder weniger auf: Nachdem Rowland gegen den Willen der anderen durchsetzte, dass die Flopsingle "Keep It, Part Two" veröffentlicht wird, hat der größte Teil der Band die Nase voll von dessen absolutistischer Herrschaft - lediglich Paterson bleibt seinem sprichwörtlichen Bandleader treu.

Neuzugänge sind Gitarre- und Banjospieler Kevin 'Billy' Adams, Schlagzeuger Seb Shelton, Altsaxophonist Brian Maurice, Tenorsaxophonist Paul Speare, Keyboarder Mickey Billingham und Bassist Giorgio Kilkenny. Passend zum Line Up hat Rowland auch eine neue Outfit-Idee parat. Mit Pferdeschwänzen und Boxstiefeln verlässt man 1981 EMI und unterzeichnet bei Mercury.

Die folgenden Singles schlagen aber erneut nicht sonderlich ein, und so kommt Rowland, glaubt man den Gerüchten, der nächste geniale Einfall: Nachdem er ein Demotape der Blue Ox Babes, der neuen Band Kevin Archers, hört, pisst er seinem Ex-Kollegen gleich doppelt ans Bein. Er orientiert sich nicht nur an den Folk-Einflüssen der Babes sondern rekrutiert sich auch noch deren Geigenspielerin Helen O'Hara für die eigene Besetzung. Zu ihrer Unterstützung stoßen noch Steve Brennan und Roger MacDuff, beide ebenfalls Streicher, zur Gruppe.

Schon im Folgejahr, beim Release des Zweitlings "Too-Rye-Ay", wird diese Umstellung deutlich hörbar. Neben dem gewohnten souligen Rock sorgen nun verstärkt irische Einflüsse für den einzigartigen Klang der Truppe. Und wieder schlägt sich dieser Wechsel auch gleich auf die Bühnengarderobe nieder: Der heruntergekommene Gammellook soll sich seinerzeit sogar auf die Hemmschwelle mancher Türsteher von Londoner Clubs ausgewirkt haben. Auch bei MTV schindet soll das neue Image mächtig Eindruck: Mit Unterstützung des Fernsehsenders schafft es die Single "Come On Eileen" nicht nur als zweiter Track der Bandgeschichte an die Spitze der englischen, sondern auch an die der US-amerikanischen Charts.

Trotz dieses Durchbruchs wirft ein paar Monate später die gesamte Bläsersektion inklusive Paterson das Handtuch und verlässt gemeinsam mit Keyboarspieler Billingham die Midnight Runners. Auch der Rest der Musiker, mit Ausnahme von Gitarrist Adams und Geigerin O'Hara, überwirft sich mit Rowland. Dennoch reist die Kapelle gemeinsam nach New York, um dort an ihrem dritten Studioalbum "Don't Stand Me Down" zu arbeiten. In der gleichen Zeit veröffentlicht Emi eine Singlesammlung mit dem Namen "Geno".

Paterson tritt der Gruppe nach Zugeständnissen Rowlands in puncto musikalische Marschrichtung erneut bei. Das Line Up wird kurzerhand von angeheuerten Gastmusikern komplettiert. Als "Don't Stand Me Down" nach drei Jahren schließlich erscheint, erreicht es jedoch nicht die erhofften Verkaufszahlen, wohl auch weil Rowland darauf verzichtet, Singles auszukoppeln und die Platte lieber als Gesamtkunstwerk im Stil der frühen 70er Jahre präsentiert. Miese Kritiken seitens der Presse tun ihr übriges, und als Mercury schließlich eingreift und "This Is What She's Like" releast, ist es bereits zu spät: Die Platte floppt, und obwohl die Auskopplung "Because Of You" 1986 noch einmal einen Achtungserfolg erzielt und als Song für eine britische TV-Show auserkoren wird, löst sich die Band auf.

Rowlands Pechsträhne soll auch mit Beginn seiner folgenden Solokarriere noch anhalten: Sein Debüt "The Wanderer" verkauft sich trotz guter Kritiken nicht, die nächsten Jahre leidet er unter schweren Depressionen, steht vor dem Bankrott und bekämpft seine Kokainsucht. Auch ein Labelwechsel bringt keine nennenswerten Erfolge: Das reine Coveralbum "My Beauty", das 1996 auf dem Label Creation erscheint und als Comeback geplant ist, erweist sich als totaler Reinfall. Böse Zungen behaupten, das lieäge an der beinahe schon traditionellen Modeverirrung, diesmal mit Kleidern und Strapsen zum Ausdruck gebracht.

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