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Sänger/Gitarrist Charly Steinhauer und Drummer Axel Blaha sind im unterfränkischen Würzburg schon seit Anfang der 80er in diversen Formationen aktiv. Allerdings ändern sich anfangs noch ständig Namen und übrige Mitglieder, so dass man erst im Februar 1986 von einer anständigen Band sprechen kann. Charly sticht dabei noch besonders heraus, spielt er doch als Linkshänder immer auf Rechtshänder-Gitarren, ohne die Saiten anders aufzuziehen.
Mit dem zweiten Gitarristen Markus Spyth und Basser Roland Stahl ist das Line-Up von Paradox schließlich komplett. Ähnlich wie Helloween setzt das Quartett auf eine Mischung aus Speed- und Power Metal.
Schon im November desselben Jahres mit ihren ersten Einspielungen landen sie einen Deal bei Roadrunner Records. Dennoch nehmen sie im Februar 1987 ein weiteres Demo auf und stellen ihren Song "Pray To The Godz Of Wrath" für den "Teutonic Invasion Part I"-Sampler zur Verfügung. Im Mai geht es mit Produzent Kalle Trapp (
"Product Of Imagination" erscheint im Oktober weltweit und bringt der Band schnell einen hervorragenden Ruf als beste Newcomer aus Deutschland ein. Sogar die britische Presse verpasst der Scheibe eine hervorragende Kritik. Zwar sind Ähnlichkeiten zu Metallica nicht zu leugnen, damals durfte man das aber durchaus noch als Kompliment auffassen.
Trotz einiger vielversprechender Gigs Overkill, Drifter oder Tankard und einer Performance auf dem legendären Dynamo Open Air, packt Basser Roland aus Zeitgründen seine Koffer und gibt an Matthias Schmitt ab.
Anfang 1989 geht es wieder ins Studio, um dieses Mal mit Harris Johns (Kreator/Sodom) die nächste Scheibe aufzunehmen. Währenddessen nimmt Markus seinen Hut, weswegen Diether Roth die Sologitarren einspielt.
Damit nicht genug des Ärgers, holt sich Charly eine Kehlkopf-Entzündung, die die Aufnahmen vier Wochen zurück wirft. Als "Heresy" im November dann endlich erscheint, steht mit dem ehemaligen Kronos Titan-Gitarristen Kai Pasemann ein neuer Mann an der Klampfe bereit. Promotion für die Scheibe findet fast keine statt: Bei Paradox geht es drunter und drüber.
Matthias ist schon wieder weg vom Fenster. Armin Donderer übernimmt den Viersaiter. Charly gibt seinen Job am Mikro auf. Mit Stefan Haller hat man kurzfristig noch einen anderen Sänger mit dabei. Anstatt nun aber richtig durchzustarten - immerhin fährt "Heresy" ebenfalls beste Kritiken ein - fällt die Band vollkommen auseinander und löst sich auf.
Erst knappe zehn Jahre später juckt es Charly wieder in den Fingern. Er macht sich auf die Suche nach ein paar Leuten, mit denen er Paradox neues Leben einhauchen kann.
Die findet er in seinem alten Kollegen Kai Pasemann und der ehemaligen Sieges Even-Rhythmustruppe Oliver (Bass) und Alex Holzwarth (Drums). Einmal mehr ist es das Wacken Open Air, das die Reunion in die Gänge leitet.
Noch im selben Jahr geht es mit Andy Classen (Legion Of The Damned/Tankard) ins Studio, um dort "Collision Course" aufzunehmen. Die Scheibe erscheint im Mai 2000 über AFM Records. Konzerte bleiben Mangelware, nur auf dem Bang Your Head 2001 sind Paradox live zu erleben.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass Charly von einer Misere in die nächste schlittert. Reihenweise kommen ihm nahe stehende Menschen ums Leben, was den sonst immer gut gelaunten Kerl schwer mitnimmt. Wohl auch deshalb erkrankt Charly sehr schwer (Krebs) und überlebt manche Operation nur knapp. Kein Wunder also, dass er Paradox zunächst wieder auf Eis legt.
So vergehen weitere Jahre, ehe es Charly und Kai im September 2005 doch noch einmal wissen wollen. Einmal mehr stellen sie ein neues Line-Up zusammen und präsentieren mit Gitarrist Fabian Schwarz (Runamok, Abandoned, The New Black), Basser Andi Siegl und Drummer Chris Weiß ihre neue Truppe. Da Charly Probleme mit der Hand hat, muss er das Gitarrespielen vorerst aufgeben.
Auf dem Keep It True 2006 geben die neuen Paradox eine erste Kostprobe ab. Im folgenden Jahr spielen sie ein paar Dates in Slowenien, ehe sich Fabian, Andi und Chris alle wieder verabschieden. Für Charly und Kai kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.
Stattdessen holen sie sich Drummer Roland Jahoda und Basser Olly Keller in die Band und basteln weiter in aller Ruhe an den Aufnahmen für ein weiteres Album. Das ist Ende 2007 endlich fertig: Im Januar 2008 steht "Electrify" frisch verpackt in den Regalen.
Irgendwie klebt Charly die Scheiße trotzdem am Hacken: Im August wird bei ihm eine Bauchhölenhernie diagnostiziert. Nach der OP im Oktober geht es aber mit Hochdruck an das nächste Album, das Charlie selbst produziert.
Ein knappes Jahr nach seiner OP liegt "Riot Squad" vor und knüpft weitgehend an "Electrify" an. Während er Ende des Jahres im Interview noch vom aktuellen Line-Up spricht, stehen Gitarrist Kai und Drummer Roland Anfang 2010 bereits wieder auf der Straße.
Es bleibt ein Wechselspiel an Drums und Gitarre, doch letztendlich nimmt der ehemalige Hatred-Drummer Daniel Buld auf dem Hocker Platz. Obscura-Gitarrist Christian Münzner steuert kurz vor Vollendung von "Tales Of The Weird" noch ein paar geniale Soli bei und steigt fest bei Paradox ein. Damit sitzt das Quartett Ende 2012 wieder in den Startlöchern und ist ganz begierig darauf, wieder los zu legen.
Charly Steinhauer über Schicksalsschläge, Nahtoderfahrungen und Baldriantropfen.
Charly Steinhauer, Sänger, Gitarrist und kreativer Kopf hinter Paradox muss in seinen letzten Leben vermutlich Diktator, Sklavenhändler oder ne Frau gewesen sein. Anders kann man sich wohl kaum erklären, warum es Gott, das Universum oder welche kosmische Kraft auch immer, dermaßen auf den sympathischen Franken abgesehen hat.
Nachdem er jahrelang mit mehreren Darmoperationen und den daraus folgenden Komplikationen zu kämpfen hatte, kamen in jüngster Zeit noch Rückenschmerzen dazu, die sich letztendlich als Herzinfarkt heraus gestellt haben, der direkt an Heiligabend eine schwere Operation am offenen Herzen nach sich zog. Somit wird selbst eine ganz alltägliche und banale Frage wie "Wie geht's dir?" zu einer ernst gemeinten, interessierten Frage.
Aber lassen wir den Mann einfach selber zu Wort kommen.
Was soll ich darauf sagen? Ich hab halt mal wieder die Arschkarte gezogen (lacht ein wenig bitter) aber das kennen wir ja schon. Das gibt es eigentlich echt gar nicht, so was passiert doch nicht mal im Film. Aber ich muss da jetzt eben durch, jammern bringt ja auch nichts.
Da hast du schon Recht, aber was war das denn jetzt? Stand das im Zusammenhang mit deiner früherer OPs oder woran lag das?
Eigentlich nicht, aber du erinnerst dich doch, dass wir uns auf dem letztjährigen Bang Your Head nur 20 Minuten sahen, weil ich solche Rückenschmerzen hatte. Das hat sich insgesamt zwei Jahre lang hingezogen und am Ende stellte sich heraus, dass diese Schmerzen lediglich die Folge eines Herzinfarktes waren. Kein Arzt ist da drauf gekommen, bis ich letztens bei einem Kardiologen war, weil ich mehrere Male beinahe schon kollabiert bin vor Schmerzen. Deswegen wollte ich ein Belastungs-EKG machen, was der Mann aber direkt abgebrochen hat, weil er meinte, dass die Pumpleistung fast nicht vorhanden wäre. Ich wurde direkt ins Krankenhaus gefahren, wo sie mir einen Herzkatheter legten und feststellten, dass da mit Stands oder ähnlichen Hilfsmitteln nichts mehr zu machen ist, weil alle drei Hauptarterien bereits dicht waren. Außerdem war die Südspitze des Herzens bereits schwarz. Die mussten sie komplett entfernen. Ich hatte einen schweren Herzinfarkt, den ich aber gar nicht bewusst mitbekommen habe. Ich kann dir nicht mal sagen, wann der gewesen sein soll. Jedenfalls war der aber so schwer, dass sogar ein Teil meines Herzens abgestorben ist. Wäre ich nicht aus eigenem Antrieb zu einem Kardiologen gegangen, wäre es vermutlich jetzt schon vorbei mit mir. Das haben mir zumindest die Ärzte gesagt.
Was genau los war, konnte man aber erst sagen, nachdem der Brustkorb offen war und da ging die Splatterei dann richtig los (lacht). Ich hing an der Herz-Lungen-Maschine, mein Herz wurde sozusagen abgeschaltet und ich wurde sechs Stunden operiert. Um aber ans Herz zu kommen sägen die dir erst mal die Rippen auf und klappen das alles nach außen weg. Da ist eine Autopsie vermutlich noch zärtlicher. Als ich dann aufwachte, wurde mir erklärt, dass es wirklich kurz vor knapp war und dass es an ein Wunder grenzt, dass ich überhaupt noch in der Gegend rum laufen konnte. Es hätte mich buchstäblich jede Sekunde dahin raffen können. Ich leide an Koronarer Herzkrankheit und mein Körper wird sich von dieser Krankheit und diesem Eingriff vermutlich nie wieder ganz erholen. Mein Herz war und ist wenig mehr als ein ausgeklopftes Schnitzel (lacht). Als ich ins Krankenhaus bin, hatte mein Herz eine Leistung von etwa 25%.
Ach du liebe Scheiße und was genau wurde jetzt gemacht?
Ich hab jetzt vier Bypässe und der abgestorbene Teil des Herzens wurde entfernt und die Schnittwunden verödet. Wohin die Reise jetzt geht, ist eigentlich noch relativ offen, aber einen Zustand wie vor der Operation werde ich nie wieder erreichen. Konditionell muss ich deutlich Einbußen hinnehmen, also auf der Bühne rumflitzen kann ich mir erst mal abschminken. Was genau ich da durch Sport und Umstellung der Ernährung und Lebensweise wieder herstellen kann, muss sich erst noch zeigen. In einem halben Jahr muss ich wieder zur Kontrolle, um festzustellen, wie weit sich mein Herzleistung wieder aufgebaut hat. Für mich heißt das natürlich keine Zigaretten mehr, jeden Tag Ergometer-Training, vernünftige Nahrung, jede Menge Tabletten und Pillen und kein Alkohol. So viel zum Metal-Klischee (lacht). Mittlerweile könnte ich echt als Frankensteins Braut gehen, denn ich wurde vom Hals bis zum Fuß aufgeschnitten. Die haben mir aus meinem linken Bein vier Arterien geholt und im Herz neu verknüpft.
Alter, du kannst dir doch langsam echt nen Reißverschluss auf den Bauch machen.
Das kannst du aber laut sagen. Allein mein Bauch wurde ja schon drei Mal aufgeschnitten. Der Brustkorb war jetzt auch offen, das Bein, ich seh aus wie ne Landkarte. Aber damit nicht genug, kurz bevor ich entlassen wurde, meinte einer der Ärzte zu mir: Eigentlich könnten wir sie morgen entlassen, aber sie haben noch einen Liter Wasser in der linken Lunge. Das machen wir aber gleich. Und damit holt der Typ ne fast bleistiftdicke Nadel raus, bohrt mir das Ding in die Seite bis zur Lunge und pumpt mit ner Vakuumpumpe den Liter Wasser aus meiner Lunge. So ganz nebenbei – ohne Betäubung! Ich dachte echt, ich geh gleich drauf. Du kannst dich ja nicht anständig bewegen, weil dein Brustkorb quasi noch in Trümmern liegt. Da lässt sich ja nichts schienen, wie bei einem Beinbruch oder ähnlichem. Ich muss drei Monate ständig auf dem Rücken schlafen, damit sich da nichts verschiebt. Damit kommen zwar dann auch wieder Rückenschmerzen auf, aber die sind im Vergleich zu dem, was ich von 2010 bis 2012 hatte, fast schon erholsam (lacht). Außerdem kann ich da mit Sport dagegen angehen. Aber so langsam muss jetzt echt mal Ruhe sein. Jetzt hatte ich wirklich jeden üblen Scheiß!
Wäre da eigentlich nicht ne Herztransplantation eine bessere Lösung gewesen?
Anscheinend nicht. In den drei Wochen Reha hab ich einiges gelernt und die gängigen Verfahren gehört, die gemacht werden, bevor man über eine Herztransplantation nachdenkt. Man versucht ja erst mal, das mit einer Schweineherzklappe zu beheben, bevor man transplantiert. Außerdem komm ich da ohne private Krankenversicherung wahrscheinlich nicht allzu weit (lacht). Bei mir wurde auf jeden Fall die letztmögliche Notfall-OP gemacht und ich muss sehen, wie weit ich damit komme. Momentan habe ich noch leichte Herz-Rhythmus-Störungen, vielleicht bekomme ich auch irgendwann einen Herzschrittmacher. Das weiß man alles noch nicht, das muss die Zeit weisen. Aber – wer hätte das gedacht – dadurch, dass ich nicht auftreten kann, sitz ich natürlich schon wieder da und komponiere neue Songs. Warum soll ich damit auch aufhören? Dann kann ich ja gleich das Kämpfen und Atmen aufhören. So viele in der Reha waren psychisch total am Ende und hatten nur Angst vor dem nächsten Herzinfarkt. Aber damit machst du dich eigentlich nur kaputt. Na klar muss ich einiges umstellen und mein Leben umkrempeln, aber die Sachen die mir Spaß machen, die muss ich trotzdem irgendwie weiter machen. Ich mach Musik so lange, bis der Ofen aus ist!
Ja, da kam echt alles zusammen. Gerade diese massive, menschliche Enttäuschung, die ich damals hinnehmen musste, die hat vermutlich einen weiteren Herzinfarkt ausgelöst. Aber auch die jahrelange Raucherei hat ihren Beitrag zu der ganzen Misere. Das will immer keiner wahr haben, aber die Arterien machen durch das Rauchen dicht. Ich will hier jetzt niemanden missionieren, aber die Beispiele von 90-Jährigen, die immer noch fröhlich rauchen und keine Beschwerden deswegen haben, das sind einfach absolute Ausnahmen. Irgendwann passiert was und wenn das mit 60 oder älter passiert, ist das ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt und dann ist es auch meist schnell vorbei. Mir fällt das gerade ziemlich schwer, mit dem Rauchen aufzuhören, weil du nach der OP eh schon kaum mehr was machen darfst. Wenn ich nicht so viel Angst vor dem Auswirkungen hätte, würde ich wahrscheinlich schon wieder am Glimmstängel hängen, aber da muss ich durch.
Ich kenn ein paar Leute, die mit Yoga oder autogenem Training sowohl in Sachen Rauchen, als auch natürlich Rückenbeschwerden einige Erfolge erzielt haben.
Ja, ich mach auch autogenes Training, was gerade auch bei Stressbewältigung sehr hilfreich sein kann und Stress ist in meinen Zustand der absolute Killer. Stress und auch genetische Vorbelastungen sind noch vor dem Rauchen Hauptauslöser. Aber im Endeffekt kann es an allem liegen, schließlich kippen ja auch perfekt austrainierte Fußballer auf dem Platz um und sind tot. Von daher ...
Ich kann zumindest ernsthaft behaupten, dass ich keine Angst mehr vor dem Tod habe. Der Tod ist nicht schlimm. Ich war drei Mal kurz davor abzutreten und das tut nicht weh. Das Schlimmste ist eigentlich die Angst, weil man noch nicht gehen will, weil man noch was erleben oder machen will. Oder auch die Angst vor der Art, wie man stirbt. Keiner will Schmerzen erleiden und/oder lange dahin siechen. Wenn ich jetzt bei der letzten OP gestorben wäre, hätte das ein zweijähriges Martyrium beendet. Kaum einer weiß, unter welchen Schmerzen ich die letzte Scheibe "Tales Of The Weird" aufgenommen und eingesungen habe. Die letzten Gesangsaufnahmen habe ich mit einem bestehenden Herzinfarkt gemacht. Wenn ich mir mit DEM Bewusstsein die Scheibe anhöre, dann bin ich echt verdammt stolz!
Wenn man solche Extrem-Erfahrungen durchmacht wie du, entwickelt man dann eine neue Spiritualität? Hast du einen Glauben, der dich in solchen Momenten tröstet? Oder entwickelt man da eher einen echten Hass, oder vielleicht einfach nur eine extrem sarkastische Ironie?
Puh, das ist eine richtig gute Frage. Aus der Kirche bin ich schon lange ausgetreten und ich glaube auch nicht an den Gott, den die Christen propagieren. Aber an irgendeine, kontrollierende Macht glaube ich dennoch, denn ganz ohne Führung ist dieses Universum nicht. Jedoch glaube ich nicht an einen Heiland, der uns alle retten will, sondern eher, dass diese Macht nichts wirklich Gutes im Sinn hat. Das behandeln auch sämtliche Songs auf dem neuen Album. Letztendlich läuft doch alles nur auf Zerstörung hinaus. Darin kann ich nichts Gutes erkennen. Auch nicht daran, dass Millionen von Kindern in Afrika an Hunger sterben. Wo soll da was Gutes sein? Wie kann ein gütiger Gott all die Grausamkeiten zulassen, die in seinem oder welchem Namen auch immer verübt wurden und werden? Wie kann man da von einem Guten Gott sprechen? Ich glaube nicht, dass mich irgendein Gott oder eine Macht gerettet hat. Ich frag mich eher, warum ich andauern Arschtritte bekomme? Ich mach meine Arbeit, ich versuche nichts falsch zu machen und anderen Menschen in meinen Möglichkeiten zu helfen. Und dennoch bekomme ich dauernd in die Fresse, lieg auf dem Boden und muss leiden. Was soll der Scheiß?!? Momentan bin ich eigentlich wirklich wütend, auch wenn sich nach und nach die Ironie schon wieder einstellt, weil das Ganze so lächerlich ist.
Ich denke, ohne eine gewisse Wut und ohne Ironie fällt es aber auch schwer zu kämpfen.
Auch jeden Fall. Wenn ich ganz ehrlich bin, wollte ich nach der zweiten OP, die ich damals wegen der Divertikulitis hatte, schon nicht mehr aufwachen. Was vermutlich aber auch damit zusammen hing, dass ich tatsächlich eine dieser immer wieder auftauchenden Nahtod-Erfahrungen hatte. Ich hab sozusagen das weiße Licht gesehen (lacht). Das stimmt wirklich und auch wenn das vielleicht bescheuert klingt, aber ich sah mich selbst aus der Vogelperspektive, wie ich mit meinem Hund über eine fantastisch grüne Alpenwiese spazieren ging. Irgendwann hab ich nach oben gesehen und mir selber zu gelächelt und so glücklich und zufrieden war ich noch nie zuvor in meinen Leben. Wenn ich da nicht mehr aufgewacht wäre, hätte alles gepasst. Ich wollte da gar nicht mehr weg und als ich aber im Krankenzimmer aufwachte, war ich erst einmal todunglücklich.
Um nochmal auf den Gedanken zu kommen, dass da eine Macht ist, die nichts Gutes im Sinn hat. Da lässt sich dann drüber streiten, ob diese Macht eher gleichgültig ist, oder explizit Böse.
Zumindest skrupellos, wenn man unsere menschlichen Maßstäbe anlegt. Du hast schon recht, wenn man einfach mal ein Experiment wie die Menschheit startet und dann komplett sich selbst überlässt, verhält man sich allem, was hier und um uns herum geschieht, natürlich primär gleichgültig. Wenn einem aber so viel geballte Scheiße passiert wie mir, dann kommt man irgendwann auf einen negativen Trichter und fragt sich dann auch, ob das was Persönliches ist (lacht). Aber von außen betrachtet ist natürlich eher Gleichgültigkeit. Aber scheiß drauf, so langsam wird ich echt sauer! (lacht).
Das glaub ich dir gern, muss dir aber auch sagen, dass ich echt froh bin, dass du den Spaziergang mit Hund jedes Mal wieder nach hinten verschiebst und weiter kämpfst.
Alles andere bringt ja nix. Ich muss es zumindest versuchen. In Sachen Paradox weiß ich nach wie vor noch nicht, ob ich jemals wieder Gigs spielen kann und wenn ja, in welcher Form. Zumindest in der Doppelrolle Gitarre und Gesang ist das mehr als fraglich. Ich will denen natürlich das Gegenteil beweisen, aber dass wir mit der Band irgendwelche Clubtouren fahren werden, ist absolut utopisch. Wir wollen auf jeden Fall diverse Exklusiv-Gigs für Festivals spielen, aber in Clubs werden Paradox mit ziemlicher Sicherheit leider nicht mehr auftreten. Wir hatten mal überlegt, dass ich den Gesangsposten eben abtrete, aber das haben wir schnell wieder verworfen. Selbst, wenn ich die Sachen im Studio nach wie vor alle einsingen würde und wir uns nur live mit einem externen Sänger verstärken ist das keine gute Option. Das haben Flotsam mal mit James Rivera versucht, aber das ist scheiße. Wenn ich schon auf der Bühne bin, dann will ich auch singen, aber wenn es wirklich gar nicht mehr geht, dann wäre ein Sängerwechsel zumindest die letzte Möglichkeit. Aber nach über 20 Jahren bei einer Band, die eh nur selten Live zu sehen war einen Sängerwechsel zu vollziehen ... ich weiß nicht.
Aber mit kleineren Touren wird das eh nichts. Der Markt ist so überfüttert, man blättert sich durch sechs Seiten voll mit Konzertankündigungen und Bands wie Vicious Rumors spielen vor 40 Nasen. Dann kommen noch Touren dazu mit sechs bis acht Bands pro Abend, wo bis auf den Headliner alle abgezockt werden, so was brauch ich mit 50 nicht mehr. Von daher wollen wir noch ein paar Festivals spielen und schauen, dass wir online so präsent wie möglich sind.
Doch, das glaub ich dir gern. Da muss man ja auch nur mal einen Blick bei euch auf die Seite werfen oder die Magazine durchblättern. Ich versteh die Mentalität der Labels, des Marktes und auch der Fans nicht mehr. Es werden tausend Bands unter Vertrag genommen, die gerade einem Trend entsprechen. Dass die stellenweise noch nicht mal ihre Instrumente anständig beherrschen, spielt dann erst mal keine Rolle, weil man im Studio ja alles drehen oder von anderen Leuten einspielen lassen kann. Aber auch Bands, die ihre Instrumente tatsächlich beherrschen müssen halt auch erst mal die Studiokosten aufbringen. Oft müssen die tatsächlich einen Kredit aufnehmen, um allein die Drumaufnahmen zu bezahlen, weil die einfach zeit- und kostspielig sind. Man bekommt ja vom Label kein Budget mehr und muss froh sein, wenn sie dir die fertige Produktion abkaufen. Dann kommen aber die Fans oder Journalisten und werfen denen vor, dass ihre Drums nach Computer klingen. So was sagt sich immer sehr leicht, aber habt ihr so was schon mal bezahlen müssen? Ich kanns verstehen, wenn da im Studio schon mal programmiert wird. Für was hab ich denn dann einen Plattenvertrag, wenn ich dennoch einen Kredit aufnehmen muss, um mein Album zu veröffentlichen? Dann kann ich auf das Label doch grad scheißen. Die sollen gefälligst mal 2000 Euro rausrücken, damit die Band das ordentlich aufnehmen kann und wenn sie das nicht wollen oder können, dann sollen sie die Band gefälligst nicht unter Vertrag nehmen. (Charly redet sich förmlich in Rage). Und die Leute, die dann kommen und labern die Drums klingen programmiert, die haben gleich am wenigsten Ahnung von irgendwas. Das geht mir echt auf den Sack! Ok, es gibt bestimmt von allem auch eine Kehrseite, ich hab die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen, aber das ist meine Meinung eben als alter Hase im Metalbusiness. Ich bin ja schließlich fast seit Anfang an dabei. Die ersten beiden Ausgaben des Rock Hard Magazins hab ich noch hier in Würzburg persönlich in Plattenläden an den Mann gebracht, damit das verkauft wurde. Da kann man dann schon ein wenig mitreden.
Es sind ja nicht nur die CDs die in Masse veröffentlicht werden, es sind ja, wie du schon sagtest auch Hunderte an Touren und Festivals.
Ja und da geht es dann auch schon weiter. Pay to play wohin man schaut, viele Bands aus den USA oder auch dem europäischen Ausland müssen ja schon ihre Flüge und Anfahrtskosten selber zahlen, wenn sie auf Wacken oder wo auch immer spielen wollen. Wenn die da ein paar hochkarätige Headliner haben, dann bekommen die eine unfassbar hohe Gage und die wird natürlich bei den kleineren Bands wieder eingespart. Das kann doch nicht wahr sein. Die Attraktivität eines Festivals macht doch das Line-Up aus und das besteht nun mal aus vielen Bands und nicht nur aus einer oder zwei. Da gehören doch ALLE Bands vernünftig bezahlt und nicht nur die Headliner. Die haben ihre Schäfchen eh meist schon im Trockenen. Das waren nicht nur die ein oder zwei Bands, die dieses Festival groß gemacht haben, das waren alle, die da gespielt haben und noch spielen werden. Schau dir doch mal die großen Festivals an, die haben doch immer wieder die gleichen Bands am Start. Nach außen hin versuchen sie immer eine auf Helden der Metal-Community zu machen, aber letztendlich geht es denen doch nur um die Kohle. Die haben doch alle ihre Absprachen mit den großen Bands und Bookern. Das ist eine totale Abzocke gegenüber den Bands, die müssen für ihren Auftritt zahlen und dürfen dann – selbst etablierte Truppen – fröhlich im Zelt pennen. Da wird nicht mal für die Unterkunft gesorgt. Ich könnt da echt ...
Charly, ganz ruhig, du bist grad mal aus der Reha raus, nimm mal nen Schluck Baldrian zwischen rein, sonst kommt gleich der nächste Infarkt.
Hahaha, du hast ja recht, aber so was bringt mit wirklich in Rage. Vor allem, weil wir das mit Paradox ja selber am eigenen Leib erfahren und da packt mich dann doch die blanke Wut. Denn, ohne jetzt überheblich klingen zu wollen, wir sind ja keine daher gelaufene Popelband von der man noch nie gehört hätte und die keine Fans hat. Wir haben noch kein Album veröffentlicht, das in der Presse schlecht weggekommen wäre und ich bin wie gesagt von Anfang an in der Szene. Wo sind sie denn da die Helden der Metal-Community? Holen sich lieber Heino auf ihr Festival. Es spricht doch eigentlich schon für sich, wenn ein Festival schon fast 12 Monate im Voraus ausverkauft ist. Da KANN es doch eigentlich gar nicht mehr um die Bands gehen. Da geht’s dann um's Saufen und um die Party.
Ich versteh das ja auch nicht, vor allem, wenn da vier oder fünf Stehgeiger auf der Bühne stehen, mit einem Bewegungsradius einer Briefmarke. Da kommt null Energie dabei rüber. Da kann die auf CD noch so geil sein.
Meine Rede, das ist doch dann kein Grund aus dem Haus zu gehen oder Geld dafür auszugeben. Deswegen will ich doch als Musiker auf die Bühne, um selber ne geile Zeit zu haben und die Energie auf und vor der Bühne zu spüren. Oftmals denkt man, die werden gezwungen ihre Songs live zu spielen. Dann bleibt doch daheim und macht eure Musik am Computer und veröffentlicht sie auch da. Aber nehmt nicht den Platz auf der Bühne weg. Du fühlst dich da manchmal echt fast schon hilflos, wenn du merkst, wie du als Liveband quasi gar nicht wahrgenommen wirst. Klar, das hängt natürlich auch maßgeblich damit zusammen, dass wir immer wieder durch meine Krankheiten oder Besetzungswechsel zurück geworfen wurden und kaum live in Erscheinung getreten sind. Aber es gibt echt jede Menge Paradox-Fans, welche gerne die Chance hätten, uns live zu sehen und wenn darauf dann kein Festival reagiert, was willst du da machen?
Vielleicht muss euch auch mal Heino covern.
Ja, wahrscheinlich wär das dann unser Durchbruch (lacht). Oder ich muss selber so was wie "Schnappi" machen und damit Tausende an Euro verdienen. Aber für so einen Scheiß geb ich mich einfach nicht her. Von mir wird nie Musik erscheinen, hinter der ich nicht zu 100% stehen kann! Und das muss doch verdammt nochmal irgendwann honoriert werden. Im Endeffekt liegt es einfach an den Fans bei den Festivals zu sagen, dass sie uns mal auf der Bühne sehen wollen. Die haben da am ehesten Einfluss drauf, auch wenn die Veranstalter gerade jetzt bei uns natürlich erst mal zögerlich sind, ob das überhaupt mal wieder was wird mit mir auf der Bühne. Aber ich kann euch ein paar Sachen versichern: von Paradox wird es nie im Leben ein Scheißalbum geben und ich werde auf jeden Fall so lange kämpfen, bis wir wieder auf der Bühne stehen können.
Na siehste, so was will ich doch hören. Wie geht es denn jetzt erst mal weiter?
Ich werde auf jeden Fall daran arbeiten, wieder fit zu werden und hab auch schon die Gitarre wieder in der Hand. Ob ich direkt an einem neuen Album arbeite, wird sich dann zeigen. Vielleicht mach ich auch erst mal einen Song nach dem anderen, also einfach mal was online stellen. Da würde es sich auch vielleicht anbieten, mal was abseits von Paradox zu machen, schließlich hab ich mehr als genügen Fragmente oder ganze Songs auf Halde liegen, die einfach nicht bei Paradox reinpassen. Das könnte dann eigentlich gleich ne ganze CD werden, Ideen sind genügend da (lacht). Das wäre auf jeden Fall mal was anderes. Ich will zwar natürlich so schnell wie möglich wieder auf die Bühne, hab aber ehrlich gesagt auch noch n bisschen Angst, was das angeht. Ich will schließlich nicht irgendwann tot von der Bühne kippen. Das überlass ich dann doch lieber Lemmy (lacht).
Lob und Tadel, Krankheit, Zukunftspläne - und keine Zeit zum Lesen.
Trotz gesundheitlicher Probleme ist der Mann hinter Paradox nicht aufzuhalten. Charly Steinhauer verteilt Lorbeeren und Tritte an Kollegen, berichtet von seiner schweren OP und erklärt, warum er keine Zeit zum Lesen findet.
Es gibt Leute, denen klebt die Scheiße wirklich am Hacken. Charly Steinhauer darf sich diese zweifelhafte Auszeichnung mit Sicherheit ans Revers heften: Schon zweimal hat sich der Mann mit seiner Band Paradox aus den Underground empor gekämpft, und zweimal haben ihn Krankheiten und andere Widrigkeiten wieder zurückgeworfen. Den dritten Anlauf wagte er letztes Jahr mit "Electrify". Das im Oktober erschienene "Riot Squad" unterstreicht die Ambitionen einmal mehr.
War "Electrify" noch eine starke Mischung aus Thrash und Power Metal, so regiert auf "Riot Squad" die Thrash-Keule deutlich mehr. Dass sich Charly Steinhauer allerdings so schnell schon wieder mit einem neuen Album zurück meldet, war alles andere als klar. Schließlich hatte der Sänger und Gitarrist gesundheitliche Probleme zu beklagen. Grund genug, in Würzburg durchzuklingen und den aktuellen Stand der Dinge abzufragen.
Grüß dich, Charly. Ich muss gestehen, ich war erst etwas verwirrt, denn ich war mir sicher, dass wir uns schon mal für laut.de miteinander unterhalten hatten zur letzten Scheibe "Electrify". Aber bei uns ist kein Interview zu finden.
Könnte daran liegen, dass wir das letzte Interview für einen Podcast verwendet haben, aber der ist leider auch nicht mehr zu finden. Woran liegt das?
Tja, das Projekt Podcast wurde wieder eingestellt. Sämtliche Produktionen von damals sind leider nicht mehr in den Portalen zu finden. Da haben sich schon einige drüber beschwert. Aber deswegen machen wir ja jetzt nochmal ein Interview. Ich kann dir den Podcast auch gern zuschicken, wenn du ihn haben magst.
Mach' das auf jeden Fall. Ich fand den richtig gut.
Alles klar. Dann kommen wir zum aktuellen Album "Riot Squad". Die Review hast du ja schon gelesen. Was sagst du dazu?
Nun ja, also erst mal ist es durchaus möglich, dass die Produktion der Songs unter der MP3-Konvertierung gelitten hat. Andererseits gibt es im Nachhinein immer ein paar Dinge, die man ändern würde. Vor allem, was die Rhythmus-Gitarren angeht, würde ich mittlerweile noch einige Dinge verbessern. Nach oben ist immer noch was offen, aber letztlich kommt es mir eigentlich nur drauf an, dass wir wieder auf dem richtigen Weg sind.
Ich hab' mich mit den Fans auf den Konzerten zwischen den beiden Scheiben sehr viel unterhalten und ich denke, dass wir auf "Riot Squad" wieder genau das liefern. Die CD lässt sich irgendwo zwischen "Collision Course" und "Heresy" einordnen, mit einigen moderneren Einflüssen. Es ist schon schwer, den Geschmack der Leute zu treffen.
Was den Gesang angeht, hab' ich schon leichte Kritik gelesen. Auch in anderen Magazinen ist das in der ein oder anderen Form angeklungen. Ich persönlich bin aber eigentlich der Meinung, dass ich auf der Scheibe meine bis dato beste Gesangsleistung hingelegt habe. Ich war auf keiner der bisherigen Scheiben mit dem Gesang so zufrieden, wie auf "Riot Squad". So flexibel und sicher war ich stimmlich bislang noch nie. Ob das aber nun jedem gefällt, ist die andere Frage.
Allerdings freut es mich auch, wenn mir einer sagt, dass ich auf der "Electrify"-Scheibe besser geklungen hätte. Das sagt mir, dass ich da auch irgendwas richtig gemacht hab'. Ich hab ja keine Gesangsausbildung gemacht, sondern einfach die Masche 'Brüllaffen in Borneo' bis zum Ende verfolgt. Ich mag Thrash-Bands wie Exodus, deren Shouter sich maßgeblich auf derbes Gebrüll konzentriert, aber Paradox steht eben für Thrash-Riffs mit melodischem Gesang. Derbe Shouts passen meiner Meinung nach nicht zu Paradox.
Da stimme ich mit dir weitgehend überein. Die Sache ist nur: ein James Hetfield ist heute von seiner Stimme her bestimmt deutlich variabler und sicherer als früher. Aber auf den früheren Metallica-Alben war sie meiner Meinung nach deutlich charakteristischer. Er hatte einfach mehr Eier. Mit diesem rauen Gesang versaut man sich die Stimme aber wahrscheinlich deutlich schneller.
Da ist auf jeden Fall was dran, das stimmt. Es ist wahrscheinlich wichtiger, einer Charakterstimme zu besitzen, als eine perfekte Gesangsausbildung. Gerade bei "Ride The Lightning", da war Dreck in der Stimme, da hatte der richtig Eier. Heute singt der wesentlich besser, aber das klingt dermaßen geschliffen, dass der ganze Druck, die Frische und all das verloren geht.
Ja, das stimmt. Aber das ist bewusst so gelenkt. In die Richtung wollte ich und wie gesagt, ich bin damit sehr zufrieden. Ich hab' auch am Ausdruck einzelner Wörter und Betonungen sehr lange gearbeitet Das war zum Teil schon krass, ich hab' von einzelnen Songs bis zu 60 verschiedenen Spuren eingesungen. Allerdings hat das Vor- und Nachteile. Man kann man machen Sachen noch so sehr feilen, manchmal sollte man einfach den ersten Take nehmen, wenn der passt. Das ist eine Entscheidungssache und ich muss daran noch ein wenig arbeiten (lacht).
Bei dem Album lief es aber auch so ab, dass ich zehn Songs fertig komponiert und mich erst dann mit den Texten befasst habe. Da läuft einem irgendwann einfach die Zeit weg. In Zukunft werde ich einen Song komplett mit Gesang schreiben und einspielen und kann dann in aller Ruhe noch später daran arbeiten. Jedem kann man es eh nicht recht machen.
Das ist klar. Als Musiker ist es für dich natürlich deutlich interessanter, dich weiter zu entwickeln und vom technischen Aspekt her, stimme ich dir auch zu. Als Fan fehlt mir einfach die raue Stimme, vor allem, bei den schnellen, knallenden Songs auf der Scheibe.
Das ist wohl richtig. Als Fan hast du eine bestimmte Erwartung an deine Band, das geht mir ja nicht anders. Wenn sich eine Band dann auf einmal in eine ganz andere Richtung entwickelt, fühlst du dich als Fan fast schon verarscht. Das war bei Metallica mit dem "Black Album" ja auch schon so. Das war ja an sich kein Metallica-Album mehr. Die hatten einfach das richtige Umfeld, so dass sie auch damit durchgekommen sind und Millionen gemacht haben.
Hm, kann man so sehen. Ich würde das "Black Album" durchaus noch als Metallica-Album bezeichnen. Auf "Load" hätte ein anderer Name stehen müssen, und das Ding wäre ein ordentliches Rock-Album gewesen. Mit dem Namen Metallica war das aber nur ein nasser Lappen, genau wie alle Alben seitdem.
Genau so ging mir das auch. Wenn das Album von einem Newcomer gewesen wäre, wäre man überall zurecht ausgerastet. Aber Metallica sind dadurch einfach tot gewesen. Ein Album wie "Ride The Lightning" kann ich mir jederzeit reinziehen und bin begeistert. Das ist die Musik, die ich früher gehört und geliebt habe. Genauso ist das heute auch noch. Warum sollte ich mich also mit Paradox in eine andere Richtung bewegen? Metallica haben einfach das Talent verloren, gute und schlüssige Songs zu schreiben. Wieso schreit die ganze Welt, dass "Death Magnetic" ein geiles Album sei? Das ist doch nicht wahr! Das war ein Versuch, an alte Zeiten anzuknüpfen, der aber vollkommen gescheitert ist.
Wenn ich mir ein zehnminütiges Instrumental anhöre, bei dem mit dem Computer die einzelnen Parts hintereinander geschnitten wurden, die noch nicht mal zusammen passen und sowas dann die Höchstnote bekommt, dann versteh ich die Welt nicht mehr. Wer in der Thrash-Szene kann sowas denn ernst nehmen? Kirk Hammett rettet sich mit seinem Wahwah-Pedal grade so über die Runden, aber das, was er mal spielen konnte, kann er schon lange nicht mehr. Oder er hat keinen Bock mehr, ich weiß es nicht. Und wenn selbst James Hetfield Probleme hat, den Rhythmus sauber zu spielen … was geht denn da ab? Vor allem, wenn man mit solch einem Budget und in solch einem Zeitraum komponiert.
Ich sag' seit der Veröffentlichung der Scheibe nichts anderes. Ich kann voll und ganz verstehen, dass Dave Mustaine sagt, dass sein neues Album "Endgame" deutlich besser ist als "Death Magnetic". Das hat nichts mit übersteigertem Selbstbewusstsein zu tun. Die Scheibe ist einfach geil!
Da wollte ich grad drauf zu sprechen kommen. Ich war nie großer Megadeth-Fan. Seit "Endgame" bin ich das! Die Scheibe ist der Hammer, was Dave Mustaine da abzieht, ist klasse! Da lach' ich doch über Metallica, sowas bringen die in zehn Jahren nicht mehr auf die Reihe. Mustaine wurde so oft in den Dreck gezogen und hat auch ein paar weniger gute Alben veröffentlicht, aber der hat sich durchgeboxt und hat jetzt mehr als deutlich gezeigt, dass er definitiv noch was zu sagen hat. Ich bin absolut begeistert von der Scheibe. Der hat jetzt wieder zu seinem alten Stil gefunden, vor allem seit er den Chris Broderick wieder dabei hat. Der hat einen ähnlichen Stil wie Marty Friedman. Das find' ich einfach geil.
Kommen wir bei aller Begeisterung für Megadeth mal zu euch zurück. Du hattest ja schon wieder mit dem nächsten Rückschlag zu kämpfen und musstest wegen einer Hernie unters Messer.
Ja, das war im September 2008. Aber nach den ganzen Operationen, die ich zuvor überstehen musste, wurde mir schon angekündigt, dass ich mit sowas zu rechnen habe, wenn ich nicht ganz vorsichtig bin. Naja, man ist halt nicht dauernd vorsichtig. Als ich mal irgendwas Schweres hochgehoben hab', gab es einen Bauchwandbruch. Das ist in etwa vergleichbar mit einem Leistenbruch. Aber ich hab natürlich gleich wieder voll zugeschlagen und 'nen doppelten bekommen (lacht).
Mein Bauch musste nochmal komplett aufgeschnitten werden und mir wurde jetzt ein Netz in eingesetzt, das solche Sachen in Zukunft verhindern wird. So ganz ungefährlich war das wegen der Schwere der OP nicht. "Electrify" kam 2008 raus, ich hatte diese OP, diverse Konzerte in Spanien, Italien, Griechenland und sonst wo gespielt. Und hatte dennoch die meisten Songs für "Riot Squad" schon geschrieben und nebenher noch im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet. Das war ein höllischer Stress.
Ich hab' trotzdem ein Album rausgebracht, auf das ich verdammt stolz bin. Beim nächsten Mal geh' ich frisch und ausgeruht an die Sache ran, dann fliegt euch ein richtiger Dampfhammer um die Ohren, das kann ich euch versprechen!
Äh, versteh' mich nicht falsch. Nicht, dass ich dich bremsen will, aber wäre es nicht vielleicht mal angebracht, ein wenig langsamer zu machen, um so einen Scheiß wie mit der Hernie zu vermeiden?
Hahaha, ach was, druff geschissen. Nein, im Ernst. Mit der Hernie dürfte jetzt nichts mehr passieren, da ist ja jetzt dieses Netz. Ich darf wieder alles essen, kann Sport machen, da geht nix mehr schief. Die haben das echt gut gemacht, wenn du zehn Meter von mir wegstehst, siehst du nicht mal, dass ich operiert wurde. [Wenn ich zehn Meter von irgendjemandem wegsteh', seh' ich nicht mal, ob der 'nen glatten Durchschuss hat, d. Red.] [Brille? Fielmann! d. andere Red.]
Ich bin einfach bis in die Haarspitzen motiviert, weil es grade richtig gut läuft. Die ersten Angebote aus Amerika sind da, die Japaner klopfen an, in England schlägt die Scheibe richtig gut ein, das Ausland reagiert gut auf uns. In Deutschland mussten wir schon immer ein wenig mehr kämpfen, aber wir bleiben dran.
Bei den Engländern habt ihr von Anfang an einen Stein im Brett gehabt, was als deutsche Band eher ungewöhnlich ist.
Stimmt, vor allem im Kerrang waren wir immer vorne mit dabei. Die haben uns als die neuen Metallica gesehen. Die haben uns nach wie vor nicht vergessen. Da kommen auch zahlreiche Fan-Zusprüche her, auch aus Griechenland und Italien, seit wir da gespielt haben. So muss es weiter gehen (lacht).
Nö, gar nicht. Mich juckt es einfach in den Fingern und ich will jetzt dran bleiben. Ich hab' gemerkt, die Musik kommt immer noch an und da ist nach oben immer noch was drin. Wenn das mal nicht mehr der Fall ist, sehen wir weiter, aber Paradox werd' ich nie auflösen. Sowas wird es nicht geben. Selbst wenn die Band irgendwann mal wieder auf Eis liegt, weil sich kein Schwein mehr dafür interessiert, oder aus welchen Gründen auch immer. Auflösen, werd' ich Paradox nie, weil ich bestimmt irgendwann mal wieder Bock hab', 'ne CD zu machen und wenn ich das allein übernehmen muss. Ich bin zwar schon 46, aber ich hab noch mindestens 20 Jahre Zeit, wenn Ronnie James Dio 67 ist.
Wir sind mit dem neuen Line-Up erst bei der zweiten CD angekommen. Da sind vier Freunde unterwegs, die auch privaten Kontakt pflegen und wo es noch nie Streit gab – wir sind ein echtes Team, eine echte Band, die richtig geil funktioniert. Als Fan will man sich ja auch mit einer Band identifizieren, und die besteht eben nicht nur aus einer Person, auch wenn ich die Band gegründet hab', Gitarre spiele und singe. Da stehen noch drei andere Musiker mit mir auf der Bühne und im Proberaum, ohne die ich das alles gar nicht machen könnte. Die sind mindestens genauso wichtig wie ich.
Wobei mir vorhin im Gespräch mal die Ohren geklingelt haben: Normalerweise hört man von Bands doch immer nur, dass sie ihre Songs so schreiben, wie sie eben Bock drauf hatten. Du hingegen sagst, ich schreib' die Songs so, wie sie die Fans hören wollen.
Exakt, und zwar weil ich selbst Fan von anderen Bands bin und mir das auch von denen so wünschen würde. Schließlich kaufen sich unsere Fans die CDs nur, wenn ihnen die Songs darauf auch gefallen. Wenn ich schon die Möglichkeit habe, von denen zu erfahren, was sie hören wollen, dann bekommen sie das auch. Immerhin steh' ich auf den Sound, den ich da spiele, ja genauso wie die Fans (lacht), also wo liegt das Problem?
Naja, limitiert einen das nicht in gewissem Maße als Künstler? Es kommt doch bestimmt auch vor, dass du Songs schreibst, die nicht unbedingt in das Paradox-Raster reinpassen?
Klar kommt das vor. Ich hab hier 'ne Menge Songs liegen, die könnte ich für Paradox nicht verwenden. Da müsste dann ein anderer Name drüber stehen. Das wäre dann sozusagen der "Black Album"-Effekt (lacht). Gerade in Sachen Balladen bin ich etwas vorsichtiger geworden, ob ich sowas nochmal auf 'ne Scheibe setze. Glücklicherweise ist der Paradox-Sound aber so breit gefächert, da wir ja auch noch einige Power Metal-Elemente dabei haben, dass mir die Ideen vorerst wohl nicht ausgehen werden.
Außerdem ist es ja so, dass ich schon relativ schnell sagen kann, ob ein bestimmtes Riff für Paradox nutzbar ist oder nicht. Es kommt also durchaus vor, dass ich Riffs schreibe, die ich bei Paradox nicht verwenden will, aber keine ganzen Songs. Die fliegen dann frühzeitig wieder raus, dann schreib' ich die Songs eben anders zu Ende. Auf "Riot Squad" war das zum Beispiel mit "Nothingness" ein wenig kritisch. Der Rest der Scheibe ist ja sehr thrashig, aber ich finde, "Nothingness" bringt ein wenig Abwechslung rein. Deswegen ist die Nummer mit drauf. 'Ne lauwarme Nummer ist das deswegen ja noch lange nicht.
Außerdem sind wir ja keine Thrash-Band im Stile von Kreator oder Slayer, sondern eher in Sinne von älteren Metallica und Megadeth.
Seh' ich auch so, aber die haben beide auch ein paar ziemlich geile Balladen geschrieben. Alles was recht ist, aber "Cyberspace Romance" war ja wohl ebenfalls ein richtig starker Song.
Klar, finde ich auch. Aber ich muss gestehen, dass ich von den Reaktionen auf den Song ziemlich enttäuscht war. Weder, was die Pressereaktionen, noch die Reaktionen der Fans anging, war das ein Song, der großartig erwähnt worden wäre. In 120 Reviews, die ich gelesen habe, wurde der Song eigentlich nirgendwo besonders lobend erwähnt. Also zieh' ich als Konsequenz daraus, dass ich so eine Nummer höchstens nochmal auf ein Soloalbum packe, aber nicht mehr bei Paradox.
Dass "Riot Squad" härter ausfallen wird als "Electrify", wusste ich schon beim Schreiben von "Electrify". Das neue Album wird, wie gesagt, wohl noch direkter und thrashiger werden. Es könnte gut sein, dass das ähnlich wie "Heresy" ein Konzeptalbum wird. Aber zu viel will ich da noch nicht verraten.
Wenn da ein Konzept zu Grunde liegt, geh' ich davon aus, dass du ein Mensch bist, der relativ viel liest.
Eigentlich nicht. Ich beziehe mich in der Story auch eher auf das reale Erleben. Was man in den News hört, was mich berührt, ärgert, traurig stimmt, was auch immer. Auf "Riot Squad" hab ich mich sehr mit Terrorismus und Gewalt beschäftigt. Jeden Tag siehst du in den Nachrichten irgendwelche Leute, die sich gegenseitig umbringen, Bomben zünden, Raketen abwerfen, was auch immer. Entweder schaffen es die ganzen Idioten mal, sich zusammen an einen Tisch zu setzen, oder wir steuern direkt auf das Ende zu. Soll doch jeder seine Religion leben wie er will und seinen Kram machen. Wenn andere nicht dran glauben, was solls? Solange man sich damit nicht in die Quere kommt, ist doch jeder zufrieden. Ich hab' versucht, das in meinen Texten ein wenig auszudrücken, aber ohne irgendeine Seite besonders hervorzuheben oder als besser darzustellen.
Gibt es dennoch irgendein Buch, das du empfehlen könntest?
"Feuchtgebiet" (lacht sich schlapp). Nee, wirklich nicht. Ich bin kein großer Leser, obwohl mir eigentlich jeder erzählt, dass sämtliche Buchverfilmungen nicht an die lyrische Vorlage herankommen würden. Sollte ich also vielleicht doch mal versuchen, aber ich hab' eigentlich gar keine Zeit für sowas. Oder ich nehm' sie mir nicht. Bei mir muss immer irgendwas passieren. Ich hab' ständig meine Gitarre in der Hand und schreib' Songs. Oder ich sitz' an der Playstation, beim Zocken vergeht die Zeit ja eh wie im Flug. Dann hat man noch ein paar Freunde, mit denen man was unternimmt und ruckzuck ist die Zeit weg. Und außerdem wollen wir ja auch demnächst wieder auf Tour gehen!
Collision Course (2000), Heresy (1989), Product Of Imagination (1987)
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