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Nachdem unsere inzwischen im Spendensumpf versunkene Kanzlerbirne mit dem Fall der Mauer in die Geschichte einging, merkte der Durchschnittsrocker erst, dass es in Neufünfland auch Bands gibt, denen man sein Gehör leihen könnte. Letztendlich muss man sich aber wohl auch bei den Inchtabokatables bedanken, denn die haben dafür gesorgt, dass Subway To Sally 1994 die gleichlautende CD veröffentlichen können und somit der Öffentlichkeit zum ersten Mal ihre Mischung aus kernigem Rock und folkigem Sound präsentieren.
Die beiden Gitarristen Michael 'Simon' Simon und Michael 'Bodenski' Boden (der 08/09 als Songwriter und Strippenzieher bei den Nachwuchs-Goths Eisblume in Erscheinung tritt) kennen sich schon aus Schulzeiten und haben damals schon ihre erste Band gegründet. Mit den Katzengold-Musikern Ingo Hampf (Gitarre), Silvio 'Sugar Ray' Runge (Bass) und Drummer Guido starten sie eine neue Band namens Bodenski Beat (wohl als so ne Art Antwort auf Bronski Beat), die aber nicht lange beseht. Mit der Violinistin Silke 'Frau Schmitt' Volland (Frau Schmitt) und Trompeterin Coni gründen sie 1990 schließlich Subway To Sally und geben Ende September des gleichen Jahres ihr erstes Konzert.
Coni ist zwar kurze Zeit später schon wieder weg vom Fenster, doch der Rest der Band ist seitdem durchaus erfolgreich unterwegs und lässt tanzbare Rock/Folk-Rhythmen erschallen. Allerdings gehen Subway noch einen Schritt weiter und setzen immer wieder Instrumente wie Flöten, Dudelsack und Mandoline ein, welche die Bandmitgliedern wirkungsvoll in Szene setzen. Dazu trägt auch Eric 'Fish' Hecht bei, der '91 noch zur Band stößt und somit auch schon auf dem Debüt "1994" an Dudelsack und Flöten zu hören ist. Außerdem ist mit T.W. inzwischen ein neuer Drummer mit an Bord. Simon und Bodenski teilen sich auf dem Debüt noch den Gesang und greifen auf englischen Texte zurück.
Das ändert sich mit dem zweiten Album schon, denn die englischen Texte sind passé (und damit auch die massiven Skyclad-Einflüsse) und Eric steht seitdem hauptsächlich hinterm Mikro. Trotz ausgiebiger Touren dauert es nur ein Jahr, bis die Band mit "MCMXCV" (selber rechnen macht schlau) auf einem Sublabel von Vielklang ihr Zweitwerk veröffentlichen. Dieses hat eine deutlich Metal-lastigere Schlagseite als "1994". Auffallend sind die intelligenten deutschen Lyrics, die bar jeder Klischees sind und elegant die Prinzipien der Minne mit zeitgemäßer Lyrik verbinden. Da Bodenski als studierter Germanist sich mit dem Thema bestens auskennt, haben die Texte durchaus Hand und Fuß.
Obwohl es den Anschein hat, als wären die Dame und Herren ständig auf Tour und als würden sie eigentlich immer und überall spielen, steht ein weiteres Jahr später schon "Foppt den Dämon" in den Regalen und baut den Folk Metal weiter aus und etablieren den Sound der Band unter den Fans immer mehr. Diese ungewöhnliche Kombination aus verschiedenen Musikrichtungen bringt Subway To Sally nicht nur auf die Cover der unterschiedlichsten Musikzeitschriften, sondern beinahe auch auf jede Bühne dieses Landes.
Auch das '97er Werk "Bannkreis" (inzwischen mit David Pätsch hinter den Drums) steigert den Popularitätsgrad der Band erneut, jedoch taucht vereinzelt die Kritik auf, dass sich dieses und das Vorgängeralbum bis auf die bessere Produktion doch recht deutlich ähneln. Daran kann man schon ersehen, wie anspruchsvoll die Fans des Septetts von jeher sind. Natürlich lassen Fish, Bodenski und Co., live alle Nörgler wieder verstummen, und als '99 "Hochzeit" erscheint, gehen die meisten Meinungen dahin, dass eben jene (Hoch-Zeit) auch mit dem Album erreicht ist.
Zur Jahrtausendwende kommt endlich das Live Album "Schrei!". Nur wenige CDs verdienen die Bezeichnung live so sehr wie diese, so eifrig singt das Publikum bei den einzelnen Liedern mit. Trotz aller Klasse fängt dieses Album die Live-Atmosphäre nur bedingt ein, da die Auftritte der Truppe einfach zu intensiv sind, um sie auf Tonträger zu bannen.
Mit "Herzblut" stellt sich 2001 die bange Frage, ob "Hochzeit" überhaupt noch getoppt werden kann. Es kann, und zwar mit einigen Mitteln, die man selbst von dieser innovativen Band nicht erwartet hätte. Die Potsdamer experimentieren nicht nur mit Kompositionstechniken aus dem 15. Jahrhundert (Kontrapunktion), sondern auch mit Programming und anderem technischen Schnickschnack, um den sie bisher einen großen Bogen machten. Warum sich das geändert hat, erfahren wir im Interview.
Zunächst mit den unsäglichen Zombie Joe unterwegs, sind es anschließend die Bloodflowerz, mit denen Subway durch Deutschland touren. Nach unzähligen Auftritten stehen die Aufnahmen für das nächste Studioalbum an, das kräftig Unruhe unter die Fans bringt. So elektronisch wie auf "Engelskrieger" haben sich dei Potsdamer noch nie präsentiert. Vergleiche mit dem Sound von Rammstein tauchen auf, die folkischen Wurzeln scheinen verkümmert zu sein. Entsprechend martialisch präsentieren sie sich auch auf der Tour mit Waltari, auch wenn Erics Gesang natürlich keine Zweifel daran lässt, mit welcher Band man es zu tun hat.
Das neue Jahr startet mit weiteren Erneuerungen, denn die Band unterschreibt nicht nur bei Nuclear Blast, sondern Drummer David verlässt auch das Line-Up. Seinen Platz nimmt vorerst der Ex-Knorkator-Drummer Christian Gerlach ein, doch letztendlich schwingt Simon Michael (Ex-Angel Dust) auf Dauer die Stöcke. Mitte August erscheint schließlich "Nord Nord Ost" und präsentiert zehn wundervolle Songs, die keinen Fan der Band enttäuschen sollten. Ein paar davon stellen sich auch schon auf dem Summer Breeze 2005 vor. Schlappe 17 Festivals mehr stehen noch an und im Dezember folgt eine weitere Tour mit Leaves' Eyes.
Ein wenig Ruhe gönnt sich die Band, startet dann aber online den Aufruf an ihre Fans, sich diverse Songs zu wünschen, die die Band auf ihrer geplanten Akustiktour durch Deutschland spielen soll. Die "Nackt"-Tour startet Anfang April 2006 und führt die Band in Locations, in denen sie sonst eher weniger spielen. Von der Tour gibt es natürlich auch einen Mitschnitt auf CD und DVD, die beide ihre Geld absolut wert sind. Beide erscheinen im November. Die "Nackt"-DVD wird in einigen großen Kinos uraufgeführt. Da die Reaktion auf die Akustiktour durch die Bank euphorisch waren, legen sie im April 2007 noch ein paar weitere Auftritte nach.
Derweil laufen natürlich auch schon die Arbeiten an einer neuen Scheibe, die zur Abwechslung mal wieder ein wirkliches Bandalbum werden soll. Sämtliche Mitglieder steuern ihre Arbeiten zu der Songauswahl bei, und folglich verpassen sie der Scheibe den Namen "Bastard". Das Veröffentlichungsdatum ist im Oktober, und wenige Tage später startet auch schon die Tour mit Coppelius. Kaum ist die aber vorbei, stehen Subway To Sally schon wieder mit Deep Trip auf der Bühne und spielen ihre Weihnachtsdates.
2008 beginnt für Subway To Sally richtig vielversprechend. Bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest treten sie für ihr Bundesland Brandenburg an und holen den ersten Platz. Mit ihrer Ballade "Auf Kiel" stechen sie sämtliche Konkurrenten aus, darunter bekanntere Bands wie die Sportfreunde Stiller, Laith Al-Deen oder Madsen. Dass sie für ihre DVD auch noch Gold einsacken, freut die Band umso mehr.
Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, hat Bodenski bereits 2007 mit der Sängerin Ria das Projekt Eisblume gegründet, das Anfang 2009 das Debüt "Unter Dem Eis" veröffentlicht. Subway ziehen Ende März nach und legen "Kreuzfeuer" vor.
Eric Fish von Subway To Sally über die Beatles, Rammstein und seine Einsamkeit.
Subway To Sally – ist das nicht, ähem, so genannter Mittelalter-Rock? Klar, früher, in den 90ern, waren die Potsdamer tatsächlich Vorreiter in Sachen Dudelsäcke plus Gitarren. Heute allerdings wird der nicht nur bei Subway umstrittene Begriff dem Septett längst nicht mehr gerecht. Oder vielleicht doch?
Höchste Zeit für einen Plausch mit Frontmann Eric Fish, wo doch auch gerade Subway To Sallys zehntes Studioalbum ("Kreuzfeuer") erschienen ist. laut.de trifft den Sänger in Berlin-Prenzlauer Berg. Die Promo-Agentur, in der das Gespräch stattfindet, liegt etwas versteckt auf einem Gewerbehof.
Mister Fish, angetan mit schwarzem Kopftuch und schwerer Halskette, ist gut gelaunt und lässt sich auch von Agenturhund Emil nicht aus der Fassung bringen. Die abgewetzte Sofaecke, auf die wir uns lümmeln, tut ein Übriges. Ganz so viel Zeit ist denn aber doch nicht, der nächste Phoner (neudeutsch für Telefoninterview) wartet schon in der Leitung.
Gegenüber von dieser Agentur liegt der Knaack-Club. Ihr habt dort 1992 in der "Mittwochsreihe" für absolute Nobodys gespielt. Als Gage gabs zehn Prozent vom Getränkeumsatz, die ihr euch mit der zweiten Band des Abends zu teilen hattet. Erinnerst du dich?
Eric: Dunkel. Es gibt Legenden über diesen Gig. Das war wohl der zweite oder dritte Subway-Gig überhaupt. Es sind schon Zeiten, an die man sich ab und zu erinnert, vor allem wenn wir nach Konzerten vor 2000 bis 3000 Leuten abends im Bus sitzen und alles, was man trinken möchte, da ist, denkt man daran, dass man damals für neun Leute nur einen Kasten Bier hatte.
Weißt du noch, wie die zweite Band des Abends hieß?
Nein.
44 Leningrad
Ach, echt? Schau mal. Wer kennt die Namen, wer zählt die Toten? Die haben noch einige Jahre weitergemacht, aber die Kurve nicht gekriegt, die man nur dann kriegt, wenn man die ersten harten Jahre durchzieht und übersteht. Am Ball bleibt. Das heißt unter Umständen erst mal, all das aufgeben, was du bis dahin hattest. Job oder Studium, das war irgendwann alles vorbei. Musikmachen hieß es dann, 130 Gigs im Jahr.
Klingt fast, als würdest du was bedauern
Überhaupt nicht. Im Nachhinein war das wirklich der absolut richtige Weg für mich. Für mich war damals klar, ich tue das. Ich hatte ein abgeschlossenes Studium, hätte anfangen können zu arbeiten in einem sicheren Job. Ich hab mich lieber mit einer Gitarre auf die Straße gestellt und mit meiner kleinen Folkband Konzerte gespielt. Das ist der Samen, aus dem alles gewachsen ist. Und die sechs anderen Musiker bei Subway haben genauso gedacht. Dann gab es die Band, und wir haben zusammen ein neues Samenkorn gelegt, weil wir an uns glauben und das durchziehen. Bis heute. Wir haben zwei Wechsel gehabt, ansonsten sind wir so zusammengeblieben, wie wir angefangen haben. Was will man mehr.
Und jetzt die zehnte Studioplatte
Echt?
Laut Pressetext
Ich hab den nicht geschrieben (lacht). Aber kann gut sein. Ein kleines Jubiläum!
Habt ihr da echt nie drüber gesprochen in der Band? Dir war das schon bewusst, oder?
Ich höre das zum ersten Mal. Das ist mir nicht wichtig. Ich wüsste auch nicht, welches das fünfte oder sechste Album ist. Ich weiß, welche Musik ich erinnern muss, wenn ich den Albumtitel höre. Ich weiß, welche Geschichten sich jeweils darum ranken. Ich weiß, welche Kernlieder da drauf sind. Aber ich kann dir die Jahre nicht sagen. Zeit und Zahlen, das ist nicht meine Welt. Ich lebe relativ gelassen, zeitlos, sonst könnte ich mit dem Arbeitspensum auch gar nicht umgehen. Ich nutze die Stunden, die leer sind, intensiv, um den Akku wieder aufzuladen. Aber ich rechne nicht voraus: Wie viel Stunden habe ich morgen zu tun und wann habe ich wieder frei? Ich rechne auch nicht zurück: Wie lange mache ich das schon. Vielleicht würde mich das schockieren und mir klarmachen, wie alt ich schon bin.
Im ersten Song der neuen Platte heißt es: "Wir steigen immer weiter auf". Ist das das heimliche Subway-Motto?
Ja, die Frage ist berechtigt. Mehr sage ich dazu nicht (lacht ).
Aber es geht ja noch weiter: "…immer weiter auf. Bis zur Sonne". Um dann wie Ikarus abzustürzen?
Nimm es als Gleichnis. Die in Liedform formulierte Erkenntnis, dass immer, wenn man aufsteigt, was ja diese Band nach wie vor tut, auch mal die Luft dünn wird. Und dass man sich dann, wenn man nicht aufpasst, wie Ikarus die Flügel verbrennt. Ich hoffe auch, dass alle Leute das so sehen, dass wir uns dieses Problems bewusst sind - jetzt bin ich ja doch bei der Interpretation - und eigentlich nicht in der Gefahr sind, abzustürzen.
Wenn meine Ohren mich nicht getäuscht haben, sind im ersten Stück wieder Dudelsäcke zu hören?
Aber eben nur als Farbe. Wir wollen diese Elemente nicht missen und benutzen sie, aber nicht vordergründig. Sie stützen manche Melodien, die auch als solche funktionieren. Ja, für den Liebhaber sind ein paar Dudelsäcke zu entdecken.
Gibt es eine Diskussion in der Band darüber, ob man auf Dudelsäcke ganz verzichtet. Oder sagt ihr, für die alten Fans, die sich das noch wünschen, machen wir das?
Ich habe nie verschwiegen, dass ich aufgrund der wachsenden Population an Dudelsäcken auf den Bühnen dieses Landes eigentlich kein Bock mehr habe. Nun habe ich aber einen neuen Dudelsack, den ich wieder sehr liebe. Eine irische Pfeife, die hat mich wieder etwas dazu gebracht. Ich bin der Einzige, der das immer ein bisschen bremst. Die anderen wollen stets, dass ich weiterspiele. Wie die Drehleier sind das Trademarks, auf die wir eigentlich nicht verzichten wollen.
Ich hab mir beim Einsingen schon schmunzelnd gedacht, dass so was kommen wird. Aber eben schmunzelnd. Das Thema wird wohl vielen Leuten bekannt sein: Eine einseitige Liebe, die in eine Besessenheit ausartet und nicht erwidert wird. Ich finde den Text wunderbar formuliert. Ich habe auch mit Bodenski (dem Gitaristen und Texter, Anmerk. der Red.) drüber gesprochen, wir haben beschlossen, dass wir uns von der Affinität nicht stören lassen. Also ärgert es mich nicht.
Der Rammstein-Vergleich kam ja immer wieder
Da stehe ich drüber. Ich halte Rammstein für ein gelungenes Konzept, sowohl musikalisch als auch optisch. Ich finde auch, dass die wunderbare Songs haben. Aber eine musikalische Parallele sehe ich überhaupt nicht. Nimm unseren Gitarristen Ingo, der so sehr zuständig ist für unseren Sound. Die Art, wie er Gitarre spielt, ist so meilenweit von bloßem Riffgeschrubbe entfernt, dass man wirklich nicht von einer Verwandtschaft sprechen kann. Wie viel mehr an Text und Bildern in "Die Jagd" drin steckt als in Rammsteins "Du riechst so gut". Das ist eine ganz andere Welt.
Jagdmetaphern tauchen auf der neuen Scheibe einige auf, etwa auch im Stück "Niemals". Früher wart ihr eher für Schiffsmetaphern und ähnliches bekannt ...
Es gibt halt einige Themen und Metaphern, die sich aufdrängen. So reich die deutsche Sprache auch ist. Wenn man Lyrik in Bilder verpackt, dann sind Feuer, Wasser, Seefahrt schon große Bilder, die sich anbieten für eine Story. Insofern ist man vor Wiederholungen nicht gefeit, das stimmt schon. Wie oft kommt das Word "Love" in englischen Songs vor? Ich hab letztens für meinen Sohn ein paar Beatles-Lieder analysiert und ich liebe die wirklich sehr. Aber was da textlich an Armut zu Tage kam, ist sagenhaft: "I love you, yeah, yeah, yeah". Mehr haben die nicht gemacht. Unglaublich.
Du hast aber nie darunter gelitten, die Texte eines anderen zu singen?
Das habe ich nie empfunden, weil ich glücklich bin, jemanden zu haben, der solche Texte schreibt. Das ist genau mein Ding: In Rollen zu schlüpfen und die zu interpretieren. Was ich manchmal anders mache, als Bodenski das meint. Die Möglichkeit habe ich. Spannend ist, wie er damit umgeht. Der Frontmann ist der erste, der auf der Bühne Beifall einheimst. Das tut ihm sicher manchmal bissl weh, dass ich mit seinem Text den Hauptbeifall ernte. Auch wenn das nicht wirklich ein Problem ist. Es gibt ja jetzt erstmals auf der Platte zwei halbe Texte von mir. Texte, die ich angedacht habe und die teilweise auch von Bodenski übernommen wurden.
Welche Stücke sind das?
"Einsam" und "Vater".
Dann lass uns über "Einsam" sprechen und die Stelle, wo es heißt: "Nur ein Narr braucht die Gesellschaft". Ich könnte mir denken, dass solche Empfindungen auch in Deinem Verhältnis zum Rest der Band mal eine Rolle spielen. Dass man einfach die Schnauze voll hat und allein sein will. Gerade nach einer Tour
Gerade auf Tour. Mir wird das manchmal vorgeworfen: Ich bin nicht gerade der Kommunikativste, mir ist Small Talk verhasst. Vielleicht bin ich sogar ein Homophobiker. Menschenmassen mag ich nicht, außer sie stehen vor meiner Bühne (lacht ). Deswegen geh ich auch auf Tour in freien Stunden immer wieder los in den Wald oder einen Park. Ich brauche das, um überhaupt alles andere tun zu können. Ich kann nicht an einem Gespräch teilnehmen, das belanglos ist. Das nervt mich. Deswegen liebe ich "Einsam" ganz besonders, weil ich das bin.
Und "Vater" ist eine kritische Auseinandersetzung mit Glauben und Religion?
Das ist zu vereinfacht. Es geht auf eine Beobachtung zurück. Ich bin zwar überhaupt nicht gläubig und ein Agnostiker, aber ein atmosphärischer Mensch. Und Kirchen haben nun einmal etwas Atmosphärisches. Warum soll man nicht zu Ostern in die Kirche gehen, ein Orgelkonzert hören oder auch eine Predigt. Das gehört zur Allgemeinbildung.
Bei so einer Gelegenheit habe ich beobachtet, dass Leute, die ich kenne, die sonst nie in die Kirche gehen, der Versuchung gefolgt sind, mitzubeten und ganz gegen ihre Gewohnheit den Kopf gesenkt und die Hände gefaltet haben. Ich habe mich gefragt: Was tun die da gerade, was denken die? Denken die: Ich kann ja jetzt mal beten, vielleicht hilft es. Wenn ich mich total irre und den alten, weisen Mann mit dem großen Plan gibt es doch, dann habe ich nichts falsch gemacht. Und wenn es ihn nicht gibt, hab ich auch nichts falsch gemacht. Das war die Beobachtung, die mich erschreckt hat. Ich tue das nicht.
Weil du ehrlich zu dir sein möchtest?
Weil ich tatsächlich nicht glaube, wäre es für mich sinnlos. Das Gebet als Wunschzettel funktioniert nicht.
Er leidet unter Inflation. In der Geldpolitik heißt Inflation ja, dass alles an Wert verliert, und so sehe ich das auch. Es gibt immer mehr und immer jüngere Bands, die kaum noch zu unterscheiden sind. Ich nenne keine Namen und es gibt sicher auch ein paar innovative Beispiele, die ihren Weg gefunden haben.
Und das führt dazu, dass du mit dem Begriff "Mittelalterrock" und der ganzen Szene noch weniger zu tun haben möchtest?
Ja, durchaus. Es ist faszinierend, dass die Nachfrage immer noch ungebrochen ist. Das sieht man bei den vielfältigen Festivals, bei denen auch wir oft spielen. Vieles ist austauschbar, bis auf drei, vier Kapellen. Corvus Corax sind für mich die Größten der Branche. Da ziehe ich absolut den Hut. Die anderen Kapellen schreiben sich zwar auch Authentizität auf die Fahnen, bringen es aber nicht zu so einer Klasse. Das geht soweit, dass ich auf Festivals durchaus bei acht Bands siebenmal das gleiche Lied verwendet höre, weil der Fundus, aus dem sie schöpfen, begrenzt ist. Deswegen sage ich: Die Mittelalterszene steht am Scheideweg.
Und wie siehts aus mit In Extremo, die letztes Jahr in Deutschland mit dem Album "Sängerkrieg" sogar auf Platz eins waren?
Respekt kann ich da nur sagen. Die Mechanismen, gerade in Deutschland, was den Weg zur Popularität betrifft, habe ich da noch mal überdacht. Und bin zu einem Schluss gekommen, der mich in keiner Weise neidisch werden lässt, aber auch keine Missgunst zulässt. Von einem kniefälligen Respekt bin ich ebenso weit entfernt.
Trotzdem spornt euch so ein Erfolg vielleicht an. Sagt ihr: Wir wollen das auch schaffen?
Werden wir nicht können.
Ihr wart doch auch schon in den Top Ten
Platz fünf war das Beste, das wollen wir schon toppen. Aber unabhängig davon, was die Kollegen erreicht haben. Es gibt auch in dieser überschaubaren Branche mehrere Wege und unser Weg führt eben zu einem wesentlich kleineren Zuhörersegment. Das will ich mal so stehen lassen. Wir schlagen uns nicht gegenseitig die Köppe ein, aber wir umarmen uns auch nicht.
Bist du stolz, dass Eisblume mit eurem Song "Eisblumen" so erfolgreich sind. Subway-Fans sehen die Coverversion teilweise sehr kritisch?
Du siehst mich grinsen. Ich finde das so was von geil, dass ein Lied von uns plötzlich auf Platz drei der Singlecharts ist, nur weil das ein Mädchen singt. Das sagt so viel über unsere Medienlandschaft. Es ist ein schönes Lied, aber es war auch schon schön, als wir es gemacht haben. Ich beobachte das mit großem Interesse und amüsier mich täglich aufs Neue darüber.
Hofft ihr, dadurch neue Fans zu gewinnen?
Ach, wer nimmt das denn wahr, dass das nicht von Eisblume ist. Es ist ohnehin zu beobachten, dass unser Publikum jünger wird.
Wohl schon die Kinder von Fans der ersten Stunde?
Ganz sicher. Das liegt auch an der neuen Verfügbarkeit, etwa durch Myspace oder Youtube.
Bei "Komm in meinen Schlaf" ist Ria, die Frontfrau von Eisblume, jetzt sogar Gastsängerin auf eurem Album
Wir haben auch andere Sängerinnen angehört. Ich habe dann zusammen mit Bodenski aus rein künstlerischen Gründen eine Lanze für sie gebrochen. Ihre Stimme klang am besten, die Souveränität, mit der sie die Höhen singt. Das war eine künstlerische Entscheidung.
Im Pressetext heißt es, nach dem "Dauerstress" der letzten Jahre würdet ihr nach der Apriltour erst mal eine "verdiente Pause" einlegen. Muss man sich Sorgen machen. Leidet ihr an Burnout?
Da muss der Pressetext falsch formuliert sein. Das ist so zu verstehen, dass wir in diesem Jahr nicht wie in den letzten den ganzen Sommer spielen, nicht jedes Pups-Festival mitnehmen. Wir spielen vier große Festivals und machen mal keine Oktobertour, sondern nur die Weihnachtstour. Das ist alles. Und im nächsten Frühjahr werden wir eine geile Akustiktour spielen und wieder alle überraschen.
Und was macht dein Soloprojekt?
Am 5. Juni kommt meine Solo-DVD, mein nächstes Album im September.
Auch wenn der eine oder andere den Begriff "Mittelalter Rock" nicht so ganz zuordnen kann, Subway To Sally sind mit ihrem eigenwilligen Sound erfolgreicher denn je. Ursprünglich sollten sie mit den Böhsen Onkelz auf einem Benefizkonzert gegen rechte Gewalt spielen. No Problem, sagt Sänger Eric.
Über mangelnde Nähe zu den Fans kann sich bei Subway To Sally keiner beschweren, schieben die Herren und Dame doch, anstatt ihren Day-Off zu genießen, lieber noch ein Zusatzkonzert in der Batschkapp ein.
Andere Bands sind meist froh, wenn sie mal 'nen Tag ausspannen können, ihr hingegen schiebt einfach noch 'n Konzert zwischenrein. Könnt ihr nicht genug kriegen?
Eric: Erstens das und zweitens, wie könnte man die Zeit besser nutzen? Meine Stimme ist zwar dummerweise nicht ganz so stark, wie ich mir das wünschen würde, aber ich möchte trotzdem jede Gelegenheit nutzen, um live zu spielen, auch wenn ich meiner Stimme ab und an eine Ruhepause einrichten sollte.
Eure Vorband Zombie Joe, kanntet ihr die vorher schon oder wie bekommt man bei euch den Opener Posten? Habt ihr da Einfluss drauf?
Eric: Klar haben wir da Einfluss, man bewirbt sich bei uns mit CD oder Demo und die werden dann irgendwann gesichtet und durchgehört. Die Jungs müssen dann natürlich noch 'n bisschen was beisteuern, aber dieses Lehrgeld muss jede Band mal zahlen. In deren Falle ist es eben Anzeigenfinanzierung, was ja auch in ihrem Interesse sein sollte. Würde mich nicht wundern, wenn die ganz gut durchstarten würden. Die Richtung ist in etwa als Gitarrenrock mit deutschen Texten zu beschreiben. Klingt noch sehr frisch und inspiriert. Vom Publikum sind sie bisher aber noch nicht sonderlich freundlich aufgenommen worden.
Es ist ja auch schwer vor euren Fans zu bestehen.
Eric: Das war aber nicht immer so. Wir waren eigentlich immer sehr stolz darauf, dass unsere Fans so open-minded und tolerant waren. Seit zwei Jahren ist das leider anders geworden. Je mehr die Entwicklung zum die hard-Fan voran geht, desto fixierter werden sie auf den Hauptact. Das stört mich jetzt natürlich nicht sooo sehr, ist aber auch ärgerlich für unsere Opener. Aber schau Dir doch mal an, wie's bei den Onkelz abläuft, da wirst Du als Opener doch schon mit Tomaten beworfen, weil alle nur wegen Kevin und Co da sind.
Wie ist denn eure Meinung zu der Aktion, welche die Onkelz in Bremen gestartet haben, um Opfern von Gewalttaten zu helfen? Hättet ihr ein Problem damit bei einer Aktion mitzumachen, die von den Onkelz ins Leben gerufen und unterstützt wird?
Eric: Quatsch, noch deutlicher kann man kaum Stellung beziehen. Wir hätten da ohne weiteres gespielt. Außerdem wäre das ja wohl die einmalige Gelegenheit gewesen, sich mit den Onkelz zusammen auf eine Bühne zu stellen, ohne der Öffentlichkeit einen Ansatzpunkt für Vorwürfe zu geben. Wer das dennoch tut, hat irgendwas nicht verstanden. Die Botschaft ist ja wohl eindeutig, außerdem ziehen die Onkelz 12.000 Leute in so 'ne Halle, klar würden wir da spielen.
Project Pitchfork waren da neulich noch anderer Meinung.
Eric: Wir waren ursprünglich zu dem Konzert eingeladen, wurden dann aber wieder ausgeladen, warum auch immer. Ich hab mir daraufhin aber mal die CDs besorgt und angehört. Die Musik finde ich absolut schrecklich und textlich.... die sprechen halt die Sprache des kleinen Mannes und erzählen die Geschichte des kleinen Mannes. Sie sprechen das aus, was viele denken, aber rechts ist das nun mal nicht! Zumindest nicht das, was ich auf den Scheiben gehört habe. Sie hätten es auch auf keinen Fall nötig gehabt, so eine Aktion zu starten, deswegen bin ich von der Ehrlichkeit schon überzeugt. Was immer da früher gewesen sein mag, irgendwann ist genug. Wir wären auf jeden Fall dabei gewesen.
Und dieses "Gesicht zeigen gegen Gewalt" von MTV...
Eric: Alles was mit MTV und VIVA zusammenhängt brauchst Du gar nicht weiter auszuführen.
Die treten gar nicht an euch ran, oder wie ist das?
Eric: Nee, aber wir an sie und bekommen regelmäßige Absagen mit den krudesten Begründungen. Die Musik wäre zu kompliziert, was auch schon einiges über deren Meinung über ihr Publikum aussagt, kein Zielpublikum wäre vorhanden, welche Werbung sollte man nach uns einblenden, lauter solche Sachen. Das ist respektlos und zeugt von einer radikalen Nichtachtung. Ganz zu schweigen von dem Erziehungsauftrag. Klingt geschwollen, ich meine aber damit, dass die deutschen Kiddies nicht bewusst verblödet werden sollen und auch dei deutschen Musiker durchaus gefördert werden könnten. Die Krönung ist aber, das bei VIVA Text 'ne CD Kritik zu "Herzblut" erschienen ist. So was hab ich überhaupt noch nicht gelesen, vernichtend ist gar kein Ausdruck. Mit übelsten Worten wird da die Scheibe verrissen, wir haben das auch auf unserer Homepage. Im Fan Forum wurde da die Diskussion eröffnet und viele Briefe an VIVA geschrieben, die alle nicht beantwortet wurden. Ob man unsere Musik jetzt mag, oder nicht, aber so eine substanzlose Disse hab ich echt noch nie erlebt. Wenn ein Kritiker schreibt: "Ich finde diese Platte wegen dem und dem und dem scheiße!", und seinen Namen darunter setzt, ist das für mich in Ordnung. Wenn aber einer schreibt: "Diese Platte ist scheiße!", und noch nicht mal seinen Namen drunter setzt, ist das einfach nur arm. Aber wenn Du fragst, ob MTV an uns heran treten würde, hahahaha, lang nicht mehr so gut gelacht. Unser Label geht schon so vor, dass die erst mal in Köln anfragen, wie die Chancen stehen, bevor sie Geld für ein Video locker machen würden.
Habt ihr schon mal an ein Live Video oder ein Home Video gedacht?
Eric: Überlegt haben wir uns das schon, aber bisher nie die Zeit dafür gehabt. So 'n Low-Budget Ding für 12.000 Mark würden wir wohl schon zusammen bekommen, meist scheitert es aber an der Zeit. Dadurch, dass wir alles selber machen, wird's immer eng. Zwischen Plattenabgabe und Tourbeginn war kaum Zeit.
Schreibt ihr auch auf Tour Songs, oder eher nicht?
Eric: Nein, gar nicht. Wenn wir an einen neue Platte rangehen, wird absolut reiner Tisch gemacht. Kein Text, kein Song, keine Idee die es nicht auf die letzte Platte geschafft hat, wird verwendet. Wir fangen wieder bei null an. Ich denke, das ist wichtig, um den Anspruch, den wir an jede neue Platte haben, zu erfüllen. Es muss einfach die Entwicklung spürbar sein. Wir sind nicht AC/DC die x-mal die selbe Platte rausbringen. Die Anforderung müssen wir auch an uns selber stellen, sonst finden wir uns ganz schnell wo anders wieder.
Ich hab gehört, dass ihr für "Herzblut" noch jede Menge anderer Songs zur Verfügung hattet, die es letztendlich nicht auf die Platte geschafft haben. Die werden dann doch nicht etwa einfach alle verworfen?
Eric: Eigentlich schon. Von mir ist diesmal ja nur ein Song auf der CD, die anderen werde ich vielleicht auf meiner Solo Platte verwenden. Dafür hab ich jede Menge in petto. Da ist noch nichts spruchreif, ich hab diverse Angebote, aber überhaupt keine Eile. Ich weiß, ich werden es irgendwann machen, aber ob das in zwei Jahren ist oder erst mit fünfzig, wer weiß. Ich bin mir auch noch nicht sicher, ob das jetzt 'ne Gitarre/Gesang-Sache, oder eher 'ne Rock-Sache wird, das ist alles noch offen.
Um mal beim Komponieren zu bleiben. Ihr habt für die neue CD die Contrapunktion verwendet. Für mich als alten Rocker klingt das irgendwie konstruiert, sprich nicht unbedingt organisch oder aus dem Bauch heraus, vom Aufbau her. Wie muss ich mir das Vorstellen?
Eric: Das ist die hohe Kunst des Notensatzes, die in der klassischen Musik eine große Rolle spielt. Es geht dabei, zwar nicht nur, aber in erster Linie, um Chöre. Das hört man ja sehr oft bei uns, dass wir drei versetzte Stimmen singen, teilweise sogar mit verschiedenen Texten, die sich harmonisch zu einem Punkt hin bewegen, wo sie zusammen finden, eine Fuge also. Das hat Johann Sebastian Bach zur Perfektion geführt. Das ist das was Ingo studiert. Wenn wir das jetzt so in unsere Musik integrieren können, dass es dich als Rockmusiker nicht stört, oder dir nicht auffällt, haben wir was richtig gemacht, meinst du nicht?
Voll und ganz. Hätte ich es nicht gelesen, wäre mir so was nie in den Sinn gekommen. Aber muss so etwas nicht geplant werden? Sonderlich spontan klingt das nicht.
Eric: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Die Songs entstehen immer noch bis zu 80% an der Gitarre, in meinem Fall zu 100%, bei Bodenski ist das wohl ähnlich. Bei Ingo sieht die Sache wieder anders aus, da er einfach viel visionärer ist. Er hat ab und zu so geniale Inspirationen, wie bei "Krötenliebe" zum Beispiel, wo auf Anhieb irgendwas in seinem Kopf entsteht, das den Text unterstützt. Bei "Maria" war das exemplarisch. Er hat sich hingesetzt, den Text gelesen und innerhalb von Stunden war der Song fertig.
Sind es bei euch immer die Texte, die den Song bestimmen, oder läuft das auch mal umgekehrt?
Eric: Nein, immer erst die Texte. Ich halte das auch für eine viel bessere Arbeitsweise, schließlich kann man mit Musik viel besser einen Text illustrieren, als umgekehrt. Abgesehen davon, ist es ja auch unser Anspruch an uns selbst auf deutsch zu singen und nicht ins Belanglose abzudriften. Es hat sich für uns als am effektivsten erwiesen.
War es für euch eigentlich das erste Mal, dass ihr Loops eingesetzt habt? Habt ihr vor, das weiter zu verwenden und vor allem wie setzt ihr das live um?
Eric: Wir haben mit dem selben Produzenten wie bei "Hochzeit" zusammen gearbeitet und er hat damals schon eine Lanze nach der anderen für den Einsatz von Elektronik gebrochen, doch wir haben uns alle dagegen gewehrt. In den zwei Jahren dazwischen sind wir etwas reifer und vor allem selbstsicherer geworden, nicht zuletzt durch die Konzerte und den Zuspruch, deshalb stehen wir dem Ganzen nicht mehr so negativ gegenüber. Wenn da etwas ist, das uns nützt und uns nach vorne bringt, lasst es uns ausprobieren. Wenn es dem Song dient, her damit. Wir haben auch viel Spaß daran gehabt. Ich habe auch sehr viel Spaß daran, die Platte immer wieder zu hören, was bei weitem nicht bei jeder unserer Scheiben der Fall ist. Gerade die Loops bei "Kleid aus Rosen" sind ja sehr subtil und nicht so sehr im Vordergrund. Auch die Streichersätze sind einen konsequente Entscheidung gewesen. Vor zwei Jahren hätten wir noch gesagt, dass sei viel zu kitschig und schnulzig. Kann man doch keinem antun. Diesmal musste es in erster Linie uns gefallen. Wie wir das live bringen, kannst du dir ja nachher anhören. (Klappt ganz phantastisch d.Verf.) David unser Drummer versuchte bei den Proben, die Loops möglichst zusammen zu fassen. Da er wegen den Chören bei einzelnen Songs sowieso mit Klick spielen muss, war das nicht so problematisch für ihn. Er versucht aber soviel wie möglich von dem, was man auf Platte hört zu reproduzieren. Wir scheuen uns aber auch nicht mehr, Sachen vom Band laufen zu lassen, wenn es dem Song dient.
Wird die Auswahl, welchen Song ihr live bringt, nicht jedes Mal schwerer?
Eric: Und ob, wir müssen massiv auswählen, obwohl wir meist über zwei Stunden auf der Bühne stehen. Gestern haben wir zum regulären Set, acht Zugaben gespielt. Wenn, das Publikum gut mitgeht, soll’s an uns nicht scheitern.
Bei "Die Hexe", wenn alle im Publikum "Sie soll brennen" schreien, kommt das nicht etwas makaber rüber?
Eric: Da haben sich bei mir eine Zeit lang auch sehr komische Gefühle breit gemacht, da ich mich fragte, ob die Leute, die da laut mitgrölen, den Song auch begriffen haben. Ob sie wissen, dass wir mit der durchaus makabren Darstellung dieses Vorgangs solche Dinge anprangern wollen. Wir hatten da auf unsere Homepage eine Diskussion gestartet und nach der bin ich der festen Überzeugung, dass unsere Fans wissen, was Sache ist, und es in solchen Momenten einfach um die Live-Show geht. Ich denke, dass sich unser Publikum dadurch definiert, dass sie ihren Kopf benutzen, deswegen ist die Anzahl wohl auch noch begrenzt.
Würdet ihr eigentlich auch irgendwelche Playback Sachen mitmachen, wenn es euch einen Platz im Fernsehen bringen würde?
Eric: Wohl schon, wobei mein erster Gedanke eigentlich wäre, die Verstärker wirklich einzustöpseln und die Sache live zu spielen. Ich weiß zwar nicht wie und was man da drehen müsste, das wäre aber meine erste Idee. Da bin ich aber überfragt. Man kommt sich bei so was natürlich ziemlich dämlich vor, aber was macht man nicht alles, um nach oben zu kommen. Wir werden ja jetzt nicht wie irgendwelche Newcomer gehypt, sondern müssen uns jeden Schritt erarbeiten. Ich bin mir verdammt sicher, dass da draußen noch jede Menge potentielle Fans von Subway To Sally rumlaufen, die uns einfach noch nie gehört haben. Die Mundpropaganda, die für uns früher die größte Promotion war, erschöpft sich auch irgendwann.
Dann müsstet ihr doch eigentlich glühende Anhänger von Napster sein.
Eric: So würde ich das jetzt auch nicht ausdrücken, aber niemand von uns verteufelt das. Wir sehen das eher als positiv an. Außer dem ist es ja auch völlig müßig, darüber zu diskutieren. Das Rad wurde anfangs wahrscheinlich auch verteufelt.
Eure Fans werden wahrscheinlich sowieso die Plattenläden stürmen um sich die CD zu kaufen, anstatt sie sich aus dem Netz zu laden.
Eric: Denke ich auch, ich hab da aber auch kein Problem mit Napster. Was mich ärgert sind Leute, die auf Konzerte gehen, dieses dann mitschneiden und als Bootleg mit miesem Sound verkaufen. Oder mit Journalisten, die acht Wochen vor VÖ bemustert werden und die Scheibe dann sechs Wochen vor VÖ im Netz steht. Das ist uns gerade mit dieser Platte der Fall. Da muss noch was passieren. Wir sind auf Platz 19 in die Charts eingestiegen, was nicht schlecht ist, hätte aber besser sein können. Wenn nicht noch große Bands wie die Bee Gees oder Rammstein zur selben Zeit mit ‘ner Platte dagestanden hätten, und solche Probleme mit den Journos nicht auftreten würden, wäre wohl mehr drin gewesen.
Aber im Gegensatz zu Rammstein bleibt ihr euch wenigstens treu und versucht nicht mit billigen Provokationen Aufmerksamkeit zu erregen. Außerdem haben die ja wohl auch das AC/DC Syndrom und veröffentlichen schon zum dritten mal die selbe Platte.
Eric: Wenn jetzt Deine nächste Frage wäre, möchtest Du mit ihnen tauschen, muss ich sagen: Kann ich nicht beantworten. Prinzipiell sag ich natürlich nein, da ich ja immer noch an uns glaube und darauf hoffe, dass auch wir irgendwann den ganz großen Durchbruch schaffen. Immerhin haben wir ja auch keine Probleme, eine Menge von 15.000 Leuten zu rocken. Bei Rock am Ring sind wir einmal durch Zufall rein gerutscht, bei uns ist das Zelt kaputt gegangen, so voll war die Hütte. Trotzdem waren die nicht daran interessiert, uns wieder zu verpflichten.
Sind eigentlich fürs Ausland irgendwelche Pläne vorhanden?
Eric: Wir fliegen nach der Tour hier nach Mexiko. Das läuft über die selbe Connection, über die In Extremo schon da getourt haben.
Ich nehme mal an, es war nicht die Rammstein, die du dir als letztes zugelegt hast, oder?
Eric: Nein, obwohl ich die auch habe. Als letztes hab ich mir die Pothead zugelegt, sehr geile Scheibe. Ich möchte abschließend aber sagen, dass ich alles in allem wirklich sehr glücklich bin im Augenblick. Wir sind doch 'ne recht große Rockband geworden mit tollen Möglichkeiten ‘ner tollen Crew, ‘nem Truck vor der Tür, alles Dinge die ich mir vor Jahren noch nicht erträumt hätte. Ich habe also keinen Grund mit dem Schicksal zu hadern, alles was ich hier angesprochen habe, sind natürlich sehr subjektive Dinge.
Das Interview führte Michael Edele.
Bannkreis (1997), Foppt den Dämon (1996), MCMXCV (1995), 1994 (1994)
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